11.3. bis 12.3.11 - Wangerooge 100

Premiere für Wangerooge 100 - Kommune limitiert Teilnehmer

Für blinden Starter wird nach dramatischen Stunden Läufermärchen wahr

von Michael Schardt

Seien wir ehrlich: eine kleine Sehnsucht nach guten Nachrichten, nach Happy-Ends bei Filmen, nach Miniwunder und märchenhaften Episoden haben wir alle in uns - vor allem, weil wir täglich mit der harten Realität konfrontiert werden, mit Katastrophenmeldungen, schrecklichen Unfällen und mancher Unbill. Von so einem kleinen Happy-End kann nun hier berichtet werden, von einem Läufer-Happy-End, um genauer zu sein. Denn ein solches durfte Dietmar Beiderbeck von der LG Würzburg erleben, der trotz Verlust des Augenlichts schon vor Jahren seine Leidenschaft des Langlaufs nicht aufgab und häufig über Marathon startet, und öfters auch über eine noch längere Distanz.

Beim Wangerooger 100 wollte er eigentlich die 50 Meilen in Angriff nehmen, doch dann ereigneten sich für ihn Stunden der Aufregung und der Ungewissheit - aber am Ende ging alles gut. Und das war kein Wunder und auch kein Märchen, sondern pure Realität, die, wie man weiß, oft die schönsten Geschichten schreibt. Und so fing alles an:

Fluch der Nordsee

Am Morgen des 11. März war Dietmar mit seiner Frau und seinem Führhund, einem Deutschen Schäferhund, von Würzburg aus aufgebrochen in Richtung Nordseeküste. Um 16:30 wollte das Trio die Fähre von Harlingersiel nach Wangerooge nehmen, der östlichsten aller ostfriesischen Inseln. Dort nämlich sollte eine Laufveranstaltung der besonderen Art stattfinden mit zwei zeitversetzten Starts und Streckenangeboten von drei Stunden bis einhundert Meilen. Dietmar traute sich die Hälfte der Höchstdistanz zu, also rund achtzig Kilometer. Damit wäre er beim ersten Start abends um zehn Uhr dabei. Denn noch am Anreisetag würde ein Teil der Läufer auf die Strecke geschickt.

Mit der Fähre "Wangerooge" ging es vom Festland auf die gleichnamige ostfriesische Insel. Rechts sind die Gepäckcontainer mit der Läuferverpflegung zu sehen
Strahlend blauer Himmel während der Überfahrt bei allerdings kräftigem Wind aus Nordwest

Dann aber geriet Dietmar auf der Autobahn in einen Stau und unversehens in große Aufregung. Diese war nicht unbegründet, denn es wurde knapp, zu knapp, wie sich herausstellen sollte. Als sie schließlich an die Anlegestelle kamen, hatte die Fähre gerade abgelegt. Eine weitere würde an diesem Tag aufgrund der Gezeitenwechsel nicht mehr fahren. Die Aufregung schlug schnell in Ärger, aber auch in Enttäuschung um - Fluch der Nordsee ...

Auf der Fähre hatten sich derweil einige der Läufer schon an der Bekleidung und dem Equipment als Gleichgesinnte erkannt und sich bekannt gemacht. Dann erreichte den Organisator Carsten Mattejiet ein Anruf vom Festland, der ihn von der Verspätung des blinden Läufers in Kenntnis setzte. Was tun?

Flug über die Nordsee?

Noch auf dem Schiff und später auch beim Bezug des Organisations- und Übernachtungszentrums "Jugendherberge Westturm" wurde überlegt, wie man Dietmar weiterhelfen konnte. Die Überlegung, doch mit dem Kleinflugzeug rüberzufliegen, scheiterte an den Kosten und auch daran, dass ein Hund mit an Bord gemusst hätte. Dietmar saß also an Land fest und konnte frühestens mit der einzigen Fähre am nächsten Tag auf die Insel kommen. Dann aber war ein Start unmöglich, denn nahezu alle Läufer wären bei frühestmöglicher Startzeit um 16 Uhr bereits im Ziel, der Zielschluss nahe und keiner mehr der ausgepumpten Läufer in der Lage, Dietmar die notwendige Begleitung zu Teil werden zu lassen. Das einzig Sinnvolle schien zu sein, dass er sich - um weitere Kosten für eine Übernachtung zu sparen - umgehend wieder ins Auto setzen und nach Würzburg zurückkehren würde. Das tat jedoch der willensstarke Athlet nicht. Er harrte aus.

Der Schauplatz des Geschehens vom Schiff aus betrachtet
Das Logistikzentrum des Laufs, die Jugendherberge im Westturm. Im Vordergrund der flache Neubau der Herberge

Spiel ohne einen

So wurde abends um zehn Uhr bei heftigem Wind und bissiger Kälte das erste Rennen ohne Dietmar gestartet. Auf die Strecke geschickt wurden nur eine Handvoll Läufer: diejenigen, die die 100 Meilen absolvieren wollten, die 100 Kilometer oder den Nachtmarathon. Der einzige gemeldete 50-Meiler hingegen fehlte. Unter den Nachtmarathonis befand sich auch der Verfasser dieser Zeilen, er hatte nicht wie die anderen eine Unterkunft gebucht, weil er am kommenden Mittag als einziger die Insel schon wieder verlassen wollte, um am nächsten Tag als LaufReporter beim Oldenburger Straßenlauf dabei zu sein. Nach Beendigung seines Marathons - es war drei Uhr in der Nacht - blieb er auf, unterhielt sich in den Laufpausen mit den Ultraläufern, erfuhr so manch Wissenswertes und Kurioses, machte Fotos, als es langsam dämmerte, und verabschiedete sich gegen 13:30 Uhr von den anderen. Da hatten die Ultras schon 100 und mehr Kilometer zurückgelegt.

Mit der Fähre, mit der der Chronist aufs Festland zurückschipperte, hätte Dietmar anschließend auf die Insel fahren müssen. Dieser war aber beim Ein- und Ausstieg nicht zu sehen gewesen, weshalb der Rückkehrer die Vermutung als Gewissheit ansehen konnte, dass dieser in der Nacht gen Heimat gefahren wäre, ohne gelaufen zu sein. Doch als der LaufReporter am Sonntagabend seine Mails abrief, da erfuhr er davon, dass Dietmar doch angetreten sei und auch gefinished habe. Ohne den Umständen als Augenzeuge beigewohnt zu haben, wurde ihm von Beteiligten folgendes zugetragen:

Begleitumstände

Dietmar Beiderbeck war doch mit der besagten Fähre auf die Insel gefahren, trudelte um 15 Uhr in der Jugendherberge ein, wo inzwischen bis auf drei 100-Meiler alle ihren Lauf beendet hatten und sich auf den verdienten Feierabend und die Siegerfeier einstellten. Auch Veranstalter Carsten war müde. Er war in der Nacht einen Marathon und zuvor noch mehrfach die vorgesehene Runde gelaufen, um sie zu markieren und abzusperren. So war er schon 70 km am Vortag und inzwischen auch schon wieder 20 km gelaufen, also knapp 100 in 24 Stunden.

Verlaufen kann man sich auf Wangerooge kaum Start und Laufrichtung sind vorgegeben. Auch in der Nacht war die Leuchtkreide sichtbar und sorgte für Orientierung Nach jeder Runde mussten die Läufer ins Foyer der Jugendherberge, um sich selbst ihre Rundenzeiten zu scannen. Dort war auch der gut ausgestattete Versorgungspunkt. Hier Nachtmarathonis Oliver Prieß (l) und Jochen Huber mit obligater Stirnlampe. Beide vom DLRG der Insel

Irgendwann aber überlegte das Orga-Team, wie man die Geschichte des sichtbar laufwilligen Dietmars vielleicht doch noch zu einem guten Ende führen könne. Der Läufer und sein Hund strotzten geradezu vor Tatendrang und waren freilich noch vollkommen fit. Man kam mit dem blinden Läufer überein, statt der 50 Meilen die 50 Kilometer anzugehen. Abwechselnd begleiteten ihn von nun an die beiden Organisatoren Carsten Mattejiet und Michael Neumann, und deren Ehefrauen Anke und Alexandra, in gleichmäßiger Abfolge von Runde zu Runde, bis die 50 Kilometer voll waren.

Carsten musste sich schon sehr aufraffen, aber er setzte sich selbst ein neues Ziel, nämlich die 100 km vollzumachen, an denen nur noch wenige Runden über 4,3 km fehlten. Auf diese ungewöhnliche Weise konnte dank des tätigen Engagements der Einsatzleitung Dietmar Beiderbecks Traum umgesetzt werden. Und dank seiner Beharrlichkeit. Gefreut haben sich am Ende alle, besonders aber der Läufer selber, der in den zurückliegenden dreißig Stunden so einige Höhen und Tiefen durchleben musste. Gefreut aber hat sich auch der treue Schäferhund, denn der läuft (fast) noch lieber als sein Herrchen. Die Siegerfeier dieses ungewöhnlichen Laufereignisses soll sehr ausgelassen gewesen sein, was am Anfang der Vorbereitung niemand ahnen konnte, denn die Veranstaltung stand noch bis zuletzt auf Messers Schneide.

Höhere Politik

Organisator Mattejiet hatte das Rennen schon über ein Jahr geplant, nichts Außergewöhnliches für ihn, denn Laufveranstaltungen zu organisieren ist nahezu so etwas wie seine Profession. Er zeichnet allein in den ersten zehn Wochen des Jahres 2011 für ein knappes Dutzend Läufe verantwortlich, vor allem für die Lilienthaler Serie von 6- und 12-Stunden-Rennen, den 100-Meilen-Silvesterlauf nahe Bremen, aber auch anderen Events außerhalb seines Wohnorts. Die Läufe werden von Mattejiet weder bei den Verbänden gemeldet noch amtlich vermessen. das würde den Rahmen sprengen. Aber er sorgt selbst für Streckengenauigkeit, und ein professionelles Zeitmesssystem gehört auch zu seinem Equipment. Mit diesen Erfahrungen sollte der Lauf in Wangerooge doch eigentlich leicht zu handeln sein, dachte der Macher bei der Planung.

100-Meilen-Finisherin Christine Schröder in der 10. Stunde ihres Rennens macht sich auf eine neue Runde. Der Anstieg am Anfang wurde später von vielen Ultras per Gehschritt genommen. Christine kam nach 27 Stunden ins Ziel
Unendliche Weiten. Noch 110 Kilometer liegen vor Dietrich Eberle, der den langen Deichbogen am Anfang jeder Runde in Angriff nimmt Morgendämmerung: Die vereinzelten Läufer auf dem Deich sind kaum zu erkennen

Doch dann gab es Einwände der Wangerooger Kurverwaltung, und sogar ein Verbot. Dieses wurde dann aber von der Kreisverwaltung in Jever dahingehend aufgehoben, dass sich Mattejiet zu verpflichten hatte, die Teilnehmerzahl auf 25 zu begrenzen. Denn ansonsten habe er besondere Sicherheitsmaßnahmen zu gewährleisten und viele Vorschriften zu erfüllen, was einem Verbot gleichgekommen wäre. Um den Lauf also überhaupt durchführen zu können, musste Mattejiet in den sauren Apfel beißen, aus seiner Sicht unnötige Kompromisse eingehen und leider auch weiteren interessierten Läufern absagen. Erst drei Tage vor dem Start war die Veranstaltung sicher.

"Meine Droge: Wangerooge!"

Flexible Regelungen, wie sie Mattejiet hier anwenden konnte, sind bei großen Läufen nicht oder kaum möglich. Das sei der klare Vorteil für die von ihm bevorzugten kleinen Rennen, weiß er. "Läufe von Freunden für Freunde", sollen die Rennen sein, familiär soll es dabei zugehen und freundschaftlich. Er habe auch schon Events mit verhältnismäßig großen Startfeldern (200 und mehr Läufer) durchgeführt, aber das wäre für sein kleines Team nicht leistbar und würde ihn auch nicht befriedigen. Zudem sei der Markt übersättigt und das finanzielle Risiko zu groß. Freilich kann der Außenstehende sich des leichten Eindrucks nicht gänzlich erwehren, dass hier einer auch Rennen für sich selbst organisiert, denn Mattejiet ist einer der emsigsten Marathon- und Ultralaufsammler.

Die hundert Kilometer von Wangerooge, seiner Lieblingsinsel, wohin ihn seinerzeit auch seine Hochzeitsreise führte, war der 300. Lauf über 42 oder mehr Kilometer. In einem Zeitungsartikel ist von ihm die Aussage zu lesen, dass er nicht mehr so oft so weit zu Ultras fahren wolle, wenn man das auch vor der Haustür erledigen könne. Weiter fahren indes tut er trotzdem. Beispielsweise stellt er sich in Kürze in Ungarn einem Sechstagerennen auf einer 900 Meter langen Rundstrecke, in dem die Läufer so viele Kilometer laufen sollen wie möglich. Er würde gern die 720 km erreichen, 120 pro Tag also.

Überlegener Sieger des 100-Meilen-Rennens wurde Bernd Rohrmann vom Lauftreff Hagen-Ernst in 21:53 Stunden. Er läuft durchschnittlich 3 Ultras im Monat Wegen Fußproblemen musste Michael Hechler von 100 Meilen auf 100 km verkürzen. Die gewann er aber dann in 17 Stunden. Die Hälfte der Strecke konnte er aber nur noch im strammen Gehschritt absolvieren Ultraläufer, Marathonsammler, Personaltrainer, Laufveranstalter: Carsten A. Mattejiet hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht

Es ist nicht zu übersehen oder -hören: Der Macher von der Weser, Jahrgang 1969, hat seine Leidenschaft, das Laufen, zu seinem Beruf gemacht. Er führt neben den Veranstaltungen Laufkurse durch, nennt sich Personaltrainer, hält Vorträge rund ums Laufen und widmet sich mit besonderer Hingabe dem Bewegungstraining von Kindern. Unterstützt wird der dreifache Vater von seiner Frau und Freunden. Das alles schafft eine sehr persönliche Atmosphäre bei den Läufen, ein Klima freundlicher Kommunikation, wie jeder Teilnehmer wohlwollend bemerken konnte, auch hier und jetzt auf Wangerooge.

Westsidestory

Dass in der Anmeldeliste die Obergrenze der Teilnehmer mit 25 Läufern erreicht wurde, in der Ergebnisliste aber lediglich 19 Langstreckler auftauchen, das ist der normale Schwund, wie ihn andere Läufe auch zu verzeichnen haben. Dass es nicht noch mehr Ausfälle gab, hing auch damit zusammen, dass es für jeden einzelnen möglich war, vom ursprünglich geplanten Vorhaben während des Rennens auf eine kleinere Distanz umzusteigen. Auch dies eine jener flexiblen Regelungen, die bei großen Events nur selten praktizierbar sind.

Flexibel ging es auch bei der Streckenführung zu. Zunächst war ein Rundkurs von etwas mehr als 8 Kilometern auf der Westseite der Insel geplant. Doch einige Tage vorher war Regen angekündigt, eisiger Wind und überhaupt mieses Wetter. Da es nicht möglich war, einen Versorgungspunkt auf halber Strecke über die ganze Nacht aufrechtzuerhalten bei solchen Bedingungen, die Läufer aber mindestens alle 4 bis 5 km eine Versorgung benötigen, wurde kurzerhand eine neue Strecke ausgemessen, die exakt 4,27 km lang war.

Sie führte vom Westturm über den Deich zu den Salinen, dann, nach einer Kehrtwendung windgeschützt Richtung Leuchtturm, den man bei km 3 linker Hand liegen ließ. Nach einer kleinen Steigung bog man wieder zum Westturm ein. Vor dem Pausenraum wartete dann eine Dünenquerung, die auch zu Beginn einer jeden Runde zu nehmen war.

Ralph Haupt, hier vor dem Wangerooger Leuchtturm, lief sowohl den Nacht- wie den Tagmarathon, den Doppeldecker also - und gewann beide überlegen. Hier wird die Begleitmusik "gerichtet" (Foto mn)
Über die Schmalspurschienen der Inselbahn mussten die Läufer zweimal pro Runde

Die Zeit wurde dabei immer am Ende der Runde genommen, und weil da selten eine geplante Distanz zu Ende war, hatten die Läufer immer etwas weiter zu laufen. Die Marathonis waren 42,8km unterwegs, die 100-Meiler, 162km, und auch die 100 km wurden 102 km lang. Allerdings gab es eine Kennzeichnung an richtiger Stelle, wo der 100 km Lauf wirklich zu Ende war - dieser Service galt allerdings nur für die eigene Statistik, sie fand keinen Eingang in die offiziellen Listen.

Runde Sache

Auf diese Weise kam der Läufer alle 4,2 km an seine Versorgung. Diese war wegen der Kälte kurzerhand ins Foyer der Jugendherberge verlegt worden, wo auch das Zeiterfassungsgerät stand. Jeder Läufer führte eine laminierte Barcodekarte mit sich, die als Grundlage des Handscanners fungierte. Freilich konnte es dann passieren, dass man im Übereifer schnell auf Tee und Bananen stürzte und das Scannen vergaß. Jedoch war das System so eingestellt, dass fehlende Rundenzeiten kontrolliert und später eingepflegt werden konnten. Bei Unsicherheiten halfen sich die Läufer auch selber, denn Überrundungen bekam jeder mit.

Eine Gefahr bei diesem Verfahren bestand aber auch und wurde von den Läufern unbemerkt mehr in Anspruch genommen, als ihnen später vielleicht lieb war. Man macht bei der Gelegenheit manchmal etwas, und manchmal auch etwas länger Pause, hielt ein Pläuschchen und vertrödelte die Zeit. So kam es, dass alle Zeiten insbesondere des Nachtmarathons dreißig Minuten oder noch mehr langsamer waren als die üblich gelaufenen. Das hatte auch der Chronist zur Kenntnis zu nehmen.

Beim zweiten Start am Morgen durften auch die Mädels Frenja und Lilly mitlaufen. Von links: Mathias Wübker (Tagmarathon), Ralph Haupt (Doppeldecker), Rene Timmermann (Tagmarathon) und Carsten Mattejiet (100km) Wie lange sie laufen, ist ihnen relativ schnuppe. Nur in modischem Mädelrosa muss das Outfit leuchten. Ohne das geht gar nichts. Frenja und Lilly Orga-Helfer Michael Neumann (l) lief auch sporadisch die ein oder andere Runde und kam zusammen auf 26 km. Ultramarathon-Ikone Günter Meinhold musste wegen Ischiasschmerzen und Kniebeschwerden nach 21 km aufgeben, seinen Humor hat der Mann aus dem Ruhrpott deshalb noch lange nicht verloren

Finisher

Das Rennen über 100 Meilen wurde von zwei Männern und einer Frau erfolgreich beendet. Die Reihenfolge der drei war schon nach wenigen Kilometern klar. Gesiegt hat Bernd Rohrmann (M50) vom Lauftreff Hagen-Ernst in guten 21:53 Stunden. Nach einem recht frühen Tief bei km 50 lief er in stoischer Ruhe seinen Stiefel herunter und unterbot sein Ziel von 24 Stunden deutlich. Ihm waren die Anstrengungen zu keinem Zeitpunkt anzusehen. Der zweite im Bunde war Dietrich Eberle (M60, 1974 Marathonverein d.e.), der auf 25:30 Stunden kam trotz einer Erkältung. "Ich verbrauche mehr Taschentücher als sonstwas", war sein lakonischer Kommentar. Ohne Probleme und immer lachend absolvierte Christine Schröder ihren Lauf über 38 Runden. Sie gehört dem 100 Marathonclub und der AK W50 an und ließ es sich nicht nehmen, ein kleines Mittagsschläfchen zwischendurch zu machen. Ihre Zeit war deutlich unter dem Oberlimit von 30 Stunden: 27:14.

Über 100 km gab es nur zwei Finisher. Zum einen war dies Michael Hechler (M45) vom Lauftreff Lustige Schleicher Essen, der ursprünglich auch die 100 Meilen "machen" wollte, wie er sagt. Aber Probleme im Fuß ließen ihn die Notbremse ziehen. Von km 50 an war er weitgehend als schneller Wanderer unterwegs. Erst zum Ende hin lief er wieder den ein oder anderen 1000m Abschnitt. Eigentlich sei es lachhaft, meinte er, für 100 km 17 Stunden zu brauchen, aber für das Ego sei es schon gut, wenigstens den "gemacht" zu haben. - Der zweite, Carsten Mattejiet, wollte, wie aufgezeigt, den Doppeldecker laufen, nach zwei Runden des zweiten Marathons änderte er den Plan und ließ die restliche Strecke ganz, denn auch die Orga forderte ihn. Als dann die Aufgabe der Begleitung von Dietmar gefragt war, stocke er auf 100 km auf. Normal kann Carsten den 100er in zehn Stunden oder weniger laufen. Jetzt hatte er mehrere Unterbrechungen von bis zu 6 Stunden drin, weshalb er über einen Tag brauchte. Die Zeit lief ja schließlich weiter, auch während er nächtigte.

Von links: Tagmarathonis Mathias Wübker, Carsten Mattejiet und Ralph Haupt bei km 8
Langsam werden die Beine schwer, aber gefinished wird trotzdem. Dietrich Eberle brauchte 25,5 Stunden für 100 Meilen Rene Timmermann und Mathias Wübker vor typisch insulaner Landschaft

Doppelsieg für Doppeldecker Ralph Haupt

Vom einzigen 50 km Läufer wurde schon ausführlich berichtet, aber der Lauf des einzigen Doppeldeckers verdient noch Erwähnung. Ralph Haupt (M45) ist eigentlich Triathlet und in Bremen aktiv. Doch geht ihm die Triathlonszene mit ihrem Gehabe irgendwie auch auf den Geist; deshalb trägt er sich mit dem Gedanken, sich verstärkt auf Ultraläufe zu konzentrieren. Als Antesten verstand er deshalb seinen Versuch, zwei Marathons in 24 Stunden zu laufen, mit einer gehörigen Übernachtungspause dazwischen. Wenn er gut drauf ist, dann kann er den Marathon in 3:10 laufen, oder auch schneller.

Beim Nachtmarathon hatte er sich wie die anderen etwas verschätzt. Er lief zwar sehr schnell los und hatte bei Halbzeit 1:40 stehen. Dann wurde er doch - für ihn selbst am meisten überraschend - langsamer, brauchte volle zwei Stunden für den zweiten Abschnitt und beendete den ersten Lauf in 3:43. Damit war er immer noch eine Stunde schneller als alle anderen und deshalb Sieger des mit fünf Läufern bestückten Events, von denen nur drei durchkamen: Michael Schardt (M55) als zweiter und Oliver Prieß (M40) von der DLRG Wangerooge. Sein Vereinskamerad Jochen Huber (MHK) hatte noch nicht die Kondition für Marathon und stieg nach längerer Überlegung bei km 25 aus. Ultra-Mann Günter Meinhold (M60) musste aus den geschilderten Umständen schon bei km 17, also nach vier Runden, aussteigen.

Auch den Tagmarathon konnte Haupt gegen zwei Mitstreiter als Sieger ins Ziel retten. Hier zeigte sich noch mehr seine Unerfahrenheit auf der Langdistanz, aber auch seine läuferische Substanz. Wieder lief er schnell los, besann sich aber schon nach einer Runde eines Besseren und drosselte das Tempo. Phasenweise kam er mit Rene Timmermann (M55) und Mathias Wübker (MHK) zusammen zur Zeitmessung. Letztere blieben den kompletten Marathon beieinander und endeten ihn auch in identischer Zeit von 4:40. Timmermann läuft für den 100 Marathonclub, Wübker für seine Firma, ein Optikergeschäft. Rennleiter Mattejiet meinte nach der Hälfte der Distanz, dass Haupt von den beiden bald ein- und schließlich überholt werden würde, das könne gar nicht anders sein, wenn einer noch nie einen Doppeldecker gelaufen sei. Doch da hatte er das läuferische Potential des Triathleten leicht unterschätzt. Dieser setzte sich ab km 30 wieder von den Mitstreitern ab, konnte noch satte 12 Minuten gutmachen und kam bei 4:28 ins Ziel.

Siegerfoto im Finishershirt: Von links: Dietrich Eberle, Bernd Rohrmann, Christine Schröder, Carsten Mattejiet, Alexandra Neumann und Michael Hechler (Foto mn) Für den blinden Läufer Dietmar Beiderbeck (in gelb) und seinen treuen Führhund kam es nach dramatischen Stunden doch noch zu einem Happy-End. Glücklich beendete er die 50 km nach gut 7 Stunden, nicht zuletzt dank seinen eisernen Willens und den engagierten Helfern (Foto mt)

Wiederholungstäter

Nicht vergessen werden sollen an dieser Stelle auch diejenigen, die keine der Wertungen liefen, aber dennoch auch einige Runden drehten. Da sind Michael Neumann zu erwähnen (26 km), seine Frau Alexandra (9 km), und Tochter Lilly mit der gleichen Länge wie die Mama. Auf die gleiche Kilometerzahl kommen zudem Anke und Frenja Mattejiet. Nach zwei Tagen sportlicher, organisatorischer und kommunikativer Höchstleistungen machte sich eine müde Zufriedenheit unter den Akteuren breit. Erst spät am Samstag war die Aktion abgeschlossen, der Schweiß abgeduscht und das Equipment verstaut. Da konnte man zu einem gemütlichen Beisammensein übergehen, bei dem, wen wundert's? das Thema Laufen im Mittelpunkt stand. In dieser illustren Runde waren sich alle schnell einig, dass Wangerooge 100 keine Alltagsfliege bleiben dürfe.

Eine Wiederholung wurde für das nächste Jahr beschlossen, auch wenn die Teilnehmerzahl mit maximal 25 Läufern erneut überaus überschaubar sein würde. Daran kann auch der Tausendsassa Carsten A. Mattejiet nichts ändern, das ist halt höhere Politik. Wenn auch der Stress unmittelbar vor und während der Veranstaltung weitgehend bei ihm liegt. Vorher liegt der Stress bei den Läufern, denn einen der begehrten Startplätze zu ergattern, das wird nicht so einfach werden ...

Bericht und Fotos von Michael Schardt
Weitere Fotos Michael Neumann (mn) & Martina Timmermann (mt)

Ergebnisse www.100miles.info

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