Udos Welt

Nun heißt es wohl, Abschied zu nehmen von Udo. Zumindest vorerst.

Folge 57: Pärchen

"Die Pärchenwertung beim diesjährigen BeneFIT-Lauf Cologne in der Kategorie Mixed geht an …"

Julia und ich nehmen Anlauf.

"… an Julia Opdenhoven und Udo Pönzgen. Herzlichen Glückwunsch!"

 

Rasender Beifall, Jubelorgien. Julia und ich stürmen die Bühne. Unter mir ächzen die Bretter. Wir winken ins Publikum, bekommen einen Pokal, Blümchen, Küsschen. Vor der Bühne steht Andreas und pfeift auf beiden Fingern.

"Mann, bist du hässlich!", sage ich zu dem Pokal. Aber das macht nichts. Es ist mein erster, und ich habe ihn zusammen mit Julia errungen.

 

"Ich weiß nicht, ob das was wird mit mir und Andreas", raunt sie mir zu, während wir uns in den Hintergrund der Bühne verdrücken. "Süß ist er ja, aber auch verdammt …"

"Anhänglich", nicke ich.

"Genau. Wir versuchen es jetzt mal. Ich hoffe, das ist okay für dich."

"Klar", sage ich. Zehn Kilometer in 46 Minuten! Sieg in der Pärchenwertung, Seite an Seite mit Julia! Da soll man mal nicht großzügig sein.

Die nächsten Siegerpärchen werden geehrt. Am umkämpftesten: die Männerwertung. Kein Wunder, wir sind schließlich in Köln. 28 schwule Paare bekriegten sich, dass die Fetzen flogen. Athletische Jungspunde mit rasierten Schädeln entern die Bühne, herzen sich und den Moderator, freuen sich närrisch über die hach so schönen Blumen. Wir kriegen natürlich auch ein Bussi. Wie das plötzlich riecht auf der Bühne!

"Ziehst du zu ihm nach Wilsdorf?", frage ich Julia.

 

"So weit kommt es noch! Nee, nee, alles zu seiner Zeit."

Bei den Lesbenpärchen ging es etwas gesitteter zu; hier traten bloß fünf Teams an. Aber immer noch drei mehr als bei uns, den Mixedduos. Unsere einzigen Konkurrenten kümmerten sich unterwegs hauptsächlich um ihren Flüssigkeitshaushalt und torkelten nach einer knappen Stunde gemeinsam ins Ziel. Wenn ich das geahnt hätte, hätte ich mir auch einen Kasten Kölsch in den Kopf gekloppt!

"Weißt du", flüstert Julia, "dass ich nie mit einem Läufer zusammen sein wollte? Niemals, ich hab mir das geschworen."

 

"Wie bitte?"

"Reicht doch, wenn einer verrückt ist. Am Ende wird zuhause nur noch übers Laufen gequatscht. Udo, das kann nicht gesund sein!"

 

"Worüber soll man denn sonst reden?"

Wieder Riesenapplaus. Der Moderator bittet alle Siegerpärchen, nach vorne zu treten. Gruppenbild! Ein Lächeln fürs Fernsehen! So ist es recht!

"Aber warum dann Andreas?", zische ich, während ich mein zuckrigstes Lächeln ins Gesicht zaubere.

"Er ist Sportinvalide", flüstert sie zurück. "Voll ruiniert, sein Knie. Insofern könnte es klappen mit mir und ihm."

 

Mir wird schwindlig. Unter uns jubeln die Massen. Mein Lächeln fällt ziemlich verkrampft aus. Soll das heißen, dass ich bei Julia nur als Nichtläufer eine Chance gehabt hätte? Als fetter, komatöser, chipsfutternder Antisportler? Okay, Mädchen, das kannst du haben. Was Invalidität angeht, überhole ich Andreas doch mit links!

"Küssen! Küssen!", brüllt das Publikum. Es meint uns. Die übrigen Sieger rechts und links knutschen schon, als ginge es ums Leben.

"Na, dann", sagt Julia und umarmt mich.

 

Na, dann, denke ich und schließe die Augen. Und dort, im Dunkeln nämlich, kommt mir die Erkenntnis, dass es nichts werden wird mit Udo Pönzgen, dem Nichtläufer. Einer wie ich kann nicht mehr zurück. Zu spät, Leute!

Leben ohne Sport? Undenkbar.

"Aber laufen", sagt Julia und lässt mich los, "laufen werde ich nur mit dir, Udo."

Nun heißt es wohl, Abschied zu nehmen von Udo. Zumindest vorerst.

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