Die deutsche Marathonszene im Jahr 2018

Fakten-Check
Teil 1: Die meisten Finisher HIER
Teil 2: Das Ranking HIER
Teil 3: Gewinner & Verlierer HIER
Teil 4: Halb- kontra Marathon HIER Teil 5: Die Schnellsten & die Besten HIER Teil 6: Die Frauenquote HIER
Statistiken & Auswertungen von Ralf Klink & Walter Wagner
Grafiken & Foto: Constanze Wagner

Die große Marathon-Analyse

Teil 1: Die Marathons mit den meisten Finishern

Die Balken geben die Gesamtfinisher wieder. Die roten Punkte deuten den darin enthaltenen Frauenanteil an. Die Plus- bzw. Minuszeichen geben an, welcher Marathon Finisher hinzu gewinnen konnte bzw. mit weniger Teilnehmern im Ziel als 2017 abgeschnitten hat. Marathons, die 2017 nicht stattfanden (Marathon Deutsche Weinstraße und Oldenburg), wurden mit dem Vorvorjahr verglichen.
 
Die Grafik umfasst die 40 Marathons mit 300 Finishern und mehr.

Die Einstiegshürde von 300 Zieleinläufen verfehlten 2018: Kyffhäuser-Berg-Marathon mit 289 (2017 = 307), Bottwartal-Marathon mit 284 (2017 = 339), Mitteldeutscher Marathon mit 253 (2017 = 381), Weiltalweg-Landschaftsmarathon mit 249 (2017 = 329).

Neu dabei, bzw. den Wiedereinstieg dank über 300 Finishern schafften 2018 Bad Füssing Johannesbad Thermen-Marathon (2017 = 299) und Kevelaer (2017 = 281).

Die deutsche Marathonszene im Jahr 2018

Teil 2: Das Ranking
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Platzierung 2018 2017 Änderung
Berlin
1
1
0
Frankfurt
2
3
+1
Hamburg
3
2
-1
Köln
4
4
0
München
5
5
0
Rennsteiglauf
6
6
0
Düsseldorf
7
7
0
Hannover
8
8
0
Münster
9
9
0
Dresden Stadt
10
11
+1
Bremen
11
12
+1
Dresden Oberelbe
12
10
-2
Karlsruhe
13
18
+5
Mainz
14
15
+1
Marathon Deutsche Weinstraße*
15
-
-
Brocken Marathon
16
13
-3
Bonn
17
14
-3
Freiburg
18
17
-1
Ulm
19
25
+6
Gelsenkirchen
20
16
-4
Duisburg
21
20
-1
Leipzig
22
22
0
Essen
23
21
-2
Heilbronn
24
23
-1
Mannheim
25
19
-6
Füssen
26
27
+1
Kandel
27
24
-3
Fürth
28
38
+10
Regensburg
29
28
-1
Monschau
30
29
-1
Oldenburg*
31
-
-
Würzburg
32
30
-2
Kassel
33
35
+2
Lübeck
34
34
0
Schwarzwald Marathon
35
26
-9
Allgäu-Panorama
36
32
-4
Flensburg
37
40
+3
Rurseemarathon
38
38
0
Kevelaer
39
43
+4
Bad Füssing
40
42
+2

*Marathons, die 2017 nicht stattfanden (Marathon Deutsche Weinstraße und Oldenburg). 2016 rangierte der Marathon Deutsche Weinstraße auf dem 13. Platz. Oldenburg trug 2017 nur einen Halbmarathon aus und lag 2016 mit 273 unter 300 Finishern beim Marathon.

Die deutsche Marathonszene im Jahr 2018

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"Neun deutsche Marathons haben in der Saison 2018 die Marke von mehr als tausend Zieleinläufen durchbrochen". Was sich im ersten Moment für Uneingeweihte wie eine Erfolgsmeldung aus der Feder eines Marketingstrategen liest, ist in Wahrheit eine eher trostlose Beschreibung des aktuellen Zustandes der heimischen Laufszene. Man muss nämlich nur eine gute Dekade zurückgehen, um Jahre zu finden, in denen noch bis zu vierundzwanzig Veranstaltungen diesen Wert übertreffen konnten.

Bis man zum letzten Mal eine geringere Zahl von Marathons mit entsprechend großen Starterfeldern in Deutschland findet, muss man sogar ins letzte Jahrtausend blättern - also in eine Periode, in der weltweit nur zwischen fünfzig und siebzig Rennen überhaupt in dieser Größenordnung vorstoßen konnten. Heute sind es dagegen mehrere hundert.

Und alleine die beiden im Moment größten Marathonmärkte in den USA und in Japan nähern sich inzwischen jeweils dem Wert von einhundert vierstelligen Marathons an. Bei den vereinigten Staaten mag man die verglichen mit Deutschland viermal größere Bevölkerung als Begründung heran ziehen können. Ein Argument, dass im hundertzwanzig Millionen Menschen zählenden Japan allerdings schon nicht mehr wirklich greift.

Für das Land der aufgehenden Sonne ließe sich vielleicht maximal noch eine wahrlich unglaubliche Marathonbegeisterung anführen, die sich in rund zwei Dutzend Rennen niederschlägt, die jedes Jahr sogar die Marke von zehntausend Teilnehmer überbieten können - in der Regel Läufe und Städte, von denen man hierzulande noch nie etwas gehört hat.

Fast alle diese Veranstaltungen sind vollkommen aus- und häufig auch mit einem Mehrfachen der zur Verfügung stehenden Startplätze überbucht. Bei vielen werden die begehrten Nummern deshalb im Vorfeld einfach verlost. Alleine für den Tokyo Marathon wurden zuletzt vierhunderttausend Anmeldungen für die vierzigtausend vorhandenen Plätze kolportiert. Nur um die Dimensionen richtig einschätzen zu können, alle deutschen Marathons zusammen kommen gerade mal auf etwas mehr als einhunderttausend Zieleinläufe.

Langzeitentwicklung der Marathons von 2005 bis 2018

Marktbeherrschend ist Berlin, das die Rubrik 20.000 und mehr ganz alleine belegt und seinen Einfluss erkennbar ausgebaut hat. Einigermaßen stabil zeigt sich der Kasten 10.000 bis 20.000 dahinter, doch weggebrochen sind in Gänze alle Marathons mit 5.000 bis 10.000 Finisher. Der dadurch enstandende gelbe Balken für Marathons mit 4000 bis 5000 Finisher tröstet nicht. Arg gestaucht hat es zudem die Gruppierungen dahinter: 2.000 bis 4.000 Finisher sowie 1.000 bis 2.000 Finisher. Die hellblaue Gruppierung 500 bis 1.000 Finisher speist den Zuwachs mit Absteigern und ist nicht durch Newcomer zunehmend.

Man muss allerdings überhaupt nicht so weit gehen, um zu erkennen, dass die heimische Szene irgendwie ein wenig den Anschluss verloren hat und sich seit längerem genau entgegengesetzt zum fast weltweit zu beobachtenden Expansionstrend entwickelt. So sind Frankreich und Großbritannien - beide übrigens mit rund fünfzehn Millionen Einwohnern weniger ausgestattet - hinsichtlich der Gesamtzahl an Marathon-Zieleinläufen seit einigen Jahren an Deutschland vorbei gezogen.

Ohne allzu großes Suchen lassen sich im Königreich auch knapp doppelt so viele Veranstaltungen über der Tausendermarke finden wie hierzulande. In Frankreich kommt man bei der gleichen Zählung erst jenseits der zwanzig zum Halten. Selbst Italien, das angesichts der Gesamtzahlen noch etwas hinterher hinkt, ist diesbezüglich in der Breite deutlich besser aufgestellt.

Den Italienern fehlt für eine höhere Summe allerdings auch der absolute Mega-Lauf, den die anderen drei Länder mit Berlin, London und Paris zu bieten haben. Denn der dortige Platzhirsch aus Rom bleibt in der Regel meist irgendwo zwischen zwölf- und fünfzehntausend Startern hängen.

Die britischen und französischen Strukturen sind dagegen mit den deutschen beinahe vergleichbar. Insbesondere auf der Insel, wo sich hinter London mit Manchester und Brighton zwei Veranstaltungen mit etwa zehntausend Teilnehmern finden, entdeckt man fast ein Spiegelbild des heimischen Marktes mit dem seit einem Jahrzehnt unveränderten Führungstrio aus Berlin, Frankfurt und Hamburg. Nur dass es dort in der zweiten und dritten Reihe weit mehr entsprechend große Marathons gibt als hierzulande.

Womit man dann auch gleich beim zweiten großen Problem der deutschen Szene angekommen ist. Denn die Berliner Dominanz ist auch 2018 wieder ein bisschen gewachsen. Erstmals konnte man an der Spree mehr als vierzigtausend Zieleinläufe registrieren und die Zahlen aus dem Vorjahr noch einmal um fast siebzehnhundert Teilnehmer übertreffen. Inzwischen überqueren also vier von zehn aller Marathonis in Deutschland die Linie am Brandenburger Tor.

Ähnlich erschreckend ist, dass alle anderen acht deutschen Veranstaltungen mit vier- oder fünfstelligen Teilnehmerzahlen zusammen nicht an den Berliner Wert heran kommen können. Man muss noch zwei weitere, diesmal an der Tausendermarke gescheiterte Marathons hinzunehmen, um diese Zahl dann endlich übertreffen zu können. Würde man die Marathonszene wirklich als einen Markt ansehen, hätte angesichts solcher Relationen eigentlich längst das Bundeskartellamt eingreifen müssen.

Auch hier lohnt ein kleiner Blick zurück in die Vergangenheit. Denn für das Jahr 2005, bis zu dem die LaufReport-Datensammlung inzwischen zurückreichen, war der Anteil der Hauptstadt gerade einmal halb so hoch. Und alleine beim Hamburg Marathon kam man auf beinahe zwei Drittel der Feldgröße der Hauptstadt. Heute ist es dagegen gerade noch ein Viertel.

Fast muss man den Berlinern dafür dankbar sein, dass sie ihre Teilnahmerzahlen weiterhin gedeckelt haben, selbst wenn man die Obergrenze in den letzten Jahren langsam, aber kontinuierlich angehoben hat. Im Gegensatz zu fast allen anderen Rennen kann man sich an der Spree die Feldgröße selbst aussuchen. Ginge es nach dem reinen Interesse der startwilligen Läufer würde die Übermacht wohl noch extremer ausfallen.

Längst ist der Kontakt zum Rest des Landes vollkommen verloren gegangen. Und eigentlich richten sich die Blicke der Macher in Berlin ohnehin eher auf das internationale als das heimische Publikum. Denn nicht einmal bei der Hälfte aller Anmeldungen wird noch das Länderkürzel "GER" hinter dem Namen vermerkt. Vielmehr reist die Mehrheit der Teilnehmer inzwischen aus dem Ausland an.

Auch wenn man natürlich die ihrerseits irgendwo in der weiten Welt startenden Deutschen dagegen rechnen muss, ist dieser Anteil ein weiteres Signal für die zunehmende Schwäche der nationalen Marathonbewegung. Denn die Zahl der Einheimischen hat sich in Berlin gegenüber vor zehn oder fünfzehn Jahren veröffentlichten Statistiken kaum noch verändert. Die Zuwächse wurden praktisch nur jenseits der deutschen Grenzen generiert.

Und dass man zahlungskräftige Lauftouristen vorziehen und dafür den nationalen Markt bewusst vernachlässigen würde, lässt sich angesichts der vorliegenden Daten nicht im Geringsten belegen. Schließlich müsste dann zumindest ein Teil der in Berlin nicht zum Zug gekommenen Sportler bei anderen Veranstaltungen des gerade im September und Oktober gut gefüllten Kalenders auftauchen. Das tun sie aber nicht.

Langzeitentwicklung der Marathons zwischen 4.000 bis 40.000 Finisher 2018

Hamburg und Frankfurt haben laut den in den Ergebnislisten zu entdeckenden Daten inzwischen ebenfalls einen Ausländeranteil von etwa einem Viertel. Dafür dass dieser am Main sogar noch etwas höher liegt als an Elbe und Alster gibt es mit dem größten deutschen Flughafen, von dem man innerhalb von zwei bis drei Stunden praktisch jede größere europäische Stadt direkt erreichen kann, und dem verglichen mit dem Hamburger-April-Termin nicht ganz so umkämpften letzten Oktober-Sonntag wohl mindestens zwei gute Gründe.

In diesem Jahr hatten die Hessen im direkten Vergleich mal wieder die Nase vorne. Und das, obwohl sie gegenüber dem Vorjahr über fünfhundert Zieleinläufe weniger registrierten. Der über alle Medien verkündete neue Teilnehmerrekord schlägt sich in den Ergebnissen der Hauptdistanz also nicht nieder und lässt sich - selbst unter Berücksichtigung der keineswegs optimalen Wetterbedingungen - wohl eher mit einem Zuwachs bei den Staffeln und Schülerläufen erklären.

Den Sponsoren dürfte es wohl ziemlich egal sein, welche Strecke die von ihnen mit Werbegeschenken beglückten Läufer zurücklegen. Doch es bleibt trotzdem festzuhalten, dass die Zahl der in der Festhalle ankommenden Marathonis nicht mehr so niedrig war, seit man in Jahr 2011 die Marke von zehntausend Teilnehmern erstmals durchbrochen hatte.

Während die Frankfurter bis zur Grenze zwischen Vier- und Fünfstelligkeit noch mehr als sechshundert Läufer Luft hatten, konnte man sich in Hamburg gerade noch hauchdünn über diese Hürde mogeln. Fast zweitausend Sportler weniger als 2017 bewältigten in diesem Jahr die zweiundvierzig Kilometer durch die Hansestadt. Das ist selbstverständlich der größte absolute Verlust und mit einem Minus von sechzehn Prozent auch in relativen Zahlen ein heftiger Rückschlag.

Ein wenig könnte man bei LaufReport nun in Triumphgeheul ausbrechen. Denn genau diese Entwicklung war in der letzten Saisonnachbetrachtung wegen der von den Organisatoren angekündigten Einführung eines Halbmarathons über die zentralen Teilstücke der Strecke vorhergesagt worden.

Es überwiegt allerdings doch eher die Traurigkeit über den langsamen Niedergang eines Laufes, der um die Jahrtausendwende stets zu den zehn bis zwölf größten Marathons der Welt gehörte und mit einer attraktiven Stadt, einem abwechslungsreichen Kurs, einem begeisterungsfähigen Publikum und einer guten Logistik auch weiterhin eigentlich alles mitbringt, um erfolgreich zu sein.

Dass es die Kölner Konkurrenz im Laufe der Jahre noch viel heftiger gebeutelt hat, dürfte für die Hanseaten da eher ein schwacher Trost sein. Trotz leichter Zuwächse dümpelt der Marathon durch die Domstadt nämlich nur noch bei einem guten Drittel seiner einstigen Teilnehmerzahlen herum und kommt erneut nicht über die Fünftausendermarke.

Doch ist gerade die Karnevalshochburg eben auch ein Paradebeispiel dafür, wie man bei einer Veranstaltung mit eigentlich zur Belebung eingeführten Nebenwettbewerben den vermeintlichen Hauptlauf nur noch weiter schwächen kann. Denn längst ist dort der Halbmarathon das wichtigere Rennen, mehr als doppelt so stark besetzt wie der Marathon und damit auf dieser Distanz die Nummer zwei in Deutschland.

Für die ebenfalls um zweihundert Läufer leicht wachsenden Bayern aus München blieb 2018 erneut Rang fünf. Eine Überraschung ist das alles nicht. Denn genauso lange wie Hamburg und Frankfurt auf Platz zwei und drei haben sich die Marathons von Köln und München auf den beiden Rängen dahinter festgesetzt. Selbst wenn man dabei untereinander gelegentlich einmal die Position tauscht, ist die Hackordnung insgesamt extrem fest gefügt.

In Anlehnung an den bei Safaris in Afrika gebräuchlichen Begriff für Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard könnte man also auch hier fast schon von den "Big Five" sprechen. Und auch auf den vier Plätzen dahinter, auf denen sich der Rennsteiglauf, Düsseldorf, Hannover und Münster tummeln, tut sich eher wenig. Man muss schon das Jahr 2009 hervor holen, um einmal einen anderen Marathon zu finden, der in diese Regionen vorstoßen konnte. Es war damals übrigens das inzwischen auf Platz vierzehn zurück gefallene Mainz.

Langzeitentwicklung der Marathons zwischen 1.000 bis 3.500 Finisher 2018

Fast immer landet der - inzwischen tatsächlich auf die ominösen 42,195 Kilometer vermessene und nicht mehr leicht überlange - Rennsteigmarathon dabei auf Position sechs. Und meist absolvieren mehr als dreitausend Läufer die Strecke über den berühmten Kammweg zwischen Neuhaus und Schmiedefeld. Zwar hat man 2018 einige Dutzend Teilnehmer verloren, doch sind die Schwankungen über die Jahre praktisch nirgendwo geringer als bei der Thüringer Traditionsveranstaltung, die sich als einziger Landschaftslauf konstant im Vorderfeld behauptet.

Dass der Marathon auf dem Rennsteig eigentlich nur die "Nebenstrecke" ist und die wichtigsten Siege des Tages beim dreiundsiebzig Kilometer langen Ultra ausgekämpft werden, der aus genau entgegengesetzter Richtung von Eisenach nach Schmiedefeld führt und seinerseits jedes Jahr auch rund zweitausend Starter zählt, macht diesen Marathon ebenfalls zu einem Exoten in der Spitzengruppe.

Dahinter halten Düsseldorf, Hannover und Münster genauso ihre Positionen. Alle drei verzeichnen zudem einen leichten Zuwachs, der zwar mit mittleren einstelligen Prozenten überall in eher homöopathischer Dosis ausfällt, aber in einem weiterhin schwächelnden Umfeld durchaus schon einen gewissen Erfolg darstellt.

In Niedersachsen springt man dabei sogar erstmals in diesem Jahrtausend auf knapp über zweitausend Teilnehmer - höhere Werte hatte man an der Leine zuletzt in den Neunzigern des zwanzigsten Jahrhunderts verzeichnen können. Hannover ist neben Berlin und Frankfurt allerdings auch der einzige Marathon, bei dem sich seit der ersten LaufReport-Datenerhebung ein klarer Aufwärtstrend verzeichnen lässt.

Ob die Zahlen auch im nächsten Jahr wieder schwarz sind, wird man abwarten müssen. Zumindest im Falle von Düsseldorf darf man aber durchaus Bedenken anmelden. Denn die neue Organisationsmannschaft um die frühere Spitzenathletin Sonja Oberem plant für 2019 ebenfalls die zusätzliche Einführung eines Halbmarathons, also genau jener Distanz, die schon so bei vielen anderen Veranstaltungen dem Hauptereignis das Wasser abgegraben hat.

Absolut

Zur besseren Übersichtlichkeit sind nur die 21 Marathons grafisch aufgeführt, die aus den Marathons ab 300 Finisher eine signifikante Änderung aufweisen. Auf der Plusseite alle mit einem Zuwachs ab 54 Finisher. Auf der Minusseite alle ab 85 Finisher weniger im Ziel.

In der Grafik fehlen somit: Kevelaer (+28), Füssen (+26), Kassel (+22), Leipzig (+7), Flensburg (+6), Bad Füssing (+6), Duisburg (+5), Rursee (-4), Lübeck (-5), Allgäu Panorama (-23), Regensburg (-27), Monschau (-48), Bremen (-49), Heilbronn (-54), Freiburg (-57), Würzburg (-58), Rennsteig (-63), Kandel (-67), Essen (-76).

Marathons, die 2017 nicht stattfanden (Marathon Deutsche Weinstraße und Oldenburg), wurden mit dem Vorvorjahr verglichen.

Halten sich in den oberen Rängen trotz des einen oder anderen sichtbaren Ausschlags die Gewinne und Verluste weitgehend die Waage, wird die Bilanz im folgenden Block bis zur Fünfhundert-Läufer-Grenze meist deutlich roter. Einzig Karlsruhe und Ulm können ihre Teilnehmerzahlen in spürbarer Größenordnung steigern. Was sich als relatives Wachstum allerdings durchaus bemerkenswert darstellt, sind eigentlich nicht mehr Marathonis als in Berlin während der Stoßzeit innerhalb weniger Sekunden die Ziellinie überqueren.

Zwar sind die Verluste der meisten anderen Marathons in absoluten Zahlen auch nicht wirklich höher. Den heftigsten Rückschlag gibt es mit knapp dreihundert Läufern weniger noch beim Dresdner Oberelbe-Marathon, der dadurch genau wie die lokale Konkurrenz vom Stadtmarathon im Oktober unter die Tausendermarke rutscht. Doch da der Trend bei vielen Veranstaltungen aus dieser Kategorie schon jahrelang nach unten zeigt, wird mancherorts die Luft langsam wirklich dünn.

So manch traditionsbewussterem Sportler dürfte in der Seele wehtun, dass darunter auch etliche Läufe mit einer ziemlich langen Geschichte zu finden sind. So kommt der älteste noch existierende deutsche Marathon am Essener Baldeneysee bei seiner sechsundfünfzigsten Auflage nur noch auf wenig mehr als fünfhundert Teilnehmer. Vor gerade einmal einem Jahrzehnt waren es noch dreimal so viele.

Der fast noch bekanntere Schwarzwald-Marathon in Bräunlingen ist nach der kurzen Erholung zum fünfzigsten Jubiläum im letzten Jahr wieder spürbar zurückgefallen. Wirklich überraschend ist dies natürlich nicht. Nach einem runden Geburtstag sinken die Werte beinahe immer. Doch statt bei über zweitausend Läufern, mit denen man in den Siebzigern einmal der größte Marathon weltweit war, bewegt man sich nun bei drei- bis vierhundert Startern.

In Bühlertal auf der gegenüberliegenden Seite des Schwarzwaldes beim Hornisgrinde Marathon, der fast genauso alt ist und in jenen Jahren immerhin die damals ziemlich beachtliche Zahl von fast tausend Teilnehmern anlocken konnte, kämpft man inzwischen sogar darum überhaupt noch hundert Startwillige zusammen zu bekommen. Damit wären die Badener eigentlich längst aus der für die LaufReport-Analyse betrachteten Größenordnung heraus gefallen. Es sind eher nostalgische Gründe, dass ihr Wert weiterhin jedes Jahr erfasst wird.

Auch der Landschaftsmarathon in Monschau hat schon mehr als vier Jahrzehnte auf dem Buckel und ist von vierstelligen Werten, die man um die Jahrtausendwende stets locker erreichen konnte, mit nur noch vierhundert Marathonis weit entfernt. Dass man auf dem inzwischen zusätzlich angebotenen Ultra weitere zweihundert Läufer begrüßen konnte, wiegt den Rückgang bei weitem nicht auf.

Kaum anders als im nahegelegenen Essen sieht es in Duisburg bei einem der allerersten Stadtmarathons in Deutschland aus. Sechshundert Läufer statt mehr als zweitausend wie in den besten Zeiten der Veranstaltung stehen nun zu Buche. Der kaum jüngere Karlsruhe Marathon zeigt im laufenden Jahr nach längerer Durststrecke immerhin wieder einen gewissen. Aufwärtstrend. Doch auch hier fehlen mehr als fünfzig Prozent des Feldes früherer Jahre.

Ein wirkliches Muster lässt sich in dieser Aufzählung nicht erkennen. Denn egal ob Stadt- oder Naturlauf, alle mussten im Laufe der letzten Jahre ziemlich Federn lassen. Und um gleich dem Eindruck vorzubeugen, es würden nur die "Alten" gebeutelt, weil sie vielleicht irgendwo den Anschluss an einen Trend verpasst hätten, so manchen mit viel Tamtam und Trara gestarteten Neueinsteiger aus der Boom-Periode zu Anfang des Jahrtausends hat es in der gleichen Zeit noch viel heftiger zerlegt.

Anschaulich macht das unter anderem der Ruhrmarathon, der in seiner ziemlich kurzen Blütezeit auf den beiden unterschiedlichen angebotenen Marathonstrecken zusammen ebenfalls beinahe zehntausend Laufwillige anlockte und schon wenige Jahre später - auch mangels Masse - bereits wieder von der Bildfläche verschwunden war. Sein Nachfolger in Gelsenkirchen quält sich mit sechshundert Marathonis in Größenordnungen herum, die man nebenan mit deutlich weniger Organisations- und Absperraufwand auch am Baldeneysee zusammen bekommt.

Was machen die europäischen Nachbarn also besser, dass praktisch überall die Zahlen von Teilnehmern und Veranstaltungen nach oben gehen, während hierzulande nun schon seit mehr als einer Dekade der Trend in die entgegengesetzte Richtung zeigt. Nun kann man sicher darüber philosophieren, dass Deutschland zuvor ja viele Jahre lang Vorreiter gewesen wäre und es nun bei den anderen einfach einen Nachholeffekt gäbe.

Doch eine so lange Durststrecke, wie man sie hierzulande beobachten kann, passt nur bedingt zu dieser Argumentation. Auch in den USA - einem anderen, wohl noch wichtigeren Pionier der weltweiten Laufbewegung - schimmerten die Teilnehmerbilanzen schon gelegentlich einmal leicht rötlich. Doch lange angehalten hat das nie. Und am Ende einer leichten Delle ging es dann nur noch heftiger hinauf.

Relativ

Zur besseren Übersichtlichkeit sind nur die 25 Marathons grafisch aufgeführt, die aus den Marathons ab 300 Finisher eine signifikante Änderung aufweisen. Auf der Plusseite alle mit einem Zuwachs ab 41,76 Prozent. Auf der Minusseite alle ab 7,66 Prozent weniger im Ziel.

In der Grafik fehlen somit: Düsseldorf (+4,88%), München (+4,65%), Berlin (+4,31%), Hannover (+2,75%), Bad Füssing (+2,01%), Flensburg (+1,87%), Leipzig (+1,18%), Duisburg (+0,84%), Rursee (-1,23%), Lübeck (-1,37%), Rennsteig (-1,95%), Frankfurt (-4,72%), Bremen (-5,13%), Regensburg (-5,91%), Allgäu Panorama (-6,07%).

Marathons, die 2017 nicht stattfanden (Marathon Deutsche Weinstraße und Oldenburg), wurden mit dem Vorvorjahr verglichen.

Weit mehr als eine halbe Million Menschen laufen in den Vereinigten Staaten pro Jahr über eine Marathonziellinie, was neben dem in ähnliche Regionen vorstoßenden und tatsächlich ein wenig einen Sonderfall darstellenden Japan, natürlich den höchste Wert darstellt. Und schon der Blick auf die amerikanische Geographie zeigt, dass dieses Ergebnis zu einem extrem hohen Prozentsatz auf einheimische Läufer zurückgehen dürfte.

Hat hierzulande vielleicht tatsächlich nur eine simple Fernsehsendung wie "von 0 auf 42" die Begeisterung für Marathon in unvorhersehbare Höhen gejagt, ohne dabei ein richtig stabiles Fundament für die Folgezeit zu legen? Denn selbst wenn viele Hunderttausende oder gar Millionen zur Erhaltung der eigenen Fitness gelegentlich einmal eine Runde in Laufschuhen drehen. Wer unter ihnen interessiert sich wirklich für diesen Sport?

Dass man beim Durchschalten der Programme im Fernsehen auf einen in voller Länge direkt übertragenen Crosslauf stoßen könnte, wie es auf der iberischen Halbinsel, in Frankreich oder Großbritannien durchaus schon einmal - wenn auch natürlich nur auf einem Spartenkanal - vorkommt, ist hierzulande längst unvorstellbar.

Und wenn auf den Sportsendern tatsächlich einmal Höhepunkte wie die Marathons von New York oder London übertragen werden, hat man oft eher das Gefühl, dies geschehe nur, weil die Planer bei der Zusammenstellung ihrer Termine gerade kein passendes Billard- oder Poker-Turnier gefunden haben.

Den Veranstaltern alleine die Verantwortung in die Schuhe zu schieben, geht jedenfalls am Kern des Problems vorbei. Der eine oder andere hat zwar tatsächlich Entscheidungen getroffen, die im Rückblick wenig glücklich erscheinen. Aber die meisten von ihnen zappeln sich wirklich ab, um ihren Lauf irgendwie wieder aus dem Abwärtsstrudel heraus zu bekommen.

Ein Leichtathletik-Verband, der erst auf die Marathonszene aufmerksam wurde, als jemand feststellte, dass dort gutes Geld zu verdienen ist, stellt ebenfalls keine wirkliche Hilfe dar. Auch weiterhin findet der Großteil der Funktionäre keinen echten Draht zum Sport außerhalb des Stadions. Und andererseits haben sich die Läufer längst weitgehend vom DLV und seinen Strukturen gelöst. Nur die wenigsten trainieren ohnehin noch gemeinsam in Vereinen oder Lauftreffs.

Selbst wenn man auch in der europäischen Nachbarschaft eine ähnliche Tendenz beobachten kann, ist diese deutlich abgeschwächter. Auch in den hinteren Reihen der Starterfelder lassen sich dort noch zuhauf Vereinstrikots entdecken. Auch bei den großen Marathons hierzulande sieht man ab und zu größere Gruppen in einheitlichen Trainingsanzügen. Die wenigsten von ihnen stammen aber aus Deutschland. Man spricht Italienisch, Französisch, Spanisch oder Englisch.

Wie es auch gehen kann zeigt der Blick nach Südafrika, wo richtig große Laufclubs locker mehrere hundert oder auch schon einmal über tausend aktive Mitglieder haben können. Dort fahren dann auch gerne einmal drei, vier oder fünf vollbesetzte Busse von einem einzigen Verein zum Comrades oder Two Oceans Marathon. Die räumliche und lange Zeit auch politische Abgeschiedenheit des Landes am Kap der Guten Hoffnung hat zu einer vollkommen verschieden aufgebauten Laufszene geführt.

Allerdings hat man diese beim dortigen Verband auch frühzeitig integriert und gefördert, während die Veranstalter hierzulande über Jahrzehnte eher noch Steine in den Weg gelegt bekamen. Als Ergebnis regt sich in Südafrika zum Beispiel niemand darüber auf, dass Einheimische bei den großen Ultra-Läufen nur als Vereinsmitglied und dazu noch sogar einzig und allein im passenden Trikot starten dürfen. Ganz im Gegenteil, praktisch jeder trägt die Farben der eigenen Gemeinschaft mit großem Stolz.

Dafür ist es jetzt in Deutschland natürlich zu spät. Die Strukturen haben sich längst in eine andere Richtung entwickelt und lassen sich nun wohl nicht mehr einfangen. Doch trifft diese Individualisierung, bei der sich keiner mehr irgendwo an einen Verein binden will, keineswegs nur den Laufsport. Fast alle anderen Sportarten - zumindest die traditionellen - sind ebenfalls betroffen.

Konnte früher jede Ortschaft neben mindestens einer Fußballmannschaft auch noch Handball-, Volleyball- oder Tischtennisteams stellen, deren Derbys mit den Nachbardörfern stets für vollbesetzte Ränge sorgten, müssen heutzutage gleich mehrere genau dieser Vereine zusammenfinden, um überhaupt noch eine einzige spielfähige Truppe auf die Beine stellen zu können.

Im Laufsport lässt sich der Nachwuchsmangel zudem problemlos aus den Ergebnislisten ablesen. Keineswegs unüblich ist es schließlich, dass dort die fünf Jahrgänge in den Alterskategorien 40, 45 oder 50 jeweils ungefähr doppelt so große Anteile zum Gesamtfeld beisteuern wie die zehn oder zwölf Jahrgänge umfassenden Hauptklassen. Und gerade bei kleinen bis mittelgroßen Läufen sind oft mehr Teilnehmer in ihren Sechzigern als in den Zwanzigern.

Daran dass bei den vielen Volksläufen vorne die Vierzig- und Fünfzigjährigen um die Gesamtsiege kämpfen, während man die Hauptklassensieger manchmal erst auf dem zweiten oder dritten Blatt der Resultate findet, hat man sich zwar gewöhnt. Wirklich normal ist es aber bei nüchterner Betrachtung irgendwie nicht. Denn mit der Gliederung in Altersklassen sollten doch eigentlich die Alten vor den - zumindest den auf dem Papier - deutlich leistungsstärkeren Jungen geschützt werden und nicht umgekehrt.

Natürlich lässt sich nicht jedes im Ausland erfolgreiche Konzept so einfach auf deutsche Veranstaltungen übertragen. Die meist eher an einen schnelleren Fastnachtsumzug erinnernden Weinläufe, die es inspiriert vom Médoc Marathon inzwischen in beinahe jedem französischen Anbaugebiet gibt, haben anderswo wohl kaum eine Chance. Trotz ähnlichem Terrain haben die Rennen in Heilbronn und an der Weinstraße dann auch einen völlig anderen Charakter.

Und genauso fremd wirkt es hierzulande auch, dass im angelsächsischen Sprachraum viele Tausende einen Marathon hauptsächlich deshalb absolvieren, um damit Geld für Wohltätigkeitsorganisationen zu sammeln, die ihrerseits daraus ein regelrechtes Geschäftsmodell gemacht haben. Man tritt dann eben für die Krebs-, Alzheimer- oder Diabetes-Forschung, für mehr Blindenhunde oder Seenotrettungsboote an.

Als sogenannter "Charity-Runner" kann man dafür im Gegenzug meist auf ein eigenes Startplatzkontingent abseits des allgemeinen Anmeldeverfahrens zugreifen. In Berlin gibt es so etwas inzwischen ebenfalls. Doch geht es dabei keineswegs um den heimischen sondern hauptsächlich um den britischen und nordamerikanischen Markt. Diese Beispiele zeigen sehr schön, dass es selbstverständlich erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Laufszenen gibt.

Doch damit ist immer noch nicht geklärt, was die heimische so speziell macht, dass sie sich genau entgegen zu einen praktisch weltweiten Trend entwickelt - und insbesondere, wie man endlich eine Schubumkehr erreichen kann. Noch haben wir auch in Deutschland eine beachtliche Auswahl an Marathon-Veranstaltungen. Und es ist zu hoffen, dass dies auch in der Zukunft so bleibt.

Text: Ralf Klink   

Statistiken & Auswertungen von Ralf Klink
Grafiken/Foto Constanze Wagner
Die deutsche Marathonszene wird seit 2006 mit Akribie ausgewertet. Siehe Inhaltsverzeichnis unter Vermischtes im LaufReport HIER
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