![]() ![]() |
|
Werner Sonntag zum 100. Geburtstag
|
![]() |
|
von Wolfgang W. Schüler im Mai 2026 |
Wenn ich vom Laufen rede, komme ich gerne auf Werner Sonntag zu sprechen. Weil beide für mich zusammengehören. Doch zuhörende Läufer jüngeren Alters können mit dem Namen meist nichts mehr anfangen. So dass ich auszuholen beginne. Ein, wie der Zeitenlauf zeigt, bekanntes Phänomen: die Stimmen der Alten beginnen zu verstummen - und zu verhallen. Je jünger eine Entwicklung ist, umso mehr sind ihre Begründungen und Ausrichtungen noch an die Namen derjenigen geknüpft, die ihr den Weg bereitet haben. Sie prägen das Selbstverständnis einer Generation, auch noch der nachfolgenden, doch dann verlieren sich allmählich ihre Spuren. Dr. Ernst van Aaken, Otto Hosse, Werner Sonntag - "wer ist das?"
Dieses Phänomen ist Auftrag: sowohl in Erinnerung zu rufen als auch aufzuklären. Um verständlich zu machen, wem wir was verdanken, wer uns den Boden für unser heutiges Tun bereitet hat. Ich nenne dies Erdung, Verwurzelung. Handelt es sich dabei noch um Menschen, deren Erkenntnisse und Aussagen "über den Tag hinaus" Relevanz behalten haben, dann darf - Scheibenwischereffekt - der Blick wechselweise vor und zurück gleiten. Und kommt noch hinzu, dass diese Menschen auch durch ihre Persönlichkeit, durch ihre Art der Lebensbewältigung ein Beispiel geben können, dann wird daraus ein dicker Schuh.
Ich empfinde Erinnerungskultur als bereichernd. Und wiederholt über Werner Sonntag zu schreiben als Freude. Ja, Werner Sonntag ist nicht mehr unter uns, er starb vor fünf Jahren, 95jährig. Jetzt jährt sich sein Geburtstag zum einhundertsten Mal. Aus diesem Anlass wird demnächst ein Buch über und irgendwie auch von Werner Sonntag erscheinen. Walter Wagner und ich haben sein Online-Tagebuch "Laufen, Schauen, Denken", das er im LaufReport von 2002 bis 2017 geführt hat, noch einmal gelesen, passend zum jetzigen Geburtstag 100 seiner über 700 Einträge ausgewählt und mit Zustimmung des Sohnes Claudius Sonntag zusammengeführt. Das Buch "Werner Sonntag 100 - Tagebuch einer Lauflegende" wird vom bekannten Sportverlag Arete in Hildesheim herausgegeben werden und ein Geleitwort von Prof. Dr. Oliver Stoll, Sportwissenschaftler an der Universität Halle-Wittenberg und selbst Ultraläufer, beinhalten wie auch ein ausführliches Portrait des Geehrten.
|
Mehr Informationen zum Buch auf der Produktdetailseite beim Arete-Verlag |
Deshalb nachfolgend nur einige Blitzlichter zum Leben und Wirken von Werner Sonntag.
![]() |
| Neues Buch, das voraussichtlich im August 2026 im Arete-Verlag erscheinen wird (Foto: Arete) |
|
Der Mensch |
Werner Sonntag wurde am 22.06.1926 in Görlitz (Niederschlesien) geboren. Er war der Sohn eines Polsterers und wuchs - frühe Prägung - behütet inmitten von Büchern auf. Seine pazifistische Haltung wurde durch den aufkommenden Nationalsozialismus verstärkt. "Auch wenn er sich seiner Einberufung nicht entziehen konnte, so tat er alles, um kein Täter im Krieg zu werden" - so die Worte des ältesten seiner drei Enkel -; "er schrieb und sagte, er habe nie woanders hin geschossen als in die Luft. Körperliche Misshandlungen, Verwundungen und Gefangenschaft haben Wunden bei ihm hinterlassen, ihn aber nicht gebrochen." Nach der Entlassung aus sowjetischer Haft 1945 kehrte Werner Sonntag in seine Heimatstadt zurück, ließ sich zum Lehrer für den Schuldienst ausbilden. Danach der Wechsel in den Journalismus als Redaktionsassistent bei der "Jungen Welt" und als Verlagsredakteur in Ostberlin. Bis er aus der "Freien Deutschen Jugend (FDJ)" und der "Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED)" ausgeschlossen wurde und 1952 die DDR in Richtung Bundesrepublik verließ. Wie viele andere Übersiedler vor und nach ihm machte er die Erfahrung: "Niemand hatte auf uns gewartet", öffentliche Unterstützung gab es keine, vielmehr begegneten ihm Vorbehalte, Misstrauen, ja Ablehnung. Kontakte zu Redaktionen ließen sich schwer an. Schließlich eine Anstellung als Lokalredakteur in Schwäbisch Gmünd. Dort auch Heirat (Marianne) und Geburt des Sohnes (Claudius). Bis 1991 war Werner Sonntag Zeitungs- und Zeitschriftenredakteur, davon 17 Jahre bei der renommierten "Stuttgarter Zeitung". Daneben wirkte er (bis 1976 unter Pseudonym) viele Jahre als Korrespondent der "ZEIT". Sein geschliffener Schreibstil - welch ein Genuss! Seine geteilte Kompetenz - welch ein Gewinn! Seine Bodenständigkeit, Bescheidenheit, Zugänglichkeit - sie machten ihn gerade auf der Laufstrecke zu einem von uns. Als ich ihm vor 30 Jahren per Karte zu seinem runden Geburtstag gratuliert hatte, antwortete er: "Über die Glückwünsche habe ich mich sehr gefreut, obwohl der Anlaß völlig unverdient ist."
![]() |
| Von 1965 an lebte Werner Sonntag in diesem Reihenhaus in Nellingen, später ein Teil Ostfilderns bei Stuttgart (Foto: Schüler) |
|
Der Läufer |
Die Geschichte klingt bekannt: auf Anraten des Arztes zum Laufen gekommen zu sein. Bei Werner Sonntag war es genauso, 1966, zu den Anfängen der Volkslaufbewegung. 1967 nahm er am 1. Stuttgarter Volkslauf teil, über 10 km, 1968 an seinem ersten Marathon in Baarn/NL, 1972 erstmals an den 100 km von Biel/CH. "Der Mensch geht bis an die Grenze, und offenbar braucht er das", sagte er einmal. 1989 dann die erste erfolgreiche Teilnahme am Spartathlon über 245 km von Athen nach Sparta/GR.
Bei seinen vielen Läufen konnten wir ihm begegnen. Er legte 339 Marathon- und Ultralangläufe zurück. Allein über die 100 km von Biel war er 33 Mal erfolgreich, Dauergast auch beim Rennsteiglauf und Swiss Alpine. Im fortgeschrittenen Alter stellten sich dank soliden Lebens vermehrt Altersklassensiege ein. Am klangvollsten sicherlich der Titel bei der - wie Werner Sonntag relativierte - "schwach besetzten" 1. Europameisterschaft der Veteranen im 100-km-Lauf 1993 in Palamos/ESP, wo er Erster in der Altersklasse 60 wurde. Hinzu kamen zwei EM-Bronzemedaillen 1994 in der AK 65 und 1997 in der AK 70.
![]() |
| Werner Sonntags Medaillen vom 100-km-Lauf in Biel/CH (Foto: Schüler) |
Werner Sonntag wurde das Gesicht und die Stimme des Ultralanglaufs. Vielen von uns war er Vor-Läufer und Vor-Denker im Überschreiten der Marathondistanz. Viele hielten nach der Lektüre seiner Schriften dergleichen erst für möglich. Viele profitierten von seinem geteilten Erfahrungsschatz und reüssierten - ob bei Läufen über 100 km oder mehr. Auch im hohen Alter blieb er für viele Orientierung und Vorbild - was geht noch wie? Mit 86 Jahren dann der Abschied vom Laufen bei Beibehaltung seines Bewegungstrainings, nun im Wanderschritt. Ob er das Laufen vermisse, wurde er gefragt. "Natürlich, aber es ist nicht so, dass mir das Leben vergällt wäre. Der Rückgang des Leistungsvermögens ist der Lauf der Dinge."
|
Der Ideengeber und Organisator |
Werner Sonntag hat 1974 in Stuttgart einen der ersten Lauftreffs in Deutschland gegründet und geleitet. Mit diesem Format wurde ein völlig neues Angebot, "Sport für alle" jenseits des in Vereinen und über Verbände organisierten Sports und darüber hinaus geschaffen (Detlef Kuhlmann). - Dass 1975 der 1. Schönbuch-Marathon durch den TSV Leinfelden und der LAG Filder veranstaltet wurde, ging mit auf Werner Sonntag zurück, der an dessen Gründung beteiligt gewesen war. - Als Alternative zum Laufen als Leistungssport und in Betonung des Lauf-Erlebens organisierte er 1976 den wohl ersten und nicht kommerziellen "Touristiklauf". Dieser führte über zwei Tage von Laupheim über Bad Waldsee (Übernachtung) nach Kreßbronn auf dem damals neuen Donau-Bodensee-Radwanderweg. - Im Sportverein vor Ort regte er ein Angebot für Ausländer wie auch eine Herzsportgruppe an, worauf er jedoch keinen Widerhall fand. - 1985 war er Mitgründer der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V. (duv), in der er vorübergehend als Pressewart fungierte, und 1999 Mitgründer des 100 Marathon Club Deutschland e.V. - Er bemühte sich um die Errichtung eines Museums, in dem die Geschichte des Laufens aus sportlicher und kultureller Sicht dokumentiert wird. Als Ort eines solchen Laufmuseums schwebte ihm Arolsen vor, Stadt in Nordhessen, die sich anschickte Ausdauersportzentrum zu werden. Da war von einem Sportmuseum in Berlin noch nicht die Rede gewesen. Das Engagement wurde gegenstandslos, als schließlich das AIMS-Museum eröffnete. - Auch dies darf Erwähnung finden in einer Zeit, in der - zertifiziert von der Bundesanstalt für Arbeit - lauftherapeutische Angebote für (Langzeit-) Arbeitslose gemacht wurden, um diese zu unterstützen Motivation aufzubauen, die körperliche Befindlichkeit zu verbessern wie auch eine Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt zu befördern: Werner Sonntag machte bereits 1998 den Vorschlag, mit Arbeitslosen zu laufen. Damals erntete man für solche Vorschläge noch Häme.
![]() |
| Das Arbeitszimmer Werner Sonntags im 1. Stock seines Hauses mit Blick auf die Königsberger Straße und weit darüber hinaus (Foto: Schüler) |
|
Der Autor |
Werner Sonntag hat sein Laufen und die Laufszene um ihn herum stets aufmerksam beobachtet und reflektiert. Mit seinem reichen Schrifttum bereitete er der modernen, sich ausbreitenden Lauf-, Marathon- und Ultralaufbewegung mit den Boden. Die psychischen Voraussetzungen und Wirkungen des Laufens hielt er für ebenso wichtig wie die physischen, wenn nicht für noch wichtiger. Es spiegelte sich darin seine persönliche Erfahrung: "Ich laufe, also denke ich." Laufen als ein Nach-innen-Laufen, Wahrnehmung des Selbst, Beschäftigung mit innerseelischen Prozessen. Ein Eintauchen in die "Dimension der Tiefe" jenseits von "höher, schneller, weiter". Es reichen sich Leistungs-, Gesundheits-, Natur- und Lebensphilosophie des Laufens bei Werner Sonntag die Hand. Doch nicht ohne den Blick über den Tellerrand zu wahren. Danach gefragt, wie man im Alter fit bleibt, antwortete er: "Erstens: die Ernährung regulieren. Zweitens: in Bewegung bleiben. Drittens: soziale Kontakte pflegen".
![]() |
| Die Laufbücher Werner Sonntags (Foto: Schüler) |
Werner Sonntag dachte groß und brauchte dafür keine großen Worte. Der Widerhall kam aus der Stille, feinsinnig und journalistisch versiert. Er überzeugte in seinen Ausführungen durch Akribie und Nachdenklichkeit, über die Jahrzehnte als verlässlicher Begleiter und Ratgeber, als einer, der es gut mit seinen Lesern meinte, als Lauffreund.
Seine Laufbücher - Themenbücher der ersten Stunde und teils in verschiedene Sprachen übersetzt - sind nach wie vor lesenswert, ob "Irgendwann mußt du nach Biel" (1978), "Spaß am Laufen" (1979), "Mehr als Marathon" (1985), "Fit mit Laufen" (1988), "Herausforderung Marathon" (1988), "Laufende Vorgänge" (1996), "Bieler Juni-Nächte" (2008) oder "Mehr als Marathon" (2013). Nicht zu vergessen sein Online-Tagebuch "Laufen, Schauen, Denken" (2002-2017). Ob als Blogger, Reporter, Kolumnist, Ratgeber, Chronist oder Literat - Werner Sonntag wusste in allen Funktionen zu überzeugen. "Sachverständig" und "brillant" waren gängige Attribute.
|
Der Ausgezeichnete |
Dass der "Laufpionier", "Vor-Läufer", "Vor-Denker", "Apologet des Erlebnislaufs", "Ultramann", "Urgestein der modernen Laufbewegung und der Laufliteratur" - und wie auch immer er zu Recht bezeichnet wurde -, zahlreiche Ehrungen erfuhr, war naheliegend. Gewürdigt wurden Werner Sonntags (Lebens-) Leistungen zum einen in Form von Ehrenmitgliedschaften, z. B. - und obwohl diesen Berufsgruppen nicht angehörig - im "Deutschen Verband langlaufender Ärzte und Apotheker", zum anderen mit "Preisen": Im Jahr 2003 ist er mit dem Medien-Award des München-Marathons ausgezeichnet worden. Es kamen 2006 der Adolf-Weidmann-Preis der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung und 2014 der Horst-Milde-Award des Forums für Sportgeschichte, dem Förderverein des Sportmuseums Berlin hinzu. Letzter wurde ihm in einer Feierstunde in Anwesenheit u. a. von Berlins Sport-Staatssekretär Andreas Statzkowski und Peter Hanisch, dem Ehrenpräsidenten des Landessportbundes Berlin verliehen. Eine Ehrung anderer Art wurde ihm 2006 anlässlich seines 80. Geburtstages zuteil: eine Festschrift der "duv" (Redaktion: Jens Lengelsen). "Irgendwann warst du in Biel" heißt es da in Abwandlung des Titels seines Erstlingswerkes, aufwartend mit zahlreichen Erlebnisberichten von Absolventen des Bieler 100ers.
![]() |
| Verleihung des ersten Horst-Milde-Awards am 18. Oktober 2014 an Werner Sonntag. Links: Horst Milde. (Foto: Forum für Sportgeschichte / Jürgen Engler, Berlin) |
|
Zu guter Letzt |
Auf Lob hat Werner Sonntag einmal mit folgenden Worten reagiert: "Ein
Vorzug hohen Alters ist, dass es dann kaum noch Menschen gibt, die sich an die
Schwächen und die Fehler des Überlebenden erinnern können. So
kommt es, dass einem im Alter Bewunderung zufließt. Davon sollte man sich
nicht im mindesten blenden lassen."
Zum Ende dieses Beitrags mag jenes passen, was Werner Sonntag in seinem Brief
vom 30.06.2006 auf mein Portrait zu seinem 80. Geburtstag hin erwiderte: "Sicher,
ich versuche mich realistisch zu sehen; aber wahrscheinlich wohnt doch in jedem
Menschen das faustische Bestreben inne: Es kann die Spur von meinen Erdentagen
nicht in Äonen untergehn
Und so haben Sie die Spuren konserviert."
![]() |
| Eines der letzten Fotos von Werner Sonntag - aufgenommen im Juni 2021 von Michael Weber |
Dank an
Michael Weber und an das Forum für Sportgeschichte/Jürgen Engler
für die Möglichkeit der Verwendung ihrer Fotos von Werner Sonntag
|
Fotos: Wolfgang W. Schüler und LaufReport-Archiv
© copyright
Die Verwertung der Texte und Fotos, insbesondere durch Vervielfältigung
oder Verbreitung auch in elektronischer Form, ist ohne vorherige Zustimmung
der LaufReport Redaktion unzulässig und strafbar, soweit
sich aus dem Urhebergesetz nichts anderes ergibt.