12.9.21 - ISTAF Berlin

Das älteste Leichtathletik-Meeting der Welt feiert hundertjähriges Jubiläum

von Almuth Steinhoff 

… Geschichtssplitter …

Neunzig Mal und an acht unterschiedlichen Orten wurde das Internationale Stadionfest in den vergangenen einhundert Jahren bisher veranstaltet. Die Premiere fand am dritten Juli 1921 im damaligen Grunewald-Stadion statt, organisiert vom SC Charlottenburg, vom Berliner SC und dem Schwimm-Club Poseidon. Seitdem ist viel passiert. Das erste ISTAF wurde von 20.000 Zuschauern besucht; Diskuswerfen, Hochsprung, 800m, 1500m und verschiedene Staffelwettbewerbe ("4 mal 100m-Staffel für Damen" / "Schwedenstaffel" / "20 mal 300m-Staffel" / "3 mal 1000m-Staffel") standen auf dem Programm. Die Stadionrunde war 600m lang. Auch Schwimmwettkämpfe konnten innerhalb des Stadions bestaunt werden.

Das Olympiastadion mit seiner typischen Dacharchitektur- Logo des ISTAF Maskottchen BERLINO in Aktion
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

In den dreißiger Jahren fungierten das Olympiastadion, das Mommsenstadion und die Deutschlandhalle als Austragungsorte; 1937 verfolgten 85.000 Zuschauerinnen und Zuschauer die Wettbewerbe. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das ISTAF viermal veranstaltet (1939, zweimal 1941 und 1942).

 

Mit der Reichspogromnacht wurde der jüdische Sport vollständig verboten. Die Teilnehmer kommen nun aus verbündeten, offiziell neutralen oder eingenommenen Ländern. Sportliche Schlagzeilen aus dieser Zeit sind zum Beispiel die auf Bohlen in der Deutschlandhalle gelaufenen 3000m - Paavo Nurmi erzielt die Hallenweltbestleistung von 8:24,4min im Dezember 1939. Der vermeintlich nächste Coup Nurmis 1941 (3000m in 8:06,2min) stellte sich als eine Runde zu wenig gelaufener Wettbewerb heraus; nach 2800m war Schluss.

Banner anklicken - informieren
LaufReport-Info Mein Freiburg Marathon HIER
Sprints von 100m bis 400m standen auf dem Programm Die längste Laufdisziplin gab es neben den 1500m der Fauen mit dem 3000m Hindernislauf der Frauen

Zehnmal wurde das ISTAF in den 1950er-Jahren ausgetragen, 1954 konnte das Stadion in Zehlendorf die Leichtathletik-Fans begrüßen. Im Jahr 1969 zieht die Zukunft ins Olympiastadion ein; die Aschenbahn hat ausgedient, ein Kunststoffbelag wird verlegt. Fünfzig internationale Athletinnen und Athleten sind zur Bewährungsprobe der neuen "Rekortan"-Bahn am Start. 1975 kommt eine überdimensionale "Schwammrolle" zum Einsatz. Der 22. August dieses Jahres geht als "Regenweltrekorde-ISTAF" in die Leichtathletikgeschichte ein. Über 100m (9,9s) und 110m Hürden (13,0s) werden Weltrekorde eingestellt bzw. erzielt.

"Berlin hat Talent" - bei den elfjährigen Jungen siegt Delight Ighavongbee in 7,77s - man beachte die Schuhauswahl "Berlin hat Talent" - Sieger über 50m in der Altersklasse M10 wurde Hugo Hinz von der Gustav-Dreyer-Grundschule in 7,55s. Maskottchen Berlino bittet auch Daniel Karsten (2.Platz) und Jonathan Leist (3.Platz) zum Fototermin

Der Kenianer Mike Boit läuft am 20. August 1976 die 800m in 1:43,57min. Im Jahr 1977 überspringt Hochspringerin Rosemarie Ackermann als erste Frau der Welt die 2m-Marke. Der Mexikaner Arturo Barrios beschert dem ISTAF im Jahr 1989 mit einer sensationellen Zeit den zwölften Weltrekord. Seit 1977 stand der 10.000m-Lauf nicht mehr auf dem Programm - die Zeit von 27:08,23min stellt den ersten Weltrekord über 10.000m beim ISTAF dar. Ein Jahr später fliegt Weitspringerin Heike Drechsler zum ersten Sieben-Meter-Sprung der ISTAF-Geschichte. Christine Wachtel läuft Weltrekord über 1000m (2:30,67min). Dieter Baumann erzielt 1994 über 5000m die ISTAF-Rekordzeit von 13:12,47min. Durch den Umbau des "Oly" wechselte das Stadionfest in den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark (2002/2003). 2014 feierte das ISTAF INDOOR (heutige Mercedes Benz Arena) Premiere...

… 2021 …

In diesem Jahr kommen die Stars der Leichtathletik mit einer Filmrequisite aus "Babylon Berlin" ins Stadion gefahren Bei den 100m der Para-Athleten gab es verschiedene Startklassen - (2. Johannes Floors, 3. Oliver Hendriks, 4. Levi Vloet)

Meetingdirektor Martin Seeber fasste kurz vor dem Jubiläum die ISTAF-Sportgeschichte zusammen: "Gegründet in den wilden 1920er-Jahren im gerade geschaffenen Groß-Berlin, etabliert nach den Olympischen Spielen 1936, neu gestartet nach dem Krieg, getragen von der Idee des internationalen Miteinanders, beeinflusst durch den Kalten Krieg, weiterentwickelt durch technische Innovationen und euphorisiert durch den Mauerfall - das ISTAF hat im Laufe der einhundert Jahre auch Berliner und deutsch-deutsche Geschichte gespiegelt. Stets im Mittelpunkt: die Sportlerinnen und Sportler aus aller Welt, begeistert gefeiert von dem fairen und weltoffenen Berliner Publikum."

Start 1500m der Frauen, u.a. mit den deutschen Läuferinnen Konstanze Klosterhalfen, Katharina Trost, Vera Coutellier und Christina Hering

Als eine der wenigen Fotografen durfte ich auch in diesem Jahr nah bei den Wettkämpfen sein und kann die Worte des Meetingdirektors nur bestätigen. Die Vorfreude der Athletinnen und Athleten im Vorfeld war groß, trotz der langen Saison. "100 Jahre! Um das ISTAF beneidet uns die ganze Welt", so Speerwerfer Johannes Vetter, der bei seinem letzten Start in dieser Saison seinen fünften Triumph im Olympiastadion einfuhr (88,76m) - übrigens ein bisher unerreichter Erfolg. Ganz nah erlebte ich die Gemeinschaft der 1500m-Läuferinnen, die nach dem Wettkampf spontan mit Maskottchen BERLINO zum Gruppenfoto zusammenkamen. Die Fünftplatzierte Konstanze Klosterhalfen nahm sich danach Zeit, einem kleinen Mädchen den Autogrammwunsch zu erfüllen, obwohl das strenge Protokoll schon zum Verlassen des Innenraums rief. Stabhochspringer Bo Kanda Lita Baehre (Platz fünf / 5,71m) konnte sich kaum dem Ansturm der vielen Mädchen und Jungen erwehren, die alle entweder eine Unterschrift (auf T-Shirts, Eintrittskarten oder Unterarm) oder ein Selfie erhofften.

Auf geht`s zum letzten Laufwettbewerb des Tages, 3000m Hindernis, u.a. mit den deutschen Läuferinnen Gesa Krause, Elena Burkard, Agnes Thurid Gers, Lisa Oed und Lea Meyer

Rund 20.000 Zuschauerinnen und Zuschauer erlebten diese Leichtathletik-Freude bei der Athletenvorstellung, im Wettkampf-Areal (vierzehn Disziplinen standen auf dem Programm) und bei den Siegerehrungen. Der Beifall trug die dreihundert Grundschulkinder durch die drei Vorläufe der 16 mal 50m-Staffeln und den Finallauf, der Bestandteil des Hauptprogramms war. Hier wurde das Team des Da Vinci Camps Nauen in der letzten Kurve noch vom "Staffel-Dauerbrenner" Zeppelin Grundschule Potsdam eingeholt. Die sechzehn Mädchen und Jungen aus dem Bundesland Brandenburg absolvierten die beiden Stadionrunden in einer Zeit von 1:58,71min (Vorlauf: 1.58,93min). Ebenfalls im Hauptprogramm starteten die schnellsten zehn- und elfjährigen Berliner Kinder im "50m Young Talent Sprint". Ich erinnere mich, dass bei diesen Sprintfinals der jetzige RB Leipzig-Spieler Lukas Klostermann mehrmals als Erster über die Ziellinie gelaufen ist.

Gesa Felicitas Krause in Lauerstellung, sie gewinnt das Rennen in einer Zeit von 9:26,00min. Elena Burkard (gelbes Trikot) läuft als Dritte in 9:28,98min ins Ziel, dahinter die Viertplatzierte Lea Meyer (9:29,57min)

Als Erste im "Heimspiel" über 3000m Hindernis landete Gesa Krause einen "Heimsieg". (Im Jahr 2019 hatte sie beim ISTAF übrigens einen inoffiziellen Weltrekord über 2000m Hindernis aufgestellt.) Bis 500m vor dem Ziel in Lauerstellung, gewann sie dank einer starken letzten Runde und holte ihren zweiten ISTAF-Sieg. "Das Olympiastadion ist für mich immer schon etwas Besonderes gewesen. Es ist einfach wie nach Hause kommen, ein ganz besonderes Flair - und das motiviert natürlich schon ein bisschen mehr. Insbesondere, wenn mein Lieblingsmeeting den 100. Geburtstag feiert. Mir war es heute wichtig zu gewinnen; die Zeit war zweitrangig." Die deutsche Rekordlerin rannte nach 9:26,00min über die Ziellinie. Keine überragende Zeit, aber die Saisonsteuerung war ohnehin nicht auf den September ausgelegt. - Nach Olympia und einer Saison mit immer neuen Bestzeiten reiste Elena Burkard nach Berlin. Der zweite Start beim ISTAF erfolgte für die Nordschwarzwälderin unter ganz anderen Voraussetzungen als noch ein Jahr zuvor. Olympiateilnahme, vier neue Bestzeiten, überragende Spätform. "Es ist mein letztes Bahnrennen in dieser Saison", so Burkard im Vorfeld. "Ich bin trotzdem noch richtig gut in Form, und was wäre cooler, als die Saison noch mit einer neuen Bestzeit abzuschließen." Als Drittplatzierte erreichte sie eine Zeit von 9:28,98min. Agnes Thurid Gers lief mit 9:52,20min persönliche Bestleistung.

Langer Schritt über die Tartanbahn: Konstanze Klosterhalfen hinter Esther Guerrero aus Spanien Zieleinlauf 1500m mit Esther Guerrero aus Spanien (2.), Axumawit
Embaye aus Äthiopien (3.), Katharina Trost (GER) 4. mit PB und Konstanze Klosterhalfen (GER) auf Rang 5

Konstanze Klosterhalfen "wird auf jeden Fall wieder mehr 1500m laufen … das ist immer noch meine Lieblingsstrecke." In Berlin war es ein Rennen nach fast zweijähriger Pause auf dieser Distanz. Sie muss sich erst wieder herantasten. Vor exakt 771 Tagen war sie auf deutschem Terrain zum letzten Mal an den Start gegangen, dann führte Klosterhalfens Weg in die USA, Pandemie und Verletzungen folgten. Noch vor der in diesem Jahr Fünftplatzierten kam Katharina Trost in persönlicher Bestleistung ins Ziel: 4:05,17min. Auch Vera Coutellier verbuchte mit 4:10,71min eine neue persönliche Hausmarke.

Kate Grace aus den USA gewinnt mit persönlicher Betsleistung (4:01,33min) das 1500m Rennen Konstanze Klosterhalfen und Vera Coutellier, die als 11. persönliche Bestzeit läuft, mit dem Blick auf die Anzeigetafel

Die flache Stadionrunde gehörte einer starken Corinna Schwab. Mit persönlicher Bestleistung (51,51s) kam sie mit über einer halben Sekunde Vorsprung ins Ziel. Zu Recht steht also in ihrer Insta-Story: "Sieg und eine persönliche Bestzeit beim ISTAF. Somit ist meine Saison 2021 beendet." Seit ihrem Wechsel nach Chemnitz zu Jörg Möckel arbeitet Corinna Schwab strukturiert an den Defiziten und der Schnelligkeitsausdauer. Inzwischen kann die Zweiundzwanzigjährige sehr gut eine Saison lang diese längste Sprintstrecke durchstehen.

400m Frauen - Corinna Schwab aus Deutschland siegt in persönlicher Bestleistung vor Amalie Iuel aus Norwegen und Cara Nnenya Hailey aus den USA ...
… und geht auf die Ehrenrunde

Der Norweger Karsten Warholm war einer der großen Stars beim ISTAF. In Tokio verbesserte der Langhürdler seinen eigenen Weltrekord und wurde Olympiasieger auf der wohl anstrengendsten Sprintstrecke. Bei keiner anderen Distanz übersäuert der Körper so schnell, wodurch die koordinativen Fähigkeiten beeinträchtigt werden. Das Besondere an ihm sei, dass er einfach drauf losrennt, ohne bestimmte Renntaktik. Auch die Vorbereitung ist eher unorthodox; er spricht sehr laut mit sich selbst und geht mit kurzen Motivationsrufen in den Startblock. Zeiten, wie sie Warholm läuft, werden aufgrund der Spikes immer wieder kritisch beäugt. Die Karbonplatte "mit Trampolineffekt" nutzen aber auch die meisten seiner Konkurrenten. Warholm mag die ewigen Fragen zu den Schuhen nicht: "Natürlich sind die neuen Schuhe schneller. Es geht nun darum, dass die Verantwortlichen in der Leichtathletik herausfinden, wie sie das regeln wollen." Interessant wird ebenfalls sein, wie ein fünfundzwanzigjähriger Leichtathlet, "welcher alles in seiner Disziplin erreicht hat, den Fokus wieder neu setzen kann." Zurzeit sei er leer, er müsse wieder lernen, mit voller Motivation in ein Rennen zu gehen.

400m Hürden: unangefochtener Sieg von Karsten Warholm aus Norwegen

Speerwerfer Johannes Vetter zeigte nach dem letzten Versuch fünf Finger für fünf ISTAF-Siege in die Kameras, Malaika Mihambo machte derweil deutlich, dass die 6,70m ein Erfolg des Willens waren; eine Fersenprellung hinderten die Olympiasiegerin, weiter zu fliegen. Diskuswerferin Kristin Prudenz musste sich wie in Tokio nur der US-Amerikanerin Valarie Allman geschlagen geben. Deutschlands beste Leichtathleten haben sich in Berlin achtbar in den wohlverdienten Urlaub verabschiedet. Auch Gesa Krause hat beim ISTAF zurück in die Erfolgsspur gefunden; das Rennen am Donnerstag zuvor in Zürich sei abgehakt.

Konstanze Klosterhalfen erfüllt die Autogramm-Anfrage eines jungen Fans Die Disziplinsieger holten sich ihre Präsente hygieneregelkonform an der ISTAF-Stele ab - hier 400m-Siegerin Corinna Schwab
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Für die vielen Helferinnen und Helfer, für das Organisationsteam um Meetingdirektor Martin Seeber aber beginnt jetzt schon die Vorbereitung für die hoffentlich nächste Auflage des ältesten Stadionfestes der Welt.

Bericht und Fotos von Almuth Steinhoff

Ergebnisse www.istaf.de

Zu aktuellen Inhalten im LaufReport HIER

© copyright
Die Verwertung von Texten und Fotos, insbesondere durch Vervielfältigung oder Verbreitung auch in elektronischer Form, ist ohne Zustimmung der LaufReport.de Redaktion (Adresse im IMPRESSUM) unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urhebergesetz nichts anderes ergibt.

Datenschutzerklärung