13.8. - 14.8.16 - Berliner Mauerweglauf - 100 Meilen

100 Meilen durch Berlin - Der Mauerweglauf

von Matthias Heibel

55 Jahre nach dem Bau der Mauer laufe ich bei der fünften Auflage des Mauerweglaufs mit. Seit der ersten Austragung 2011 sind Läuferinnen und Läufer aus der ganzen Welt auf dem Mauerweg unterwegs. In diesem Jahr sind es 900 Teilnehmer aus 33 Nationen, die den Opfern der Berliner Mauer gedenken. Die Strecke führt in einer großen Schleife um das westliche Berlin, was einer Länge von 161 Kilometern entspricht. Die Laufrichtung wird in jedem Jahr gewechselt, in diesem Jahr wird im Uhrzeigersinn gelaufen.

Symbolische Mauer - Vor dem Brandenburger Tor ist eine provisorische Mauer aufgebaut mit einzelnen Steinen. Wir Läufer reißen symbolisch die Mauer Stein für Stein ein, indem wir einzeln mit einem Stein durch das Brandenburger Tor laufen

Bei jedem Mauerweglauf wird an ein Maueropfer der mindestens 138 Menschen erinnert, die an der früheren Berliner Grenze ums Leben kamen. 2016 wird Karl-Heinz Kube gedacht, der auch auf den Finisher-Medaillen sowie den Startnummern verewigt wurde. Karl-Heinz Kube starb am 16. Dezember 1966 bei seinem Fluchtversuch, den er gemeinsam mit seinem Freund Detlev unternahm, im Alter von nur 17 Jahren. Unvorstellbare 40 Schüsse wurden auf die beiden Freunde von den DDR Grenzsoldaten abgegeben.

Maueropfer Gedenkstätte Startnummer mit Bild von Maueropfer Karl-Heinz Kube

Nach einer problemlosen Anreise am Freitag nach Berlin komme ich im Hotel Ramada am Alexanderplatz an. Dort ist das organisatorische Zentrum des Mauerweglaufs. Startnummernausgabe, Briefing, Pastaparty, Siegerehrung, alles sehr gut organisiert, findet in den großzügigen Räumen des Hotels statt. Um 17 Uhr begebe ich mich zur obligatorischen Pasta Party, wo ich viele bekannte Gesichter treffe. Die Aufregung der meisten, so auch bei mir, vor dieser großen läuferischen Herausforderung ist doch recht groß, trotzdem ist die Stimmung unter den Teilnehmern sehr gut. Mit Spannung und Vorfreude geht es zum Briefing.

Strecke entlang der Mauerreste

Hajo Palm, Organisationsleiter des Mauerweglaufs, eröffnet das Briefing. Sehr professionell und ausführlich werden die Besonderheiten bei den 100 Meilen erklärt. So muss zwingend die STVO eingehalten werden, d.h. unter anderem, an roten Ampeln müssen die Läuferinnen und Läufer halten, ab 21 Uhr bis 6 Uhr sind Warnwesten und Stirnlampen Pflicht. Es wird auf die Bedeutung der verschiedenen Streckenmarkierungen hingewiesen, die über die gesamte Strecke der 100 Meilen perfekt zu sehen sind, so dass für mich ein entspanntes Laufen möglich ist. Selbst alleine in der Nacht habe ich später nie das Gefühl mich verlaufen zu können.

Nach einer sehr unruhigen Nacht geht es am Samstag um 4 Uhr mit der U-Bahn vom Alexanderplatz zum Start. In der Bahn treffe ich Läufer aus Dubai - die spätere Siegerin - , Taiwan, Spanien…

Nette Gespräche mit Händen und Füßen sind eine tolle Einstimmung auf den Lauf. Ein kurzer Fußweg und schon sind wir im Friedrich-Ludwig-Jahn Sportpark, Start und Ziel des Mauerweglaufs. Da noch etwas Zeit ist zum Start um 6 Uhr gönne ich mir noch einen Kaffee und checke dabei nochmal meine drei Dropbags die ich im Stadion abgeben muss. Im Dropbag zwei, Kilometer 90,7 im Schloss Sacrow, habe ich meine Stirnlampe und Warnweste deponiert. Dort muss ich also auf jeden Fall vor 21 Uhr sein.

Start und Ziel im Stadion am Friedrich-Ludwig-Jahn Sportpark

Pünktlich um 6 Uhr erfolgt dann der Start zu meinem ersten 100 Meilen Lauf. Die Distanz, die noch vor mir liegt, kann ich mir beim Start nicht vorstellen, so will ich es wie von Hajo Palm geraten machen und nur von Verpflegungspunkt zu Verpflegungspunkt laufen. 27 Verpflegungspunkte liegen demnach vor mir, alle im Abstand zwischen 4,5 Kilometern und 7,5 Kilometern. Ich hatte eine sehr gute Vorbereitung und bin zuversichtlich, den 100 Meilen-Lauf zu finishen.

Nach einer Stadionrunde laufen wir raus in die morgendlichen Straßen Berlins. Es sind noch angenehme Temperaturen, was sich später etwas ändern wird. Die ersten roten Ampeln stoppen die Läuferschlange, was aber keinen zu stören scheint, die Stimmung ist ausgelassen. Nach gut 30 Minuten schon die ersten Highlights der Strecke, wir laufen direkt auf das Regierungsviertel zu, mit Blick auf den Bundestag mit seiner imposanten Kuppel, den wir kurz danach passieren. Einfach toll, alleine ohne Touristen vor dem Bundestag zu stehen.

Richtung Regierungsviertel mit Bundestag

Wir laufen weiter auf das Brandenburger Tor - Km 7,3 - zu. Dort hat sich der Veranstalter eine besondere Aktion einfallen lassen. Vor dem Brandenburger Tor ist eine provisorische Mauer aufgebaut mit einzelnen Steinen. Wir Läufer reißen symbolisch die Mauer Stein für Stein ein, indem wir einzeln mit einem Stein durch das Brandenburger Tor laufen. Emotional ein sehr bewegender Moment.

Weiter geht es Richtung Checkpoint Charlie, dort laufen wir durch das asisi Panorama, einige Läufer lassen es sich nicht nehmen die Treppe hochzulaufen und sich das asisi Panorama zum geteilten Berlin anzuschauen. Mir fehlt dazu die Ruhe, ich laufe weiter Richtung East Side Gallery, die wir bei KM 13,7 passieren. Die ersten Touristen - oder Nachtschwärmer - sind schon unterwegs und feuern uns kräftig an. Das tut gut. Das Interesse ist riesig. Den ganzen Lauf über werde ich immer wieder gefragt, insbesondere von vielen Berlinern, was für ein Lauf das ist, wo wir herkommen und wo wir hinlaufen, was meist ungläubiges Staunen erzeugt. Danke Berlin für Euer ehrliches Interesse und Eure motivierenden Worte.

East Side Gallery Kurz vor KM 65 vorbei am Gedenkkreuz für Karl-Heinz Kube

VP 3 am Dammweg ist erreicht, eine kurze Stärkung und weiter geht es am Teltowkanal entlang. So laufe ich von VP zu VP. Bei jedem VP bleibe ich kurz stehen, trinke etwas und esse eine Kleinigkeit. Alle zwei VPs fülle ich meine 0,5 Liter Flasche mit Wasser, die ich an einem Trinkgürtel mit mir führe. Viele laufen mit Trinkrucksäcken oder haben Getränke und Essen bei ihren Fahrradbegleitern deponiert.

Immer weiter auf dem Mauerweg erreiche ich genau in meiner "Wunschzeit" den ersten Wechselpunkt am Sportplatz Teltow bei KM 58,9. Dort habe ich einen Dropbag deponiert. Da ich mich aber sehr gut fühle, entscheide ich, mich nur kurz zu verpflegen und weiter zu laufen. Es ist mittlerweile sehr warm, die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch, was wohl einigen Läufern viele Probleme bereitet hat.

Kurz vor KM 65 laufe ich am Gedenkkreuz für Karl-Heinz Kube vorbei. Zahlreiche niedergelegte Blumen gedenken ihm und den Maueropfern. Immer wieder sehen wir Läufer die Gedenkstelen der Maueropfer während unseres Laufes. Was für ein Privileg hier frei und ohne Sorgen laufen zu dürfen.

Griebnitzsee in Potsdam

Bei KM 71,9 bin ich bei VP12 an der Gedenkstätte Griebnitzsee in Potsdam. Wir laufen längere Zeit direkt am Uferweg entlang mit Blick auf den Griebnitzsee. Trotz der zahlreichen Kilometer die schon hinter mir liegen kann ich das Seepanorama genießen. Immer mal wieder laufe ich mit Läuferinnen oder Läufern ein Stück gemeinsam, wie es sich ergibt. Auch mit Staffelläufern bin ich unterwegs. Jeder versucht den anderen zu motivieren, freundschaftlich geht es unter den Läufern zu. Vielleicht zieht es mich deshalb immer wieder zu den Ultraläufen. Es ist immer wieder eine einmalige Atmosphäre.

Bei VP 13, KM78,8, erreiche ich das Brauhaus Meierei. Kaltes, gezapftes Bier erwartet dort die Läufer. Das Angebot wird auch kräftig genutzt. Ich entscheide mich dafür, das kalte Bier lieber erst im Ziel zu trinken. Ich laufe weiter zum zweiten Wechselpunkt im Schloss Sacrow bei KM 90,8. Dort habe ich eine etwas längere Pause eingeplant. Ich möchte die Schuhe wechseln, mich verpflegen, die Warnweste und die Stirnlampe müssen jetzt unbedingt mit. Da ich etwas Probleme mit einer offenen, aufgescheuerten Wunde am Oberschenkel habe, besuche ich noch kurz das Sanitätszelt und lasse mir ein Tape geben.

4 Stunden 15 min vor der Cut Off Zeit mache ich mich wieder auf den Weg. Ich habe den Tag mit dem doch sehr schwülen und warmen Wetter gut überstanden, fühle mich sehr gut und liege genau in meinem "gewünschten" Zeitplan. Ich freue mich auf den VP17, Km 103,3, da erwartet mich Manuela mit Freunden aus Berlin. Das motiviert und spornt mich an. Immer wieder treffe ich auf Begleiter der Läufer, die an jedem VP auf Ihre Läufer warten. Auch eine tolle Leistung. Radbegleitungen der anderen Läufer fahren oft kurz neben mir her, fragen nach, wie es geht und ob ich etwas brauche. Einfach nur nett und hilfsbereit.

Es geht durch viele Waldstücke, dort ist es angenehm kühl und ich komme gut voran. VP 17 ist erreicht, Km 103,3. Manuela ist erstaunt und wohl auch erleichtert wie fit ich noch aussehe, na ja. Ich verpflege mich kurz und frage Manuela und unsere Freunde aus Berlin, ob Sie ein Stück mit mir laufen möchten, was gerne angenommen wird. Die Abwechslung tat richtig gut und motiviert mich für die bevorstehende Nacht.

Bei Km 103,3 freue ich mich auf Verpflegung VP17 ... ... und auf meine Freunde aus Berlin

Mit Warnweste und Stirnlampe mache ich mich auf den weiteren Weg. Viel, viel Wald, teilweise sehr gut zu laufen, teilweise mit schwierigem Untergrund, wechseln sich ab. Mittlerweile ist es komplett dunkel im Wald, die Stirnlampe sollte jetzt nicht ausfallen. Immer wieder laufe ich mit anderen Läuferinnen und Läufern zusammen, was das Laufen bei Nacht etwas einfacher macht. Oft bin ich aber auch sehr lange alleine unterwegs, da aber alle 4,5Km bis 7,5KM eine Verpflegungsstelle auf mich wartet, macht mir das wenig aus. Die VPs sind alle sehr liebevoll und gut bestückt, die Helfer an den VPs sind sehr fürsorglich, motivierend und hilfsbereit, jeder Wunsch wird erfüllt. Die ganze Nacht wird mit uns Läufern gemeinsam durchgestanden. Das war oft sehr emotional, herzlichen Dank an alle 400 Helfer, die uns so ein Erlebnis überhaupt ermöglichen.

Immer wieder sehe ich jetzt auch Läufer und Läuferinnen die an den VPs schlafen. Ich möchte das vermeiden. Die Beine sind jetzt doch sehr schwer. Durch das viele und lange Laufen, viel auf Kopfsteinpflaster, machen sich die Fußsohlen so langsam bemerkbar. Da werde ich wohl mich auf Blasen einstellen müssen.

Bei VP 20 - KM 123,4 - esse ich etwas und mache mich auf den Weg in den Wald. Kurz danach merke ich, dass mein Magen wohl etwas nicht so gut vertragen hat und bekomme Probleme. Alleine unterwegs beschließe ich eine kurze Pause zu machen, da bekomme ich Kreislaufprobleme und ich setze mich erstmal auf den Waldboden.

Was ist denn das jetzt? Bis jetzt lief es so gut. Ruhe bewahren und etwas ausruhen, dann werde ich auch diese Situation in den Griff bekommen. Nach 10 Minuten geht es mir wieder gut. Wie wenn nichts gewesen wäre. Komisch, ich versuche mich damit nicht weiter zu beschäftigen, sondern bin positiv gestimmt, da es wieder läuft. Das war während des ganzen 100 Meilenlaufs die einzige kritische Situation, die ich überstehen musste. Den gesamten Lauf war ich mir zu 100 Prozent sicher, zu finishen.

Verpflegung und Wechselpunkt beim Ruderclub Oberhavel

Den nächsten VP und Wechselpunkt beim Ruderclub Oberhavel, KM 128,2, erreiche ich durch ein Industriegebiet. Dort setze ich mich kurz, trinke etwas, und fülle meine Wasserflasche noch einmal. Noch ca. 34 Kilometer. Weiter geht es Richtung Frohnau. Immer dem Mauerweg folgend, geht es voran. Jetzt sind nur noch wenige Läuferinnen und Läufer mit mir unterwegs. Das Teilnehmerfeld ist doch weit auseinandergezogen, ab und zu überholt mich noch jemand, den ich dann beim nächsten VP wieder sehe.

Viele machen jetzt längere Pausen und sitzen in Stühlen. Ich bleibe an den VPs stehen, da ich Angst habe, wenn ich sitze nicht mehr hochzukommen. Das Anlaufen wird immer schwerer für mich. Jeder macht dem anderen Mut und motiviert. Jetzt wird es sehr schwer, es will kein Ende nehmen. Nachtschwärmer, Partygänger, Frühaufsteher in Schlafanzügen und wir Läufer, was eine Gemeinschaft frühmorgens in Berlin.

Geschafft... ... den Lohn nach 100 Meilen Laufen in den Händen ... ... und auf Papier

Endlich bin ich bei VP 26, Km 154,9, am Bahnhof Wilhelmsruh. Eine kurze Erfrischung, noch ein paar nette Worte mit den Helfern wechseln und weiter geht es zum "Zielsprint". Ich bin jetzt schon euphorisch, da das Ziel nahe ist. Der Cut Off ist weit weg. Nach 3 Kilometern kommt schon der nächste und letzte VP. VP27 Wollankstraße. Noch ein kurzes Stück und ich kann schon das Stadion sehen. Noch über eine Brücke, wo ich auf einen Norweger auflaufe und endlich laufe ich in das Stadion ein. Dann ist es geschafft, mein erster Lauf über 100 Meilen. Ich bin sehr glücklich mit meiner Finisherzeit von 25 Stunden und 57 Minuten. Es war ein sehr emotionaler Lauf durch die deutsche Geschichte.

Stimmungsvolle Siegerehrung für die Mauerwegläufer bei den 100 Meilen Berlin

Um 14 Uhr gehen wir noch zur sehr schönen und stimmungsvollen Siegerehrung im Ramada Hotel. Jeder Finisher wird einzeln auf die Bühne gerufen und geehrt. Danke dem Orgateam des Mauerweglaufs und den vielen ehrenamtlichen Helfern auf der Strecke.

Bericht und Fotos von Matthias Heibel

unter

go4it-foto.de

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