Moritz Beinlich

Länger Deutscher Meister, aber wider Willen

von Holger Teusch im März 2020 

2019 gewann Moritz Beinlich von der LG Telis Finanz Regensburg in Freiburg für viele überraschend den deutschen Meistertitel im Halbmarathonlauf. Den trägt er jetzt länger. Denn die Titelverteidigung am 29. März ist wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Der 23-Jährige aus Kaisersesch in der Eifel wäre aber lieber angetreten.

Moritz Beinlich nimmt die momentane Situation wie die meisten Sportler äußerlich gelassen. An abgesagten Wettkämpfe wie die Deutschen Meisterschaften im Halbmarathonlauf kann man nichts ändern. Für Moritz Beinlich wären die ursprünglich für den 29. März im Rahmen des Freiburg-Marathons geplanten nationalen Titelkämpfe über 21,1 km ein besonderer Wettkampf gewesen. Das erste Rennen, bei dem er als amtierender deutscher Meister bei den Männern angetreten wäre. Doch die DM würde als einer der ersten Wettkämpfe in der Corona-Krise abgesagt. Einen Nachholtermin gibt es (noch) nicht. Es ist also möglich, dass Moritz Beinlich als der Deutsche Halbmarathonmeister in die Geschichte eingeht, der den Titel in einem Rennen für zwei Jahre gewonnen hat.

Moritz Beinlich holt sich den deutschen Meistertitel über Halbmarathon 2019 beim Mein Freiburg Marathon
Foto © Winfried Stinn

Dass er nun länger der amtierende Deutsche Meister ist, darüber kann Moritz Beinlich zwar Witze machen. "Aber es ist nicht so, dass ich mich groß drüber freue", beeilt sich der 23-Jährige aus Kaisersesch in der Eifel (Landkreis Cochem-Zell) zu betonen. Denn noch lieber wäre er in Freiburg zur Titelverteidigung angetreten. "Ich wäre gerne gelaufen", sagt er. "Nicht, dass ich den Titel sicher verteidigt hätte, aber ich wäre gerne nach Freiburg zurückgekehrt und hätte die Strecke noch mal erlebt." Vor allem hätte er gerne gezeigt, dass er sich noch weiter entwickelt hat. "Das Training seit Herbst lief gut. Ich habe noch einmal einen Sprung gemacht", sagt der Student der Betriebswirtschaftslehre, der wegen der Ausbildung 2017 nach Bayern zur LG Telis Finanz Regensburg wechselte.

Bereits im Februar war Moritz Beinlich wie viele andere deutsche Topläufer den Halbmarathon in Barcelona gelaufen. Aber 1:05:33 Stunden seien nicht sein aktuelles Leistungsvermögen. Ihm fehlten einige spezielle Läufe, die seine Vereinskameraden zuvor im Trainingslager in Portugal absolvieren konnten, er wegen einer leichten Erkältung aber nicht. Und der 16. Platz auf der Langstrecke bei der Crosslauf-DM in Sindelfingen? Durch Schlamm laufen sei einfach nicht sein Ding. "Der einzige Grund, weshalb ich in Sindelfingen durchgelaufen bin war das Team", sagt Moritz Beinlich. Zusammen mit Simon Boch (Vizemeister) und Maximilian Zeus (Dritter) holte er mit dem Team der LG Telis Finanz Regensburg den Mannschaftsmeistertitel.

Moritz Beinlich bei den Deutschen Meisterschaften im 10 km Straßenlauf 2019 in Siegburg

Anschließend habe er weiter gut trainiert. Beim traditionsreichen Bahnauftakt seines Regensburger Vereins am zweiten Corona-Wochenende (21./22. März) hätte Moritz Beinlich gerne sein Leistungsvermögen über 10.000 Meter gezeigt und seine persönliche Bestzeit von 29:33,37 Minuten angegriffen.

Die abgesagte Halbmarathon-DM wäre für ihn die einzige Möglichkeit gewesen, sich für die Europameisterschaften und den Europacup über 21,1 Kilometer in Paris zu qualifizieren. "Eine kleine Chance hätte ich mir gegeben", sagt er. Zwar seien schon jede Menge guter Zeiten auf der Straße gelaufen worden, aber einige dieser Läufer würden eher zu den 5000 Metern oder 10.000 Metern tendieren. "Dann hätte vielleicht schon eine tiefe 64-Minuten-Zeit gereicht", glaubt der amtierende Deutsche Meister, der 2019 mit persönlicher Bestzeit von 1:04:24 Stunden den Titel gewann.

 
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Aber dass die EM vom 25. bis 30. August in Paris stattfindet, daran glaubt Moritz Beinlich zumal nach der Absage der Olympischen Spiele (ursprünglich 24. Juli bis 9. August) nicht. "Ich denke, kein Leistungssportler hat nach abgebrochenen oder ausgefallenen Trainingslagern große Lust darauf", erklärt er.

Meisterschaftsrennen auf der Bahn 2018 (li.) und 2019 - Moritz Beinlich läuft gern in Spikes

Ohne Wettkämpfe als Ziel hängt Moritz Beinlich bei seinem eigenen Training ebenfalls in der Luft. Zurzeit in Kaisersesch in der Eifel, wo er aufgewachsenen ist, versucht Moritz Beinlich die Grundelemente und die Struktur des Trainings, wie er es beim Regensburger Trainer Kurt Ring gelernt hat, beizubehalten. Das bedeutet beispielsweise dienstags Krafttraining mit anschließend lockeren Dauerlauf.

Die Langhantel dazu liegt im elterlichen Garten. Sonntags steht ein langer Lauf auf flachem Terrain an der Mosel bei Cochem auf dem Programm, mittwochs ein Fahrtspiel. An den Tagen dazwischen lockere Dauerläufe, gerne auch ohne Uhr. "Ich finde, man darf in dieser Zeit nicht verkrampft an Training rangehen und muss es auch als Chance sehen, Sachen auszuprobieren, die man normal im Trainingsalltag nicht hinbekommt", erklärt er. Beispielsweise brauche er jetzt beim Krafttraining keine Angst zu haben, dass er anschließend zwei Tage Muskelkater habe.

 
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Sportlich war Moritz Beinlich schon als Kleinkind. Als Dreijähriger spielte er Fußball und ging bald auch zum Leichtathletiktraining beim TuS Kaisersesch. "Da hat sich schon gezeigt, dass ich ein bisschen laufen kann. Mit alten Turnschuhen bin ich 3:40 Minuten über 1000 Meter gelaufen", erzählte er vor seinem Jugend-DM-Debüt 2012 über seine ersten Erfolge als Zehnjähriger. Als Trainerin Andrea Baumert, eine ehemalige Hochsprung-WM-Teilnehmerin mit einer persönlichen Bestleistung von 1,98 Metern und die Frau des ehemaligen NADA-Vorsitzenden (2007-11) Armin Baumert, ihr Engagement beim TuS Kaisersesch beendete, fand Moritz Beinlich mit Johannes Kessler einen neuen Coach und mit der LG Rhein-Wied einen neuen Verein.

Von der Kinderleichtathletik ging es über erste Erfolge als 10-Jähriger unter der Leitung von Johannes Kessler schon zu Meistertiteln

Da war der schmächtige Junge zwölf Jahre alt, lief 1000 Meter bereits unter drei Minuten (2:58,66), aber auch schon mal über Hürden und er war ein ganz passabler Mehrkämpfer.

Unter Kessler ging es richtig bergauf. Als 14- und 15-Jähriger führte Beinlich die nationale Jahresbestenliste seines Geburtsjahrgangs 1996 über 3000 Meter an.

 
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Als 17-Jähriger gewann er erstmals einen deutschen Meistertitel, den über 3000 Meter der U18. Schon in seinem ersten U20-Jahr wurde er zwar deutscher Vizemeister über 3000 Meter in der Halle und 5000 Meter dieser Altersklasse, mit einem internationalen Start klappte es aber genauso wenig, wie ein Jahr später als Deutscher 5000-Meter-Jugendmeister. Schon in seinem ersten Jahr bei den "Großen" schaffte es Moritz Beinlich 2016 über 1500 Meter auf den achten Platz bei der DM und holte U23-DM-Bronze auf dieser Strecke. Johannes Kessler arbeitete mit seinem Schützling noch einmal intensiv an der Grundschnelligkeit. Das Resultat: 3:45,55 Minuten als 1500-Meter-Bestzeit.

Schon früh ein Kämpfer mit Siegambitionen im Stadionoval, aber auch im Gelände, auf der Straße und im Cross

"Das Jahr war wie 2015 wieder etwas zwiespältig. Es hat nicht alles geklappt", sagte Moritz Beinlich am Jahresende 2016, auch wenn er sich über 3000 Meter (8:12,30 Minuten) und 5000 Meter (14:28,76 Minuten) weiter steigerte und das Abitur am Mayener Megina-Gymnasium machte. Mit dem Ende der Schulzeit und der Aufnahme des Studiums der Betriebswirtschaft in Regensburg folgte auch der Vereinswechsel zur dortigen LG Telis Finanz und Kurt Ring als neuen Trainer. An die neuen Trainingsreize musste sich Moritz Beinlich erst gewöhnen. Der Durchbruch war der nationale Halbmarathontitel im vergangenen Jahr.

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Seine Bachelor-Arbeit hat Moritz Beinlich bereits im vergangenen Jahr geschrieben. Nur noch drei Fächer belegt der Betriebswirtschaftsstudent zurzeit. Das sei angesichts der Uni-Schließung wegen der Corona-Pandemie von Vorteil. Gelernt wird zurzeit in Eigenregie und über Online-Portale. Prüfungen sind bereits auf August verschoben. Ähnlich wie beim Training ohne feste Wettkampftermine sei es komisch, mit so einem großen Zeithorizont zu lernen. Aber so wie im Sport sieht Moritz Beinlich auch im Studium die derzeitige Situation als Chance. Man könne auch über den Tellerrand schauen und sich mit Themen beschäftigen, für die sonst die Zeit fehlt.

Der Einstieg in den elterlichen Betrieb für landwirtschaftliche Bewässerungsanlagen nach dem Studium scheint für Moritz Beinlich ausgemachte Sache. Aber auch die Überlegung, nach den Bachelor-Prüfungen ein oder zwei Jahre auf die Karte Sport zu setzen, war schon da. "Ich weiß, dass ich auf 5000 Meter und 10.000 Meter deutlich schneller laufen kann", sagt er. Andererseits tue ihm der Ausgleich, die geistigen Herausforderungen im Studium gut. "Wenn ich nur laufe, setze ich mich zu sehr unter Druck", glaubt er. Außerdem bringe das Studium automatisch Struktur in den Alltag, nennt Moritz Beinlich ein weiteres Argument, das für ihn für die nahtlose Weiterführung seines Studiums in Richtung Masterabschluss spricht. Durch die Doppelbelastung kommen Regeneration und Physiotherapie natürlich oft zu kurz, weiß er.

Wahrlich häufig landet er seit vielen Jahren auf Ehrentribünen: links beim Vergleichskampf Luxemburg gegen Leichtathletik-Verband Rheinland in Diekirch 2013 und rechts im Februar in Bad Füssing bei einem der vorläufig letzten Laufereignisse im Corona-Jahr

Bis der Universitäts-Betrieb in Regensburg frühestens Mitte April wieder anläuft, heißt es für Moritz Beinlichs sowieso erst einmal die Fitness erhalten im heimischen Kaisersesch. Der Vorteil seiner Heimatstadt in der Eifel: Von seinem Elternhaus ist er direkt im Wald. Sein Vereinskamerad Simon Boch habe es in Regensburg da schon schwieriger, erzählt er. Ab und zu trifft er sich mit seinem ehemaligen Vereinskameraden von TuS Kaisersesch und LG Rhein-Wied Yannick Pütz aus dem Nachbarort Greimersburg. Aber auch allein zu trainieren macht ihm nicht viel aus. "Ich habe das ja gemacht, seit ich mit dem Sport angefangen habe." Schwerer falle es ihm da schon, dass Kurt Ring wieder aerobe Läufe und Grundlagentraining verschrieben hat. "Gerade bei dem schönen Wetter könnte man jetzt mal wieder die Spikes schnüren", sagt Moritz Beinlich etwas wehmütig und fügt hinzu. "Aber wofür?"

Holger Teusch im März 2020 

Das Porträt "Moritz Beinlich" erstellte Holger Teusch
Fotos ©: Holger Teusch, Winfried Stinn, Constanze & Walter Wagner

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