Leichtathletik-WM der AK 80-100 Beeindruckender Film über Sport und Alter(n)
Bei den Laufveranstaltungen, über die LaufReport regelmäßig aus aller Welt berichtet, sind die Altersklassen M/W 70-80 stets vertreten. Doch die Altersklassen jenseits der 80 sind bei den normalen' Volksläufen, Marathons oder Ultras allenfalls spärlich besetzt. Anders bei der Senioren-Leichtathletik-WM, an der insgesamt bis zu 6000 Sportler teilnehmen: bei der 18. Weltmeisterschaft der World Masters Athletics' (WMA), die vom 28. Juli bis 8. August 2009 in Lahti (Finnland) stattfand, umfasste die Ergebnislisten für die AK 80-100 allein 36 Seiten!
In dem Dokumentarfilm Herbstgold', der seit einiger Zeit leider nur in wenigen Kinos läuft, erzählt Regisseur Jan Tenhaven, wie sich fünf Männer und Frauen im Alter von 80 bis 100 Jahren auf diese Senioren-WM in Lahti (Finnland) vorbereiten: der 82-jährige Hochspringer Jiri aus Tschechien, die 85-jährige Kugelstoßerin Ilse aus Kiel, der 93-jährige 100m-Läufer Herbert aus Stockholm, die 94-jährige Diskuswerferin Gabre aus dem italienischen Brescia sowie der 100-jährige Diskuswerfer Alfred aus Wien sind die Protagonisten des Films. "Ein absolut sehenswerter Film für jung und alt", meint LaufReporter Axel Künkeler.
Seniorensport fristet im Sportteil der Zeitungen nur ein Schattendasein. Mehr als Kuriosum in der Rubrik Vermischtes' entdeckte Tenhaven 2006 zufälligerweise den Hinweis auf die 17. WMA-Weltmeisterschaft, die im Jahr 2007 in Riccione stattfinden sollte. Neugier und wohl eine Portion Voyeurismus ließen ihn nach Italien reisen. Doch die zwei Wochen unter den Seniorensportlern beeindruckten den Filmregisseur: die ungeheure Anspannung und positive Energie, Humor wie auch Ernsthaftigkeit entfalteten bei ihm eine elektrisierende Wirkung. "Da war keine Verbissenheit festzustellen", so Tenhaven. "Allenfalls Trotz: Euch zeige ich es noch". Damit war der Wunsch geboren, den Helden des Seniorensports eine filmische Bühne zu bieten, um ein Stück von deren Energie und Lebensmut an die Zuschauer weitergeben zu können.
In Herbstgold' wirft Regisseur Tenhaven einen einfühlsamen, einen ebenso liebevollen wie respektvollen Blick auf den Seniorensport. Er zeigt, wie die bejahrten Sportler es auf der Zielgeraden ihres Lebens noch einmal wissen wollen, wie Disziplin und Ehrgeiz, aber auch ihre Lebensfreude das Alter mit all seinen Widrigkeiten trotzdem lebenswert machen. Witz und Humor kommen ebenso zu Wort wie Krankheit und Verlust. Die stets elegant gekleidete Gabre, die mit ihrem Alter kokettiert ("Ich frage doch Jüngere auch nicht nach ihrem Alter".) genauso wie die ebenso auf ihr Aussehen bedachte Ilse, die den Tod ihres Mannes beklagt. Der ebenso streng wie humorvoll daher kommende Herbert sowie der 100-jährige Aktmaler Herbert, der nach einer Knieoperation nur mit einem Rollator zum Diskusring gehen kann.
Die fünf Sportler unterscheidet kaum etwas von jüngeren Athleten. Da sind Disziplin und Ehrgeiz im Training. Anspannung vor dem Wettkampf und das Taxieren der Gegner. Der Austausch mit Sportlern aus der ganzen Welt, die man schon seit Jahren und den vielen Wettkämpfen kennt, von denen aber einige "einfach nicht mehr da" sind. Da sind Jubel und Enttäuschung, je nach sportlichem Abschneiden. Ilse, die unbedingt den Weltrekord ihrer AK im Kugelstoßen mit sechs Metern übertreffen möchte, ärgert sich, dass es "nur" für 5,99m reicht. Im Kugelstoßen kann man sowieso nicht Zentimeter-genau messen, habe ihr mal ein Kampfrichter erzählt, also waren es wohl doch sechs Meter, tröstet sie sich wenig später.
Doch Herbstgold' ist weit mehr als ein Film über Sportler. Herbstgold' ist ein Film über das Alter(n) mit all seinen Widersprüchen und Widrigkeiten. Doch kein Anlass zur Sorge und zu pessimistischer Zukunftsbetrachtung, sondern der gelungene Versuch, sich zentralen Tabus wie z. B. der Alterssexualität, Einsamkeit, Krankheit und Tod auf witzige und selbstironische Weise zu nähern. Dabei werden die Sportler, die einzelnen Protagonisten des Films sowohl in ihrer Schicksalsergebenheit, aber auch in ihrem willensstarken Kampf gegen den eigenen Körper, gegen die ablaufende Zeit und gegen ihre Konkurrenz gezeigt. Herbstgold' ist eine Hommage an das Leben wie es sein kann: nicht immer glatt und faltenfrei, aber voll Humor und Willenskraft. Mit dieser lebensbejahenden Perspektive ist der Film fast schon ein Muss für Kino-Liebhaber, meint Künkeler. Schließlich zeige Herbstgold', dass es immer ein Morgen gibt - auch im hohen Alter.
Für Jüngere mag es fast unglaublich wirken, dass es auch für alte Menschen ein Morgen gibt - und doch ist es so. Von daher werden sich Jiri, Ilse, Herbert, Gabre und vielleicht sogar der 1908 geborene Alfred im nächsten Jahr einen weiteren Traum erfüllen: Vom 6.-17. Juli 2011 findet die 19. WMA-Weltmeisterschaft im amerikanischen Sacramento statt.
Gesehen und besprochen von Axel Künkeler
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Jörg Reckmann: BÄRLINGER SPLITTMarathon posthumEs geht los mit Goethe. "Die Mitteilungen über Basalt-Genese interessieren mich sehr" - dieses Zitat aus dem Jahr 1819 hat Jörg Reckmann an den Anfang seines Krimis gesetzt. Der Roman spielt in Goethes Heimatstadt Frankfurt, und so ergibt sich immer wieder die Gelegenheit, auf Leben und Werk des Dichters hinzuweisen: mal auf die Gerbermühle, wo er Marianne von Willemer besuchte, mal auf das Gingo-Biloba-Liebesgedicht, das an gleicher Stelle entstand. Auch der Touristendampfer "Goethe" wird geschickt in die mörderische Handlung eingebunden. |
Was aber hat es mit Goethes Basalt auf sich? Hier kommt der titelgebende Splitt ins Spiel: Am Tatort finden sich kleine Steinbrocken, Basaltstückchen, die einem bestimmten Steinbruch zugeordnet werden können und die Polizei ganz zuletzt auf die Spur des Mörders bringen. Als wenn der alte Dichterfürst persönlich (nachdem Kollege Schiller schon einen der ersten deutschen Kriminalromane schrieb) für ein glückliches Ende der Ermittlungen hätte sorgen wollen. Sehr hübsch.
Zum Inhalt: Ein Würzburger Immobilienhai namens Gerlach erreicht nach 4:12 h das Ziel des Frankfurt-Marathons. Zumindest steht es so in der Ergebnisliste, in Wahrheit liegt der Mann seit Stunden tot und verstümmelt am Mainufer. Dieser Fall weckt nicht nur das Interesse von Kommissar Schurmann, der den Marathon selbst mitgelaufen ist und so die Nachforschungen um persönliche Erfahrungen bereichern kann, sondern auch das seines Freundes, des Anwalts Bärlinger. Beide ermitteln parallel, manchmal auch in Konkurrenz zueinander; ein Spiegelbild ihres privaten Verhältnisses, das noch vor Kurzem durch die Liebe zu derselben Frau getrübt war.
Dem Langstreckler unter den Lesern serviert Autor Reckmann, selbst marathonerfahren, einige lauftypische Schmankerl wie den Massenstart und Zieleinlauf in Frankfurt, die spätere Heldenpose mit Medaille um den Hals, die Schmerzen am Tag danach bis hin zur Erwähnung von Schuhmarken. Eben dieser Leser wird aber auch sofort erraten, wie das Mordopfer auf die Ergebnisliste des Marathons geraten konnte: Klar, da hat jemand - der Mörder? - Gerlachs Chip über sämtliche Matten getragen. Unter Reckmanns Ermittlern dagegen sorgt das noch auf Seite 86 für Ratlosigkeit.
Später geht es um einen länger zurückliegenden Marathon in Würzburg und um die Frage, ob die Registrierung durch die elektronische Zeitnahme und das Erscheinen auf dem Zielfoto als Alibi taugen. Ein Läuferkrimi im engeren Sinn ist "Bärlinger: Splitt" dennoch nicht. Es fehlen das Milieu, die typischen Themen und Figuren. Alles kreist um die Frage eines möglichen Alibis durch Chips und Fotos.
Das wäre nun noch kein Fehler. Schwerer wiegen die handwerklichen Mängel des Romans. Zunächst stößt man sich an einigen Ungereimtheiten, vor allem im Aufbau des Plots. Da werden zwei Männer mit demselben Medikamentencocktail vergiftet; während der eine nach über einem Monat noch nicht vernehmungsfähig ist, steht der andere binnen weniger Tage Rede und Antwort. Anwalt Bärlinger beginnt seine Nachforschungen gleich am Tag nach dem Mord, um dann eine gute Woche ungenutzt verstreichen zu lassen. Unglaubwürdig auch die zahlreichen, ans Absurde grenzenden Nachlässigkeiten der Behörden: Für die entscheidenden Ermittlungserfolge sorgen nicht etwa Polizisten, sondern ein Journalist, ein pensionierter Kommissar und ein Anwalt, alle auf eigene Faust. Zuletzt muss Reckmann etliche Male den Zufall bemühen, am haarsträubendsten im Fall der Drogenabhängigen, die den Toten am Mainufer findet und in ihm jenen Mann erkennt, zu dem sie am Abend zuvor ins Auto gestiegen ist. Ganz abgesehen von der Frage, welcher Marathoni sich in der Nacht vor dem Start einen Prostituiertenbesuch leistet ...
Überhaupt gehört Figurenzeichnung nicht zu Reckmanns Stärken. Bärlinger und Schurmann mögen noch einigermaßen glaubwürdig erscheinen, die Frauen um sie herum nicht: Drogenärztin Dr. Pahlmann ergeht sich in pathetischen Monologen, Ermittlerin Katja wirkt mit ihrem Tattoo und den raspelkurzen Haaren wie eine Doppelgängerin von Stieg Larssons Lisbeth Salander. Völlig missglückt sind die Auftritte der hessischen Landespolitiker; da wird von der Sexaffäre bis zum geheimen Nummernkonto in der Schweiz kein Klischee ausgelassen.
Überzeugen kann der Roman vor allem dort, wo Vorgänge im Detail, aber aus einer gewissen Distanz heraus geschildert werden. Die Marathonszene zum Beispiel. Oder die Abläufe und Begebenheit während polizeilicher Ermittlungen inklusive ihrer juristischen Folgen. Oder auch nur die Morgenstimmung am Mainufer. Immer wenn Reckmann die Position des Beobachters verlässt und das Beschriebene mit Interpretationen auflädt, hängt der Text durch. Was leider häufig geschieht: Eine Nachhilfestunde in Sachen liberaler Drogenpolitik bekommt der Leser ebenso frei Haus wie das Lamento über Frankfurts Spekulanten und Stadtverschandler. Anstatt Figuren, etwa die alte Nachbarin in Würzburg, durch ihre Handlungen und Äußerungen plastisch zu zeichnen, entwirft der Erzähler ein umfangreiches Psychogramm und nötigt so den Leser, selbst für ein Bild zu sorgen, das zu den dargebotenen Schlagworten ("eine richtige Dame", "Selbstachtung", "Seelenruhe") passt.
Dass bei der Lektüre trotzdem Spannung aufkommt, liegt an der bedächtigen, durchaus gekonnten Art Reckmanns, das Verbrechenspuzzle aus vielen Einzelstücken nach und nach zu vervollständigen. Wie glücklich man mit dem Bild ist, das sich dabei ergibt, mag jeder selbst entscheiden. An Originalität hat es jedenfalls nicht viel zu bieten: Allzu rasch ahnt man, dass der Rachefeldzug gegen Gerlach & Co. durch eine ungesühnte Tat ausgelöst wurde; natürlich handelt der "Rächer" aus nachvollziehbaren, ja sympathischen Gründen; und dass es dabei um das Unschuldigste aller Opfer, ein minderjähriges Mädchen, geht, muss aus Sicht des Romans sein, um die Grausamkeit des Sühnemords zu legitimieren. All das kennt man aus unzähligen Filmen und Serienkillerromanen, und es ersetzt, leider, die ernsthafte Auseinandersetzung mit solchen Schicksalen (die es ja sehr wohl gibt) durch oberflächlichen Grusel.
Gelesen und besprochen von Marcus Imbsweiler
Jörg Reckmann BÄRLINGER SPLITT
Gebunde Ausgabe: 316 Seitenr
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt; Auflage: 1 (1. September 2010) 19,90 Euro.
ISBN 978-3-627-00168-1
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Born to run
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Sicher ist es ein Buch, das jedermann in seinen Bann ziehen kann, insbesondere aber spricht es Läufer an, speziell Ultraläufer. Schon das Reizwort „Tarahumara“ würde genügen, uns neugierig zu machen. Doch sowohl in der amerikanischen Ausgabe als auch in der Übersetzung kommen die Tarahumara, die Rarámuri (= Fußläufer), in der Titelei nicht vor. Womöglich hat der Verlag gemeint, Nichtläufer damit abzuschrecken. Christopher McDougall, ehemaliger Kriegsberichterstatter für Associated Press, Mitarbeiter von Men’s Health, hat sich in die Schluchten der mexikanischen Sierra Madre begeben, in die sich die Tarahumara, jener Indio-Stamm, der das lange Laufen mit einer Holzkugel als Kult und Geselligkeit pflegt, zurückgezogen haben. Die zentrale Frage des Autors war, wieso eigentlich sind so viele Läufer verletzt, Wölfe brauchten auch keine Eisbeutel!
McDougall hat eine Antwort gefunden. Doch das ist nur einer der Handlungsfäden. Der Autor porträtiert eine ganze Anzahl von Menschen, denen er bei seinen Lauf-Recherchen begegnet ist. Das Buch beginnt und endet mit Caballo Blanco, dem Weißen Pferd, einem Amerikaner, der sich in die Sierra Madre geflüchtet hat und die Verbindung zu den nahezu unsichtbaren Tarahumara herstellt. Eigene Fußverletzungen haben den schwergewichtigen McDougall dazu gebracht, Kontakt zu den Indios zu suchen, die der Literatur nach unglaubliche Laufleistungen vollbringen. McDougall zitiert den norwegischen Forschungsreisenden Carl Lumholtz, den französischen Schriftsteller Antonin Arraud, den amerikanischen Abenteurer Frederick Schwatka.
Insofern erinnert die Geschichte an den deutschen Sportreporter Arthur E. Grix, der nach den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles ziemlich spontan nach Mexiko aufbrach und seine Eindrücke und Beobachtungen, einschließlich einer Carrera (= rarájipari), eines jener legendären Fußrennen, in einem Buch geschildert hat (erschienen 1935 bei Limpert). Doch anders als Grix verschränkt McDougall seinen Expeditionsbericht mit einer Unzahl von abenteuerlichen Episoden in einem von zwei Drogenkartellen beherrschten Gebiet, Begegnungen, Charakterbildern, aktuellen Informationen der Evolutionsbiologie und Ethnologie. Dabei gelingt es ihm, die Leser von Seite zu Seite mitzunehmen. Es erwartet uns ein fesselnder Lesestoff, jedoch einer, der nicht an der Oberfläche bleibt. Ein Buch also, das man besitzt, um es wieder zu lesen. Wenn man es einem Läufer schenkt, kann man nichts falsch machen.
Obwohl McDougall in der Ich-Form schreibt, nimmt er sich selbst - anders als sein Landsmann Dean Karnazes - über dem Stoff zurück. Allenfalls, daß er manchmal stark pointiert, zum Beispiel bei der Lebensweise der Tarahumara.
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So ganz unsichtbar sind ja auch sie nicht; zumindest sieht man sie, wenn sie sich sehen lassen wollen. Im Jahr 1994 konnte man drei von ihnen dank Vermittlung beim Swiss Alpine erleben. Sie liefen die damalige Superstrecke von Davos über Filisur, Bergün und den Sertigpaß in ihren selbstgefertigten Sandalen aus Autoreifen. Ihre dabei nicht überragenden Leistungen wurden wie anderswo damit begründet, daß die Strecke für sie zu kurz sei. |
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| Die Tarahumara laufen in selbstgefertigten Sandalen, aufgenommen 1994 in Davos - Photo: Sonntag |
Was ist nun die Ursache der vielen Laufverletzungen? Nach Christopher McDougall sind es die Laufschuhe. Er beruft sich dabei insbesondere auf die Erkenntnisse von Professor Dr. Daniel Lieberman, Harvard University, und versucht, sie durch seine Recherchen zu belegen. Für sich selbst hat er die Konsequenz gezogen: Er läuft barfuß und benützt die Gelegenheit, dies zur Nachahmung zu empfehlen. Im Buch allerdings hält er sich damit zurück. McDougall hat sorgfältig gearbeitet; dennoch habe ich meine Zweifel an dem Material, das er aus der Wissenschaft zutage gefördert hat. Auch in früheren Generationen gab es Fußverletzungen; ich selbst litt als Kind an Erfrierungen, weil meine Lederschuhe zu eng geworden waren. Niemand hat solche Verletzungen statistisch festgehalten. Als die Massen zu laufen begannen, waren bereits Fuß- und Beinfehlstellungen von Geburt an oder infolge Nichtgebrauchs oder falscher Ernährung vorhanden. Das Laufen hat diese Fehlstellungen oder zivilisatorischen Funktionsschwächen an den Tag gebracht. Falsche Laufschuhkonzepte - McDougall kritisiert Nike - haben sicher ebenso wie die falsche persönliche Schuhwahl zu Verletzungen geführt, und der unüberlegte Griff zu Einlagen vermochte nicht, sie zu heilen. Einer der frühen Warner vor dem Glaubensbekenntnis der Dämpfung ist Carl-Jürgen Diem. Doch davon ist in den USA nicht Kenntnis genommen worden. Es ist ja auch nicht so, daß alle Läufer nur noch Nike getragen hätten. In Europa hat Nike bei den Läufern längst nicht die Rolle gespielt wie in den USA. Doch auch hier gibt es Fuß- und Beinverletzungen; möglich, daß diese durch Laufschuhe nicht korrigiert werden konnten, aber daß sie durch die Laufschuhe hervorgerufen sein sollen, müßte wohl noch bewiesen werden. Ob vier Fünftel aller Läufer einmal im Jahr Beschwerden haben, möchte ich bezweifeln.
Dennoch, McDougall hat mit seinem ersten Buch eine Diskussion über das Barfußlaufen in Gang gesetzt. Es ist anzunehmen, daß sich dies nach Erscheinen der deutschen Übersetzung in den deutschsprachigen Ländern fortsetzt. Wir haben ja auch in Deutschland Barfußläufer oder Quasi-Barfüßler, nämlich Läufer in „Schuhen“ der Tarahumara-Art. Deren Erscheinungsbild wird durch dieses Buch ganz sicher aufgewertet. Selbst Schuhproduzenten wie Nike haben die Barfußläufer als Zielgruppe entdeckt und bieten nun auch Einfachstschuhe an.
An der gelungenen deutschen Ausgabe von „Born to run“ hat der Übersetzer, Werner Roller, den Hauptanteil. Ich kenne zwar das amerikanische Original nicht, aber seine Übersetzung hat aus dem Stoff ein auch auf Deutsch lesenswertes Buch gemacht. Roller hat Dialoge einfühlsam in Alltagsdeutsch umgesetzt. Wir Läufer können uns in diesem Buch wiedererkennen. Ich habe in dem 400 Seiten starken Band auch nur zwei Druckfehler (Eingabefehler) entdeckt. Der Titel ist zu Recht nicht übersetzt worden. „Born to run“ ist längst ein Zitat. Der Titel gibt präzise die generelle Aussage wieder: Wir alle sind zum Laufen geboren.
Gelesen und besprochen von Werner Sonntag
Christopher McDougall: Born to run.
Ein vergessenes Volk und das Geheimnis der besten und glücklichsten Läufer der
Welt.
Aus dem Amerikanischen von Werner Roller.
Blessing-Verlag, 2010. Geb., 400 S., 19,95 Euro (D).
ISBN 978-3-89667-366-4
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So mancher mag bei den kuriosen Nachrichten und Subkulturen die uns oftmals aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten erreichen an eine Republik im Dauerdelirium denken. Aber hier geht es um ein sportliches Event, dazu noch um die härteste Ausdauerprüfung der Welt. In maximal 12 Tagen per Fahrrad 4800 Kilometer von der West- zur Ostküste der USA, über 3000 Meter hohe Pässe und durch 40 Grad heiße Wüsten - das Race Across America (RAAM) ist ein Einzelzeitfahren, bei dem regelmäßig 50% der Teilnehmer aussteigen müssen. Das RAAM steht für Schlafentzug, Schmerzen, Halluzinationen, wund gescheuerte Hintern und eben auch extremsportliches Delirium. |
Und es steht für etwas, das so nur in den USA entstehen konnte. Denn die Durchquerung des Kontinents ist seit den Pionierzeiten ein fast schon heiliges Ritual.
Seit nunmehr 29 Jahren wird das RAAM alljährlich ohne Unterbrechung ausgetragen und ist somit das am längsten existierende Transkontinentalrennen. Da können auch die handvoll Trans Amerika Läufe nicht mithalten, die es zwar schon früher gab ("Bunion Derbys" 1928 und 1929), aber nur sporadisch veranstaltet werden. Der "Mount Everest des Ausdauersportlers" wird überwiegend von Freaks aus der Ultraradsportszene in Angriff genommen. Doch regelmäßig finden sich in den erlesenen Starterfeldern auch Fremdgänger aus der Lauf- und Triathlonszene. Grund genug für LaufReport, einmal einen Blick über den Zaun zu werfen.
Als erster Mensch wagte sich der Rezensent an die Aufgabe, den Kontinent zu Fuß und per Rad, jeweils im Rahmen eines Wettkampfes zu durchqueren, scheiterte aber daran kläglich (Trans-Am 1992 - Finisher nach 64 Tagen, RAAM 1995 - Abbruch nach 8 ½ Tagen und 3400 gefahrenen Kilometern in Memphis/Tennessee). Dem Deutschen Rüdiger Dittmann aus Kempten gelang dies ein Jahr später (Trans-Am Finisher 1993, RAAM 1996 in 11 Tagen + 15:33 Stunden). Nachdem der Rezensent drei Kontinente erfolgreich zu Fuß durchquert hatte gelang ihm schließlich mit der "Tour d'Afrique 2005" doch noch eine Transkontinentaldurchquerung auf zwei Rädern: 12.000 km in 4 Monaten von Kairo nach Kapstadt. Unter den 9 Teilnehmern die diesen Trip "überlebten" (33 am Start) befand sich auch David Houghton aus Kanada, ein begnadeter Schreiber. David, der bereits für Kanada bei den Duathlon-Weltmeisterschaften am Start war, hatte gerade sein erstes Buch publiziert: "66 Days With Satan" - das Tagebuch einer zweimonatigen Durchquerung Kanadas mit dem Rennrad. Es folgte mit "The E.F.I. Club" eine Chronik der Tour d'Afrique, dortmals das längste Radrennen der Welt (E.F.I. steht für "Every Fucking Inch" - also für die handvoll Athleten, welche jeden Zentimeter zwischen Kairo und Kapstadt mit dem Rad zurückgelegt haben).
Nun also sein Drittes Meisterwerk "The United States of Delirium" - The Story of the Race Across America. Anders als die meisten Autoren setzt er sich dabei nicht mit den selbst erlebten Exzessen auseinander - David nahm am RAAM 2007 erfolgreich in der Zwei-Mann-Kategorie teil. Nein, er wollte sich dem Phänomen Race Across America literarisch nähern. Ihn faszinierten vor allem die Einzelstarter, der eigentliche Ursprung des RAAM, diesem "Feldzug der Schmerzen" quer durch den Kontinent. Es folgten umfangreiche Recherchen zur Historie, sowie den unzähligen Geschichten und Dramaturgien dieses Rennens. Dabei entdeckte er unglaubliche Fakten, nicht nur zu dem Rennen selbst, sondern auch zu Amerika und seinem Verhältnis zu Fahrrädern. Er fand heraus, dass die ersten Straßen von und für Radfahrer asphaltiert wurden. Der erste Autounfall war ein Crash mit einem Radfahrer im Jahre 1903!
David hatte bereits alles über die vergangenen Jahre des RAAM's zusammengeschrieben, hatte Dutzende Teilnehmer und die kuriosesten Typen aus der 27-jährigen Geschichte kontaktiert und interviewt. Was fehlte war eine aktuelle Geschichte, die quasi als Roter Faden Kapitel für Kapitel zusammenfügte. Und ein Protagonist auf den sich der Fokus des Buches richten sollte. In Dave Haase aus Fond du Lac in Wisconsin, einem RAAM-Veteranen, der sich auf seine 4. Teilnahme vorbereitete, wurde er fündig. Zusammen mit dem Profifotografen Lorne Bridgman kehrte er 2008 zum RAAM zurück, um das Geschehen zu verfolgen, David Haase zu begleiten und seine Leidensgenossen zu beobachten. Heraus kam ein exzellent recherchiertes, literarisches Meisterwerk und ein faszinierender Bildband, der das RAAM beschreibt wie es ist: Abnorme Strapaze, übermenschliche Leistung, seelisches Inferno, ungewöhnliche Menschen, traumhafte Landschaften und unglaubliche Geschichten.
Interessante Perspektiven eröffnet ein Vergleich mit der Tour de France, oder die Feststellung, dass es mit insgesamt rund 200 Finishern beim RAAM weniger gibt als solche, die den Mt. Everest bezwungen haben und einer, dem beides gelungen ist (Wolfgang Fasching aus Österreich). Ebenso der Fakt, dass bei Kollisionen mit Autos jährlich 700 Radfahrer auf US-Straßen getötet werden. Auch die beiden einzigen Todesfälle in der 29-jährigen Geschichte des Rennens werden behandelt. Ungewöhnliche Ereignisse wie der nächtliche Überfall auf einen Fahrer und seine Crew oder dem Österreicher Franz Preihs, der nach einem Sturz mit gebrochenem Schlüsselbein noch über 1800 Meilen bis ins Ziel weiterfuhr.
Zitat aus dem Kapitel Survival: "Die Körper der Fahrer beim RAAM degenerieren zusehends zwischen Start und Ziel; die Frage ist lediglich wie schnell er oder sie auseinander fällt, gemessen daran wie schnell sie das Ziel erreichen". Das RAAM zieht die kuriosesten Charaktere an. Da ist Rob Kish, der dieses Monsterrennen zwanzigmal in Angriff nahm und dreimal als Sieger beendete. Oder Jonathan Boyer, der erste Amerikaner bei der Tour de France. 1985 nahm er sich der Problemstellung RAAM aufgrund einer Wette an, siegte und stellte dabei den noch heute gültigen Geschwindigkeitsrekord auf (23 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit). Und da ist Johnny G aus Südafrika, der Erfinder des Spinning, der diese Methode erstmals in sein Training integrierte um sich auf das 87er Rennen vorzubereiten. Der erste Transkontinentalfahrer war übrigens ein Engländer. Thomas Stevens, 29 Jahre, startete am 22. April 1884 um 8 Uhr in San Francisco und kam 104 Tage später in Boston an. Dabei hatte er nur die wichtigste Ausrüstung: Ersatzsocken und -T-Shirt, eine Regenjacke und eine 38 Kaliber Smith & Wesson .
Dem Dominator der vergangenen Jahre ist ebenfalls ein Kapitel gewidmet: Jure Robic, Berufssoldat aus Slowenien, ist der einzige Mensch der das RAAM viermal gewinnen konnte. Jure ist ein kompromissloser Fighter und wird respektvoll als Ein-Mann-Armee bezeichnet. Das RAAM 2004 gewann er mit nur insgesamt 8 Stunden Schlaf in 9 Tagen! Ergänzung des Rezensenten: Dieses kleine Balkanland hat auch einen talentierten Transkontinentalläufer hervorgebracht. Der Slowene Dusan Mravlje, ein ehemaliger Weltklasseultraläufer, gewann den Trans Amerika Lauf 1995 in Rekordzeit!
Das Buch ist kein Ratgeber, sondern ein Leseabenteuer, reich bebildert mit hochwertigen Fotografien, für alle die sich von der Faszination des Extremsports angezogen fühlen.
Gelesen und besprochen von Stefan Schlett
David Houghton & Lorne Bridgman:
The United States of Delirium
The Story of the Race Across America
-in englischer Sprache-
145 Seiten, 75 Bilder,
19.- Euro + Versandkosten aus Übersee
ISBN: 978-0-9811304-0-8
Bezug: www.theunitedstatesofdelirium.com
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Wer sich in der Laufszene auskennt, kennt längst auch die Autoren von Laufbüchern und laufrelevanten Büchern. Die Autoren sind Eliteläufer oder Erlebnisläufer, Trainer oder Wissenschaftler oder Läufer wie du und ich, die ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse zu Papier gebracht haben. Da Laufen die Kreativität fördert, ist das Angebot inzwischen nicht gerade spärlich. Wer jedoch ist Lothar Koopmann, der Verfasser von „Mission Marathon“? „Lothar Koopmann, einst korpulentes Kind einer rheinischen Arbeiterfamilie, wird in späteren Jahren sportlich“, viel mehr verrät der Band nicht. Da muß man schon selber recherchieren, falls einen der wenig aussagekräftige Titel, der offenbar nur wegen der Alliteration zustande gekommen ist, und die Negation des Untertitels nicht davon abhalten. Das jedoch wäre schade. |
Der Stoff ist höchst durchschnittlich: Ein Mann schließt sich mit seiner Ehefrau einem Lauftreff an und versucht, einen Marathon zu laufen. Was dem Autor dabei widerfährt, was ihm dabei einfällt, schildert er launig in etwa 50 Episoden. Es sind alltägliche Begebenheiten; ganz sicher können sich die meisten von uns mit ihnen identifizieren. Obwohl uns also der Autor auf höchst vertrautes Terrain mitnimmt, folgen wir immer aufs neue gern seinen vergnüglichen Trainingsstrecken. Die Texte sind unterhaltsam, aber nicht oberflächlich; sie handeln im Grunde von einem einzigen Menschen, aber dieser, der Autor, nimmt sich dermaßen zurück, daß wir ihn nicht einmal in einem Photo zu Gesicht bekommen. Nur in den Laufkarikaturen von Thomas Plaßmann erkennen wir ihn. Und wer in Duisburg wohnt, kann sowohl eine Plaßmann-Ausstellung besuchen als auch eine Lesung des Autors.
Wer sonst wissen will, wer Lothar Koopmann ist, muß die Website seines Arbeitgebers anklicken; er ist Verlagsleiter eines eher kleineren Duisburger Verlages. Dies ist das erste eigene Buch des Achtundfünfzigjährigen. Man kann in Anbetracht der beruflichen Tätigkeit des Autors davon ausgehen, daß der Band trotz seiner Lockerheit durchaus professionell gemacht ist. Sicher haben Lektorat und Autor mit dem Zitatenschatz und den Notizen eines Redakteurs und des Verkaufsleiters ein wenig mit ihren Möglichkeiten gespielt. Ob zwei leere Seiten, nur versehen mit einem Kommentar, ebenfalls als witzig empfunden werden, muß dem Urteil der Leser überlassen bleiben. Mich haben sie an die Anzeigenseiten in den frühen rororo-Romanen erinnert.
Fassen wir zusammen: Eine unterhaltsame heitere Rückschau eines Läufers, der sich auch selbst immer wieder auf die Schippe nimmt. Dennoch seriös erarbeitet und stimmig in den läuferischen Details. Das intellektuelle Niveau des Autors läßt ihn Distanz wahren, er übernimmt nichts ungeprüft; andererseits aber respektiert er Eigentümlichkeiten und Besonderheiten des Laufsports. Er schimpft nicht über Anglizismen, er übersetzt sie und macht damit vielleicht manchen Leser nachdenklich. Da auch der Preis paßt, eignet sich das Buch durchaus als Geschenk.
Gelesen und besprochen von Werner Sonntag
Lothar Koopmann: Mission Marathon.
Wie ich kein Superläufer wurde.
Illustrationen: Thomas Plaßmann. Sportwelt-Verlag, 2010. Taschenbuch, 251 S.,
8,95 Euro. ISBN 978-3-941297-04-3
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Emil Zátopek ist eine Lauflegende. Bei den Olympischen Spielen in Helsinki 1952 gewann er Gold über alle drei Langstrecken, war zeitweise im Besitz von acht Weltrekorden. Mindestens ebenso berühmt wie diese Leistungen wurde seine Art zu laufen, die ihm den Spitznamen „tschechische Lokomotive“ einbrachte. Nun hat sich der französische Autor Jean Echenoz seiner angenommen. „Laufen“, nur gut 120 Seiten lang, ist ein Roman über Emil Zátopek. Oder, wie es der Klappentext behauptet, ein „fiktionales Porträt“. Und schon geht es los mit den Fragen: Was, bitteschön, soll das sein, ein „fiktionales Porträt“? Eine Lebensskizze mit erfundenen Anteilen? Eine Erzählung, die auf Tatsachen beruht? Und wie verhalten sich dann Dichtung und Wahrheit zueinander? |
Echenoz, Jahrgang 1947, begibt sich nicht zum erstenmal als Romancier auf die Spuren eines bedeutenden Mannes. Bereits „Ravel“, sein letztes Buch, verwob Fakten und Fiktion zu einem spannenden Ganzen, das einhelliges Kritikerlob hervorrief. Nun vertauscht der Franzose Konzertsaal gegen Aschenbahn, statt eines feinnervigen Komponisten ist ein schnaufender Langläufer das Objekt seines Interesses.
Der Name Zátopek fällt übrigens erst auf Seite 80, nach zwei Dritteln des Buchs. Vorher und nachher ist bloß von Emil, „einem großen, blonden Jungen mit dreieckigem Gesicht“, die Rede. Das soll Distanz schaffen zwischen Echenoz’ Figur und dem historischen Zátopek, soll den Leser hellhörig machen für die fiktionalen Anteile des Texts. Aber gelingt das, wenn überall auf dem Umschlag von Emil Zátopek die Rede ist und uns das Laufwunder der 1950er Jahre leibhaftig vom Titelblatt entgegenspringt?
Sicher, um eine Zátopek-Biographie im Wortsinne ging es dem Erzähler Echenoz nicht. Ihn interessiert das Leben seines Protagonisten vor, neben und nach der Läuferkarriere nur am Rande. Das Buch beginnt mit Emils eher zufälligem Einstieg in die Welt der Langstreckler, es folgt seinen zahlreichen Triumphen bis zum Ende seiner Laufbahn, dann blendet es langsam aus. Die Beschreibung zweier Einmärsche – 1938 durch die Deutschen, 1968 durch die Sowjetunion – rundet die Erzählung in geradezu klassischer Manier ab.
Diese bewussten Aussparungen und gestalterischen Eingriffe sind das Eine. Das Andere ist Echenoz’ Faktentreue, die auf umfangreichen Recherchen beruht. Schon in den ersten Sätzen wird beschrieben, welche Fahrzeugtypen die Nazis beim Einmarsch in die Tschechoslowakei benutzten – und am Ende des Buchs dann diejenigen der Sowjetarmee. Dazwischen erfreut sich das Läuferherz an Details zu den Wettbewerben, an denen Zátopek teilnimmt: So erfährt man, dass sein Lieblingsstadion das von Stará Boleslav ist, dass dessen Bahn nur 363,76 Meter misst und er dort „bei null km/h Windgeschwindigkeit, feuchter Luft und elf Grad Celsius“ gleich zwei neue Weltrekorde aufstellt. Es fehlt auch nicht an einem Kapitel über Emils Laufstil, dieses Schaufeln und Schaukeln, Grimassieren und Leiden – sicher ein Höhepunkt des Romans.
Das prägendste Merkmal von „Laufen“ aber ist sein Plauderton. Eine lockere, augenzwinkernde Erzählweise, die gar nicht erst so tut, als könne sie das Phänomen Zátopek ergründen, sondern sich den naiven Blick von außen bewahrt: „Seine Augen sind hell, seine Stimme sitzt sehr hoch, seine Haut ist sehr weiß“. Oder später: „Nun wissen wir ja, was er für einer ist, der Emil, wenn er nein sagt, dann mit einem Lächeln. Er lächelt sowieso die ganze Zeit, also ist er beliebt ...“
Dieser gewollt naive Blick auf Emil macht auch aus diesem einen Naivling, der lächelnd und großherzig durchs Leben geht und, so der Eindruck des Lesers, dank seiner Aufrichtigkeit stets das Richtige tut. Beim Prager Frühling etwa, als sich Emil, die ehrliche Haut, auf die Seite der Demonstranten schlägt. Prompt gerät Echenoz bei der Erwähnung von Zátopeks Parteimitgliedschaft sprachlich ins Schleudern: „Nun halte man Emil nicht für einen Opportunisten“ – wie soll der Leser diesen Satz verstehen? Ist er ernsthaft gemeint, steht er im Widerspruch zu Emils Handeln; ist er ironisch gemeint, steht er im Widerspruch zum sonstigen Bild, das von Emil gezeichnet wird. Auch im direkt vorhergehenden Absatz, der sich dem staatlichen Terror der Nachkriegs-CSSR widmet, schwankt Echenoz auffällig zwischen Ernsthaftigkeit und Sarkasmus, zwischen Anklage und ironischer Distanzierung.
An solchen Nahtstellen wird der Nachteil von Echenoz’ vielgerühmtem Plauderton sichtbar: Manches entgeht diesem ständig auf Distanz bedachten Erzähler. Auch Emil Zátopek ist als Figur nur in seinen äußerlichen Handlungen präsent; was dahinter steckt, bleibt ungesagt. So ist „Laufen“ eine streckenweise wunderbare Erzählung vom Laufen, in deren Zentrum leider eine Lücke klafft.
Gelesen und besprochen von Marcus Imbsweiler
Jean Echenoz: Laufen
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henke
Berlin Verlag 2009, 126 Seiten, 18,- €
ISBN 978-3-8270-0863-3
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Das Mädchen, das gehen wollteVon Berlin zu Fuß in die Alpen |
Die üblichen Erlebnisberichte unserer Läufe geben die reale Bewältigung wieder, es fehlt ihnen die psychische Dimension. Empfindungen und Wahrnehmungen werden allzu oft durch Klischees abgedeckt. Dieser Bericht einer Wanderung zeichnet sich durch die psychische Tiefe aus, die im Verlauf der Darstellung immer mehr an Kraft gewinnt.
Die Beschreibung der Wandertour aus Berlin-Kreuzberg nach Gosau im Salzkammergut steht in einer langen Tradition. Petrarca war, als er 1336 den Mont Ventoux bestieg, der erste bekannte Schriftsteller, der über sein Bergerlebnis reflektierte. Johann Gottfried Seume philosophierte auf seinem „Spaziergang nach Syrakus“, der ihn 1801 von Leipzig nach Sizilien führte. Freiligrath wanderte literarisch durch Westfalen, Fontane durch die Mark Brandenburg. Als die Massenmotorisierung begann - in den sechziger Jahren -, galt Wandern in der jungen Generation als altväterisch, wozu wahrscheinlich die mit roten Strümpfen und Bundhose uniformierten Mittelgebirgswandervereine beigetragen haben. Seit den letzten drei Jahrzehnten erlebt es wieder eine Renaissance. Sie drückt sich auch in der stetigen Zunahme der Pilgerungen auf dem Jakobsweg aus.
Barbara Schaefer geht, weil sie gehen muß. Wandernd verarbeitet sie die Trauer um ihre beste Freundin, die am 31. Mai 2008 bei der Besteigung des Hohen Dachsteins tödlich abstürzte. Es ist eine Wanderung, die im Grunde kein Ziel hat. „Anfangs fühlte ich mich entsetzlich elend. Doch das Gehen, das Rhythmische, das tägliche Einerlei, tat seine Wirkung. Ich ging jeden Tag zwischen zwanzig und dreißig Kilometer. Und es ging mir, langsam nur, aber doch von Tag zu Tag ein kleines bißchen besser. Nach drei Wochen dachte ich, ich hätte das schlimmste Tal durchschritten. Ich empfand nun das tägliche Gehen nicht mehr als meditativ, sondern als monoton. Ich vermißte meine Freunde, meine Stadt. Ich vermißte das Leben.“ Barbara Schaefer beendete ihre Wanderung in Prag und fuhr mit dem Zug zum Hohen Dachstein. Dort blieb sie einen Tag und flüchtete zurück nach Berlin. Ein knappes Jahr später machte sie sich in Tschechien abermals auf den Weg.
In ihrem Buch schildert sie die beiden Abschnitte, die Wanderungen, die Begegnungen mit Menschen, und erinnert sich an Szenen mit ihrer Freundin. Sie zitiert viel aus dem, was sie während der Wanderung gelesen hat. Es ist ein sehr persönliches Buch. Doch es gelingt ihr, die Leser mitzuziehen, ihre Trauer zu teilen.
Mich hat gestört, daß sie durchgehend die tschechischen Ortsnamen verwendet, ausgenommen Theresienstadt. Geschichte findet nur sehr eingeschränkt statt. Doch mehrere Jahrhunderte Nachbarschaft mit Deutschen lassen sich nicht vergessen.
Es ist ein Buch, das einer Freundschaft gewidmet ist. Ich kann mir vorstellen, daß es insbesondere solche Menschen anspricht, die ebenfalls einen Verlust erlitten haben.
Gelesen und besprochen von Werner Sonntag
Barbara Schaefer: Das Mädchen, das gehen wollte.
Von Berlin zu Fuß in die Alpen.
Diana-Verlag, kart., 272 Seiten, illustriert, 16,95 Euro.
ISBN 978-3-453-28521-7
Roman von Manfred Steffny
Gelesen hatte ich „Laufbahn am Limit“ zügig und durch. Doch wie nun damit umgehen? Darüber war ich mir zunächst nicht im klaren.
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Dass sich Bücher an einem Redaktionstisch stapeln, ist eine bekannte Tatsache. Vieles wird zwischen zwei Deckel gedruckt und sucht händeringend Abnehmer. Rezensionen bringen Käufer, dabei spielt es keine so entscheidende Rolle, ob diese gut oder schlecht ausfallen. Gar keine Erwähnung eines Buches ist der „worst case“. So mancher Schmöker wandert also durch die Geschäfts- und Privaträume, wird mal angelesen, geblättert, wieder weggelegt, Härtefälle werden im Team weiter gereicht. Einige finden noch Interessenten, manche erweisen sich als unlesbar. Dabei haben wir bei LaufReport eine weite Bandbreite, vom normalen Arbeiter über Studenten bis hin zum promivierten Germanisten. |
Laufbahn am Limit von Manfred Steffny zählt keineswegs zur Kategorie Bücher, bei der man das Gefühl hat, kostbare Lebenszeit zu vergeuden. Dies sei hier vorweg genannt, bevor ein Querleser auf falscher Fährte voreilige Schlüsse zieht. Dennoch fällt es mir nicht leicht, dem Autor gerecht zu werden, der als „Mr. Spiridon“ eine seltene Berühmtheit in Läuferkreisen erreicht hat. Im vierten Jahrzehnt Herausgeber der Zeitschrift Spiridon, Autor unzähliger Fach- und Lehrbücher sowie zweifacher Olympiateilnehmer im Marathon. Eine schillernde Person, bei der auch die Wurzeln der deutschen Ausgabe von Runner´s World liegen, denn der langjährige Chefredakteur Thomas Steffens hatte einst im Spiridon-Verlag sein Handwerkszeug erlernt.
Doch zur Sache: Der 1941 geborene Fachjournalist und Autor Manfred Steffny hat einen ROMAN geschrieben und ist dabei seinem Metier treu geblieben. Er verlässt die Spielwiese der Leichtathletik nicht. „Romane bleiben auch dann noch Romane, wenn sie sich mit historisch verbürgter Wirklichkeit selbstkritisch auseinandersetzen,“ heißt es bei Wikipedia. Was ist Realität, was ist Fiktion bei Steffny? Vom anerkannten Fachmann lässt man sich gern belehren, noch dazu in unterhaltender Form. Liegt darin eine Gefahr, falsch verstanden zu werden? Ist genau dies beabsichtigt, ohne stichhaltige Beweise heiße Themen anzufassen?
Eine Bettlektüre für Männer? Wie wird der Stoff von Frauen aufgenommen?
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Hier der britische Weltklasseläufer, der von Treue nichts hält und dem Erreichen seiner gesetzten Ziele alles unterordnet. Ein Saubermann in Sachen Doping, aber ein menschliches Fragezeichen, intrigant und selbstherrlich. Dort die Einfalt aus dem fernen Australien, ein Dummerchen, das immer im Bett landet und obendrein vom Trainer mit Verbotenem aufgepeppt, die von der Teilnahme an Olympischen Spielen träumt. Dazu ein Arzt, wie könnte es anders sein, aus Freiburg, der verliebt über beide Ohren dem Mädel zur Seite springt. Zwei Geschichten, die sich klassisch vereinen. Happy End oder nicht(?) - das wird nicht verraten. |
Manfred Steffny nimmt uns mit in seine Leichtathletikwelt, so realitätsnah, dass es Dieter Baumann kaum glauben konnte. Wirtschaftliche Zwänge, aber mehr noch, die mit dem Sport einhergehende Aufgabe der Privatsphäre, schildert Manfred Steffny in seinem Roman eindringlich. Den Bogen spannt er bis ins Drogenmilieu, eine nicht zu weit hergeholte Metapher, die nachdenklich stimmt. 240 Seiten Unterhaltung, die Spuren hinterlässt. Dickes Lob hat der Fachjournalist für seinen Roman schon geerntet. Zahlreiche Leser wünsche ich Manfred Steffny schon deshalb, weil der Roman auch aufklärt, zeigt er ein Stück reales Leben der Athleten außerhalb des Stadionovals mit all seinen Zwängen und Schwierigkeiten.
Spannend und kurzweilig, wie es sich für einen Roman gehört. Anregend und voller Details, wie man es von einem Insider erwarten darf. Tipp: Ideale Urlaubslektüre für die anstehenden Tage am Strand!
Gelesen und besprochen von Walter Wagner - Foto © LaufReport.de Winfried Stinn
Manfred Steffny: Laufbahn am Limit
Roman
SPIRIDON Verlags GmbH, 240 S., fester Einband. 16,80 €/ 29,80 sFr
ISBN 978-3-92201-26-2
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Dieses Buch ist für den Autor und den Verlag ein Glücksfall. Es ist erarbeitet worden, als auch der darin Porträtierte nicht wissen konnte, daß er einmal den Marathon-Weltrekord erlaufen würde, und es ist erschienen, kurz bevor er seinen Weltrekord noch unterboten hat. Der Name im Titel reicht, hohes Interesse zu wecken: Haile Gebrselassie. Was bei Außenstehenden den Eindruck eines cleveren Schnellschusses erwecken könnte, dürfte in Wahrheit die Frucht harten journalistischen Mühens gewesen sein. Wie kommt man an einen prominenten Läufer im fernen Äthiopien heran, der nicht nur unentwegt trainiert und auf Laufreisen ist, sondern auch dank den erlaufenen Geldprämien ein vielbeschäftigter und sozial engagierter Unternehmer geworden ist? Der Autor, Klaus Weidt, läßt uns an der Geschichte dieses Buches teilhaben. |
Sie begann im Juni 2005, und selbst zu diesem Zeitpunkt, als Klaus Weidt mit einer kleinen deutschen Reisegruppe nach Addis Abeba flog, waren bereits Jahre vergangen, in denen er sich mit Hailes Laufbahn (im Sinne des Wortes) beschäftigt hatte. Allein anderthalb Jahre dauerte es, einen äthiopischen Reiseunternehmer zu finden, der den Weg zur Teilnahme an dem reichlich improvisierten Abebe-Bikila-Marathon freischaufeln konnte. Doch der Autor, ein gestandener Ostberliner Sportjournalist, hatte schon vorher gezeigt, daß er dicke Bretter bohren kann. Im angesehenen Sportverlag Berlin hat er 1985 als Ko-Autor den Band „Kraftproben“, eine sauber recherchierte Geschichte der starken Männer, veröffentlicht.
Von ähnlicher Detail-Genauigkeit ist auch der Band „Der Wunderläufer Haile Gebrselassie“. Klaus Weidt hat eine Fülle von Informationen zusammengetragen, und kenntnisreich ist er in der Lage, sie einzuordnen. Mit Empathie hat er sich der Biographie des Ausnahme-Athleten genähert und dies, ohne wie im Sportjournalismus so häufig die objektive Distanz zu verlieren. Klaus Weidt, Gründer des Berliner Laufmagazins „Laufzeit“ und inzwischen erfolgreicher Laufreiseunternehmer, spricht mit Haile auf Augenhöhe. Selbst wen die Zahlenwerte sportlicher Leistungen eher langweilen, wird von dem Buch gefesselt, weil ihm nicht nur der Läufer Gebrselassie, sondern auch sein Land nahegebracht wird.
Die deutschen Läufer sind nicht nur als Touristen und sei es als läuferische Erlebnistouristen ins Land gekommen, sie haben auch den Bau einer Schule finanziert. Dank ihrer Initiative gibt es einen eigenständigen „Ethiopia Marathon“.
Da Haile Gebrselassie noch nicht daran denkt, seine Laufbahn zu beenden - Laufen will er ohnehin lebenslang -, besteht die Chance, daß dieses Buch in weiteren Auflagen fortgeschrieben wird. Dabei kann man dann auch den Schweden Göteborg zurückgeben, das hier nach Dänemark eingemeindet worden ist (ein Fehler von derselben Qualität wie in meinem jüngsten Buch der falsche Vorname von Galloway), bei Grete Waitz ein t einfügen, einen Zahlendreher berichtigen und einige Sprachschlampereien umformulieren.
Der Band enthält eine Tabelle der sportlichen Leistungen Gebrselassies, einen Bildteil - wobei die Bildlegenden als Schmalsatz am rechten Seitenrand gewöhnungsbedürftig sind - und eine Würdigung durch Kenner der Szene, Dr. David Martin, Mark Milde, Manfred Steffny, Paul Tergat und Wolfgang Weising. Zusammengefaßt: Ein sympathisches Buch über einen sympathischen Läufer, das zudem auch noch preiswert ist.
Klaus Weidt: Der Wunderläufer Haile Gebrselassie.
Auf den Spuren einer Legende.
Acasa Werbung & Verlag, Böttingen, ISBN 978-3-00-025532-8
2008, kart., 192 S., illustriert, 9,90 €
Gelesen und besprochen von Werner Sonntag
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Neu übersetzt: Roman über den Transamerikalauf
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Zur Buchbesprechung im LaufReport klick HIER
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Facetten eines LaufjubiläumsEin Ratgeber für Erststarter Werner Sonntag ist gelernter Journalist und hat bei der renommierten Stuttgarter Zeitung gearbeitet. Er sei kein Sportjournalist, das kommt von ihm fast abwehrend. Aber mitgewirkt hat er früh bei den Laufmagazinen Condition und Spiridon. Bekannt ist er einer breiteren Öffentlichkeit durch seine Kolumne bei Runners World geworden. Seit über fünf Jahren bereichert er das Internet-Journal LaufReport mit wöchentlichen Eintragungen in sein Tagebuch. |
Werner Sonntag hat bereits einige Bücher geschrieben, nicht nur über das Laufen. Schon früh in seinen Läuferjahren, seit 1968 auch Marathon und ab 1972 Ultramarathon, wagte er mit der Niederschrift seiner Gedankenwelt bei einer durchlaufenen Bieler Juni-Nacht eine literarische Herangehensweise an das Thema Laufen. "Irgendwann musst du nach Biel" titulierte das Buch und viele machte er damit auf den Klassiker neugierig. Der Titel wurde zum Slogan, zur Herausforderung, zwischenzeitlich für Generationen von Ultramarathonläufern. 1978 erschienen, in einer Zeit also, wo man vom Internet nichts ahnte und Laufbücher nur langsam das Regal füllten, da sie in überschaubarer Zahl erschienen.
Damals hätte ich mir "Bieler Juni-Nächte" gewünscht, handfeste Tipps eines 100 Kilometerlaufs auf der Grundlage jahrzehntelanger Erkenntnisse. Über so manche schwere Wegstrecke hat mir auch "Irgendwann musst du nach Biel" geholfen, doch nicht vergleichbar mit "Bieler Juni-Nächte", unter anderem ein Ratgeber für Erststarter. Für diese ist das gerade erschienene Buch eine große Hilfe. Aber auch erfahrene Biel-Teilnehmer werden Freude daran haben und Lehren daraus ziehen.
Was 1959 zur ersten Durchführung dieses Laufs bewegte und das Bemühen von Franz Reist, der 40 Jahre an der Spitze der Organisation stand, aber bis heute darauf achtet, dass der Ursprung nicht verloren geht, auch darüber berichtet Werner Sonntag. Schließlich heißt der Untertitel "Facetten eines Jubiläumslaufs". Manches ist nur angerissen, komprimiert wieder gegeben. Mögen es die Veteranen von damals verzeihen, dass uns Werner Sonntag nicht mit Lückenlosem langweilt. Die dominantesten Teilnehmer sind genannt, ein paar der Kategorie "Typen" ebenso. Das "Ankommen", die Herausforderung bestehen, der persönlich Sieg, darum geht es, bei allem Respekt vor den Schnellen.
Werner Sonntag würdigt die Bedeutung des Bieler 100-Kilometer-Laufs als europäischen Vorreiter des Ultralaufs. Weit über das Sportliche hinaus geht das Erleben in einer Bieler Juni-Nacht, das belegen auch gesammelte Emotionen, mit denen das Buch schließt. Eine Erfahrung, die Biel-Teilnehmer gern teilen. Werner Sonntag zählt seit 1972 zu dieser Gruppe, die es auf immerhin 120.000 Teilnahmen bringt. Allein 32 davon gehen auf das Konto des Autors.
Nicht zu verheimlichen, ja geradezu hervorgehoben, die Sorge um den Fortbestand der Bieler Lauftage. Vielleicht die eigentliche Triebfeder für dieses Buch: Interessenten den Weg zur Teilnahme zu ebnen. Denn bei allen Perspektiven, Sponsoren überzeugen nun mal steigende Teilnehmerzahlen, und der enorme finanzielle Aufwand eines so vorbildlich organisierten 100 Kilometerlaufs auf großer Runde ist mit dem Startgeld allein nicht zu begleichen.
Ein praktisches Buch: Eine 10 Punkte umfassende Checkliste - ein Punkt: Lauftasche packen, mit einer Inhaltsaufzählung. Wichtige Adressen sind auch angegeben. Der Wissensdurst ist bekanntlich kaum zu stillen, die Unsicherheit wächst, je mehr sich das große Ereignis nähert. Leser von "Bieler Juni-Nächte", das sei hier versichert, wissen eine ganze Menge über die Laufstrecke, mögliche Wetterkapriolen, über besondere Serviceleistungen. Zu Training, keinen Plan, aber Wichtiges und Beruhigendes. Weitere Kapitel zur Bewältigung, was alles zu beachten ist, und zu Unvorgesehenem, was schon alles passiert ist.
Ich betrachte dieses Buch als Geschenk. Werner Sonntag, 1926 geboren, einer der des Schreibens mächtig ist, hat vielen Läufern damit einen Wunsch erfüllt. Zur Anschaffung dieser Mischung aus Rückblick, Vorschau und Ratgeber ist unbedingt zu raten. Eine kleine Ausgabe im Verhältnis zum enormen Aufwand, den ein 100 Kilometerlauf erfordert. Eine Investition, die - wenn es beschwerlich wird - das Ankommen retten kann. Und Erststartern sei versichert, es gibt auch beim 100 Kilometerlauf eine Mauer. Taucht diese zum gleichen Zeitpunkt wie beim Marathon auf, dann wird Werner Sonntags Erfahrungsschatz zur unverzichtbaren "Abrissbirne".
Bieler Juni-Nächte von Werner Sonntag.
Facetten eines Laufjubiläums. Ein Ratgeber für Erststarter.
Karton, 152 Seiten, 66 Abbildungen
14,00 € (Postversand in die Schweiz 25,00 CHF, nach Österreich und
in andere europäische Staaten 16,00 €)
Direktbezug: Verlag Laufen und Leben
ISBN 978-3-9802835-3-4
Bestellungen: laufenundleben@t-online.de
Gelesen und besprochen von Walter Wagner
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An Urs Webers Ausrüstungshandbuch kann man erkennen, daß wir alle irgendwie unser Training professionalisiert haben. Unsere Ansprüche sind mit den Jahren gewachsen; zum Teil sind neue Bedürfnisse entstanden, denken wir nur an die Beliebtheit der Trail-Läufe; zum Teil haben uns spezielle Angebote von Herstellern überzeugt, denken wir nur an die Laufsocken. Nein, keine Klage, daß es die alte Turnhose und der baumwollene Trainingsanzug nicht mehr tun. Es kommt immer darauf an, was man aus seinem Sport macht. Sich hilfreicher Produkte zu bedienen, ist kein Verrat am eher puristischen Läufergeist. Anderenfalls müßten wir alle die Barfußläufer der frühen Menschheit geblieben sein. |
Im Grunde muß man sich wundern, daß zwar Laufanleitungsbücher immer auch die Ausrüstung behandelt haben, spezielle Bücher darüber aber selten sind. Meines Wissens war Michael Rieländer, für dessen „Gesund durch Geländelauf“ ich nur Hohn und Spott hatte, der erste, der mit „Jogging-Ausrüstung: Komplett - modern - sportmedizinisch“ den Finger drauf hatte; das geschah erst 1986. Carl-Jürgen Diem war wohl der erste systematische Laufschuhtester; sein Beruf als Physiker war eine gute Voraussetzung dazu. Hätten die Amerikaner nur auf ihn gehört, bevor sie in den Siebzigern ihre weichen Schuhe auf den Markt brachten! Diem veröffentlichte zusammen mit Heinrich Hess 1989 den „Laufschuh-Ratgeber. Die zehn erfolgreichen Schritte. Was der Läufer beachten und wissen muß“. Zehn Jahre später erschien „Der optimale Laufschuh“ von Frank Czioska, einem Insider der Sportartikelindustrie.
Ein umfassendes Handbuch wie das von Urs Weber ist überfällig gewesen. Die Singularform eines der drei Untertitel ist berechtigt: „Einkaufstipps vom Experten“. Allenfalls könnte sein Vater dagegen Einspruch erheben; Professor Alexander Weber hat wie Carl-Jürgen Diem frühzeitig die Notwendigkeit erkannt, die Produkte der Laufschuhhersteller unter die Lupe zu nehmen und Läufern in der Flut der Werbeversprechungen Orientierung zu geben. Jahrzehntelang hat Alexander Weber mit einem Team Schuhe ausprobiert und die Ergebnisse in „Spiridon“ publiziert.
Urs Weber, einst in der „Spiridon“-Redaktion, ist seit zehn Jahren in der deutschen „Runner’s World“ mit Produkttests befaßt. Lesern von Laufzeitschriften fällt es gewöhnlich schwer, in meistens namenlosen Produktbesprechungen Kompetenz zu erkennen. Nicht selten werden Produkte ziemlich zufällig vorgestellt, nämlich allein deshalb, weil der Produzent eben sein Produkt an die Redaktion geschickt oder, ganz schlimm, gleichzeitig einen Anzeigenauftrag erteilt hat. Selten können die Leser sicher sein, daß nicht, wie bei Buchbesprechungen gang und gäbe, die Waschzettel der Produzenten abgeschrieben werden. Anders bei Urs Weber. Er ist in die Materie eingedrungen, ohne sich von ihr vereinnahmen zu lassen, ist also kritisch, hat den Überblick und eine zwanzigjährige Erfahrung mit Produkttests. Der Austausch mit amerikanischen Produkttestern tut ein übriges, daß er wie kaum ein anderer in Deutschland hohe Kompetenz erworben hat. Manchmal bedauere ich, daß ihm damit ein Fulltime-Job auferlegt worden ist, weil nun seine munteren Laufreportagen ganz selten geworden sind. Wenigstens aber kommt sein Schreibtalent dem Buch zugute. Die Gefahr ist vermieden, daß wie bei Rieländer ein kommentierter Katalog herausgekommen wäre und der Band binnen kurzem unaktuell würde. Die zahlreichen Illustrationen haben überwiegend informatorischen oder dokumentarischen Wert.
Das Buch ist ein echter Ratgeber und holt die Leser dort ab, wo sie stehen, und zwar mit ziemlich unterschiedlichen Ansprüchen. Urs Weber geht darauf ein, er geht also vom Läufer und nicht vom Produkt aus. Erster Vorzug: die didaktische Aufbereitung. Er sagt nicht, was man haben „muß“, sondern was für welchen Zweck nützlich ist, und er gewichtet nach der Dringlichkeit. Zweiter Vorzug: Vermittlung von Warenkenntnis. Wer kennt schon das Innenleben seiner Laufschuhe? Wer mit dem Laufen beginnt und seine ersten Laufschuhe kauft, sollte vorher das Schuhkapitel lesen. Dritter Vorzug: Die vielen Tipps, zum Beispiel über die Reinigung, präzise Begriffserklärungen und die Antwort auf Fragen wie: Kann ich Laufschuhe reparieren? Vierter Vorzug: Der Wissenshintergrund. Es ist sicher nicht wichtig, die Entwicklungsgeschichte des Laufschuhs zu kennen. Doch uns Alte freut’s, und die erzählenden Einsprengsel fördern die Lesbarkeit und machen das Buch auch für diejenigen interessant, die schon „alles haben“. Fünfter Vorzug: Die breite Fächerung. Der Teil Bekleidung geht auch auf Kompressionssocken, den Sonnenschutz, die Oberbekleidung von Frauen und Sicherheitsaccessoires wie Stirnlampen ein, der Teil Technische Ausrüstung nicht nur auf Pulsmesser und Funktionsuhren, sondern auch auf Distanzmesser, Brillen, Babyjogger, Kameras, Musik-Player, Trainingshilfen wie Gewichte, Stöcke, Schneeschuhe, den MBT und auf Trinksysteme. Eines kommt nicht vor: Nasenpflaster. Als ich mich seinerzeit in Runner’s World darüber lustig gemacht hatte, erhielt ich einen bitterbösen Leserbrief. Vielleicht also ist es gut, daß der Ratgeber erst jetzt erscheint und das Angebot durch die Zeit und durch Webers Sieb gefiltert worden ist. Interessant und realitätsnah sind die Berechnungen: Was kostet Laufen?
Die Zielgruppe des Buches reicht also von nichtlaufenden Interessenten, die ein Bewegungstraining - kann auch Walking sein - erst vorhaben, bis zu ambitionierten Läufern und sogar zur nichtlaufenden Läufergattin, die auf der Suche nach einem Geschenk ist. Besonderer Dank, daß die modische Bezeichnung equipment nicht vorkommt und der Band ohne aufgepeppten Effekt schlicht „Ausrüstungshandbuch für Läufer“ heißt.
Gelesen und beschrieben von Werner Sonntag
Urs Weber: Ausrüstungshandbuch für Läufer.
Runner’s World, Meyer & Meyer Verlag, 2009.
Broschiert, 179 S., ill. 16,95 Euro.
ISBN 978-3-89899-456-9