Von der Quetschsocke zu Kompressionsstrümpfen

Macht das Zusammenpressen von Körpergefäßen süchtig?

von Walter Wagner

Logisch, steht LaufReport hoch im Kurs, wenn es um einen redaktionellen Beitrag geht. Eine Tatsache, die wir uns erlauben, sie einfach ohne Wenn und Aber hinzunehmen. Schließlich ist der gute Ruf hart erarbeitet. Andererseits ist das erreichte Ansehen eine Hürde: Wer will schon hinter sich zurückfallen?

Müsste also dem herangetragenen Anliegen gerecht werdend im LaufReport ein Beitrag über Socken nicht Untersuchungen einbeziehen? - Doch diese sind widersprüchlich. Während die eine renommierte Universität keine messbaren Ergebnisse feststellen kann, bestätigen wissenschaftliche Gutachten genau definierte Vorteile.

Man ist über die Jahre misstrauisch geworden und schon froh, wenn ein neues Produkt mit der die unersättliche Nachfrage der "Laufkundschaft" im Fachhandel befriedigt werden kann, wenigstens nicht schadet. Ein guter Distributor wird einem Neuling alles verkaufen, leckten sich die Lieferanten etwa am Beginn der Walkingwelle bereits die gierigen Finger. Eingepreist und kalkuliert, die riesigen Umsätze, die nur ein unfähiger Einzelhändler an der Verkaufsfront nicht einfahren würde.

Dass im Hinblick auf ein ergebnisorientiertes Laufverhalten manches Produkt überflüssig scheint, zeigt allein schon, dass es die schnellen Afrikaner nicht verwenden. Die von einem bekannten Uhrenhersteller suggerierend gestellte Frage, wie viel schneller wäre Haile Gebrselassie, würde er ein Herzfrequenzmessgerät einsetzen, kann nicht darüber hinweg täuschen, dass der Beweis des unterstellten Profits schuldig bleibt und in den hoch technisierten Regionen des Erdballs immer langsamer gelaufen wird.

Aber Vorsicht, Äpfel mit Birnen zu vergleichen dient der Sache nicht. Es geht in der Regel nicht allein um ein kurzzeitig erbrachtes Leistungsniveau, sondern um das lebenslange, möglichst verletzungsfreie Laufen oder um einen nach gesundheitssportlichen Aspekten ausgerichteten Späteinsteiger. Ob der mit oder ohne Kompression besser über die Runden kommt? Selbst hier will ich die Antwort schuldig bleiben. Es gibt dafür längst ein weitreichendes Sortiment im Angebot und wen die "compression wear" interessiert, kann jederzeit Teil der Versuchsreihe werden. Sollten etwa Verletzungen ausbleiben, umso besser. Sollte sich eine raschere Regeneration zeigen, auch gut.

Nun gibt es bereits eine Reihe von Unternehmen, die sich um die Kunden schlagen. Strümpfe für 15 Euro liegen immerhin im normalen Rahmen, doch meine Testsocken liegen knapp jenseits der 50 Euro. Für mich, der ich noch in DM (Deutsche Mark) denke, ist das ein dicker Brocken. Immerhin ist alles aufwendig gemacht. Die Verpackung, aber auch das Kleidungsstück selbst, zeigen ein unübersehbares Mehr. Es sind eben keine banalen Sportstrümpfe, die einst bis auch ohne Kompression bis zum Knie reichten.

Über Aussehen und Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, und nun unter Tights - mit dieser Schlauchklamotte haben wir uns schließlich auch einmal anfreunden müssen - können selbst als Gegner der Kompression auffällig gewordene Sportkameraden Stützstrümpfe unauffällig tragen. Kaum dass mein Test begann, wurde ich beim Schwarzwald Marathon Ohrenzeuge der Aussage des Zielmoderators, immer beliebter werden die Kompressionsstrümpfe, aber nehmen sie SIGVARIS und lassen sie sich diese beim Fachhandel genau anpassen. Bis dahin war mir gar nicht bewusst gewesen, dass mein Modell eine Sonderstellung einnimmt.

Ich laufe mit Kompressionsstrümpfen, aber auch am Schreibtisch drücken sie spürbar das Dicke in den Beinen und Füßen weg. Aber wohin? Wieder eine unbeantwortete Frage? Die Wissenschaftler werden dazu eine Aussage treffen können. Ob ich schneller werde oder schneller regeneriere? Belegen kann ich, dass ich liebend gern jede Stütze in Anspruch nehme, die mir das Laufen erleichtert oder mich zum Trainieren animiert. Geschadet hat mir das leichte Quetschen meiner Waden jedenfalls bisher nicht.

Was ich zugeben muss: Ich laufe nur noch mit compression sport stockings des Schweizer Herstellers mit 140 Jahren Medizinkompetenz. Das gibt mir zu denken. Will ich meine Energie maximieren? "SIGVARIS - Live for Legs" so steht es auf der Broschüre. Ja wieso nicht ein wenig Leben für die Beine, only steht ja nicht im Slogan? Ich teste weiter und längst treibt mich eine andere Frage: Werde ich noch ohne Quetschsocken laufen können? Etwa, wenn im Frühling wieder "kurz-kurz" angesagt ist. Werden meine Waden ungestützt vibrieren und erschlafft vom Knochen rutschen? Ist es bereits zu spät, habe ich schon eine "addiction to compression", eine Obsession, ein Verlangen nach Kompression?

Bericht von Walter Wagner

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