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Laufen, Schauen, Denken Sonntags Tagebuch |
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| "Bieler Juni-Nächte"
Facetten eines Laufjubiläums. Ein Ratgeber nicht nur für Erststarter
von Werner Sonntag. Bestelladresse: Email laufenundleben@t-online.de oder über die Website www.laufen-und-leben.de Siehe auch die Buchbesprechung "Bieler Juni-Nächte" im LaufReport in der Rubrik Bücher & Leszirkel klick HIER |
Die „Weltpremiere“ des Indoor Trails vom 3. bis zum 5. Februar in der Dortmunder Westfalenhalle liegt hinter uns. Sie hat, soweit Kenntnis von ihr genommen worden ist, ein positives Echo gefunden. Meine Informationen beruhen allerdings auf den Mitteilungen der Veranstalter und der DLV-Website laufen.de. Ich hatte ernstlich überlegt, selbst nach Dortmund zu fahren, den Gedanken jedoch wieder aufgegeben. Zu wenig schien mir die Beobachtung mit Lust verbunden. Man wird nicht annehmen, daß ich meine kritische Meinung zu einem künstlichen Trail innerhalb von sechs Wochen geändert habe. Ich bin daher froh, nicht nach Dortmund gereist zu sein; ich hätte mich an zwei oder drei Abenden mit einem schalen Gefühl ins Hotelbett gelegt.
Es ist ja nicht so, daß ein künstlicher Trail in der Halle die Natur ersetzen kann. Die Halle bleibt, selbst wenn man sie für die Schneepassage verläßt. Zudem ist der Trail eine Werbegalerie gewesen. Es dürfte für Photographen unmöglich gewesen sein, keine Reklame ins Bild zu bekommen, seien es die Werbedekorationen, seien es die Schilder entlang der Strecke; selbst die quergelegten Bäume enthielten einen Produktnamen.
Auf jeden Fall war die Strecke eine läuferische Aufgabe. Doch es blieb ein Kurs mit 17 Hindernissen, und ein Lauf über eine schräge Fläche mit Trittleisten und der Überwindung eines Galeriegeländers kann einen Bergpfad nicht ersetzen. Eine Gruppe von Weihnachtsbäumen, „fun forest“ genannt, ist kein Wald. Irgendwo in der Reklame tauchte bei Ecco die Bezeichnung „Natural motion“ auf. Die physischen Reaktionsformen der Teilnehmer mochten denen von „natural motion“ entsprechen, das psychische Erlebnis jedoch nicht im entferntesten. Die Strecke mit den 17 Hindernissen mäanderte in der Halle, erstreckte sich über Treppen, Galerien, Korridore, Keller und Freiflächen – 1,2 Kilometer. Dann, außer beim Sprint, wiederholte sich alles. Ich kann mir nicht vorstellen, daß unter den 1500 Teilnehmern insgesamt – beim Zehn-Runden-Lauf über 12 Kilometer 500 – viele Menschen gewesen sein sollten, die sich als „Naturläufer“ empfanden.
Rational gesehen: Am ehesten eignet sich die Veranstaltung, außer zur Reklame, wohl für die Kinder, die hier im „Kids Run“ ein professionell aufbereitetes kontrolliertes Abenteuer erleben konnten; für sie zumindest war’s ein Spaß. Alle Teilnehmer können sich an dem Gefühl erwärmen, Mitwirkende an einer Weltpremiere gewesen zu sein. Wie es einer Weltpremiere ansteht, verständigt man sich auf Englisch, es sei denn die Wegweisung „Nächste Runde“ und „Ziel“ sei für die sieben ausländischen Teilnehmer in „Next lap“ und „Finish“ übersetzt worden. Die Reklame für deutsche Läufer ist ja ohnehin durchweg ins Englische verfremdet; Deutsch wäre zu simpel und damit zu durchschaubar. Überhaupt, die ganze erfundene „Trail“-Szene mit Trail King und Trail Queen samt dem Auftritt des zweimaligen „Tough Guy“ ist anglifiziert.
Die Übertragung der Rennen durch eine Sponsor-Firma war verständlicherweise durch die Läufer dominiert; dennoch schien mir das Publikum eher gering vertreten gewesen zu sein, was sich auch an dem dünnen Beifall zeigte.
Die Informationen über die Veranstaltung beruhten, wie die in LaufReport, überwiegend auf den von der Veranstalterfirma verbreiteten Mitteilungen. Doch in einer Tageszeitung wurde der Chefredakteur eines Fachmagazins mit einer lobenden Äußerung zitiert; es war der Chefredakteur von „Runner’s World“, dem Mitveranstalter des Ecco Indoor Trails.
Gewiß, nach meiner Eintragung vom 27. Dezember ist klar, daß mein Kommentar parteiisch ist, wenn auch auf der spärlich besetzten Gegenseite. Wer die lautere Wahrheit sucht, muß wohl hinfahren; die Veranstaltung wird im nächsten Jahr wiederholt werden.
Peter Greif, Sportartikel-Händler und Trainer, fügt dem Angebot in seinem Newsletter jeweils einen Lauf-Kommentar bei. Meistens geht es um Schnelligkeit. Das ist nicht mein Thema. Der jüngste Brief jedoch bringt die Entwicklung des Marathons in Deutschland auf einen Punkt, an dem man nicht vorübergehen sollte. Die Greifsche Marathonbestenliste hat danach von 2007 bis 2011 fast 30.000 deutsche Marathonläufer eingebüßt. Der Tendenz nach entspricht die Tatsache des Teilnehmer-Rückgangs der Klinkschen Analyse im LaufReport. Die Zahl 30 000 jedoch elektrisiert unser Läufer-Bewußtsein.
„Wo sind sie nun hin, die 30.000 vermißten deutschen Läufer(innen)?“ fragt Peter Greif. Die Antwort muß offen bleiben. Meine Ansicht ist nur eine unter vielen. Einigen wir uns auf die Voraussetzung: Die Zahl der Läufer hat mit Sicherheit nicht ab-, sondern zugenommen. Ich meine, auch die im Verlauf der Jahre gestiegenen Startgebühren sind keine unüberwindbare Schwelle. Die Startgebühr ist bei einer Marathon-Reise wahrscheinlich der kleinste Unkostenfaktor.
Ich sehe den Schwund so: Der Marathon hat früher einen höheren Stellenwert gehabt als heute. Erinnern wir uns: Wer früher sein Leben auf eine gesündere Basis stellen wollte, begann mit dem Laufen. Eine sportliche Disziplin „Walking“ gab es noch nicht. Wer nicht laufen wollte, hatte bei der Vorwärtsbewegung nur die Wahl zwischen dem Sportgehen und dem Wandern. Das Sportgehen erfreute sich jedoch keiner sonderlichen Beliebtheit („Hüftwackeln“). Wandern galt damals bei vielen, insbesondere auch bei den Läufern, als unsportlich. Erst im Lauf der Zeit verbreitete sich auch in Deutschland das Walking, später das Nordic Walking. Laufen hat sich grundsätzlich „diversifiziert“. Der Berglauf ist „erfunden“ worden; der Triathlon entwickelte sich zu einer eigenen Sportbewegung.
In der Zeit zuvor hatte sich die Wahl des Gesundheitssports überwiegend darauf beschränkt zu laufen oder es schlicht sein zu lassen. Wer sich zum Laufen entschloß, betrieb es, vereinfacht ausgedrückt, entweder als Gesundheitssport oder als Leistungssport. Im zweiten Fall war der Marathon die Krönung der Läuferkarriere. Wieder kam es zu einer Trennung. Die einen beließen es bei einem einzigen Marathonlauf oder einigen wenigen, die anderen bauten ihr Training aus und ihre Leistung auf. Jeder neue Marathon war insgeheim von dem Wunsch begleitet, die persönliche Bestzeit zu verbessern oder die alte trotz Alterungsprozeß zu erhalten. Eine andere Motivation war das Sammeln, zunächst einmal möglichst viele interessant erscheinende Marathone zu absolvieren, für einen Teil der Läufer (typisch der 100 Marathon Club) möglichst viele Marathone überhaupt zu laufen. Der Marathon-Tourismus, der schon Mitte der siebziger Jahre einsetzte, entwickelte sich zu einer eigenständigen Tourismus-Branche. Schließlich wurden Marathone eigens dazu erfunden, weil man die Reiseaktivität fördern wollte.
War der Marathon zunächst das einzige Ziel ambitionierter Läufer, kam es im Laufe der Ausdifferenzierung des Langlaufsports zu einer Fülle unterschiedlicher Angebote. Deutlich sichtbar war der Zug „Weg vom Marathon“ bei der Entwicklung des Ultramarathons. Es war die Zeit, als in Biel mangels anderer populärer Startmöglichkeiten etwa 4000 Hundert-Kilometer-Läufer am Start waren. Sie blieben nicht in Biel, als sich vermehrt die Gelegenheit zu anderen Starts bot. Sicher wanderte auch mancher Marathon-Starter zum Berglauf ab. Dies bedeutet nicht selten, daß zwar der Marathon nicht völlig aufgegeben wurde, aber eben doch, daß immer wieder statt eines Marathons ein Berglauf vorgezogen wurde. Extrem- und Abenteuerläufe haben ebenfalls ambitionierte Marathonläufer an sich gezogen. Läufer mit extrinsischer Motivation, zum Beispiel die der „Von-null-auf Zweiundvierzig“-Aktion, blieben weg, als die Aktion nicht weitergeführt wurde. Das alles sind Ursachen eines Marathon-Teilnehmerrückgangs; doch sie reichen nicht als Erklärung.
Zu berücksichtigen ist, daß wahrscheinlich gar nicht so wenige leistungsorientierte Läufer nicht mehr den Marathon als ihr persönliches Ziel ansehen. Man erkennt dies zum Beispiel an der Hinwendung zum modischen „Trail“. Davor jedoch etablierten sich der Triathlon und das Mountain Biking. Nicht wenige Läufer – mich eingeschlossen – hatten ein Renn- oder Rennsportrad in der Garage stehen. Sportarten, die mit Technik verbunden sind, gelten in unserer Zeit als besonders attraktiv. Ich bin überzeugt: So mancher Mountain Biker wäre früher ein Marathon-Läufer gewesen. Das gilt sicher auch für den Triathlon, der zudem noch den Reiz des sportlich Elitären hat. Was ist schon ein Marathon, wenn ihn Achtzigjährige in fünf bis sechs Stunden zurücklegen oder die Strecke gar von einem angeblich Hundertjährigen begangen wird?
Ich maße mir keineswegs an, nun die Ursache des Marathon-Teilnehmer-Rückgangs ergründet zu haben. Es muß nicht stimmen, was ich mir zurechtgelegt habe. Tatsache jedoch ist, daß der Marathon als Leistungsziel nicht mehr so attraktiv ist wie früher. Wir müssen darob nicht in Wehklagen ausbrechen. Wenn ich auf meiner Lauf- und jetzigen Walkingrunde die vielen Nordic Walker sehe, bin ich überzeugt davon, daß die Zahl der Sporttreibenden in Deutschland keineswegs abgenommen hat.
Tausende Mal habe ich den Weg zu unserem Reihenhaus beschritten; er führt über drei Stufen, einen Absatz und zwei Stufen zu einer kleinen Treppe zum Haus. Wir bewohnen es seit 1965. Vor reichlich fünf Jahren stürzte ich zwei Stufen hinunter, weil ich den schweren Papiercontainer, den ich zum Leeren auf den Gehweg bringen wollte, nicht beherrschen konnte. Doch das war einige Wochen nach einem längeren Krankenhausaufenthalt. Dieser Tage bin ich abermals gestürzt.
Das kam so: Ich hatte glücklich und zufrieden meine Walking-Runde beendet; ich hatte sie, für meine Verhältnisse, ziemlich flott zurückgelegt. Nun stieg ich die Stufen im Vorgarten hinauf, es fiel mir etwas schwer. Die zwei Stufen schaffte ich nicht mehr. Offenbar hatte ich den Fuß nicht genügend gehoben, ich fand keinen Auftritt. Es durchzuckte mich noch die Reaktion: Höher! Doch ich hatte keine Kraft mehr, ich fiel ins Gras und schlug mir ein Knie ein wenig auf. Mehr war nicht passiert.
Doch ich kam ins Grübeln: Mein Körper gehorchte mir nicht mehr. Das war früher anders. Wenn ich an die Wurzelpfade des Rennsteig-Supermarathons denke! Da war der Rennsteig wirklich noch ein Trail, obwohl das Trail-Laufen angeblich erst jetzt entdeckt worden ist. Kritisch war es beim Abstieg vom Scalettapaß. Swiss-Alpine-Läufer haben ihn vor Augen: Bald nach der Paßhöhe kommt ein Geröllpfad, der erst später in einen Almweg übergeht. Es versteht sich, daß der Abstieg ein Ab-Lauf ist. Ich habe einmal auf die Uhr geblickt; die meisten sind in 40 bis 50 Minuten unten am Dürrboden, eine Strecke, die ein Wanderer beim Aufstieg in zweieinhalb Stunden zurücklegt. Man muß sich in Läufer hineinversetzen: Seit Stunden war es im Prinzip bergauf gegangen; doch vom Scaletta geht es zum Ziel in Davos im Prinzip nur noch bergab. Die Schranken der schweren Atmung sind mit einem Schlage geöffnet, dazu die Gewißheit, nun auf jeden Fall das Ziel zu erreichen. Ein Hochgefühl!
In dieser Situation trat ich auf einen losen Stein, ich spürte keinen Halt mehr, ein Sturz schien fast unvermeidlich. Doch irgendwie schaffte ich es, ich rettete mich mit einem Sprung und hatte wieder festen Boden – beschreiben kann ich die physische Reaktion nicht. Ein Läufer hinter mir hatte jedoch die Reaktion sehr wohl beobachtet und drückte mir mit einer Bemerkung seine Anerkennung aus. Das war vor etwa zehn Jahren.
Und jetzt? Die zweite Stufe im Vorgarten hatte ich verfehlt, der Impuls zu reagieren, nämlich den zu kurzen Auftritt zu korrigieren, war da, aber ich bekam den Fuß nicht mehr hinauf, mir fehlte die Kraft. Es blieb mir nur die Landung im Gras. Hier dauerte es Sekunden, bis ich mich in einer gewaltigen Anstrengung, wie mir schien, aufrappeln konnte.
Nun bin ich ins Grübeln gekommen. So ist das also mit dem Kraftverlust im Alter! Ich bin nachdenklich geworden – ausdauertrainiert, da habe ich mir wohl nichts vorzuwerfen. Doch krafttrainiert? Es war keine Entscheidung gegen ein Krafttraining gefallen, es war einfach Bequemlichkeit, sicher auch Abneigung gegen die Maschinen im Fitneß-Studio. Ein Krafttraining fand nicht statt, wenn man von unspezifischem Training beim Laufen und Bergwandern absieht. Jetzt kann ich das Defizit nicht mehr aufholen.
Wer immer diese Tagebuch-Eintragung liest: Ich will die Leser nicht mit meinen Stürzen langweilen, sondern den einen Satz, den Schlußsatz, begründen: Leute, denkt ans Krafttraining!
Unsere Beziehung war nicht eng – da war die Entfernung zwischen unseren Wohnorten, da war der Altersunterschied von zwölf Jahren, da war die Leistungsdifferenz zwischen einem Ultra-Spitzenläufer und einem Durchschnittsläufer, da lagen 36 Minuten persönliche Marathon-Bestzeit zwischen uns und gar 88 Kilometer beim 24-Stunden-Lauf. Aber es war eine sehr herzliche Beziehung, eine wärmende menschliche Nähe. Das lag nicht an der Gemeinsamkeit in der Aktivität für das gedruckte Wort. Es lag an seiner Persönlichkeit.
Am 8. Januar 2012 ist Peter Samulski gestorben. Sein relativ früher Tod war leider seit langem abzusehen gewesen. Zu meinem Geburtstag im vorigen Jahr hatte er mir geschrieben, zu meinem nächsten Geburtstag werde er mir nicht mehr gratulieren können. So ist es leider gekommen.
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Peter Samulski ist geboren am 14. Dezember 1938 in Braunsberg in Ostpreußen, nahe der heutigen polnisch-russischen Grenze gelegen. Anfang der siebziger Jahre kam er als Bibliothekar nach Münster und war später Bibliotheksdirektor der Westfälischen Wilhelms-Universität. Nach eigenen Angaben war er ein „absoluter Workaholic“. Erst im Alter von 44 Jahren fand er über die bereits 1965 gegründete Laufgruppe Münster zum Laufen. „Bereits drei Jahre später finden sich 13 absolvierte Marathonläufe auf seinem Laufkonto. Seine Bestzeit hat er auf 2:40 geschraubt“, schreibt Dr. Stefan Hinze in seinem Porträt in „Ultramarathon“ 1/2009 (später 2:38). Nicht nur das, Peter Samulski wendet sich 1986 dem Ultralanglauf zu. Beim ersten 100-km-Lauf in Winschoten erreicht er bereits 7:38 Stunden. Diese Zeit verbessert er im Verlauf seiner Teilnahme an sieben Deutschen Meisterschaften auf 7:15 Stunden (alle faktischen Angaben von Stefan Hinze). An einem Deutschland-Lauf hat er teilgenommen. Dreimal wird er Deutscher Meister im 24-Stunden-Lauf. In Elze stellt er mit 261,029 km den Altersklassenweltrekord im 24-Stunden-Lauf auf; in der ewigen deutschen Bestenliste der männlichen 24-Stunden-Läufer steht er damit an vierter Stelle. „In seinem Leben bringt er es auf 107 Marathon- und insgesamt etwa 180 Ultramarathonläufe“, registriert Stefan Hinze. | |
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Peter Samulski im Jahr 1987. Damals nahm er in Torhout
an der ersten Weltmeisterschaft im 100-km-Lauf teil - Photo: Privat
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Im Jahr 2001 mußte er, nach der Krebs-Diagnose, den Ultralauf aufgeben und schließlich auch den Marathon. Der Laufszene ist Peter Samulski weiterhin, bis zu seinem Tode, verbunden geblieben.
Mehrmals sind wir gemeinsam gelaufen, nicht gerade Seite an Seite, sondern bei derselben Veranstaltung, im Jahr 1990 bei der Umrundung der Insel Sylt. Er war, versteht sich, der schnellste von uns 55 Teilnehmern – 10:16 Stunden, obwohl dieser Erlebnislauf nicht auf Schnelligkeit angelegt war. Wenige Male nur haben sich unsere Laufwege gekreuzt, 1990 in Rodenbach, 1992 in Rheine, 1995 beim Swiss Alpine Marathon, 1998 in Biel; aber irgendwie – dieser Ausdruck mag hier erlaubt sein – waren wir einander immer nah.
Vielleicht ist es auch anderen so ergangen. Unser Verlust besteht nicht so sehr darin, daß die Laufszene einen Hochleistungsläufer im Ultrabereich verloren hat, sondern ein Lauffreund von uns gegangen ist, der zutiefst von herzlicher Menschlichkeit erfüllt war. Wer ihn von den Jüngeren nicht gekannt hat, sollte wissen: Wir brauchen auch im Sport solche Menschen. Peter Samulski hat eine Lebensspur hinterlassen, der wir dankbar folgen. Noch zu Lebzeiten hat er einen Koffer mit seinen Laufutensilien und Trophäen dem Deutschen Sportmuseum zu Berlin geschickt; dort sind diese jetzt in einer Vitrine ausgestellt.
Nein, nein, das Tagebuch soll nicht zum Ultra-Tagebuch werden, und wenn ja, dann würde ich es sagen. Ich folge nur der Nachrichtenlage (nein, nicht der um den Bundespräsidenten). Udo Lohrengel (marathon-und-mehr) verdanke ich einen neuen Hinweis: „Die Österreicher lassen die Laufmuskeln spielen und rüsten auf. Schon wieder erfahre ich von einem Ultra-Traillauf-Vergnügen.“ Nein, eben nicht dem Dirndltal-extrem, den ich in der letzten Eintragung vorgestellt habe (mit einem Fehler: Start und Ziel sind in Ober-Grafendorf, nicht in Ober-Grabendorf – Entschuldigung!), sondern von Mozart 100.
Damit könnte ich es bewenden lassen, und jeder Interessierte könnte die Seite selber anklicken. Doch – daher das Tagebuch – ich habe ja einiges dazu zu sagen. Zunächst einmal möchte ich Bravo klatschen. Nachdem es in Österreich um Ultralauf-Ereignisse ziemlich still geworden war, haben wir nun in diesem Jahr gleich zwei Premieren. Allerdings, diese ist nun eine direkte Konkurrenz zu Biel. Mozart 100 findet am 23. Juni statt, 14 Tage nach Biel. Es wird wohl kaum jemand geben, der an beiden 100-Kilometer-Läufen teilnehmen will. Man wird sich also entscheiden müssen.
Im Gegensatz zum Dirndltal-Extrem-Ultralauf ist Mozart 100 auf den ersten Blick erheblich populärer angelegt, in jeder Hinsicht. Da ist zunächst einmal der Veranstaltungsort: Salzburg. Das liegt 140 Autobahn-Kilometer östlich von München. Wer mit dem Auto fährt und die letzten paar Kilometer statt auf der Autobahn auf Landstraßen zurücklegt, braucht kein „Pickerl“ an die Scheibe zu picken. Wer die Bahn benützt, kann die Wege vom Bahnhof zu Hotel, Wettkampfbüro und zu Start und Ziel, dem Mozartplatz, wahrscheinlich zu Fuß bewältigen. Horst Preisler kann hinfliegen, den Mozart 100 laufen und am Sonntag woanders traben, in München zum Beispiel. Salzburg ist in jeder Hinsicht eine attraktive Stadt, so attraktiv, daß man keine Reklame dafür machen muß. Wenn einem acht Tage vorher die Achillessehne einen Streich spielt, – man kann auch ohne Laufteilnahme nach Salzburg fahren.
Die Mozartstadt hat dem neuen 100-Kilometer-Lauf den Namen verliehen. Man kann darüber streiten. Was hatte Wolfgang Amadeus schon mit dem Laufen zu schaffen? Doch mit dem Skifahren – Skiregion Amadé – ja wohl erst recht nichts. Mozart 100 dürfte die einzige Laufveranstaltung sein, bei deren Namen man sofort den Startort assoziiert – na ja, die Bieler Lauftage lassen wir mal außer Betracht. Zudem finde ich Bezeichnungen wie GutsMuths-Rennsteiglauf oder Einstein-Marathon viel schöner als BMW-Marathon oder Kaufhaus-Kleckelmeyer-Halbmarathon. Mozart 100 ist, um es modisch zu sagen, genial. Die Streckenlänge ist damit auch schon im Namen fixiert.
Das Konzept ist eigenständig. Im Prinzip muß man zwei Runden laufen. Die erste Runde führt 46 Kilometer von Salzburg bis zum Westufer des Fuschlsees, die zweite Runde zusätzlich um ihn herum, macht 54 Kilometer. Das bedeutet, Ultra-Einsteiger können auch nur die zweite Runde laufen.
Erfunden haben diesen Ultramarathon zwei Läufer, Michael Fried und Josef Mayrhofer. Beide stammen aus Salzburg und leben in Wien. Magister Fried ist Gründer, Miteigentümer und Geschäftsführer der Webagentur essentialmind. Seine persönliche Marathonbestzeit beträgt 2:41. Die 100 Kilometer von Biel, den Marathon des Sables und den Jungl-Marathon kennt er vom Laufen. Magister Mayrhofer ist Managing Partner und Geschäftsführer von PKP BBDO, einer der bedeutenden Werbeagenturen Österreichs. Auch er ist Marathon unter drei Stunden gelaufen und hat an Ultra-Laufklassikern teilgenommen. Renndirektor ist Magister Josef Gruber, aus Tamsweg im Land Salzburg stammend. Er ist Betriebswirt und Sportwissenschaftler und Inhaber der Salzburger Sportagentur g-sport, zudem Streckenchef des Salzburg-Marathons und mehrfacher Ironman. Berufe, Funktion und Laufaktivität der drei versprechen eine professionelle Organisation. Man merkt dies, meine ich, auch der Website an. Weshalb man allerdings eine Ultra-Website mit einem Bild vom Tiefstart eines Sprints illustrieren muß, ist wohl der Einstellung in Medienagenturen geschuldet, in denen Emotion mehr zählt als Information. Das Attribut „Österreichs bester Ultra-Traillauf für Läufer und Nordic Walker“ ist eine unbewiesene Reklame-Behauptung.
Der Start der Einzelwettbewerbe ist bereits um 5 Uhr morgens. Das bedeutet also, man hat mit Sicherheit eine vergratschte Nacht vor dem Start. Zielschluß ist um 24 Uhr. Das teure Hotelzimmer muß man dann halt am Morgen abwohnen. Auf diese Weise bringen die Veranstalter 19 Laufstunden an einem einzigen Tage unter und hoffen, daß dies auch für Nordic Walker reicht. Infolge der zwei Runden kommen zusammen über 2000 Höhenmeter zustande, dreimal mehr als in Biel. Den Photos nach ist allerdings kein Trail zu erwarten, was mich in meiner Überzeugung bestärkt, daß „Trail“ zum läuferischen Modewort. geworden ist; alles, was nicht „Straßenlauf“ ist, ist halt „Trail“. Das ist mindestens seit dem ersten Schwarzwaldmarathon 1968 so.
Wer sich bis zum 31. Januar anmeldet, zahlt nur 80 Euro Startgebühr (Biel und Dirndltal jeweils 100 Euro). Allerdings, für Kostenanstieg sorgen die Hotelpreise und die Parkgebühren in Salzburg. Gewundert habe ich mich, daß die Information über diese Ultra-Veranstaltung nicht gezielt in der Bundesrepublik verbreitet worden ist. Die Startliste der 100 Kilometer umfaßt bis heute nur 9 Namen, was aber auch an der Anmeldeagentur liegen kann.
Auch Mozart 100 würde ich gern als Beobachter kennenlernen; es geht jedoch terminlich nicht.
Nach St. Moritz fährt, wer es sich leisten kann, zum Trainieren; nach Davos fährt man zum Gewinnen und sei es von Eindrücken. Was ist mit Ober-Grafendorf?
Ich gestehe, vor wenigen Tagen wußte ich noch nicht, daß es den Ort gibt. Das Internet informiert uns zwar, aber es kann im Prinzip nur über das informieren, was abgefragt wird. Wer fragt schon nach Ober-Grafendorf? Den Laufkalendern hätte ich es entnehmen können. Doch wer liest schon Zeile für Zeile einen Terminplan mit Hunderten von Veranstaltungen? Ich habe von Ober-Grafendorf auf die älteste Art und Weise erfahren – vom Weitersagen. Ein Leser dieses Tagebuches meinte zu Recht, dieser Termin könne mich interessieren.
Ich habe vor, Ober-Grafendorf kennenzulernen. Dort wird am 28. Juli 2012 der Dirndltalextrem gestartet. Das Tal der Dirndl eignet sich jedoch ebenso schlecht zur geographischen Information wie Ober-Grafendorf. Der Zusatz „extrem“ deutet wenigstens schon einmal an, daß es sich wahrscheinlich um einen Lauf in den Bergen handelt. 100 Kilometer, jedoch – so heißt es – mit Höhenunterschieden von zusammen über 5000 Metern, damit fast doppelt soviel wie beim Swiss Alpine K 72. Doch es geht nicht auf Höhen wie den Gornergrat oder das Parpaner Rothorn. Es werden gerade einmal Erhebungen von knapp 1000 Metern überschritten.
Das Kuriose ist: Ich war schon einmal in der Gegend, weil ich mir die Mariazeller Bahn angesehen habe, eine Schmalspurbahn (Bosnische Spur = 760 mm) von St. Pölten nach Mariazell in der Steiermark. Ober-Grafendorf liegt wenige Kilometer von der A 1 Salzburg – Wien entfernt; nach St. Pölten sind es 12 Kilometer. Die Bahn geht der Pielach entlang. Gelaufen wird über die Höhen des Pielachtals in südwestlicher Richtung und dann über Frankenfels in nordöstlicher Richtung zurück zum Ausgangspunkt, dem ESV-Heim in Ober-Grafendorf. Einbezogen ist ein Rundwanderweg.
Weshalb nun heißt der Lauf „1. Dirndltal Extrem Ultramarathon“? Mit den Frauen im Dirndl-Gewand hat der Name jedoch nichts zu tun, sondern vielmehr mit dem Dirndlstrauch, der das Pielachtal vor allem im Frühjahr und im Spätsommer prägt. Die Dirndlfrucht ist die Kornelkirsche (Cornus mas). Die Touristiker haben in den letzten Jahren das Pielachtal zum Dirndltal gemacht. Da paßt ein Dirndltal-Lauf ganz gut dazu. Allerdings, auch diese Bezeichnung vermag nicht im mindesten zur geographischen Orientierung dienen.
Aber wir wissen nun: Es handelt sich um Österreich. Bedenkt man, daß dort die Alpen auch sehr schön sind, wundert es einen Läufer schon, daß Österreich außer dem flachen Wien-Marathon keine andere Laufveranstaltung von internationalem Ruf auf den Läufermarkt gebracht hat. Gewiss, da gab es die 100 Kilometer von Hirtenberg, wo man auch den Sprung auf die 150 Kilometer machen konnte, und den Marc-Aurel-100-km-Lauf und -Marsch; aber leider sind diese Veranstaltungen aus der Zeit vor dem Swiss Alpine verschwunden. Daher erfüllt es mich mit Freude, daß versucht wird, in Österreich eine neue Ultraveranstaltung zu etablieren. Dies geschieht genau am Tage des Swiss Alpine und des Chiemgauers, am 28. Juli. Andrea Tuffli wird damit leben können, und der Chiemgauer wird schwerlich Interessenten ans Dirndltal abgeben.
Angelegt ist der Lauf keinesfalls aus touristischen Gründen. Planung und Verantwortung liegen bei Gerhard Lusskandl, einem Ultramarathoner mit beträchtlicher leistungssportlicher Erfahrung, der im Jahr 2009 den Badwater (217 km mit 5100 Höhenmetern) als schnellster Europäer in 29:59:49 Stunden zurückgelegt hat. Das erklärt vielleicht, daß im Dirndltal nicht im mindesten das Muster der 100 Kilometer von Biel kopiert wird und die Teilnahmebedingungen offensichtlich auch auf den Fall von Felsabbrüchen und tagelange Verschollenheit der Teilnehmer zugeschnitten sind. Vorgeschrieben ist nämlich das Mitführen eines Wasservorrats von mindestens 1 Liter und von Verpflegung mit etwa 2000 Cal., einer Lampe (mit Ersatzbatterien, versteht sich) und einer Überlebensdecke. Eine ganze Liste führt die Zeitstrafen für alle möglichen Zuwiderhandlungen auf; eine Viertelstunde Laufen büßt ein, wer gefährliches Verhalten an den Tag legt, beispielsweise mit ungeschützten Stöcken herumfuchtelt. Auf diese Weise ist zu hoffen, daß die schwindelerregenden Höhen problemfrei bewältigt werden. Vielleicht ist es aber auch der Beruf des Organisators, der ihn zu allen möglichen Vorsorgemaßnahmen bewogen hat; Lusskandl ist Kriminalbeamter.
Eine Besonderheit dieses Laufs ist, daß er um 6 Uhr gestartet wird, der offizielle Schluß ist nach 18 Stunden, der endgültige Zielschluß nach 24 Stunden. Die Siegerehrung dürfte kurz werden; es gibt nur eine einzige Männer- und eine einzige Frauenklasse. Vierköpfige Staffeln sind ebenfalls zugelassen. 15 Prozent der Startgebühr von 100 Euro fließen an die St. Anna-Kinderkrebs-Forschung.
Vor zehn, fünfzehn Jahren hätte ich für diesen Lauf gemeldet, da hätte ich die Zwischenzeiten trotz den angeblich 5000 Höhenmetern schaffen können. Sofern ich nicht disqualifiziert worden wäre; denn wer sich, wie ich, zum Beispiel respektlos gegenüber Personen verhält, muß den Lauf für eine Stunde unterbrechen.
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