Therapeuten in Laufschuhen

Zum zwanzigjährigen Bestehen des Deutschen Lauftherapie-Zentrums

von Werner Sonntag

Gefeiert wird erst im April, aber der zwanzigste Jahrestag der Gründung des Deutschen Lauftherapie-Zentrums war am 8. März. Doch Daten sind nur Fixpunkte, an denen sich Entwicklungen festmachen lassen. Die Entwicklung der Lauftherapie begann im Grunde individuell bei jedem von uns. Wohl jeder hat an sich selbst erfahren, daß das Lauftraining nach einigen Wochen nicht nur Fitneß aufbaute oder förderte, vielleicht sogar Beschwerden beseitigte, sondern auch zu einem vordem nie gekannten Wohlgefühl führte. Manchmal erwies sich die psychische Wirkung als wichtiger denn die physische. Beim Laufen zeigte sich die zeitweise aus den Augen verlorene Einheit von Körper und Geist, verschüttetes Körpergefühl trat zutage. Wir erkannten: Über den Körper kann man psychische Wirkungen erzielen.

 

Wie so vieles in der neueren deutschen Lauf-Entwicklung ist auch dieser Aspekt schon bei Ernst van Aaken zu finden; in „Alternativ-Medizin durch Ausdauer“ gibt es sogar ein Kapitel über Schizophrenie und eines über „Psychoanalyse und Lustprinzip in der Dauerbewegung“. Doch auch van Aakens Erkenntnisse sind nicht so neu. Bereits im ganzheitlichen Menschenbild der Antike hatte die Wechselwirkung von Körper und Seele ihren Platz. In den Tempeln des Askläpios wurden Bewegung, Berührung und Tanz therapeutisch praktiziert. Hilarion G. Petzold, der Begründer der Integrativen Bewegungs- und Leibtherapie, hat darauf hingewiesen. Mag auch Sigmund Freud die Psychoanalyse ganz auf eine intellektuelle Basis gestellt haben, so erkannten doch bereits einige seiner Schüler, wenn auch mehr oder weniger abtrünnige, den Körper als therapeutisches Medium. Sandor Ferenczi verließ in den zwanziger Jahren Freuds Maxime, Psychisches durch Psychisches zu erklären, und suchte die Nähe zur Biologie. Alfred Adler postulierte 1929: „Wir können also zuerst feststellen, daß die Entwicklung des Seelenlebens an die Bewegung gebunden ist, und daß der Fortschritt alles dessen, was die Seele erfüllt, durch diese freie Beweglichkeit des Organismus bedingt ist.“ Paul Schilder befaßte sich in den zwanziger Jahren mit dem „Körper-Ich“.

Wilhelm Reichs bioenergetische Theorie und in den sechziger Jahren daran anknüpfend Alexander Lowen – „Der Körper als Retter der Seele“ –, Graf Dürckheim im Schwarzwald und zahlreiche andere stehen für „nonverbale Therapieverfahren“. Manche wie den Ausdruckstänzer Rudolf Laban und die Gymnastiklehrer Rudolf Bode und Heinrich Medau bringt man gar nicht in Verbindung mit therapeutischer Zielsetzung.

Ernst van Aaken hat in dieser Beziehung keine Theorie entwickelt; er hat Erkenntnisse von Gesundheitslehrern wie Hufeland und Philosophen wie Schopenhauer, Nietzsche und Bergson („élan vital“) in das Laufen integriert. Er war ein Anreger, der in sein großes Thema Ausdauerbewegung als Prävention und Rehabilitation ein vielfältiges Spektrum an Themen einbezog. Aber er beließ es, zumal in Anbetracht seiner praktischen Tätigkeit als Arzt, Trainer und Autor, bei Ideen, Ansätzen und allenfalls Strukturen. Was daraus werden konnte, hing dann von anderen ab. Der Verband langlaufender Ärzte und Apotheker wäre eine Papiergeburt geblieben, wenn nicht Hans-Henning Borchers die Gründung mit Leben erfüllt hätte.

Auf den Fortbildungsveranstaltungen, die mit Ärzteläufen verknüpft waren, sprach auch Professor Alexander Weber. Im Grunde war er als Erziehungswissenschaftler und Diplom-Psychologe im falschen Forum. Doch als van Aaken potentielle Mitglieder für seinen DVLÄ suchte, wandte er sich an alle Läuferinnen und Läufer, die ersichtlich einen akademischen Rang hatten; die von ihm 1961 gegründete Interessengemeinschaft älterer Langstreckenläufer bildete das Namensreservoir. Ob Dr. med. oder Dr. rer. nat. wie Alexander Weber, – van Aaken unterstellte einfach, es handle sich um Ärzte.

Im DVLÄ konnte die Psychologie wie im wirklichen Leben der Mediziner nur ein Schattendasein führen. Das Thema „Laufen und Psychologie“ war wissenschaftlich, ebenso wie in den Medien, die ja zum Teil noch nicht einmal die präventive Wirkung des Ausdauerlaufs erkannt hatten, völliges Neuland. Alexander Weber betrat es. Wenn vom Deutschen Lauftherapie-Zentrum die Rede ist, muß von ihm gesprochen werden. Wie er in das Neuland vordrang, ist spannend zu lesen in dem Beitrag von W. A. Schüler in dem Sammelband „Warum Cooper Aerobics erfand“. Als Student war Weber 1960 gelaufen, Kurzstrecke im Intervall-Training nach Woldemar Gerschler. Jahre später, nachdem er von der Schule zur Hochschule gewechselt war, stellten sich die Folgen eindeutiger Streßbelastung ein. Ein Arzt empfahl ihm Sport, Weber kehrte zum Laufen zurück, diesmal aber zum Dauerlauf. Der ganz typische Beginn einer Läufer-Karriere, typisch auch die positiven Wirkungen des Laufens. Die Begegnung mit einem älteren Läufer brachte ihn 1975 auf den Weg, der zur Gründung des Lauftherapie-Zentrums führte. Damals schon hatte er bei einer Eintragung in sein Tagebuch den Begriff „Lauftherapie“ geprägt. Mit Datenerhebungen, der Arbeit in Kleingruppen und einem mehrmonatigen Laufprojekt 1983 an der Kurklinik Oerlinghausen näherte er sich einem therapeutischen Konzept. Zuvor bereits, von 1978 an, hatte er begonnen, mehrtägige Lauf-Encounter – ein Fachbegriff für die Gesprächstherapie von Carl Rogers, die Reinhard Tausch in der Bundesrepublik verbreitete – an der ostfriesischen Nordseeküste zu veranstalten. 80 solcher Laufworkshops und -seminare haben bisher in Dornumersiel stattgefunden.

 

Am 8. März 1988 gründete Professor Weber zusammen mit einigen Lauffreunden, insbesondere Ärzten, Psychologen und Pädagogen, das Zentrum für Lauftherapie (ZfL), das 1990 in Deutsches Lauftherapie-Zentrum (DLZ) umbenannt worden ist. Die Absicht war, ein lauftherapeutisches Konzept ohne die Einbindung in die Zwänge einer Hochschule zu schaffen. Zwar hatte Hilarion Petzold an seiner Wirkungsstätte in Amsterdam praxisorientiert eine umfassende „Leib- und Bewegungspsychotherapie“ entwickelt, aber für eine spezielle Therapie durch Laufen gab es keine Vorbilder.

Der „Spiegel“, der Mitte der siebziger Jahre die Ressentiments der Straße gegen Läufer intellektuell artikulierte, hat erst in den beiden letzten Jahren auch die psychologische Dimension des Laufens entdeckt.

Zunächst fanden in Paderborn, wo Professor Weber lehrte, und im nahen Bad Lippspringe therapeutische Laufkurse statt, die auf einen weitgesteckten Personenkreis abzielten. In diesen vierteljährigen Kursen mit bisher über 3000 Teilnehmern werden Menschen angesprochen, die sich durch Streß und andere Belastungen beeinträchtigt fühlen. Entspannendes Laufen, das van Aaken lange noch vor dem „Jogging“ von Arthur Lydiard empfohlen hatte, soll ihre Selbstheilungskräfte anregen. Gezielt also werden Prozesse in Gang gesetzt, die jede Läuferin, jeder Läufer auch unabsichtlich durchlaufen hat, Prozesse der Selbsttherapie und der Prävention gegen Zivilisationserkrankungen.

 

Seit 1991 übt das DLZ dazu eine multiplikatorische Funktion aus, und zwar durch die Ausbildung von Lauftherapeuten. Teilnahme-Voraussetzung ist eine Ausbildung in einem Heil- oder psychosozialen Beruf, wobei jedoch auch engagierten Lauftreffleitern eine sozialpädagogische Tätigkeit unterstellt wird. Bei der Jubiläumsfeier am 4. April wird der 18. Aus- und Weiterbildungskurs eröffnet. Über 300 diplomierte Lauftherapeuten in Deutschland praktizieren mittlerweile jeweils in ihrem Wirkungskreis das therapeutische Laufen.

Daran, daß so viele Menschen sich in der Freizeit der Mühsal einer anderthalbjährigen Ausbildung mit etwa 230 anspruchsvollen Lehrstunden unterziehen und dafür auch noch eine nicht geringe Gebühr zahlen und während der Kurse Übernachtungen und Lebensunterhalt selbst bestreiten müssen, ist zu erkennen, wie hoch diese Ausbildung bewertet wird. Man investiert schließlich nicht, wenn man sich durch die mit einem Diplom bestätigte Qualifizierung nichts verspricht. Wenn in einer Übersicht „Lauftherapie in der Psychiatrie“ in dem aktuellen Heft von „Sportmedizin“ (Jg. 59, Nr. 2/2008) „neue Aspekte zur Lauftherapie bei Demenz und Depression – klinische und neurowissenschaftliche Grundlagen“ (Autoren: N. U. Neumann und K. Frasch) beleuchtet werden, wären die zugrundeliegenden Untersuchungen wohl nicht durch die Feldarbeit von Lauftherapeuten angeschoben worden, auch wenn kein ausdrücklicher Bezug zu dem Paderborner Lauftherapiemodell hergestellt wird.

 

Der Gefahr der „Verkopfung“ in der Ausbildung ist dadurch ein Riegel vorgeschoben, daß die Bewerber eigene Erfahrung im Laufleistungssport mitbringen müssen, obwohl sich das therapeutische Laufen strikt in einem streßfreien und individuell angepaßten Bereich bewegt. Die Therapeuten sollen jedoch am eigenen Leib die Grenze zwischen moderatem Laufen und Leistungssport erfahren haben, damit sie diese Grenze – anders als so mancher Lauftreff, der zum „Renntreff“ mutiert ist – in ihrer Arbeit beachten können.

Der psychologische Ansatz der Lauftherapie ist ganzheitlich: Über den Körper, das langsame Laufen, wird die Psyche erreicht. Fast jeder kann laufen, zumindest aber „walken“. Wie jede gute Therapie knüpft auch diese an heile Ich-Anteile an, an einen psychisch stabil gebliebenen Bereich, an noch vorhandene Kompetenz, die meistens auf physischem Gebiet besser erhalten ist als auf psychischem. „Der Mensch strebt nach einem Gleichgewicht zwischen Körper, Seele und Geist. Körperliches und geistiges Unwohlsein, bis hin zu ernsten Erkrankungen, entspricht häufig einem Ungleichgewicht zwischen diesen Bereichen. Lauftherapie ist eine Möglichkeit, Kräfte zu schöpfen, die den einzelnen Menschen befähigen, selbst an der Herstellung dieses Gleichgewichts aktiv mitzuarbeiten.“ So haben Professor Weber und seine Mitarbeiter den therapeutischen Prozeß, der auch andere Therapieformen einschließt, formuliert. „Lauftherapie ist ein ganzheitlicher, unspezifischer Weg zur Prophylaxe und Behandlung von Beeinträchtigungen im physischen und psychischen Bereich.“

Die Beeinträchtigungen können sein: Vitalitätsschwäche und Müdigkeit, Nervosität und Unruhe, Schlafprobleme, übermäßige Belastung, leichtere Formen von Angst und Depression, Suchtprobleme, Eß- und Gewichtsprobleme, Darmträgheit, bestimmte Formen von Kopfschmerzen und Migräne, zu hoher Puls und Blutdruck, Rückenschmerzen, Verspannungen, Kurzatmigkeit, mangelndes Selbstwertgefühl, geringe Selbstachtung, gestörtes seelisches Gleichgewicht sowie andere Streßformen. Im Grunde also das, was mancher von uns auf individuellem Weg selbst wegtherapiert hat.

Doch viele muß man erst auf den Weg bringen, einen langwierigen Weg, der häufig höchst aufwendig über Klinik- und Kuraufenthalte oder über soziale Einrichtungen führt. Daher paßt dieser Weg in die sozialpolitische Landschaft, wird hier doch Hilfe zur Selbsthilfe geleistet. Denn die kostspielige kurative Medizin und Psychotherapie kann nur Krisenintervention leisten. Wenn man zum Beispiel seit den Forschungen von Greist in den siebziger Jahren weiß, daß Bewegungstherapie zumindest bei leichteren Formen von Depression mindestens ebenso wirksam ist wie eine ärztlich zu verordnende Medikation, ist leicht einsichtig, daß Therapeuten in Laufschuhen in vielen Fällen effizienter, auf jeden Fall kostengünstiger sind als Therapeuten in weißen Mänteln. Denn soziale Einbindung kann die Medizin nicht leisten.

 

Was vor zwanzig Jahren notgedrungen als ein Versuch starten mußte, hat sich als ein wirkungsvolles Instrument erwiesen. Die Lauftherapie und damit auch ihre Institution DLZ hat Eingang in wissenschaftliche Veröffentlichungen gefunden, nicht zuletzt auch in Hilarion Petzolds dickleibiges Handbuch der Integrativen Bewegungs- und Leibtherapie. Eine gewisse Breitenwirkung zumindest in Fachkreisen ist auch durch Buchpublikationen und Veröffentlichungen in der zweimal im Jahr erscheinenden DLZ-Rundschau erzielt worden. Ein Symposium, das 1997 dank dem Medizinischen Zentrum in Bad Lippspringe veranstaltet worden ist, hätte eine Wiederholung verdient, zumal da eine Neukonzipierung der Lehrinhalte eine neuerliche Standortbestimmung nahelegt.

Doch das Deutsche Lauftherapie-Zentrum, das auch eine Geschäftsstelle mit Seminarräumen unterhalten muß, ist dabei auf Partner angewiesen. Weder sind sie in der Pharmazeutischen Industrie, für die das DLZ geradezu geschäftsschädigend wirken muß, noch beim nach wie vor leistungssportlich orientierten Deutschen Leichtathletik-Verband zu finden.

Sicher wird die Jubiläumsfeier Anfang April nicht nur Anlaß zu einer Rückschau, sondern auch – zumal in Anbetracht der Veränderungen im ehrenamtlichen Vorstand – zu einem Blick auf künftige Perspektiven sein.

Ein persönliches Nachwort: Diese Würdigung zum Jubiläum kann nicht objektiv sein. Vor etwas über zehn Jahren bin ich Mitglied des Trägervereins geworden, weil ich sowohl von der Aufgabenstellung als auch von der praktischen Arbeit im DLZ überzeugt bin. Das Deutsche Lauftherapie-Zentrum erfüllt die Erwartungen, die ich Mitte der siebziger Jahre an die psychologische Fachwelt gestellt hatte. Ideen und Hoffnungen, wie sie einem beim Laufen kommen, hat Professor Weber zu einem Konzept verdichtet, das von seinen Wegbegleitern – und hoffentlich auch künftig vielen neuen – mit Leben erfüllt wird.

Werner Sonntag

Bücher, die im Zusammenhang mit dem DLZ entstanden sind:

Therapeuten in Laufschuhen
Zum 20-jährigen Bestehen des Deutschen Lauftherapie-Zentrums
Ein Beitrag von Werner Sonntag

DLZ im Internet unter www.lauftherapiezentrum.de

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