5.11.23 - Marathon des Royaumes, Aného/Togo

LaufReport-Autor läuft in Togo seinen ersten Marathon

Ein Erfahrungsbericht von David Bieber

von David Bieber 

Als Journalist recherchiere ich immer viel. Die unendlichen Weiten des Internet sind mir da eine große Hilfe. Ich erinnere mich, dass ich im Januar dieses Jahres in Sachen Laufen wieder einmal im Netz unterwegs war, eher ziellos. Ich wollte ausloten, was ich mir dieses Jahr als Laufhöhepunkt vornehmen sollte. Ich schreibe ja nicht nur über Läufe, sondern laufe auch seit vielen Jahren selbst. Momentan eher schlecht als recht.

Dabei suchte ich dieses Jahr nach einem Abenteuer. Die Läufe und Wettkämpfe in meiner Region, in Nordrhein-Westfalen, die zwar alle sehr nett sind, haben mich dieses Jahr nicht besonders gereizt.

Dann hatte ich zufällig den Namen von Pater Tobias, besser bekannt als der Marathon-Pater, im Kopf. Ich stöberte im Internet dann, diesmal gezielt, auf den Seiten von Pater Tobias. Jenen Geistlichen aus Duisburg, der unentwegt Marathons auf der ganzen Welt läuft. Und dies stets für den guten Zweck. Er hat mit seinen bisher 190 Marathons bis heute mehr als 1,9 Millionen Euro an Spendengeldern gesammelt. Eine schier unfassbare Summe. Und ein unfassbares Engagement von Pater Tobias.

Ich las also auf seiner Webseite, dass er auch wieder einen Marathon in Togo, Westafrika, plant. Bereits im vergangenen Jahr hatte der mittlerweile 60-Jährige dort einen Höhenmarathon absolviert.

Die Togoer melden sich vor dem Lauf noch an und weisen nach, dass sie gesund sind
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Da ich beruflich viel mit Afrika zu tun habe und von 2014 bis 2015 Dozent des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes, kurz DAAD, an zwei Universitäten in Senegal war, hatte ich im zurückliegenden Winter entschieden, dieses Jahr mit Pater Tobias den Marathon zusammen zu laufen. Ich konnte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Endlich mal wieder nach Afrika reisen, und dabei meinen ersten Marathon laufen. Das dazu noch für den guten Zweck. Der gute Zweck bestand darin, so viele Spendengelder wie möglich zu sammeln, damit Kindergartenkinder im armen Togo besser gefördert werden. Konkret ging es um Gelder für Erweiterungsbauten von Kindergärten sowie um die Finanzierung von Schul- und Kindergartenmaterialien.

Seither stand das Ziel für dieses Jahr fest. Die Reise nach Togo wurde zum Projekt. Das nahm im Verlaufe des Jahres immer mehr Formen an.

Neben aller Akquise und Öffentlichkeitsarbeit für den, zugegeben, außergewöhnlichen Marathon musste ich mich natürlich auch fit machen. Es stand meine Premiere auf der Königsdistanz im Langstreckenlauf bevor.

Für den "alten Hasen", Pater Tobias, sollte dies aber auch eine enorme Herausforderung darstellen, wenngleich er schon in der Wüste in Oman und in der Sahara in Marokko gelaufen ist.

Vereint waren wir im Ziel: Wir haben es uns zum Auftrag gemacht, so viel Geld wie möglich für den Bau weiterer Kindergärten zu sammeln. Wichtig zu betonen ist, dass es dabei nicht um uns ging. Es ging um die togoischen Kinder, die ihre tollen Potentiale oft nicht entfalten können, da kaum staatliche Unterstützung und Infrastruktur besteht. Die ehemalige deutsche Kolonie am Golf von Guinea ist eines der ärmsten Länder Afrikas. Eine staatliche Erzieherin verdient dort umgerechnet knapp 30 Euro im Monat. Das Gehalt für Lehrer soll kaum höher liegen.

Es war unser Ziel, möglichst viele Gelder für die Kinder zu sammeln. Insgesamt kamen dieses Jahr 12.000 Euro für Erweiterungsbauten eines Kindergartens in Vogan zusammen

Na klar ist es medial interessanter, einen Marathon in Togo zu laufen als etwa einen in Deutschland. Es ist aber wesentlich authentischer vor Ort einen Marathon zu laufen, damit die Spender und die Togoer sehen, dass wir es ernst meinen. Einen Spendenlauf für Togo in Deutschland zu organisieren wäre auch möglich gewesen, aber dann wären weniger Spenden zusammenkommen, meint Pater Tobias.

Zudem konnten wir sofort die Reaktion der Menschen sehen und zugleich sicherstellen, dass die Spenden direkt ankommen. Da, wo sie gebraucht werden. So wie es sein muss. Wir haben für den Oberhausener Verein Togo-Projekte e.V., der von der pensionierten Lehrerin Brigita "Gita" Trzeczak geführt wird, Spenden gesammelt. Das ging mit einmaligen Summen oder Beträgen pro absolvierten Marathon-Kilometer.

Gita pendelt seit mehr als 20 Jahren zwischen Oberhausen und Togo. Kennt Land und Leute wie kaum ein zweiter. Dabei kam sie auch eher zufällig auf ihre Wahlheimat, in der sie mindestens zweimal im Jahr für mehrere Monate weilt - und arbeitet. In ihrer Kirchengemeinde in Oberhausen gab es Anfang der Nullerjahre eine kleine Trommelgruppe aus Togo. So kam der Kontakt zu dem Land zustande, schildert die 73-Jährige.

Wir residierten nur rund 200 Meter vom Strand entfernt in diesem Domizil

Als Bienvenue uns von zu Hause, wir wohnen bei Gita, abholt, mit seinem Motorrad, sind Tobias und ich natürlich schon angespannt. Die Nacht war kurz; nicht angenehm bei mehr als 30 Grad zu schlafen. Nun aber gibt es kein Zurück mehr, es geht zum Start. Typisch togoisch reisen wir: mit dem Motorrad. Ich liebe es, am frühen Morgen am Atlantik entlang, den milden Fahrtwind spürend, "kutschiert" zu werden. Dieudonné fährt Tobias und Gita, Bienvenue mich. Die Motorräder sind alt, erbringen aber ihren Zweck noch. Wir sind zu spät. Tobias ist schon genervt, der Startschuss sollte eigentlich um 7 Uhr ertönen. Jetzt ist es schon 6:50 Uhr und wir haben noch 15 Minuten zu fahren zum Startbereich. Da Pater Tobias und Gita Veranstalter sind, kein Problem.

Dennoch halten wir, um noch kurz zu tanken. Die Motorräder brauchen Futter, meint Bienvenue, der eigentlich Maler ist und heute mich auf der Marathonstrecke begleitet. Eine Tankstelle ist das nicht, wo aus abgesägten Plastikflachen Benzin in die Tanks der Motorräder gefüllt wird. Eine der französischen Tankstellen ist zu teuer.

Als wir an der Kirche, unserem Startpunkt, ankommen, läuft gerade noch die heilige Messe. Sie verpassen wir, dennoch segnet uns der dortige Priester noch und wünscht uns "bon courage".

Der Priester segnet uns vor dem Marathon

Mit Pater Tobias und mir gehen noch fünf weitere wagemutige Läufer an den Start. David hat eine Bestzeit von deutlich unter drei Stunden stehen, sagt er mir. Der Rest sind unerfahrene Jungläufer. Sie laufen ohne Kopfbedeckung und teilweise mit Fußballschuhen. Hightech-Uhren sind Fehlanzeige.

Dann endlich ist es soweit: Mein erster Marathon wird um 7:45 Uhr gestartet. Die Temperatur liegt bereits bei rund 33 Grad, die Luft ist feucht, knapp 74 Prozent Luftfeuchtigkeit zeigt meine Uhr an. Die Sonne knallt, die Strecke wird kaum Schattenbereiche haben.

Der Marathon geht los. Gestartet wurde in der Grenzstadt Aného. Bereits am Samstagmorgen war hier "High Life"

Die ersten Kilometer führen uns durch die belebte Kleinstadt Aného. Hier ist es laut, staubig und trotz des Samstagmorgens ist "tout le monde" auf der Straße. Uns feuern Passanten an. Andere schauen uns nur verdutzt an. Eine Gruppe demonstriert. Den Demonstrationszug sehe ich später noch einmal.

Es läuft, die ersten drei Kilometer sind noch locker, dann aber sind die Afrikaner nicht mehr zu sehen. Mein Begleiter auch nicht mehr. Pater Tobias ist hinter mir. Ich laufe, ohne die Strecke zu kennen. Die Strecke wurde übrigens seitens des Veranstalters noch einmal kurzfristig geändert.

Plötzlich stehe ich vor der Grenze zu Benin. "Halt, was machst du hier?", schreit mich einer der Grenzbeamten an. Ich laufe weiter. Will schließlich keine Zeit verlieren. Dann kommt der Polizist auf mich zu. "Stopp!", ruft er. Ich erkläre ihm, dass ich einen Marathon laufe und dann dämmert es mir. Wir haben die Strecke verloren. Tobias ist nun rund 40 Meter hinter mir. Benin grenzt im Osten an Togo und Aného ist der letzte Ort vor der Grenze, vor der überladene Lastwagen sich stauen. Pater Tobias wird dann, so schildert er es nach dem Lauf, nach seinem Pass gefragt. Auch er kann aber natürlich weiter laufen. Auch ohne Pass.

Bienvenue ist wieder da und er führt mich wieder zurück, dieses Mal zur richtigen Strecke. Pater Tobias wird mit seinem Begleiter, der zugleich unser Fotograf ist, per Motorrad zurück zur Strecke gefahren.

Ich passiere erneut den Demonstrationszug. "Wir sind auch noch da", skandieren die jungen Männer und Frauen. Sie fühlen sich augenscheinlich vergessen von der Regierung und der Politik. In Togo leben viele junge Menschen, sie machen mehr als 60 Prozent der Bevölkerung aus. Zu sagen haben sie kaum etwas. In Togo, wie in anderen afrikanischen Staaten, sind die Machtstrukturen verfestigt. Die Machthaber sind alt. Der Präsident der Republik Togo, Faure Essozimna Gnassingbé, ist seit mehr als 18 Jahren an der Macht. Gnassingbé ist der Sohn des früheren Diktators, der 2005 starb. Wenig durchlässig alles für junge Menschen.

Ich laufe nochmals durch den pulsierenden Startort, Aného, dann geht es endlich in ruhigere Gefilde. Die Straße ist nicht mehr asphaltiert. Der Untergrund ist holprig. Kilometer zehn passiere ich. Es wird zunehmend härter. Die Sonne knallt. Ich sehe eine Schule, vor der gefeiert wird. Bienvenue, der mich mit Wasser und Bananen versorgt, reicht mir ein "Pyota". Den Wasserbeutel aus Plastik reiße ich mit den Zähnen gekonnt auf. Ich habe bereits mindestens einen Liter getrunken. Motorräder, sogenannte Buschtaxis, rasen an uns vorbei, hupen und schauen uns an. Das wird sich bis zum Ende hin durchziehen, das mit den vorbeifahrenden "Buschtaxis".

Die Afrikaner machen von Beginn an Tempo, dem einige später Tribut zollen müssen

Ab Kilometer 14 stelle ich das Laufen ein. Es ist zu anstrengend und ich will nichts riskieren. Es ist mein erster Marathon. Pater Tobias walkt auch nur noch, sehe ich, als ich mich umdrehe. Wo die andere Läufer gerade sind, keine Ahnung.

Immer wieder laufe, nein ich walke, an kleinen einfachen Dörfern vorbei. Bäume und Pflanzen säumen die Strecke. Trotzdem gibt es kaum Schatten. Kinder sehen mich und rufen mir "Jowo" zu. Bedeutet so viel wie "Weißer". Sie begleiten mich einige Meter. Ich grüße sie auf Französisch, die Sprache der einstigen Kolonialherren. Sie sprechen aber nur Ewe, viele von ihnen gehören der gleichnamigen Volksgruppe an. Ich genieße die Unbekümmertheit und auch die Lockerheit, die die Kinder ausstrahlen. Ihre Mütter kochen, die Väter sind auf den Feldern. So ist das Leben auf dem Dorf.

Nach rund zweieinhalb Stunden verlasse ich kurzzeitig die unebene Strecke, geformt durch die heftigen Regenfälle der vergangenen Woche. In Togo gibt es eine Regen- und eine Trockenzeit. Ich sehe wieder eine echte Straße - asphaltiert. Rotweiße Hinweisbänder aus Plastik weisen mir den Weg. Die Hälfte der Strecke ist nun geschafft. Das erkenne ich auf meiner Uhr. Der Umweg zur beninischen Grenze sei Dank. Nach wenigen Kilometern dann die offizielle "Halbzeit". Liebevoll von Gita auf die Straße gemalt. Mit einem lachenden Gesicht. Gita ist die gute Seele des familiären, aber offiziellen, Marathons. Pater Tobias sagt mir hier, als ich ihn auf dem Motorrad vorbeifahren sehe, dass er aufhören möchte. "Es reicht hier für mich", waren seine Worte. Letztlich sollte er aber später wieder einsteigen und den Marathon dennoch finishen.

Es geht dann prompt wieder, als ich die "Route nationale" quere, in den Busch. Lehmartiger Boden, vereinzelt noch Pfützen und Gräben, denen ich ausweichen muss. Eine zusätzliche Herausforderung.

In der offiziellen, weltweit verfügbaren Ausschreibung zu dem Marathon lese ich auf Englisch: "You will meet many very friendly people on the way." Das stimmt. Die vielen Menschen, die mir applaudieren und mich grüßen, sind ein Segen auf dem steinigen Weg zum Ziel. Sie sind so etwas wie meine Hirten, die mich zum Ziel führen. Sie sorgen sich um mich. Genauso wie Bienvenue. Dank ihnen wird mir nichts mangeln. In Anlehnung an Psalm 23 führen sie mich zum frischen Wasser, das hier das Ziel am Strand ist.

Erquickt wird meine Seele auch speziell davon, dass ich nur noch 18 Kilometer walken muss. Ein Mann, der geistig verwirrt zu sein scheint, begleitet mich fortan. Er wird mir mindestens noch vierzehn Kilometer hinterherlaufen, bis ich ihn dann abhänge. Er ist nett, aber nervig. Bekommt von uns zu essen und will von mir Geld und einen Reisepass haben. Er wolle nach Europa, besser noch nach Asien. Weg von der Armut hier, verständlich. Nur leider kann ich jetzt keine Abhilfe schaffen.

Einen Teil der Strecke musste ich walken

Ich mache eine Pause, merke, dass ich doch ein Handtuch und weitere Sonnencreme hätte mitnehmen müssen. Der Sonnenbrand ist schon zu sehen. Es ist nun 35 Grad heiß, die Luftfeuchtigkeit steigt auf 80 Prozent. Die Sonne steht jetzt bald im Zenit. Ich habe zu kämpfen. Bienvenue wird mir drei Tage später bei einem gemeinsamen Abendessen erzählen, dass die Togoer uns für verrückt hielten. "Wieso machen sie das bei der Hitze?", riefen sie uns auf Ewe zu. Recht haben sie.

Dennoch geht es weiter. Immer weiter. Soweit mich meine Füße tragen. Die Hitze schafft mich. Plötzlich sehe ich einen der jungen Togoer auf dem Boden sitzen. Er scheint auf mich zu warten. Irgendwie freue ich mich, nicht mehr alleine walken zu müssen. Gleichwohl tut mit der Junge mir leid, da er wohl nicht mehr kann. Es soll eine Qual werden, die restlichen Kilometer. Aber nicht nur für ihn, sondern auch für mich.

 

Derweil läuft der Sieger gerade ins Ziel, vernehme ich zwei Stunden später. David heißt er, trägt ein Laufshirt aus der Schweiz. Er habe vier Stunden gebraucht, heißt es ebenfalls später. Der 36-Jährige wird sich mit mir im Ziel über die Strecke und die Qualen unterhalten. Auch er sei nicht immer gelaufen, sondern auch gewalkt.

Eine Familie bittet mich zu ihnen ins Haus, ich lehne dankend ab. Der Marathon will gefinisht werden. Ich hoffe, die Menschen verzeihen mir diese Unhöflichkeit, geschuldet dem westlichen Leistungsdenken.

Wir walken also nunmehr als Gruppe, Bienvenue düst immer wieder mit seinem Motorrad vor und bereitet Bananen und Wasser vor. Auch für ihn ist es bei der Hitze kein einfacher Job. Der junge Togoer, mein gehender "Begleiter" und ich kommen an einer Viehherde vorbei. Sie kommen aus dem Sahel, wo Acker- und Weideland immer rarer wird. Die Kühe sehen abgemagert aus.

Pater Tobias mit dem Sieger David

Kilometer um Kilometer legen wir zurück, das Bild der Landschaft ähnelt sich. Mal queren wir Dörfer, mit großen Kirchen und kleinen Moscheen, oder Plätze mit vielen Menschen, dann wieder sind wir einsam zwischen den Dörfern unterwegs.

Nach knapp 30 Kilometern fällt uns eine Zeremonie auf, vielleicht von den Zeugen Jehovas? Wir haben keine Lust, das näher zu eruieren. Es muss schließlich weiter gehen. Immer weiter.

Der Fotograf, Georges, tut Dienst, lichtet uns in allen Lagen ab und ermuntert. Er sagt, es sei nicht mehr weit. Die Kilometer auf der Uhr wollen einfach nicht weiter springen. Es zieht sich.

Dann erreichen wir wieder, gefühlt nach einer halben Ewigkeit, die Straße, die uns Richtung Ziel führen soll. Wir müssen nur noch geradeaus walken, sagt der junge Togoer. Auf der großen Straße walken wir am Straßenrand, Autos und dicke Brummis passieren uns. Es stinkt nach einem Gemisch aus Abgasen und Plastik. In Togo fahren noch sehr alte Fahrzeuge herum.

Wir laufen wieder ein wenig. Es geht leicht bergab. Die Hitze ist nicht mehr auszuhalten. Ein Polizist mault uns an. Es sei nicht gut, wie wir hier liefen. Was meint er? Wir kommen wieder an dem See vorbei, an dem wir vor knapp fünf Stunden waren. See, ich würde gerne in dich eintauchen, dachte ich mir. Denn ich kann meinen Wassermangel kaum noch mit Wasser tilgen.

Bei Kilometer 37 biegen wir zum Strand ein. Sind also wieder in Aného, nachdem wir zwei weitere Königreiche, die von Nlessi und Agbodrafo, stundenlang durchliefen. Ich denke, dass wir bald da sein werden. Die letzten fünf Kilometer schaffe ich auch noch. Tatsächlich ist der Blick auf Strand und Atlantik keine Entschädigung; die Schmerzen sind zu mächtig. Ich sehe Bienvenue wieder, sage ihm, er solle neue, dieses Mal gekühlte, Wasserbeutel kaufen. Ich freue mich, über jede Schattenstelle unter Palmen. Leider viel zu wenige. Wir walken wieder. Der Trottoir ist neu und sauber. Kilometer um Kilometer, immer nur geradeaus. Bei Kilometer 41 habe ich große Probleme, obgleich ich ja fast zwei Drittel der Strecke gewalkt bin. Ich muss eine Viertelstunde: mich ausruhen. Setze mich in den Sand am Promenadenrand und entspanne. Der letzte Kilometer wird mich noch fordern.

Es geht weiter. Als ich endlich 42 Kilometer auf meiner Uhr sah, jubele ich kurz und sage nach weiteren 195 Metern: "Fini". Geschafft. Endlich. Laufe aber dennoch weiter. Denn das Ziel ist noch rund vier Kilometer vor mir, der Umweg nach Benin.

Ab Kilometer 43 stelle ich auch das Walken ein. Ich streike, lege mich unter einen Pavillon, dessen Dach mit Holz versehen ist. Es spendet ein wenig Schatten. Der Sand, auf dem ich liege, ist nicht kühl, sondern warm. Die Familie unter dem Pavillon ist tolerant und lässt mich bei sich. "Jowo" höre ich wieder, zum zigsten Mal. Bienvenue kommt mich und den jungen Togoer irgendwann abholen. Wir steigen auf sein Motorrad und fahren zum Ziel. Das Ziel liegt noch mehr als zehn Minuten vor uns.

Die wackeren Läufer nach der Siegerehrung

Im Zielbereich laufen wir symbolisch noch knapp 100 Meter und kommen im Ziel an. Das Ziel liegt am Strand, dort wohnt auch der König des Ortes. Das halbe Dorf wartet schon auf uns. Es jubelt und beglückwünscht uns. Der König von Aného hat aufgetischt. Es gibt Getränke und einen Snack. Er ist so etwas wie der Schirmherr des "Marathons des Royaumes". Für die Bewohner ist er eine Autorität. Es wird gelacht, gesungen und geehrt. Alle sind glücklich.

Mein erster Marathon wird unvergessen bleiben, die Hitze und die Strecke waren eine Qual. Die Kinder, für die wir Spenden sammelten, sind es mir aber wert gewesen. Mein nächster Marathon wird aber in kälteren Regionen stattfinden.

Bericht und Fotos von David Bieber

Film unter https://www.youtube.com/watch?v=Okcr6rCvuc4

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