15.6.25 - Öresund BrückenlaufLaufend von Dänemark nach Schweden zum 25jährigen Jubiläum der Öresund-Brücke |
| von Thomas Disser |
Kurz bevor am 1. Juli 2000 die Brücke offiziell eröffnet wurde, fand am 12. Juni der erste Brückenlauf mit fast 80.000 Finishern statt und war seinerzeit der größte Halbmarathon weltweit. Als einmaliger Event geplant, wurde er dennoch jährlich mit kleinerem Teilnehmerfeld bis 2006 wiederholt. 2010 erneut zum zehnten Brückenjubiläum mit 30.000 Finishern. Nun 2025, zum Silbernen Jubiläum der Öresundbrücke zwischen Kopenhagen und Malmö, gibt es eine erneute Ausgabe dieses ungewöhnlichen Laufes.
![]() |
| Lauf von Dänemark nach Schweden zum 25jährigen Jubiläum der Öresund-Brücke |
| |
Ausführliche und einladend präsentierte
Laufankündigungen im LaufReport HIER
|
|---|
Der erste Startschuss zum 2025er Lauf fällt bereits am 1. Februar 2024, Punkt 12 Uhr mittags. High noon im wahrsten Sinne. Kein Duell, es wird ein digitaler Kampf um die Startplätze. 40.000 gibt es davon, aber weit mehr als 100.000 wollen eine Startnummer und sorgen für digitales Stau-Chaos. Wer nicht schon deutlich vor 12 Uhr im virtuellen Warteraum sitzt, hat praktisch keine Chance mehr auf das begehrte Startnummern-Vergabeportal, in dem dann ein Zähler anzeigt, auf dem wievielten Stuhl im Wartezimmer man gerade sitzt. Spannung bei unseren Lauffreunden, wer wohl als Erstes einen Startplatz ergattern wird. Oder wer es überhaupt schafft. Für viele dänische Laufhelden kommt erschwerend noch ein querstehendes Bit zwischen Bezahlung und Anmeldebestätigung hinzu und sorgt für Abstürze mitten im Anmeldeprozess. Lautes Raunen in den sozialen Medien schon vor dem ersten Laufkilometer. Wie dem auch sei, nach weniger als 2 Stunden sind alle 40.000 Startnummern weg.
![]() |
| Open-Air-Konzert-Optik, das riesige Startareal |
Mit meinen Vereinskameraden ist ein sportliches Wochenende in Kopenhagen geplant. Daraus wird zwar nur für fünf Glückliche mit Startnummer und Partner/innen etwas, aber immerhin. Ein wenig erinnert unser Ausflug in den Norden an unseren Vereins-Halbmarathon nach Stavanger/Norwegen, als es durch einen 21 km langen Tunnel geht. Diesmal anfangs ebenso durch einen Tunnel, aber nur für rund 5 Kilometer. Und dann über die Brücke. Und was für eine!
7845 Meter misst die gesamte Öresundbrücke und ist damit die längste Schrägseilbrücke der Welt für den kombinierten Auto- und Eisenbahnverkehr. Wobei die Autos oben und die Züge versteckt im Untergeschoß fahren. Heute sind zwei der vier Autobahn-Spuren für den Lauf reserviert. Also freie Sicht nach oben und vor allem entlang der beeindruckenden Brückenkonstruktion. Und auf den Riesen-Stau auf den Fahrspuren nebenan, doch dazu später mehr.
![]() |
![]() |
| Die Seligenstäder Laufreisenden: v.l. Rainer Alban, Dieter Schipper, Susanne Wollenweber, Bernd Staudt, Thomas Disser | Über 30 Sattelzüge sammeln die Kleiderbeutel ein und bringen sie ins Zielareal |
In 40 Monaten Bauzeit und einer Milliarde Euro Kosten wurde das Projekt unter anderem auch mit deutscher Bau-Expertise durchgeführt. Die über 200 Meter hohen Pylonen sind jedenfalls das Highlight dieser Brücke und sicher auch des heutigen Laufes. Für Fahrzeuge ist die Brücke mautpflichtig, für Läufer kostet es eben die Gebühr für die Startnummer. Darin enthalten ist auch der Transport, entweder zum Start oder zum Ziel. Je nachdem, ob von schwedischer oder dänischer Seite angereist wird. Eine logistische Herausforderung. Aus Schweden reisen 25.000 Laufhelden an, der Rest aus Dänemark. Das bedeutet reichlich Zug- oder Bus-Pendelverkehr. Wir sind in Kopenhagen einquartiert, daher ist für uns die Rückreise aus Malmö per Bus vorgesehen. Aber erstmal geht es laufend hinüber. Ich freue mich sehr darauf und bin gespannt wie die Brückenseile.
![]() |
![]() |
| Der Streckensprecher mit Herz braucht für die stundenlangen Starts Ausdauer | Endlich ist die Startlinie erreicht |
Über die Startprozedur in acht Wellen wurden wir bestens informiert, und so kann sich jeder auf die zeitliche Abfolge einstellen. Die ersten Starts sollten um 9:45 Uhr beginnen, während der letzte Startblock knapp zwei Stunden später auf die Reise geschickt wird. 40.000 Laufhelden geordnet in Bewegung zu setzen, das dauert seine Zeit und verzögert sich hinten raus bis fast um eine Stunde. Aber wir sind ja nicht auf der Flucht. Nur macht man oder frau sich schon Gedanken in puncto persönliche Flüssigkeitszufuhr und deren Entsorgung. So lange wir nicht auf der Brücke sind, ist letzteres dank tausender Dixis und hohes Gras rund um das Startareal kein Problem.
![]() |
| Los geht es im Stadtteil Tarnby |
Nun ist unser Startblock an der Reihe. 2:15 bis 2:30 Stunden mussten dafür bei der Anmeldung angegeben werden. Nach meinem Eindruck eher Theorie, es sind reichlich Walker dabei, die mit einem Startblock weiter vorne eher dem Zeitlimit von 3 Stunden und so dem offiziellen Walking-Verbot entkommen wollen. Aber gut, die Strecke ist mit zwei Fahrspuren auf den ersten zwanzigeinhalb Kilometern breit genug und es geht recht entspannt voran. Und gibt mir viel Zeit und Platz für Fotos auf der normalerweise nicht Fußgänger-geeigneten Strecke. Die führt nach drei Festland-Kilometern nahe dem Flughafen Kastrup zum Drogdentunnel, der bis zur künstlich aufgeschütteten Insel Peberholm der eigentlichen Öresundbrücke vorgelagert ist.
![]() |
![]() |
| Von links nach rechts | Die ersten 3 km auf dänischem Festland |
Der Veranstalter hatte im Vorfeld zahlreiche Info-Mails versendet. Unter anderem wurde darauf hingewiesen, die im Tunnel befindliche Belüftung aus Lärmgründen nur einzuschalten, wenn die gemessenen Luftverhältnisse es erfordern. Und das ist nun deutlich der Fall. Nach wenigen Metern im Tunnel dröhnender Lärm der Turbinen, die es aber nicht schaffen, die Waschküchen-Verhältnisse, die uns für die nächsten fünf Kilometer ordentlich ins Schwitzen bringen, zu verhindern. Feuchtwarm ist es, aber von Sauna darf man bei dieser Temperatur noch nicht sprechen. Höchstens von Dampfbad, und darin ist man üblicherweise nicht laufend unterwegs. Die pitschnasse Straße beweist dieses Klima jedenfalls auf der bis immerhin 60 Meter unter dem Meeresspiegel führenden Strecke. Kommt dies von den 40.000 Laufhelden, oder gar von der Ostsee darüber?
![]() |
![]() |
| Hinein in den Tunnel | und in die Waschküche |
An den zahlreichen Wasserstellen werden Tetrapack-Wassertüten ausgegeben. Die sollen weniger windempfindlich als Becher sein. Klappt auch ganz gut. Es sind hunderte Abfallsammelbehälter an der Strecke vorhanden und viele Helfer werden zum Einsammeln eingesetzt, wenn etwas auf der Strecke liegt. Bananen werden in Stücken gereicht, wobei deren Schalen für ordentliche Rutschpartien im Bereich der Verpflegungsstellen sorgen. Also Obacht, wo man hintritt.
![]() |
![]() |
| Das Licht am Ende des Tunnels naht | Endlich wieder frische Luft! |
Die Sanitätshelfer haben ohnehin gut zu tun, aber augenscheinlich alles im Griff. Dutzende Laufhelden, auf dem Rücken liegend mit hochgelegten Beinen, haben Kreislaufprobleme. So werden die zwei Fahrspuren der Läufer des Öfteren verengt, um Krankenwagen, Sani-Quads oder Golfcars mit montierten Tragen Platz zu schaffen. Das funktioniert gottseidank sehr gut und es bleibt offenbar bei unkritischen Zuständen. Auch mit dem Hauptverkehrsmittel in Kopenhagen, dem Fahrrad, sind zahlreiche Sani-Leute unterwegs.
Nachdem der schwülwarme Tunnel verlassen wird, sorgt eine herrlich frische Brise für Abkühlung in Sekundenschnelle. Prima!
![]() |
| Auf der beim Tunnelbau künstlich hergestellten Insel Peberholm ist unser Objekt der Begierde erstmals zu sehen |
Endlich ist sie in ihrer Pracht zu sehen. Das Bauwerk imponiert schon aus der Ferne. Nun baut sie sich allmählich auf. Die Öresundbrücke, der wir Läufer durch unser Tempo eben deutlich länger und somit viel intensiver als Autofahrer näher kommen. Immer wieder schaue ich zu den sich langsam aufbauenden Pylonen und zurück auf die nicht enden wollende Läuferschlange.
![]() |
| Zwei Schlangen, soweit das Auge reicht - aber nur die Läufer kommen voran und die Autos stehen still |
Nicht nur die Handvoll Läufer, die Musikinstrumente dabei haben und ein Ständchen auf der Öresundbrücke geben, sorgen für gute Stimmung. Die Aussicht ist einfach grandios und sorgt für ein kaum zu beschreibendes Laufgefühl. Wasser rundherum, in der Ferne ein riesiger Windpark und eben die Brücke selber.
![]() |
![]() |
| Laufende Musikanten | Kleiner Mensch, große Pylonen |
Die schwedische Grenze ist erreicht und nur ein Schild zeigt dies an. Danach der eigentliche Höhepunkt, und die die höchste Stelle sowieso. Die 200 Meter hohen Pylonen, gestützt von dicken, schräg angebrachten Stahlseilen beeindrucken auf besondere Weise. Der Wind pfeift ordentlich, dass ich meine Laufmütze schon eine Weile sicher verstaut habe, um sie nicht der Ostsee zu übergeben.
![]() |
| Gleich geht's übers Meer |
Nach dem Erreichen der für die Großschifffahrt geeigneten Passage führt die Strecke wieder in Richtung Meereshöhe, die wir kurz vor Malmö erreichen. Da die Steigung schon kaum zu spüren war, ist es nun auch keine echte Unterstützung auf den letzten Kilometern. Zumal der Wind nachlässt und die Sonne kräftig den Laufhelden einheizt. Nach dem Dampfbad im Tunnel wird mit der Schnellbräunung ein weiteres Wellnessprogramm geboten. Da wir nun wieder auf dem Festland und bewohntem Gebiet sind, finden sich tausende Zuschauer ein und sorgen für Stadtmarathon-Feeling.
![]() |
| Die Läuferschlange reicht bis Kopenhagen |
Bis Kilometer 20 alles gut, wie die dort liegende Zeitmessmatte später beweisen wird. Dann mutiert die Straßenbreite von Autobahn auf Schleichweg. Und das im wahrsten Sinne. Tausende Laufhelden stecken fest und warten auch mal zehn Minuten, bis es weitergeht. Meine Vereinskameraden zeigen mir es später auf ihrer Uhr, wie aus dem Sechser- ein Zwölfer-Schnitt werden kann. Ich bin glücklicherweise langsam genug und habe dieses Problem nicht mehr.
![]() |
![]() |
![]() |
| Selfie-Hotspot Landesgrenze | Wir nähern uns dem Höhepunkt | Gespannt wie Drahtseile |
Dafür bin ich bei den sich anschließenden Dingen voll dabei. Helfer verteilen Wasserflaschen an die Zielankömmlinge, die noch nicht wissen, dass dies vielleicht die letzte Versorgung für mehrere Stunden sein könnte.
![]() |
| Schade, dass es schon wieder runter geht |
Immerhin gibt es noch eine gut designte Medaille, zumindest für die, die auch den Helferinnen und Helfern in die Arme laufen. Rappelvoll ist es in dem Bereich nach der Ziellinie und es geht kaum noch vorwärts.
![]() |
| Mittendrin |
ehntausende Finisher haben ebenso viele Smartphones dabei. Da ist die an sich gute App des Laufveranstalters drauf, auch mit allen Infos, wo es im Ziel was gibt. Die geht aber nur mit Internet, und das Netz ist weg.
So irren nicht nur Digital Natives suchend durch das große Areal, auch die zeitgemäß Ausgestatteten haben nichts von der Technik, die ansonsten sicher durchs Leben führt.
![]() |
| Tschüss, Brücke! |
Der Dusch-Bereich ist auch so gut zu erkennen. Im herrlichen Strandbad wird die Lauf- zur Badehose und so duftet man oder frau nach Ostsee und nicht nach Schweiß. Schon mal gut, auch für die spätere Zug- oder Busfahrt.
Außer dem Ziel-Wasser suche ich - wie nach Läufen üblich - die Kuchentheke. Ein feines Angebot ist zu sehen, sogar ohne Warteschlange davor. Doch das hat seinen Grund: sie können mir nichts verkaufen, da ja das Internet weg ist und Barzahlung sowieso nicht geht. Anderswo ist an langen Schlangen zu erkennen, dass es dort noch irgendwas Ess- oder Trinkbares geben sollte. Für einen Cappuccino stelle ich mich auch mal an, der - wahrscheinlich wegen dem fehlenden Netz - sogar gratis ist.
![]() |
![]() |
| Viele Zuschauer auf dem letzten Kilometer | Kurz vor dem Ziel |
Koffeingestärkt will ich meinen Laufevent-Kleiderbeutel-Rucksack abholen. In schönem Design und funktional, mit Nummernschild dran. Aber schwarz und zigtausendfach auf den LKWs deponiert. Die werden von den Läufern gestürmt und so wird die Suche in den anfangs nach Startnummern sortierten Beutel-Bergen wie nach der Nadel im Heuhaufen. Ein Läufer findet meinen Rucksack und der findet mich. So habe ich meine mitgebrachte Notration sicher und suche meine Vereinskameraden, was mir sogar gelingt: Beim Warten auf den Bus, wo sie schon stundenlang anstehen. Ein Shuttle-Busverkehr für rund 15.000 Laufhelden, die nach Dänemark müssen, ist absehbar mit Wartezeit verbunden. Wenn dann noch Verkehrsprobleme auf der für den Verkehr freigegebenen Spur auftreten, geht eben gar nichts mehr.
![]() |
| Geschafft! |
Die Laufhelden, die spontan zum Bahnhof Malmö pilgern, stecken anderweitig fest. Zugausfälle gibt es nicht nur bei uns.
Irgendwann tauchen wieder Busse Richtung Kopenhagen auf. Die werden regelrecht gestürmt und wir sind froh, wenigstens einen Stehplatz zu ergattern. Nichtwissend, dass unsere Fahrt länger dauern wird als die meisten zuvor gelaufen sind. Aber auch dieses Abenteuer wird überstanden und die verspätete abendliche Kalorienzufuhr besonders genossen.
![]() |
![]() |
| Und wo jetzt hin? | Medaillen suchen ihre Finisher |
Jede Menge Eindrücke. Und dabei werden auch die positiven nach vorne gestellt. Die Tage in Kopenhagen, einer Stadt, die man sowieso nicht nur für eine Laufveranstaltung besuchen sollte, sind großartig. Der Lauf ist nur für einen Tag Urlaubs-bestimmend, der Rest war eben Urlaub, und das ist gut so.
![]() |
| Erfrischendes Bad im Meer |
| |
Ausführliche und einladend präsentierte
Laufankündigungen im LaufReport HIER
|
|---|
Der dänische Veranstalter Sparta Atletics ist ein erfahrener Laufveranstalter und hat bisher alle Brückenläufe über den Öresund organisiert. Dazu ist er mit dem Kopenhagen Marathon auch aktuell engagiert. Mit den schwedischen Kollegen von MAI Malmö sicher auch ein gutes Gespann und für eine solche Veranstaltung mit besonderen Herausforderungen gut aufgestellt. Auch wurde im Vorfeld gut informiert und die Läufer auf die Besonderheiten einer Punkt-zu-Punkt-Veranstaltung hingewiesen. Dass on top noch zusätzliche Verkehrsprobleme das Konzept durcheinanderbringen, dafür kann kein Veranstalter etwas, auch für fehlendes Internet nicht. Dennoch bekommt er den Ärger der Betroffenen tausendfach zu spüren. Jedenfalls wurde zeitnah nach dem Lauftag weiter informiert, sich für die Umstände entschuldigt und eine ausführliche Umfrage gestartet. Auch wenn es keine Wiederholung dieses Laufes geben wird. Warten wir es ab, schon der erste Lauf im Jahr 2000 sollte einmalig bleiben.
![]() |
Bericht und Fotos von Thomas Disser Infos bridgerun2025.com Zurück zu REISEN + LAUFEN aktuell im LaufReport HIER |
![]() |
© copyright
Die Verwertung von Texten und Fotos, insbesondere durch Vervielfältigung
oder Verbreitung auch in elektronischer Form, ist ohne Zustimmung der LaufReport.de
Redaktion (Adresse im IMPRESSUM)
unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urhebergesetz nichts anderes
ergibt.