Dreißig Jahre Ossiloop 1982 bis 2011

Das Buch zum Jubiläum

 

Jubiläumsbücher zu großen Laufveranstaltungen haben Tradition, erinnern wir uns nur an jenes von Peter Wirz über den Swiss-alpine-Lauf mit dem Titel "Erlebnis pur", oder Werner Sonntags "Bieler Juni-Nächte", oder auch an Dietmar Knies "Alle Rennsteiglaufsieger in Wort und Bild". In diese Serie reiht sich nun auch das Jubiläumsbuch zum Ostfriesland-Lauf, der volkstümlich weitgehend als Ossiloop bezeichnet wird, ein.

Wie an anderer Stelle in LaufReport berichtet, hat der Ossiloop 2011 sein dreißigjähriges Jubiläum gefeiert und sich zum teilnehmerstärksten Etappenlauf der Republik entwickelt mit rund 2000 Läufern auf jeder der sechs Etappen. Pünktlich zur letzten Etappe 2011 konnte der Veranstalter Edzard Wirtjes das Jubiläumsbuch präsentieren, an dem unter seiner Leitung mehrere Personen federführend gearbeitet haben. Mehr als dreißig Autoren kommen zu Wort.

Das Buch stellt eine gelungene Mischung von kurzweiligen Texten und anschaulich präsentierten Photos dar. Auf eine sehr ansprechende graphische Aufbereitung des querformatigen Buchs wurde großen Wert gelegt. Es umfasst 134 Seiten in durchgängig farbigem Druck.

Im zentralen Mittelteil kommt je ein Läufer zu jeder der vergangenen dreißig Ossiloop-Veranstaltungen zu Wort. Sie erzählen in knapper Form (nie mehr als zwei Druckseiten) ihr subjektives Erleben des Sechsetappenrennens. Oft wurde von den Autoren ihre erste Teilnahme in den Fokus genommen, so auch von den diesjährigen Siegern Inga Jürrens und Stephan Immega, die über die Jahre 1996 bzw. 2003 berichten. Jürrens geht dabei auf ihre erste Etappe zurück, die sie als kleines Mädchen mitgelaufen war.

Andere Autoren berichten von ganz speziellen Erlebnissen, so etwa Michaela Janssen, die ihre erste Etappe nur einer leichtsinnig abgeschlossenen Wette verdankt, die sie als Abiturientin 1994 eingegangen war. Sie hatte sich darin als völlig untrainiertes Mädel verpflichtet, bei einer Etappe mitzulaufen, wenn eine vakante Abiprüfung klappen sollte. Sie schaffte die Prüfung und musste nun ran. Die Etappe brachte sie am Schluss zwar mit Ach und Krach und nachfolgendem Muskelkater zu Ende, doch war sie fortan vom Ossiloopfieber infiziert. Auch 2011 war sie wieder dabei und erlief einen vorderen Platz bei den Frauen.

So bunt wie die Erinnerungen der Autoren sind, so abwechslungsreich und spannend ist die Lektüre der Episoden. Diesem Mittelteil sind in der Einleitung neben einigen Grußwörtern auch einige informative Präliminarien vorangestellt. So referiert der Gründer Klaus Beyer in je kleinen Kapiteln über die Entstehung, die Premiere und die einzelnen Wegführungen der Etappen. Außerdem werden ein paar besonders interessante Läufer vorgestellt. Unverzichtbar natürlich Hilde Steinke (und ihre Familie), die bisher alle Etappen gelaufen ist und gerade in Hamburg Deutsche Marathonmeisterin in der W65 (Zeit 4:02) wurde.

Im abschließenden dritten Teil werden dann die veranstaltenden Vereine SV Holtland und Fortuna Logabirum vorgestellt, es werden einige gravierende Veränderungen dargelegt, die mit dem Veranstalterwechsel 2007 zusammenhängen, und auch Statistisches kommt nicht zu kurz. Das Buch klingt aus mit einigen von Klaus Beyer erzählten "Döntjes" (Anekdoten), die sich in den vergangenen dreißig Jahren ereignet haben. Auf der vorderen und hinteren Umschlagsinnenseite sind in Minischrift alle über 2000 Namen angedruckt, die 2011 beim Ossiloop dabei waren. Damit, und mit einigen Fotos des diesjährigen Laufs, ist das Buch hochaktuell.

Insgesamt eine erfrischend lockere und optisch ansprechende Lektüre, die in den Bücherschrank eines jeden Ossiloopers gehört.

Gelesen und beschrieben von Michael Schardt

Helma Janssen / Edzard Wirtjes (Hg.): 30 Jahre Ossiloop 1982 - 2011.
Zahlreiche Autoren
Eigenverlag; ohne ISBN
Broschiert, 134 Seiten, ca. 100 Abbildungen, Querformat 15 Euro
Bestellungen: www.fortuna.Logabirum.de

 

Von der Krebspatientin zur Ironwoman

Obwohl ich nicht zur Zielgruppe dieses Buches zähle, habe ich es gekauft, und zwar deshalb, weil die Verfasserin eine erstaunliche, kluge und mutige Frau ist.

Dr. Ruth Heidrich war 47 Jahre alt, als bei ihr ein fortgeschrittener Brustkrebs diagnostiziert wurde - drei Jahre nach Ausbruch der Krankheit, der Haupttodes-
ursache amerikanischer Frauen dieser Altersgruppe, und ein Jahr nach der Entfernung eines golfballgroßen Tumors. Mit dieser niederschmetternden Situation, auf die nichts in ihrem erfolgreichen Leben und ihrer Familiengeschichte mit vier neunzigjährigen Großeltern hingedeutet hatte, mußte Ruth Heidrich fertig werden.

Dies ist die Startlinie zu ihrem „Race for Life“ (so der amerikanische Titel ihres Buches). Das ist wörtlich zu nehmen. Mit feinem Humor erzählt sie, ohne sich in die nicht mehr vorhandene Brust zu werfen, daß sie am Morgen des Operationstages, der eine radikale Mastektomie bringen würde, aufstand und von 4 bis 5 Uhr eine 10-Kilometer-Runde lief, indes man im Krankenhaus Kopf stand. Selbstkritisch bemerkt sie jedoch, daß eine Dehydration vor der Operation nicht gerade zu empfehlen sei.

Zu jener Zeit hatte sie beschlossen, sich eben „nicht umzudrehen und zu sterben“, sondern zu kämpfen. Zu der positiven mentalen Einstellung und ihrem vierzehnjährigen Lauftraining mit einigen Marathonläufen kam die möglicherweise entscheidende Ernährungsumstellung. Wie in Europa war auch in den USA Ernährung als Bestandteil einer Krebstherapie oder -Nachsorge eine Sache von Außenseitern. Ziemlich zufällig gelangte sie an Dr. John McDougall, der Teilnehmerinnen für eine Studie über den Einfluß der Ernährung auf den Fortschritt der Krebsbehandlung suchte. Dr. McDougall empfiehlt sowohl präventiv als auch therapeutisch eine fettarme, rein pflanzliche Ernährung. Seine Fett-Hypothese beruht auf der Korrelation von Fettgehalt in der Nahrung und Brustkrebsrate. Man kann Ruth Heidrich gut verstehen, daß sie in ihrer Lage, wie sie zugibt, nach jedem Strohhalm gegriffen hätte. Während sie jedoch an anderer Stelle durchaus rät, „skeptisch hinsichtlich Kurven und Diagrammen“ zu sein, hinterfragt sie die Annahme von Dr. McDougall nicht im entferntesten. Bei der Tabelle über Fettgehalt und Brustkrebs, auf die sich McDougall stützt, muß doch verwundern, daß sich zum Beispiel die Länder Italien mit etwas über 80 Gramm Fettgehalt der täglichen Ernährung und Deutschland mit fast 140 Gramm deutlich unterscheiden, Italien aber mit dem Prozentsatz altersbereinigter Brustkrebs-Sterbefälle pro 100 000 Einwohner nur unbedeutend unter Deutschland liegt. Griechenland mit einer niedrigen Brustkrebs-Sterberate von etwa 7 je 100 000 Einwohner liegt im täglichen Fettverzehr um knapp 20 Prozent über der Rate von Italien. Und ob in Polen und Tschechien so sehr viel fettärmer gegessen wird als in Deutschland oder Frankreich, wage ich zu bezweifeln. In Deutschland ist durch den Ernährungspsychologen Professor Dr. Volker Pudel versucht worden, dem Grundnährstoff Fett den Schwarzen Peter für alle möglichen Schädigungen zuzuschieben. Seine Fettaugen-Kampagne in einigen Bundesländern liegt wohl nun auf dem wissenschaftlichen Schrotthaufen. In „Runner’s World“ können aufmerksame Leser von Zeit zu Zeit Änderungen der Fettbewertung in den USA wahrnehmen. Dr. Max-Otto Bruker, der den Begriff der vollwertigen Ernährung popularisiert hat, hat bereits vor Jahrzehnten die Verteufelung des Grundnährstoffs Fett abgelehnt, jedoch strikt auf die Gefahren der denaturierten Fette in den industriellen Nahrungs- und Genußmitteln hingewiesen. Von Dr. Bruker ist, da er nicht wissenschaftlich publiziert, sondern sich - zudem noch deutschsprachig - an die breite Öffentlichkeit gewandt hat, in den USA nicht Kenntnis genommen worden. Wer fettarm ißt, wie Dr. McDougall und Ruth Heidrich empfehlen, nimmt damit eben auch weniger schädliche Fette zu sich. Nur möglicherweise bleibt auch dabei das Verhältnis zwischen ungesättigten und gesättigten Fettsäuren unausgewogen.

In dieser Beziehung ist Ruth Heidrichs Darstellung ihrer Ernährungsumstellung kritisch zu lesen. Jedenfalls ließ sie sich auf Dr. McDougalls Konzept einer fettarmen, pflanzlichen Ernährung und zugleich den Verzicht auf Strahlen- und Chemotherapie ein, weil diese Therapien das Immunsystem schädigten; allein das Immunsystem könne den Krebs besiegen. In Deutschland wäre ein solcher Arzt wahrscheinlich vor Gericht gestellt worden; erinnert sei an den Krebsarzt Dr. Josef Issels und die Auseinandersetzung um Professor Julius Hackethal, die einen ähnlichen gedanklichen Ansatz hatten. In den siebziger Jahren trat die Chemikerin Dr. Johanna Budwig im Schwarzwald mit einer Krebs-Diät von ungesättigten Fettsäuren in Erscheinung, die auch jetzt noch weitergeführt wird. Typisch für die amerikanische Medizin ist, daß Erkenntnisse gnadenlos kommerzialisiert werden. Dr. McDougall macht da keine Ausnahme, wie man seinem Internet-Auftritt entnehmen kann.

Doch in Ruth Heidrichs Buch ist keineswegs der verlängerte Arm des Ernährungsspezialisten zu vermuten, es ist von vorn bis hinten ihr eigenes Buch, nämlich die mitreißende Geschichte einer intelligenten Frau, die mutig die Herausforderung annimmt, ihr scheinbar unausweichliches Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. An der Talsohle ihrer Befindlichkeit setzt sie sich in den Kopf, an dem Triathlon auf Hawaii, wo sie lebt, teilzunehmen. Wie sie das macht, wie sie trainiert, ist nicht nur ein Programm für alle, die Ähnliches vorhaben, sondern auch eine Ermutigung für alle, die ebenfalls gerade auf einer Talsohle sind; ich zum Beispiel habe das Buch ins Krankenhaus mitgenommen, obwohl ich es schon gelesen hatte. Sechsmal hat sie den Ironman bewältigt, ist Marathon und Ultramarathon gelaufen und hat in ihrer Altersgruppe Bestleistungen vollbracht. Die Tatsache, daß sie nicht weniger als neun Ermüdungsbrüche erlitten hat, weist allerdings darauf hin, daß sie ihr Lauftraining übertrieben hat. Ein Unfall beim Radtraining ist auch ihr der Anlaß, vor den Gefahren des Trainings im öffentlichen Straßenverkehr zu warnen. In dem klar und zielführend gegliederten Buch - 20 Kapitel von Diagnose bis zum Anhang Laborergebnisse auswerten - gibt sie auch Ratschläge für den Alltag von Athletinnen.

Die deutsche Übersetzung durch Katrin Schnelle und Nicole Luzar, die Verlegerin, ist kompetent und kenntnisreich. Zu beanstanden ist, daß sie einer begrifflichen Ungenauigkeit folgt. Jegliche pflanzliche Kost wird als vegan bezeichnet. Unter „veganer Ernährung“ versteht man jedoch allein pflanzliche Frischkost, Rohkost also. Die Rezepte, bei denen die Autorin auch die Mikrowelle benützt, lassen erkennen, daß vegetarische Ernährung, wenn auch tiereiweißfreie, gemeint ist. Die Übersetzung vermittelt den hinreißenden Schwung, der die Lektüre so kurzweilig macht. Ganz unberührt von der Verlotterung der deutschen Sprache bleibt auch diese Übersetzung nicht. Immer werden „scheinbar“ und „anscheinend“ verwechselt. Um es deutlich zu machen: Die Leser dieser Rezension kommen hoffentlich zu dem Eindruck, daß es sich anscheinend um ein gutes Buch handelt und nicht um ein nur scheinbar gutes. Einige Eingabefehler sollten korrigiert werden, vor allem der Zahlendreher, der aus einer 53jährigen eine 35jährige Krebspatientin macht. Ruth Heidrich ist jetzt im 75. Lebensjahr. Ihre sportlichen Leistungen auch in fortgeschrittenem Alter machen sie zu einem Vorbild des Alterssports. Ihr Buch ist keineswegs nur für angehende Triathleten lesenswert; sie macht allein durch ihre Vita Krebspatienten Mut. Ihr Buch sollte in Krankenhausbibliotheken eingestellt werden.

Gelesen und beschrieben von Werner Sonntag

Ruth E. Heidrich: „Der Lauf meines Lebens. Im Kampf gegen den Krebs zur Ironwoman“.
Aus dem Amerikanischen von Katrin Schnelle und Nicole Luzar.
Sportwelt-Verlag, 2008, geb., 206 S., ill., 19,90 Euro.
ISBN 978-3-9811428-7-7.

Laufnebenwirkungen

Ein laufmedizinisches Fachbuch in 2. Auflage

Wenn ein anspruchsvolles Fachbuch, das nicht gerade billig ist, bereits nach noch nicht einmal drei Jahren neu aufgelegt werden muß, spricht dies eindeutig sowohl für den Bedarf als auch für die Qualität.

 

„Laufnebenwirkungen“ von Dieter Kleinmann hat sich als medizinisches Standardwerk für die Laufpraxis etabliert; es deckt das Informationsbedürfnis bei allen eventuellen Schädigungen beim Laufen ab, macht aber auch physiologische Vorgänge transparent und belegt grundlegende wie aktuelle Erkenntnisse mit umfangreichen bibliographischen Angaben. Es ist das Buch eines Praktikers mit immenser internistischer, auch kardiologischer Erfahrung, hält aber ebenso wissenschaftlichen Anforderungen stand. Da es, wenn auch auf hohem Niveau, allgemeinverständlich geschrieben ist, eignet es sich auch für ambitionierte Läufer zur Wissensvertiefung und zum Nachschlagen. In den Fallbeispielen können sich Läufer wiedererkennen. Allgemeinmediziner können daran ihren kritischen Blick für Gefährdungen ihrer Läufer-Patienten schulen.

Dr. Dieter Kleinmann ist nach wie vor selbst leistungssportlich aktiv und leitet einen Lauftreff und eine Herzsportgruppe, hat jedoch seine Praxis in jüngere Hände gelegt. Das ermöglicht ihm eine noch intensivere theoretische Beschäftigung. Die 2. Auflage ist daher nicht einfach ein Nachdruck, sondern um weitere Aspekte und Hinweise auf neue Studien erweitert. Das drückt sich auch in einer Umfangerweiterung aus. Aktuelle Bilder und Tabellen sind hinzugekommen. Das berühmte Bild der 1. Auflage mit der taumelnden Andersen-Schiess ist vom Titel in den Textteil gewandert und hat einem aktuellen Bild vom Two-Oceans-Lauf 2007, einem Hitzelauf, Platz machen müssen. Die meisten der 99 Abbildungen stammen vom Autor und haben daher einen engen Bezug zur Laufpraxis.

Neu sind insbesondere Erörterungen über den Einfluß des Laufens auf die Hirnleistung, den Belastungskopfschmerz, die Hautkrebsgefahr und die Gefahr zu hoher Trinkmengen; neue Erkenntnisse zur Gefahr der Herzmuskelschädigung werden vermittelt, hier detaillierter als vorher über die Rolle des Tropanins, eines spezifischen Markers für selbst kleine Herzmuskelschäden. Für solche kritischen Zusammenfassungen werden Allgemeinärzte mit Läuferklientel dankbar sein: „Ausdauersportler sind seit Jahrzehnten beliebte, ja wissenschaftlich faszinierende Probanden in der Medizin, vor allem wenn neue diagnostische Testmethoden eingeführt wurden. Doch immer wieder geben bei diesen Ausdauertrainierten die gewonnenen Laborergebnisse Rätsel in der Deutung auf. Dies begann schon bei normalerweise als pathologisch angesehenen EKG-Veränderungen bei gesunden hoch ausdauertrainierten Sportlern... Mit der diagnostischen Einführung des Muskelenzyms CK bzw. später CK-MB beim Herzinfarkt gab es nach intensiver muskulärer Ausdauerbelastung ohne Herzbeschwerden ebenfalls Probleme in der korrekten Interpretation formal erhöhter Werte. ... Ob die beobachteten kurz dauernden Erhöhungen von Troponin und (NT-pro)BNP oder die reversiblen echokardiographischen Auffälligkeiten bei sehr langen anstrengenden Ausdauerbelastungen auf lange Sicht eine klinische Bedeutung haben, ist bis heute nicht entschieden.“ Für Läufer, die sich durch Laborwerte geängstigt fühlen - mancher auf diesem Gebiet nicht genügend erfahrene Arzt dramatisiert auch unabsichtlich -, bedeutet dies, Diagnosen zu hinterfragen. Dieses Buch, auch wenn vielleicht mancher Fachausdruck nicht verstanden wird, hilft dabei; häufig vorkommende diagnostische Begriffe sind in einem Glossar allgemeinverständlich erläutert.

Wer über den „Nebenwirkungen“ des Laufens, die manchmal schon keine mehr sind - ähnlich wie man auch an den iatrogenen Wirkungen von Medikamenten sterben kann -, unsicher geworden ist, wird im letzten Kapitel beruhigt; auch die Summation der Schäden, die in diesem Fachbuch behandelt werden, ändert nichts an der präventiven oder gar therapeutischen Wirkung des Laufens.

Gelesen und beschrieben von Werner Sonntag

Dieter Kleinmann: Laufnebenwirkungen. Vom Ermüdungsbruch zum plötzlichen Herztod: Was können Sie dagegen tun?
Deutscher Ärzte-Verlag, 2. überarbeitete Auflage 2009.
Kart., 372 S. mit 99 meist farbigen Abbildungen und 56 Tabellen. ISBN 978-3-7691-0592-6, 39,95 Euro (D).

Denk positiv!: Wie mentale Stärke bei Training und Wettkampf hilft

Der richtige Motivationskick für die Wettkampfsaison: Dieses 330 Seiten dicke Buch gibt dem Leser die richtige "Peitsche" für das Gehirn.

 

Mentales Training für Triathleten und alle Ausdauersportler hat zahllose Tipps und Tricks parat, wie man sich für das Training und den Wettkampf motivieren kann. Wie man das Beste aus sich herausholen kann.

Aber braucht man wirklich über 300 Seiten, um die Psyche zu bearbeiten?, wird manch Skeptiker sagen. Sicher ist nicht jeder Leser empfänglich für diese Herangehensweise. Manche trainieren lieber nur den Körper, ohne über die mentale Stärke nachzudenken. Wer sich aber auf die Argumentation einlässt, dass die Psyche mindestens ebenso wie der Körper gestärkt werden kann und muss, der findet hier eine üppige Quelle an Anleitungen.

In dem Buch finden sich viele, detaillierte Ratschläge zu den Themen Motivation, Selbstvertrauen, Erregung, Konzentration, Emotionen und Schmerz. Vieles scheint so einfach, vernünftig und logisch zu sein, aber manchmal muss es eben ausgesprochen und dem Athleten klar gemacht werden. Ein Beispiel: Ein guter Wettkampf tut weh. Der Schmerz kommt irgendwann unweigerlich. Bei einem Verletzungsschmerz sollte man aufgeben oder Tempo rausnehmen, aber den Belastungsschmerz darf man akzeptieren. Wenn man mental darauf vorbereitet ist, kann man den Schmerz sogar positiv sehen. Denn er ist ja auch ein Beweis, dass man sich wirklich anstrengt und das Optimale versucht. Da muss man sich nicht nachher vorwerfen, sich hängen gelassen zu haben.

Viele Zitate von erfolgreichen Topsportlern ergänzen den Text. Es kann hilfreich sein zu lesen, wie andere beispielsweise mit der Nervosität vor dem Start umgehen. Denn auch diese gehört zu einem Wettkampf dazu. Man muss lernen, sie anzunehmen.

Das Buch bezieht sich hauptsächlich auf Triathlon, weil hier drei Disziplinen trainiert werden müssen. Oft fehlt für die schwächere Disziplin die Motivation. Hier gilt es, die mentale Stärke auf alle Teilbereiche auszudehnen. Auch der Wettkampf ist komplex - von der Vorbereitung über die Umstellung auf die neue Disziplin bis zur Renntaktik. Dennoch ist dieser Ratgeber auch für andere Ausdauersportarten geeignet. Denn positives Denken und Vertrauen in die eigene Stärke kann man immer gebrauchen.

Mentales Training für Triathleten und alle Ausdauersportler
von Jim Taylor und Terri Schneider
346 Seiten - Preis 22,95 Euro
Sportwelt Verlag

Gelesen und beschrieben von Birgit Schillinger

Kein Laufbuch, aber das Buch eines Läufers

Ein Buch mit dem Titel "Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede" legt nicht unbedingt nahe anzunehmen, es handle sich um ein Laufbuch, eines unter vielen.

 

Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami schildert zwar die Bedeutung, die das Laufen für ihn und vor allem für seine schriftstellerische Arbeit hat, aber er kann nicht die Kompetenz beanspruchen, die man von einem Buch über das Laufen erwartet. Jedes Jahr einen Marathon, zusammen 25, und ein einziger 100-km-Lauf - das ist, wie einige Triathlone, aller Ehren wert, aber damit kann man laufenden Lesern nur ein müdes Lächeln entlocken. Mit der Physiologie des Laufens scheint sich der Autor gar nicht erst abgegeben zu haben; von "schnellen" und von "langsamen" Muskelfasern hat er wohl nichts gehört - er wundert sich nur. Herburger übersetzt Fachbegriffe in Poesie, Murakami vermeidet sie. Anders als der "Ultramarathon Man" von Dean Karnazes hat Murakamis Buch keine informatorische Substanz. Ist es vielleicht Literatur?

Fast alle von uns müssen sich an die deutsche Übersetzung halten. Sie vermittelt den Eindruck der Offenheit und Ehrlichkeit des Autors - und auch der Bescheidenheit. Das finde ich überaus sympathisch. Der "Ultramarathon Man" dagegen beeindruckt mich nur, menschlich berührt er mich nicht. Karnazes mag zwar Autor eines Bestsellers geworden sein, aber ein Literat ist er nicht. Murakami dagegen ist von Haus aus ein angesehener Autor; 13 seiner Romane und Erzählbände liegen in deutscher Übersetzung vor. "Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede" will jedoch offenbar keine Literatur sein. Das ohnehin nicht umfangreiche Buch enthält auch Aufzeichnungen, die bei anderer Gelegenheit entstanden sind, und es findet sich viel Tagebuch-Redundanz (Beispiel: "Als wir in den USA lebten, hat eine Dame, die als Assistentin in unserem Büro in Tokyo arbeitete, plötzlich ihre Kündigung eingereicht, da sie Anfang nächsten Jahres heiraten will, und ich muß mich nach Ersatz umsehen"). Selbst der eingängige Titel ist, wofür sich der Autor bedankt, nur eine Abwandlung des Titels "Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden" (Raymond Carver). Die Übersetzung möchte ich als gediegen bezeichnen; dennoch ärgern mich gerade bei dem Text eines doch wohl anspruchsvollen Schriftstellers Nachlässigkeiten im Umgang mit der deutschen Sprache. "An so einem heißen Ort" ist einem solchen Text unangemessen, "wegen mir" ist falsch, auch wenn wegen umgangssprachlich häufig im Dativ gebraucht wird; an anderen Stellen verwendet die Übersetzerin durchaus den Genitiv. Der Gebrauch des prätentiösen Ansonsten statt des schlichten "sonst" hat sich nachgerade bei uns eingeschliffen, hat aber mit dem Wandel der Sprache nichts zu tun, es ist im Gegenteil ein unbegründbarer Historismus. Darf man voraussetzen, daß auch jeder der Leser, die mit dem Dampfradio aufgewachsen sind, weiß, was ein iPod ist? In zwanzig Jahren, wenn wieder einmal eine neue Technologie neue Begriffe prägt, wird man erst recht nicht wissen, was ein iPod ist. Die Übersetzerin des laufenden Murakami weiß offenbar nicht, was ein Sechserschnitt bei Läufern bedeutet. Murakami ist seinen Hunderter am Saroma-See auf Hokkaido auf der ersten Hälfte in dieser Geschwindigkeit gelaufen und hat sich etwa zehn Stunden Laufzeit für die 100 Kilometer ausgerechnet. Die Übersetzerin macht aus dem Sechserschnitt, nämlich 6 Minuten für den Kilometer, einen "Schnitt von sechs Kilometern pro Stunde"; das hätte fast 17 Stunden Laufzeit bedeutet und bei dieser Veranstaltung zur vorzeitigen Beendigung des Laufes geführt. Der Widerspruch ist niemandem aufgefallen. Wenn man bedenkt, daß anspruchsvolle Zeitschriften eine Dokumentationsabteilung unterhalten, verdrießt mich, wie oberflächlich in Lektoraten mit den Texten von Läufern umgegangen wird.

Was also ist "Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede"? Kein Laufbuch, keine Literatur. Es ist die Biographie eines Läufers, der zufällig Schriftsteller ist. Auf 8 Farbseiten kann man ihn bei seinen Aktivitäten sehen. Immer wieder - und das ist das Positive - werden laufende Leser mit dem Kopf nicken: Ja, so ist es. Murakamis Empfindungen sind die Empfindungen, die jeder von uns hat. Wer möchte ihm nicht zustimmen: "Von allen Dingen, die ich mir im Laufe meines Lebens zur Gewohnheit gemacht habe, ist das Laufen die hilfreichste und sinnvollste, das muß ich zugeben. Über zwanzig Jahre Langstrecke zu laufen hat mich stärker gemacht, sowohl körperlich als auch emotional." Und bei dem Satz "Gegen andere anzutreten bedeutet mir nicht viel" erkenne ich einen Bruder im Geiste und ebenso in dem Satz, nichts von dem, was ihm (im Bildungsangebot) aufgenötigt worden sei, habe ihn wirklich interessiert.

Leser der literarischen Texte Murakamis werden in dem Läuferbuch die Gelegenheit sehen, sich ihrem Autor biographisch zu nähern und Einblick in kreative Prozesse zu bekommen. Der Gedanke, daß beim Romanschreiben Gift abgesondert werde, und die daraus folgernde These "Ein ungesunder Geist braucht einen gesunden Körper" sind nachdenkenswert. Die Verknüpfungen von Laufen und Schreiben erinnern stark an John Irvings "Die unsichtbare Freundin. Vom Ringen und vom Schreiben". Tatsächlich ist Murakami mit dem sieben Jahre Älteren gemeinsam schon im Central Park gelaufen. Ob nun die Biographie eines engagierten Läufers, auch wenn er ein angesehener Schriftsteller ist, hierzulande wirklich interessiert, muß wohl individuell entschieden werden. Auf jeden Fall: Das Laufen ist nun auch über die laufenden Literaten in der Literaturgeschichte angekommen. Hoffentlich merken es die Literaturkritiker.

Gelesen und beschrieben von Werner Sonntag

Haruki Murakami: Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede.
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe.
Dumont Buchverlag - ISBN 978-3-8321-8064-5
2008, geb., 165 S., 16,90 €

Für Triathlon-Einsteiger

Bei den ersten Sonnenstrahlen kommen die Rennradfahrer wieder aus der Winterpause. Die Triathleten schwingen sich ebenfalls auf die frisch geputzten Räder.

 

Die meisten von ihnen waren über Winter mit Laufen und Schwimmen beschäftigt. Jetzt wird es höchste Zeit, sich bei den Wettkämpfen der Saison anzumelden, und systematisch die drei Disziplinen zu trainieren. Es ist sehr schwierig, drei Sportarten zeitlich und kräftemäßig in der Woche unterzubringen. Daher sind Triathlonbücher mit Trainingstipps eine große Hilfe.

Klaus Klaeren spricht mit seinem Ratgeber "Triathlon - Grundlagen, Training, Wettkampf" vor allem Anfänger und Athleten der Kurzdistanz an. Klaus Klaeren gehört zu den deutschen Pionieren im Triathlonsport. 1984 wurde er der erste deutsche Triathlonmeister. Nach nationalen und internationalen Erfolgen ist der 50-jährige Gerolsteiner als Trainer und Autor bekannt.

In dem Ratgeberbuch finden Triathlon-interessierte Sportler viele Hinweise für Training und Wettkampf. Ein Volkstriathlon geht meist über die Sprintdistanz (500m Schwimmen, 20km Radfahren, 5 km Laufen), die sogenannte olympische Distanz wird auch Kurzdistanz genannt (1,5km Schwimmen, 40km Radfahren, 10km Laufen). Wer diese Streckenlängen in Angriff nehmen möchte, kann die Trainingspläne gut verwenden. Klaeren weist auch darauf hin, wie wichtig Gymnastik und Krafttraining als Ergänzung sind.

Tabellen, Grafiken und übersichtliche Seitengestaltung machen die Orientierung leicht. Leider sind manche Fotos qualitativ nicht so hochwertig - Man erkennt an einigen älteren Fotos auch, wie schnell-lebig Triathlon, was Rennräder und Bekleidung betrifft, ist.

Fazit: Ein guter Ratgeber für ambitionierte Einsteiger.

Gelesen und beschrieben von Birgit Schillinger

Klaus Klaeren: Triathlon - Grundlagen, Training, Wettkampf
Copress Verlag
ISBN 978-3-7679-0898-7
Broschiert, 144 Seiten, ca. 70 Abbildungen, 16,90 €

Die Seele läuft mit

 

Wer mit dem Laufen beginnt, entdeckt über kurz oder lang die psychische Dimension dabei. Wie man sie wahrnimmt, hängt von der geistig-seelischen Orientierung ab. Man kann sie rational als Psychoanalyse interpretieren oder als Psychohygiene, als scheinbar ungeordnete Folge von Assoziationen oder als Fokussierung auf ein Problem. Für gläubige Menschen kann sie ein „Körpergebet“ bedeuten.

Einen solchen Vergleich hätten die christlichen Kirchen ebenso wie die jüdische Orthodoxie, die sich ja mit der Bejahung der Leiblichkeit schwergetan haben, vor einem halben Jahrhundert als Blasphemie bezeichnet.

Doch selbst bei denjenigen, die ihr ganzes Leben in mönchischer Zucht dem Glauben geweiht haben, hat die Weltoffenheit zugenommen. Vielleicht aber auch hat sich die Teilhabe an der Welt nur gewandelt.Mönche haben von jeher das Feld bestellt, den Kräutergarten ohnehin, Bier gebraut, Likör destilliert oder ein anderes Handwerk betrieben. Nonnen haben, während die höheren Töchter noch auf ihre „gute Partie“ warteten, hingebungsvoll soziale Berufe ausgeübt. Und heute? Vielleicht macht beim Swiss Alpine Marathon wieder ein Weihbischof mit, und wir werden uns im Hotelbad in der Badehose begegnen. Die Formulierung Laufen als Körpergebet stammt von einem Benediktiner, dem Frater Michael Bauer. Er hat seine Gedanken über eine „meditative Laufschule“ in einem Buch niedergelegt: „Die Seele läuft mit“. Das wußten wir zwar längst, aber wir haben es nur anders ausgedrückt. Vielleicht auch haben wir allzu sehr im Laufen das Training gesehen, die zielgerichtete Anpassung des Körpers an eine höhere Belastungsstufe. Doch Laufen kann mehr als nur Training sein.

Frater Bauer aus St. Paul in Kärnten, der erst mit dreißig Jahren ins Kloster ging, hat versucht, Laufen und spirituelle Praxis zu verbinden.

Solche Versuche hat es schon gegeben: Von „Zen of Running“ (Fred Rohé, 1974) und „Zen Running“ (Leo Diporta) über „Glück des Laufens“ (von dem Psychotherapeuten Dr. Hans Hartkopf) über „Nach innen laufen“ (von dem Salzburger Psychologen Dr. Reinhold Dietrich, 1986) und "Meditation und Laufen" (von Klaus Richter, 1996) bis zu „Meditatives Laufen“ (von dem Sportpädagogik-Professor Wolfram Schleske, 1988). Hier nun finden wir den ecclesiogenen Aspekt. Und siehe da, Laufen erfüllt im Grunde genommen ein mönchisches Prinzip: „Ora et labora führt die Spiritualität aus dem geschützten Raum der Innerlichkeit in die offene Welt hinaus. Denn was nützt eine Spiritualität, die im geschlossenen Rahmen kurzfristig euphorische Gefühle erzeugt, aber wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt, sobald auch nur ein kleines Lüftchen weht.“  

Frater Michael Bauer

Frater Bauer verwendet viel Mühe darauf zu erklären, was Spiritualität ist und wie sie sich darstellt. Und ihm ist recht zu geben, wenn er schreibt: „Der Hunger nach spirituellen Werten, die in einer reizüberfluteten Zeit Orientierung verschaffen, ist heute so groß wie nie zuvor.“

Wer eines der üblichen Laufsachbücher erwartet hatte, den wird’s verdrießen. Erst nach einem Drittel des konzisen Buches, wenn vielleicht schon der Verdacht aufgetaucht ist, es handle sich um ein Erbauungsbuch, kommt der Autor zur Praxis. Michael Bauer gelingt es, die Leser in ihrer Lebenswelt abzuholen, sogar mich, der ich längst keiner Kirche mehr angehöre, sie in einer zupackenden, bildreichen Sprache ohne Salbaderei anzusprechen und nachdenklich zu machen. Dabei schöpft er aus einem anscheinend beträchtlichen Wissen auch über asiatische Versenkungstechniken. Die laufenden Mönche in Tibet waren mir nicht bekannt, und von der Antirrhetischen Kunst, nämlich die eigenen Schatten zu transformieren, habe ich bei ihm zum erstenmal gehört. Sein Ansatz: „Mit dem meditativen Laufen haben wir also das missing link gefunden, das Kettenglied, das Spiritualität und Alltag miteinander verbindet, wie es die Spiritualität des Ora und Labora, des Yin und Yang beabsichtigt.“

Im praktischen Teil werden Läufer den Läufer erkennen. In einem lauen Sommerregen das Hemd auszuziehen, das habe selbst ich noch nicht fertig gebracht. Gewiß wird sich auch Widerspruch regen, wenn der Autor beim spirituellen Laufen die Nasenatmung voraussetzt. Wenige werden ihm da folgen können, weil die meisten von uns wettbewerbs- oder zumindest leistungsorientiert laufen und wir dazu ein möglichst großes Luftvolumen schöpfen wollen, egal wie. Doch wenigstens reflektieren sollten wir darüber. Auch Atemtherapeuten beharren auf der Nasenatmung. Und was ist mit der chronischen Bronchitis im Alter, unter der auch ich leide? Ich werde mich wahrscheinlich nicht umstellen, und wie man einen Marathon mit Nasenatmung läuft, müßte der Autor noch beweisen. Doch ohne Diskussion keine Erkenntnis. Die „Bewegung aus dem Hara“ (worunter Japaner den Unterbauch verstehen) ist im Grunde nur ein anderes, ursprünglicheres Bild für einen runden Stil. „Herzensgebet“, Chakrenlauf, biblische Weisheitssprüche - bei Frater Bauer verbinden sich Elemente unterschiedlicher Kulturen zu einem harmonischen „Lebens-Lauf“.

Ich habe den Band mit Gewinn gelesen. Wenn man berücksichtigt, daß Rezensenten häufig nur diagonal lesen und in einer Stunde mit Hilfe des Waschzettels drei Bücher abfertigen - soweit kenne ich meine Kollegen -, ich hingegen das allerdings nicht umfangreiche Buch zweimal vollständig gelesen habe, so ist damit das Werturteil zur Genüge ausgedrückt.

Gelesen und beschrieben von Werner Sonntag

Frater Michael Bauer: Die Seele läuft mit.
Die meditative Laufschule für Fitneß und innere Harmonie
Integral Verlag, 2007. Geb., 186 S., 14,95 Euro
ISBN 978-3-7787-9174-5

PUT ME BACK ON MY BIKE

Vor 40 Jahren: Tragödie am Mont Ventoux – der erste berühmte Doping-Tote

Doping im Radsport ist momentan aktueller denn je. Es scheint so, dass im Profisport kaum einer „ohne“ gefahren ist (sofern er erfolgreich war). Es wird gelegentlich auch darüber geredet, dass Doping sogar eine tödliche Gefahr sein kann. Der erste berühmte Doping-Tote im Radsport fiel vor genau 40 Jahren vom Rad: Tom Simpson starb am 13. Juli bei der 13. Tour-de-France-Etappe auf dem Anstieg zum Mont Ventoux.

In Tom Simpsons Körper wurden Amphetamine (Aufputschmittel, die auch das Schmerzempfinden unterdrücken) und Alkohol gefunden. Der britische Radsport-Journalist William Fotheringham hat intensiv Simpsons Leben und Sterben recherchiert.

„Put me back on my bike“ ist mehr als nur eine Biografie eines ehrgeizigen Profiradsportlers in den 60er Jahren. Die spannende Geschichte dieses schillernden Mannes wird nicht chronologisch erzählt, sondern jedes Kapitel hat einen eigenen Schwerpunkt. Der Leser erfährt viel über die Hintergründe der damaligen Zeit: die Gesellschaft, der Sport, das Doping.

Simpson war ein einfacher Bergarbeitersohn, der als erster Engländer versuchte, auf dem Festland als Profi berühmt zu werden. Und er schaffte es sogar, wohlhabend zu werden. England fand plötzlich auch im Radsport Beachtung – nicht nur im Cricket oder anderen typisch britischen Sportarten. Und so war England bei jungen Menschen im Gespräch: durch Beatles und Rolling Stones – und Tom Simpson. Diese interessanten Zusammenhänge stellt der Autor vor, denn Simpson war Pionier. Der Radprofi wagte immer viel: bei seinen Ausbruchsversuchen, bei den Abfahrten, bei Trainingsmethoden… Bei seiner Ernährung probierte er viel aus, so beispielsweise frisch gepressten Karottensaft aus 4,5 kg Karotten täglich.

Der Autor macht es sich nicht leicht, nur das Doping als Ursache für den Tod Simpson anzuführen. Es führten wohl auch weitere Umstände zum Kollaps. So wurde beispielsweise in den 60er Jahren davon abgeraten, auf dem Rad zu trinken. Man sollte mit möglichst wenig Flüssigkeit auskommen. Empfohlen wurde dagegen, in salzigen Fisch zu beißen! Auch Simpson war offenbar bereits dehydriert, als er am Mont Ventoux ankam. Sein Helfer fiel in eine Bar ein, um etwas zu trinken zu besorgen: Er klaute einfach eine Flasche Brandy, die an der Theke stand (das war eine durchaus übliche Methode der Tourfahrer, wenn man zu durstig war)! Simpson nahm ein paar Schlücke aus der Flasche. Zusammen mit der Erhitzung seines Körpers (es war ein extrem heißer Tag) und den Aufputschmitteln führte die Überlastung dann zum Tod.

„Put me back on my bike“ waren angeblich die letzten Worte Simpsons, als er vom Rennrad fiel, aber der Autor vermutet, dass diese Aussage erst nachträglich erfunden wurde. Dennoch -  passen würde der Spruch zu ihm. Was ihn auch charakterisiert: Er hat Formulierungen mit „Wenn“ und „hätte“/ „wäre“ aus seinem Wortschatz gestrichen. Es gibt keine Ausrede „Wenn das so gewesen wäre, dann hätte ich gewonnen“ u.s.w. Er hat jede Situation so genommen, wie sie war und das Optimum aus sich herausgeholt. Das ist wohl die Psyche von Siegertypen.

Daher: Ein sehr lesenswertes Buch, nicht nur für Radsportinteressierte.

Gelesen und beschrieben von Birgit Schillinger

William Fotheringham: „Put me back on my bike“.
Die Tom Simpson Biografie
Bielefeld, Covadonga Verlag 2007. 286 Seiten. 19,80 Euro.
ISBN 978-3-936973-29-7

Leidenschaft Marathon

Die Leute sehen mich immer auf einem Podest. Wenn sie mich dann aus der Nähe sehen und erleben, stellen sie erstaunt fest, dass ich doch eigentlich ganz normal bin.“ Diese Tatsache war für Katrin Dörre-Heinig, die auf eine lange und einzigartige Karriere zurückblickten kann, auch ein Anlass für die Entstehung ihres Buches „Leidenschaft Marathon“, wie sie bei der Vorstellung erklärte.

Das Buch ist keine Biografie im eigentlichen Sinn, denn ebenso konsequent, wie Katrin Dörre-Heinig in ihrer sportlichen Laufbahn war, bleibt sie auch in dieser Angelegenheit. Sie konzentriert sich auf das Wesentliche, das ihre Person für die breite Leserschaft interessant macht: den Sport und alles, was in direktem Zusammenhang damit steht. Darüber hinaus gibt sie zwar zwangsläufig auch Einblicke in ihr Privatleben, aber ohne zuviel preiszugeben.

Als Co-Autor agierte Christoph Külzer-Schröder, der auf Altbewährtes zurückgreift und die Erinnerungen der Marathonlegende in einen Marathonlauf einbettet.

Die Übergänge sind dabei nicht immer gelungen, oft wirkt es zu konstruiert, manchmal holprig. Diese Defizite werden jedoch ausgeglichen durch die Emotionalität und die Natürlichkeit, mit der Katrin Dörre-Heinig ihre Erlebnisse Revue passieren lässt. Die Geschichten sind spannend, aber einfach erzählt. Die Autoren verzichten auf eine perfekte sprachliche Gestaltung, es ist so geschrieben, wie Katrin Dörre-Heinig es auch einfach so erzählen würde.

Der Leser lernt in dem mit vielen Fotos versehenen Buch vor allem die Sportlerin kennen. Er verfolgt anhand ihrer Schilderungen, mit welcher Bedingungslosigkeit die ehrgeizige Läuferin ihr Leben dem Sport unterordnete, auch wenn sie „kein Kind von Traurigkeit war“, wie sie es bei der Vorstellung formulierte und was in einzelnen Episoden auch immer wieder zum Ausdruck kommt.

Das Buch steigt mitten im Geschehen ein und beginnt mit Katrin Dörre-Heinigs größtem Triumph, dem 3. Platz bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul. In den folgenden Kapiteln erzählt Katrin Dörre-Heinig über Höhen und Tiefen in ihrer sportlichen Karriere, die Zeit in der DDR, erste „Gehversuche“ im wiedervereinigten Deutschland und ihre Liebe zu Japan.

Stolz erinnert sie sich an ihre Erfolge, beschönigt aber ebenso wenig die Niederlagen. Tief greifend waren für die in Leipzig aufgewachsene Sportlerin die politischen Veränderungen des Jahres 1989. Diese kamen für sie gerade noch früh genug, denn nach der Geburt ihrer Tochter hatte sie eigentlich bereits mit dem Leistungsport abgeschlossen. Durch den Zusammenbruch der DDR jedoch eröffneten sich auch für sie neue Möglichkeiten und sie wagte den Schritt zurück in den Leistungssport. Die DDR spielt natürlich eine große Rolle in diesem Buch, wer jedoch eine Abrechnung erwartet, liegt falsch. Im Großen und Ganzen bezieht Katrin Dörre-Heinig hier keine Position, auch wenn sich ab und zu ihr Ärger über die Willkür der Funktionäre Bahn bricht. Auch die Thematik um Stasi und Staatsdoping bleibt ausgeklammert. Eines wird jedoch deutlich: Wer sich nicht an die Spielregeln des totalitären Regimes hielt, flog raus aus dem Kader und der Sportförderung. Katrin Dörre-Heinig schildert diesen Balanceakt, betont aber, dass sie trotz aller Schwierigkeiten stets stolz darauf gewesen sei, für ihr Land zu starten.

Gelesen und beschrieben von Antje Krause

Leidenschaft Marathon
von Katrin Dörre-Heinig / Christoph Külzer-Schröder
Agon Sportverlag. 222 Seiten im Hardcover. 16,90 €
ISBN 978-3-89784-282-3

Laufen und Lauftherapie

Ein Lesebuch

Das Buch ist, wie auf der Umschlagseite vermerkt, Prof. Dr. Alexander Weber gewidmet, dem „Vater der deutschen Lauftherapie-Bewegung“ sowie Initiator, Mitbegründer und langjährigen 1. Vorsitzenden des Deutschen Lauftherapiezentrums (DLZ). Es ist anlässlich des gerade abgeschlossenen 15. Aus- und Weiterbildungskurs von LauftherapeutInnen erschienen. Die DLZ-Dozenten Dr. Arwed Bonnemann, Jochen Grell und Klaus Richter haben zahlreiche Beiträge von langjährigen Weggefährten Webers, Dozenten-Kollegen, Freunden des DLZ und ausgewiesenen Kennern der Laufszene sowie Personen, die von Weber zum und in ihrem Laufen nachhaltig inspiriert wurden, zusammengestellt.

Bewusst sollte Raum auch zu vielfältiger literarischer Auseinandersetzung mit dem Thema sein. Entstanden ist „ein Lesebuch“, das neben aller Fachlichkeit vielfach die Berührtheit der VerfasserInnen mit zum Ausdruck bringt, ihre Laufmotive und Motivationsdynamiken, ihre Erfahrungen und individuellen Interpretationen sowie Reflexionen über tiefgreifende Verbindungen von Laufen und Leben. Inhalte und Formen belegen die vielfältigen Zugangsmöglichkeiten, stehen für eine lebendige geistige Auseinandersetzung mit Laufen und sich selbst und machen beim Lesen neugierig auf die noch folgenden Beiträge. Dabei wird in der Einleitung „Freiheit für lesende Läuferinnen und Läufer!“ proklamiert: „Jede und jeder mag dahin laufen, äh, lesen, wohin er oder sie will.“

Die Beiträge sind 4 Themenbereichen zugeordnet. Im Mittelpunkt der „Einleitung“ steht – wie für eine Festschrift zu erwarten – der Protagonist: die Person Alexander Weber, seine Entdeckungen, Ausarbeitungen, Wegweisungen und Visionen – geschildert im Spiegel von Begegnungen, Zusammenarbeit und freundschaftlicher Verbundenheit. Bei „Laufen als Therapie. Aus der Arbeit des DLZ“ werden die konzeptionellen Grundfeiler der Lauftherapie und der Ausbildung von LauftherapeutInnen dargestellt, deren Praxis beleuchtet und aktuelle Weiterentwicklungen aufgezeigt. In „Denken und Forschen“ kommen anthropologische, sozio-kulturelle und psychologische Fragen zur Sprache und Klärung. In „Die persönliche Erfahrung“ wird ein biographischer Bogen vom Laufeinstieg bis hin zum lebenslangen Laufen gespannt. Dabei geht es genauso um den Wenig- wie auch um den Vielläufer.

Die Beiträge im Einzelnen.

Kap. 1:

Kap. 2:

Kap. 3:

Kap. 4:

Ein Buch, das auf persönliche und unterhaltsame Art und Weise die Bedeutung des Laufens für Gesundheit und Wohlbefinden hervorhebt bzw. unterstreicht. Ein Buch über die Philosophie, Lehre und Praxis des Deutschen Lauftherapiezentrums (DLZ), das seit bald 20 Jahren erfolgreich im Dienst der Gesundheit steht. Kein Lehr- sondern ein Lesebuch, bunt, abwechslungsreich und kurzweilig, zuweilen humorvoll geschrieben, ein Buch zum Schmökern. Letztendlich eines, das beim Lesen immer wieder Lust auf’s Laufen selbst macht. 

Gelesen und beschrieben von Wolfgang W. Schüler

Laufen und Lauftherapie. Ein Lesebuch
Arwed Bonnemann, Jochen Grell und Klaus Richter (Hrsg.)
Regensburg: LAS-Verlag, 2006, 226 S., 14,80 €
ISBN 10: 3-89787-160-2

Laufen und Walking im Alter

Ein Thema ist es schon immer gewesen: Laufen im Alter. Wie geht es weiter, wenn die persönliche Marathon-Bestzeit niemals mehr erreicht werden wird? Im allgemeinen ist eine solche Frage nur im stillen Kämmerlein gestellt worden. Doch unter dem Eindruck der demographischen Veränderungen in Deutschland ist Sport im Alter seit einigen Jahren zu einem Thema geworden, das in Symposien und Workshops diskutiert wird. War es früher die Ausnahme, wenn jemand nach dem Eintritt ins Rentenalter mit dem Laufen und gar mit dem Wettkampfsport begann, so wird heute zumindest das Walking als Prävention und als Rehabilitation gerade der älteren Jahrgänge empfohlen und gegen Jogging wie auch gegen den Marathon im dritten Lebensabschnitt selbst von nicht laufenden Ärzten nichts (mehr) eingewendet.

Dieter Kleinmanns Buch kommt zum rechten Zeitpunkt. Statt immer noch mit einem weiteren Laufbuch in den Auflagen-Wettlauf einzutreten - manchmal um den Preis der Seriosität -, ist ein Verlag gut beraten, wenn er sich mit einer Neuerscheinung einem Spezialthema widmet. Seit Israel/Weidners „Körperliche Aktivität und Altern“ (1988) und dem „Handbuch Alterssport“ von Heinz Denk (2003) ist meines Wissens keine deutschsprachige Buchveröffentlichung erschienen, die für Probleme von Altersläufern relevant wäre. Dieter Kleinmanns jüngstes Werk schlägt die Brücke von der Wissenschaft zur ärztlichen Praxis und zur Praxis des Laufens und Walkings überhaupt. Langjährig ambitionierte Läufer begegnen heute ihrem Doktor durchaus auf Augenhöhe. Insofern ist der Band, auch wenn er nicht zur Ratgeberliteratur zählt, auch für sie interessant, für Lauftrainer mit einer betagten Klientel ohnehin.

Dr. Kleinmann hat sich nicht an einen Trend - die Thematisierung von Sport im Alter - angehängt; er wirft nicht jährlich ein Buch auf den Markt, wiewohl dies nach „Laufnebenwirkungen“ so scheinen könnte. Ich weiß aus früheren Gesprächen, daß dieses Buch „Laufen und Walking im Alter“ seit Jahren im Manuskript schlummerte; doch der Autor mochte bei der Buchrealisierung keinerlei Kompromiß, etwa den Verzicht auf die 15seitige Bibliographie, eingehen. Recht hat er. Denn eine solche ausführliche Bibliographie, so langweilig sie wirkt, kann eine Fundgrube sein. So ist das Buch Jahre hindurch gewachsen, immer wieder genährt durch die Kasuistik aus der eigenen internistischen Praxis, die in hohem Maße von Läuferinnen und Läufern aufgesucht worden ist. Wenn man dazu nimmt, daß Kleinmann seinem Patienten-Potential, seinen „Probanden“, weniger im weißen Mantel begegnet ist, als vielmehr auf der Laufstrecke, wovon auch die Fotos zeugen, kann man ein authentisches Buch aus der Läufer-Wirklichkeit erwarten.

Im Blick bleibt die sportärztliche Fragestellung „Fit im Alter, aber wozu?“ Im ersten der vier Hauptteile behandelt Kleinmann die gesundheitlichen Auswirkungen der Dauerleistung. Die Alterungsprozesse ähneln verblüffend den Folgen von Bewegungsmangel; durch Bewegung lassen sie sich günstig beeinflussen. Höchstwahrscheinlich haben die Leser der Zielgruppe manches auch woanders gelesen; Dr. Kleinmann übernimmt jedoch Erkenntnisse nicht einfach, sondern prüft sie immer an Hand von Primärquellen (daher die umfangreiche Bibliographie). Insofern eignet sich der Band auch gut zum Nachschlagen. Es versteht sich, daß Dr. Kleinmann auf dem aktuellen Stand ist. Manche hypothetische Behauptung ist durch Studien und Beobachtungsreihen erst in den letzten Jahren verifiziert worden, und sei es die des Slogans „Langläufer leben länger“.

Insbesondere aus dem Kapitel „Ärztliche Untersuchung“ spricht der - auch kardiologisch - erfahrene Praktiker; er rät beim Belastungs-EKG eindringlich zur „symptomlimitierten Belastung“ auf dem Ergometer. Nur dann, zusammen mit einer Echokardiographie, könne man einer Herzerkrankung auf die Spur kommen. Eine der übersichtlichen Tabellen des Buches führt die Kontraindikationen auf. Das Kapitel Training faßt zusammen, was jeder praktische Arzt, der Läufer in seinem Wartezimmer hat - wer heute eigentlich nicht? -, wissen sollte. Sicherlich ist es auch für Läufer, die sich durch zahlreiche Wettkampfteilnahmen im Zentrum der Laufszene bewegen, nützlich, Überlastungs-Zeichen bei Sportfreunden zu erkennen. Für Läufer wie mich ist es wohltuend, bestätigt zu bekommen, daß das subjektive Befinden, der Gesundheitszustand, die Beurteilung des Trainings oder Wettkampfes verläßlicher sind als die alleinige Pulsmessung.

Wissenschaftliche Erkenntnisse, die zu Gemeinplätzen geworden sind, werden kritisch hinterfragt, so zum Beispiel im vierten Hauptteil die einseitige Darstellung, um nicht zu sagen: Verteufelung, der freien Radikalen. In diesem Kapitel werden Laufen und Walking unter den Aspekten von Streß und chronischen Erkrankungen gesehen. Dabei wird insbesondere Herzerkrankungen - der häufigsten Todesursache - ein besonderes Augenmerk geschenkt.

Dr. Kleinmann hat mit seinem jüngsten Buch nicht nur thematisch eine Lücke geschlossen, sondern abermals auch häufig abstrakt wirkende wissenschaftliche Studien pragmatisch in Beziehung zur therapeutischen und zur läuferischen Praxis gesetzt. Daher ist der Band sowohl Medizinern als auch Läufern, die nach qualifizierter Information zumal in Problemfällen streben, sehr zu empfehlen. Der Autor demonstriert zudem wieder einmal, daß man ohne Verlust an akademischer Seriosität allgemeinverständlich schreiben kann, und das bedeutet: auch für diejenigen, um die es hier geht.

Gelesen und beschrieben von Werner Sonntag

Dieter Kleinmann: Laufen und Walking im Alter
Gesundheitliche Auswirkungen und Trainingsgrundsätze aus sportmedizinischer Sicht
Springer Wien/New York, 2006. 172 S., 66 Abb. Brosch. 24,90 Euro. ISBN 3-211-33613-3

Laufen, Leben, Lesen – Lass dir Zeit dabei

Schlaf und Strecke

Herburgers „Schlaf und Strecke“ ist keine leichte Kost. Der Mann rennt durch die Welt, nimmt an den verschiedenen Ultra-Marathons teil – und doch passen seine Laufbeschreibungen nicht in ein Schema. Herburger ist in erster Linie Schriftsteller, der beim Laufen genau beobachtet und sich – ungewöhnliche – Gedanken macht. Es geht ihm nicht um das Sportliche, auch nicht um das Touristische.

Er lässt Wissen und Spekulationen einfließen: Da ist auch für Läufer, die ebenfalls bei diesen Langstreckenrennen (von Comrades bis La Réunion) schon mitgemacht haben, sicher viel Überraschendes dabei.

Günter Herburger sieht sich in der Tradition von Humboldt: Man sollte alles in sich aufsaugen – von den Fakten bis zur Illusion, von der Wahrnehmung bis zur Halluzination. Aufsaugen und Wiedergeben. Läufer sind moderne Bildungspioniere. Die Teilnahme an weltweiten Ultraläufen ist für Herburger Vagabundieren und Philosophieren zugleich. Wenn er - oft anspruchslos - seine Unterkunft auswählt oder sich ermogelt, kommt durch, dass er schon in den 50er Jahren vagabundierend durch die Welt gezogen ist. Das Leben auf der Straße faszinierte den sozialistisch orientierten Autor schon immer – nun holt er es in Laufschuhen nach. Wie er anspruchsvolle, teils schwer verständliche Assoziationen mit den bekannten Leiden eines Langstrecklers (Umstieg auf Fettverbrennung, schmerzende Muskeln, psychische Zweifel an der physischen Stärke) verknüpft – das macht den Reiz dieser ruhigen Erzählungen aus, die dahin tippeln wie einer, der genug Zeit zum Nachdenken hat.

Herburger, 1932 im Allgäu geboren, lebt als Schriftsteller in München. Seit 25 Jahren läuft er. Inzwischen hat er auch die Extrem-Ultralangstrecken ausgetestet. Herburger ist dabei auch kein typischer Läufer. Er raucht auch mal gerne eine Zigarette. Und beim Berliner Marathon beschreibt er seine Anreise, seine Vorbereitungen - und reist dann am Start angesichts der Menschenmassen schleunigst wieder ab.

Schlaf und Strecke
von Günter Herburger
Roman, 349 Seiten.
A1 Verlag München 2004 - ISBN 3927743747

Gelesen und beschrieben von Birgit Schillinger

Trainingstipps in (Buch-)Hülle und Fülle

Jetzt rückt die Zeit der Suche nach Weihnachtsgeschenken näher. Anschließend folgt eine kurze Periode der guten Vorsätze - das Training, die Häufigkeit, die Umfänge, das Gewicht u.s.w. betreffend. Wer hierzu Lektüre sucht und noch mit Triathlon liebäugelt, wird beim Sportwelt Verlag fündig. Der Verlag hat sich bisher auf seriöse Trainingsbücher hauptsächlich für Triathleten spezialisiert.

Neben dem Ratgeber "Mentales Training für Triathleten" (siehe LaufReport-Besprechung) sind auch die Bücher "Trainingspläne für Triathleten" und "Lauftraining für Triathleten" eine Fundgrube an Trainingsplänen und Tipps, wie man sich auf bestimmte Wettkampfziele vorbereitet. Beide Trainingsbücher umfassen über 360 Seiten, sind also richtige "Wälzer". Sie verzichten auf modische Fotos (die eh so schnell veralten), sondern liefern lieber theoretisches Wissen, ungestützt durch Tabellen und Grafiken.

In "Trainingspläne für Triathleten und andere Ausdauersportler" vermittelt die 50-jährige Autorin Gale Bernhardt ihre Erfahrungen als amerikanische Nationaltrainerin (Triathlon). Es gibt hier Trainingspläne für langfristige Vorbereitung: ein halbes bzw. ganzes Jahr für Mittel- und Langdistanz bzw. olympische Distanz, auch Programme für einen kurzfristigen Aufbau (für Sportler mit wenig Zeit) sowie Trainingspläne für das Ziel, schnellere Zeiten zu erreichen. Fallbeispiele und Zitate ergänzen den umfangreichen Ratgeber.

Sehr ähnlich detailliert und umfassend ist "Lauftraining für Triathleten und Marathonläufer". Ken Mierke, 40-jähriger amerikanischer Profi-Trainer (Triathlon, Radsport), legt beispielsweise Wert auf einen korrekten Laufstil. Er stellt zudem das Koppeltraining - die Kombination des Trainings von Laufen und Radfahren - vor, ein hartes, aber wirkungsvolles Trainingsmittel für Triathleten. Entgegen der früheren Ansicht, dass Radfahren Läufer langsamer macht, kann der heutigen Meinung nach das Radfahren die Laufleistung steigern - vorausgesetzt die Sitzposition und der runde Tritt stimmt.

Auch in diesem Ratgeber sind - wie bei Bernhardt - Ernährung sowie Krafttraining ein wichtiges Thema.

Gelesen und beschrieben von Birgit Schillinger

Trainingspläne für Triathleten und andere Ausdauersportler
von Gale Bernhardt
- auch für Duathleten, XTERRA, Kurz-, Mittel- und Langdistanz.
384 Seiten, Preis 26,95 EUR

Lauftraining für Triathleten und Marathonläufer
von Ken Mierke
380 Seiten, Preis 24,95 EUR
beide im Sportwelt Verlag

Warum Cooper Aerobics erfand

Theoretiker der Lauf-Gesundheit

An Persönlichkeiten kann man sehr wohl - als Antithese zur materialistischen Geschichtsauffassung - Geschichte festmachen. Laufgeschichte ist nicht nur die Geschichte von Läufern und des Laufens. In dem Band "Warum Cooper Aerobics erfand" werden elf große Theoretiker der Lauf-Gesundheit oder vielmehr des Gesundheitslaufs dargestellt; in ihren theoretischen Interpretationen, der Wirkung ihrer Publikationen und Aktivitäten, spiegeln sich Facetten und Entwicklungen des Gesundheitslaufes.

Für jeden der elf Porträtierten gibt es gute Gründe, ihn in einen solchen Band aufzunehmen. Nur wo wird aus der Praxis die Theorie, wie grenzt man Theorie von der Praxis ab? Abgesehen davon, daß ich als Autor eines Beitrags diesen Band nicht objektiv rezensieren kann, bestünde der kritische Ansatz in der Problematik der Auswahl. Nicht, daß nicht jeder der elf seinen Platz verdiente: Ernst van Aaken, Kenneth H. Cooper, Arthur Lydiard, John H. Greist, Thaddeus Kostrubala, George A. Sheehan, Alexander Weber, Joan L. Ullyot, Gerhard Uhlenbruck, Carl-Jürgen Diem und Dieter Kleinmann.

Doch ist die Geschichte der Lauftheorien nicht von vielen mehr geschrieben worden? Muß man nicht mit GutsMuths beginnen, geht die Bewußtmachtung der Körperlichkeit nicht auf Rousseau zurück? Haben nicht Hufeland, Seume, Schopenhauer kluge Gedanken zur Bedeutung des Bewegungstrainings beigesteuert? Hat nicht Carl Diem durch sein Vorbild und seine Aktivitäten im "Komet" Grundlagen des Volkslaufs gelegt, indem er den Sport von der "Schaustellerei" abhob? Markiert Otto Hosse nicht den Beginn der deutschen und schließlich international ausstrahlenden Volkslaufbewegung? Haben Arthur Lambert, der als Trainer das Ausdauertraining in den Vordergrund stellte und der Interessengemeinschaft älterer Langstreckenläufer vorstand, sowie der Druckerei-Besitzer Enzio Busche die Lauftreffs ins Leben gerufen, die Jürgen Palm dann zum Schwerpunkt einer seiner DSB-Aktionen machte? Solche Namen stehen auch für diejenigen, die entweder sich selbst vom Läufer-Marktplatz zurückgezogen haben - wie Professor Klaus Jung - oder in die Vergessenheit gedrängt worden sind - wie Dr. Hans-Henning Borchers, der Gründungs- und langjährige Vorsitzende des Deutschen Verbandes langlaufender Ärzte und Apotheker. Sie alle waren nicht nur kraft ihrer Funktion Theoretiker des Gesundheitslaufes, sondern ihrer eigenständigen Beiträge wegen. Auch Manfred Steffny, der Laufjournalist und Verleger, ist mehr als nur ein reproduzierender Journalist gewesen. Die wissenschaftlichen Untersuchungen insbesondere in der DDR (Siegfried Israel) erbrachten wichtige Grundlagen, von denen die Gesundheitspolitik erst heute profitiert. Kurz, leicht ließe sich ein dickleibiges Handbuch "Who is who?" der Theoretiker zusammenstellen und bis in die Gegenwart fortführen.

Es ist das Verdienst der beiden Herausgeber, es nicht beim Nachdenken über Möglichkeiten belassen, sondern die Idee - in welcher Form auch immer - umgesetzt zu haben. Auf diese Weise ist ein eigenständiger Band zur Theorie des Gesundheitslaufs entstanden, mit dem eine Anzahl von Details, Erinnerungen, zum Teil auch persönlichen Einschätzungen der Vergessenheit entrissen wird. Die diffus erscheinende Entwicklungsgeschichte hat Gesichter bekommen.

Der Titel leitet sich von Kenneth H. Cooper her, der für die amerikanische Luftwaffe einen Fitneß-Test und ein Trainingsprogramm entworfen hat, wobei er mit dem Begriff "Aerobics" die grundsätzliche Bedeutung des aeroben Trainings betonte. Er goß damit Erkenntnisse in ein System, die vorher schon Ernst van Aaken in der Bundesrepublik Deutschland, allerdings ohne ausreichende wissenschaftliche Unterfütterung, postuliert hatte. George Sheehan war der philosophische Kopf der amerikanischen Laufbewegung. Thaddeus Kostrubala entdeckte am eigenen (massigen) Leib die psychischen Wirkungen des Laufens - Wolfgang Schüler hat das sehr anschaulich geschildert -, John H. Greist arbeitete über das Thema Laufen und Depression. Joan L. Ullyot, die einzige Läuferin unter den elf, förderte den Frauenlauf. Arthur Lydiard und Carl-Jürgen Diem (Klaus Richter schildert das Darmstädter Modell) kamen von der Praxis her, blieben aber dabei nicht stehen. Der Immunbiologe Gerhard Uhlenbruck fand insbesondere im Alter zur Psychoneurobiologie unter dem Aspekt des Laufens und untersuchte mögliche Wirkungen auf Krebserkrankungen. Alexander Weber näherte sich dem Laufen auf dem Wege der Verhaltenstherapie und begründete das Deutsche Lauftherapiezentrum. In Dieter Kleinmann erblicke ich den praktischen Läuferarzt, der sich jedoch nicht auf seine internistische Praxis beschränkte, sondern sowohl eigene Einsichten als auch die jeweils aktuelle Literatur in Buch- und Zeitschriften-Veröffentlichungen dokumentiert.

Ganz sicher präsentieren Alexander Weber und Wolfgang W. Schüler in den Porträtierten höchst unterschiedliche Ansätze und Konzepte; damit spiegeln sie die Vielfalt der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Laufen wider. Dennoch, es ist keine wissenschaftliche Publikation entstanden, sondern eine für jedermann lesbare Dokumentation. Einige Fragen, die an die noch erreichbaren Theoretiker gerichtet waren, fokussieren jeweils die Absicht der Herausgeber.

Gelesen und beschrieben von Werner Sonntag

Alexander Weber/ Wolfgang W. Schüler (Hrsg.):
Warum Cooper Aerobics erfand
11 große Theoretiker der Lauf-Gesundheit.
LAS-Verlag, 2005. 184 S., kart. 14,80 Euro. ISBN 3-89787-169-6

"Schnelligkeit für alle" & "Lauffreude für Frauen"

- zwei Bücher aus dem TibiaPress-Verlag

Manchmal nimmt der Läufer doch gerne ein gutes Buch zur Hand – und schlägt Trainingspläne nach, lässt sich von Tipps neu motivieren, liest Hinweise bei Verletzungen, schaut sich schöne Bilder an. Bei aller Liebe zum Internet – etwas Lektüre im Regal kann nützlich sein.

Jeder weiß inzwischen, dass ein Training im immer gleichen Tempo keine Fortschritte bewirkt, wenn man schneller werden will. Und irgendwann will jeder mal schneller werden. Deshalb greifen ambitionierte Läufer zum Tempotraining. Das ist zwar allgemein bekannt, doch auch als Fortgeschrittener ist man für Anregungen dankbar.

In „Schneller werden“ von Hal Higdon finden sich Programme für 5 Kilometer, 10 Kilometer, Halbmarathon und Marathon. Es wird erklärt, wie schnell die Intervalle zu laufen sind, wie man die Pausen gestalten sollte. “Intervalltraining – richtig gemacht – erhöht das Tempo eines Läufers schneller als jede andere Trainingsmethode.“ Der Autor betont auch, dass Regeneration und Pausentage wichtig sind, auch lockere Lauftage. Dass man aber mit nur superlangsamem, langem Dauerlauf schneller wird, das bezweifelt er. Wie gesagt, es geht hier um das Schneller-Werden. Dazu gehört auch das Kräftiger-Werden, und so ergänzen Tipps für Sprints und kräftigende Gymnastik diesen Ratgeber.

Schön aufgemacht ist die überarbeitete Auflage von „Das große Laufbuch für Frauen“. Brauchen Frauen wirklich eigene Laufbücher? Diejenigen Frauen und Männer, die leistungsmäßig Laufsport betreiben, trainieren wohl kaum unterschiedlich. Und doch: Frauen sind oft anders motiviert und anders entmutigt als Männer. Wären solche Sätze in einem Männer-Laufbuch denkbar?: (Zum Thema Talent)

„Also verzweifeln Sie nicht und jammern Sie nicht wegen Ihrer Veranlagungen. Akzeptieren Sie einfach, dass Ihre körperlichen natürlichen Veranlagungen reine Glücksache sind. Statt Ihre Zeit damit zu verschwenden, sie ändern zu wollen, sollten Sie lernen damit umzugehen.“

Durch das ganze Buch zieht sich ein roter Faden: die Motivation „Think positive!“. „Aus jedem Lauf sollten Sie mindestens ein Erfolgserlebnis ziehen.“ Wer es schafft, diese Einstellung zu verinnerlichen, ist nicht nur eine glücklichere Läuferin, sondern auch ein glücklicher Mensch.

Für beide Bücher gilt: Es ist die amerikanische Grundeinstellung, optimistisch das eigene Leben/Training in die Hand zu nehmen. „Es liegt an dir, was du aus dir machst!“ So ein Motivationsschub in Form einer Lektüre zwischendurch kann ja nicht schaden.

Gelesen und beschrieben von Birgit Schillinger

Hal Higdon: Schneller werden. Tempotraining für alle Distanzen.
Mülheim TibiaPress.
266 Seiten. 15,00 €

Dagny Scott: Das große Laufbuch für Frauen. Schlank, fit und mehr Power durch Bewegung.
TibiaPress. 374 Seiten. 19,50 €

TE-FR-Protokolle

Bereits vor dem Transeuropalauf war das Buch darüber angekündigt worden; schreiben sollte es Jürgen Ankenbrand, der für die Public relations des Transeuropalaufs zuständig war. Nur leider hat wohl keiner rechtzeitig gemerkt, daß seine Muttersprache in den USA erheblich Not leidet; das stellte sich erst bei der täglichen Berichterstattung heraus. Und wie immer, wenn bei diesem Unternehmen Not am Mann war, - Ingo Schulze, der Chef-Organisator, machte nun auch das Buch selbst.

Der Weg zum Buch ist heute leicht. In wenigen Tagen, ja, man kann sagen, in Stunden läßt sich das, was man am Computer getippt hat, in Drucktypen konvertieren, am Bildschirm umbrechen, auf einem Automaten drucken und durch die Bindestraße schieben, fertig.

Der jüngste Schritt - der Anfang liegt auch schon wieder Jahre zurück - ist, daß man preiswert Kleinauflagen herstellen kann, ja nur die Menge zu drucken braucht, die gerade gebraucht wird, und sei es ein einziges Exemplar. Dieses book-on-demand-Verfahren (Bod) ist von der Engelsdorfer Verlagsgesellschaft mit gutem Recht in BaB (= Buch auf Bedarf) eingedeutscht worden. Die Gefahr bei BaB ist jedoch, daß ein Buch schneller realisiert werden kann, als der Autor oder Herausgeber zu denken imstande ist. Der auf diesem Gebiet unerfahrene Ingo Schulze (nicht zu verwechseln mit einem Schriftsteller desselben Namens!) ist dieser Gefahr voll erlegen. Die Arbeitsschritte früher hatten Zeit zu Nachbesserungen gelassen, wenngleich dann jeder Setzer dabei über Autoren und Lektoren geflucht hat, die ihr Werk nicht loslassen konnten. Heute liegt schwarz auf weiß vor, was wenige Tage zuvor im Rechner noch ein Chaos und sei es ein schöpferisches gewesen ist. Wer früher ein Buch verlegte, mußte erst einen Verlag finden, und der Verlag, der ja damit Geld verdienen wollte, optimierte das Werk durch sein Lektorat oder sogar eine Abteilung Dokumentation, und in der Druckerei saßen Korrektoren, die nicht selten in Orthographie besser beschlagen waren als mancher Deutsch-Lehrer. Auch wer heute zu einem jener Verlage geht, die ihr Geschäft überwiegend nur mit der Eitelkeit ihrer Kunden machen, wird dafür, daß er weit mehr als nur die Druckkosten zahlen muß, wenigstens durch einen Lektor entschädigt. Beim Book on demand ist häufig der Autor selbst Auftraggeber, und keine Kontrollinstanz steht dazwischen. Jedes falsche Komma wird vom Rechner ungebremst in den Druck übertragen. Ach, was rede ich von Kommata. Die Leser werden es ja selbst sehen. Allerdings meine ich, in der seriösen Verlagsstadt Leipzig hätte sich jemand finden müssen, der den Autor auf seine Schwäche aufmerksam gemacht hätte. Da in der Laufszene einiges publiziert wird, das von Professionalität weit entfernt ist, scheinen mir diese Bemerkungen als konstruktiver Beitrag angebracht.

Zum Inhalt: Wer sich über den Transeuropalauf informieren wollte, hat dazu reichlich Gelegenheit gehabt - vom Internet bis zu Zeitungsartikeln und Fernsehbeiträgen. Ein Buch muß also nicht mehr ausführlich über Bekanntes informieren. Gleichwohl sollte es eine Dokumentation darstellen. Doch wen interessieren Gesprächsprotokolle von den vorbereitenden Reisen nach Lissabon und Moskau? Es ist ja erfreulich, daß sich Ingo die Namen der vielen Gesprächspartner gemerkt hat - darum beneide ich ihn -, aber was bringt das den Lesern eines Buches ein Jahr später?

Das Buch beginnt mit Schwung, das Vorwort ist bereits ein Resümee, während man eine Zusammenfassung am Schluß vermißt. Die Aspekte, die Ingo Schulze bei seiner Rückbesinnung abdeckt, sind das, was Mehrtage-Läufer erwarten. Der Autor läßt es dabei an Realismus nicht fehlen. Die spröde Teilnehmersatzung mag als Dokumentation akzeptiert werden. Einen wertvollen Beitrag hat Markus Müller mit einem Rückblick auf die bisherigen Transkontinentalläufe geleistet. Dann aber werden die Schwächen des Buches überdeutlich. Eine davon ist: Ingo Schulze unterbricht eine Darstellung durch seinen Kommentar, und man weiß nicht, wo ein Zitat aufhört und Ingo Schulze wieder in Erscheinung tritt. Es kommt immer wieder zu überflüssigen Wiederholungen. Wir wissen nun seit der Titelseite, daß Ingo Schulze den Transeuropalauf organisiert hat; auf Seite 52 wird es uns mitgeteilt. Und als ob wir das nicht auf Seite 52 gelesen hätten, wird auf Seite 53 berichtet, daß Manfred Leismann die Strecke geplant habe. Leismann schildert später ohnehin ausführlich seine Vermessungsreisen. Und damit beginnt das Klein-Klein. Wen interessiert noch die Mahnung an die Fahrer: Denkt an die Grüne Versicherungskarte! Und daß man sich wegen medizinischer Fragen an Dr. Z. wenden solle. Beim nächsten Mehrtage-Lauf wird es sicher ein anderer Arzt sein. Manche Information, die scheinbar mit dem Lauf nichts zu tun hat, ist hingegen durchaus angebracht. Ich habe hier zum erstenmal die Umstände des Todes von Guus Smit erfahren. Insgesamt jedoch hinterläßt das Buch den Eindruck, sein Autor habe alle seine Protokolle und Gesprächsnotizen chronologisch aneinandergereiht.

Erst auf Seite 139 des 303seitigen Buches beginnt der Transeuropalauf. Und damit beginnt die Dokumentation von Unzuträglichkeiten - Ingo Schulze läßt Dampf ab, fortan beinahe auf jeder Seite. Ob beispielsweise sein Seitenhieb auf Teilnehmer, die sich in einem Lokal deshalb zu ihm gesetzt hätten, damit er die Zeche für sie zahle, berechtigt ist, mag die Betreffenden etwas angehen, aber die Leser interessiert es nicht im geringsten. Nicht, daß seine Klagen über die Ansprüche oder die Uneinsichtigkeit von Teilnehmern und auch über die Verhältnisse in Weißrußland und Rußland nicht berechtigt erschienen - doch da Humor seine Sache nicht ist, stellt sich beim Leser - jedenfalls mir ist es so ergangen - schließlich Mitleid ein. Ist es das, was ein solches Buch erreichen will? Ich habe den Eindruck, daß ein kräftiges Donnerwetter unterwegs die offenbar gewitterschwüle Atmosphäre der Gruppe bereinigt hätte. Stattdessen hat er sich den Ausdruck dessen, daß er die Schnauze voll habe, bis zuletzt aufgespart, und das war nun sicher der falscheste Zeitpunkt. Ingo Schulze erklärte seine Aufgabe mit dem Frühstück am Tage nach der Ankunft in Moskau für beendet. Er nahm an dem Programm des Allrussischen Tages nicht mehr teil und blieb auch abends dem Empfang in der Deutschen Botschaft fern. Damit endete der TE-FR (Transeurope Footrace) mit einem - vorsichtig gesagt - Mißklang. Wenigstens jedoch nicht wie der erste Transamerikalauf mit einem finanziellen Desaster; Respekt vor dem Mut zum Risiko, das Ingo Schulze übernommen hat, und Respekt, daß er sich nicht zu unüberlegten Geldausgaben verführen ließ, auch wenn dies manches Problem vor Ort verringert hätte.

Das Buch vermittelt den Eindruck, daß es bei diesem Unternehmen nicht im geringsten zu einer gemeinsamen Bewältigung einer riesigen Aufgabe gekommen ist. Ein gruppendynamischer Prozeß, der schließlich in Solidarität und die Freude an der Meisterung der Schwierigkeiten gemündet wäre, ist wohl ausgeblieben. Weshalb? - diese Frage wird gar nicht erst gestellt; es fehlt die objektivierende Sicht, die man nach zeitlicher Distanz erwartet. Schon deshalb hinterläßt die Abrechnung durch Ingo Schulze einen zwiespältigen Eindruck, zumal wenn über Unwesentlichem der Sturz Manfred Leismanns, der sich eine Platzwunde nähen lassen mußte, schlicht unerwähnt bleibt. Möglicherweise hat es tatsächlich an Kommunikation gefehlt. Sicher, man muß zum Beispiel nicht eigens sagen, daß der Lauf durch die Benützung der Weser-Fähre unterbrochen würde, es stand ja in der Streckenbeschreibung; doch solche Hinweise bei einem täglich abzuhaltenden Briefing hätten das Gemeinschaftsgefühl fördern können. Und daß den letzten die Schnitzel weggegessen wurden, hätte man vor Ort rügen sollen und nicht erst in einem Buch, das schließlich über die Jahre Bestand haben sollte.

Veranstalter und Teilnehmer von Mehrtage-Läufen können Erkenntnisse immer nur aus dem schöpfen, was Ingo Schulze mißfallen hat oder ohne seine Schuld mißlungen ist. Eine sachliche Analyse mit generellen Ableitungen für künftige, auch kleinere Projekte ist nur im Ansatz erkennbar. Es ist ein Buch des Organisators Ingo Schulze, ja, aber es kann nicht den Anspruch erheben, das läuferische Abenteuer des Transeuropalaufs darzustellen. Es hätte dem Autor gut zu Gesicht gestanden, wenn er, statt Außenstehende wie mich zu zitieren (fehlerhaft) - ich habe meine Tagebucheintragungen ja nur an Hand von dem machen können, was ich bei Steppenhahn gelesen habe -, vor allem die Teilnehmer selbst hätte zu Wort kommen lassen. Günter Böhnke hat wohl am intensivsten vor und während des Laufes reflektiert, selbst seine SMS-Nachrichten sind mit ihrer Prägnanz lesenswert. Böhnke wird jedoch nur mit einem einzigen Satz zitiert. Aus der Gegenüberstellung von Stefan Schletts „bescheuertstem Lauf“ in dessen Bericht oder Martin Wagens Tagebuch-Auszügen einerseits und Ingo Schulzes täglichem Kampf mit den zermürbenden Realitäten andererseits wäre nicht nur Spannung für den Leser erwachsen, sondern auch die Spannung während jener 64 Tage widergespiegelt worden.

Unverständlich bleibt, weshalb das Buch, bei dem sich eine Illustrierung geradezu aufdrängt, ganze 3 Bilder von dem Lauf enthält. Helmut Linzbichler hat in seinem empfehlenswerten und nur 141 Seiten starken Buch „Der Transamerikalauf“ sehr wohl gezielt zahlreiche Bilder zur Information eingesetzt. An fehlendem Bildmaterial kann es ja, da Jürgen Ankenbrand als offizieller Fotograf vorgestellt worden ist, nicht gelegen haben und bei soviel Redundanz auch am Platz nicht.

Eines jedoch ist Ingo Schulzes Abrechnung zu attestieren: Es ist ein authentisches Buch. Besseres läßt sich leider nicht sagen. Ich habe es zweimal gelesen, lesen müssen, weil ich nicht nur den potentiellen Lesern, sondern auch den Verdiensten des Autors gerecht werden wollte. Ich sehe durchaus noch Raum für ein weiteres Buch über den Transeuropalauf.

Gelesen und beschrieben von Werner Sonntag

Ingo Schulze: Transeuropalauf 2003.
Lissabon - Moskau 5036 km in 64 Tagesetappen.
Engelsdorfer Verlagsgesellschaft, BaB-Edition, 303 S.
ISBN 3-937290-71-0. 15,95 Euro.

Born to Run

Zum Laufen geboren sind wir im Grunde genommen alle. Manche besinnen sich bei einer Lebensumstellung darauf. Achim Heukemes hat sich „Born to run“ auf den Oberarm tätowieren lassen. Erst war das Fahren eines Lastzugs sein Traum, dann das Motorrad, und als er das Laufen entdeckt hatte, blieb er dem Asphalt treu. Achim Heukemes ist ein Straßenläufer, und was für einer.

Seine Fernläufer-Leistungen sind im Anhang eines Buches aufgelistet, das der Psychotherapeut Ulfilas Meyer, auch er ein Läufer, mit ihm zusammen gemacht hat. Nichts gegen ein solches einem einzigen Läufer gewidmete Buch, das seinen eigentlichen Wert erst in späteren Jahren gewinnen wird, so wie man sich erst heute zum Beispiel für Mensen Ernst interessiert.

Doch über Yiannis Kouros, den weltbesten Ultraläufer, gibt es kein Buch, Siegfried Bauer ist vergessen, und derselbe Verlag hat meinen Vorschlag, ein Buch mit Stefan Schlett zu machen, der drei Kontinente durchquert hat und seit über zwanzig Jahren im Geschäft des Extremsports  ist, abschlägig beschieden. Die Aufsehen erregenden Leistungen von Achim Heukemes beschränken sich bisher auf  einen Zeitraum von nur fünf Jahren, denn erst 1998, im Alter von 47 Jahren, begann er mit seinen Fernläufen, damals mit der Durchquerung Italiens vom Brenner bis Sizilien, 1770 km in 16 Tagen, das macht 110 km am Tag. Ein Jahr später entschloß er sich, Laufen zum Beruf zu machen. Noch Carl Diem hatte solche Berufssportler als Schausteller des Sports bezeichnet. Nun ist der Bogen von den Kunstläufern des 18. und 19. Jahrhunderts zu den Berufsläufern einer  Medienlandschaft geschlagen. Achim Heukemes kommt für seine Vermarktung zupaß, daß sich ein Psychologe für ihn interessiert hat. Daher enthält denn diese Lebensbeschreibung  kaum eine Beschreibung läuferischer Leistungen. Achim Heukemes hat sich dem Psychologen geöffnet, und dieser faßt die Äußerungen professionell zusammen und interpretiert sie. Herausgekommen ist damit ein  nicht uninteressantes Buch; doch hat dieses Läuferprofil fast keinen allgemeinen Aussagewert. Andere Extremläufer werden ein ganz anderes Profil aufweisen. Stellenweise haben die psychologischen Kommentare auf mich wie ein Patientenbericht gewirkt. Achim Heukemes wird zwar als Solist dargestellt, der seine Läufe von der Planung bis zur Vermarktung zu einem Gesamtkunstwerk macht; aber er kommt um die Beteiligung an Wettbewerben nicht herum. Nur so kann er Rekordinhaber oder Meister werden, um sich besser vermarkten zu können  - denn vom Laufen zu leben, ist anders als beim Tennis oder im Motorsport ziemlich mühsam. Wenn Heukemes  in der Statistik selbst belanglose Marathons in Bad Füssing oder Göppingen erwähnt, ist um so verwunderlicher, daß er noch nie beim Spartathlon gestartet ist, wo nun wirklich jeder sein individuelles Rennen läuft; auch die Teilnahme am Transeuropalauf hatte ich erwartet. Mit 5753 km in 55 Tagen, die er im Jahr 2000 bei seiner Europadurchquerung zurückgelegt hat, hätte er die Chance auf einen Sieg gehabt. Hat das Ego einen Vergleich mit anderen nicht zugelassen?  Insofern ist das „Innenleben einer Laufmaschine“ - mir gefällt dieser die psychologische Absicht konterkarierende Titel auf der Rückseite nicht - keineswegs enthüllt.

Gelesen und beschrieben von Werner Sonntag

Ulfilas Meyer: Born to Run. Zum Laufen geboren.
Aus dem Leben des Extremläufers Achim Heukemes.
rororo Paperback,  2003. 190 S. 12 Euro
ISBN 3-499-61543-6

Herbert Steffny, Dr. Wolfgang Feil

Die Lauf-Diät…

… die keine ist, und deshalb funktioniert.

Der erste Satz auf dem eingeschlagenen Einband des grün-weißen, knapp 200 Seiten starken Buches, das ich in Händen halte, zeigt gleich, dass man vom Inhalt offensichtlich mehr erwarten darf, als der Titel vielleicht zunächst zu offenbaren vermag. Und wer die Autoren, vor allem den Ernährungs-
wissenschaftler Dr. Wolfgang Feil von seinen Seminaren kennt, der weiß bereits, dass dieses Buch nicht von Kalorienzählen und dem berühmten Jojo-Effekt handelt. Natürlich, soviel sagt der Titel ja bereits aus, soll es darum gehen, Wege aufzuzeigen wie man Kilos am besten in Form von Fett verliert. Der Weg dorthin führt jedoch nicht etwa über Nahrungskarenz oder ausschließlich kalorienarme Ernährung und das Buch verspricht auch keine neue Superdiät.

Vielmehr wird aufgezeigt, wie eine ausgewogene, stoffwechselaktivierende und auf den Bedarf des Ausdauersportlers abgestimmte Ernährung auszusehen hat. Kommt dann noch die nötige Bewegung hinzu, schaltet die Ampel in Richtung Fettabbau, Muskelaufbau und Wohlfühlgewicht endgültig auf grün.

Das Buch ist vor allem für Läufer geeignet, die über den Tellerrand des Trainings hinausschauen wollen, und sich mit Ernährungsfragen bisher noch nicht, oder noch nicht vertiefend beschäftigt haben.

Es ist daher zusammengesetzt aus den zwei Teilbereichen, die für jeden halbwegs ambitionierten Läufer ohnehin unabdingbar zusammengehören: der Trainingslehre/Bewegungslehre einerseits und Grundlagen der (modernen) Ernährungslehre andererseits, wobei letzterer überwiegt.

Während der Vitalstoffexperte Dr. Feil für den Ernährungsteil verantwortlich zeichnet, stammt der Bereich der Trainingslehre aus der Feder von Herbert Steffny, dem jüngeren der beiden in der Leichtathletik sehr erfolgreichen Steffny-Brüder.

Das Jokersystem

Beim ersten Durchblättern und Überfliegen fällt bereits auf, dass beide Bereiche keine strikte Trennung erfahren, sondern zusammen unter dem Deckmantel des sogenannten Jokersystems, das gleich zu Beginn Erklärung findet, abgehandelt werden.

Der eingeschlagene Einband vermittelt dabei einen Überblick über die insgesamt sieben Joker, die in den fünf Kapiteln des Buches vorgestellt werden. Zu jedem Joker gibt es eine kleine Einleitung bzw. ein Vorwort, sowie am Ende des Kapitels eine kurze Zusammenfassung. Der Zentrale Begriff des Buches, die Stoffwechseloffensive, prangt dabei als Schlagwort über allen Jokern. Und genau damit sind wir auch schon bei der Kernaussage des Ernährungsteils, denn Dr. Feil macht deutlich, wie man in zunehmendem Alter, aber auch generell, einem verlangsamten Stoffwechsel entgegensteuert. Er erläutert die sogenannte Stoffwechselfalle (verlangsamter Stoffwechsel und damit verbundene erhöhte Fetteinlagerung) und zeigt Möglichkeiten auf, ihr entgegenzusteuern. Er geht hierbei detailliert auf natürliche Lebensmittel ein, die insbesondere den „inneren Ofen“, wie Dr. Feil den Stoffwechsel bezeichnet, anfeuern.

Da die wenigsten von uns diese Lebensmittel für gewöhnlich roh verzehren, gibt es einen Rezeptteil am Ende des Buches, in dem schnell zubereitete Gerichte vorgestellt werden, die all das enthalten, was nicht nur die Stoffwechseloffensive ausmacht, sondern darüberhinaus auch schmeckt und die Vitamin-, Nährstoff- und Spurenelementversorgung des Ausdauersportlers deckt.

Mehr Vitalität durch Bewegung und gezielte Ernährung, so lautet die Devise, die sich vom Vorwort über die einzelnen (Joker-)Kapitel bis zum Ende des Buches durchzieht.

Ohne Bewegung geht es nicht – „Fitschlank“ statt „Schlappschlank“

Eine ausgewogene, stoffwechselaktivierende Ernährungsweise ist die eine Seite der Medaille des Erfolges, aber der schlichte Grundsatz für einen Gewichtsverlust ist und bleibt die negative Kalorienbilanz: nur wer mehr Kalorien verbrennt als er zuführt, verliert (dauerhaft) an Gewicht. Und das erreicht man nun mal am besten durch körperliche Aktivität.

Herbert Steffny erklärt im Bewegungsteil, der sich übrigens ebenso wie der Ernährungsteil über alle sieben Joker erstreckt, worauf es im wesentlichen beim Laufen ankommt. Angefangen von der Laufausrüstung über Trainingspläne, Alternativsport bis hin zur Regeneration bekommt man ein kompaktes, kleines und wissenswertes Kompendium an die Hand, das zwar vor allem auf den Lauf-Einsteiger abgestimmt ist, aber durchaus auch mal als Nachschlagewerk für den ambitionierten Läufer dienen kann.

Die auf knapp 10 Seiten vorgestellten enthaltenen Trainingspläne, das muss man gleich dazusagen, sind ausschließlich für Einsteiger gedacht. Es werden drei Pläne vorgestellt, die sich über einen Zeitraum von 6-12 Wochen erstrecken. Die ersten beiden Pläne, nennen wir sie „Bewegungspläne“, handeln vom „Einstieg mit Walking“, und dem Übergang „Walking – Laufen“. Erst der dritte Plan enthält ausschließlich Laufeinheiten bei einem Umfang von 15 bis 30 Wochenkilometern.

Allen drei Plänen gemeinsam sind neben den tabellarischen Angaben auch Beschreibungen, allgemeine Hinweise und praktische Tipps. Gewisse Dinge eben, die Laufeinsteiger wissen müssen/sollten und die genügend Motivation für die Umsetzung der Pläne liefern.

Im Folgenden habe ich die Kernaussagen der einzelnen (Stoffwechsel-)Joker zusammengefasst.

Der Thermogenesejoker…
… oder die Kunst, den inneren Ofen anzufeuern.

Scharf, scharf und nochmals scharf lautet die Botschaft des ersten Jokers, doch was verbirgt sich dahinter?

Ingwer, Chili, Pfeffer, Meerrettich und noch weitere scharfe Lebensmittel unterstützen den Energieverbrauch durch die Nahrungsverarbeitung, die sogenannte Thermogenese. Sie besitzen außerdem noch viele weitere Inhaltsstoffe, die für den Ausdauersportler von Bedeutung sind, und sollten daher in der täglichen Nahrung so oft es geht eingesetzt werden.

Neben einer Erklärung der Thermogenese und ihrer Bedeutung für den (Fett-) Stoffwechsel erfährt der Leser einiges über die zugehörigen Nahrungsmittel, ihre Zubereitung in Rezepten und Tipps für den Verzehr.

Der Vitalstoffjoker…
… oder der Kampf gegen die Stoffwechselfalle.

Hier geht es um die Bedeutung von Nährstoffen und die Folgen einer zu geringen Nährstoffversorgung (verlangsamter Stoffwechsel, Gewichtszunahme).

Es ist das eigentliche Basiskapitel der Ernährungslehre und behandelt neben den drei Nährstoffen (Kohlenhydrate, Eiweiß und Fett) auch die Vitamine und die Spurenelemente, natürlich wieder im Hinblick auf den Bedarf eines Ausdauersportlers.

Warum ist „Medium-Carb“ besser als „Low-Carb“, was sind die Unterschiede zwischen guten und schlechten Fetten, gesättigten und ungesättigten Fettsäuren, wofür braucht man Ballaststoffe, wie viel Eiweiß ist gesund? Auf all diese Fragen liefern die 16 Seiten Antworten, dazu gibt’s Tipps wie man dem Heißhunger am Besten begegnet und warum eine gepflegte Esskultur so wichtig ist.

Der Hormonjoker
Dr. Feil gibt in diesem kurzen Teil Ratschläge, wie man dem altersbedingten hormonellen Abschwung wirkungsvoll entgegensteuert. Es geht hauptsächlich um Muskelaufbau und Bewegung, dazu werden unterstützende Spurenelemente wie Zink und Bor und ihre Wirkung auf den Stoffwechsel vorgestellt.

Die Bewegungs- und Muskeljoker
Bewegung in Form von moderatem Lauftraining wirkt nicht nur unterstützend bei der Gewichtsreduktion, genau genommen ist das nur eine der zahlreichen positiven Auswirkungen, die diese Sportart mit sich bringt. Das Kapitel listet eine ganze Reihe dieser Auswirkungen auf, man möchte beim Lesen der Zeilen am liebsten sofort die Laufschuhe schnüren und loslegen. Dazu gibt’s Tipps zur Planung des Lauftrainings und Informationen zu Trainingsgrundlagen wie Puls, Laktat und Trainingsbereichen. Alles nicht zu sehr in die Tiefe gehend natürlich, denn hiermit könnte man bekanntlich ganze Bücher füllen.

Die Wissensjoker
Eine Zusammenfassung von wissenswerten Fakten über Gewicht, Kalorienverbrauch, Laufausrüstung findet man hier, und am Ende gibt es eine Auflistung, welcher Joker wie viel zur Gewichtsreduktion beiträgt.

Die Motivationsjoker
Sollte man nach bisherigem Lesen im Buch immer noch Motivationsprobleme haben, gibt es in diesem kurzen Kapitel nochmals geballte Argumente, warum es sich lohnt, die beschriebene Lebensweise einzuschlagen und beizubehalten. Teilweise wiederholen sich hier zwar die Autoren, es geht z. B. wieder um Chili und Omega-3, dennoch ist dieses Kapitel hervorragend geeignet, um es von Zeit zu Zeit mal wieder zu lesen und sich neu zu motivieren.

Die Realisierungsjoker
Das letzte Kapitel im Buch füllt mit seinen knapp 100 Seiten die Hälfte des Buches. Es enthält neben dem Rezeptteil in Form eines Ernährungsplanes auch die Trainingspläne, einen Teil über Gymnastik und alternative Trainingsformen und den ebenfalls sehr wichtigen Bereich der Regeneration.

Die Rezepte werden vorgestellt, wie man das aus Kochbüchern kennt: Zutatenliste, Zubereitungsbeschreibung und farbiges Bild, wie die fertige Mahlzeit dann idealer Weise aussehen sollte.

Dr. Feil hat die Rezepte in einem 2-wöchigen Ernährungsplan untergebracht, jeder Tag sieht drei Mahlzeiten vor. Morgens gibt es meist einen Früchtedrink aus frischen Früchten bei denen gerne mal Ingwer oder Chili mitverarbeitet wird, hierzu sollte man einen Mixer besitzen. Ob die Drinks mit der scharfen Note denn auch schmecken kann ich nicht beurteilen, von den „richtigen“ Mahlzeiten habe ich allerdings schon die eine oder andere nachgekocht. Und obwohl sie bei mir nie so aussahen wie auf den Bildern muss ich gestehen: die angegebenen Zubereitungszeiten (die meisten Rezepte lassen sich in 30 min oder weniger zubereiten) stimmen, und gemundet hat es bisher auch immer. Bei den Zutaten muss man ebenfalls nicht tief in die Tasche greifen, Chili und Ingwer sind günstig und werden ja auch wohldosiert eingesetzt.

Ansonsten orientieren sich die Rezepte natürlich an den Vorgaben aus den vorigen Kapiteln des Buches, man findet viel frisches, gedünstetes Gemüse, Nüsse, Ingwer, Chili, Meerrettich, Zimt, Kurkuma, frische Kräuter und „gute“ Öle in den Zutatenlisten. Für den Kohlenhydratanteil dieser „zackigen Rezepte“ sorgen meistens Nudeln oder Reis und ab und zu ist auch mal ein Gläschen Rotwein erlaubt.

Der Bewegungsteil des Kapitels enthält neben den bereits erwähnten Trainingsplänen auch Dehnübungen, sinnigerweise mit Abbildungen sowie Informationen zu zahlreichen Regenerationsmöglichkeiten.

Der Anhang weist neben einem Sach- und Rezeptregister praktischerweise Bezugsquellen und Internetadressen für Zutaten und weitere Rezepte aus.

Resümee

Richtige Ernährung und Sport sind der Schlüssel für dauerhafte und gesunde Gewichtsreduktion. Beide Bereiche werden in der „Lauf-Diät“ von auf ihrem Gebiet anerkannten, kompetenten Autoren in ihren Grundzügen behandelt und in übersichtlicher Form dargestellt. Das Buch lässt sich gut und einfach lesen, und es ist, obwohl die beiden Teilbereiche Ernährung und Lauf-Training vermischt sind, klar strukturiert. Die Rezepte sind leicht, schnell und zumeist ohne großen Aufwand nachzukochen. Mir als durchaus ambitioniertem Läufer hat insbesondere der Ernährungsteil sehr gut gefallen, hier konnte ich die Informationsflut, die Dr. Feil in seinen Vorträgen vermittelt, nochmals nachlesen und in mich aufsaugen. Der Trainingsteil ist vor allem für Einsteiger interessant, viel mehr kann im Rahmen eines 200 Seiten starken Buches - das in den Bereich der Diätbücher gehört, sich allerdings von der riesigen Masse der Konkurrenz abhebt - nicht erwartet werden.

Wer Willens ist, sich und seinem Körper etwas Gutes zu tun, der ist mit dem 14,95 € billigen Buch „Die Lauf-Diät“ bestens beraten.

Herbert Steffny ∙Dr. Wolfgang Feil: Die Lauf-Diät
Richtig essen – richtig laufen – richtig schlank
Südwest Verlag, 192 S. mit vielen farbigen Abbildungen. € 14,95 [D]
ISBN 978-3-517-08438-1

Gelesen und beschrieben von Timo Grub

Vitale Läuferküche

Ist der Funke übergesprungen? Andreas und Gisela Butz legen einen Band vor, „Vitale Läuferküche“, der Läuferinnen und Läufern die Grundsätze vollwertiger Ernährung theoretisch und praktisch näherbringen will. Man kann auf die Resonanz der Zielgruppe gespannt sein.

Die Voraussetzungen sind nicht schlecht. Andreas Butz, der Autor des theoretischen Teils, holt die Leser dort ab, wo die Masse der Sportler steht, etwa am Currywurst-Stand sich beklagend, daß es bei der jüngsten Laufveranstaltung keine Cola gegeben habe. In einfachen Worten und mit einer klaren Gliederung führt der Autor von der realen Ernährungssituation der meisten Sportler hin zum Wünschenswerten, einer vollwertigen Ernährung. Die Kapitel-Überschriften markieren die gedanklichen Schritte: Sport und Ernährung heute, Vollwertige Ernährung – so wirkt sie, Vollwertige Ernährung – das ist drin, Die Vitale Läuferkost, Vitale Rezepte für den Läufer.

 

Der Verlag, in dem pikanterweise zu gleicher Zeit auch Udo Pollmers „Wer gesund ißt, stirbt früher“ erschienen ist, hat eine opulente Bildausstattung beigesteuert, deren Auswahl mir allerdings ziemlich zufällig vorkommt. Eine Getreidemühle, die am Anfang jeder ernstgemeinten Umstellung steht, ist ebensowenig zu finden wie etwa das vorbildliche Vollwertbüfett eines Bio-Hotels (Kneipps falsches Todesjahr hätte auch jemandem auffallen können).

Der Versuch, Sport und vollwertige Ernährung zu verklammern, zieht sich durch einige Jahrzehnte. In den sechziger Jahren waren die Pioniere des Laufens ernährungsbewußter als die Masse der Leistungsläufer heute. Damals, gewissermaßen in der vorwissenschaftlichen Zeit vollwertiger Ernährung, war es Arne Waerland, dem prominente Ausdauerläufer in ihren Ernährungsgewohnheiten folgten. Dr. Ralph Bircher, ein Sohn Bircher-Benners, setzt sich in seinem Band von 1980, „Höchstleistungskost für Sport, Berg, Eis, Wüste und Dschungel“, mit der üblichen Zivilisationskost auseinander und stellt Leistungssportler vor, die über ihre Ernährung nachgedacht haben. Eine große Rolle spielt dabei der Vegetarismus, der bereits Anfang des 20. Jahrhunderts das Ernährungsbewußtsein mancher Ausdauersportler bestimmte. Günther Stolzenberg, den nur wenige noch kennen, schrieb 1985 „Die gesunde Kost für Sport und Rekord. Die Grundlagen der Vollwert-Ernährung“. 1981 hatte Professor Klaus Jung mit dem Deutschlandlauf begonnen, Material über die Wirkungen vollwertiger Ernährung auf hohe Ausdauerleistungen zu sammeln. Seine Untersuchung ist unter dem unverfänglichen Titel „Sport und Ernährung“ erschienen. Damals, als Deutschlandläufer, verinnerlichte ich jene Grundsätze vollwertiger Ernährung, die Dr. Max-Otto Bruker viele Jahre zuvor in leicht faßbare Form gebracht hat. In „Mehr als Marathon“ (1985) habe ich versucht, meine Erkenntnis auf diesem Gebiet weiterzugeben – wahrscheinlich ohne Erfolg. Im Jahr 2004 erschien dann im emu-Verlag der von Bruker 1978 gegründeten Gesellschaft für Gesundheitsberatung der Band „Sport und Vollwerternährung“. Ich fürchte, daß auch dieses Buch nur diejenigen erreicht hat, die ohnehin schon auf dem Weg gewesen sind. Die GGB hat inzwischen etwa 5000 Gesundheitsberater ausgebildet, und darunter ist, versteht sich, auch eine Anzahl Sportler. Doch die Masse der Sporttreibenden unterscheidet nach wie vor nicht zwischen Lebens- und Nahrungsmitteln. Bezeichnend mag sein, daß unser Titel in keiner einzigen Läuferzeitschrift auch nur erwähnt worden ist. Wie wird es diesem Buch in der Fachpresse ergehen?

Da es mir als Mitautor von „Sport und Vollwerternährung“ um die Zielgruppe Läufer geht, begrüße ich jeden weiteren Versuch, wie eben auch die „Vitale Läuferküche“. Andreas Butz macht keinen Hehl daraus, daß auch er dem Mainstream erlegen war und in seinem Laufcampus-Shop vor noch gar nicht so langer Zeit selbst Nahrungsergänzungsmittel und Büchsen voller denaturiertem Eiweiß verkauft hat. Man weiß, im Himmel herrscht eitel Freude über jeden, der sich vom Saulus zum Paulus gewandelt hat. Er ist ja nicht der einzige, der Durchblick gewonnen hat. Einer der größten Unternehmer auf dem Bio-Markt war zuvor Angestellter einer Raiffeisen-Genossenschaft gewesen, die alles förderte, den Absatz von Kunstdünger wie von manipuliertem Saatgut, nur nicht den ökologischen Landbau.

Dennoch, auch wenn man einen Bundesgenossen gewonnen hat, trübt das nicht den kritischen Blick. Ich verstehe nicht, weshalb eine Läuferküche vital sein soll. Gemeint ist ja doch: Vitalstoffreich. Da dies (noch) kein wissenschaftlicher Begriff ist, erhebt sich der Verdacht, daß jemand Angst hat, der Autor oder der Verlag. Angst darf man auf diesem Gebiet nicht haben. Bruker wurde einer breiten Öffentlichkeit zunächst durch die gegen ihn angestrengten Prozesse der Zuckerindustrie bekannt. Vital sind Läufer, Nahrung sollte vitalstoffreich sein. Oder soll hier mit Gewalt ein neues kommerzielles Konstrukt vermarktet werden? Eine Begriffszersplitterung wäre nicht hilfreich. Wo kämen wir hin, wenn die Tausende von Gesundheitsberatern, in der Mehrzahl weiblich, ihre eigenen Rezeptsammlungen mit beliebigen Titeln belegten, die keinen Zusammenhang mit Vollwertkost erkennen ließen!

Ebenso fällt mir die Scheu vor dem Begriff „Frischkornbrei“ auf. Andreas Butz spricht generell vom Müsli. Das mag historisch richtig sein, weil es auf den Schweizer Dr. Bircher-Benner zurückgeht. Doch Dr. Bruker hat sich auch bei seiner Wortfindung „Frischkornbrei“ etwas gedacht. Die Nahrungsmittelindustrie hatte das populär gewordene Müsli kurzerhand usurpiert, die hocherhitzten, gezuckerten Frühstücksflocken als Müsli ausgegeben und damit Bircher-Benners Bezeichnung mißbraucht. Davon wollte sich Bruker mit dem Brei aus keimfähigen Getreide begrifflich absetzen. Auch wenn das Wort Frischkornbrei altväterisch klingen sollte, – es hat seinen Sinn. Wer für Vollwerternährung wirbt, sollte nicht weiter das Täuschungsgeschäft der Nahrungsmittelindustrie besorgen. Ähnlich verhält es sich mit dem Wort Fabrikzucker; Bruker wollte damit jede Verwechslung mit Fruchtzucker unmöglich machen. Unter Industriezucker hingegen verstehen Fachleute den Fabrikzucker, der in der Nahrungsmittel-Industrie verwendet wird.

Zu Recht weist Butz auf Brukers Ansicht hin, daß kein Lebewesen die Milch eines anderen Lebewesens trinke – ausgenommen der Mensch. Es ist ein Mißverständnis, daß damit auch Milcherzeugnisse in der Vollwerternährung tabu seien. Bruker war kein Dogmatiker, er hat sehr rational argumentiert. Bei der Ablehnung der Milch stand ihm, dem Mediziner, die weitverbreitete Laktose-Intoleranz vor Augen. Butter und Sahne hingegen bedeuteten ihm wie schon Kollath natürliche Lebensmittel; die gesättigten Fettsäuren in der Butter, die in einem ausgewogenen Verhältnis zu den ungesättigten stehen, sind ja nur dann des Teufels, wenn man sich nicht vollwertig und das bedeutet: unausgewogen ernährt. Butz hingegen, der ja durchaus auch auf Werner Kollaths „Die Ordnung unserer Nahrung“ hinweist, wo Butter und Sahne ihren Platz unter den Lebensmitteln haben, will sie aus dem Speiseplan verbannen. Ob er bei seiner Quellenforschung allzu sehr auf den UGB, den Verband Unabhängiger Gesundheitsberater, vertraut hat? Dort nämlich zählt Pflanzenmargarine zur Vollwerternährung. Dazu muß man wissen: Die UGB sind eine spätere Abspaltung der GGB, mitgegründet von Professor Klaus Leitzmann, einem Ernährungswissenschaftler, der sich erst bei Dr. Bruker und seinen Mitarbeitern über Vollwerternährung kundig gemacht und sich über deren universitäre Anbindung profiliert hat. Doch statt die in jahrzehntelanger klinischer Praxis erprobten Grundsätze Brukers uneingeschränkt zu übernehmen, hat er sie verwässert. Das bedeutet nicht, daß nun sämtliche Erkenntnisse, die von den UGB verbreitet werden, falsch wären; doch sie sind nicht das Original. Das nämlich ist so konsequent, daß man es von der Grundlage her nicht verbessern kann. Als Autor muß man seine Quellen gewichten.

Die Empfehlung, bei einer Mahlzeit Rohkost zuerst zu essen, sollte man begründen, nämlich mit der Verdauungsleukozytose, die bei gekochter Nahrung auftritt. Einerseits ist Andreas Butz großzügig und gesteht seinen Lesern einzelne Ernährungssünden zu; andererseits erblickt er beim Genuß von Bier und Wein gleich den Alkohol-Abusus. Ich darf bekennen, daß wir in Lahnstein am Rhein mit Dr. Bruker auf den Abschluß unserer Gesundheitsberater-Ausbildung mit einem trockenen Weißwein angestoßen haben. Einerseits empfiehlt Butz: Meiden Sie Fleisch, Fisch und Erzeugnisse daraus, andererseits sind unter den Rezepten eines mit Lammfilets und eines mit Fisch. Man muß zwar als Vollwertköstler nicht Vegetarier sein, aber da gekochtes oder gebratenes Fleisch nicht vollwertig ist, haben solche Rezepte in einem Buch über Vollwerternährung absolut nichts zu suchen, ebensowenig wie Sojatrunk und Maiskörner aus der Dose; schließlich sollen die Vollwertrezepte in einem Einführungsbuch ja exemplarischen Charakter haben. Von den 66 Rezepten sind nur 13 warme Mahlzeiten; das könnte zu Mißverständnissen führen. Zwar rangiert Frischkost ganz vorn, aber Vollwertkost besteht nicht nur aus Rohkost. Einerseits lehnt der Autor Milcherzeugnisse ab, andererseits erscheinen ihm Kartoffeln und Quark als geeignet für den Tag vor einem Wettkampf. Daß Teigwaren des Läufers liebste Speise sind, wie uns Andreas Butz weismachen will, ist bloßer Aberglaube, der sich erst mit der Übernahme des City-Marathons aus den USA in Deutschland verbreitet hat. Man bekommt leider bei den Abspeisungen am Abend vor dem Wettkampf nichts anderes. Gemüseeintopf wie einmal beim München-Marathon ist zu teuer. Charly Doll jedenfalls, der als Küchenchef einiges von gutem Essen versteht, mag wie ich auch diese ewigen, totgekochten Teigwaren nicht, auch wenn sie durch die Bezeichnung „Pasta“ folkloristische Weihe erhalten haben, und Herbert Steffny hat uns beigepflichtet. Mit der Empfehlung, Vollkornbrot nur gelegentlich zu essen, setzt sich Butz in Gegensatz zu einer der vier Brukerschen Ernährungsregeln. Der erwähnte, von Rennsteigläufern gelobte Haferschleim ist leider nicht mehr vollwertig, er wird seit Jahren aus abgepackter denaturierter Säuglingsnahrung bereitet.

Den Mangel an Information darüber, wie man sich als Vollwertköstler während eines Marathons oder Ultramarathons verpflegt, kann man Andreas Butz nicht ankreiden; es gibt einfach noch zu wenig Erfahrungen. Die wenigen aber sollte man mitteilen; Andreas Butz hat ja unter anderem auch einen Triathlon als Vollwertköstler bestritten. Noch immer suche ich nach einer vollwertigen Kohlenhydratzufuhr, die an die Stelle der üblichen Präparate treten könnte. Das Rezept einer Gesundheitsberaterin, das so ähnlich auch von den UGB als „Kraftkugeln“ empfohlen wird, ist für Ultraläufer nicht so recht praktikabel, es sei denn ein Coach verabreicht einem die Vollwertkugeln aus einer Kühlbox. Es bleibt uns daher nichts anderes übrig, als die Frage der Wettkampfverpflegung auf langen Strecken pragmatisch und leider häufig nicht vollwertig zu lösen. Widersprechen möchte ich jedoch der Ansicht, die in der „Vitalen Läuferküche“ vertreten wird, Sportgetränke seien „aber erst ab Laufdistanzen jenseits der Halbmarathonmarke notwendig“. Sicher, wir haben beim Marathon und erst recht beim Ultramarathon danach gegriffen, aber notwendig sind sie nicht.

Diese Auseinandersetzung zeigt, welch weites Feld noch zu beackern ist. Auch die irritierenden Abweichungen von dem Konzept der Vollwerternährung, das Dr. Bruker auf der Basis von Bircher-Benner und Kollath geschaffen hat, mindern nicht den Wert der grundlegenden Aussage in diesem Buch. Wer durch Andreas und Gisela Butz angeregt wird, sich mit Vollwerternährung zu beschäftigen, wird ohnehin nicht umhin können, Primärliteratur zu lesen. So einfach die Grundsätze vollwertiger Ernährung auch sind, – die Feinheiten der Umsetzung erfordern einen langen Lernprozeß. Ihn bei vielen Sportlern in Gang zu setzen, wünscht man diesem Buch.

Andreas Butz und Gisela Butz: Vitale Läuferküche
BLV 2009, 16,7 x 22 cm, Broschur, 127 S. mit 86 Ill.
ISBN 978-3-8354-0509-7
14,95 Euro

Gelesen und beschrieben von Werner Sonntag

Alpenpässe und Anchovis

Eine Tor-Tour quer durch Frankreich: Wahn und Witz auf dem Rennrad

Da schnappt sich ein bisher unsportlicher Engländer ein Rennrad, um die Strecke der Tour de France in den Originalabschnitten abzufahren. 3630 Kilometer ohne vorbereitendes Training. Welch´ ein Masochist!

Der Kerl hat ausdauer- und radfahrmäßig „nix drauf“ – dafür eine lockere Schreibe. Und so ergibt sich ein witziges Tagebuch eines wahnwitzige Unternehmens.

Tim Moore beschreibt nicht nur sein eigenes Leiden auf dem Sattel, sondern lässt in jedem Kapitel viel Hintergrundwissen über die Tour de France einfließen. Gerade diese Passagen über die Helden der Tour und über die Königsetappen sind lesenswert. Wer die Pässe kennt, sie vielleicht selber schon mit dem Rennrad gefahren ist, kann hier Moores humorvolle Analysen nachvollziehen. Je mehr Moore sich unter Leistungsdruck stellt – in Duellen mit anderen Hobbyradlern –, um so mehr rutscht er in den Strudel der Tour-Machenschaften hinein: Er beginnt, im Windschatten zu „lutschen“ und besorgt sich in der Apotheke stimulierende Medikamente.

Die ideale Lektüre für das nächste Trainingslager oder für den nächsten Radl-Sommer.

Gelesen und beschrieben von Dr. Birgit Schilinger

Tim Moore: Alpenpässe und Anchovis.
Eine exzentrische Tour de France.
Covadonga Verlag 2003.
19,80 Euro

Henry Wanyoike: Mein langer Lauf ins Licht

Ein blinder Kenianer mit unglaublicher Energie fürs Laufen und Leben

Uns geht es doch so gut! Zu dieser Erkenntnis braucht es auch keine Flutwelle. Und dennoch: Wenn man die Lebensgeschichte des blinden Wunderläufers aus Kenia liest, lassen sich unsere eigenen Luxusproblemchen kleinschrumpfen. Denn was dieser Mann mitgemacht hat und wie er doch so viel Lebensmut und Freude gewinnt, das kann nur lehrreich sein. Die ergreifende Geschichte des Henry Wanyoike ist nun veröffentlicht. Bengt Pflughaupt erzählt sie in „Mein langer Lauf ins Licht“. Der kleine Henry wächst in den Slums auf. Die Familie hat nur eine kleine Hütte, Henry schläft nachts zusammen mit den Ziegen in der Küche. Nicht selten pinkeln ihn die Tiere nachts an – ein Gefühl, das ihn sein Leben lang verfolgt.
Frankfurt-Marathon 2004 - Sekunden vor dem Start an der Seite von Aamos

Als er sechs Jahre alt ist, stirbt sein Vater an Malaria. Schon als Schüler hat er läuferische Erfolge. Da er für die Familie sorgen muss, erlernt er den Beruf des Schuhmachers. Er ist 21 Jahre alt, als er eines Morgens blind aufwacht. Man vermutet eine Entzündung des Sehnervs. Seine Mutter lässt ihn in mehreren Kliniken untersuchen – ohne Erfolg. Henry muss sich mit seinem Schicksal abfinden, für immer blind zu bleiben. In dem Moment der Hoffnungslosigkeit beginnt er wieder zu laufen – und haut sich die Knie blutig bei seinen Stürzen. Dennoch steigert er sein Training. Fünf Jahre nach seiner Erblindung gewinnt er in einem dramatisch geschilderten Rennen bei den Paralympics Gold über 5000m. Inzwischen hält er die Weltrekorde über alle Langstrecken.

Das Taschenbuch „Mein langer Lauf ins Licht“ ist eine spannende und doch schwer nachwirkende Lektüre. Schade, dass der Autor kein Läufer ist und auch vom Laufen keine Ahnung hat. Es wäre doch so interessant zu wissen, wie schnell jeweils Henry gelaufen war (bei seinem ersten Sieg als Schüler, bei seinem Goldlauf, bei seinem Weltrekord) oder wie er trainiert, wie er die langen Läufe organisiert, wie schwer es ist, Begleitläufer zu finden – usw. Die sportlichen Fragen bleiben unbeantwortet. Trotz seiner herausragenden Erfolge kann Wanyoike nicht vom Laufen leben. Henry ist als Botschafter für „Licht für die Welt“ unterwegs, sein Preisgeld investiert er in Strickmaschinen, damit blinde und andere behinderte Menschen in seiner afrikanischen Heimat Arbeit haben.

Fazit: Der Optimismus eines Henry überstrahlt die sportlichen Lücken dieser Biographie und macht die Geschichte – für Läufer und Nicht-Läufer – lesenswert. Ein Geschenktipp!

Um Henrys Leistungen einschätzen zu können, hier seine Bestzeiten
(allesamt Weltrekorde für Blinde):

5000m 15:11,07 min - Paralympics Athen
10.000m 31:37,25 min - Paralympics Athen
Marathon 2:33:20 h - Boston

Gelesen und beschrieben von Birgit Schillinger

Henry Wanyoike: Mein langer Lauf ins Licht
Der schnellste blinde Marathonmann der Welt über sein unglaubliches Leben - Erzählt von Bengt Pflughaupt
Verlag Herder - ISDN 3451055430

Laufen mit Haile Gebrselassie

heißt das Buch. Ein sehr persönlicher Ratgeber. Die Untertitel lauten: Das Trainingsprogramm ++ Trainingspläne und Taktiken ++ Vom Anfänger bis zum Weltrekordler. Was kann uns ein 2-facher Olympiasieger, 15-facher Weltrekordler und 10-facher Weltmeister mitteilen wollen? Eine Buchbesprechung soll die Frage klären. Doch schon der erste Eindruck ist aufschlussreich und soll als solcher unverfälscht wiedergegeben werden soll:

Der erste Eindruck

Im Buch scheint alles drin zu sein, was man übers Laufen braucht und was es je darüber gegeben hat. Trainingstipps für Frauen, für Männer, für Jugendliche, für Altersklassenläufer, Ratschläge bei Verletzungen und zur Ernährung und vieles mehr. Es ist auffallend verständlich geschrieben. Trotz der Fülle an Inhalten sind die Themen sehr übersichtlich dargestellt. Abgesetzte Informationsblöcke, Grafiken und Darstellungen lockern die Seiten auf.

Integriert sind Hintergründe zu Politik und Geschichte in Äthiopien. Man erfährt allerhand über Leben und Probleme von Spitzenläufern. Unterschiede zum Freizeitsportler werden ebenso deutlich gemacht, wie das alle Laufsportler Verbindende. Im Buch drin ist auch jede Menge Haile Gebrselassie. Zum allgemeinen Rat, immer wieder als Beispiel, wie es Haile macht. Alles ist unerwartet unterhaltend präsentiert. Ein Auszug zum Warm-up „Wenn Sie glauben, dass Sie komisch aussehen, wenn Sie hüpfend und Arme und Beine schlenkernd durch die Gegend laufen, trösten Sie sich damit, dass es bei mir auch nicht besser aussieht. Spötter ignorieren Sie einfach.“

Nach dem ersten Blättern freue ich mich schon aufs Lesen. Aber die Buchkritik muss nicht abgewartet werden. Das 288 Seiten starke Werk, gebunden mit 106 Farbabbildungen, ist die 19,90 Euro wert.

Co-Autoren sind Detlev Moritz-Abebe, der als Dokumentarfilmer und Fotograf seit 17 Jahren um die ganze Welt reist, sich aber sehr häufig in Äthiopien, der Heimat seiner Frau, aufhält und dort bereits 1994 Haile Gebrselassie kennenlernte und Dr. Woldemeskel Kostre, der Coach von Haile Gebreselassie und Meistertrainer der enorm erfolgreichen äthiopischen Nationalmannschaft.

Gelesen und beschrieben von Walter Wagner - Foto: Laufreport Archiv

Das Buch ist erschienen im
Ehrenwirth Verlag
ISBN 3-431-03389-X