Ronald Vetter: Rapports auf dem Weg zum ersten Marathon
Ziel

Ronald Vetters Beiträge hatten viele 2002 auf ihrem eigenen Weg zum ersten Marathon begleitet. Ein Glasbläser, läuferisch noch am Anfang seiner Karriere, wird Marathonmann. In sportlicher Hinsicht kaum Unterschiede zu den vielen anderen, die sich auf dem gleichen Weg befinden oder diesen Weg bald selbst beschreiten wollen. Gerade das macht seine Rapports so interessant. Auf mehrfachen Wunsch wieder aufgelegt.

Rapport vom 09.09.02

Rückblick: Mein erster Versuch

Atlanta 1996, Sonntag Mittag, Marathonlauf. Da hat`s mich gepackt, das Marathonfieber. Das wollte ich auch. Unter dem Jubel von 10.000en Zuschauern diese unglaubliche Strecke zurücklegen. Also, Schuhe an und ab in den Wald. Nach 500 Metern dann die Erkenntnis, dass das wohl nicht so ganz einfach wird mit den 42 km. Nun ja, damals hat mich eine Verletzung der Achillesferse vom Start abgehalten, danach war ich wohl einfach zu faul, zu beschäftigt, zu lang im Urlaub, die Liste der Ausreden ist lang und ich habe eine erstaunliche Kreativität entwickelt, mir neue einfallen zu lassen.

Aktuell: Mein zweiter Versuch

Doch dieses Jahr soll es nun endlich wahr werden. Beim Stöbern im Internet nach Trainingsplänen stieß ich auf das Projekt der TU Darmstadt, „In 6 Monaten zum Frankfurt Marathon“. Das war doch genau das Richtige für mich. Professionelle Beratung, Trainingspläne, Lauftechniktraining, alles was das (zukünftige) Marathonläufer-Herz begehrt.

Geschichten vom Marathontraining:

Und das konsequente Training zeigt schnell Erfolge: das erste Mal 10 km unter einer Stunde, das erste Mal 15 km gelaufen, zwei Halbmarathons (2:10h), Achillesfersenprobleme, starke Schmerzen in der Wade. Muskelfaserriss? 6 Wochen Pause? Oh, oh, da wird’s dann aber eng mit der Vorbereitung. Nach dem absoluten Stimmungshoch meines 2. HM das nächste Tief; wird’s denn dieses Jahr schon wieder nix mit Marathon?
Naja, nach 10 Tagen Laufpause immerhin eine halbe Stunde schmerzfrei gelaufen, da wird’s wohl doch nicht so schlimm sein. Also geht´s heute wieder zur Gymnastik, und morgen kann ich dann hoffentlich mal wieder eine ganze Stunde laufen.

Natürlich passieren im Verlauf der 6monatigen Marathonvorbereitung auch immer mal wieder nette kleine Geschichten. Immerhin sind fast 100 Laufbegeisterte und 5 Trainer an diesem Projekt beteiligt. So beeindruckte eine der Trainerinnen durch erstaunlich präzise Aufgabenstellung :“bei dieser Übung ist der Kopf genau zwischen den Ohren!“
Da sich im Verlauf des Trainings die Anzahl der Verletzungen häufte (der Gedanke kommt auf, dass ein halbes Jahr vielleicht doch zu wenig ist zur Vorbereitung auf die berühmten 42,195 km), wurden Überlegungen angestellt, im Sport-Gesundheits-Zentrum neben dem Wassertank einen Voltaren-Spender aufzustellen.

Rapport vom 11.09.02

Am Montag Gymnastik und Lauftechnik im SGZ (Sportgesundheitszentrum) Darmstadt. Die rechte Wade war schmerzfrei, dafür tut jetzt die linke Ferse weh, öfter mal was Neues! Oder bin ich einfach nur zu weich? Der Marathonlauf ist ein Kampf gegen den inneren Schweinehund, Mauern nieder rennen, Qualen bis ins Ziel, so liest man. Da kann ich doch wohl so ein paar leichte Stiche in der Ferse ignorieren!? Eigentlich wollte ich Spass haben am Laufen, gesund sein soll es ja auch. Aber: no pain, no gain! Immerhin sind gestern die Schmerzen während des Laufens schwächer geworden, ein gutes Zeichen, denke ich.

Das Lauftechniktraining am Montag war mal wieder klasse. Vor fünf Monaten noch dachte ich, laufen kann ich seit 37 Jahren, das brauche ich doch nicht zu trainieren. Aber weit gefehlt. Seit nunmehr 18 Wochen habe ich mindestens ein Mal pro Woche am Lauftechniktraining teilgenommen, und es war jedes Mal eine tolle Erfahrung.

Das Laufen läuft normalerweise so unbewusst ab wie Atmen oder Schlucken. Aber genau das mal sehr bewusst zu tun, darauf zu achten wie sich das Bein hebt, der Arm schwingt und der Hintern wackelt ist wirklich spannend. Und erst durch das bewusste Laufen kann man Dinge ändern, Fehler ausmerzen, bis man schliesslich irgendwann mal seinen persönlichen, ökonomisch und orthopädisch optimalen Stil entwickelt. Jedenfalls sind wir am Montag eine Runde „blind“ gelaufen, also mit Augen zu, soweit man sich halt traut. Da erlebt man das Laufen sehr viel intensiver. Toll!

Rapport vom 12.09.02

Sport ist Mord!

Hatte Churchill vielleicht doch recht? No sports! Jedenfalls tauchen in letzter Zeit (nicht nur bei mir) die merkwürdigsten Verletzungen und Beschwerden auf.

Aber es gibt auch gutes zu Berichten: ich  habe einen wirklich kompetenten und netten Arzt gefunden. Ein Sportorthopäde, Betreuer der Triathlon-Nationalmannschaft und selbst Marathonläufer. Unglaublich aber wahr: ich hatte einen Termin um 15.50 Uhr und kam auch pünktlich zur Anamnese. Die Beschwerden in der Wade waren wohl eine Zerrung, und trotz Schmerzfreiheit rät er mir, weitere 2 Wochen schonend zu laufen. Deshalb werde ich auch, trotz der netten Aufforderung meiner Laufgenossin Sandra, auf den 10km-„Sprint“ in Bessungen am Samstag verzichten.

Das Röntgenbild hielt dann die nächste Überraschung bereit: ein Fersensporn (was es nicht alles gibt) verursacht die Schmerzen beim Laufen. Doch statt der befürchteten Fussamputation wird wohl erst mal eine Sporteinlage Linderung verschaffen. Hoffentlich gibt es auch bald mal wieder was positives von Laufen zu berichten.

Rapport vom 13.09.02

Ein-lagen, Zwei-fel, drei Stunden!

Der Besuch beim Orthopäden gestern Abend brachte neue Erkenntnisse über die Anatomie meiner Füsse und den Sinn von Einlagen. Seiner Meinung nach geht dieser Fersensporn wieder weg, sobald ich die Einlagen mit der druckentlastenden Fersenpolsterung trage.

 

Allerdings dauert es 3 Wochen, bis sie fertig sind!

Bis da hin soll ich schonend, langsam und nicht zu weit laufen. So langsam kann ich es nicht mehr hören. Vor lauter schonen hab ich schon fast das Laufen verlernt. In den letzten 3 Wochen bin ich ganze 3 (DREI!) Stunden gelaufen. Das ist nicht gerade die optimale Marathonvorbereitung.

Jedenfalls hab ich noch eine alte Sporteinlage gefunden. Die hat auch eine Art Fersendämpfung, und damit werde ich jetzt versuchen, ganz normal weiter zu laufen, bis die Neuen fertig sind. Da kamen die aufmunternden Worte von Constanze gerade recht: viele Füße!

Als Glasbläser Dampfteiler herzustellen ist kompliziert, aber als Glasbläser Marathon laufen - !?!+*#

Rapport vom 14.09.02

Freitag Abend mal wieder SGZ. Obwohl Yvonne auf dem besten Weg zu einer ordentlichen Grippe ist (von hier aus gute Besserung), machte sie wie immer eine ziemlich anstrengende Gymnastik. Aber die Stimmung ist gut und es wird viel gelacht. Überhaupt ist es in letzter Zeit sehr viel lockerer und entspannter geworden in der Gymnastik. Entweder liegt es daran, dass sich die Leute mittlerweile viel besser kennen als zu Beginn.

Oder es ist schon so eine Art Galgenhumor kurz vor dem grossen Ereignis.

Trotzdem kann ich nicht verstehen, warum alle laut gelacht habe, als ich während der Aufwärmphase von meinem neuen Fensterputzmittel erzählte. Ich habe es neulich auf dem Wiesenmarkt erstanden. Der Verkäufer meinte, damit müsste man nur noch 1 – 2 Mal pro Jahr die Fenster putzen. Darauf hin sagte ich: dann muss ich das ja 3 mal so oft machen wie jetzt!

Jedenfalls sind wir später ins Hochschulstadion gegangen, um ein Intervalltraining  zu absolvieren. 8 x 200m, mit jeweils 200m auslaufen. Wow, das hat´s in sich. Aber auch schön zu erfahren wie das ist mal volle Kanne zu laufen. Und ausserdem hab ich es geschafft, auf den ersten 200m Sandra und Thomas zu überholen. Beide fast schon Profis mit HM-Zeiten unter 1:45 h und normalerweise für mich uneinholbar.

Aber das Überraschungsmoment war auf meiner Seite. Und das hat meinem angeknacksten Ego gut getan, obwohl die Freude natürlich nur von kurzer Dauer war.

Alle Fersen und Waden haben anstandslos funktioniert, ein gutes Zeichen!?

Rapport vom 16.09.02

Laufen ist geil!

Jetzt habe ich es doch verwendet, das böse Wort. Aber, liebe Birgit, Beschreibungen wie anregend, herzerfrischend, wohltuend treffen nun mal überhaupt nicht den Kern meiner Empfindungen gestern.

Endlich mal wieder länger gelaufen, 17 km in 2 Stunden. Und ganz ohne Beschwerden. Dazu herrliches Wetter, blühende Felder und schöne Wälder am Fuße der Windräder von Groß-Umstadt. Und dann noch die nette Begleitung. Das war schon klasse.

Obwohl ich zwischendurch schon mal ein bisschen schlapp war. Da hat sich dann schon das Trainingsdefizit bemerkbar gemacht. Meine Laufpartnerin Birgit ist zur Zeit überhaupt nicht zu bremsen und hat gleich noch ein paar Kilometer drangehängt. Ich glaube, auf die berühmte Sonntagsfrage : "Was würden sie laufen, wenn am nächsten Sonntag Marathon wäre?“ würde sie Antworten : neuen Streckenrekord!

Jedenfalls geht´s heute Abend wieder ins SGZ zum Training!

Rapport vom 18.09.02

Alternativtraining

Die Gymnastik am Montag war wie immer effizient. Yvonne ist wieder fit und hat nicht gezögert, unsere Bauchmuskulatur zu quälen. Was muss es uns gut gehen, dass wir freiwillig solche Torturen auf uns nehmen!

Gestern Abend bin ich dann mal wieder gelaufen. Doch statt der geplanten 12km habe ich die Runde auf 9km verkürzt. Die Wade hat leicht gezwickt. Jetzt bloß nichts riskieren!

Am Samstag haben wir einen längeren Lauf geplant, so etwa 3 Stunden. Das wird dann der erste Härtetest. Aber wir sind eine tolle Gruppe von etwa 8 Läufer/-innen vom Marathonprojekt, das wird schon funktionieren. Sandra hat das wunderbar organisiert, mit Verpflegung unterwegs und Nudelsalat hinterher. Ausserdem soll die Strecke die ganze Zeit nur leicht bergab gehen, da bin ich mal gespannt.

Gerade fällt mir ein: wenn der 3-Stunden-Lauf  für mich den ersten Härtetest bedeutet, heißt das, das ein Halbmarathon kein Härtetest mehr ist. So schlecht kann also meine Kondition dann ja doch nicht sein.

Anscheinend hat sich auch mein Alternativtraining bewährt: drei Tage Verstopfte-Abwasser-Rohre im Keller ausbuddeln funktioniert auch mit ner Wadenzerrung. Und dabei hab ich 2 Kilo abgenommen.

Für Freitag habe ich eine längere Einheit Pflasterlegen geplant. Das stärkt die Oberarme und den unteren Rücken, der Puls liegt im unteren GA1-Bereich, somit ist auch für eine gute Fettverbrennung gesorgt.

Rapport vom 22.09.02

Härtetest

Mein Alternativtraining vom Freitag hat sich als sehr wirkungsvoll erwiesen. Nach 5 Stunden waren 1200 Kilogramm Pflasterstein an ihrem Platz, und voller Stolz blickte ich auf mein Werk. Leider hatte das ungewohnte Training einen unangenehmen Nebeneffekt: starker Muskelkater in den Beinen und im unteren Rücken. Wie soll ich denn da 30 Kilometer laufen? Doch, kneifen gilt nicht. Also, zum Aufwärmen erst mal ein Stündchen Sperrmüll rausräumen, dazu hab ich morgen bestimmt keine Lust.

So komme ich dann einigermaßen entspannt und beweglich am Treffpunkt an. Das Wetter ist ideal, etwa 18° und sonnig. Wir starten gut gelaunt um kurz nach 14.00 Uhr.

Auf dem Foto von links Wolfgang, ich, Sandra, Heidi, Norbert, Thomas und Birgit; später auch ehrfurchtsvoll "Die Helden vom Fischbachtal“ genannt. Später kam noch Utta auf dem Fahrrad dazu. Sie hatte ihren 30 Km Lauf schon letzte Woche absolviert und begleitete uns als moralische Unterstützung." So geht es , wie versprochen, immer leicht bergab. Und nach 8 Km warten die netten Nachbarn von Sandra zum ersten Boxenstop mit Getränken auf uns. Ein toller Service, der noch zweimal wiederholt wurde. Doch als wir ein paar Kilometer später die erste winzige Steigung hinauf liefen, merkte ich meinen Muskelkater und dachte oje, das wird hart.

Das mit dem „immer leicht bergab“ kam mir von Anfang an merkwürdig vor, denn immerhin sind wir hier im Odenwald, da wäre es schon seltsam, wenn nicht ab und zu mal eine kleine Steigung kommt. Und die kam. Mehr als erwartet. Auch wenn mich alle überzeugen wollten, dass das nicht wirklich steil ist. Ich meine, wenn die da schon Treppen hinbauen, wird das schon seinen Grund haben. Nach 28 Km hoch nach Lichtenberg (wie der Name schon sagt, Berg!) gab mir dann den Rest. Die letzten 3 Km schleppte ich mich dann weiter, mittlerweile tat alles weh. Und ohne den Zuspruch und die netten ablenkenden Anekdoten von Thomas und Sandra hätte ich es wohl nicht geschafft. Zwischendurch kam mir dann schon der Gedanke, dass meine Trainingsplanung mit dem Pflastern am Freitag doch nicht so optimal war.

Das „Läuferfeld“ hatte sich nun etwas auseinander gezogen. Doch die anderen warteten auf mich, und so liefen wir gemeinsam nach 3h 44min und 31 Km unter dem Jubel der Nachbarn ins Ziel.

Geschafft!

Wenn man die Steigungen umrechnet auf eine flache Strecke und meinen Muskelschmerz einrechnet, sind wir mindestens 75 Km gelaufen. Bei 3:44 wäre das eine Marathonzeit von 2:05h, neuer Weltrekord. Wow!

Aber im Ernst: wir alle sind nach diesem Lauf überzeugt, dass wir den Marathon schaffen. Und wir haben wichtige Erkenntnisse gewonnen über die Ausrüstung. Schuhe, Socken, Energieriegel und Powergel, alles wurde ausprobiert und getestet auf Marathontauglichkeit. Und überraschend war auch die Erkenntnis über die Leistungs- und Leidensfähigkeit, dass man viel mehr drauf hat als man glaubt.

Der Muskelkater heute hält sich in Grenzen, und ich konnte mich sogar zu einer halben Stunde Regenerationslauf durchringen. Ein Beweis für die Wirksamkeit unserer Vorbereitung. Aufbaugymnastik und Dehnen sind sehr wichtig und werden wohl am meisten unterschätzt. Keiner von uns hatte einen Krampf und die Kraft, um Reserven zu mobilisieren, war auch da.

Nach einem entspannenden Tag in der Sauna, geht es morgen weiter mit Gymnastik. Der Endspurt auf dem Weg nach Frankfurt hat begonnen. Und da mir weder die Wadenzerrung noch dieser merkwürdige Fersensporn Probleme bereitet haben, bin ich nun sehr zuversichtlich, dass alles Gut geht.

Rapport vom 24.09.02

Dunkelheit

Es ist immer wieder faszinierend, wie entspannend und erfrischend eine Stunde Gymnastik sein kann.

Das hat mir die letzten Spuren von Muskelkater weggespült. Und Yvonne , als ob sie es geahnt hätte (oder vielleicht hat sie es im Laufreport gelesen?) hat statt einer anstrengenden Lauftechnik einen entspannenden Regenerationslauf angeboten.

Jedes Mal aufs neue begeistert mich der Darmstädter Stadtwald. Hier kann man kilometerweit auf den schönsten, ebenen und gut befestigten Waldwegen laufen. Bei mir zu Hause rund um Reichelsheim sind alle Feldwege geteert. Und wenn man mal einen ungeteerten Waldweg laufen will, muss man halt den Buckel rauf und runter.

Allerdings gibt es zur Zeit ein Problem, was mich mehr beschäftigt: Dunkelheit! Immer früher wird es dunkel, und bald muss man nach 18.00 Uhr gar nicht mehr los. Jedenfalls habe ich ein ungutes Gefühl, im Dunkeln zu laufen und nicht genau zu sehen, wo ich hintrete. Wie macht ihr das denn? Mit einer Taschenlampe? Oder nach dem Motto: ich laufe eh immer ohne Brille und sehe sowieso nie, wo ich hinlaufe?

Morgens zu laufen kommt für mich auch nicht in frage, da ich kurz nach 6 losfahre. Und zur Arbeit laufen geht auch nicht, das sind 60 km.

Spätestens nach dem Marathon, wenn die Uhr umgestellt wird, ist es sowieso dunkel, wenn ich um 17.00 heimkomme. Da werd ich dann wieder öfter mal ins Sportstudio gehen und meine Laufaktivitäten aufs Wochenende beschränken.

Rapport vom 26.09.02

Im Lauffieber

Nach einer kurzen Laufeinheit am Dienstag war ich gestern Abend mal wieder bei Joachim Fieber in der Mittwochsgymnastik. Ja, da weiß man, was man hat. Manchmal habe ich das Gefühl, seit seiner erfolgreichen Teilnahme am IronMan Hawaii will er den Teilnehmern seiner Gymnastikstunde jedes Mal zeigen, wie man sich nach einem Ultratriathlon fühlt. Aber durch seine nette Art, die Marathonis zu quälen, kann man ihm gar nicht böse sein. Seine Trainingsstunden sind auch jedes Mal bis auf den letzten Platz ausgebucht. Und ihm fällt immer wieder was Neues ein. So gingen wir nach der Gymnastik auf die Bahn für einige Fahrtenspiele. Im Prinzip ist das ähnlich wie ein Belgischer Kreisel beim Bahnradfahren, nur anders herum. Der Letzte überholt die vor ihm laufende Gruppe, indem er einen kleinen Zwischensprint einlegt und sich dann vor das Feld setzt. Ein weiterer Unterschied zum Bahnradfahren ist, daß ich da noch keinen rückwärts an der Gruppe vorbei fahren sah.

Später lernten wir dann noch die hocherotische Quasimodostellung kennen. Dabei muss der /die Letzte mit einer Hand am Knöchel von hinten an der Gruppe vorbeilaufen. Wirklich lustig. Zumindest für die Leute, die gerade nicht so laufen müssen und nur zusehen. Frei nach dem Motto: „Wie kann ich am Start 200 Läufer überholen“ übten wir Geschicklichkeit und Koordination bei einem Slalomlauf quer durch die 27 Mann/Frau starke Gruppe.

Trotz der einbrechenden Dunkelheit, die uns das Training einige Minuten zu früh beenden ließ, war das wieder mal ein toller Abend in dieser wundervollen Gruppe von verschiedensten Menschen, die alle ein Ziel haben: einen Marathon zu laufen und aufrecht gehend und mit Würde ; jeder mit seiner eigenen Vorstellung von einer „guten“ Zeit; die Ziellinie zu überqueren.

Rapport vom 30.09.02

Jetzt wird´s international!

Um am Sonntag am Internationalen Heiterwanger Seelauf teilzunehmen, fuhren Birgit, Utta und ich am Freitag Richtung Tirol. Der Wetterbericht der letzten Tage war wenig ermutigend, 20 cm Neuschnee und Temperaturen um den Gefrierpunkt sind keine Traumwerte für Läufer. Jedenfalls für alle, die nicht gerade für den Eskimomarathon in Alaska trainieren. Aber eine Besserung war in Aussicht, der Schneefall hatte sich in Dauerregen verwandelt, und die Temperatur war fast schon zweistellig.

Zu unserer Überraschung erwartete uns am Samstag Morgen ein strahlender Sonnenaufgang, der die Vorfreude auf den Lauf noch vergrösserte.

Nach einem ausgiebigen Frühstück und einer erfrischenden Fussreflexzonenmassage (Danke, Marina), die meine aufkommende Erkältung wegzauberte, starteten wir zur Erkundungsrunde um den See.

Die 6-Kilometer Runde wird für das Rennen um zwei Schleifen Richtung Ortskern auf 10 Kilometer erweitert.

Obwohl die zweite Hälfte der Runde recht anspruchsvoll ist, viele kleine Steigungen und Wurzeln erschweren das zügige Vorankommen, ist diese Strecke ein Traum für jeden Läufer. Das Panorama der Berge mit dem See im Vordergrund ist atemberaubend. Mit Sauna und Solarium wurde der erste Tag unseres Höhentrainings (immerhin 1000m) abgerundet.

Birgit, die hier zuhause ist, hatte alles hervorragend organisiert.

Am Sonntag Morgen füllte sich der Platz vorm Hotel „Fischer am See“, wo der Start-Ziel Bereich mit Verpflegung und Umkleidemöglichkeiten für die 181 Läufer/-innen in allen Altersklassen aufgebaut war.

Toll, dass hier auch an den Nachwuchs gedacht wurde. Schon Läufer des Jahrgangs 1999 waren am Start, manche allerdings noch mit leichten Orientierungsproblemen.

Um 11.15 Uhr war es dann endlich soweit, der Start zum 30. Heiterwanger Seelauf. Die Sonne strahlte mit den Gesichtern der Läufer um die Wette, das konnte gar nicht besser sein!

Hochmotiviert von diesen tollen Verhältnissen konnten wir alle unsere persönlichen Bestzeiten verbessern. Birgit und Utta liefen die schwierige Strecke in 55 min.

Mein Rennen lief hervorragend. So konnte ich meine in Juni aufgestellte Bestzeit über 10 km von 0:55:33h auf unerwartete 0:48:43h verbessern.

Nach einem zünftigen Wiener Schnitzel, das hatten wir uns verdient, genossen wir noch die Nachmittagssonne, bevor wir uns wieder auf die Heimreise machten. Wir sind sicher, auch im nächsten Jahr wieder an dieser toll organisierten Veranstaltung teilzunehmen.

Was für ein fantastisches Erlebnis!

Rapport vom 02.10.02

Gesundheit!

Spontan wie ich manchmal bin, habe ich mich entschlossen, morgen den Halbmarathon in Griesheim nicht mitzulaufen. Eigentlich hatte ich vor, dort mein Marathontempo auszuprobieren, die ganze Strecke  gleichmäßig durchzulaufen. Aber der Probelauf heute mit den neuen Einlagen hat gezeigt, dass das doch etwas gewöhnungsbedürftig  ist. Ich dachte nämlich, die Einlagen würden meinen Füssen angepasst. Aber der Orthopäde meint, die Füße würden sich nach kurzer Zeit an die Einlagen gewöhnen.

Außerdem will ich das lange Wochenende bei meiner Schwester im Süden Bayerns verbringen, da fahre ich lieber früher weg. Das schont die Nerven und ist gut für die Gesundheit.

Apropos Gesundheit: der 10KM Lauf am Sonntag hat mir mal wieder gezeigt, wie wichtig ausreichendes Trinken vor und nach dem Laufen ist. Unmittelbar nach dem Rennen habe ich ca. 2 Liter Tee getrunken, und zum ersten Mal nach einem anstrengenden Lauf bekam ich abends keine Kopfschmerzen.

Über die Vorteile einer gesunden Ernährung muss ich ja wohl nichts sagen, das weiß jeder selbst am Besten. 

Allerdings gebe ich zu , dass meine Strategie in der Cooldown-Phase eher umstritten ist.


Rapport vom 07.10.02

Singing in the rain?

Leider nicht! Obwohl ich im strömenden Regen aus Bayern zurück kam, war es schon wieder trocken, bis ich meine Schuhe anhatte und loslief. Wirklich, ich laufe gerne im Regen. Und danach eine heiße Dusche, dann aufs Sofa und eine Tiefkühlpizzääähh... ich meine natürlich gedünsteten Broccoli mit Reis! Klasse!

Aber auch ohne Regen genoss ich meinen Sonntagnachmittagslauf. Nach der langen Autofahrt war das herrlich entspannend. Und man kann so schön seinen Gedanken nachhängen.

Bei einem Gespräch mit meiner Schwester kam ich darauf, dass der Marathonlauf in Frankfurt, obwohl der Anlass für diese ganze Geschichte, eigentlich nebensächlich geworden ist.

Die vielen netten Leute in der Gymnastik, die gemeinsamen Läufe, das Rennen in Tirol, das Schreiben hier im Laufreport mit den Millionen glücklichen Lesern. Das alles ist viel mehr als nur das Vorspiel zum großen Ereignis und wird den Marathon am 27. Oktober lange überdauern, egal wie dort die Zeit wird oder ob ich aussteigen muss.

Es wird (vielleicht) noch manch anderen Marathon geben, aber die letzten Monate haben mir viele tolle Momente und neue Bekanntschaften beschert. Und das ist viel mehr wert als 3:59 oder 4:30.

So, jetzt werde ich auch keine Energie mehr verschwenden für das Hochrechnen von Kilometerzeiten. Es wird einfach gelaufen, und am Ende sehen wir dann, was dabei rauskommt!

Rapport vom 09.10.02

Schnell, schneller, zu schnell?

Trotz meines festen Vorsatzes, mir über das Tempo beim Marathon keine Gedanken mehr zu machen und einfach loszulaufen, kann ich nicht aufhören, darüber zu grübeln.

Soll ich es gemütlich angehen und damit rechnen, dass es fünf Stunden dauert? Soll ich versuchen, unter 4 Stunden zu bleiben und riskieren einzubrechen? Oder soll ich die viereinhalb Stunden anpeilen, was wohl am realistischsten ist, und dann vielleicht später einsehen, dass es auch ein bisschen schneller gegangen wäre.

Gerade las ich den Bericht von Gabi Leidner vom Marathon in Aschaffenburg.  Da haben drei Jungs, die vorher nie mehr als 10 km am Stück gelaufen sind, ihren Marathon in 4:14h beendet. Und ich bereite mich ein halbes Jahr intensiv darauf vor, hab sogar fast mit dem Rauchen aufgehört, und soll dann 4:30h laufen?

Fragen über Fragen! Aber noch sind zweieinhalb Wochen Zeit, um sie zu klären.

Rapport vom 11.10.02

Level 42

Ok, ok  ich sehe es ja ein. Nachdem sogar Frau Werwolf ihre Besorgnis über meinen plötzlichen Ehrgeiz geäußert hat und ich mich an Dieter Bremers Weisheiten erinnert habe: Euphorie kontrollieren, am Anfang nicht überpacen und dann auf halber Strecke schlapp machen.Also habe ich jetzt folgenden Entschluss gefasst: nicht schneller als 6 min/km. Da kommt am Ende wohl was zwischen 4:15h und 4:30h raus.

Außerdem habe ich mich mit meinem Lieblingscousin bei Kilometer 35 verabredet. Er will mir mit Bratwurst und Äppelwoi meine Zigarettenpause verschönern und mich damit für den Endspurt motivieren. Ein toller Plan! Überhaupt bin ich jetzt überzeugt, dass das klappt mit dem Marathon. Gestern kam die Anmeldebestätigung aus Frankfurt.

Meine Startnummer: 4244

Wenn das kein gutes Zeichen ist, die 42 in der Startnummer. Das ist nämlich meine Lieblingszahl. Nicht nur weil der Marathon 42 km lang ist. Sondern, wie jeder weiß, der den Anhalter durch die Galaxis gelesen hat: die 42 ist die Antwort auf alle Fragen des Lebens, des Universums und vom ganzen Rest.

BOTSWANA - Arbeit von Ronald Vetter

Also, was soll da jetzt noch schief gehen?

Anmerkung der Redaktion: Lieber Ronald, wir hoffen du verpasst deinen Cousin, sonst wird aus dir kein Marathonmann und du bleibst einfach nur ein hervorragender Glasbläser. Noch ein Vorschlag: Wie wäre es mit der nächsten Zigarette nach dem 42. Marathon?

Rapport vom 14.10.02

Endspurt!

Das letzte Vorbereitungsseminar fand am Samstag statt. Ab 9.00 Uhr versammelten sich die Laufbegeisterten vor dem SGZ in Darmstadt. Nach einigen einführenden Worten von Dieter Bremer wurden 3 Gruppen gebildet. Wir hatten das Vergnügen, zuerst bei Kathrin eine Gymnastikstunde zu absolvieren. In den letzten beiden Wochen wird mehr Gewicht auf Körpergefühl als auf Kräftigung gelegt. Während einer seitlichen Dehnübung blickte ich auf die Strümpfe meines Nachbarn, Falke ACE las ich da. Bei dem Gedanken an Multivitaminsocken (A-C-E) konnte ich nur schwer meine Beherrschung wahren.

Eine meditative Körperreise sollte uns weitere Entspannung bringen. Kathrins beruhigende Stimme und das sanfte Schnarchen von Thomas ließen uns in einen locker-leichten Zustand fallen. So konnten wir dann auch dem Traumflug über die Marathonstrecke folgen, der uns im Rennen über die schwierigen letzten Kilometer hinweghelfen soll.

Danach ging es zu Joachim Fieber, der mit einem weiteren Conconi-Test auf uns wartete. Anhand der neuen Daten sollte dann eine Empfehlung für die Geschwindigkeit und Endzeit beim Marathon ausgerechnet werden. Die Ergebnisse, die da aber teilweise rauskamen, lassen mich doch an der Zuverlässigkeit des Tests zweifeln. So bekam Sandra, die mit Sicherheit um die 3:45h laufen wird, fünf einhalb Stunden Endzeit berechnet. Und mir wird empfohlen, mit 5:20 min/km anzulaufen, was mir viel zu schnell erscheint.

Schließlich wartete Dieter Bremer, der sich tags zuvor als fleißiger LAUFREPORT-Leser geoutet hatte, mit einem bebilderten Vortrag über die Route in Frankfurt auf uns. Mit den über 200 Bildern von der Laufstrecke brachte er uns allen den teilweise verlorenen Respekt vor den 42 Kilometern wieder. Ich vermute, dass das ein Teil des ersten der sieben Punkte zur unmittelbaren Wettkampfvorbereitung war: die Euphorie bremsen! Denn die Gesichter der Teilnehmer/innen waren nach dem Vortrag alles andere als euphorisch.

Natürlich versäumte es Dieter Bremer nicht uns darauf hinzuweisen, an der Bremerstrasse in Frankfurt eine Gedenkminute einzulegen. Zum Abschluss folgte eine Fragerunde, wo alle Themen wie Abholen der Startunterlagen und Bekleidung geklärt wurden. Danach entließ uns Dieter mit der eindringlichen Bitte, unser Abendgebet um folgenden Satz zu erweitern:
Ich werde Herrn Bremers Finisherquote nicht ruinieren!

Natürlich werden wir uns alle daran halten!

Rapport vom 17.10.02

Renntaktik

Natürlich nehmen die Diskussionen über die Taktik beim Marathon kein Ende, schließlich wollen wir alle unser Bestes geben, aber auch auf jeden Fall das Ziel erreichen. Und da es für die Meisten von uns der erste Marathon ist, fehlen natürlich die Vergleichswerte.

Mein Laufpartner Norbert, mit dem ich das Rennen angehen will, hat unsere Taktik hervorragend und mit bestechender Logik folgendermaßen beschrieben:

„Auch ich werde versuchen eine Geschwindigkeit von 6min/km zu laufen. Im Fischbachtal sind wir die 32 km in 3:40h gelaufen. Rechnet man jetzt auf 42 km hoch, wären es 4:50h für den Marathon. Ziehen wir die Berge mal ab, komme ich auf 4:20h. Addiert man noch die Euphorie durch das "Anpeitschen" der Zuschauer hinzu, erreiche ich 4:10h. Wenn es regnet, muss man den nachlassenden Grip auf der Straße wieder dazu rechnen; auch bleiben dann die Zuschauer weg (Ach, da sind sie wieder, die negativen Gedanken .. fort mit euch), also 4:12h. Berücksichtigen wir noch, das mit zunehmender Strecke eventuell die Form etwas (aber nur etwas) leiden könnte und man zum Schluss etwas langsamer wird, dann komme ich auf 4:30h. Damit sind meine Zeiten eigentlich klar. Zudem will ich ja noch einigermaßen gut aussehen, wenn ich an Joachim Fiebers Stand bei 32 km vorbeilaufe (wo lasse ich bloß solange meinen Kamm).“

Diese vortreffliche Analyse entlarvt zugleich auch eine gravierende Schwachstelle in Dieter Bremers Vorbereitungsarbeit. „Wo lasse ich solange meinen Kamm?“

Stell dir vor, der Hessische Rundfunk filmt an der Strecke und der Scheitel ist verrutscht.

Hoffentlich finden wir auch für dieses Problem bis zum 27.10. eine Lösung.

Rapport vom 21.10.02

Happy Tapering!

Für alle, die Cheftrainer Bremers Ratschläge nicht gelesen haben oder nicht wie ich das Vergnügen hatten, von Frau Werwolf aufgeklärt zu werden: wir sind mitten drin in der Taperingphase, der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung. Wie wir von vielen Berichten aus der Profisportlerszene wissen, ist das wohl nicht so ganz einfach, auf den Punkt hin fit zu sein. Schon oft ging das gründlich in die Hose, wurde zu viel oder zu wenig trainiert und die Form war im Eimer.

Allein die Wortkreation „Taperingphase“ offenbart, wie dicht Erfolg und Misserfolg beieinander liegen: während „taper off“ einerseits „spitz zulaufen“ bedeutet, also auf einen bestimmten Punkt hin ausgerichtet, kann man es auch mit „langsam nachlassen“ übersetzten, und das ist genau das, was man vermeiden will.

Aber wir sind ja in den besten Händen bei Dieter Bremer, dem Streckenchef des Frankfurter Marathons, und seinem Team.

So erhielten wir am Freitag noch mal eindringlich den Ratschlag, den Ruhetag am Sonntag einzuhalten (was mir nicht sonderlich schwergefallen ist) und in den letzten Tagen vor dem Rennen auf Sex in der Sauna zu verzichten.

Rapport vom 23.10.02

Noch vier Tage!

Die Nervosität steigt langsam. Einige vom Marathonprojekt, darunter auch ich, haben sich trotz aller Vorsicht eine leichte Erkältung eingefangen.

Der Lauf gestern Abend, eine Stunde im Marathontempo, hat mich total geschafft. Das trägt natürlich nicht gerade zur Verbesserung der Stimmung bei. Die schwankt nämlich zwischen totaler Euphorie und Zweifel über die Fitness. Kann so eine kleine Erkältung völlig die Form rauben? Schluss damit, am Sonntag werde ich in Bestform an den Start gehen, da gibt´ s überhaupt keinen Zweifel.

Allerdings hat sich bei meinem letzten Wochenendlauf ein viel gravierenderes Problem aufgezeigt: In welcher Pose laufe ich über die Ziellinie? Beckerfaust? Einarmiger Fingerzeig in den Himmel oder zwei hoch erhobene Fäuste? Bei meinem Geheimtraining im Wald kam ich zu keinem eindeutigen Ergebnis. Kann man eine so wichtige Frage dem Zufall, der Spontanität, momentanen Gefühlsausbrüchen überlassen?

Ich denke schon!

Anmerkung der Redaktion: Das kannst Du dem Zufall überlassen oder bei den Triathleten abspicken. Keiner kann so theatralisch Auftreten wie Triathleten unter der Zielbrücke.

Rapport vom 25.10.02

Erkenntnisse!

Ich war mir noch nie sicher, ob der Mensch (ich meine den Menschen im Allgemeinen, nicht nur die Männer) wirklich schon die Entwicklungsstufe zum Homo sapiens, dem denkenden oder weisen Menschen, erreicht hat.  Ehrlich gesagt zweifle ich manchmal dran.

Aber ich bin mir jetzt sicher, dass ich den Schritt zum Homo erectus geschafft habe. Aufrecht stehen, aufrecht gehen, aufrecht laufen. Ein halbes Jahr Funktionsgymnastik, Rumpfstabilisierung und Lauftechnik haben ihre Spuren hinterlassen. Ich habe das Gefühl, ich wäre 3 cm gewachsen. Ich laufe gerade und, man könnte sagen erhobenen Hauptes. Eine tolle Erfahrung.

Genau wie mein Lauf gestern Abend. Ich bin die 10 km in 63 Minuten gelaufen, selbe Zeit wie am Dienstag. Nur das der Puls am Dienstag bei 142 lag, gestern aber bei 131. Da hat die Erkältung wohl doch eine Rolle gespielt.

Auf der Messe. Kartin Dörre-Heinig wünscht
Ronald Vetter viel Erfolg beim Ersten

Außerdem habe ich meine Sporteinlagen wieder rausgeschmissen. Irgendwie passt es nicht so richtig. Und obwohl ich sie jetzt seit 3 Wochen trage, ist der Fersensporn kein bisschen besser geworden. Im Gegenteil, aus dem anfänglichen leichten Stechen ist ein permanenter Schmerz geworden.

Aber ich will nicht hier rumjammern. Obwohl... warum eigentlich nicht.

Durch den Fersensporn, der manchmal wirklich arg weh tut, habe ich mir wohl einen Schongang angewöhnt, so dass das linke Knie schmerzt. Außerdem zwickt die rechte Wade, wo die Zerrung war, immer noch. Die Erkältung ist noch nicht ganz ausgeheilt, meine Gallenblase drückt und irgendwie fühle ich mich heute ein wenig schlapp. Schlecht geschlafen. Vielleicht sollte ich ohne Umweg über Frankfurt direkt den Weg in die Reha-klinik antreten.

Warum jammern Männer eigentlich so gerne? Ich habe da eine Theorie entwickelt.

Erstens: wenn ich vorher genügend gejammert habe, kann ich ein eventuelles Versagen leichter erklären.

Zweitens, und ganz wichtig: Die Angebetete blickt voller Bewunderung auf ihren Helden und denkt: „So ein toller Kerl, trotz der vielen Schmerzen kämpft mein Beschützer weiter, kann einen Marathon laufen oder den Müll raustragen.“

Es ist schon interessant, welche Gedanken einem beim Laufen so im Kopf rumgeistern.

Für alle Fälle noch was
gegen Wind und Wetter

So, das war’s. Die Vorbereitung zum Frankfurt Marathon ist abgeschlossen. Heute Nachmittag werde ich die Startunterlagen abholen. Morgen ist noch mal ein 20 minütiger Lauf geplant. Am Mittag eine Massage, abends vielleicht ein bisschen dehnen. Und dann geht´s los. Hoffen wir, dass das Wetter einigermaßen mitspielt. Ich wünsche allen Teilnehmer/-innen einen tollen Lauf und allen Zuschauer/-innen viel Spaß.

Wir sehen uns im Ziel! Meine Startnummer: 4244

Rapport vom 30.10.02

Geschafft!

Wenn ich jetzt schreiben würde, dass dunkle Wolken am Sonntag Morgen schlechtes Wetter verkündeten, wäre das glatt gelogen. Es regnete in strömen, Sturmböen, Orkanwarnung, na klasse. Wie konnte es dieses blöde Wetter wagen, mir MEINEN großen Tag zu versauen. Hatte ich doch alles erdenkliche unternommen, damit dieser Tag perfekt abläuft.

Doch manche Sachen lassen sich halt einfach nicht planen. Weder das Wetter noch die Tagesform. Ich weiß nicht, ob mir das Wetter auf die Stimmung drückte oder ich einfach zu hohe Erwartungen hatte, jedenfalls bekam ich Kopfweh. Und dann habe ich auch noch in einem Moment der Unachtsamkeit meine Laufpartner verloren. So stand ich „mutterseelenallein“ am Start.

Wenigstens hatte es aufgehört zu regnen, und endlich ging es los. Doch schon nach 2 km wusste ich, dass ich meinen geplanten Schnitt von 6min/km nicht schaffen würde. Irgendwie „lief“ es heute nicht rund.

Nach 10 km taten die Beine weh. Ich dachte, ich könnte mindestens 25km locker laufen, bevor es anstrengend wird. Aber dass es schon so früh losgeht, damit hatte ich nicht gerechnet. Da wusste ich auch, dass ich jede Zeitplanung vergessen kann.

Zum Glück traf ich bei km 20 meinen Laufpartner Norbert. Gemeinsam wunderten wir uns über die Läufer am Straßenrand, die schon zur Halbzeit mit Krämpfen ihre Waden dehnten. Hatten die denn nicht trainiert?

Norbert hatte wohl seine Erkältung noch nicht ganz verdaut, auch er hatte früh zu kämpfen. So beschlossen wir, den Rest gemütlich anzugehen, und machten an jeder Verpflegungsstation eine Gehpause. Ich hatte mir den oft gehörten Ratschlag, immer viel zu trinken, sehr zu Herzen genommen, und an jeder Wasserstelle 2 bis 3 Becher Wasser und Tee getrunken. Mit dem Erfolg, dass ich alle 5 km eine Pinkelpause einlegen musste.

Die Mainzer Landstrasse ab Kilometer 32 konnte uns nicht schrecken, der Rückenwind blies uns fast von selbst voran. Doch bei km 34 kam er dann, der härteste Moment des Marathons. Nein, nicht der Mann mit dem Hammer, die Frau mit dem netten tiroler Akzent. Mit einem lockeren „Hallo Jungs“ lief Birgit an uns vorbei und war bald am Horizont verschwunden. Und ich wollte mindestens eine halbe Stunde schneller sein als sie. Aber sie hatte es richtig gemacht. Sie hat keinen Gedanken verschwendet an Durchgangszeiten und Bestleistung. Von Anfang an war ihr Ziel, möglichst in 4:45h durchzukommen. Und das hat sie locker um fast 10 Minuten unterboten.

Heizten ein: Rodgau Monotones (Foto:LR)

Bei km 36 warteten Yvonne und Kathrin vom SGZ. Wie gut es tut, ein bekanntes Gesicht zu sehen! Aber schon lange wusste ich, dass ich das Ziel erreichen würde. Seit 20 km tat alles gleichmäßig weh, und es wurde auch nicht schlimmer. Deshalb habe ich nie daran gezweifelt, durchzukommen. Trotzdem habe ich mich gefreut, bei km 37 meinem Cousin Gunnar und seiner Familie zu begegnen. Leider hatte er die Bratwurst vergessen, aber bei dem Wind hätte ich eh meine Zigarette nicht angekriegt. Bei km 38 traf ich Kerstin und Thomas noch mal, mein Betreuerteam. So konnte ich endlich meine „Wollmütze“ loswerden, die viel zu warm war, und den Gürtel mit den Powergel-Fläschchen.

Auf den letzten Kilometern hatte ich eigentlich nur noch mit dem Wind zu kämpfen. Klar, die Füße und Oberschenkel taten ziemlich weh. Aber das Ziel war nah, das hat dann die Reserven mobilisiert für den Endspurt. Auf der Zielgerade hat es einem dann sprichwörtlich die Füße weggeweht, es war mühsam, überhaupt vorwärts zu kommen. Aber schließlich war es dann doch geschafft. Mit großer Freude überquerte ich die Ziellinie in der persönlichen Bestzeit von; und da ist sie wieder, meine Lieblingszahl: 4:42:00h Nettozeit.

Der erste Marathon ist geschafft! Unglaubliche 42 km bei widrigsten Umständen zurückgelegt. Wahnsinn, klasse!

Und die Vorbereitung hat gestimmt. Kein Krampf, noch nicht mal richtig Muskelkater. Klar, die Füße tun weh und das Knie, aber das gehört ja wohl dazu. Also, mein Tipp an alle, die Marathon laufen wollen: unterschätzt niemals die Bedeutung von Gymnastik, Dehnen und Lauftechnik.

An dieser Stelle ein großes Lob an Dieter Bremer und Joachim Fieber (wo war der eigentlich gestern?), die Macher des Marathonprojekts. Und an Kathrin Schröder, die Leiterin des SGZ, sowie Yvonne und Michael, die alle hervorragende Gymnastik- und Lauftechnikstunden anboten. Wir hatten viel Spaß, und es hat sich gelohnt!

Da ich jetzt so langsam zum Schluss kommen muss, was mir wirklich schwer fällt, noch einen riesen Dank an Constanze und Walter Wagner, die Chefredaktion des Laufreport. Sie hatten die Idee, mich hier schreiben zu lassen. Und es hat mir echt Spaß gemacht!

v.l.: Ronald, Andy, Sandra, Thomas, Utta, IronMan Egbert, Birgit

Wenn es euch auch gefallen hat, dann schreibt mir doch mal. Wenn nicht, behaltet es für euch, ich kann keine Kritik vertragen.

So, das war´s schon fast. Für die Leute vom Marathonprojekt und alle, die es sonst noch interessiert, wird es am 10.11. noch was von unserem Galaabend geben, wo wir unsere Finisher-Shirts bekommen.

Und da ich mir sicher bin, dass das nicht das Ende meiner Karriere als Marathonläufer ist, steht hier: Anfang

"If you can't fly, then run. If you can't run, then walk. If you can't walk, then crawl. But whatever you do, keep moving." Martin Luther Kin

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