Laufsport und Tourismus

Zwei Mega-Trends mit Berührungsängsten

Seit Jahren zählen Sport und Tourismus nach Einschätzung aller Trendexperten zu den Mega-Bereichen unserer Gesellschaft. Und gerade der weiterhin anhaltende Laufboom mit seinen erstaunlichen Zuwachsraten ist der sportliche Megatrend schlechthin. Obwohl beide Bereiche viele Millionen Menschen in Deutschland und weltweit bewegen, scheinen sie doch Berührungsängste zu haben. Zwar wird gelegentlich ein stärkeres Zusammenwirken von Sport und Tourismus konstatiert, doch vor allem das Thema „Reisen und Laufen“ kommt aus seiner Marktnische nicht heraus.

Schon die Theorie tut sich schwer. Nennenswerte interdisziplinäre Erkenntnisse gibt es weder in der Sport- noch der Tourismuswissenschaft. Natürlich wissen wir um die wirtschaftliche Bedeutung des Reisens. Jährlich werden rund 65 Millionen Reisen (mit mind. vier Übernachtungen) - fast jede Dritte innerhalb Deutschlands – von knapp 50 Millionen deutschen Urlaubern unternommen. Bei einer Reiseintensität von ca. 75 Prozent gelten wir immer noch als „Reise-Weltmeister“. Mit einem Gesamtumsatz von 140 Milliarden Euro und 2,8 Millionen Beschäftigten ist die Tourismuswirtschaft eine der wichtigsten Branchen in unserem Land.

Und natürlich kennen wir auch einige Daten über den Wirtschaftsfaktor Sport. Mehr als 27 Millionen Deutsche sind in ca. 100.000 Vereinen sportlich aktiv. Zusammen mit den unorganisierten sowie den Mitgliedern der Fitness-Studios treiben knapp die Hälfte aller Deutschen regelmäßig Sport. Jährlich geben die Bundesbürger dafür über 20 Milliarden Euro aus. Rund 800.000 Menschen sind im Sport beschäftigt; das sind immerhin 2,5 Prozent aller beschäftigten Arbeitnehmer.

Mehr und mehr Analysen beschäftigen sich inzwischen auch mit der Running- und insbesondere der Marathonszene. Diplomarbeiten, Forschungsprojekte und IHK-Studien haben auch die wirtschaftliche Bedeutung einzelner Laufevents untersucht.

Eine aktuelle Studie zum Berlin-Marathon 2005 beziffert den Effekt auf 65 Millionen Euro. Jeder Marathon-Fan habe 126 Euro am Tag für Übernachtung, Essen, Einkäufe und Besichtigungen ausgegeben. Gerade in der Hotelbranche werden die Läufer und ihre Begleitpersonen gerne gesehen, da sie meist das gesamte Marathon-Wochenende bleiben, um die Stadt kennen zu lernen. Mit etwa 120.000 Übernachtungen zusätzlich rechnet daher der Hotel- und Gaststättenverband. Und auch der Berliner Handel verzeichnet mehr Umsatz. Zählen die Marathon-Gäste mit mehr als 3000 Euro Netto-Einkommen doch zu den überdurchschnittlichen Verdienern.

Viel wichtiger noch als die nackten Zahlen scheint den Marketingexperten jedoch ein anderer Effekt. Der Image-Gewinn solcher Top-Events für die jeweilige Stadt ist angesichts weltweiter Medienresonanz mit TV-Live-Übertragungen oft unbezahlbar. Kein Wunder, dass mehr und mehr Veranstaltungen aus dem Boden schießen, fast jede größere Stadt inzwischen ihren eigenen Marathon hat. Doch Vorsicht: Erfolg lässt sich nicht so ohne weiteres kopieren. Mancher Veranstalter hat bereits eine Bauchlandung erlebt und auch die wirtschaftlichen Effekte für Stadt und Region sind nicht selbstverständlich. Dazu bedarf es schon eines professionellen Managements in der Event-Organisation sowie einer Kooperation der Verantwortlichen in Sport, (Tourismus)Wirtschaft und kommunaler Verwaltung.

Womit wir wieder am Ausgangspunkt wären: nicht nur in der Theorie, sondern oft auch in der Praxis fehlt die erforderliche Vernetzung. Eher ist davon die Rede, dass manche behördliche Auflage Laufveranstaltern das Leben schwer macht. Diese wiederum sind oft allzu sehr auf ihren Sport konzentriert. Ohnedies sind viele kleinere und mittlere Veranstaltungen nicht geeignet, nennenswerte Impulse auszulösen. Und doch scheinen angesichts der Potenziale noch erhebliche Reserven zu schlummern.

Zwar macht schon die Mengenlehre deutlich, dass die Schnittmenge von Sportlern und Touristen wesentlich kleiner ist als die jeweilige Teilmenge. Nicht jeder Reisende wird gleich zum aktiven Sport-Urlauber oder zum Sport orientierten Aktiv-Urlauber. Und nicht jeder Läufer möchte auch noch im Urlaub permanent laufen, laufen, laufen ... Dennoch werden 11 Millionen Auslandsreisen von Deutschen als Sport bezogene Urlaube klassifiziert. Ski im Winter, Schwimmen/Baden, Wandern und Radfahren im Sommer sind dabei die beliebtesten Sportarten. Dann folgt schon das Laufen als meist genannte Urlaubsaktivität.

Stärker noch als die Haupturlaubsreise wird der Zweit- oder Dritturlaub für sportliche Aktivitäten genutzt. Und für das Tourismusgewerbe sind natürlich auch die Trainings- und Wettkampfreisen sowie die Veranstaltungstouristen, ob nun als Funktionäre, Zuschauer oder Medien-Vertreter, von Bedeutung. Allerdings fehlen vergleichbare Zahlen für Sport orientierte Urlaube im Inland, die für deutsche Sport-Tourismus-Destinationen von Interesse wären. Die wenden sich zwar hie und da dem Thema Sport, aber kaum dem Trendsport Laufen zu.

Anders als z. B. eines der beliebtesten deutschen Urlaubsländer: die Österreich Werbung setzt bereits seit einigen Jahren in ihrem strategischen Tourismus-Marketing auf das Thema Laufen. Mit der Vermarktung Österreichs als Mekka für Lauf-Events aller Art, der Kooperation mit Medien und Wirtschaftspartnern und der Schaffung von Laufkompetenz-Zentren soll die rot-weiß-rote Urlaubs-Destination zum Lauf-Dorado entwickelt werden. Mit Kampagnen wie „Laufland Österreich“,  „Laufland Tirol“ oder auch „Niederösterreich laufend genießen“ werden gezielt buchbare Angebote für Lauf-Urlaube beworben.

Um die Qualität des Angebotes zu sichern, sind sogar Richtlinien für die Markierung und Beschilderung von Laufstrecken entwickelt worden. Ähnlich wie auf Skipisten (blau-leicht, rot-mittel, schwarz-schwer) wurden Laufstrecken nach unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden beschildert. Inzwischen gibt es allein in Tirol mehrere hundert Kilometer beschilderte Laufstrecken. Zehn davon mit einer Gesamtlänge von 70km gehören zum Lauf- und Walking-Kompetenzzentrum Innsbruck-Igls. Ergänzt wird das Angebot dieser LAUFARENA seit Sommer 2005 durch Laufberatung, Lauf-Seminare, sportmedizinische Betreuung sowie spezielle Hotelangebote.

In Deutschland findet man solche Ansätze nur vereinzelt. Vorreiter ist hierzulande der Ostsee-Holstein-Tourismus. OHT - Geschäftsführerin Katja Oldenburg erklärte kürzlich: „Erfolgreiche Destinationen wie das Laufland Tirol weisen uns den Weg.“ Die Region wolle 1,1 Millionen Euro in die Qualität der Lauf-Infrastruktur, in die Angebotsgestaltung und ein offensives Marketing investieren sowie die nötige Kompetenz aufbauen, um verstärkt Gäste zum Lauf-Urlaub an die Ostseeküste und in die Holsteinische Schweiz zu locken. Es bleibt abzuwarten, ob die Region damit zum Trendsetter für Deutschland wird und andere dem guten Beispiel folgen werden.

Ansonsten bleiben diverse Angebote für Lauf-Urlaube, Lauf-Seminare und Lauf-Events im Ausland. Ein Markt, aus dem sich die „klassischen“ Reiseveranstalter weitgehend herausgehalten haben. Meist kleinere Spezial-Reiseveranstalter konnten diese Marktnische besetzen. Nicht selten sind die Inhaber dieser Spezial-Agenturen aus der Sportszene, kennen ihre Sportart und damit die Bedürfnisse ihrer Kunden besser als die Großen, die eher für die breite Masse ausgerichtet sind.

Insoweit ist der Veranstaltermarkt durchaus typisch für das Verhältnis von „Reisen und Laufen“ in Deutschland. Laufen ist ein Mega-Trend, führt aber im Tourismus ein Nischendasein. Oder positiv formuliert: Für beide Seiten bleiben Potenziale, die es zu entdecken und zu nutzen gilt.

Laufsport und Tourismus von Axel Künkeler
Fotos LaufReport Archiv

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