Ein "Flo" erobert Amerika

Florian Neuschwander berichtet im Frankfurter Laufshop
über seinen Sieg beim "Transrockies Run 2015" und über seinen 9. Platz bei der 100 KM Weltmeisterschaft

Volles Haus im Frankfurter LaufShop und das, obwohl ausnahmsweise mal kein Olympiasieger oder Weltrekordler zu Gast war. Bis zum letzten Platz besetzt war der LaufShop von Jost Wiebelhaus mitten in der Frankfurter City am Donnerstagabend, mehr als einhundert laufbegeisterte Zuhörer wollten live miterleben, wie Florian "Flo" Neuschwander über seine Erlebnisse beim Transrockies Run in Colorado/USA berichtete.

Volles Haus im Frankfurter LaufShop: "Flo" Neuschwander berichtet über seine Lauferlebnisse

Der aus Neunkirchen im Saarland stammende Neuschwander hat seit seinem Umzug von Trier nach Frankfurt im Rhein-Main-Gebiet für Furore gesorgt. Nahezu überall dort, wo er an den Start gegangen ist, hat er auch gewonnen, meist sogar mit neuem Streckenrekord. Der 1,67 m große Läufer mit dem markanten Schnauzbart hat die regionale Laufszene innerhalb kürzester Zeit aufgemischt und ihr seinen Stempel aufgedrückt. Wer den Vize-Weltmeister im Ultra-Trail von 2013 bis dahin noch nicht kannte, wurde spätestens durch seinen Sieg beim "Wings for Life World Run" in Darmstadt mit 74,5 gelaufenen Kilometern, was weltweit Platz 6 bedeutete, auf ihn aufmerksam.

In Jost Wiebelhaus, dem Inhaber des Frankfurter LaufShops, hat er nicht nur einen Arbeitgeber sondern auch einen großen Förderer und Unterstützer gefunden. Jost war es auch, der die Idee für den Transrockies Run hatte. Zufällig bekam er eine Ausschreibung für den "Wake up Trail Run" bei der Outdoor Messe in Friedrichshafen in die Finger und bat seinen Mitarbeiter kurzerhand ins Büro. "Wäre das nichts für dich?". Der erste Preis war nämlich eine USA Reise mit einem Start beim Transrockies Run. Einen Trainingsaufenthalt in den USA hatte Florian im Rahmen seiner Vorbereitung für die 100 km Weltmeisterschaft ohnehin eingeplant. Jost räumte ihm eine großzügige Bedenkzeit von einem Tag ein. Die brauchte er aber nicht, nachdem er noch einen Kunden beim Schuhkauf beraten hatte, sagte er sofort zu.

Hoch motiviert gewann Florian den Trail in Friedrichshafen und sicherte sich den Hauptgewinn, die Reise zum Transrockies Run nach Colorado. Am 5. August ging es endlich los, zunächst nach Denver und drei Tage später nach Buena Vista, dem Startort des Transrockies Run. Auf die rund 100 Teilnehmer warteten 6 Tagesetappen mit 120 Meilen (193 km) und 6.000 Höhenmetern. Der Start lag auf 2.500 m und der höchste Punkt wurde bei 3.800 m erreicht. "Auf so einer Höhe war ich noch nie in meinem Leben!", schrieb Florian ehrfurchtsvoll auf seiner Homepage (www.run-with-the-flow.com).

1. Etappe: 33,5 km, 760 HM
"Ich hatte gehört, dass dies die am besten laufbarste Etappe sein soll. Deshalb habe ich gleich mal Vollgas gegeben und mich gewundert, dass niemand mitgelaufen ist". Als Ergebnis sprang der Tagessieg mit 9 Minuten Vorsprung heraus. "Richtig geil".

2. Etappe: 21,6 km, 975 HM
Extrem anspruchsvoll und megasteil, 800 HM auf 4 km. Vierter Platz aber Vorsprung auf etwa 13 min. ausgebaut.

3. Etappe: 38,9 km, 820 HM
Start auf 3000 m Höhe. Vorsprung behauptet, aber am Ende ganz schön platt.

4. Etappe: 22,9 km, 885 HM
Es ging moderat los, aber ab km 4 wurde es steiler und steiler. Laufen ging nicht mehr, wandern war angesagt. Vorsprung geschmolzen, aber Gesamtführung behauptet.

5. Etappe: 38 km, 1.250 HM
Technisch sehr anspruchsvolle Etappe. Kräfteverschleiß machte sich langsam bemerkbar. "Ich war richtig müde und hatte keine Kraft mehr". Gesamtführung behauptet, aber Vorsprung auf nur noch 7 min. geschmolzen.

6. und letzte Etappe: 35,7 km, 1.550 HM
Florian hatte gepokert und die Nacht in einem Hotel statt im Zelt verbracht. Das brachte neue Kraft, die dringend benötigt wurde. "Ich lief alle Berge hoch, ohne anzuhalten". Kurz vor dem Ziel war klar, dass Florian die letzte Etappe und somit auch das Rennen gewinnen würde.

Florians Resümee nach dem Transrockies Run Sieg: Ich hatte einen riesigen Respekt vor den ganzen Höhenmetern, vor allem vor der Höhe. So viele Berge bin ich in 6 Tagen noch nie gelaufen. Aber es war eine coole Erfahrung, den Lauf zu gewinnen".

Nach 10 Tagen Aufenthalt im Zielort Beaver Creek und weiteren 10 Tagen Trainingsaufenthalt in Eugene/Oregon ging es dann wieder zurück in die Heimat. Schließlich wartete in wenigen Wochen ja noch die Weltmeisterschaft über 100 km in Winschoten/NL am 12. September.

Bei seinem 100 km Debüt konnte Florian auf Anhieb in die Weltspitze vorstoßen. Er lief mit der besten deutschen Zeit der letzten drei Jahre in 6:49:13 Std. auf Rang 9. Bei km 70 lag er noch auf dem 40. Platz und arbeitete sich Runde für Runde weiter nach vorne. "Jetzt musst du ballern", nach diesem Zuruf von seinem Betreuer Uwe lief Florian mit einer fulminanten Schlussrunde noch unter die besten Zehn.

Jost Wiebelhaus, Arbeitgeber, Förderer und Unterstützer von Florian Neuschwander ... auf zu neuen Taten

Mit diesen Ausführungen endete der interessante und äußerst lebhafte Vortrag. Bei der anschließenden Fragen-Antworten-Runde kam das wahre Ich des Gefühlsmenschen Florian Neuschwander zu Tage. Ob Fragen nach Trainingsplänen, Ernährung oder Motivation. "Alles nach Gefühl", so die Antwort des Ultra-Spezialisten, die von den Zuhörern lachend aufgenommen wurde. Vermutlich ist diese Mischung aus Spaß und Ehrgeiz auch sein Erfolgsgeheimnis und dass er bei all seinen Erfolgen authentisch und auf dem Boden geblieben ist.

Wenn er von seinem Chef frei bekommt, gab Florian während seines Vortrages bekannt, will er im Dezember auf Hawaii an der Xterra Trail Run WM im Halbmarathon teilnehmen. Diese Zusage gab Jost Wiebelhaus zum Abschluß des Abends vor den über 100 Zeugen. Somit steht dem Start auf Hawai nichts mehr im Wege.

Bericht von Reinhold Daab
Fotos von Reinhold Daab und privat

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