Werner Sonntag -

Persönliche Worte zum Tod eines Lauffreundes

von Wolfgang W. Schüler   

Als Claudius Sonntag mich davon in Kenntnis setzte, dass sein Vater am 24. Oktober 2021 verstorben ist, ging es mir wie jedem, den die Mitteilung über den Tod eines nahestehenden Menschen erreicht: ich war erstarrt, wie eingefroren. Meine Nähe zu Werner - wir duzten uns in späteren Jahren - war keine verwandtschaftliche, aber eine im Geiste und Herzen. Wir teilten Leidenschaften und Interessen und waren darüber im Austausch - ob zum aktiven Laufen, zum Schreiben darüber oder zum Gesundheitsanliegen im Breitensport. Schon während des Anrufs seines Sohnes stieg ein Berg von Bildern in mir auf, an gut 35 Jahre, die in etwa auch unseren Altersunterschied markierten. Erinnerungen an Begegnungen auf der Laufstrecke, auf Tagungen und in seinem Wohnzimmer; an Telefonate, Postkarten, Briefe und Mails - letzte in einem Ordner gesammelt -; an Momente und Ergebnisse unserer publizistischen Zusammenarbeit. Mitte der 1980er Jahre, als ich meine ersten Manuskripte für die "condition", deren Chefredakteur er war, einreichte, fand ich in ihm einen Fürsprecher und Förderer. Als ich vernahm, dass auch er 1967 erstmals an einem Volkslauf teilgenommen hatte - er als Erwachsener, ich als Kind -, war ein weiteres Band der Sympathie geknüpft.

Ich befinde mich damit in guter, in großer Gesellschaft. Werner Sonntag war eine öffentliche Person und viele von uns älteren bzw. alten Lebensläufern haben ihr persönliches Werner Sonntag-Verhältnis. Wie hätten wir auch an ihm und seinem Werk vorbeikommen sollen?!

  • An seinem reichen Schrifttum, mit dem er der modernen Laufbewegung mit den Boden bereitet hat, uns stets neu für das Laufen bis hin zum Ultralauf einnahm, darüber "brillant und sachverständig" (Manfred Steffny) berichtete und uns - nie belehrend - Wissen und Anregungen aus Lauftheorie und -praxis unterbreitete.

  • An den vielen Laufveranstaltungen, bei denen wir ihm begegnen konnten, einige Kilometer gemeinsam mit ihm zurücklegten und stets einen offenen, bescheidenen, bodenständigen Menschen zum Gegenüber hatten.

  • An seinem einzigartigen Tagebuch "Laufen, Schauen, Denken", das er mit uns LaufReport-Lesern 15 Jahre lang (bis Oktober 2017) teilte, eine "mit Bildmaterial angereicherte Archäologie der Laufbewegung" (Jochen Schmidt), aus der der Läufer und Mensch Werner Sonntag immer wieder beispielgebend hervortrat.
Bücher von Werner Sonntag - Foto Wolfgang W. Schüler

Seine u. a. darin beschriebene Haltung zum Altern, zum Leistungsrückgang, zum Umgang mit Gebrechen, ja, zum näher rückenden Tod waren vergleichbare Begleit- bzw. Zukunftsmusik unseres Blicks auf das eigene endliche Leben.

"Die Lebenslehre für mich", so schrieb er einmal, "lautet: Im Alter hat man eine höchst unsichere Zukunft. Es bleiben nur Gegenwart und Vergangenheit. Wer die Gegenwart nicht ausfüllen, sprich: aktiv sein kann oder will, dem bleibt nur die Vergangenheit. Wer allein in der Vergangenheit lebt, lebt wahrscheinlich ein trauriges Leben." Und so verbot er sich bei allen gesundheitlichen Rückschlägen, die sich zum Glück erst spät in seinem Leben einstellten, eines: Larmoyanz. Dankbar zu sein für das, was war, und die Herausforderungen der Gegenwart anzunehmen, waren sein persönliches Credo.

Als sich der Wunsch nach weiteren der von ihm geliebten Marathons nicht mehr erfüllte, blieb er dennoch dem Training auf seiner Hausrunde treu. Und als er langsamer und langsamer wurde und für seine Begriffe nur noch dahinschlich, war auch dies für ihn noch ein lohnendes Tun, "ein Training" - eines gegen das Sich-Aufgeben.

"Ja, ich denke an den Tod und ich akzeptiere ihn, aber ich lebe auch gerne", bekundete er einmal. Und in einer Mail in 2009: "Kurt Tucholsky, ein wichtiges literarisches Vorbild für mich, hat in seinem Tagebuch als eine seiner letzten Eintragungen, bevor er aus dem Leben schied, eine Treppe gezeichnet und zur obersten Stufe geschrieben: Schweigen. Davon bin ich noch immer weit entfernt. Ich denke, man muß sich seine Neugier bewahren auf das, was kommt, und man muß auch noch fähig sein, sich aufzuregen (ohne zu verzweifeln)." Es zeichnet Werner Sonntag aus, dass er nicht müde wurde, immer wieder gegen Zustände und Vorgänge, insbesondere gegen Verbandspolitik, anzuschreiben, wenn sie nach seiner Auffassung die legitimen Interessen der Läufer als Breitensportler missachteten.

 

Ja, und so sind wir mit ihm, dem "Laufpionier", dem "Vor-Läufer" und "Vor-Denker", dem "Apologeten des Erlebnislaufs", dem "Ultramann", dem "Urgestein der modernen Laufbewegung und der Laufliteratur" - und wie auch immer er zu Recht bezeichnet wurde -, älter bzw. alt geworden. Vielen von uns Läufern war er Vorbild, eine Institution; sein Wort hatte Gewicht.

Werner Sonntag hat nun die oberste Treppenstufe genommen. Er ist, gut gepflegt und begleitet, in einem stolzen Alter von 95 Jahren friedlich im eigenen Hause eingeschlafen. Eine große Stimme des Laufsports ist verstummt - aber nicht verhallt. Er hat uns ein Lebenswerk mit unzähligen Artikeln und zahlreichen Büchern hinterlassen, aus dem sich weiterhin Kluges, Hilfreiches, da Zeitloses entnehmen lässt; allemal unstrittig ist dessen historische Bedeutung und Einordnung.

Verleihung des ersten Horst-Milde-Awards am 18. Oktober 2014 an Werner Sonntag. Links: Horst Milde, rechts: Werner Sonntag.
Foto: Forum für Sportgeschichte / Jürgen Engler, Berlin.

Lieber Werner, du Läufer- und Menschenfreund, ich will es mit dem Schweizer Liedermacher Stephan Sulke halten, der in einem Refrain singt:

"Doch wenn's einen Gott da oben gibt,
dann soll er dich in'n Himmel führen und
lieben wie man Freunde liebt."

Eine ausführliche Würdigung von Leben und Werk findet sich im nachfolgenden Beitrag "Der alte Mann und das Mehr", der anlässlich Werner Sonntags' 90. Geburtstag im Jahr 2016 geschrieben und im LaufReport veröffentlicht wurde.

Nachruf von Wolfgang W. Schüler

Wolfgang W. Schüler ist Sozialpädagoge und Pädagoge, ausgebildeter Lauftherapeut (DLZ) und seit 1995 DLZ-Dozent mit dem Schwerpunkt "Lauftherapie mit Kindern und Jugendlichen." Unter dem gleichlautenden Titel erschien im Jahre 2014 sein bisheriges Hauptwerk. Darüber hinaus ist er Autor und Herausgeber mehrerer Bücher.

Zurück zur LaufReport-Startseite HIER

© copyright
Die Verwertung von Texten und Fotos, insbesondere durch Vervielfältigung oder Verbreitung auch in elektronischer Form, ist ohne Zustimmung der LaufReport.de Redaktion (Adresse im IMPRESSUM) unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urhebergesetz nichts anderes ergibt.

Datenschutzerklärung