3./4.7.21 - 19. Gornergrat Zermatt Marathon

Zermatt Marathon - wie immer und doch anders

von Ralf Klink 

Informationen zum Lauf 2022 - siehe Ankündigung im WO LÄUFT`S WIE?

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Seit knapp zwei Jahrzehnten gibt es ihn nun schon, den Zermatt Marathon ganz im Süden des Schweizer Kantons Wallis. Und seit dem Jahr 2002, in dem er erstmals ausgetragen wurde, hat sich eigentlich wenig an ihm verändert. Keine zwei Hände sind nötig, um die überschaubaren Anpassungen aufzuzählen, die es im Laufe der Jahre an Konzept und Strecke gegeben hat. Der vielleicht größte Bruch kam dabei gleich nach zwei Jahren, als man den Zielbereich vom Gornergrat um etwa fünfhundert Höhenmeter nach unten an die Zahnradbahnstation Riffelberg verlegte, wo die Organisatoren weit günstigere logistische Voraussetzungen fanden als in über dreitausend Meter Höhe auf dem kahlen, exponierten, wind- und wetteranfälligen Bergrücken. Dass dabei einige der weit über zwanzig Viertausender, die man vom alten Ziel erblicken konnte, nun den Augen der Läufer verborgen blieben, ließ sich gut verschmerzen. Denn auch vom Riffelberg ist das Panorama weiterhin unheimlich imposant. Und der wohl wichtigste aller Berge in diesem an hohen Gipfeln wahrlich nicht armen Tal, das Matterhorn, präsentiert sich sogar noch etwas näher und eindrucksvoller.

Nichts für reine Asphalt-Cowboys:
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Der Start in St. Niklaus, etwa zwanzig Kilometer talabwärts gelegen, blieb bei der Streckenrevision jedoch unverändert. Die nun zur Marathondistanz fehlenden Meter wurden durch eine Zusatzschleife in und um Zermatt ergänzt. Abgesehen von dieser durchaus etwas größeren Umgestaltung wurde der Kurs allerdings seit der Erstauflage nur noch marginal verändert.

Den Wechsel von einem an Randa und Täsch vorbeiführenden Wanderpfad hinüber zum Sträßchen durch die Ortschaften auf der anderen Talseite, der bereits im zweiten Jahr vorgenommen wurde, konnten sowieso nur Teilnehmer der Premiere bemerken. Alle, die ihren ersten Zermatt Marathon später absolvierten, kennen gar nichts anderes, als die beiden Dörfer in voller Länge zu durchlaufen. Dass Randa dann irgendwann einmal auf einem etwas anderen Weg angesteuert wurde, fiel ohnehin nur den absolut Ortskundigen auf.

Zudem mussten der Startbereich und der Durchlauf in St. Niklaus einmal wegen einer Baustelle verändert werde. Auch nach Ende der Arbeiten blieb man dann bei dieser neuen Streckenführung, denn damit wurde die Hauptstraße in die anderen Orte des Mattertals nicht mehr durch dem Marathonstart blockiert. Doch insgesamt hat sich die Kurssetzung des Zermatt Marathon in zwei Jahrzehnten so wenig verändert, dass Stammgäste inzwischen eigentlich auf die Markierung verzichten könnten.

Das Programm der anfangs tatsächlich nur aus dem namensgebenden Marathon bestehenden Veranstaltung wurde allerdings im Laufe der Zeit langsam ergänzt. Die erste Erweiterung bei der fünften Austragung war eine Zweierstaffel, bei der einer der beiden Sportler von St. Niklaus nach Zermatt läuft und sein Partner - in der Regel entweder aus der Kategorie "Bergspezialist" oder eben "Langschläfer" - sich dann hinauf zum Riffelberg kämpfen darf. Und nachdem es immer wieder die Frage gab, ob man nicht doch wie in den Anfangstagen der Veranstaltung zum Gornergrat hinauflaufen könne, gaben die Organisatoren dem Drängen schließlich nach und kreierten 2011 als "einmaliges" Angebot zum zehnten Jubiläum einen weiteren Lauf, der als Ultramarathon wieder hinauf über die Dreitausend-Meter-Marke führte.

Obwohl dieser gerade einmal etwas über drei Kilometern länger als der Marathon war und damit eigentlich noch unter der als Reizschwelle für einen "richtigen" Ultralauf lag, trug er diese Bezeichnung trotzdem vollkommen zurecht. Weitere fünfhundert Meter, die auf schmalen Bergpfaden in Höhenlagen zwischen zweieinhalb und drei Kilometern zu erklettern sind, lassen die Stoppuhren nämlich je nach Leistungsklasse eben zwischen dreißig und neunzig Minuten weiter ticken.

Wie so oft wurde aus einer einmaligen Aktion dann schließlich doch etwas Dauerhaftes. Denn nachdem das Interesse an der noch schwereren Variante auch danach nicht kleiner wurde, nahm man den Ultra mit der zwölften Auflage der Veranstaltung endgültig ins Programm auf. Und längst verteilen sich die Anmeldungen fast gleichmäßig auf beide Distanzen.

Die Ziellogistik beließ man aber auch für den "Langen" größtenteils auf dem Riffelberg. Oben gibt es neben Zielverpflegung, Medaille und T-Shirt nur noch eine Umhänge-Folie, mit der man dann mit den braunen Zahnradzügen der Gornergratbahn den Weg wieder hinunter zum Marathonziel antritt, wo Kleiderbeutel, Umkleiden und Duschen warten.

Gerade auch weil es für Ultraläufer jederzeit möglich ist, sich am Abzweig bei Kilometer zweiundvierzig noch kurzfristig zu entscheiden, auf die zusätzlichen Höhenmeter zu verzichten - eine schon aus Sicherheitsaspekten ziemlich sinnvolle Alternative, die jedes Jahr Dutzende Teilnehmer nutzen - ist diese Konzentration auf einen Standort durchaus nachvollziehbar.

Der Halbmarathon, mit dem man das Programm 2014 erweitert hatte, endet ebenfalls dort und beginnt in der Staffelwechselzone am Bahnhof von Zermatt, so dass auch für die vierte angebotene Distanz keine großen Zusatzaufwände entstehen. Was im ersten Moment ziemlich verwirrend klingt, ist aufgrund der Tatsache, dass alle Läufer die gleiche Strecke und ähnliche Infrastruktur nutzen, am Ende alles doch recht übersichtlich.

Und aufgrund der von Jahr zu Jahr stets nur homöopathischen Anpassungen waren die Abläufe bei Organisatoren, Helfern und Teilnehmern längst weitgehend eingespielt. Wer regelmäßig dabei war, warf deswegen höchstens noch einmal einen Kontrollblick auf die genaue Startzeit und anschließend in den Fahrplan der Matterhorn-Gotthard-Bahn, um den richtigen Zug nach St. Niklaus zu finden. Schließlich galt und gilt die Startnummer über das gesamte Wochenende als Fahrkarte auf den Strecken des wohl wichtigsten Sponsors.

Auf mehr als zweitausend Teilnehmer insgesamt hatte sich die Veranstaltung bei den letzten Austragungen eingependelt. Der Zermatt Marathon war damit längst groß genug, um nicht nur in der namensgebenden Gemeinde, sondern auch in den anderen Ortschaften des Mattertals unübersehbar zu sein und in wirtschaftlicher Hinsicht ebenfalls eine durchaus spürbare Rolle zu spielen.

Aber dennoch ist aus dem Lauf keine anonyme Massenveranstaltung geworden. Er versprühte auch weiterhin ein gewisses familiäres Flair. Dass die Organisation bei einem Bergmarathon dieser Größenordnung trotzdem extrem professionell sein musste, weil die logistischen Herausforderungen natürlich weit höher sind als bei einem Stadtlauf mit vergleichbaren Starterzahlen, stellte dazu nicht unbedingt einen Widerspruch dar.

Da auch die Termine langfristig feststehen, denn der Zermatt Marathon findet traditionell immer am ersten Samstag im Juli statt, hätte am 3.7.2021 nach der ursprünglichen Planung eigentlich mit der zwanzigsten Auflage ein großes Jubiläum gefeiert werden sollen. Warum es beim Konjunktiv blieb, muss man inzwischen niemandem mehr erklären. Zu dominant ist die Ursache in den täglichen Nachrichten.

Nach dem notgedrungenen und unfreiwilligen Totalausfall im vergangenen Jahr wagten die Macher der Veranstaltung aber nun immerhin die Durchführung des neunzehnten Rennens. Selbst wenn die Corona-Auflagen und -Regelungen in der Schweiz praktisch die ganze Zeit etwas weniger streng ausfielen als anderswo, war das eine durchaus mutige Entscheidung. Denn Planungssicherheit gab es angesichts von sich fast im Wochenrhythmus ändernder Vorgaben der verschiedenen Behörden im Vorfeld natürlich kaum.

Im April wurde die Nachricht versendet, dass man auf jeden Fall versuchen wolle, die Veranstaltung in diesem Jahr durchzuziehen. Aber ganz sicher, für das traditionelle Austragungsdatum alle nötigen Genehmigungen zu bekommen, waren sich die Macher des Zermatt Marathons dann doch nicht. Und so kündigten sie gleich auch noch einen Ausweichtermin am letzten Augustwochenende an. Die endgültige Festlegung solle erst im Mai fallen.

Nicht wenigen potentiellen Teilnehmern wäre diese spätere Variante wohl sogar lieber gewesen. Nach vielen Monaten ohne Wettkämpfe und konkrete Ziele hätte man so noch ein wenig mehr Zeit gehabt, um wieder ernsthaft zu trainieren und damit zumindest ein bisschen Form aufzubauen. Und zum Wiedereinstieg ins Renngeschehen hätte es vielleicht nicht unbedingt gleich ein Bergmarathon mit fast zweitausend Höhenmetern oder gar die Ultravariante mit noch fünfhundert weiteren sein müssen.

Doch da die Infektionszahlen sanken und die Regelungen immer mehr gelockert wurden, fiel die Entscheidung schließlich zugunsten des Originaltermins. Das bedeutete nicht nur weniger Zeit zur Vorbereitung für die Läufer, sondern auf der anderen Seite auch weniger Zeit zur Vorbereitung für das Organisationskomitee. Denn anstelle der weitgehend eingespielten Abläufe der Vergangenheit, mussten nun in vielen Bereichen neue Lösungen gefunden werden, um die amtlichen Auflagen zu erfüllen.

Eine schon auf den ersten Blick sichtbare Änderung war die Ausdehnung der Veranstaltung über das komplette Wochenende. Während die beiden langen Strecken und die Staffel wie üblich am Samstag angesetzt wurden, verschob man den Halbmarathon - im Vergleich der einzelnen Wettbewerbe die klar teilnehmerstärkste Distanz - auf den Sonntag.

Hauptgrund für die Trennung dürfte dabei die begrenzte Transportkapazität der Gornergratbahn gewesen sein, mit der nach dem Rennen Läufer, Helfer und Zuschauer wieder ins Tal befördert werden. Dabei kann es bei "regulären" Zermatt Marathons durchaus auch einmal ähnlich voll werden wie in den berühmt-berüchtigten U-Bahnen Japans zur Stoßzeit. Überfüllte Züge, die man unter normalen Umständen für eine gute halbe Stunde Fahrt noch akzeptieren könnte, sind aber in Corona-Zeiten alles andere als optimal.

Eine Folge der Aufteilung war selbstverständlich, dass nun gleich zweimal eine Vielzahl von Helfern benötigt wurde. Zwar hatte es schon bei der letzten Auflage im Jahr 2019 in Zermatt Rennen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen gegeben. Doch waren damals nach dem Marathon am Samstag dann sonntags die Berglauf-Europameisterschaften auf einem komplett anderen Kurs, der in zehn Kilometern von Zermatt zum Riffelberg führte, ermittelt worden. Diesmal war mehr als die doppelte Distanz für deutlich mehr Teilnehmer abzudecken.

Und gerade in dem an beiden Tagen belaufenen "oberen" Teil der Strecke hatte man eben nicht nur Verpflegungsstellen zu besetzen oder Ordner an kritischen Abzweigen aufzustellen. Auf den manchmal ziemlich schmalen und unebenen Bergwegen sind immer auch in Abständen von wenigen hundert Metern Sicherungsposten platziert, die in Notfällen eingreifen können. Betrachtet man jeden Tag für sich, dürfte die Anzahl der - zum Teil sogar aus Deutschland anreisenden - Freiwilligen kaum kleiner als die der Läufer gewesen sein.

Ein weiterer wichtiger Punkt im Corona-Konzept war die Beschränkung des Starts auf Sportler, die entweder einen gültigen Nachweis über Impfung beziehungsweise Genesung hatten oder aber kurz vor dem Wettkampf negativ getestet sein sollten. Ausdrücklich wurde im Reglement darauf hingewiesen, dass dies am Renntag überprüft und niemand ohne entsprechenden Beleg in den Startbereich gelassen würde. Sogar ein Ausweis zur Gegenprüfung des Namens auf dem Attest sei dabei erforderlich.

Dafür wurden eigens zwei Testzentren in St. Niklaus und Zermatt eingerichtet, in denen sich die Teilnehmer bei Vorlage ihrer Startnummer am Tag vor dem Rennen kostenlos auf eine mögliche Covid-Infektion prüfen lassen konnten. Auch für diese völlig ungewohnte und neue Aufgabe im Rahmen einer Laufveranstaltung war alles gut vorbereitet. Warteschlangen ließen sich zwar nicht immer vermeiden. Doch getestet wurde praktisch im Minutentakt und wenig später hielten die Sportler dann auch ihre Bescheinigungen in den Händen.

Andere Änderungen waren nicht ganz so augenfällig, aber eben dennoch vorhanden. So erhielt jeder Läufer eine exakte, auf der Nummer aufgedruckte Startzeit für den Wellenstart zugewiesen, mit dem im Zwei-Minuten-Rhythmus jeweils etwa einhundert Sportler auf die Strecke geschickt werden sollten. Wirklich neu war dieses Loslaufen in einzelnen Blöcken zwar nicht. Denn schon auf den ersten beiden Kilometern der Strecke gibt es mehrere Engstellen, die bei einem Massenstart unweigerlich zu einem Stau führen würden.

Doch konnte man sich in der Vergangenheit stets selbst an einer passenden Position im Feld einordnen, ohne dass die exakte Zahl der Läufer in den einzelnen Gruppen irgendwie überprüft worden wäre. Vermutlich hätte die gleichmäßige Verteilung auch diesmal wieder funktioniert. Aufgrund der im Hygiene-Konzept gemachten Angaben über die Größe der Startblöcke setzten die Organisatoren mit der minutengenauen Zuweisung der Uhrzeit aber doch lieber auf eine klare, belegbare Regelung.

Auch eine Verpflichtung zum Tragen eines Mundschutzes im Start- und Zielbereich war in den Durchführungsbestimmungen zu entdecken. Und bei der Ausgabe der Startunterlagen, die diesmal nicht in der Schule von St. Niklaus sondern auf dem - immerhin überdachten - Vorplatz aufgebaut war, gab es neben Nummer, Kleiderbeutel und Infoheft deswegen auch gleich noch zwei mit dem Marathonlogo versehene rote Masken.

Zudem mussten die Läufer erstmals auf die warmen Duschen verzichten, die für sie üblicherweise am Riffelberg aufgebaut worden waren. Diese fielen jedoch ebenfalls den Corona-Schutzmaßnahmen zum Opfer. Das war allerdings eine Änderung, die etwas weniger Aufwand als sonst für die Marathon-Macher bedeutete. Doch selbst wenn die ansonsten benötigten Wasserleitungen nicht gelegt werden mussten, galt es auch diesmal ein Zelt zu errichten. Denn zumindest Umkleiden wollte man nach dem Zieleinlauf anbieten.

Das gewohnte Festzelt auf dem Bahnhofsplatz in Zermatt gab es dagegen genauso wenig wie die dort immer stattfindende Nudelparty vor oder die Abschlussfeier mit den Ehrungen von Jubilaren und Altersklassensiegern nach dem Rennen. Trotz all dieser kleinen Einschränkungen war die Freude darüber, dass der Marathon tatsächlich stattfinden würde, groß. Viel zu lange hatten die meisten Sportler auf entsprechende Angebote warten müssen.

Das Starterfeld fiel allerdings längst nicht so international aus wie gewohnt. Denn wegen der Unmenge der weiterhin geltenden Ein- und Ausreiseverbote sowie der sich ständig verändernden, komplizierten Test- und Quarantäneregelungen der einzelnen Staaten waren praktisch keine Sportler aus Übersee dabei, die sich ansonsten zwar nicht in riesigen Zahlen, aber doch aus etlichen Nationen und allen Kontinenten vom weltweit bekannten Matterhorn anlocken lassen.

Dass neben der natürlich zahlenmäßig am häufigsten vertretenen Schweiz Deutschland das zweitstärkste Kontingent stellte, war nicht wirklich ungewöhnlich. Doch dominierten beide diesmal noch stärker als sonst, da aufgrund von Reisebeschränkungen selbst aus vielen europäischen Ländern niemand am Start war. So tauchen zum Beispiel kein einziger Brite oder Norweger in den Ergebnislisten auf. In anderen Jahren dagegen sind es regelmäßig jeweils ein bis zwei Dutzend von ihnen.

Natürlich schlugen sich die allgemeine Unsicherheit und die verschiedenen Reiseregeln auch in den Meldezahlen nieder. Während der Halbmarathon wie gewohnt ausgebucht war, blieben auf beiden langen Strecken bis zum Schluss etliche Startplätze frei. Und dass von den Gemeldeten zudem mehr als normal üblich nicht antraten, konnte angesichts der Umstände auch nicht erstaunen. So lag die Zahl der am Ende wirklich Startenden rund ein Drittel unter den Werten vergangener Jahre. Doch bei denen war die Vorfreude umso größer.

Leider wollte das

Wetter nicht wirklich dazu beitragen, die Euphorie der Anwesenden weiter zu steigern. Hatten noch anfangs der Woche zuvor die meisten Vorhersagen ein trockenes, sonniges, aber nicht zu warmes Marathonwochenende versprochen, wurden die Prognosen danach von Tag zu Tag schlechter. Nun war nach einem tatsächlich noch sonnigen Freitag für beide Renntage jeweils bedeckter Himmel und zu späteren Uhrzeiten sogar leichter Regen angekündigt.

Wer am Samtsagmorgen in Zermatt in einen der beiden Züge einstieg, die noch vor sieben Uhr die Marathon- und Ultraläufer zum Start nach St. Niklaus bringen sollten, konnte wenigstens noch einen vollständigen Blick auf das berühmte Matterhorn erhaschen, mit dem der Aufstieg des einstigen kleinen Bauerndorfes Zermatt zum Zentrum des internationalen Tourismus so untrennbar verbunden ist. Bei der Rückkehr einige Stunden später sollte sich die Spitze der unverwechselbaren Pyramide dann schon in den Wolken verstecken.

Beinahe eine Dreiviertelstunde dauert die gerade einmal zwanzig Kilometer lange Fahrt von Zermatt nach St. Niklaus. Und so war es beinahe schon halb acht, als sich das Zentrum des weit über das Tal verstreuten Ortes füllte. Das ging dann aber relativ schnell. Denn fast zeitgleich mit den beiden Bahnen aus Zermatt war auch noch ein Zug aus der Gegenrichtung eingetroffen, der Teilnehmer aus dem unteren Matter- und dem Rhonetal zum Start brachte.

Der eine oder andere kam sogar von noch weiter her. Für echte Frühaufsteher hatten es nämlich die guten, dicht getakteten öffentlichen Verkehrsmittel der Schweiz und die schnelle Bahnverbindung durch den Lötschberg-Basistunnel ermöglicht, noch am Wettkampftag aus den auf der anderen Seite der Berner Alpen gelegenen Städten Bern, Thun oder Interlaken anzureisen.

Erster Anlaufpunkt für alle Laufwilligen waren die beiden neu kreierten Kontrollstellen, an denen an Bahnhof und Kirche weit vor dem eigentlichen Startbereich noch einmal Nummer, Ausweis und Corona-Attest geprüft wurden. Ein Stempel auf der Hand bestätigte die Vollständigkeit der Unterlagen. Ohne diese Markierung sollte es später dann keinen Zugang zu den Starblöcken geben - eine durchaus pragmatische Lösung, mit der man die eigentlich kaum mögliche Komplettabsperrung des weiträumigen Areals umgehen konnte.

Abgesehen davon, dass die Lastwagen für die Kleiderbeutelabgabe diesmal an einer anderen Stelle als gewöhnlich standen, schien danach aber fast alles wieder völlig normal. Nur die von den meisten wie im Reglement gefordert bereits in großem Abstand vor der Startlinie getragenen Masken erinnerten an die außergewöhnlichen Umstände, unter denen der neunzehnte Zermatt-Marathon stattfinden würde.

Gegen acht begannen sich die Startblöcke zum ersten Mal zu füllen, denn ab 8:15 sollten die Ultraläufer in vier Wellen auf die Strecke gehen. Der Marathon, dessen Teilnehmer dann nach dem Ultrastart von hinten in die frei gewordenen Boxen aufrückten, war mit genauso vielen Gruppen ab 8:30 angesetzt. Den Abschluss bildeten um 8:40 dann die ersten Läufer der Zweier-Teams.

Zumindest zu diesem Zeitpunkt lachte den Sportlern sogar kurzzeitig einmal die Sonne. Im Verlauf des Rennens sollte es allerdings einer der wenigen Momente sein, in denen man einmal ein Stückchen blauen Himmel sehen konnte. Und von den Ansagern kam sogar die vorsichtige Warnung an die Langsameren, dass es für sie am Ende vermutlich ein wenig feucht werden dürfte.

Nach der Überprüfung des Handstempels am hinteren Eingang des mit Absperrgittern eingegrenzten Startareals wurde an den Durchgängen zwischen den einzelnen Karrees von einem Ordner dann auch noch einmal die auf die Nummer gedruckte Uhrzeit kontrolliert, um alle nur jeweils in den Block nach vorne zu lassen, dem sie zugeordnet waren.

Nicht unbedingt überraschend, aber zumindest erwähnenswert war dabei, wie problemlos und geordnet diese Aufstellung der Blöcke vor sich ging. Während man sonst durchaus schon einmal beobachten kann, dass irgendwo jemand noch schnell über die Gitter klettert oder versucht, sich in eine andere Gruppe nach vorne zu mogeln, hielt sich in St. Niklaus eigentlich jeder ohne große Diskussionen an die gemachten Vorgaben.

Die abgezäunten Startblöcke hatten aber auch wirklich ausreichende Größe für die jeweils etwa vierhundert Sportler, die auf die beiden Samstagsdistanzen geschickt wurden. Und für die rund hundert Staffeln waren sie schließlich sogar fast schon überdimensioniert. Auch sonst gab es zum Drängeln eigentlich überhaupt keinen Grund. Auf der für Startgruppen dieser Größenordnung mehr als ausreichend breiten Straße konnte schon nach wenigen Schritten sowieso jeder sein eigenes Tempo anschlagen.

Selbst wenn am Ende nicht alle Läufer - wie eigentlich in der Ausschreibung verlangt - die Masken bis einige Meter hinter der Startlinie aufbehielten, wo man eigens Mülleimer zu deren Entsorgung aufgestellt hatte, war zu spüren, dass die meisten die aufgestellten Regeln ohne jedes Murren akzeptierten, weil sie einfach nur froh darüber waren, endlich überhaupt wieder eine Startnummer auf dem Bauch tragen zu dürfen.

Nach dem Startsignal stellte sich allerdings schnell Normalität ein. Denn auf der Strecke selbst lief für die Sportler eigentlich alles ab wie gewohnt. Die leicht ansteigende Startgerade führte sie erst einmal vorbei an der Sporthalle, in der sich am Vortag das Testzentrum befunden hatte, unterhalb des alten Dorfkerns entlang. Dann bogen sie mit einer Spitzkehre in das durch ihn hindurchführende enge Gässchen ein.

Dabei passierte man auch den alten, mehrgeschossigen und aus Feldsteinen gemauerten Wehrturm, der neben dem markanten Zwiebelturm der Kirche, das wohl auffälligste Gebäude des Ortes ist. In ihm befindet sich das Bergführermuseum. Denn in St. Niklaus ist man stolz darauf, überdurchschnittlich viele herausragende Bergführer hervorgebracht zu haben. Insbesondere in den Pioniertagen des Alpinismus im neunzehnten Jahrhundert waren die "Zaniglaser" an etlichen Erstbesteigungen beteiligt.

Nach etwa zweihundert Metern schwenkte der Kurs dann nach links in eine erste etwas steile kurze Rampe hinein dem Bahnhof entgegen. Und nach dem Unterqueren der Bahnlinie hatte man noch vor dem ersten Kilometerschild das eigentliche Zentrum von St. Niklaus auch schon wieder hinter sich gelassen. Aber noch längere Zeit würden die Marathonis im "Bergführerdorf" bleiben, dass sich als Streusiedlung über viele Kilometer das Tal entlang zieht.

Doch in einer kurzen Passage durch ein Wäldchen, ließ man auf einem schmalen Pfad den Asphalt schon früh für einen Moment hinter sich. Gegenüber den Vorjahren, in denen es auf einem anderen Weg noch etwas weiter den Hang hinauf ging, waren dabei eine Handvoll Höhenmeter eingespart worden - wieder eine jener ganz wenigen, minimalen Anpassungen der Strecke im Lauf der Jahre, die nur ganz aufmerksamen Stammgästen auffallen konnte.

Am Sportplatz des FC St. Niklaus hatte man wenig später aber auch schon wieder Teer unter den Füßen und folgte dann erst einmal dem parallel zu den Bahngleisen verlaufenden, anfangs nur leicht ansteigenden Sträßchen. Kurz nachdem zwischen den Schienen eine Zahnstange aufgetaucht war, mit deren Hilfe die Züge die steileren Abschnitte ihrer Trasse überwinden müssen, wurde bei Kilometer drei auch für die Läufer zum ersten Mal das Profil etwas schwieriger.

Unter der Bahn hindurch und dann in einem weiten, gut einzusehenden Bogen waren an einer Talstufe knapp einhundert Höhenmeter zu überwinden - nichts im Vergleich zu dem, was auf der zweiten Hälfte des Marathons noch folgen würde, aber dennoch ein gewisser Gradmesser für den eigenen Trainingsstand. Mit dem Überqueren der Brücke über die Vispa, des kleinen Flusses, der das komplette Tal von Zermatt bis zur Mündung in die Rhone bei Visp durchzieht, endete dieser erste längere Anstieg nach etwa einem Kilometer wieder.

Nur wenig später konnte man schon mal einen Blick in Richtung Ziel werfen. Denn weit voraus am Horizont ließ sich unterhalb des Breithornes - eines der Viertausender rund um Zermatt, der im Gegensatz zu den meisten anderen Bergen der Region eine abgerundete, schneebedeckte Kuppe hat und deswegen seinen Namen durchaus zurecht trägt - am Hang ein Gebäude erkennen.

Und bei diesem handelte sich um das Hotel Riffelberg, hinter dem der Marathon enden sollte. Neben der ebenfalls sichtbaren Lawinengalerie würde man dort hinauf klettern. Es dürfte weltweit nicht viele Marathons mit Punkt-zu-Punkt-Strecken geben, bei denen das Ziel schon nach einem Zehntel der Distanz sichtbar ist. Der Zermatt Marathon ist aber definitiv einer von ihnen.

Kurz darauf wechselte die Laufstrecke zum dritten Mal auf die andere Seite der Bahnlinie. Hatte es zuvor zweimal eine zu unterlaufende Brücke gegeben, musste man sie nun ebenerdig an einem Übergang queren. Mitarbeiter der Matterhorn-Gotthard-Bahn hatten den Auftrag, beim Nahen eines Zuges das Feld zu stoppen und damit dafür zu sorgen, dass sich Sportler und Eisenbahn nicht gefährlich in die Quere kommen konnten. Ein weiterer Bahnübergang am Ortseingang von Randa war später genauso abgesichert.

Direkt danach ging es auch ein weiteres Mal über die Vispa und wenig später um ein Rückhaltebecken der ersten Verpflegungsstelle entgegen. Auch danach blieb die Marathonstrecke auf der westlichen Seite des Tals, führte unterhalb steiler Felswände nun über Schotterwegen durch Wiesengelände und hielt sich somit von Bahn und Hauptstraße sowie den verwaltungsmäßig zu St. Niklaus gehörenden Siedlungen Mattsand und Herbriggen jenseits des Flüsschens entfernt.

Selbst wenn der erste Teil des Rennens bis zur Halbzeitmarke in Zermatt eigentlich immer nur in eine Richtung, nämlich nach Süden führte, blieb es weiter abwechslungsreich. Zu den anfänglichen Höhepunkten der traditionellen Streckenführung gehörte definitiv der idyllische Abschnitt, bei dem man nach etwa sieben Kilometern auf einem Waldpfad direkt an der Vispa entlanglief.

Nach der anschließenden Passage direkt über eine Wiese und der folgenden dritten Vispa-Brücke befand man sich bald darauf wieder direkt neben der Bahnstrecke. Und diese hatte erneut eine Zahnstange zwischen den beiden Schienen - ein untrügliches Zeichen dafür, dass es nach einigen nahezu flachen Kilometern nun bald wieder ordentlich bergauf gehen würde.

Dass der Weg aber anfangs weiter eben blieb, während die Bahngleise bereits den Hang hinauf zu klettern begannen, machte die Sache zwar vielleicht kurzfristig etwas leichter, mittelfristig aber umso schwerer. Denn natürlich mussten die einhundertfünfzig Höhenmeter der Geländestufe zwischen Herbriggen und Randa irgendwann überwunden werden. Und wenn man sie auf weniger Strecke verteilte, ergab das rein logisch etwas später nur eine noch steilere Steigung.

Als die Kletterei schließlich begann, schwenkte der Weg wie auch die in einem gewissen Abstand parallel verlaufenden Bahnlinie und Straße in einen großen Bogen nach links. Denn es galt den bekannten "Bergsturz von Randa" zu umgehen, der selbst den Fluss an dieser Stelle ein wenig zum Ausweichen zwingt. Im Jahr 1991 war nämlich eine komplette Bergflanke mit etlichen Millionen Tonnen Gestein abgerutscht und hatten neben der Bahnlinie auch die Vispa verschüttet, die sich danach ein neues Bett suchen musste.

Etwa zwei Kilometer dauerte die Umrundung dieser gigantischen Schutthalde mit ihren manchmal wirklich riesigen Felsblöcken. War sie in den Anfangsjahren des Zermatt Marathons noch weitgehend kahl, haben sich Pionierpflanzen inzwischen ihren festen Platz in dieser einstigen Mondlandschaft erkämpft. Und sogar die ersten Büsche und Bäume sind an etlichen Stellen wieder gewachsen.

Nachdem die Rampe hinauf nach Randa überwunden war, brachte der nun wieder ziemlich flach verlaufende elfte Kilometer die Marathonis direkt in das kleine Dörfchen hinein, das sich wie alle anderen Orte der Region mit loser Bebauung und ohne scharfe Begrenzung weit in die Landschaft verteilt, dabei aber nur die östliche und damit in Fließrichtung der Vispa rechte Hälfte des in diesem Bereich wieder deutlich geweiteten Tales nutzt. Dazu hatte man auf dem schon erwähnten Übergang erneut die Bahnlinie zu queren.

Aber diesmal musste man erstmals auch auf die andere Seite der Kantonsstraße wechseln, die allerdings Randa umgeht und genau am Ortseingang mit einer langen Brücke über die Bahnstrecke setzt. Unter ihr hindurch konnte man die Begegnung mit dem Straßenverkehr vermeiden und direkt den zweiten Verpflegungspunkt am Bahnhof von Randa ansteuern. Dass man wie beim Zermatt Marathon unterwegs zwar mehrfach mit kreuzenden Zügen, jedoch kein einziges Mal mit kreuzenden Autos zu tun hat, dürfte auch eher selten sein.

Zwar ist das auf gut 1400 Metern Höhe gelegene Randa weit weniger bekannt als Zermatt, doch finden sich auf seinem Territorium ähnlich viele Viertausender. Denn im Osten des Ortes erhebt sich die Mischabelgruppe, zu der mit dem 4545 Meter hohen Dom auch der höchste Berg gehört, der komplett in der Schweiz liegt. Gegenüber ragt unter anderem das Weisshorn 4505 Meter hoch in den Himmel. Angesichts solcher Höhenunterschiede ist es kaum verwunderlich, dass man das Mattertal als "tiefstes Tal der Alpen" bezeichnet.

Obwohl Randa ohne Feriengäste nur wenige hundert dauerhafte Einwohner zählt und die Strecke den etwas höher am Hang liegenden historischen Dorfkern mit der Kirche überhaupt nicht berührte, dauerte es über einen Kilometer, bis man das andere Ende der Ortschaft erreicht hatte, für kurze Zeit auf den Fahrradweg neben der Hauptverbindungsstraße einschwenkte und dabei einen Blick auf den Golfplatz werfen konnte, der sich zwischen Randa und Täsch beiderseits der Vispa ausdehnt.

Doch schon nach einigen hundert Metern bogen die Läufer wieder in einen breiten Waldweg ein, der sich in seinem Verlauf zwar weiterhin an der Autopiste orientierte, allerdings ein kleines bisschen mehr Abstand zu ihr hielt. Kurz vor den ersten Häusern von Täsch hatte man im stetigen Wechsel der belaufenen Untergründe dann wieder Asphalt unter den Füßen. Jedoch hatte auch dieses Sträßchen wie praktisch alle anderen zuvor eigentlich nicht mehr als Feldwegbreite.

Große Starterfelder mit Tausenden von Teilnehmern sind beim Zermatt Marathon schon alleine wegen der Streckenführung kaum möglich. Zusammen mit der komplexen und begrenzten Transportlogistik gibt es also gleich mehrere gute Gründe, die Maximalzahl der Anmeldungen selbst in "normalen" Jahren zu limitieren. Qualität geht in diesem Fall vor Quantität. Und da die Veranstaltung andererseits auch nicht so überrannt ist, dass zu viele Absagen erteilt werden müssten, hat man wohl ein gutes Maß für ihre Größe gefunden.

Seit dem Erreichen von Randa hatte man kaum an Höhe gewonnen. Selbst der kleine Anstieg zur Kirche von Täsch, vor der man zum dritten Mal Verpflegung fassen konnte, blieb eine Momentaufnahme, da die Strecke direkt danach wieder auf das ursprüngliche Niveau herunterfiel. Auf rund fünf Kilometern Länge und zum Teil mehreren hundert Metern Breite ist der Talboden in diesem Bereich nahezu völlig eben.

Und so ging es auch, als man die Ortschaft nach fünfzehn absolvierten Kilometern wieder verließ, erst noch einmal ein ganzes Stück flach weiter. Zwar lief man nun auf der einzigen Verbindungsstraße zwischen Täsch und Zermatt. Doch Autoverkehr musste man nicht befürchten. Denn seit vielen Jahrzehnten ist die Zufahrt in den bekanntesten Ferienort des Tals für Privatfahrzeuge komplett gesperrt. Nur kleine Elektrokarren sind in seinen Straßen erlaubt.

Wer nach Zermatt will, muss also in Täsch auf die Bahn umsteigen. Lange Zeit waren deswegen größere Flächen mit abgestellten Autos gefüllt, weshalb man das Dorf manchmal spöttisch als "Parkplatz von Zermatt" bezeichnete. Inzwischen hat man allerdings am Bahnhof ein riesiges Parkhaus mit direktem Zugang zu den Gleisen und dem wohlklingenden Namen "Matterhorn Terminal" gebaut, das zwar für die kleine Ortschaft immer noch ein wenig überdimensioniert wirkt, aber sich trotzdem weit besser ins Bild einfügt.

Am oberen Ende der Talweitung begann dann irgendwann doch der nächste Anstieg. Schließlich fehlten immer noch mehr als einhundertfünfzig Höhenmeter, bevor jene gut sechzehnhundert Meter über dem Meer erreicht waren, auf denen sich das Zentrum von Zermatt befindet. Weit weniger ruppig als in der mit satten zweistelligen Prozentwerten ausgestatteten Rampe vor Randa wand sich das Sträßchen am Hang nach oben und tauchte später für einige Zeit in einen Lawinenschutztunnel ein.

Etwas nachdem man diesen wieder verlassen hatte, verabschiedete sich der Marathonkurs aber wieder von der Straße und führte die Läufer nach rechts in einen Pfad hinein, der sich kurz zu einer kleinen überdachten Holzbrücke senkte. Tief unter ihr und den Füßen der Läufer rauschte die Vispa durch eine enge, schroffe Schlucht.

Nicht nur an dieser sogenannten "Schlangengrube" sondern auch an mehreren anderen Stellen weiter unten im Tal hat sich der Fluss tief in das Gestein eingeschnitten und bietet so abgesehen von den hohen schneebedeckten Gipfeln, die das Mattertal umgeben weitere spektakuläre landschaftliche Höhepunkte - andererseits für die Planer von Straßen- und Bahnverbindungen aber auch enorme technische Herausforderungen.

Jenseits der Brücke stieg der Pfad sofort wieder an und endete nach einigen Serpentinen auf einem kleinen Plateau, das sich bei genauerer Betrachtung als eine Lawinengalerie für die Bahnlinie herausstellte, die man auf diese Art und Weise nun bereits zum fünften Mal überquert hatte. Für die verbleibenden knapp drei Kilometer bis Zermatt würde man nun einem meist direkt oberhalb der Gleise verlaufenden Wanderweg folgen.

Dieser schmale, abwechslungsreiche Pfad stand durchaus im Kontrast zum deutlich breiteren Asphaltband zuvor, auf dem man schon einmal die Blicke in Richtung Berge schweifen lassen konnte. Denn mit Steinen und Wurzeln gespickt, immer wieder mit kleinen Richtungswechseln, kurzen Anstiegen und Gefällen versehen, erforderte er nun wieder deutlich mehr Konzentration auf den Untergrund.

Seit dem Anfangstagen des Marathons ist er allerdings von Jahr zu Jahr besser ausgebaut worden. Während früher an besonders engen oder steileren Passagen für extrem unsichere Wanderer manchmal sogar Halteseile an den Felsen befestigt waren, hat man inzwischen in allen auch nur halbwegs kritischen Abschnitten talseitig Geländer angebracht.

Selbst wenn man es trotz der Unebenheiten am Boden geschafft hätte, die Augen nach oben zu nehmen, und auch der Himmel weniger wolkenverhangen gewesen wäre, hätte man den das Logo des Marathons zierenden Berg nach fast der Hälfte der Distanz noch immer nicht entdecken können. Obwohl auch in den anderen Orten durchaus einiges den Namen "Matterhorn" trägt, ist der unverwechselbare Gipfel von ihnen aus nicht zu sehen, da er sich leicht westlich versetzt zur eigentlichen Richtung des Mattertals erhebt.

Erst als der Weg kurz vor Zermatt ein wenig abgeknickt war und mit einer Doppelserpentine in kürzester Zeit eine zwanzig, dreißig Meter hohe Hangschulter erklettert hatte, ließ sich der König des Tales - allerdings ohne die markante Spitze - erahnen. Und mit jeder kleinen Kuppe, die der nun deutlich welliger verlaufende Pfad überwunden hatte, kam das Matterhorn schließlich doch ein wenig näher.

Hinter dem Hubschrauber-Landeplatz von Air Zermatt konnte man dann noch einmal deutlich Schwung aufnehmen. Denn inzwischen war der Weg deutlich höher hinaufgeklettert, als es für das Erreichen des Zentrums von Zermatt eigentlich nötig gewesen wäre und fiel deswegen zum Abschluss noch einmal auf einigen hundert Metern Länge der Halbzeitmarke von oben entgegen.

Die letzte Handvoll Meter hinunter zu den Straßen des Ortes verlor man dann auf einer Betonrampe, die auf den Abstellgleisen des Güterbahnhofes endete. Während man diese noch auf einem schmalen Bohlenweg überschreiten musste, bekam man von der Querung der eigentlichen Hauptstrecke von Täsch nach Zermatt kaum etwas mit, da diese wieder einmal in den Berghang eingetaucht war.

Jenseits der Schienen wartete der nächste Verpflegungspunkt auf die Teilnehmer von Marathon und Ultra. Die Läufer des ersten Staffelabschnittes mussten sie eigentlich nicht mehr ansteuern, denn ihr Rennen endete nur wenige hundert Meter später am Bahnhofsplatz mit der Übergabe an die dort auf der rechten Seite der Strecke wartenden Teamkollegen. Die Langstreckler liefen dagegen links direkt die leicht ansteigende Bahnhofstraße hinauf.

Diese ist die touristische Hauptachse und zentrale Promenade des Ortes. Restaurants, Sport- und Souvenirgeschäfte reihen sich in praktisch ununterbrochener Kette aneinander. Nirgendwo ist Zermatt dichter bebaut, so dass diese Ecke in manchen Aspekten schon etwas städtisch daher kommt. Doch andererseits geben die fast ausnahmslos holzverkleideten und mit Blumen geschmückten Gebäude der Straße trotzdem viel alpinen Charme.

Die eigentliche Bahnhofstraße endet am Kirchplatz, wo sich neben der Namengeberin mit dem "Zermatterhof" und dem "Monte Rosa" auch zwei der bekanntesten Hotels des Ortes finden. Während der - tatsächlich in einem Wort geschriebene - "Zermatterhof" die vielleicht luxuriöseste unter den nahezu unzähligen Unterkünften ist, hat das "Monte Rosa" definitiv die längste Geschichte. Denn bereits seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts werden dort Gäste bewirtet.

Anfangs handelte es sich dabei hauptsächlich um britische Bergsteiger, die genau in jenen Jahren - dem "goldenen Zeitalter des Alpinismus" - damit begonnen hatten, die höchsten Berge der Alpen zu erklettern. Unter ihnen war auch ein gewisser Edward Whymper, der schon als Mittzwanziger etliche Erstbesteigungen von Drei- und Viertausendern gesammelt hatte.

An einem Berg, der es ihm besonders angetan hatte, biss er sich allerdings genau wie alle anderen immer wieder die Zähne aus - dem Matterhorn. Mehrere Aufstiegsversuche hatte er zusammen mit Jean-Antoine Carrel, einem Bergführer aus dem auf der Seite des Berges gelegenen italienischen Aostatal, unternommen. Und auch im Sommer 1865 plante der Brite einen gemeinsamen Angriff.

Doch Carrel war von einem Abgesandten des erst wenige Jahre zuvor gegründeten italienischen Königreiches verpflichtet worden, um mit einer nationalen Expedition dessen Trikolore auf dem Gipfel zu platzieren. Der ehrgeizige Whymper bekam die Vorbereitungen mit und eilte sofort von Breuil im Aostatal über den knapp 3300 Meter hohen Theodulpass nach Zermatt, um auf der Schweizer Seite passende Begleiter zu finden und den Italienern zuvor zu kommen.

In Zermatt traf Whymper zuerst auf den gerade einmal achtzehnjährigen Schotten Lord Francis Douglas, der mit dem einheimischen Führer Peter Taugwalder und dessen gleichnamigen Sohn unterwegs war und in diesem Sommer trotz seiner Jugend bereits einige wirklich schwierige Besteigungen hinter sich gebracht hatte.

Danach begegnete er im "Monte Rosa" auch noch Reverend Charles Hudson, einen der besten britischen Alpinisten und dessen französischen Bergführer Michel Croz, mit dem Whymper erst wenige Wochen zuvor mehrere Erstbesteigungen im Mont-Blanc-Massiv gemacht hatte. In ihrer Begleitung war auch noch der ebenfalls achtzehnjährige und vollkommen unerfahrene Douglas Robert Hadow.

Die sieben Bergsteiger bildeten eine ziemlich bunt zusammen gewürfelte Seilschaft, die am Morgen des 14. Juli 1865 zu Besteigung des Matterhorns aufbrach. Praktisch gleichzeitig stiegen einige Kilometer südlich von ihnen die Italiener unter der Führung von Carrel auf der anderen Seite in den Berg ein, so dass sich an diesem Tag ein regelrechtes Wettrennen um den "Gipfelsieg" entwickelte.

Am Ende war die britisch-französisch-schweizer Gruppe tatsächlich als erste oben. Und als sie die italienische Seilschaft einige hundert Meter unter ihnen erblickten, machten sie dieser mit Rufen und Winken klar, dass das Matterhorn bereits "erobert" war. Ziemlich überrascht von der Tatsache, dass ihnen tatsächlich noch jemand zuvorgekommen war, brachen die Männer aus dem Aostatal ihren Aufstieg ab und kehrten demoralisiert ins Tal zurück.

Das eigentliche Drama ereignete sich jedoch beim Abstieg der vermeintlichen Sieger. Denn der an zweiter Position kletternde Hadow rutsche aus, riss erst den vor ihm gehenden Croz und dann auch Hudson und Douglas hinter ihm mit. Die beiden Taugwalders und Whymper hatten zwar in diesem Moment einen festen Stand, doch das Seil zwischen den beiden Grüppchen riss und die vier Bergsteiger stürzten rund tausend Meter in die Tiefe.

Während die Leiche von Francis Douglas nie gefunden wurde, konnte man Michel Croz, Charles Hudson und Douglas Hadow nach dem Unglück vom Matterhorngletscher bergen und sie in Zermatt beerdigen. Ihre Gräber sind dort noch heute zu entdecken. Einige Ausrüstungsgegenstände der Erstbesteiger - unter anderem das gerissene Seil - lassen sich zudem im ebenfalls am Kirchplatz gelegenen Matterhornmuseum betrachten.

Dass der Berg seine "Bezwingung" so heftig "gerächt" hatte, trug neben seiner fast perfekten Pyramidenform am Ende nur noch mehr zu seinem Mythos bei. Es sollte allerdings längst nicht der letzte tödliche Unfall sein. Praktisch kein anderer Gipfel weltweit hat seiner Erstbesteigung mehr Opfer gefordert als das Matterhorn. Inzwischen sind es mehr als fünfhundert.

Drei Tage nach der tragischen Erstbesteigung stand dann auch Jean-Antoine Carrel gemeinsam mit Jean-Baptiste Bich erstmals auf dem Gipfel. Kurz nach seiner Rückkehr hatte er sich zu einem weiteren Versuch aufgerafft und war erneut aufgestiegen. Fünfzehn Jahre nach ihrem Kampf ums Matterhorn bestiegen die beiden Rivalen Whymper und Carrel übrigens gemeinsam als Erste den Sechstausender Chimborazo in Südamerika.

Theoretisch hätten die Marathonis die Namen der Erst- und Zweitbesteiger sowie einiger weiterer herausragender Matterhorn-Alpinisten wie Lucy Walker, die bereits 1871 als erste Frau auf dem Gipfel stand, während des Rennens lesen können. Denn sie sind auf Metallplatten verewigt, die man vor dem Hotel Monte Rosa in den Boden eingelassen hat und über die man hinweg lief. Doch dürfte kaum jemand diese überhaupt bemerkt haben.

Die ersten beiden Jahre des Zermatt Marathons war man an der Kirche links abgebogen. Mit der Neugestaltung der Strecke ging es nun aber geradeaus weiter und damit auch noch einige Meter weiter hinauf. Wirklich gewonnen hatte man diese aber irgendwie nicht, denn bald darauf senkte sich die Straße hinter einer kleinen Kuppe wieder der Vispa entgegen. Und kaum unten angekommen, begann schon wieder der nächste Anstieg auf einem direkt dem Matterhorn entgegenführenden Wanderweg.

Allerdings folgte man auch diesem nicht wirklich lange. Denn es galt ja nur die etwa drei Kilometer lange Zusatzschleife zu absolvieren, mit der die Strecke auf die richtige Distanz gebracht wurde. Und so bog man wenig später auch schon wieder nach links ab, um weiter unten erst den Zmuttbach und wenig später die Gornera zu überqueren, die bei ihrem Zusammenfluss an genau dieser Stelle den nominellen Beginn der Vispa markieren.

Mit dem rauschenden Wasser an der linken Seite ging es anschließend vorbei an einem Sportplatz und einem Kletterpark wieder Zermatt entgegen, nur um nach einer weiteren Flussüberquerung genau dort anzukommen, wo man einige Minuten zuvor schon einmal gewesen war. Denn an der Uferstraße am Ortausgang trafen sich die aus- und einwärts führenden Teile des Schlenkers kurzzeitig an einem Begegnungsstück.

Doch relativ schnell waren beide Abschnitte auch wieder geteilt. Statt erneut bergan ins Zentrum hinein zu führen, blieb die Strecke nämlich nun noch einen ganzen Kilometer direkt an der Vispa und setzte dabei relativ früh auf einem Fußgängersteg ein weiteres, jetzt aber wirklich allerletztes Mal über sie hinweg, um danach am rechten Ufer weiter flussabwärts zu verlaufen.

Dabei wurde auch eine Hochbrücke unterquert, die mindestens zwei Stockwerke weiter oben den Kirchplatz mit dem ebenfalls etwas höher gelegene Ostufer verbindet und über die auch der Marathon in den ersten beiden Jahren führte. "Japanerbrücke" nennt sie der eine oder andere flapsig, weil man dort sonst fast zu jeder Tageszeit mit Fotokameras bewaffnete Ostasiaten antreffen konnte. Schließlich bietet sich von ihr ein ziemlich guter Blick auf das Matterhorn.

Doch diesmal war das völlig anders. Die sonst so häufig zu beobachtenden Reisegruppen aus Japan, Korea oder China fehlten im Ortsbild aus naheliegenden Gründen praktisch vollständig. Das Sprachengewirr, das in normalen Jahren insbesondere die Bahnhofstraße prägt, war ebenfalls längst nicht so vielfältig wie gewohnt. Und auch sonst dürften wohl die meisten Zermatt deutlich voller in Erinnerung als in diesem Jahr gehabt haben.

Wenig später konnte man sich noch einmal verpflegen, dann verließ die Marathonstrecke das Flussufer. Und nach zwei kleinen Schlenkern, bei denen man jedes Mal die Laufrichtung umkehrte, begann an der Unterführung unter der Gornergratbahn der eigentliche Berglauf. Denn bisher hatte man auf den schon absolvierten vierundzwanzig Kilometern seit dem Start in St. Niklaus etwas mehr als sechshundert Höhenmeter erklettert. Fast genauso viele sollten nun auf den nächsten sechs Kilometern hinzukommen.

Anfangs auf einem Asphaltsträßchen zwischen den sich noch ein ganzes Stück den Hang hinaufziehenden Häusern, dann auf breiten Schotterwegen durch den Wald- und Wiesengelände ging es mit dem Matterhorn im Rücken bei gleichmäßigen, aber eben doch meist im unteren zweistelligen Bereich liegenden Steigungsprozenten bergan.

Dabei konnte man anfangs auch den einen oder anderen Blick auf das weiter unten liegende Zermatt werfen, das inzwischen nicht nur den gesamten Talboden einnimmt, sondern sich längst auch in die unteren Bergflanken hinein ausgedehnt hat. Wie schnell die Gemeinde in den letzten Dekaden gewachsen ist, wird an alten Fotoaufnahmen deutlich. Denn vor einem halben Jahrhundert war Zermatt eine ähnliche Streusiedlung wie Randa, Täsch und St. Niklaus noch heute.

Allerdings ist der Ort dabei insgesamt von den schlimmsten Bausünden verschont geblieben. Klobige Hochhäuser aus kahlem Beton, die man anderswo - insbesondere in französischen Skistationen - in die Alpen geklotzt hat, gibt es nicht. Satteldächer und Holzverkleidungen, die sich am traditionellen Baustil anlehnen, sind selbst bei den größeren Gebäuden der absolute Standard.

Nachdem man rund zwei Kilometer Anstieg in nördlicher Richtung hinter sich gebracht hatte, schwenkte die Laufstrecke mit einer Spitzkehre wieder zurück nach Süden. Und so hätte man anfänglich an der einen oder anderen Stelle eine nahezu unverstellte Panoramasicht aufs Matterhorn haben können - wenn es denn seine Spitze an diesem Wochenende nicht vor allzu neugierigen Augen weitgehend versteckt hätte.

Doch bald darauf verschwand der Weg ohnehin im Wald, wo er sich ununterbrochen bergauf der Skiliftstation Patrullarve entgegen wand, an der es bei Kilometer achtundzwanzig zum nächsten Mal Getränke gab. Unter den kühlen und bedeckten Wetterverhältnissen, die bei der diesjährigen Austragung herrschten, waren die etwas mehr als vier Kilometer seit dem letzten Verpflegungsposten kein Problem.

Bei Wärme und Sonne konnte der auf dem Papier durchaus akzeptable Abstand in der Vergangenheit jedoch manchmal ganz schön lang werden. Denn im Gegensatz zu Läufen im flachen oder nur leicht welligen Gelände, kommen halt auch noch durchschnittlich zehn Prozent Steigung hinzu. Obwohl die Patrullarve die "Talstation" des Lifts ist, liegt diese schließlich ziemlich genau auf zweitausend Metern, was die Laufzeit in manchen Fällen beinahe verdoppeln kann.

Auch die nächsten Verpflegungsstellen würden erst einmal nicht wirklich dichter aufeinander folgen. Doch zumindest bei einem Hitzerennen vor einigen Jahren, als am Renntag die Temperaturen im Tal bis an die Dreißig-Grad-Marke geklettert waren, hatte man kurzfristig noch etliche weitere Posten eingerichtet, was damals angesichts der knappen Vorbereitungszeit auch eine durchaus anerkennenswerte organisatorische Leistung war.

Gerade der Verpflegungsstand an der Patrullarve ist nämlich ein schönes Beispiel, dass sich bei Bergläufen weit größere Herausforderungen stellen. Man kann eben nicht überall einmal schnell mit einem Kleinlaster hinfahren, dort ein paar Bänke, die dazugehörenden Getränke, Bananen und Riegel abladen und schon ist alles vorbereitet wie bei einem Stadtlauf vergleichbarer Dimension.

Der einfachste Weg von Zermatt ist schließlich tatsächlich jener vier Kilometer lange Aufstieg, den die Läufer gerade hinter sich gebracht hatten und der eigentlich nur mit Allradfahrzeugen zu befahren ist. Bei anderen Verpflegungsstellen lässt sich der Transport zwar auch mit dem Lift oder der Zahnradbahn erledigen. Doch für fast jeden Punkt der Strecke braucht man andere Konzepte.

Auch die Helfer müssen so nach oben gebracht werden, über diesen oder noch steilere Wege selbst aufsteigen bzw. mit dem Rad zu ihren Positionen strampeln. Man muss den Freiwilligen, die zum Teil wirklich extrem lange Anmarschwege auf sich nehmen, fast noch dankbarer sein als bei anderen Läufen, dass sie solche Veranstaltungen für die Sportler überhaupt erst ermöglichen. Und vielleicht trug ja gerade die schier endlose Corona-Pause dazu bei, diese Tatsache vielen wieder bewusst zu machen.

Mit der Verpflegung war die Kletterei allerdings noch längst nicht abgeschlossen. Noch zwei Kilometer und weitere zweihundert Höhenmeter galt es in diesen - gerade wegen seiner Gleichförmigkeit psychologisch so harten - Anstieg zu bewältigen. An der Patrullarve hatte sich die Laufrichtung erneut umgekehrt und bis man zur nächsten Haarnadelkurve kam, befand man sich schon fast wieder in der Mitte zwischen Zermatt und Täsch.

Dass seit der letzten Austragung des Zermatt Marathons inzwischen in dieser Spitzkehre eine Liftstation gebaut worden war, war eine weitere kleine Veränderung, die nun aber ausnahmsweise wirklich gar nichts mit Corona zu tun hatte. Bald darauf führte die Strecke aus dem Wald hinaus auf bunt blühende Almwiesen. Weiter oben war die kleine Tufterenalp mit ihren im alten Walliser Stil errichteten Holzhäusern zu erkennen, die einen der markantesten Wegpunkte des gesamten Marathons darstellt.

Denn zum einen erreichte man dort Kilometer dreißig, zum anderen endete dort - viele würde sagen "endlich" - auch der lange Anstieg, der die Marathonis von Zermatt im Tal bis auf etwa 2200 Meter und an die Baumgrenze heran gebracht hatte. Nahezu eben verliefen nun die nächsten beiden Kilometer auf weiterhin breiten Schotterwegen durch lichter werdenden Wald, der immer wieder einmal einen Panoramablick in die majestätische Bergwelt ermöglichte, hinüber zum Verpflegungspunkt Sunnega.

Dass dort zwar nicht alle, aber doch manche der Wasser, Elektrolytgetränke, Cola oder Bouillon verteilenden Helfer die rote Maske mit dem Marathonlogo vor dem Gesicht hatten, machte auch den müdesten Läufern für einen kurzen Moment wieder einmal klar, dass dies eben kein Zermatt Marathon wie achtzehn andere zuvor war.

Von diesem mit einer Tunnelstandseilbahn von Zermatter Zentrum in wenigen Minuten erreichbaren Punkt waren etwas oberhalb am gegenüberliegenden Hang wieder einmal das Riffelberg-Hotel und die Lawinenverbauung der Zahnradbahn zu erkennen. Diesmal schienen sie fast schon zum Greifen nah. In der Luftlinie waren es ja auch nur wenige Kilometer bis dorthin. Doch noch fehlte ein komplettes Viertel der Marathondistanz.

Die Streckenplaner hatten deswegen schon bei der Premiere nicht den direkten Weg durch das etwa zweihundert Meter weiter unten liegende Tal des Findelbaches gewählt, sondern ihren Kurs in einem weit ausholenden Bogen um dieses herum gelegt. Wirklich flach sollte es deswegen allerdings auf dieser Runde trotzdem keineswegs werden.

Vorbei am kleinen Leisee, der mit den Bergen im Hintergrund ein so gutes Motiv abgibt, dass dort jedes Jahr Fotografen eines professionellen Sportbilder-Dienstleisters Position beziehen, gingen auf einem ziemlich unebenen, engen Bergpfad zwar erst einmal einige Dutzend Höhenmeter verloren. Danach drehte die Laufstrecke aber schnell wieder in den Hang hinein, wo innerhalb eines knappen Kilometers weitere hundert Meter erklettert werden mussten.

Insbesondere als die Steigung geendet hatte und der schmale Pfad sich erst an einer doch relativ steilen Bergflanke entlang wand, um danach innerhalb kürzester Zeit etliche Meter zum Grindjisee hinab zu stürzen, war dabei durchaus auch eine gewisse Trittsicherheit in alpinem Gelände gefragt. Auch bergab konnte man dabei eher Zeit verlieren als gewinnen. Ein schönes Bespiel dafür, dass eben nicht nur alleine das Höhenprofil sondern auch die Beschaffenheit des Untergrundes den Schwierigkeitsgrad eines Berglaufes bestimmen.

Kurz vor dem Grindjisee - ebenfalls ein idyllisches Gewässer mit einem hohem Fotopotential - überquerte man erstmals auch eine kleine Blockhalde, wie solche Ansammlungen von mächtigen Felsbrocken in der Fachterminologie genannt werden. Noch einige weitere, deutlich größere sollten später noch folgen. Zwar war der Weg dabei jeweils klar definiert und der Boden im Gegensatz zu losem Geröll gut befestigt. Doch auch das Laufen über die nicht immer ganz ebenen Platten erforderte eine gewisse Aufmerksamkeit.

Da konnten die Marathonis auf den Holzbohlen, auf denen sie anschließend den See passierten, sogar fast schon ein wenig entspannen. Doch spätestens als der Kurs kurz danach auf eine Schotterstraße hinüberwechselte und sich für die nächsten beiden Kilometer auch weiter an diese hielt, hatte man wieder etwas mehr Freiheit, die Augen einmal vom Boden weg zu nehmen.

Anfangs führte die Piste durch typisches Moränengelände hauptsächlich bergab zum äußersten Punkt der Runde, wo der Findelbach überquert wurde, der weiter oben am gleichnamigen, inzwischen weit zurückgewichen Gletscher entspringt. Danach ging es dann auf welligem Terrain mit leichtem Auf und Ab auf der anderen Seite aus dem in drei Richtungen von Bergen begrenzten Talkessel wieder hinaus.

Den Grünsee, den dritten der fünf Seen mit Matterhornblick, die durch einen - zumindest im Vergleich mit den anderen rund um Zermatt - nicht allzu schweren Wanderweg verbunden sind, ließ man dabei zwar im wahrsten Sinne des Wortes ein wenig links liegen. Das nach ihm benannte, aber einige hundert Meter entfernte Berggasthaus steuerte man allerdings an, denn zu seinen Füßen befand sich bei Kilometer sechsunddreißig der nächste Verpflegungsposten.

Auch diese Versorgungsstelle ist wieder ein schönes Beispiel für die logistischen Anforderungen eines Bergmarathons. Während man im Vorfeld das gesamte Material mit Allradfahrzeugen zu diesem relativ abgeschiedenen, nur über Bergwege und Schotterstraßen erreichbaren Ausflugslokal bringen musste, kamen viele der Helfer an beiden Wettkampftagen mehrere Kilometer von der nächstgelegen Bahnstation Riffelalp herüber gewandert.

Genau diesen Wanderweg gingen die Marathonis nun in Gegenrichtung an. Und vielleicht waren diese nächsten Kilometer sogar der schönste Abschnitt des gesamten Rennens. Denn tendenziell leicht bergab führte die Strecke auf einem sich ständig verändernden, immer wieder einmal mit Wurzel- und Steinen gespickten Pfad durch alpine Arvenwälder oder aber über weitere Blockhalden mit herrlichen Aussichten in die Berge.

Allerdings galt es mit doch nach so vielen Kilometern schon etwas müden Beinen auch aufzupassen, mit keinem der ständig anders zu setzenden Schritte daneben zu liegen, sich den Fuß zu vertreten oder gar zu stürzen. Doch wer auch nur einen kleinen Restbestand an Energie übrigbehalten hatte, konnte diesen Abschnitt bei allen technischen Schwierigkeiten trotzdem sicher genießen.

Auf dem letzten Kilometer vor der Riffelalp weitete sich die Strecke wieder, ohne dabei landschaftlich weniger spektakulär zu werden. Denn der Pfad war mit einer Skipiste zusammengelaufen, die zum Teil direkt an der Felswand verlief und an einigen Stellen sogar mit künstlichen Plattformen verbreitert worden war. Fangnetze auf der Talseite zeigten, dass es dort manchmal bestimmt ordentlich bergab ging. Doch andererseits war die Sicht dadurch auch ziemlich frei.

Mit dem Erblicken der Bahnstrecke von Zermatt hinauf zum Gornergrat konnte man sich bereits auf die nächste kleine Herausforderung einstellen. Denn hinter der eigentlichen Station Riffelalp kreuzte die Laufstrecke wieder einmal die Gleise. Wegen der Zahnstange zwischen den Schienen galt es dabei die Füße sauber zu heben.

Das viel größere Problem war aber das gute halbe Dutzend Stufen, das man auf der anderen Seite noch überwinden musste, um zu dem dort etwas höher gelegenen Weg zu gelangen. Die kleine Metalltreppe stellte nach einem längeren meist gut zu belaufenden Abschnitt einen heftigen Rhythmusbruch dar, der erfahrungsgemäß durchaus öfter einmal mit einem Krampf enden kann.

Vom Bahnhof Riffelalp waren es noch einige hundert Meter zum Berghotel gleichen Namens, die man auf einem nahezu völlig flachen, breiten Weg überwand. Auf ihm waren erstaunlicherweise ebenfalls Gleise verlegt. Aufgrund des Geländes war beim Bau der Gornergratbahn keine direkte Anbindung möglich. Und so hatte man einst eine kleine Schmalspurbahn errichtet, die Gäste und Gepäck noch immer hinüber zur Luxusherberge mit ihrem direkten Matterhornblick bringt und als "höchste Tram Europas" beworben wird.

Sowohl das Schild mit der "39" als auch Verpflegungsposten Nummer neun fanden sich an der Fünf-Sterne-Unterkunft. Da ihre Höhenlage mit leicht zu behaltenden 2222 Metern angegeben wird, der Marathon aber noch rund vierhundert Meter höher hinaufführt, war schon alleine mathematisch klar, was auf dem verbliebenenn Rest der Strecke noch folgen musste. Den Ultraläufern, die nun auf nicht einmal sieben Kilometern noch neunhundert Höhenmeter zu überwinden hatten, konnte man nur raten, gar nicht mehr zu rechnen.

Und prompt knickte der Weg dann auch hinter dem Hotel direkt in den Hang hinein. Statt sich irgendwie an den Berg anzuschmiegen, um nicht ganz so steil an Höhe zu gewinnen, wählte er für die ersten zweihundert Meter gleich einmal die "Direttissima". Zwar folgten anschließend dann doch noch einige Bögen und Kehren, die Steigungsprozente blieben allerdings weiterhin satt zweistellig.

Erst kurz bevor man sich am Ausweichpunkt Riffelboden wieder der Gornergratbahn näherte, hatte man etwas Zeit zum Durchatmen. Nur etwas mehr als einen Kilometer nach dem letzten Verpflegungsstand konnte man dort seinen Flüssigkeitsbedarf erneut decken. Doch dürfte kaum jemand für diesen Abschnitt nicht die doppelte oder dreifache Zeit wie in der Ebene benötigt haben.

Die Verschnaufpause währte jedoch nur einen Moment. Denn von nun an folgte die Route dem Weg, der parallel zur Bahntrasse verlief. Und diese quälte sich erst noch an Stückchen in freiem Gelände und später dann unter der ominösen Lawinengalerie, die man schon mehr als dreißig Kilometer zuvor zum ersten Mal anpeilen konnte, mit Steigungen von manchmal mehr als zwanzig Prozent den schroffen Berghang hinauf. Genauso steil war es natürlich dann auch für die Marathonis.

Erst in der Nähe der Markierung mit der "41" wurde es wieder etwa flacher. Wobei man auch hierbei immer die Relationen vor Augen haben musste. Denn in diesem Moment fühlte sich eine Steigung von etwa zehn Prozent, über die man weiter unten im Tal noch ziemlich gejammert hätte, beinahe schon wie eine Erlösung an. Aus dem breiten Fahrweg war in diesem Moment wieder eine jener in den Hang hinein gesetzten Kunstbauten geworden, die im Winter das durchgängige Befahren als Skipiste ermöglichen sollten.

Doch statt auf Beton war man diesmal auf Holzplanken unterwegs, die an manchen Stellen zudem nicht mehr unbedingt komplett neu aussahen. Und da die einzelnen Elemente auch nicht immer nahtlos abschlossen, konnte man durch die sich dazwischen öffnenden Spalten gelegentlich einen Blick weiter nach unten werfen. Eigentlich war er sogar fast unvermeidlich. Denn kaum einer hatte den Kopf zu diesem Zeitpunkt nicht tief gesenkt.

Natürlich war das Risiko minimal, dass da irgendeine Bohle vollkommen nachgeben und sich unter den eigenen Füßen ein Loch auftun könnte. Denn dass diese Konstruktion mit regelmäßigen Abständen einer Sicherheitsprüfung unterzogen würde, konnte man in der Schweiz einfach voraussetzen. Trotzdem war dieser Untergrund eindeutig nichts für schwache Gemüter.

So mancher dürfte jedenfalls hörbar aufgeatmet haben, als weiter oben das lose Holz wieder von solidem Beton abgelöst wurde. Wobei in den Anfangstagen des Marathons sogar noch praktisch alle diese Passagen - auch jene an der Riffelalp - in voller Länge mit Holz ausgelegt waren und die entsprechenden Abschnitte erst im Laufe der Jahre nach und nach modernisiert wurden.

Beim Umgehen der Felsnase, die beim Aufstieg den Blick nach oben zum Hotel einige Zeit versperrte, wurde es tatsächlich noch einmal für einen kurzen Moment weitgehend eben. Doch gleich danach wartete schon die nächste heftige Rampe. Fähnchen und Flatterband wiesen nämlich direkt einen steilen Grashang hinauf. Zwischen Hotel, Skilift und den ebenfalls am Riffelberg stehenden, aus der Ferne aber nicht sichtbaren Restaurant erreichte man die Kuppe.

Halbmarathonsiegerin Lena Bächle Halbmarathonsieger Fabian Fux

Fast schon greifbar erschien zumindest den Marathonläufern in diesem Moment das Ziel. Denn nicht viel weiter als einen Steinwurf entfernt waren auf der linken Seite neben der Bahn die Aufbauten zu erkennen. Doch auch sie wurden erst noch einmal weiter geradeaus über eine Schleife geleitet, die sie vorbei an der Riffelbergkapelle auf einem schmalen Bergweg ein ganzes Stück weiter nach oben führte.

Erst als man deutlich über dem Niveau des Zieles lag, war tatsächlich der höchste Punkt der Marathonstrecke erreicht. Das war selbstverständlich keineswegs zufällig. Denn bei der Zusatzrunde am Riffelberg ging es nicht darum, noch ein paar Streckenmeter heraus zu kitzeln. Das hätte man unterwegs deutlich leichter haben können. Da man das Ziel von oben ansteuerte, hatten vielmehr auch die schwächeren Teilnehmer die Möglichkeit, wirklich über die Zeitmessmatte zu laufen anstatt nur über sie zu wandern.

Genau an diesem höchsten Punkt kurz vor Kilometer zweiundvierzig wurde auch die beiden Felder schließlich auseinander sortiert - die dreistelligen Nummern auf blauem Grund des Marathons nach links dem Ziel entgegen, die vierstelligen Zahlen mit rotem Hintergrund weiter den Berg hinauf. Wobei die Einschränkung für letzter darin bestand, dass diese auch tatsächlich gewillt waren, sich noch weitere fünfhundert Höhenmeter zuzumuten. Alle anderen durften trotz roter Nummer natürlich ebenfalls die linke Variante einschlagen.

Für die Ultraläufer ging es zwar weiter bergauf, doch das Streckenprofil beruhigte sich auch für sie erst einmal ein wenig. Nicht ständig stand die Anzeige der Steigungsprozente im roten Bereich. Neben einigen durchaus steileren Abschnitten, gab es Passagen mit ziemlich moderater Neigung oder sogar kurzen Gefällen, die zu einem zügigen Durcheilen eingeladen hätten, wenn man nicht bereits in einer Höhe angekommen gewesen wäre, in der die dünnere Luft langsam Wirkung zeigte.

Durch immer noch gras- und manchmal auch blumenbewachsene Hänge zog sich der Pfad dem immerhin bereits auf 2770 Metern liegenden Riffelsee entgegen. Auch er gehört zu den Wasserflächen, in denen man bei guten Wetterbedingungen Bilder mit einem sich spiegelnden Matterhorn schießen kann. Einige hundert Meter zuvor hatte man bereits seinen etwas unterhalb gelegenen und namenlosen kleinen Bruder passiert. Und gerade in diesem Bereich hielten sich die Höhenunterschiede eher in Grenzen.

Dem Matterhorn drehte man dabei endgültig den Rücken zu. Doch dafür hätte - wohlgemerkt bei Sonnenschein - auf der rechten Seite nun immer stärker die fast zehn Kilometer lange Kammlinie dominiert, die sich vom Breithorn und zum Monte-Rosa-Massiv erstreckt und jenseits des weit unten vom Gornergletscher durchflossenen Tals die Grenze zwischen der Schweiz und Italien bildet. Noch versperrte aber ohnehin das schroffe, die beiden kleinen Seen rund zweihundert Meter überragende Riffelhorn weitgehend die Sicht auf ihn.

Unter anderem umfasst diese Bergreihe auch den Liskamm und die beiden "Zwillinge" Castor und Pollux. Und je nach Zählungsweise kommt man sogar auf bis zu einem Dutzend Einzelgipfel jenseits der Viertausendergrenze - ausreichend, um den Marathonmachern noch längere Zeit Motive für ihre Medaillenserie mit den Bergen rund um Zermatt zu liefern. In diesem Jahr hatte man mit dem Stecknadelhorn allerdings einen Berg aus der Mischabelgruppe ausgewählt.

Der Anstieg vom See zum Verpflegungsposten an der Station Rotenboden gehörte mit rund fünfzig gewonnenen Metern auf wenigen hundert Metern Strecke dann aber wieder zur etwas schwereren Kategorie. Und doch war er nur ein Vorgeschmack auf das, was bald noch folgen sollte. Denn noch fehlten deutlich über zweihundert Höhenmeter bis zum Gornergrat. Es waren aber nur noch etwa eineinhalb Kilometer Restdistanz übriggeblieben.

Und dazu veränderte sich auch in der Folge erst einmal weniger die Steigung als eher die Vegetation. Immer weniger Gras und immer mehr Stein und Geröll bestimmten das Bild entlang des nun ungefähr parallel zur Bahn verlaufenden Pfades. Als er schließlich das Grün endgültig hinter sich ließ und nahezu vollkommen felsiges Gelände erreichte, begann die eigentliche Kletterei.

Im Zickzack schraubte sich der nicht immer ganz klar definierte Weg den steilen Hang hinauf. An einigen Stellen musste man regelrecht über Felsstufen bergan steigen. Der Zähler für die verbliebenen Höhenmeter purzelte dabei schnell nach unten. Und als man am Ende dieser Passage ein leicht gekipptes Plateau erreichte, das nun wieder freie Sicht auf das am Gornergrat errichte Berghotel mit seinen markanten astronomischen Observationskuppeln erlaubte, war man bereits im Bereich der Dreitausend-Meter-Marke.

Dass es beim Aufstieg zum Gornergrat auch diesmal nicht völlig ohne Schneefeldquerung abging, war nicht unbedingt überraschend. Schließlich war der letzte Winter relativ niederschlagsreich gewesen. Und bis in den Juni hinein waren einige wichtige Schweizer Pässe deswegen noch gesperrt, was unter anderem das Mehrtagesradrennen "Tour de Suisse" dazu gezwungen hatte, die ursprünglich geplante Route stark zu verändern.

Erstaunlich war unter diesen Bedingungen eher, dass diese Restbestände eher klein waren und man tatsächlich die Originalstrecke über den Weg durch die Felsen nehmen konnte. Bei einer Auflage des Zermatt Marathons hatte es nämlich im oberen Teil auch schon einmal noch im Juli so viel Schnee gegeben, dass man ab Rotenboden auf die breite Schotterpiste jenseits der Bahnlinie ausweichen musste, die im Winter als Skiabfahrt genutzt wird und damals bereits mit schwerem Gerät geräumt worden war.

Diesen Weg, der etwas unterhalb des Gornergrats die Seiten gewechselt hatte, erreichte nun auch die Marathonstrecke. Und obwohl man das Ziel eigentlich direkt vor Augen hatte, blieb noch ein hartes Stück Arbeit, um die letzten Höhenmeter hinauf zu bewältigen. Nur quälend langsam kamen Bahnhof und Hotel näher, wobei neben der Steigung längst auch der auf dieser Höhe nicht mehr in ausreichendem Maß vorhandene Sauerstoff den Kopf und die Beine schwer machten.

Als man endlich tatsächlich an der Bergstation der Zahnradbahn angekommen war, wartete als letzte kleine Gemeinheit dann auch noch eine hohe Gittertreppe, die es zu erklimmen galt, um die abgesperrten und mit Ticket nur durch Drehkreuze zugänglichen Bahnsteige zu überqueren. Statt des eher schlurfenden Schrittes, mit dem man sich zuletzt den Berg hinauf geschleppt hatte, mussten nun die Füße wieder sauber gehoben werden.

Die abschließenden Meter hinauf zum praktisch direkt vor dem Hotel aufgebauten Ziel wurden dann wieder auf einem gepflasterten Fußweg absolviert, der auch eher unsportliche Spaziergänger vor keine echte Herausforderung stellt. Längst nicht alle, die zum Gornergrat kommen, um die Aussicht zu genießen, wählen schließlich den langen und beschwerlichen Weg, den die Ultraläufer hinter sich gebracht hatten, als sie die hochverdiente Medaille umgehängt bekamen. Man hätte in Zermatt auch einfach in den Zug steigen können.

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Dass man auf die eigentliche Belohnung für die Anstrengung bei einem Berglauf - nämlich das sich von oben dann bietende Panorama - wegen des leider nicht ganz optimalen Wetters weitgehend verzichten musste, schmälerte das Geleistete nicht im Geringsten. Bei doch recht frischen Temperaturen und eingeschränkter Sicht hielten sich die meisten allerdings nicht lange oben auf, sondern traten schnell die Rückfahrt an.

Am Tag darauf absolvierten dann unter ganz ähnlichen äußeren Bedingungen noch die Teilnehmer des Halbmarathons ihre mit weit über tausend Höhenmetern gespickte Strecke zwischen dem Zermatter Bahnhof und dem Riffelberg. Immerhin blieb es für sie während des Rennens trocken. Gelegentlich ließen sich sogar blaue Fleckchen am Himmel entdecken. Und je nach Zug der Wolken zeigte sich kurzzeitig auch die eine oder andere hohe Bergspitze.

Abgesehen vielleicht von der Premiere im Jahr 2002, als ja alles neu erdacht werden musste und man sich nicht sicher sein konnte, wie die Veranstaltung angenommen würde, hatten die Macher des Zermatt Marathons wohl im Vorfeld des Rennens nie ein ähnliches Maß an Aufwand und Unsicherheit zu verkraften wie bei dieser neunzehnten, stark von Corona geprägten Ausgabe.

Im Nachhinein lässt sich konstatieren, dass man diese große Herausforderung wirklich überzeugend bewältigt hat. Und die Reaktionen der Teilnehmer waren entsprechend. Dass die Veranstalter einige Tage nach dem Lauf eine Nachricht an alle Teilnehmer verschickten, sie hätten nie zuvor ähnlich viel Zuspruch und positive Rückmeldung erhalten, spricht Bände. Vielleicht muss man tatsächlich etwas erst vermissen, um zu erkennen, dass vieles von dem, was man eigentlich als normal empfunden hat, eben doch keine Selbstverständlichkeit ist.

Es bleibt für alle Beteiligten zu hoffen, dass die nächste Austragung wieder unter anderen Vorzeichen und in geregelteren Bahnen stattfinden kann. Wenn die einzigen Veränderungen zu den über Jahre etablierten Abläufen mit den Feierlichkeiten zum zwanzigsten Geburtstag - der nun ja tatsächlich mit der zwanzigsten Auflage zusammenfällt - zu tun hätten, würde sich sicher niemand beschweren. Und vielleicht spielt dann ja auch die Sonne wieder ein bisschen besser mit und sorgt für ein strahlendes Jubiläum.

Bericht und Fotos von Ralf Klink

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Infos & Ergebnisse www.zermattmarathon.ch
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Medienmitteilung vom Veranstalter

Rund 600 Läuferinnen und Läufer starteten am 2. Wettkampftag bei idealen Wetterbedingungen in Zermatt. Bei den Männern läuft der erst 20jährige einheimische Fabian Fux aus St. Niklaus überlegen auf den 1. Rang, gefolgt von Alain Lagger aus Naters und Cyrill Kobler aus Solothurn. Die erst 22jährige deutsche Lena Bächle dominierte das Rennen vom Start bis ins Ziel und distanzierte die Zweitplatzierte Thunerin Kathrin Knuchel um mehr als 11 Minuten. Dritte wurde Aline Gautier aus Vessy.

Erfreulich, dass trotz den schwierigeren Reisebestimmungen begeisterte Läuferinnen und Läufer aus nicht weniger als 35 Länder am Laufevent am schönsten Berg der Welt teilgenommen haben.

Das Siegerpodium bei den Männern

Nachdem der Gornergrat Zermatt Marathon COVID19 bedingt ein Jahr aussetzen musste, haben sich die Organisatoren im Frühjahr zum Ziel gesetzt, alles daran zu setzen, den Anlass dieses Jahr wieder durchführen zu können. Bereits Anfang Jahr wurden verschiedene Szenarien ausgearbeitet. Für die unzähligen Hürden, welche im Vorfeld genommen werden mussten, ist man in Zermatt belohnt worden: ein tadellos organisierter 2-Tagesanlass mit rund 1'500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnte bei bestem Laufwetter reibungslos durchgeführt werden. Sowohl die Testzentren wie das Check-in haben sich bewährt, und die Rahmenbedingungen, welche Corona bedingt anders waren (kein Rahmenprogramm, keine warmen Duschen, keine Siegerehrung) ist von den Athleten mit grossem Verständnis akzeptiert worden. Es war überall zu spüren: das Motto, endlich wieder laufen zu können, wieder etwas wie Normalität zu spüren, war wichtiger. Und manch ein Finisher musste sich im Ziel eine Träne abwischen, so gross waren die Emotionen beim Überqueren der Ziellinie auf 2'550 Meter über Meer.

Am 2. Juli 2022 findet der 20. Gornergrat Zermatt Marathon statt. Läuferinnen und Läufer dürfen sich auf einige Überraschungen freuen. Hoffentlich auch wieder auf warme Duschen im Ziel - wohltuend und einzigartig.

Medienmitteilung vom 4. Juli 2021 - Foto © Veranstalter

Über 900 Läuferinnen und Läufer am Eröffnungstag
des Gornergrat Zermatt Marathons

Am ersten Tag des Laufabenteuer-Wochenendes am schönsten Berg der Welt wagten sich nach einer langen forcierten Laufwettkampfpause über 900 Läuferinnen und Läufer aus 36 Nationen für den Marathon, den Ultramarathon und die Staffel an den Start in St. Niklaus. Sieger im Marathon bei den Herren wurde der Deutsche Benedikt Hoffmann.

Bei den Damen dominierte die in der Schweiz wohnhafte Holländerin Nienke Brinkmann, die zugleich den Streckenrekord um zwei Minuten knackte und dabei die Italienerin Ivana Iozza und die Schweizerin Natascha Baer auf die Ränge zwei und drei verwies. Beim Ultra dominierte bei den Herren der Deutsche Sammy Schu, bei den Damen rannte die Genferin Karen Schultheiss aufs oberste Treppchen.

 

Bei idealen Laufbedingungen - nicht sehr warm, aber auch nicht wirklich kalt - startete in St. Niklaus der erste Lauf seit langem wieder und lockte am ersten Wettkampftag an die 1000 Laufwillige an den Start des 19. Gornergrat Zermatt Marathons, dem Laufabenteuer am schönsten Berg der Welt. Unter beinahe regulären Bedingungen, jedoch unter Berücksichtigung sämtlicher Schutzmassnahmen, konnte der Deutsche Benedikt Hoffmann den Marathon mit drei Minuten Vorsprung auf den in Collombey wohnhaften Kolumbianer Diego Vera, den zweit- und 17 Minuten auf den drittplatzierten Bulgaren Mustafa Shaba Aliosman für sich entscheiden. Bei den Damen schaffte sich die Holländerin Nienke Brinkmann gar einen Vorsprung von fast 20 Minuten auf die zweitplatzierte Italienerin Ivana Iozza und knackte zugleich den Streckenrekord von Martina Strähl um 2 Minuten.

Bester Oberwalliser im Marathon war Thomas Gruber auf Rang 20; bei den Damen brillierte Lilian Nanzer ebenfalls auf Rang 20 als beste Oberwalliserin.

Neue Streckenrekordhalterin Nienke Brinkmann

Den 45 km langen Ultra, der mittlerweile von über 300 Läuferinnen und Läufer unter die Laufschuhe genommen wird, gewann Sammy Schu bei den Männern und Karen Schultheiss bei den Damen, wobei Lokalmatador Martin Anthamatten mit einem Rückstand von fünf Minuten drittklassierter und dabei bester Oberwalliser wurde.

Präsident Olivier Andenmatten und Geschäftsführerin Andrea Schneider ziehen eine äusserst positive Bilanz nach dem ersten Tag, zumal die Durchführung noch lange in den Sternen stand, da es einem strengen Schutzkonzept und der Bewilligung des Kantons bedurfte.

Vor dem Lauf unterzogen sich über 500 Athletinnen und Athleten in den eigens dafür eingerichteten Testzentren in St. Niklaus und Zermatt einem Antigen-Schnelltest, ohne dessen negativen Ergebnisses, eines Genesungsnachweises oder eines Impfausweises ein Start nicht zugelassen wurde. Auch die über 900 Edelhelferinnen und -helfer mussten zuerst den Test über sich ergehen lassen. Es sei denn, sie wären genesen oder bereits doppelt geimpft.

Auch Jeannine Williner vonseiten der Sanität zieht eine durchaus positive Bilanz ohne nennenswerte Zwischenfälle. Einzig die vielen Zuschauer, die zahlreichen Guggenmusiken am Streckenrand zur Unterstützung der Sportlerinnen und Sportler sowie das Rahmenprogramm mit Pasta-Party und fahrender Tribüne fehlte, um dem Anlass, der sich im Jahr 2022 zum zwanzigsten Mal jährt, den verdienten Tribut zu zollen.

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Medienmitteilung vom 3. Juli 2021 - Foto © Veranstalter

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