| LaufReport.de ist Teilnehmer des Partnerprogramms von Amazon Europe S.à r.l., ein Partnerwerbeprogramm, das für Websites konzipiert wurde, mittels dessen durch die Platzierung von Werbeanzeigen und Links zu amazon.de Werbekostenerstattungen verdient werden können. Zur Produktseite bei Amazon mit Infos und Bestellmöglichkeit einfach auf die JETZT-kaufen-Grafik klicken! |
|
Banner anklicken - informieren & anmelden
|
|
|---|---|
| LaufReport Info zu Bieler Lauftage HIER | |
| LR Info zum Würzburg Marathon HIER | LaufReport Info Marathon Deutsche Weinstraße HIER |
Die Frage erscheint berechtigt: Haben wir nicht schon genügend generalisierende Laufbücher, und noch dazu eines mit dem wohl bisher 23 Mal gebrauchten schlichten Titel „Laufen!“, wenngleich diesmal mit Ausrufungszeichen? Es gibt mehrere Gründe, die Schwelle des infolge des Überangebots entstandenen Desinteresses zu überwinden.
![]() |
Da sind vor allem einmal die Autoren: Dr. med. Dr. med. dent. Lutz Aderhold und Dr. Stefan Weigelt. Aderhold, 59 Jahre alt, hat in seiner läuferischen Vita eine 100-km-Zeit von 6:46:03 stehen. Insgesamt ist er neunmal unter 7 Stunden geblieben und hat zweimal den Europacup der Supermarathone gewonnen. Erst in der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung (DUV), dann in dem Verein für Ultramarathon (VFUM) hat er eine Funktion übernommen; seit Jahren hat er sich auf der Website des VFUM zu laufmedizinischen Fragen aktuell geäußert. Stefan Weigelt, 53 Jahre alt, Trainingswissenschaftler und Leistungsdiagnostiker am Olympiastützpunkt Westfalen, hat eine persönliche 100-km-Bestzeit von 7:53:54. Seit 2010 ist er der Ultramarathon-Berater des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. |
Die wenigsten Autoren von Laufanleitungsbüchern sind jemals in ihrem Leben eine Ultrastrecke gelaufen. Aderholt und Weigelt hingegen haben eine leistungssportliche Kompetenz, mit der sie das gesamte Gebiet des Langstreckenlaufs auch empirisch abdecken können. Der Untertitel „...durchstarten und dabeibleiben – vom Einsteiger bis zum Ultraläufer“ signalisiert diesen Anspruch.
Der 412 Seiten starke Band enthält im Grunde mehrere Buchthemen. Darin sind nicht einmal die Trainingspläne enthalten; sie kann man sich von der Verlags-Website herunterladen. Die Autoren breiten ihr medizinisches und trainingswissenschaftliches Wissen konzentriert, ohne jegliche Redundanz, sachlich und umfassend aus. Für die Leser bedeutet das, daß auch sie gefordert sind. Es ist kein Buch, das man sich an ein, zwei Abenden einverleibt, dagegen eines, in dem man vielfach nachschlagen kann. Auch das umfangreiche Literaturverzeichnis steht im Internet. Verlegerisch ist hier also mit der Medien-Verbindung ein interessanter Weg beschritten, den man beobachten muß. Die typographische Hervorhebung von Zusammenfassungen, Kernsätzen und Tips erleichtert den praktischen Gebrauch.
Sowohl die Äußerungen zu speziellen Fragen als auch die Literatur-Belege zeugen von der hohen Aktualität des Bandes. Ich habe keine läuferische Frage gefunden, zu der sich nicht eine fundierte Antwort fände. Wo eine eindeutige Antwort wissenschaftlich oder empirisch noch nicht möglich ist, wird dies ausdrücklich gesagt. Der Seriosität des Bandes entsprechend, wird auf bloße Schmuckbilder und aufgeblasene Visualisierungen verzichtet; die 60 Abbildungen, dazu 16 Tabellen erfüllen jeweils eine informierende Funktion.
Bereits das Inhaltsverzeichnis belegt, wie weit sich der Bogen spannt. Dabei wird immer der Bezug zur Praxis hergestellt. Mit der Frage der Motivation – vom Wohlstandssyndrom zur Fitness – beginnt der Band. Das Kapitel Sportmedizinische Vorsorgeuntersuchung soll den Blick für Risiken schärfen. Auf 28 Seiten wird die Physiologie des Ausdauersports Laufen dargestellt. Die Ausrüstung bis hin zum Baby-Jogger wird beschrieben. 106 Seiten sind dem Training gewidmet; Kinder, Frauen und Senioren werden spezifisch angesprochen. Ein Kapitel befaßt sich mit regenerativen Maßnahmen, ein anderes mit der Teilnahme an Wettkämpfen; es ist die erste allgemeine Laufanleitung in deutscher Sprache, die den Ultralauf ausführlich und praxisbezogen darstellt. Die Sportpsychologie, die um so mehr eine Rolle spielt, je länger die Strecke ist, hinterfragt auch Motivationsprobleme. Läuferverletzungen und -beschwerden nehmen 105 Seiten in Anspruch; weder Magen-Darm-Beschwerden noch allergische Reaktionen werden ausgelassen. Ein Kapitel gilt der Prävention. Ausführlich wird laufbezogen die Ernährung dargestellt. Ein eigenes Kapitel befaßt sich mit dem Doping, auch dem im Alltag. Die Link-Sammlung deutet die organisatorische Struktur des Laufsports an.
Zwar ist das Buchkonzept umfassend angelegt, aber ich würde den Band nicht gerade jemandem in die Hand drücken, der mit dem Lauftraining erst beginnen will oder soll. Obwohl medizinische und trainingswissenschaftliche Fachausdrücke jeweils erklärt sind – auch in einem Glossar im Internet –, könnte Anfängern Laufen allzu kompliziert erscheinen; für sie ist der Lauftreff zum Einstieg besser geeignet. Doch für diejenigen Läufer, die mehr wissen und sich aus kompetenter Hand informieren wollen, ist der Band hervorragend geeignet. Auch Ärzte und ausgebildete Trainer werden vermutlich nicht enttäuscht werden. Mein Respekt vor der sportlichen Leistung der Autoren weitet sich nun auf die intellektuelle Leistung aus.
Gelesen und besprochen von Werner Sonntag
Dr. Dr. Lutz Aderhold und Dr. Stefan Weigelt: Laufen! ... durchstarten und
dabeibleiben – vom Einsteiger bis zum Ultraläufer. Mit einem Geleitwort
von Prof. Dr. Stephan Starischka. Zusätzlich zum Download: alle Trainingspläne
– von 10 bis 100 km.
2012, kart., 412 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen.
Schattauer GmbH, 29,95 € (D), 30,80 € (A). ISBN 978-3-7945-2840-0
Mehr dazu ...
Schattauer GmbH Verlag für Medizin und Naturwissenschaften
Das große LaufbuchDer Lauf-Bestseller auf dem neuesten Stand!Herbert Steffny hat seinen Bestseller vollkommen überarbeitet und erweitert und sein ganzes Wissen aus seiner langjährigen Wettkampf-, Trainings- und Seminarpraxis neu zusammengefasst. Er informiert über die richtige Ausrüstung, alle Laufdisziplinen und zeigt Anfängern wie Fortgeschrittenen mit praxiserprobten Trainingsplänen, wie sie ihre Ziele Schritt-für-Schritt erreichen können. Darüber hinaus gibt er wertvolle Tipps zur richtigen Ernährung und Motivation sowie einen Überblick über die besten Laufveranstaltungen. Ergänzt wird das Buch um neue Pläne für die 25-Kilometer-Distanz, Informationen zum Abnehmen durch das Laufen, eine Auswahl der schönsten Strecken und ein Lexikon der Fachbegriffe. |
![]() |
Das komplette (große) LaufbuchDiese schwerwiegenden Argumente, endlich mit dem Laufen zu beginnen, wiegen tatsächlich schwer: Das Laufbuch von Herbert Steffny mit 408 dicken Seiten bringt knapp ein Kilo auf die Waage. Darin sind gewichtige Gedanken enthalten, beispielsweise wie man durch das Laufen Gewicht verlieren kann. Das dicke Buch informiert daneben über alles, was es rund um den Laufsport zu sagen gibt. Herbert Steffny fasst hier seine Erfahrungen aus seinen Laufseminaren zusammen, die der sympathische Laufexperte seit Jahrzehnten im Schwarzwald erfolgreich anbietet. |
Herbert Steffny war 16 Mal deutscher Meister. 1986 gewann er Marathon-Bronze bei der EM. Später kam er als Seniorenläufer – nach einem Tief durch Verletzungen – wieder zurück und lief mit 42 Jahren beispielsweise 2:19 Stunden auf dem schwierigen Boston-Kurs. Im letzten Jahr dann mit 50 Jahren erneut ein grandioses Comeback: Dreifacher Deutscher M50-Meister, darunter mit 32:31 Minuten deutscher M50-Seniorenrekord über 10 km. (Diesen Rekord hat inzwischen sein Lauffreund und Seminarpartner Charly Doll auf 32:05 verbessert.)
Der Mann weiß also, wovon er schreibt. Es gibt kaum ein Thema, das man nicht in dem „großen Laufbuch“ finden könnte. Das Thema „Motivation“ spricht vor allem Anfänger an, ebenso das Kapitel „Jogging“ mit vielen Einsteigertipps. Bei „Running“ geht es dann schon um Leistung. Der erste Wettkampf steht an. Interessant für Fortgeschrittene sind hier die Halbmarathon-Trainingspläne (mit verschiedenen Endzeitzielen) – die nämlich in anderen Büchern seltener zu finden sind. Natürlich fehlen auch Pläne für Marathon - und sogar für den 100km-Lauf - nicht. Dazu Ernährung und Gymnastik und weitere Themen.
Was das Buch interessant macht, sind auch die eingeschobenen Beiträge: ein Interview mit Joschka Fischer und mit Seniorenmeister Walter Koch, persönliche Erlebnisse des Autors mit Geschichten und Gedanken am Rande. So ein erfahrener und erfolgreicher Läufer wie Steffny hat schon was zu erzählen (da möchte man gerne mehr von lesen). Allein die ansprechenden Fotos sind eine Motivation für sich: Das Auge isst mit (im Kapitel über Ernährung) oder es joggt mit (im restlichen Buch). Ein ansprechendes Nachschlagewerk!
![]() |
Herbert Steffny: Das große Laufbuch. |
Gelesen und beschrieben von Birgit Schillinger
![]() |
Hawaii ist das Mekka der Triathleten. "Da will ich einmal hin." Das galt auch für den jungen Australier Chris McCormack, als er vom College-Laufsport auf Triathlon umstieg. Mit seinem Freund Sean legte er eine Liste der Triathlonveranstaltungen an, die er unbedingt einmal besuchen wollte. Ehrgeizig und talentiert wie er ist, hatte er beim Triathlon sofort internationale Erfolge - zunächst auf der Kurzstrecke. Als er dann endlich auf Hawaii starten durfte, konnte er die Freude jedoch nicht mehr mit seinem Freund teilen: Der hatte sich ebenfalls qualifiziert, war aber beim Feiern anlässlich der Qualifikation vom Balkon eines Hochhauses gestürzt |
Es war nicht der einzige Schicksalsschlag in Chris McCormacks Leben. Aber McCormack ist ein Kämpfer - und davon handelt sein Buch "I´m here to win". Macca - so wird er in der Szene genannt - hat 2007 und 2010 den Ironman Hawaii gewonnen. Wie er darauf hingearbeitet hat (und es war wirklich Arbeit), beschreibt er in seiner Biografie. Aber es geht hier nicht um Trainingspläne, sondern um die mentalen und taktischen Tricks, mit denen er zum Erfolg kommt.
Weniger das Talent machte ihn zu einem der erfolgreichsten Triathleten, sondern seine Besessenheit, mit der er an seinen Schwächen und an seiner Psyche arbeitet. Er akzeptiert nicht, wenn andere meinen, er sei zu groß, zu schwer oder zu alt für einen Hawaii-Sieg. Seine Kritiker hat der immer selbstbewusst auftretende Athlet durch seinen zweiten Hawaii-Sieg vom Gegenteil überzeugt.
Bescheidenheit liegt ihm nicht. Daher ist es auch folgerichtig, dass er für den Boxer Mohammed Ali als Meister der psychologischen Kriegsführung schwärmt. Er vergleicht Triathlon mit Boxen und betont dabei, dass für ihn das Rennen oft auf einen Zweikampf hinauslief. Am Ende entscheidet über Sieg oder Niederlage schlichtweg, wer mehr leiden kann. Das war auch beim Ironman Hawaii 2010 so, als fünf Kilometer vor dem Ziel der Deutsche Andreas Raelert auf Macca aufgelaufen war. "Über fünf Kilometer Leiden nehme ich es mit jedem auf!", denkt Macca - und gewinnt. Der Australier reißt den Leser auf seine spannenden, dramatischen Berichte von seinen Siegen und Niederlagen mit. Jeder sportliche, wettkampfaktive Leser kann nachvollziehen und selber Motivation daraus schöpfen, wie man kritische Rennsituationen meistert.
Ein Beispiel, wie McCormack mit dem Belastungsschmerz im Wettkampfumgeht: Er lächelt. "Das ist meine Art, dem Schmerz meinen Respekt zu zollen. Okay, mein Freund. Da bist du. Lass es uns angehen und diesen Job hier erledigen." Diese souveräne, mentale Stärke ist schon bewundernswert und daher ist es kein Wunder, dass dieses Buch in der Triathlonszene viel Beachtung findet.
Gesehen und besprochen von Birgit Schillinger
Was waren das für Zeiten, als wir deutschen Sportler uns für die Ergebnisse der Tour de France interessiert hatten?
![]() |
Es war einmal vor einigen Jahren, da stand auch ich an der Strecke, bestaunte nicht nur die Fahrer, sondern den scheinbar unendlich langen Begleit-Tross mit Werbe- und Materialwagen. Und jetzt? Jetzt bringt der Covadonga-Verlag, spezialisiert auf Radsportliteratur, eine Lektüre heraus, die den Leser wieder staunen lässt: Es sind die Zeitungsbeiträge von 1924, die der damalige Star-Reporter Albert Londres über die Tour geschrieben hatte. Londres war kein Sportreporter, sondern Kriegskorrespondent und Schriftsteller - deshalb sind seine Reportagen so erfrischend anders: Es geht ihm nicht um Kilometerangaben oder Fakten, sondern um die menschlichen Geschichten (und vor allem Tragödien), die sich bei dieser Rundfahrt abspielen. Diese schildert er in knapper, lakonischer Sprache. |
Wer glaubt, die heutigen Fahrer müssten dopen, um die Anstrengungen durchzuhalten, wird hier nachlesen können: Die Tour, wie sie 1924 stattfand, war noch brutaler. Die Fahrer starteten im frühen Morgengrauen, um manchmal bis zum Abend im Sattel zu sitzen. Die längste Etappe dauerte 20 Stunden. Sie kämpften gegen Sitzfleisch-Probleme, Sturzverletzungen, Übermüdung, Mangelerscheinungen. Und wie überstanden sie das? Mit Doping aller Art. Die Reportage bringt es dank eines Favoritengeständnisses an den Tag.
Auch "Kleinigkeiten" erschwerten den Tour-Alltag: Die Radler fuhren stundenlang über staubige (meist nicht asphaltierte) Landstraßen. Bei einer Panne war die Annahme von Hilfe verboten. Gangschaltung gab es noch nicht, die Hinterräder hatten zwei Kränze - einer rechts, einer links - dann wurde beim Berganstieg die Laufrichtung des Hinterrades gewechselt.
Die Artikelserie erschien damals im "Le Petit Parisien", jetzt liegt sie erstmals in deutscher Übersetzung vor. Das kleine, feine Buch birgt eine historisch und literarisch reizvolle Lektüre für sportinteressierte Leser.
Gesehen und besprochen von Birgit Schillinger
![]() |
Jubiläumsbücher zu großen Laufveranstaltungen haben Tradition, erinnern wir uns nur an jenes von Peter Wirz über den Swiss-alpine-Lauf mit dem Titel "Erlebnis pur", oder Werner Sonntags "Bieler Juni-Nächte", oder auch an Dietmar Knies "Alle Rennsteiglaufsieger in Wort und Bild". In diese Serie reiht sich nun auch das Jubiläumsbuch zum Ostfriesland-Lauf, der volkstümlich weitgehend als Ossiloop bezeichnet wird, ein. |
Wie an anderer Stelle in LaufReport berichtet, hat der Ossiloop 2011 sein dreißigjähriges Jubiläum gefeiert und sich zum teilnehmerstärksten Etappenlauf der Republik entwickelt mit rund 2000 Läufern auf jeder der sechs Etappen. Pünktlich zur letzten Etappe 2011 konnte der Veranstalter Edzard Wirtjes das Jubiläumsbuch präsentieren, an dem unter seiner Leitung mehrere Personen federführend gearbeitet haben. Mehr als dreißig Autoren kommen zu Wort.
Das Buch stellt eine gelungene Mischung von kurzweiligen Texten und anschaulich präsentierten Photos dar. Auf eine sehr ansprechende graphische Aufbereitung des querformatigen Buchs wurde großen Wert gelegt. Es umfasst 134 Seiten in durchgängig farbigem Druck.
Im zentralen Mittelteil kommt je ein Läufer zu jeder der vergangenen dreißig Ossiloop-Veranstaltungen zu Wort. Sie erzählen in knapper Form (nie mehr als zwei Druckseiten) ihr subjektives Erleben des Sechsetappenrennens. Oft wurde von den Autoren ihre erste Teilnahme in den Fokus genommen, so auch von den diesjährigen Siegern Inga Jürrens und Stephan Immega, die über die Jahre 1996 bzw. 2003 berichten. Jürrens geht dabei auf ihre erste Etappe zurück, die sie als kleines Mädchen mitgelaufen war.
Andere Autoren berichten von ganz speziellen Erlebnissen, so etwa Michaela Janssen, die ihre erste Etappe nur einer leichtsinnig abgeschlossenen Wette verdankt, die sie als Abiturientin 1994 eingegangen war. Sie hatte sich darin als völlig untrainiertes Mädel verpflichtet, bei einer Etappe mitzulaufen, wenn eine vakante Abiprüfung klappen sollte. Sie schaffte die Prüfung und musste nun ran. Die Etappe brachte sie am Schluss zwar mit Ach und Krach und nachfolgendem Muskelkater zu Ende, doch war sie fortan vom Ossiloopfieber infiziert. Auch 2011 war sie wieder dabei und erlief einen vorderen Platz bei den Frauen.
So bunt wie die Erinnerungen der Autoren sind, so abwechslungsreich und spannend ist die Lektüre der Episoden. Diesem Mittelteil sind in der Einleitung neben einigen Grußwörtern auch einige informative Präliminarien vorangestellt. So referiert der Gründer Klaus Beyer in je kleinen Kapiteln über die Entstehung, die Premiere und die einzelnen Wegführungen der Etappen. Außerdem werden ein paar besonders interessante Läufer vorgestellt. Unverzichtbar natürlich Hilde Steinke (und ihre Familie), die bisher alle Etappen gelaufen ist und gerade in Hamburg Deutsche Marathonmeisterin in der W65 (Zeit 4:02) wurde.
Im abschließenden dritten Teil werden dann die veranstaltenden Vereine SV Holtland und Fortuna Logabirum vorgestellt, es werden einige gravierende Veränderungen dargelegt, die mit dem Veranstalterwechsel 2007 zusammenhängen, und auch Statistisches kommt nicht zu kurz. Das Buch klingt aus mit einigen von Klaus Beyer erzählten "Döntjes" (Anekdoten), die sich in den vergangenen dreißig Jahren ereignet haben. Auf der vorderen und hinteren Umschlagsinnenseite sind in Minischrift alle über 2000 Namen angedruckt, die 2011 beim Ossiloop dabei waren. Damit, und mit einigen Fotos des diesjährigen Laufs, ist das Buch hochaktuell.
Insgesamt eine erfrischend lockere und optisch ansprechende Lektüre, die in den Bücherschrank eines jeden Ossiloopers gehört.
Gelesen und beschrieben von Michael Schardt
Helma Janssen / Edzard Wirtjes (Hg.): 30 Jahre Ossiloop 1982 - 2011.
Zahlreiche Autoren
Eigenverlag; ohne ISBN
Broschiert, 134 Seiten, ca. 100 Abbildungen, Querformat 15 Euro
Bestellungen: www.fortuna.Logabirum.de
Jubiläumsband von Peter WirzWie kann man 25 Laufveranstaltungen, die seit 1986 einen neuen Laufstrecken-Typ gebildet haben, in einem Buch zusammenfassen, das seinen dokumentarischen Wert behält? Diese Frage hat sich der Herausgeber von "Erlebnis pur" gestellt, als er mit der Aufgabe betraut wurde, den Swiss Alpine in einem Jubiläumsband darzustellen. Durch den Kopf ging ihm: "Die Strecken überschneiden sich ebenso wie die Zeiten. Die Kategorien durchmischen und teilen sich. Alles befindet sich ständig und während Stunden im Fluß." Peter Wirz hat sich eine anspruchsvolle Aufgabe gestellt; sein Konzept erweist sich als tragfähig. |
![]() |
Der großformatige Band besticht zunächst durch das Bilderlebnis. Peter Wirz hat nicht den Ehrgeiz gehabt, eine Bildchronik der 25 Jahre aufzustellen. Das wäre wohl auch unmöglich wer zum Beispiel hätte an dem Unwettertag 1998 am Scaletta photographieren wollen? Das Bildmaterial wird überwiegend aus dem Jubiläumslauf 2010 bestritten. Die Photographen hatten wie die Läufer das Glück, an diesem Tag exzellente Wetterbedingungen vorzufinden. Daher spiegelt die Auswahl aus Tausenden von Photos werbekräftig einen idealen Lauftag wider.
Wirz, erfahrener Leiter einer Werbeagentur, Herausgeber einiger anderer Bände und dem Laufsport eng verbunden, hat es verstanden, das Erlebnis Swiss alpine die Tautologie mag erlaubt sein im Bild erlebbar zu machen. Doppelseitige Photographien charakterisieren die Kategorien vom K 21 über den K 78 bis zum K 42. Dann erst beginnt der Text. In einem Zeitungsinterview beantwortet Andrea Tuffli Fragen, die sich vor allem Außenstehenden aufdrängen. Tuffli, der Ideengeber, Initiator und Renndirektor, macht deutlich, daß er jährlich neu über seine Laufveranstaltung reflektiert, was sich ja auch in der Vielzahl der Strecken und in jährlichen Änderungen und Initiativen ausdrückt. Der K 78 wird weiterhin die Königsdisziplin sein, eine Verlängerung der Strecke ist nicht beabsichtigt. Die Ausweitung auf 14 Stunden Laufzeit solle nicht, wie der Interviewer unterstellte, schwächere Läufer, sondern Langsamere anziehen. "Viele ältere Läufer nehmen teil, die sind topfit, aber natürlich gegenüber früheren Jahren langsamer." Schade, so sinniert der Rezensent, daß ihm dies nicht schon vor zwölf Jahren eingefallen ist. In einem Dutzend Kästen wird das Wichtigste aus der Chronologie von 24 Veranstaltungen wiedergegeben. Verschiedene Aspekte des Veranstaltungsprogramms "Highseven" werden ebenso behandelt wie die Vorbereitung des Laufereignisses. Drei Teilnehmer schildern, wie sie ihre Strecke, K31, K42, K 78, erlebt haben. Interviews mit Spitzenläufern lassen die Faszination des Wettbewerbs erkennen. Ein Gespräch mit der Familie Tuffli schließt den Band ab.
Die Qualität der Bildreproduktionen ist durchweg hervorragend. Der Herausgeber hat es auch nicht an graphischen Reproduktionstricks fehlen lassen. Das Kunststück, mit den Bildern von fünf Photographen und den Texten verschiedener Autoren eine hohe Identität mit dem Blickwinkel der Teilnehmer zu erreichen, ist gelungen. Bedauerlich ist, daß es bei dem nicht gerade niedrigen Preis und der Unterstützung zweier Sponsoren nicht zu einem Hardcover gereicht hat; schließlich ist es ja eine Dokumentation, die man immer wieder einmal zur Hand nehmen oder anderen Sportlern zeigen dürfte. Die Bindung hat leider bei zwei der drei doppelseitigen Statistiken dazu geführt, daß jeweils eine ganze Informationssäule in der Bindung verschwunden ist. Nicht geglückt ist auch das parallel geführte Layout der Interviews mit dem Schweden Jonas Buud und der Schweizerin Jasmin Munige, den Siegern des Jahres 2010. Deutschland erscheint abgekürzt als BRD und als GER. Der Textumfang ist nicht so umfangreich, daß man die Eingabefehler tolerieren könnte.
Eine Anzahl bedeutender Laufveranstaltungen ist nun in die (Jubiläums)Jahre gekommen. Es wäre ihnen zu wünschen, wenn sie nach einem Jubiläum auf ähnlich kompetente Art dargestellt würden.
Gelesen und besprochen von Werner Sonntag
"Erlebnis pur", Koordination und Redaktion: Peter Wirz, 29,5 x 23,5 cm (Bildtitel im Scan links angeschnitten), broschiert, 192 S., 69 CHF plus 27,50 CHF Porto nach Deutschland. Bestellungen über Werbeagentur Peter Wirz, Postfach 2125, 8033 Zürich, Schweiz. e-mail: werbeagentur@peterwirz.ch
![]() |
Ein Weihnachtsgeschenktipp für die ganze Familie: Der Film "Saint Ralph - Ich will laufen" erzählt die Geschichte eines Teenagers, der den Boston-Marathon gewinnen will. Der 14-jährigen Halbwaise Ralph Walker wird in einer katholischen Schule erzogen: streng, gefühlskalt und prüde - wie es 1953 nicht anders zu erwarten ist. Als plötzlich seine schwerkranke Mutter ins Koma fällt, spricht die Krankenschwester unüberlegt einen Satz aus, der Ralph nicht mehr aus dem Kopf geht: "Nur durch ein Wunder kann deine Mutter aus dem Koma wieder aufwachen." Ralph ist nun auf der Suche, wie er ein Wunder vollbringen kann. Als dann der Trainer des Laufteams anmerkt, "dass ein Sieg beim Bostoner Marathon ein Wunder wäre", fügt sich das Puzzle für Ralph im Kopf zusammen: Er wird den Boston-Marathon gewinnen und damit seine Mutter aus dem Koma erwecken. |
Wie sich der sympathische Ralph nun diesem Ziel hingibt, wie er trainiert, wie er Rückschläge einstecken muss, das beinhaltet - wie so oft bei Sportgeschichten - viel Lebensweisheit. Der charmante Schüler kämpft auch noch an anderen Fronten: Die Hingabe zum Glauben will nicht so recht klappen und auch die vom Philosophie-Lehrer geforderte Reinheit wird immer wieder durch kleinere "Sündenfälle" befleckt. Natürlich ist nicht alles realistisch, aber die historisch authentisch wirkenden Szenen versetzen die Zuschauer in die Nostalgie der 50er Jahre. Die mit Humor umgesetzte Geschichte rührt das Herz, endet allerdings (zum Glück) nicht kitschig. Zu empfehlen für lange Winterabende.
Gesehen und besprochen von Birgit Schillinger
![]() |
Saint Ralph - Ich will laufen |
![]() |
Das Buch der 1000 Laufzitate"Hätte dieser alte Grieche nicht schon nach zwanzig Kilometern tot umfallen können?"So lautet das titelgebende Zitat eines neuen Buches, in dem nahezu 1200 Sprüche, Notizen und Originaltöne aus fast 3000 Jahren rund ums Laufen, der beliebtesten aller Bewegungsformen, versammelt sind, das jetzt, rechtzeitig vor Weihnachten, im kleinen, auf Sport spezialisierten Covadonga Verlag (Bielefeld 2010, 158 Seiten, 9,80 Euro, ISBN 978-3-936973-59-4) erschienen ist. Gesagt hat dies kein geringerer als Frank Shorter, seines Zeichens Olympiasieger im Marathonlauf 1972 in München. |
Damit spielt er auf zwei Dinge an, nämlich zum einen auf die unter Marathonis hinlänglich bekannte, aber keinesfalls historisch belegte Legende, wie der Marathonlauf entstanden sein soll. Der griechische Bote Pheidippides soll die Botschaft vom Sieg der Griechen über die Perser in der Schlacht von Marathon in Athen mit den Worten "Wir haben gesiegt" übermittelt haben, nachdem er die rund 35 Kilometer lange Strecke gelaufen und dann tot umgefallen sei. Zum anderen verweist Shorter auch auf das vielen Marathonläufern bekannte Phänomen, dass die echten Anstrengungen des Laufes (Mann mit dem Hammer) oft erst gegen Ende der Strecke kommen.
Mit akribischer Sammelwut zusammengetragen hat die Laufzitate Walter Drögenpütt, der im Vorfeld schon im Internet immer wieder vereinzelte Sprüche zum Laufen veröffentlichte und zusammen mit Andreas Behne im gleichen Verlag bereits das Buch "Kette rechts! Im großen Gang durch das unnütze Radsportwissen" publizierte.
Das Laufzitatebuch ist ein vergnüglich-amüsantes Sammelsurium ebenso von Laufweisheiten wie Laufdummheiten, von Nachdenklichem wie unüberlegt Dahergesagtem, dargelegt von Laufbegeisterten und Bewegungsmuffeln, von Leistungssportlern und Hobbyläufern, von Journalisten, Kabarettisten und Moralisten.
Da fehlt kein Paavo Nurmi ("Die Leute essen einfach zu viel, deshalb sind sie nicht fit") und kein Emil Zatopek ("Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft"), kein Joe Douglas (Manager von Carl Lewis: "Wenn Carl sich gedopt hätte wie Ben Johnson, stünde der Weltrekord heute bei 9,4 Sekunden") und kein Ben Johnson ("Sämtliche Leute in diesem Finale waren gedopt. Nur mich haben sie erwischt"), keine Isabell Baumann ("Der Dieter nimmt doch nicht mal Vitamin C") und auch kein Dieter Baumann ("Ja, und? Von wem?" auf die telefonische Nachricht des DLV, es liege eine Dopingprobe vor). Vertreten sind Dichter, Fußballmanager und Philosophen, Fernsehkommentatoren, Mediziner und Talkmaster, Politiker, Schauspieler und Gefängnisdirektoren. Blättert man das Buch durch, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Laufen fast jeden irgendwann dazu inspiriert hat, seine Meinung abzugeben.
"Als natürlichste, ja instinktivste Form des sportlichen Kräftemessens", schreibt der Herausgeber in seinem pointierten Vorwort, "weckt das Laufen seit jeher ein gewisses, offenbar sehr dringendes und nur in den seltensten Fällen fatales Philosophier- und Mitteilungsbedürfnis. Zumindest für den Laien auf dem Gebiet der Hirnchemie hat es den Anschein, als sei ein ausdauernder Wirbel der Füße zumindest bei einer hinreichenden Zahl von Probanden dazu angetan, irgendwelche Synapsen auf eine Weise kurzzuschließen, dass hinterher Zitierbares aus Läufermund sprudelt."
Im Buch, da kann man so schöne Bonmots finden, wie jenes von Gerald Curtin, Anstaltsleiter im Gefängnis "Sing Sing" zur Organisation eines Leichtathletiksportfestes für Gefangene: "Auf einen Querfeldein-Lauf und den Stabhochsprung werden wir verzichten", oder auch jenes von Popsternchen Samantha Fox: "Ich besitze zehn Paar Laufschuhe. Eins für jeden Tag der Woche." Nett liest sich auch die Erkenntnis von 5000 Meter Läufer Arne Gabius: "Sonnenbrillen bringen mehr für den Kopf als Kompressionssocken. Ich habe das im Training gemerkt", oder: "Ich habe neun Blasen. An jedem Fuß vier" von Fußballtorwart Klaus Thomvorde nach dem Lauftraining.
Geordnet sind die vielen Laufzitate in kompakte, kleine Themeneinheiten mit jeweils einer kurzen, witzig-spritzigen Einführung, was nicht nur der Lesbarkeit zugute kommt, sondern wodurch sich einzelne Sprüche gegenseitig erhellen. Denn mit dem Zitat "Witz-Bolt" des ZDF-Sportchefs Wolf-Dieter Poschmann könnte man kaum etwas ohne das davor stehende Zitat "Natürlich bin ich von diesem Planeten" von Usain Bolt anfangen. Beide entstammen dem Kapitel "Kurz und schmerzvoll", in dem die Sprinter zu Wort kommen. Dann gibt es noch "Die goldene Mitte" für Mittelstreckler und "10 Kilometer Qual - mit 32 Kilometer Anlauf" für Marathonis.
Auch ein Kapitel für Triathleten ("Der flotte Dreier") gibt es, und eins für Frauen, sowie für Laufgegner, für richtiges Training, für das beste Material und vieles mehr. Da kann es durchaus zu sehr gegensätzlichen Auffassungen kommen. Unter "Runner's High" heißt es beispielsweise von Herbert Steffny "Lächeln statt hecheln und laufen ohne zu schnaufen", aber Sebastian Coe meint "Wenn Sie etwas von der Landschaft mitbekommen, strengen Sie sich vermutlich einfach nicht genug an", während ein deutsches Sprichwort die Erkenntnis verkündet "Das Glück lässt sich eher erschleichen als erlaufen."
Zitiert werden aber nicht nur Personen mit ihren mündlich überlieferten Aussagen, sondern auch Sprüche aus der Schuhwerbung, geflügelte Worte, Anonyma und Volksweisheiten, Passagen aus Schlagern, Gedichten oder Abzählversen, sowie Bemerkungen aus Studien, aus Trainingsplänen oder klassischen Dramen. Dabei geht es nicht immer direkt ums Laufen, sondern zuweilen auch um andere Sportarten und Sport im Allgemeinen wie: "Vergessen Sie nicht, Agon, das griechische Wort für Wettbewerb, kann genauso gut Krieg und Schlacht bedeuten", des Sporthistorikers Manfred Lämmer, oder: "Bei uns braucht der Kostedde nicht mehr zu laufen. Es genügt, wenn der im gegnerischen Strafraum steht und mit seinem Hintern noch Tore macht", von Schalkes Manager Rudi Ashauer.
Kurzum: Das schmale Bändchen der Laufzitate, eine enorme, vermutlich mehrjährige Fleißarbeit des Herausgebers, ist ein kurzweiliges, ebenso witziges wie nachdenkliches Lesevergnügen, das in jedem Läufer-Buchschrank seinen Platz finden sollte. Es wird einem dazu verhelfen, auf jede blöde Frage und auf jede dumme Bemerkung, der man öfters als Läufer ausgesetzt ist, eine passende Antwort parat zu haben, wenn man sich denn der Mühe unterziehen möchte, per Auswendiglernen einen Großteil der abgedruckten Laufweis- und -dummheiten in seinen ständig verfügbaren geistigen Zitatevorrat zu überführen, so wie es manche mit lateinischen Zitaten gerne machen, um damit zu imponieren. Während des Laufens kann man das via Kopfhörer leider noch nicht leisten, da es das Werk als Hörbuch - möglicherweise im O-Ton der Urheber - noch nicht gibt und wohl auch niemals geben wird.
Lassen wir die Besprechung ausklingen mit dem Zitat, mit dem das Laufzitatebuch
sinniger Weise beginnt. Der österreichische Liedermacher Reinhard Fendrich
textete einst die unverbrüchliche Wahrheit:
"Es lebe der Sport
Er ist gesund und macht uns hoart.
Er gibt uns Kraft, er gibt uns Schwung
Er ist beliebt bei Alt und Jung."
Gelesen und besprochen von Michael Schardt
![]() |
Walter Drögenpütt: Das Buch der 1000 Laufzitate. |
![]() |
Manche der in diesem Buch dargestellten Fakten aus der Herstellung von Nahrungsmitteln mögen bekannt gewesen sein; doch kaum, daß wir durch eine kurze Zeitungsmeldung oder eine kritische Fernsehsendung Kenntnis davon genommen haben, sind wir weiter-geeilt. Eine emotionale Aufwallung – und dann haben wir die Nachricht vergessen. Da ist es verdienstlich, daß einer, der sich kontinuierlich Einblick verschafft hat, die Arbeitsweise der Nahrungsmittelindustrie entlarvt, Fakten der Verfälschung unter bestimmten Gesichtspunkten ordnet, schwammige Begriffe abklopft und damit in bestem publizistischen Sinne Aufklärung betreibt. Thilo Bode, der Gründer der Verbraucherrechtsorganisation Foodwatch, hat nach „Abgespeist“ nun ein weiteres Buch zum Thema vorgelegt, „Die Essensfälscher. Was uns die Lebensmittelkonzerne auf die Teller lügen“. |
Die Nahrungsmittelindustrie, so macht der Autor klar, ist einer der fünf größten Industriezweige in Deutschland. Im Jahr gibt sie 2,8 Milliarden Euro für die Werbung aus, mehr als die Automobilindustrie. Wie jede Industrie strebt auch sie nach Wachstum. Dem sind jedoch natürliche Grenzen gesetzt; eine Bevölkerung, in der fast jeder Zweite bereits übergewichtig ist, sollte nicht mehr essen, als sie jetzt ißt. Also gilt es für die Industrie, eine neue Wachstumsstrategie anzuwenden.
Einer ihrer Bestandteile ist die Irreführung der Verbraucher. Darunter versteht der Autor den Ersatz teurer Inhaltsstoffe durch billigere Imitate, versteckte Preiserhöhungen durch Verkleinerung der Packungsfüllmengen, falsche Produktattribute, die eine regionale Vermarktung vortäuschen, und Produkte, die als Innovationen ausgegeben werden, darunter Convenience und Functional Food, nämlich Fertiggerichte und Funktionsnahrung. Neun von zehn Kindern essen mindestens jeden dritten Tag ein Fertiggericht. Die Branche wirbt zwar damit, daß sie täglich 50 Millionen Kundenkontakte habe, aber fast zwei Drittel aller Verbraucher beteuern, daß ihnen das Einkaufen der Lebensmittel keine Freude mache. Nur ein kleiner Teil der Verbraucher kann auf dem Wochenmarkt oder direkt beim landwirtschaftlichen Erzeuger einkaufen.
Die Nahrungsmittelhersteller versprechen mit ihren Produkten Wellness, Gesundheit, Schönheit und Schlankheit. Dank der Reklame sind diese Versprechungen bei vielen Verbrauchern verinnerlicht. Der Autor führt als Beispiele den Trinkjoghurt des französischen Herstellers Danone und die cholesterinsenkende Margarine von Unilever an. „Functional Food ist eines der letzten Wachstumsfelder auf den gesättigten Lebensmittelmärkten der westlichen Industrieländer.“ Allein die deutschen Verbraucher, so berichtet Thilo Bode, geben jährlich mehr als drei Milliarden Euro für Nahrungsmittel mit vermeintlichem Gesundheitsnutzen aus. Nach Meinung von Experten soll Functional Food schon bald ein Viertel des Lebensmittelmarkts ausmachen.
Im Jahr 2010 sollte der EU eine Liste aller zulässigen nährwert- und gesundheitsbezogenen Angaben über Lebensmittel vorliegen; doch die EU-Behörde ist mit einer Flut von etwa 40.000 Anträgen überschwemmt worden, die mittlerweile auf etwa 4.000 reduziert worden sind. Sollte die Liste doch noch veröffentlicht werden, sind nach Ansicht von Thilo Bode noch immer Hunderte, wenn nicht Tausende von Gesundheitsslogans erlaubt, deren positive Wirkung auf eine ausgewogene Ernährung fraglich sei. Das Verfahren begünstige zudem die wenigen Konzerne, die in ihren großen Forschungsabteilungen über das wissenschaftliche Know-how verfügten. Mittelständische Unternehmer haben dagegen kaum eine Chance. Functional Food ermutige wahrscheinlich entsprechende Verbraucher, den Supermarkt statt den Arzt aufzusuchen. Die These vom Nährstoffmangel, der durch Zusätze ausgeglichen werden müsse, sei höchst umstritten. Die Vitamine in vielen modernen Nahrungsmitteln ließen eher an eine Überdosierung glauben.
Insbesondere mit dem Beispiel des „Schwarzwälder Schinkens“ belegt Thilo Bode die „Traditionslüge“. Das Produkt werde im Schwarzwald hergestellt, aber nicht erzeugt. Von den 750.000 Schweinen, die jährlich in Schiltach geräuchert würden, komme kein einziges aus dem Schwarzwald. Außer Schiltacher Luft sei nur der Rauch aus Sägespänen schwarzwälderisch. Was der Produzent der Marke „Schwarzwälder Schinken“ treibe, mache die halbe Lebensmittelbranche: „Gnadenlos reitet sie auf der Regional- und Traditionswelle.“ Die EU-Gesetzgebung wirke als Steigbügelhalter; das blaugelbe EU-Siegel der „geschützten geographischen Angabe“ erfordere lediglich, daß eine einzige Produktionsstufe im Herkunftsgebiet stattfinde. Als weiteres Beispiel hat Foodwatch Bertolli untersucht, eine Marke des Lebensmittelmultis Unilever. Das „Pesto Verde“, das nach „traditioneller Rezeptur nur aus erlesenen hochwertigen Zutaten“ hergestellt werde, entpuppte sich als „dreiste Mogelpackung“; Bertolli hatte gerade mal zwei Prozent Olivenöl in sein Produkt gemischt, und die Pinienkerne, die auf der Packung leuchten, machten nur 2,5 Prozent des Inhalts aus. Und so geht es weiter: von Schwartaus „Gourmet-Frühstück Erdbeere“ über die Champignon-Creme-Suppe von Escoffier zum Schokoladenpudding „Pur Choc“ von Dr. Oetker.
Einen weiteren Ansatz, Methoden von Nahrungsmittelkonzernen zu beleuchten, sieht Bode in deren Projekten für Bildung und Verantwortung im Hinblick auf Kinder und Jugendliche, eine Zielgruppe, an der durch den Verkauf überzuckerter Nahrungsmittel Millionen von Euro verdient werden: „Die Lobby hat aus einem Gewürz, das niemand zum Leben braucht, einen Stoff gemacht, der heute von den meisten als Grundnahrungsmittel angesehen wird wie Reis, Brot oder Fleisch. Auch wenn es die Zuckerlobbyisten predigen – der Körper braucht gar keinen Zucker... Mit reinem oder gar keinem Gewissen verkauft die Lebensmittelindustrie immer süßere Süßigkeiten oder versteckt den süchtig machenden süßen Stoff als Geschmacksverstärker in einer Riesenpalette von Nahrungsmitteln, in denen er nichts zu suchen hat oder wo ihn der normale Verbraucher nicht erwartet.“ Die Konsequenz aus einer Anzahl von Fällen, in denen Kinder als Verbraucher von hoch zuckerhaltigen Nahrungsmitteln und Getränken angesprochen werden, heißt für den Autor: „Die Lebensmittelindustrie sollte sich nicht länger für Sport-Events und Frühstückstische in Schulen engagieren, sondern das tun, was sie viel besser könnte, wenn sie es nur wollte: gute, gesunde Nahrungsmittel herstellen und deren Inhaltsstoffe klar benennen, anstatt mit Wortklingelei zu beschönigen.“
Viele Unternehmen spielten sich als verantwortungsvolle, gesellschaftlich engagierte Ernährungs- und Bewegungsberater auf, darunter ausgerechnet auch noch solche Unternehmen, die zu großen Teilen vom Verkauf allzu fetter und zuckerhaltiger Nahrungsmittel lebten. Bode kritisiert, daß in der „Plattform Ernährung und Bewegung“ auch die Ernährungsindustrie sitze. Deren Manager stellten Übergewicht und Fettleibigkeit vor allem als ein individuelles Problem mangelnder Bewegung dar. Freiwillige Leistungen von Unternehmen oder Branchen seien kein Ersatz für politisches Handeln.
Mit dem Bedeutungs- und Umsatzzuwachs des Marktes für Bio-Lebensmittel sei leider auch die Tendenz gewachsen, den ursprünglichen Qualitätsanspruch von Bio-Erzeugnissen zu verwässern. Bezeichnend sei, wie wenig bei verarbeiteten Bio-Produkten über die Herkunft der Rohstoffe gesprochen werde. Auch die Bio-Siegel schafften kaum Klarheit. Den Verbrauchern sei es kaum noch möglich, verschiedene Qualitätsstufen von Bio-Lebensmitteln zu unterscheiden. Sehr erhellend ist die Schilderung der Backpraxis. Die Backmittelindustrie habe sich auf den Bio-Trend eingestellt und biete ein breites Sortiment an Backmitteln, Backvormischungen und Fertigmehlen an, die von den sogenannten „Handwerkern“ in den Bäckereien nur noch mit Wasser und Hefe angerührt werden müßten. Bode nennt Beispiele dafür, wie mit „minimalem Bio-Einsatz“ „maximale Marketingeffekte“ erzielt werden.
Die staatliche Lebensmittelkontrolle wird als „Kapitulation der Kontrolleure“ beschrieben. „Die Politik imitiert nur politisches Handeln.“ Ein Schaubild des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit veranschaulicht zum Beispiel, daß der Fleischanteil in ausländischen Kochpökelwaren von 83 Prozent im Jahr 1993 auf 57 Prozent im Jahr 2008, in einem Fall gar auf nur noch 38 Prozent gesunken sei. Der Rest sind Wasser, Binde-, Gelier- und Verdickungsmittel, oft auch noch Soja- und Milcheiweiß. Damit würden die kleinen Fleischstücke, Reste der Schinkenherstellung, zusammengeklebt. „Hunderttausendtonnenweise landen diese gummiartigen, strukturlos-mehligen und süßlich schmeckenden Schinken-Imitate auf Pizzen, in Salaten oder Nudelgerichten, ohne daß diejenigen, die die Gerichte essen, davon wüßten.“ Der Staat sei offenbar nur noch in der Lage, den massenhaften Verstoß gegen Gesetze festzustellen und für die Verbraucher aufzubereiten; doch er sei unfähig, den Betrug am Kunden auch nur annähernd einzudämmen. Ähnlich verhält es sich mit dem Imitat-Käse.
Als vorbildlich schildert Thilo Bode den Verbraucherschutz in Dänemark durch das sogenannte Smiley-System; danach müssen die Betreiber von Lebensmittelgeschäften und Restaurants, einschließlich Kantinen und Mensen, darüber informieren, wie sie bei der letzten Lebensmittelkontrolle abgeschnitten hätten, und dies durch ein Symbol (Smiley) kundtun.
Ähnlich wie seinerzeit die Tabak-Industrie entwickle die Nahrungsmittelindustrie Abwehrtechniken gegen Kritiker. Die meisten Hersteller kennzeichneten zwar ihre Produkte korrekt, „aber sie verstehen es genauso gut, diese Kennzeichnung durch inhaltlich gegenläufige werbliche Aussagen oder durch das konsequente Ausnutzen der zahlreichen legalen Schlupflöcher zu konterkarieren“. In diesem Kapitel tritt Thilo Bode vehement für die „Ampelkennzeichnung“ ein, die Markierung hoher Fett-, Zucker- oder Salzanteile sowie gesättigter Fettsäuren durch die Farbe Rot. In dieser Hinsicht ist, finde ich, Kritik angebracht. Auch wenn sich die Nahrungsmittelindustrie gegen die Ampelkennzeichnung wendet, ist damit das Gegenteil noch nicht richtig. Zu Recht ist im Juni in Brüssel die Ampelkennzeichnung mit hoher Mehrheit abgelehnt worden. Die Farbkennzeichnung kann bei manchen Produkten zu falschen Simplifizierungen führen. Einerseits ist die gegenwärtige GDA-Praxis (Guideline Daily Amount) der Zahlenangaben, wie Bode zu Recht hervorhebt, ungenügend und manipulierbar, andererseits treffen Ampelfarben keine Differenzierung und veranlassen die Verbraucher möglicherweise zu falschen Schlüssen.
Dieser Einwand ändert jedoch nichts daran, daß Thilo Bode auch mit seinem Schlußkapitel wichtige Denkanstöße gibt. Sein Buch ist geeignet, das Bewußtsein der Käufer im Supermarkt zu schärfen. Als Handlungsanleitung ist es nicht konzipiert. Diese findet man bei der Ernährungslehre von Kollath/Bruker, der ich anhänge. Dr. Bruker hatte für uns einen schlichten Einkaufstip: „Essen und trinken Sie nichts, wofür Reklame gemacht wird!“ Dem wird auch Thilo Bode nicht widersprechen wollen.
Noch eine Schlußbemerkung: In voller Absicht ist diese lange Besprechung im Umfeld von Sportbüchern placiert. Außer dem Training ist gesunde Ernährung eine wichtige Voraussetzung sportlicher Leistung. Als Sportler gelten wir daher als spezielle Zielgruppe der Nahrungsmittelindustrie und der Hersteller sogenannter Nahrungsergänzung und sind daher Irreführungen besonders ausgesetzt.
Gelesen und besprochen von Werner Sonntag
![]() |
Thilo Bode: Die Essensfälscher. |
![]() |
Geschichten aus dem Triathlonalltag- witzig und humorvoll á la AchillesEr nennt sich der "Kaiserswerther Kenianer": Der Hobbytriathlet Lars Terörde wohnt im Düsseldorfer Stadtteil Kaiserswerth und hat seit einige Jahren den Lauf- und Triathlonsport für sich entdeckt. Nun schreibt er auf besonders witzige Weise über seine Erlebnisse auf der Jagd nach Bestzeiten und Triathlon-Erfolgen. Das Buch "Barfuß auf dem Dixi-Klo" ist beste Unterhaltung für einen Ausdauersportler. Im Stile von Achim Achilles werden hier die Kollegen satirisch unter die Lupe genommen. |
Der Leser aus der Lauf- und Triathlonszene kann in den lustigen Episoden sicher den einen oder anderen Trainingsfreund - und sogar sich selber, wenn er ehrlich ist - wiedererkennen. Auch die Tricks, mit denen sich der Familienvater seine Trainingseinheiten in Urlaub und an Sonntag erschleicht, kommen einem irgendwie bekannt vor.
Mit einer dicken Portion Selbstironie unterhält der Autor die Leser, wenn er über seine überzogenen Trainings- und Wettkampfziele schreibt. Die besondere Würze gibt das Duell mit dem scheinbar trainingsfauleren Schwager, den es mit allen Mitteln zu schlagen gilt. Und da hält das Buch sogar ein spannendes Finale bereit.
Ein Geschenk für Leute mit Humor, die den Triathlonsport nicht immer nur ernst nehmen können.
Gelesen und besprochen von Birgit Schillinger
![]() |
Lars Terörde: Barfuß auf dem Dixi-Klo |
Leichtathletik-WM der AK 80-100 Beeindruckender Film über Sport und Alter(n)
Bei den Laufveranstaltungen, über die LaufReport regelmäßig aus aller Welt berichtet, sind die Altersklassen M/W 70-80 stets vertreten. Doch die Altersklassen jenseits der 80 sind bei den normalen' Volksläufen, Marathons oder Ultras allenfalls spärlich besetzt. Anders bei der Senioren-Leichtathletik-WM, an der insgesamt bis zu 6000 Sportler teilnehmen: bei der 18. Weltmeisterschaft der World Masters Athletics' (WMA), die vom 28. Juli bis 8. August 2009 in Lahti (Finnland) stattfand, umfasste die Ergebnislisten für die AK 80-100 allein 36 Seiten!
In dem Dokumentarfilm Herbstgold', der seit einiger Zeit leider nur in wenigen Kinos läuft, erzählt Regisseur Jan Tenhaven, wie sich fünf Männer und Frauen im Alter von 80 bis 100 Jahren auf diese Senioren-WM in Lahti (Finnland) vorbereiten: der 82-jährige Hochspringer Jiri aus Tschechien, die 85-jährige Kugelstoßerin Ilse aus Kiel, der 93-jährige 100m-Läufer Herbert aus Stockholm, die 94-jährige Diskuswerferin Gabre aus dem italienischen Brescia sowie der 100-jährige Diskuswerfer Alfred aus Wien sind die Protagonisten des Films. "Ein absolut sehenswerter Film für jung und alt", meint LaufReporter Axel Künkeler.
Seniorensport fristet im Sportteil der Zeitungen nur ein Schattendasein. Mehr als Kuriosum in der Rubrik Vermischtes' entdeckte Tenhaven 2006 zufälligerweise den Hinweis auf die 17. WMA-Weltmeisterschaft, die im Jahr 2007 in Riccione stattfinden sollte. Neugier und wohl eine Portion Voyeurismus ließen ihn nach Italien reisen. Doch die zwei Wochen unter den Seniorensportlern beeindruckten den Filmregisseur: die ungeheure Anspannung und positive Energie, Humor wie auch Ernsthaftigkeit entfalteten bei ihm eine elektrisierende Wirkung. "Da war keine Verbissenheit festzustellen", so Tenhaven. "Allenfalls Trotz: Euch zeige ich es noch". Damit war der Wunsch geboren, den Helden des Seniorensports eine filmische Bühne zu bieten, um ein Stück von deren Energie und Lebensmut an die Zuschauer weitergeben zu können.
In Herbstgold' wirft Regisseur Tenhaven einen einfühlsamen, einen ebenso liebevollen wie respektvollen Blick auf den Seniorensport. Er zeigt, wie die bejahrten Sportler es auf der Zielgeraden ihres Lebens noch einmal wissen wollen, wie Disziplin und Ehrgeiz, aber auch ihre Lebensfreude das Alter mit all seinen Widrigkeiten trotzdem lebenswert machen. Witz und Humor kommen ebenso zu Wort wie Krankheit und Verlust. Die stets elegant gekleidete Gabre, die mit ihrem Alter kokettiert ("Ich frage doch Jüngere auch nicht nach ihrem Alter".) genauso wie die ebenso auf ihr Aussehen bedachte Ilse, die den Tod ihres Mannes beklagt. Der ebenso streng wie humorvoll daher kommende Herbert sowie der 100-jährige Aktmaler Herbert, der nach einer Knieoperation nur mit einem Rollator zum Diskusring gehen kann.
Die fünf Sportler unterscheidet kaum etwas von jüngeren Athleten. Da sind Disziplin und Ehrgeiz im Training. Anspannung vor dem Wettkampf und das Taxieren der Gegner. Der Austausch mit Sportlern aus der ganzen Welt, die man schon seit Jahren und den vielen Wettkämpfen kennt, von denen aber einige "einfach nicht mehr da" sind. Da sind Jubel und Enttäuschung, je nach sportlichem Abschneiden. Ilse, die unbedingt den Weltrekord ihrer AK im Kugelstoßen mit sechs Metern übertreffen möchte, ärgert sich, dass es "nur" für 5,99m reicht. Im Kugelstoßen kann man sowieso nicht Zentimeter-genau messen, habe ihr mal ein Kampfrichter erzählt, also waren es wohl doch sechs Meter, tröstet sie sich wenig später.
Doch Herbstgold' ist weit mehr als ein Film über Sportler. Herbstgold' ist ein Film über das Alter(n) mit all seinen Widersprüchen und Widrigkeiten. Doch kein Anlass zur Sorge und zu pessimistischer Zukunftsbetrachtung, sondern der gelungene Versuch, sich zentralen Tabus wie z. B. der Alterssexualität, Einsamkeit, Krankheit und Tod auf witzige und selbstironische Weise zu nähern. Dabei werden die Sportler, die einzelnen Protagonisten des Films sowohl in ihrer Schicksalsergebenheit, aber auch in ihrem willensstarken Kampf gegen den eigenen Körper, gegen die ablaufende Zeit und gegen ihre Konkurrenz gezeigt. Herbstgold' ist eine Hommage an das Leben wie es sein kann: nicht immer glatt und faltenfrei, aber voll Humor und Willenskraft. Mit dieser lebensbejahenden Perspektive ist der Film fast schon ein Muss für Kino-Liebhaber, meint Künkeler. Schließlich zeige Herbstgold', dass es immer ein Morgen gibt - auch im hohen Alter.
Für Jüngere mag es fast unglaublich wirken, dass es auch für alte Menschen ein Morgen gibt - und doch ist es so. Von daher werden sich Jiri, Ilse, Herbert, Gabre und vielleicht sogar der 1908 geborene Alfred im nächsten Jahr einen weiteren Traum erfüllen: Vom 6.-17. Juli 2011 findet die 19. WMA-Weltmeisterschaft im amerikanischen Sacramento statt.
Gesehen und besprochen von Axel Künkeler
![]() |
Jörg Reckmann: BÄRLINGER SPLITTMarathon posthumEs geht los mit Goethe. "Die Mitteilungen über Basalt-Genese interessieren mich sehr" - dieses Zitat aus dem Jahr 1819 hat Jörg Reckmann an den Anfang seines Krimis gesetzt. Der Roman spielt in Goethes Heimatstadt Frankfurt, und so ergibt sich immer wieder die Gelegenheit, auf Leben und Werk des Dichters hinzuweisen: mal auf die Gerbermühle, wo er Marianne von Willemer besuchte, mal auf das Gingo-Biloba-Liebesgedicht, das an gleicher Stelle entstand. Auch der Touristendampfer "Goethe" wird geschickt in die mörderische Handlung eingebunden. |
Was aber hat es mit Goethes Basalt auf sich? Hier kommt der titelgebende Splitt ins Spiel: Am Tatort finden sich kleine Steinbrocken, Basaltstückchen, die einem bestimmten Steinbruch zugeordnet werden können und die Polizei ganz zuletzt auf die Spur des Mörders bringen. Als wenn der alte Dichterfürst persönlich (nachdem Kollege Schiller schon einen der ersten deutschen Kriminalromane schrieb) für ein glückliches Ende der Ermittlungen hätte sorgen wollen. Sehr hübsch.
Zum Inhalt: Ein Würzburger Immobilienhai namens Gerlach erreicht nach 4:12 h das Ziel des Frankfurt-Marathons. Zumindest steht es so in der Ergebnisliste, in Wahrheit liegt der Mann seit Stunden tot und verstümmelt am Mainufer. Dieser Fall weckt nicht nur das Interesse von Kommissar Schurmann, der den Marathon selbst mitgelaufen ist und so die Nachforschungen um persönliche Erfahrungen bereichern kann, sondern auch das seines Freundes, des Anwalts Bärlinger. Beide ermitteln parallel, manchmal auch in Konkurrenz zueinander; ein Spiegelbild ihres privaten Verhältnisses, das noch vor Kurzem durch die Liebe zu derselben Frau getrübt war.
Dem Langstreckler unter den Lesern serviert Autor Reckmann, selbst marathonerfahren, einige lauftypische Schmankerl wie den Massenstart und Zieleinlauf in Frankfurt, die spätere Heldenpose mit Medaille um den Hals, die Schmerzen am Tag danach bis hin zur Erwähnung von Schuhmarken. Eben dieser Leser wird aber auch sofort erraten, wie das Mordopfer auf die Ergebnisliste des Marathons geraten konnte: Klar, da hat jemand - der Mörder? - Gerlachs Chip über sämtliche Matten getragen. Unter Reckmanns Ermittlern dagegen sorgt das noch auf Seite 86 für Ratlosigkeit.
Später geht es um einen länger zurückliegenden Marathon in Würzburg und um die Frage, ob die Registrierung durch die elektronische Zeitnahme und das Erscheinen auf dem Zielfoto als Alibi taugen. Ein Läuferkrimi im engeren Sinn ist "Bärlinger: Splitt" dennoch nicht. Es fehlen das Milieu, die typischen Themen und Figuren. Alles kreist um die Frage eines möglichen Alibis durch Chips und Fotos.
Das wäre nun noch kein Fehler. Schwerer wiegen die handwerklichen Mängel des Romans. Zunächst stößt man sich an einigen Ungereimtheiten, vor allem im Aufbau des Plots. Da werden zwei Männer mit demselben Medikamentencocktail vergiftet; während der eine nach über einem Monat noch nicht vernehmungsfähig ist, steht der andere binnen weniger Tage Rede und Antwort. Anwalt Bärlinger beginnt seine Nachforschungen gleich am Tag nach dem Mord, um dann eine gute Woche ungenutzt verstreichen zu lassen. Unglaubwürdig auch die zahlreichen, ans Absurde grenzenden Nachlässigkeiten der Behörden: Für die entscheidenden Ermittlungserfolge sorgen nicht etwa Polizisten, sondern ein Journalist, ein pensionierter Kommissar und ein Anwalt, alle auf eigene Faust. Zuletzt muss Reckmann etliche Male den Zufall bemühen, am haarsträubendsten im Fall der Drogenabhängigen, die den Toten am Mainufer findet und in ihm jenen Mann erkennt, zu dem sie am Abend zuvor ins Auto gestiegen ist. Ganz abgesehen von der Frage, welcher Marathoni sich in der Nacht vor dem Start einen Prostituiertenbesuch leistet ...
Überhaupt gehört Figurenzeichnung nicht zu Reckmanns Stärken. Bärlinger und Schurmann mögen noch einigermaßen glaubwürdig erscheinen, die Frauen um sie herum nicht: Drogenärztin Dr. Pahlmann ergeht sich in pathetischen Monologen, Ermittlerin Katja wirkt mit ihrem Tattoo und den raspelkurzen Haaren wie eine Doppelgängerin von Stieg Larssons Lisbeth Salander. Völlig missglückt sind die Auftritte der hessischen Landespolitiker; da wird von der Sexaffäre bis zum geheimen Nummernkonto in der Schweiz kein Klischee ausgelassen.
Überzeugen kann der Roman vor allem dort, wo Vorgänge im Detail, aber aus einer gewissen Distanz heraus geschildert werden. Die Marathonszene zum Beispiel. Oder die Abläufe und Begebenheit während polizeilicher Ermittlungen inklusive ihrer juristischen Folgen. Oder auch nur die Morgenstimmung am Mainufer. Immer wenn Reckmann die Position des Beobachters verlässt und das Beschriebene mit Interpretationen auflädt, hängt der Text durch. Was leider häufig geschieht: Eine Nachhilfestunde in Sachen liberaler Drogenpolitik bekommt der Leser ebenso frei Haus wie das Lamento über Frankfurts Spekulanten und Stadtverschandler. Anstatt Figuren, etwa die alte Nachbarin in Würzburg, durch ihre Handlungen und Äußerungen plastisch zu zeichnen, entwirft der Erzähler ein umfangreiches Psychogramm und nötigt so den Leser, selbst für ein Bild zu sorgen, das zu den dargebotenen Schlagworten ("eine richtige Dame", "Selbstachtung", "Seelenruhe") passt.
Dass bei der Lektüre trotzdem Spannung aufkommt, liegt an der bedächtigen, durchaus gekonnten Art Reckmanns, das Verbrechenspuzzle aus vielen Einzelstücken nach und nach zu vervollständigen. Wie glücklich man mit dem Bild ist, das sich dabei ergibt, mag jeder selbst entscheiden. An Originalität hat es jedenfalls nicht viel zu bieten: Allzu rasch ahnt man, dass der Rachefeldzug gegen Gerlach & Co. durch eine ungesühnte Tat ausgelöst wurde; natürlich handelt der "Rächer" aus nachvollziehbaren, ja sympathischen Gründen; und dass es dabei um das Unschuldigste aller Opfer, ein minderjähriges Mädchen, geht, muss aus Sicht des Romans sein, um die Grausamkeit des Sühnemords zu legitimieren. All das kennt man aus unzähligen Filmen und Serienkillerromanen, und es ersetzt, leider, die ernsthafte Auseinandersetzung mit solchen Schicksalen (die es ja sehr wohl gibt) durch oberflächlichen Grusel.
Gelesen und besprochen von Marcus Imbsweiler
![]() |
Jörg Reckmann BÄRLINGER SPLITT |