2.10.22 - Berchtesgaden Deutsche Berglauf-Meisterschaft

Jennerberglauf

In Frankfurt ausgeladen und als Frustbewältigung zum DM-Titel

von Wilfried Raatz 

Ergebnis-Auszug Berglauf DM 2022 in Berchtesgaden HIER

Der Frust saß zunächst tief - und die Trotzreaktion folge jedoch schon drei Tage später mit einem furiosen Lauf bei den deutschen Berglaufmeisterschaften am Jenner im Berchtesgadener Land am Königssee. Laura Hottenrott ist in der ausklingenden Saison 2022 das Langstreckenass hierzulande.

 

Anfang September gewann die 30jährige Sportwissenschaftlerin zum zweiten Male den Jungfrau-Marathon vor dem majestätischen Dreigestirn von Eiger, Mönch und Jungfrau, vor Wochenfrist den deutschen Halbmarathontitel in Ulm - und nun als "late entry" die deutsche Berglaufmeisterschaft am Jenner über 8,4 km und 1190 Höhenmeter in neuer Streckenrekordzeit von 54:19 Minuten.

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Kam, sah und siegte bei seinem ersten DM-Start: Julius Ott von der TSG 1862 Weinheim Hartes Stück Arbeit für die W75-Siegerin Karin Risch und Thorsten Mayer Laura Hottenrott hat gut lachen: Eine Woche nach dem Halbmarathontitel in Ulm nun der im Berglauf
Nichts für reine Asphalt-Cowboys:
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Doch was war geschehen? Geplant war eigentlich in der Vorbereitung auf den Frankfurt-Marathon am gleichen Tag "long jog" beim Kassel-Marathon knapp unter der Drei-Stunden-Marke. Doch Frankfurts Race Director Jo Schindler lud die Kasseler Topläufern wegen dem zu erwartenden Vertragsbruch (die Startverpflichtung sieht vor Frankfurt eine zweimonatige Marathon-Startpause vor) aus. Saisonziel mit der anvisierten Bestzeit ade, doch was tun? Kurzentschlossen switchte Laura um und meldete noch am Donnerstag für die deutschen Berglauf-Meisterschaften nach, bei denen sie im Vorjahr in Bad Kohlgrub den Titel gewonnen hatte.

Vorstartphase mit Laura Hottenrott in der Bildmitte

Laura Hottenrott ist ein Kämpfertyp. Trotz Norm verpasste Olympiateilnahme im Vorjahr, Corona ausgelöste Zwangspause bedingt frühen Ausstieg bei den Berglauf-Europameisterschaften und zur Absage des WM-Starts über die Marathondistanz in Eugene - und vielleicht deshalb ist sie zum deutschen Langstreckenass der zweiten Jahreshälfte geworden. In einem furiosen Finale bezwang Laura beim Jungfrau-Marathon die wie eine sichere Siegerin laufende Kenianerin Esther Chesang, die zuvor den legendären Lauf Sierre-Zinal vor der derzeit weltbesten Bergläuferin Maude Mathys gewinnen konnte, und wiederholte den im Vorjahr doch überraschenden Sieg. Doch kämpfen musste die Kasselerin am Jenner keineswegs, denn dazu war ihre Überlegenheit im Feld der knapp fünfzig Finisherinnen zu deutlich.

Sie kam, sah und siegte - in Rekordzeit. Besser geht es wohl kaum, obwohl die Bedingungen alles andere als ideal waren. Anhaltender Regen, dichter Nebel am Königsee und nur geringe Plusgrade am Jennergipfel in 1800 m Höhe. Mit Regenjacke über dem Laufshirt stürmte sie vom Start an der Talstation der Jennerbahn auf und davon, die Konkurrenz schon auf den ersten Laufmetern abgeschüttelt. "Die Strecke hat mir sehr gut gefallen, vor allem die Trailpassagen mit Matsch und vielen Steinen", gestand eine glückstrahlende Laura Hottenrott als erfolgreiche Titelverteidigerin.

Läuft auf Rang zwei in einem für sie schwierigen Jahr: Hanna Gröber Mit 46 zur Bronzemedaille: Simone Raatz Sarah Kistner läuft auf Platz vier zum Jenner

Über zwei Minuten musste die Kasseler Langstrecklerin warten, bis mit Hanna Gröber die Zweitplatzierte die Ziellinie auf dem Bergbahn-Plateau erreichte. "Ich bin natürlich super zufrieden", gestand die promovierte Immunologin und Dritte beim Nations-Cup, der inoffiziellen Weltmeisterschaften in Val Bregaglia, "denn bis Juli war ich mehr oder weniger dauerverletzt und durch Corona zurückgeworfen!" Mit 56:41 blieb auch die Tübingerin mit Studienort Zürich noch knapp unter der bestehenden Streckenrekordmarke von 56:43 der Kolumbianerin Alexandra Olarte aus dem Jahr 1999.

Dritte - und das war zweifellos die Überraschung auf dem Siegerpodest wurde mit der 46jährigen Simone Raatz eine Mastersläuferin, die bereits im Vorjahr in Bad Kohlgrub als Sechste überraschen konnte und zudem Berglauf-Masters-Weltmeisterin ihrer Altersklasse wurde. "Auch wenn ich keine Trailpassagen laufen kann, konnte ich den dritten Platz bis ins Ziel verteidigen - und erstmals in meiner Laufkarriere bei deutschen Meisterschaften eine Medaille im Frauenbereich gewinnen!" Die Darmstädterin gewann übrigens "so nebenbei" ihren 19. Meistertitel in den Masterskategorien mit der breitest möglichen Palette mit Straße, Bahn, Cross und Berg.

Heißes Duell um Silber zwischen Benedikt Hoffmann (vorne) und Lukas Ehrle Nach dem Titelgewinn 2017, 2018 und 2021 diesmal neben dem Stockerl als Vierter: Maximilian Zeus Neues Gesicht in der Berglauf-Szene: Der Dresdner Jan Peterzelt wird Sechster

Allmählich kehrt mit Sarah Kistner die frühere U20-Welt- und Europameisterin zur einstigen Stärke zurück, auch wenn der an ihrer Promotion in Innsbruck arbeitenden Kronbergerin noch ein hartes Stück bevorsteht, wie sie selbstkritisch zugibt. Unter den Fittichen ihres neuen Trainers Kurt Stenzel, dem früheren deutschen 10.000 m-Meister und EM- und WM-Marathonstarter, kehrt sie nach zahlreichen Verletzungen zum systematischen Lauftraining zurück, das ergänzt wird durch gelegentliche Radeinheiten mit ihrem Freund Jakob, der übrigens als eher Nichtläufer Sechzehnter im Männerfeld wurde. Und freute sich mit Simone über deren unerwartete Bronzemedaille. "Ich bin da einfach nicht mehr rangekommen. Simone war sehr stark heute!" Hinter der die W35 gewinnenden Monika Pletzer wurde Felicitas Deutschkämer von der LG Allgäu Sechste vor der 23jährigen Franziska Schmieder. Mit Rang elf lief Julia Rath als U20-Meisterin über die Ziellinie an der Jenner-Bergstation. Angeführt von der W40-Berglauf-Weltmeisterin Kerstin Esterlechner, die als W40-Meisterin als Achte im Ziel registriert wurde, holte sich der PTSV Rosenheim den Mannschaftstitel vor der LG Allgäu und der jungen Mannschaft des SSC Hanau-Rodenbach.

Ebnet dem SSC Hanau-Rodenbach den Mannschaftstitel als Siebter: Philipp Stuckhardt Bruno Schumi wird DM-Achter Top 10-Platzierung für den M45-Sieger Andreas Schindler

Mit Julius Ott hatten selbst die Experten kaum rechnen können, denn der für die TSG Weinheim startende 25jährige lebt nach Studienaufenthalten in Norwegen und Japan in Graz und war bislang noch nie bei deutschen Meisterschaften gestartet. Dafür bei einigen international stark besetzten Rennen wie dem legendären Sierre-Zinal über 33 km (auf Platz 36) oder beim Großglockner-Berglauf (auf Rang 16), bei den Österreichischen Staatsmeisterschaften in Gobernitz wurde er Fünfter, mit dem Schafberglauf hatte er zumindest einen beachtenswerten Sieg auf seinem Konto. Am Jenner jedenfalls stürmte der an seinem Studienort Graz für running Graz im Bereich der Kreislaufwirtschaft promovierende Julius Ott an einen Sahnetag schon nach etwas mehr als zwei Kilometer an die Spitze und gab diese gegen die keinesfalls schwache Konkurrenz nicht mehr ab. Mit 47:24 Minuten lag er letztlich 18 Sekunden vor den beiden Brust an Brust ins Ziel stürmenden Benedikt Hoffmann und Lukas Ehrle.

Marco Benz gewinnt als Gesamtzwölfter die M40 M50-Titel-Triple: Nach 10 km- und Halbmarathon- nun auch Berglauf-Titel innerhalb von drei Wochen für Markus Mey Berglauf-Urgestein Stephan Tassani-Prell wird M50-Fünfter

"Ich wusste natürlich nicht, was ich erwarten konnte", bekannte der Überraschungsmeister im Ziel. "Ich hatte vor allem Freude im zweiten Teil der Strecke, als es aus dem Wald und den breiten Forstwegen auf Single Trails ging! Durch das Duell um Platz zwei ist natürlich mein Vorsprung etwas geschmolzen, aber dennoch groß genug!" Und das Geheimnis seines Erfolgs? "Ich passe meine Trainingsinhalte den Anforderungen in Studium und Arbeit an. Ich habe keinen regelrechten Plan, mir reicht es, wenn ich im Studium vieles vorgeschrieben bekomme!"

Josef Streicher gewinnt die M55 Thomas Bauer gewinnt die M60 LG Allgäu-Duo mit Christian Scholz (90/ 6. M50)) und Thomas Blum (15/ 2. M55) Duell der U20-Läufer Moritz Freyer (58) vor Jannik Fraikin (14)

Richtig zur Sache ging es dahinter um DM-Silber. Routinier Benedikt Hoffmann und U20-Europameister Lukas Ehrle schenkten sich in der Tat nichts, versuchten selbst auf dem schmalen Trailpfad eine vorzeitige Entscheidung herbeizuführen, behakten sich noch auf den rustikalen Treppenstufen kurz vor der Ziellinie, um letztlich ohne erkennbaren Vorsprung durch die Zielschranken zu laufen - und wurden beide mit 47:42 auf Rang zwei gesetzt. "Es ist einfach Pech", gestand Benedikt Hoffmann, der seit einigen Jahren einem deutschen Meistertitel im Berglauf hinterherjagt. "Immer ist einer vor mir, diesmal hatte ich Maximilian Zeus und nach meinem Gefühl auch Lukas Ehrle im Griff, dann kommt einer wie Julius Ott vor mir ins Ziel…!"

Während der 37jährige Lehrer noch mit dem geteilten Rang haderte, freute sich der 18jährige Lukas Ehrle über eine herausragende Saison, die nach dem Berglauf-Europameistertitel zwei weitere nationale U20-Titel über 10 km und im Berglauf bescherten. "Im Gegensatz zu Bad Kohlgrub hatten wir heute das andere Extrem, ich habe aber festgestellt, dass ich beides kann!" Im Vorjahr wurde Lukas auf einer eher welligen Strecke in Bad Kohlgrub hinter Maximilian Zeus Vizemeister der Männer, ebenso wie auf einer selektiven Strecke mit einer durchschnittlichen Steigung von 14 Prozent. Und blickt voraus: "Zuerst einmal Pause und dann wird im Cross wieder angegriffen!" Schließlich reizt den Schützling von Timo Zeiler ein Start bei den Cross-Europameisterschaften im Dezember in Turin.

Das Regelwerk verhindert die Silbermedaille für einen starken Auftritt der 15jährigen Julia Ehrle Mit viel Fantasie: Blick zum Königssee (!) Skomo-Ass David Sambale wird Fünfter am Jenner

Übrigens sorgte die 15jährige Schwester von Lukas Ehrle für ein überragendes Ergebnis. Aufgrund ihres Alters war nämlich Julia noch nicht startberechtigt, lief aber mit 56:02 Minuten ein herausragendes Resultat als Zweitschnellste aller weiblichen Starterinnen. Wir jedenfalls dürfen uns auf das Jahr 2023 freuen, wenn das Villinger Talent nicht nur national, sondern auch international startberechtigt sein wird.

Bei den 10 km-Meisterschaften in Saarbrücken lief der Hanau-Rodenbacher Tristan Kaufhold mit 30:19 einen neuen deutschen U18-Rekord, am Jenner stellte sich das Langstreckentalent ganz in den Dienst der SSC-Mannschaft und wurde als U20-Vierter zudem auch Mannschaftsmeister mit seinen Clubkollegen.

Überhaupt konnten einige junge LäuferInnen auf sich aufmerksam machen. Da ist der 22jährige David Sambale, Sohn des früheren Nationalmannschaftsläufers Martin Sambale, als Fünfter ebenso zu nennen wie auch dessen 20jähriger Bruder Simon auf Rang 12, ebenso der ebenfalls 22jährige Allroundläufer Marius Abele als Elfter, der übrigens den mit der zahlenmäßig größten Vertretung ins Rennen gegangenen SSC Hanau-Rodenbach bei den Männern zur Team-Meisterschaft vor dem PTSV Rosenheim führen konnte.

Für Minuten freier Blick auf den Jenner… Überraschungs-DM-Top 3 mit v.l. Simone Raatz (3.), Laura Hottenrott (1.), Hanna Gröber (2.), Julius Ott (1.), Benedikt Hoffmann (2.) und Lukas Ehrle (2.)
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Beeindruckend auch die Leistungen der schnellsten Mastersläufer. So belegte M45-Sieger Andreas Schindler mit 51:43 Minuten den neunten Rang, M40-Sieger Marco Benz mit 52:09 den zwölften und der offenbar unverwüstliche Markus Mey als M50-Sieger mit 53:51 Minuten den siebtzehnten Rang.

Hoch gelobt wurden die Organisatoren des SK Berchtesgaden von Willi Wahl, dem vom Bayrischen Leichtathletik-Verband eingesetzten Wettkampfleiter: "Man merkt auf Schritt und Tritt, dass mit dem SK Berchtesgaden ein Ausrichter mit unzähliger nationaler und internationaler Erfahrung vor allem im Skisport tätig ist. Da kann man nur Glückwunsch sagen!" Gewiss eine starke Werbung für den Berglauf, wenngleich auch nur 153 LäuferInnen den Weg ins Berchtesgadener Land gefunden hatten.

Deutsche Meisterschaft - Berglauf 8,4 km / 1.190 hm in Berchtesgaden (Jennerberglauf 2022)
die 8 schnellsten Frauen & Männer

  Frauen Männer
Pl. Name Verein Zeit Name Verein Zeit
1 HOTTENROTT Laura PSV Grün-Weiß Kassel 54:19 OTT, Julius TSG 1862 Weinheim
47:24
2 GRÖBER Hanna LAV Stadtwerke Tübingen 56:41 EHRLE Lukas LG Brandenkopf
47:42
HOFFMANN, Benedikt TSG 1845 Heilbronn
47:42
3 RAATZ Simone ASC Darmstadt 1:00:55      
4 KISTNER, Sarah MTV Kronberg 1:01:31 ZEUS Maximilian LG Telis Finanz Regensbgurg
49:24
5 PLETZER, Monika LG Filder 1:02:11 SAMBALE, David TV Immenstadt
50:24
6 DEUTSCHKAEMER, Felicitas LG Allgäu 1:02:28 PETERZELT, Jan Dresdner SC
50:55
7 SCHMIEDER, Franziska LG Brandenkopf 1:02:46 STUCKHARDT, Philipp SSC Hanau-Rodenbach
51:10
8 ESTERLECHNER, Kerstin PTSV Rosenheim 1:03:58 SCHUMI, Bruno PTSV Rosenheim
51:27
Seniorinnen/Senioren DM - Berglauf 8,4 km / 1.190 hm in Berchtesgaden (Jennerberglauf 2022)
35 PLETZER, Monika LG Filder 1:02:11 HOFFMANN, Benedikt TSG 1845 Heilbronn
47:42
40 ESTERLECHNER, Kerstin PTSV Rosenheim 1:03:58 BENZ, Marco Skivereinigung Amberg 52:09
45 RAATZ Simone ASC Darmstadt 1:00:55 SCHINDLER, Andreas TSV Glems 51:43
50 BUCH, Thurid Alfterer Sportclub 1:07:58 MEY, Markus TV Eifeler Turnkraft Konzen 53:51
55 HÄRTL, Anke GutsMuths- Rennsteiglaufv. 1:10:25 STREICHER, JosefBY TSV Peißenberg 1:00:40
60 STORCH, Ilse Laufclub Tölzer Land 1:17:37 BAUER, Thomas TF Feuerbach 1:01:16
65 SACHS, Christine LG Mettenheim 1:17:54 LEONHARD, Wolfgang LG Allgäu 1:07:01
70 GÖTTNAUER, Margret LG Bad Bad Soden/Sulz./Neu. 1:27:30 DAUDRICH, Viktor SVG Ruhstorf/Rott 1:14:39
75 RISCH, Karin SV 1911 Traisa 1:45:22 HERMANN, Volker LG Esslingen 1:38:29

Bericht und Fotos von Wilfried Raatz

Ergebnisse my.raceresult.com & Infos www.skberchtesgaden.de

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