Auf den Spuren des Taubertal100

Wer weiß schon, wann es wieder richtig losgeht?

von Thomas Disser (27.01.2021)  

In Zeiten ausgefallener Wettkämpfe darf der innere Schweinehund auch mal etwas mehr Gehör finden. Wie klingt der eigentlich, nach Hund oder Schwein?

 

Es fehlt einfach der verlässliche Veranstaltungskalender, um die neuen läuferischen Glanztaten ins Auge zu fassen. Normalerweise löst die Voranmeldung zum nächsten Volkslauf einen Motivationsschub aus. Die nächsten Tempoeinheiten oder langen Läufe vergehen praktisch im Flug. Man weiß ja, für was man sich gerade anstrengt. Wobei Tempoläufe nur vor einem schnellen 10er oder ähnlichem in der Lauf-Exceltabelle vorkommen, da muss ich ehrlich sein.

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Die Motivations-Lücke durch fehlende Wettkämpfe gar nicht erst aufkommen lassen, wäre doch ein schöner Neujahrs-Vorsatz gewesen. Ist wohl auch für die nächsten Monate nötig, leider. Viele Profi- und Hobbyathleten finden tolle Lösungen und bauen sich Laufprojekte selbst zusammen. Dabei leisten einige schier Übermenschliches. Mal liest man von einem Barfuß-Marathon pro Woche, wobei die beiden Protagonisten sogar schon vor Corona ihre Schuhe im Schrank ließen und in der Pandemie einfach weiterlaufen. Dürfen sie auch. Sie haben Glück, Maskenpflicht hat nichts mit den Füßen zu tun.

Laufprojekt: Da geht's lang
Landschaft, Stille, sonst nichts

Man kann sich auch an Laufband-Weltrekorden versuchen. Oder läuft von Laufen (CH) nach Laufen (A). Tolle Ideen! Da kann man sich auch mal inspirieren lassen. Es muss ja nicht gleich solche Ausmaße annehmen.

 

Virtuelle Laufveranstaltungen können hin und wieder etwas zur Schweinehund-Bekämpfung beitragen. Je nach aktueller Lage darf man sogar mit dem ziemlich besten Lauffreund gemeinsam die selbstgeplante Marathonstrecke absolvieren. Mit einer "richtigen" Startnummer auf der Brust, ein tolles Gefühl. Dazu sorgt man bei einigen Spaziergängern für Verwirrung: "Welche Veranstaltung findet hier denn gerade statt?"

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Die Wochen vor und nach Weihnachten war ich in Bad Mergentheim. Auch im Winter eine schöne Altstadt und Umgebung, trotz fehlendem Weihnachtsmarkt sowie geschlossenen Schlössern und Cafés. Für Flachländer wie mich ist das Laufterrain eher anspruchsvoll, es geht immer rauf und runter. Ausnahme: der Radweg "Liebliches Taubertal". Klingt doch schön! Man wird praktisch eingeladen, auf dieser Route seine Laufrunde zu drehen. Zumal sich zu dieser Zeit kaum weitere Verkehrsteilnehmer darauf befinden. Gefühlt ein Radfahrer pro Stunde, wenn überhaupt. Fußgänger sind selten und nur in Ortsnähe, ebenso Hundebesitzer.

Jeder Kilometer ist markiert, Danke Hubert Beck! Schwäbisch - Fränkisches Grenzgebiet: nicht alle Schilder sind offiziell

 

Also wird die Strecke zu meinem privaten Laufprojekt erhoben: Auf den Spuren des Taubertal100, der im Original von Hubert Beck und seinem Team Anfang Oktober von Rothenburg ob der Tauber nach Wertheim veranstaltet wird.

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Der Plan: Jeden Samstag wird ein Teil der Strecke absolviert. Die Anzahl der Etappen ist zunächst offen und wird sich aus den Bedingungen wie Wetter und Erreichbarkeit der jeweiligen Start- und Zielpunkte ergeben. Natürlich auch aus der eigenen Tagesform und Lauflust. Ist ja kein Wettkampf. Medaille oder Finishershirt gibt es auch nicht. Obwohl, die Kilometer-Markierungen und Richtungs-Symbole des Original-Laufes sind allgegenwärtig. Es hat dann doch was von einem "richtigen" Lauf.

Durch das Taubertal führt auf gut 60 Kilometern eine Bahnverbindung, und zwar zwischen Weikersheim und Wertheim. Die lässt sich gut in das Projekt einbauen. Meine erste Etappe ist ca. 30 km lang, führt vom Startpunkt in Bad Mergentheim flussaufwärts bis Röttingen und wieder zurück bis nach Weikersheim. Von dort will ich mit der Bahn wieder zurück. Am Bahnhof stelle ich allerdings fest, dass es keine Aufwärm-Möglichkeit gibt. Nach einem winterlichen 30er wäre das aber nötig. Das Bahnhofsgebäude ist nun privat und im Umbau. Cafés ohnehin zu. Im Ort einen offenen Supermarkt mit Bäckerei gefunden, in einer Ecke schnell umgezogen und bis zur Abfahrt des Zuges die Zeit im Warmen verbracht.

Es fährt kein Zug nach nirgendwo Bahnhof Reinsbronn, ohne Gleise, aber trotzdem schön

Die Frost-Erfahrung der ersten Etappe lasse ich in die weitere Planung einfließen. Fahre einfach beim nächsten Mal erst mit der Bahn zum entferntesten Punkt des Tages, in diesem Fall Niklashausen, und laufe zurück. Damit steht dann auch die Länge der Etappe fest. Wieder schöne 30 km. Die Bahnfahrt bis Niklashausen zeigt die herrliche Gegend, die Tauber mäandert sich durch die Landschaft. Ein Halte-Knopf muss gedrückt werden, damit der Zug auch anhält, wo ich aussteige. Natürlich bin ich der Einzige von immerhin fünf Passagieren des gesamten Zuges, der hier aussteigt. Den Taubertal-Radweg habe ich nun ganz für mich allein. Dürfte im nicht-pandemischen Sommer anders aussehen.

 

Ein toller Streckenabschnitt liegt vor mir. Eigentlich ist die Strecke überall schön und ich lasse mir die Laune auch nicht von dem Dauer-Grau am Himmel vermiesen. Mal abgesehen von einer Baustelle bei Lauda-Königshofen. Auf der Umleitungsstrecke durch kahle Obstbaumplantagen verlaufe ich mich und muss mir den weiteren Weg googlen. Dadurch gerät die Zeit- und Kilometerplanung etwas ins Schleudern. Ich muss unbedingt noch einen warmen Kaffee in einer Bäckerei bekommen, kurz bevor sie schließt. Das sorgt dann für eine Wettkampf-ähnliche Motivation und die letzten Kilometer werden die flottesten. Geht doch, und der heiße Kaffee war eine schöne Finisher-Auszeichnung!

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Den Bahnhof Niklashausen steuere ich ein weiteres Mal an. Für die Etappe bis Wertheim, etwa 20 Kilometer. Wieder Halte-Knopf drücken und ich steige wieder alleine aus. Dann auf den Start-Knopf der Uhr, los geht's. "Flussabwärts" geht übrigens nicht immer nur abwärts. Das zeigt sich einige Male, der Radweg wird über einige Rampen geführt, bei denen 50 oder mehr Höhenmeter zu überwinden sind. Klingt zwar nicht spektakulär, sind aber beim echten Taubertal100-Lauf bestimmt eine knackige Angelegenheit auf den letzten Kilometern. Wertheim kommt in Sicht, zumindest erstmal die Burg. Etwas verwaschen, aber dennoch sichtbar die Markierung von Kilometer 99. Erinnerungen an Biel werden wach.

Sehtest bestanden, km 99 entdeckt
Fans in Wertheim: Daumen hoch, gut gelaufen

In Wertheim um 10 vor 2 nachmittags angekommen, wird es spannend, kurz vor dem Hochklappen der Bürgersteige noch ein warmes Getränk zu erhaschen. "Wir haben die Maschine schon sauber" heißt es nach meiner flehenden Bitte um einen großen Cappuccino. Um Punkt 2 finde ich dann doch einen kleinen Laden und eine nette Verkäuferin, die mich mit meinem Lieblingsgetränk versorgt. Ich könnte sie umarmen, darf aber wegen Corona gerade nicht sein.

 

Fehlt noch der Streckenabschnitt zwischen Rothenburg ob der Tauber und Weikersheim. Mit etwa 35 km theoretisch in einem Stück machbar.

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Allerdings gibt es hier - speziell am Wochenende - keine öffentlichen Verkehrsmittel. Hin und zurücklaufen ist keine Option, bei meinem Trainingszustand und zu dieser Jahreszeit. Die Bahn-App würde mich über Würzburg schicken, Fahrzeit gut zweieinhalb Stunden. Also unbrauchbar für mein Projekt. Ich will auch nicht im Dunklen auf unbekanntem Terrain laufen. Daher wird das Stück durch zwei geteilt und separat gelaufen. Habe ja Zeit. Mit dem Auto bis nach Röttingen, dann die Strecke bis Creglingen und zurück gelaufen. Hat sich allemal gelohnt, die Strecke ist selbst im Winter traumhaft schön!

Wer ist hier außer mir noch gelaufen? Für Verpflegung ist gesorgt- nach der Pandemie Oben Rothenburg, unten die Tauber

Finale: Creglingen bis Rothenburg ob der Tauber. Die ganzjährig sichtbaren km-Zahlen des Taubertal100 werden kleiner. 17, 16, 15 und so weiter, das motiviert doch sehr. Beim echten Lauf natürlich andersrum. Wieder einige wellige Abschnitte mit Ortsumfahrungen für die Radfahrer. Sehr schön, wie das Taubertal immer enger wird. Von den Streckenmarkierungen ist nun nichts mehr zu sehen. Darüber eine Schneeschicht, die so wunderbar knirscht. Kilometerlang keine Menschenseele, nur Schnee. Einfach toll!

Kurz vor Rothenburg ob der Tauber wechselt der Belag zu Schneematsch und es gibt nasse Füße. Ob sich Barfußlaufen genauso anfühlt?

 

Dazu trifft man noch einige asiatische Touristen. Na klar, dieser Ort ist bei "Europe in ten days" auch dabei. In der aktuellen Zeit habe ich damit allerdings nicht gerechnet.

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Nun heißt es Umkehren und die gleiche Strecke zurück bis nach Creglingen laufen. Die nassen Füße werden nun kalt, aber es gibt keine Alternative zum Weiterlaufen. Nach 37 km bin ich zurück am Auto, wo warme Klamotten und Tee auf mich warten. Wie schön kann Umziehen sein! Ein lieber Lauffreund schreibt mir "na komm, da fehlen noch 5 km zu ´nem Marathon!" Vielen Dank, heute nicht.

Die Tauber mündet gleich in den Main, heute ebenfalls ohne Zuschauer Es ist ja schon sehr ruhig und landschaftlich, aber vom "….. der Welt" zu sprechen wäre auch gemein

Nach der letzten Etappe und insgesamt rund 140 km werden die Laufschuhe erst einmal getrocknet und für ein paar Tage stehen gelassen. Laufprojekt beendet. Eine Zufriedenheit, die man sonst nur bei einem "richtigen" Laufevent erlebt, hat sich eingestellt. Damit habe ich gar nicht gerechnet. Umso schöner. Motiviert hat es auch für die nächste Zeit. Denn wer weiß schon, wann es wieder richtig losgeht. Ich freue mich jedenfalls darauf. Wer weiß, vielleicht auch einmal beim echten Taubertal100. Nicht virtuell, ganz real. Mit Startnummer und Medaille. Die Strecke kenne ich ja schon.

Bericht und Fotos von Thomas Disser

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