Die deutsche Marathonszene im Jahr 2006

Am Ende des Booms ?

von Ralf Klink - 24.11.2006

„Neuer Teilnehmerrekord“, „So viele Läufer wie noch nie“, „Sensationeller Einstieg“ – es ist gerade einmal ein bis zwei Jahre her, als praktisch jeder deutsche Marathon, egal ob schon länger im Geschäft oder gerade erst neu angetreten, für solche Schlagzeilen sorgt. Die Szene boomt, die Zahl der Starter wächst und wächst. Ständig kommen neue Veranstaltungen hinzu. Und wenn auch nicht alle Träume der Organisatoren sofort in Erfüllung gehen, kaum einer von ihnen erleidet wirklich Schiffbruch.

Marathon ist nach vielen Jahren, in denen sich trainierende Läufer an spöttische Zurufe wie „hopp, hopp“ oder „eins, zwei, eins, zwei“ längst gewöhnt hatten, auf einmal salonfähig geworden. Wer etwas auf sich hält und meint auch nur halbwegs sportlich zu sein, muss einmal die legendäre krumme Kilometerzahl absolviert haben. Und Aktionen wie „Von 0 auf 42“ sorgen dafür, dass der Nachschub an Laufwilligen erst einmal nicht ausgeht.

Warnungen, es könne doch nicht beliebig lange so weiter gehen, werden nach Jahren des ununterbrochenen Wachstums eher belächelt als ernst genommen. Ein nüchterner Blick auf die Ergebnislisten des Jahres 2006 zeigt jedoch, dass die Zeiten der Goldgräberstimmung wohl fürs Erste vorbei sein dürften. Stagnation und Rückschritt prägen die nackten Zahlen, auch wenn der gutgläubigen Presse von Veranstalterseite gerne etwas anderes verkauft wird.

Doch die Medien sind ja durchaus auch an großen Werten interessiert, um Schlagzeilen wie „x-tausend liefen beim Marathon durch die Stadt“ anbringen zu können. Bei genauerer Betrachtung kommt dann manchmal heraus, dass vielleicht gerade einmal zwanzig Prozent der Genannten wirklich über die volle Distanz von 42,195 Kilometern gegangen sind und der Rest sich auf irgendwelche Nebenstrecken verteilt.

Wenn man dann noch mit nicht wirklich nachprüfbaren Melde- anstelle der Einlaufzahlen agiert, wird die Sache noch obskurer. Statt der früher kalkulierten zehn Prozent kommt dann gerne schon einmal ein Drittel der angeblichen Teilnehmer nicht ins Ziel. Werte, die oft mit dem oft schon Monate vorher liegenden Meldeschluss oder der gestiegenen Vernunft, bei Krankheit oder Verletzung nicht anzutreten, begründet werden. Bösartig könnte man, falls die hohe Ausstiegs- und Nichtantrittsquote tatsächlich zutrifft, eventuell aber auch von immer schlechterer Form und Vorbereitung der Marathonaspiranten sprechen.

Für die folgende genauere Analyse der Zahlen des Jahres 2006 werden nur die in den Ergebnislisten aufgeführten Zieleinläufe zugrunde gelegt. Hauptsächlich geht es dabei auch um die praktisch stets namensgebende 42 Kilometer lange Hauptstrecke, selbst wenn in den seltensten Fällen noch ein reiner Marathon ohne Rahmenprogramm angeboten wird. Und da gibt es unter den inzwischen zwei bis drei Dutzend zumindest mittelgroßen deutschen Veranstaltungen kaum eine, die wirklich zugelegt hat.

Zwar stehen bis zum Jahresende noch einige Rennen aus. Doch mit dem Frankfurter Marathon ist der Reigen der größeren Cityläufe traditionell abgeschlossen. Eindeutige Entwicklungen im Jahr 2006 lassen sich auch anhand der bis Mitte November vorliegenden Ergebnisse schon längst erkennen. Die wenigen noch kommenden Veranstaltungen werden daran auch nichts mehr ändern.

Ob die Gesamtzahl der Marathonläufer zurück gegangen ist, wie sich aus den Werten durchaus folgern ließe, ist natürlich aufgrund von Mehrfachstarts nur schwer zu überprüfen. Wahrscheinlich ist es allerdings schon, dass viele, die in den letzten Jahren mit irgendwelchen Programmen zu „ihrem“ Marathon geführt wurden, nach dieser „Einmal-im-Leben-Aktion“ die sportlichen Aktivitäten wieder eingeschränkt oder gar eingestellt haben. Nur ein eher geringer Prozentsatz aus diesem Kreis kommt jedenfalls wirklich in der Laufszene an.

Die Anzahl der Zieleinläufe über die Marathondistanz ist deutschlandweit definitiv rückläufig. Denn nicht nur, dass praktisch alle Veranstaltungen Verluste verbuchen müssen. Mit dem Ruhr-Marathon und dem Lauf in Nürnberg sind zum Beispiel ein großer und ein mittelgroßer aufgrund fehlender Sponsoren völlig ausgefallen. Dazu fehlen auch noch die Marathonis des im Gewittersturm direkt vor dem Start abgesetzten Rennens von Mannheim. Zumindest im Ruhrgebiet und in der Kurpfalz will man aber 2007 wieder antreten.

Alleine dadurch tauchen über zehntausend Namen und Zeiten weniger in den Listen auf. Noch einmal so hoch ist der Schwund in der Summe der größten deutschen Veranstaltungen. Zwar müssen auch die ganz Großen der Szene dabei Einbußen hinnehmen, doch die größten Rückschläge erleiden die eher regional geprägten Läufe im Mittelfeld, bei denen die Einbußen fast überall zweistellig ausfallen. Tendenziell gilt, dass je kleiner der Marathon ist, die relativen Verluste umso höher werden.

Leichte Verschiebungen in der Größenrangfolge lassen sich so zwar entdecken. Doch an der Hackordnung hat sich eigentlich nichts geändert. Die Platzwechsel vollziehen sich im dichten Mittelfeld, wo ein- bis zweihundert Teilnehmer mehr oder weniger schon einige Positionen bedeuten können. Die Reihenfolge an der Spitze ist allerdings seit langem fest zementiert. Platz eins und zwei gehören schließlich schon fast zwei Jahrzehnte nach Berlin und Hamburg.

Der uneingeschränkte Platzhirsch aus der Hauptstadt, der sich als einziger Lauf aus dem nichtangelsächsischen Raum neben Boston, New York, London und Chicago in der neugegründeten Marathonsuperliga einfinden durfte, muss 2006 auch rund 200 Medaillen weniger ausgeben als im Vorjahr. Doch angesichts von noch immer knapp über 30.000 Läuferinnen und Läufern im Ziel – hier geistert allerdings die Zahl von angeblich 40.000 Teilnehmern durch die Presse - ist das weniger als ein Prozent und statistisch eigentlich zu vernachlässigen. Ein Rückgang ist es aber dennoch.

Viel heftiger hat es da den ewigen Kronprinzen Hamburg erwischt, dem bei 16375 Zieleinläufen mehr als eine ganze Tausendschaft verloren geht. Noch hat man damit in der Hansestadt sicher keinen Grund, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Alleine auf schlechte Witterungsbedingungen in der Vorbereitungszeit, die hier in den Pressemeldungen als Begründung dienen müssen, lassen sich solche Verluste aber wohl nur schwer schieben. Schließlich ist der Hamburger Marathon schon seit vielen Jahren auf seinem Termin Ende April. Und in der Vergangenheit gab es bereits einige strengere Winter.

Auch bei der zahlenmäßigen Nummer drei im Land aus Köln, wo man kurzzeitig einmal am Stuhl der Hamburger sägte und mit allerlei Rechentricks sogar angab, am Hanse-Marathon deutlich vorbeigezogen zu sein, geht es weiter rückwärts. Doch dort gegen den allgemeinen Trend schon etwas länger. Vor einigen Jahren konnte man am Rhein noch etliche tausend Teilnehmer mehr im Ziel begrüßen. Nach zweimaligem Terminwechsel hat man in diesem Jahr erstmals einen Halbmarathon hinzu genommen, um zumindest insgesamt wieder größere Zahlen vermelden zu können.

Die Befürchtungen, dass man sich damit den Hauptlauf kanibalisiert, treffen zumindest im ersten Jahr der Neuerung zwar nicht ein. Noch ist der Marathon die deutlich teilnehmerstärkere Distanz. Und mit einem Rückgang von etwas über vierhundert Zieleinläufen bei über zehntausend Finishern steht man im Vergleich mit der Konkurrenz sogar gar nicht so schlecht da. Ob sich das Verhältnis zwischen Halb- und Ganzmarathon allerdings auch in Zukunft so halten lassen wird, bleibt angesichts der Erfahrung anderer Veranstalter dennoch fraglich.

Als einziger Lauf der großen Fünf im Lande kann Frankfurt einen leichten Anstieg melden. Nach der Bereinigung von Disqualifikationen und nicht auslösenden Zeitmesschips konnten in der Bankenmetropole mit 8906 Marathonis immerhin 64 mehr als die 8842 des Vorjahres gezählt werden. Das fünfundzwanzigjährige Jubiläum der Veranstaltung, das vielleicht doch den einen oder anderen alten Haudegen zu einer erneuten Meldung motiviert haben dürfte, spielt dabei sicher eine Rolle.

Nicht überall ziehen aber die Sondereffekte. Normalerweise bringen deutsche Titelkämpfe für den Marathon, in den sie integriert sind, einen spürbaren Teilnehmerzuwachs. München, für die nächsten Jahre vom DLV als Meisterschaftsstandort auserkoren, muss jedoch ebenfalls deutliche Verluste verzeichnen. Absolut bewegt man sich etwas unter dem Wert des in diesem Jahr am gleichen Tag ausgetragenen Köln Marathons. Relativ fällt der Rückgang bei weniger als 7200 Läuferinnen und Läufern jedoch sogar noch ein wenig höher aus als am Rhein.

Zwischen der Spitzengruppe und dem Mittelfeld klafft dann eine deutliche Lücke. In Düsseldorf, der nächsten Veranstaltung in der Teilnehmer-Rangliste, piept die Zielmatte bei rund 3200 Marathonis nicht einmal halb so oft wie in der bayrischen Hauptstadt. Nur noch der Rennsteigmarathon kommt ebenfalls über die Dreitausender-Marke. Doch lässt sich hier sicher darüber diskutieren, ob ein 43,1 Kilometer langes Rennen überhaupt ein Marathon ist.

Sowieso ist der Rennsteiglauf in der Auflistung als reiner Landschaftslauf auf schmalen Waldwegen zwischen den ganzen Citymarathons ein absoluter Exot. Erst fünfzehn bis zwanzig Ränge später tauchen mit Monschau, dem Weiltalweg- und dem Brocken-Marathon Rennen auf, die sich eindeutig in die gleiche Kategorie einsortieren lassen. Zudem ist die eigentliche Königsdistanz am vielleicht bekanntesten deutschen Wanderweg der gut 72 Kilometer lange Ultra. Schon der „Marathon“ ist - trotz beinahe doppelt so vieler Teilnehmer - in der öffentlichen Wahrnehmung eigentlich eher eine Nebenstrecke.

Der Bereich zwischen zwei- und dreitausend Marathonis wird von Münster, Bonn, Freiburg, Duisburg und Mainz in Beschlag genommen. Hier finden sich auch zwei von vier Veranstaltungen, die wirklich messbar zugelegt haben. Selbst wenn ein Zuwachs von etwas über hundert Zieleinläufen oder umgerechnet gut fünf Prozent wie in Bonn im Vergleich zu den Riesensätzen der Vergangenheit eher vernachlässigbar erscheint. Immerhin hat man in der früheren Bundeshauptstadt im Gegensatz zur fast kompletten restlichen Konkurrenz ein leichtes Plus zu vermelden.

Den größten Sprung hat mit einem Wachstum von fast neunhundert Läuferinnen und Läufern allerdings der Traditionslauf in Duisburg gemacht. Im gleichen Jahr wie Frankfurt und Berlin als Citymarathon ins Leben gerufen, fehlen an der Ruhrmündung aufgrund einiger Absagen im dazwischen liegenden Vierteljahrhundert zwar noch zwei Austragungen zum Silberjubiläum, doch angesichts solcher Zahlen scheint die Veranstaltung fürs Erste nicht wieder in Gefahr zu geraten. Jedoch bleibt abzuwarten, ob sich mit dem erneuten Auftauchen des zeitlich und räumlich benachbarten Ruhr-Marathons, von dessen Ausfall im Jahr 2006 man in Duisburg natürlich entscheidend profitiert hatte, die Läuferströme im Ruhrgebiet nicht wieder völlig verschieben.

Während man in Münster und Freiburg jeweils rund einen halben Tausender an Marathonis verliert, ist es in Mainz sogar ein ganzer. Allerdings hat man in der Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz nach Problemen im Vorjahr auch das Teilnehmerlimit deutlich herunter gesetzt. Ausgebucht sind die Rheinhessen jedenfalls 2006 genauso wie 2005. Und für das Jahr 2007 ist ebenfalls schon längst kein Startplatz mehr frei. Gerade einmal drei Wochen hat es diesmal gedauert, bis die Meldeschalter schlossen.

Noch einmal neun weitere Marathons im Land überspringen die Marke von mindestens tausend Läuferinnen und Läufern im Ziel. Das ist aufgrund der oben genannten Ausfälle zwar weniger als im Vorjahr, aber mit über zwanzig Veranstaltungen dieser Größenordnung weist Deutschland sicher eine bemerkenswerte Dichte auf. Karlsruhe, Bremen, Essen, Dresden, Mittelrhein, Würzburg, Regensburg, Hannover und Ulm sind diese neun. Auch der zweite Marathon mit Ziel in Dresden, der Oberelbe-Marathon, überschreitet hauchdünn diese Grenze, kommt allerdings nur mit elf sondergewerteten Einsteigern, die der Gefahr der Zeitüberschreitung mit einem um 45 Minuten vorgezogenen Start entgingen, auf 1006. Und mit Monschau und dem nur im Zweijahresrhythmus ausgetragenen Rennen an der Deutschen Weinstraße kratzen zudem zwei weitere an der Tausender-Schallmauer.

Durch den Würzburger und den Dresdner Stadtmarathon gibt es auch hier zwei Veranstaltung, die jeweils über hundert Teilnehmer mehr quittieren dürfen. Doch die ganz großen Verlierer finden sich ebenfalls in dieser Gruppe. Am heftigsten hat es dabei den Mittelrhein Marathon von Oberwesel nach Koblenz erwischt. Noch im Vorjahr mit fast 3400 Marathonis im vorderen Mittelfeld platziert, stürzt man diesmal auf 1425 Finisher ab. Fast zwei Drittel weniger Läufer lassen sich auch mit den besten Rechenkunststückchen nicht mehr verbergen.

Es sind ausgerechnet die Neulinge des Jahres 2005, die bei der zweiten Austragung wirklich einbrechen. Denn auch der nach langer Pause wieder auferstandene Lauf in Bremen muss mit rund einem Drittel Schwund schmerzliche Einbußen hinnehmen. Und der Einstein-Marathon in den Schwesterstädten Ulm und Neu-Ulm, der bei der Premiere noch über 1800 Marathonmedaillen verteilte, rettet sich mit Mühe und Not gerade in den vierstelligen Bereich.

Was im ersten Moment doch erstaunt, ist so überraschend eigentlich nicht. Denn von Erstlingen werden natürlich etliche Marathonsammler angelockt, die sich im nächsten Jahr wieder zu anderen Veranstaltungen orientieren. Und viele lokale Läuferinnen und Läufer wählen beim zweiten Mal halt nicht mehr die lange Distanz, sondern weichen auf den inzwischen bei Veranstaltungen mittlerer Größenordnung fast ausnahmslos mitangebotenen Halbmarathon aus.

Jene kurzen Rennen stellen längst auch das eigentliche Rückgrat dieser „Marathons“ dar. Nahezu überall übertreffen sie die Teilnehmerzahlen der eigentlich namensgebenden Strecke um das doppelte oder dreifache. Unter den etwas größeren Rennen ist der Trollinger Marathon rund um Heilbronn besonders betroffen, wo achthundert Marathonläufern eine mehr als fünfmal so große Zahl auf der halb so langen Strecke gegenüber steht. Zusätzlich Höhenmeter zur langen Distanz vertreiben nicht nur in den württembergischen Weinbergen Teilnahmewillige aus dem Marathonlager. Einzig im schon erwähnten Köln und in Bremen kann die Langstrecke quantitativ noch die Oberhand behalten. Doch die Hansestadt hat zudem auch einen Zehner im Programm, der dann den Halbmarathon wieder schwächt.

Dabei schlägt das Pendel sogar immer stärker zu den eigentlichen als Rahmenwettbewerb dienenden Strecken aus. Fast überall verschiebt sich die Verteilung weiter zum Halbmarathon hin. Die Zahl der Veranstaltungen, die auf der Kurzdistanz zulegen, fällt jedenfalls deutlich höher aus. Selbst dort, wo es Verluste gibt, sind sie deutlich niedriger als über die 42,195 Kilometer.

Und wenn man keinen Halbmarathon im Programm hat, wird meist irgendeine Staffel zusätzlich angeboten. Frankfurt, Düsseldorf und in diesem Jahr neu auch Münster setzen auf diese Einsteigeralternative. In München darf man, während die Marathonis auf der Strecke sind, einen Zehner laufen. Nur noch bei den beiden ganz Großen in Berlin und Hamburg können Erwachsene nicht auf kürzere Strecken ausweichen. Doch wäre dort weiteres Wachstum durch neue Wettbewerbe organisatorisch auch gar nicht mehr zu bewältigen.

Der „reine Marathon“ vergangener Tage lässt sich ansonsten nur noch bei einigen Traditionsrennen wie Monschau oder Steinfurt finden. Aber andere dieser Urgesteine, die noch vor einem guten Jahrzehnt in die Top Ten vorstießen, sich durch das Auftauchen ständig neuer Cityläufe im neuen Jahrtausend inzwischen jedoch in der Nähe von Rang dreißig einsortieren, wie der Kandeler Bienwald-Marathon oder der Bräunlinger Schwarzwald-Marathon, mussten zur Absicherung der Finanzierung ihr Programm auch bereits um die Halbdistanz erweitern. Gerade diese kleineren, meist noch in alter Form von Vereinen organisierten Veranstaltungen haben schließlich schon seit Jahren ihren Kampf gegen den immer stärker werdenden Druck der von Agenturen professionell aufgezogenen Laufevents.

Eine immer stärkere Aufweichung und Verwässerung lässt sich jedenfalls kaum übersehen. Marathon bedeutet eben nicht mehr nur 42,195 Kilometer. Unter diesem Begriff findet man längst meist ein ganzes Sammelsurium verschiedener Rennen, bei dem die lange Distanz zwar den Namen liefert und damit Sponsoren und Zuschauer anlockt, ansonsten aber bei weitem nicht mehr die Haupt- sondern eher eine Nebenrolle spielt.

Obwohl der Markt gesättigt scheint, drängen neue Anbieter ins Geschäft. Für das nächste Jahr haben zum Beispiel das saarländische St. Wendel und Kassel Premieren angekündigt. Und in den Terminlisten von 2006 tauchen gleich zwei Hände voll Marathons mit dem Vermerk „erster“ auf. Doch nach den vielen erfolgreichen Neueinsteigern in den vergangenen Jahren hat diesmal keiner wirklich eingeschlagen.

Am besten kommt man mit etwa sechshundert Marathonis noch in Saarbrücken weg, wo eine weitere Landeshauptstadt nun ihren eigenen Citymarathon erhalten hat. Mit Stuttgart, Erfurt und Schwerin fehlen nun nur noch drei, wenn man den Ausflug, den der Mainzer Marathon auf Wiesbadener Territorium macht, berücksichtigt.

Der Darß-Marathon in Mecklenburg landet als einziger weiterer Erstling noch jenseits der fünfhundert Teilnehmer. Wobei es an der Ostsee vielleicht sogar noch ein paar Läufer mehr sein könnten, hätte man nicht aufgrund von Naturschutzauflagen die Meldeliste frühzeitig schließen müssen. Alle anderen bleiben im Zwei- oder Dreihunderter-Bereich hängen und müssen sich beim Blick auf die letztjährigen Neulinge nächstes Mal vielleicht sogar mit noch niedrigeren Zahlen abfinden.

Einen Aspekt gibt es jedoch, bei dem fast jeder der deutschen Marathons einen Zuwachs vermelden kann – der Frauenanteil. Nahezu überall gibt es ein Plus von einem halben bis ganzen Prozent. Es sind die Männer, die den Marathons fehlen. Denn bei weitem nicht alle Veranstaltungen mit Teilnehmerrückgang haben weniger Frauen im Ziel als ein Jahr zuvor.

Interessant ist hierbei, dass es ausgerechnet die Großveranstaltungen sind, die Läuferinnen anlocken. In Berlin gehen in diesem Jahr mehr als ein Fünftel aller im Ziel registrierten Zeiten auf das Konto von Frauen. Und in Hamburg, Köln und München bleibt man nur ein paar Zehntel darunter. Im Mittelfeld landet man dagegen eher im Bereich von fünfzehn Prozent. Tendenziell gilt auch hier: Je kleiner der Marathon ist, umso geringer fällt die Quote aus.

Noch vor einem guten Jahrzehnt galt in Deutschland ein Anteil von über einem Zehntel als absolut bemerkenswert. Doch in den begleitenden Halbmarathons fällt das weibliche Teilnehmerkontingent noch wesentlich größer aus. Bei manchen ist das Verhältnis von Herren und Damen inzwischen kleiner als zwei zu eins. Und fünfundzwanzig bis dreißig Prozent Frauenanteil kann fast jedes dieser Rennen bieten.

Nun sind Teilnehmerzahlen sicher einer der Maßstäbe, an denen Marathons gemessen werden. Ein anderer ist allerdings die Siegerzeit. Auch hier gibt es über die Rollenverteilung an der Spitze keine Diskussionen: Berlin vor Hamburg wie fast überall. Der Weltjahresbestzeit von 2:05:56 durch Haile Gebrselassie und der ebenfalls absolute Weltklasse darstellenden 2:06:52 durch Julio Rey stehen bei den Damen auch noch Gete Wamis 2:21:34 und Robe Tolas 2:24:35 gegenüber.

Zwar liefert Berlin die besseren Einzelzeiten, doch in der Summe steht Hamburg fast besser da. Schließlich läuft der Zweite Robert Cheboror auch noch eine 2:07:37. Und mit James Rotich (2:09:25) sowie Wilfred Kigen (2:10:00) bleiben weitere Läufer unter der Zeit von Gudisa Shentema, der in der Hauptstadt auf Platz zwei einkommt. Nach dem Ausstieg von Sammy Korir, der bei Tergats Weltrekord vor drei Jahren assistiert hatte und nur eine Sekunde später das zweitbeste Ergebnis aller Zeiten erzielte, ist der Berlin Marathon dagegen eine Ein-Mann-Show des äthiopischen Publikumslieblings.

Nummer drei im Männerbereich bleibt Frankfurt, wo der Hamburg-Vierte Wilfred Kigen mit 2:09:05 seinen Vorjahressieg wiederholt. Die 2:11:24, mit denen der Äthiopier Teferi Wodajo in Köln erfolgreich ist, fallen im internationalen Vergleich dann doch schon etwas schwächer aus. Allerdings kann man in der Domstadt mit Luminita Zaituc (2:28:30) gegenüber dem Jubilar vom Main, wo Svetlana Ponomarenko in 2:30:04 gewinnt, die bessere Frauenzeit vorweisen.

Einen Riesensatz nach vorne macht man beim Baden-Marathon in Karlsruhe mit dem neuen Streckenrekord von 2:12:32 des Kenianers Bellor Yator. Auch in Bonn läuft sein Landsmann John Kirui in 2:13:43 so schnell wie noch niemand zuvor. Und Mainz, auf Zeitrang sieben, vermeldet durch Andrej Naumov aus der Ukraine (2:13:56) ebenfalls eine neue Bestleistung.

Mit David Kiptanuis 2:14:13 landet man auch in Hannover noch unter 2:15. In acht weiteren Städten bleibt die Uhr vor 2:20 stehen. Bis auf den Leverkusener Mario Kröckert, der in Essen 2:16:54 läuft, und Marcel Matanin aus der Slowakei in Leipzig gehen alle diese Zeiten auf das Konto von Läufern aus dem kenianischen Hochland. München, wo man bewusst auf die Verpflichtung afrikanischer Asse verzichtet, kommt durch die 2:21:55 des neuen deutschen Meister Matthias Körner immerhin auf Platz siebzehn.

Bei den Frauen bringt Luminita Zaituc beim ersten von zwei Marathonsiegen des Jahres trotz Hitze den Düsseldorf Marathon in 2:34:54 auf Rang fünf. Die Osteuropäerinnen Olga Glock (Russland, 2:35:26), Olena Samko (Ukraine, 2:37:50) und Olga Nevkapsa (ebenfalls Ukraine, 2:39:57) sichern für den Dresdner Citymarathon, Münster und Würzburg die folgenden Plätze. Dahinter taucht schon mit Romy Spitzmüller (2:40:40 in Essen) die nächste deutsche Siegerin auf. Und auch Carmen Siewerts Meisterschaftszeit von 2:47:22 aus München reicht noch, um unter die ersten Fünfzehn zu kommen.

Insgesamt fallen die Siegerzeiten bei den Damen damit deutlich stärker ab. Die höhere Quote bedeutet eben nicht unbedingt auch eine höhere Leistungsdichte. Gerade im weiblichen Bereich wird es hinter einigen hier durchaus vorhandenen Eliteläuferinnen sehr schnell ziemlich dünn. Der Wettkampfgedanke und die sportlichen Aspekte, die der Marathonszene sowieso immer mehr abhanden kommen, sind unter den Frauen noch weniger verbreitet.

Fast folgerichtig sind genau die großen Veranstaltungen mit dem hohen Frauenanteil dann auch im Schnitt die langsamsten. Während meist bei etwa vier Stunden die Hälfte des Feldes das Ziel erreicht hat, muss man in Berlin zum Beispiel inzwischen netto nur noch eine 4:13 laufen um unter den vorderen fünfzig Prozent zu landen. Die Schere zwischen den immer schnelleren Zeiten an der Spitze und den immer langsameren im großen Rest des Feldes öffnet sich auch in diesem Jahr noch weiter. Zumindest hier ist keine echte Trendwende erkennbar.

Stadtmarathons sind längst nicht mehr nur ein von Idealisten organisiertes Sportereignis, sie sind ein Wirtschaftszweig, der bislang gerade von jener stetig wachsenden breiten Masse der Teilnehmer jenseits der Vier-Stunden-Marke getragen wurde. Eine Wachstumsbranche, in der immer mehr Anbieter ein Stück des Kuchens abbekommen wollen. Doch nun erleidet die Branche erste Rückschläge, die Geschäfte laufen nicht mehr so wie noch vor Kurzem.

Noch ist nicht klar, ob es sich bei den aktuellen Teilnehmerrückgängen um eine kurzzeitige Delle oder den Beginn einer langfristigen Entwicklung handelt. Sollte es jedoch in den kommenden Jahren so weitergehen, wird wohl an einer Marktbereinigung kein Weg vorbei führen. Gerade die an Umsatz und Erträgen orientierten Agenturen werden kaum an einem sich nicht mehr rechnenden Ereignis festhalten. Irgendwann ist die kritische Masse erreicht, die den Aufwand nicht lohnt.

Den wirklich etablierten Veranstaltungen droht wohl keine Gefahr. Doch dass praktisch jede größere Stadt einen Marathon innerhalb ihrer Mauern beherbergen kann, könnte sich in naher Zukunft ändern. Im Moment scheint der große Boom gestoppt.

Analyse von Ralf Klink
Fotos LaufReport Archiv

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