21th Verdon Canyon Xtrem - Verdon Canyon Challenge (15.6. - 16.6.13)

DNF - und warum will ich wieder dahin?

von Oliver Binz

Es ist schon seltsam. Irgendwann kommt man in seiner persönlichen Läufererfahrung an Grenzen. Grenzen, die man eigentlich immer ausloten will. Und dann passiert es doch. Ganz unverhofft, obwohl man doch trainiert hatte, fit ist. Aber irgendwas war anders. Selbstüberschätzung, Hitze, Magen verdorben, zu hohes Tempo, Verletzung, zu schwieriges Gelände. Ach, es ist eigentlich egal. Die Aufgabe ist schleichend, der Läufertod ist langsam. Der Ultraläufer neigt ja auch noch dazu, nicht gleich aufzugeben, und so ist der Läufertod noch quälender und länger. Man kann oder will es noch nicht wahr haben. Die Gedanken kreisen…, man kommt bestimmt wieder bald zu den gewohnten Lebensgeistern zurück. Vergeblich. Wie schon gesagt, wer mit dem Hammermann zu lange jenseits der Grenze kämpft - verliert!

Verdon Canyon Xtrem - 101km mit +/- 6330 Höhenmeter
Nichts für reine Asphalt-Cowboys:
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Das DNF schwebt über einem hinweg und landet unverwüstlich auf der Ergebnisliste, für immer und ewig. Basta. Da musst du erst mal darüber hinwegkommen. Das musst du deinem Nachbarn erklären können. Warum eigentlich ich?

So geschehen im Jahre 2010. Mein erster 100er Ultratrail mit über 6000 Höhenmeter bei diesen knallharten Südfranzosen. Nach 12 Stunden Rennerei, bergauf, bergab, kamen der Einbruch und über 3 Stunden quälendes Gehen, Pausieren, Regenerieren. Aus und vorbei. Jedes Hoffen wurde zerstört und der Körper schrie nach Aufgabe - Hotelbett und vorher Bier zum Betäuben, aber schnell bitte.

Schlucht Canyon Eingang Endlose Lavendelfelder bei der Anreise Start- und Zielort Aiguines

Und was kommt dann? Naja, man sammelt Selbstbewusstsein bei anderen Events, wird härter mit sich selbst, geht relaxter mit einigen Laufphasen um und beschäftigt sich im Hinterkopf mit diesem "DID NOT FINISH" auf dieser einen Strecke. Was kann ich verbessern, wie gehe ich besser damit um. Lauferfahrung umsetzen. Trainingsoptimierung. Oder, mehr Spaß und Lockerheit beim Trailrun entwickeln.

Kommen wir zum Punkt; es hat nun 3 Jahre gedauert dass ich dieses sagenhaft schöne Monster in der Schlucht von Verdon in Südfrankreich wieder angehen werde. Irgendwas ist da noch offen. Die Voraussetzungen sind wieder wunderbar: 101km auf brutalsten ca. 6450 Höhenmetern, eine atemberaubende Landschaft mit der größten europäischen Schlucht, tiefblaues Wasser, Lavendelfelder und eine gnadenlose Sonne. Hitze und 0% Regenrisiko bringen über 15 Stunden Sonne auf das Haupt. Ja, die Herausforderung steht. Der Spaß kann kommen. Unendliche Singletrails mit atemberaubenden Tiefen in die Schlucht sind gebucht. Unaufhaltsam kommt der Start am Samstag 03:oo Uhr näher.

Vorher rocken wir noch die 1000km Anfahrt runter in die Provinzen Haute Provence - Var (kurz vor der Cote Azur). Hauen uns noch 1-2 Rotwein zur Stärkung rein. Los geht's. Und wir freuen uns wahnsinnig. So viel vorne weg, vor dem Lauf.

Kilometer 21

Der Renntag beginnt kurz und knapp. Da wir ca. 400mtr vom Start im Hotel nächtigen reicht es um 2:oo Uhr aufzustehen, sich hübsch zu machen und um 2:45 Start das Startprozedere in Angriff zu nehmen: Check-in, Kontrolle, kurzes Briefing zur Strecke in Französisch und gebrochenem Englisch, 3:oo Uhr und los geht's. Zum Einrollen gab es gleich mal 800 Höhenmeter. Willis und meine Renntaktik war heute klar definiert: gemächlich und entspannt angehen, von Beginn an viel Trinken und Essen. Und dieses Mal war ich richtig entspannt beim Erklimmen des ersten Gipfels und zum Rennbeginn.

Nach 3 Laufstunden, kommen wir zu einem der vielen, vielen Highlights. Vielleicht auch zu einem der (!) läuferischen Höhepunkte in seinem Laufleben. Die 3km unten in der Schlucht entwickeln sich zu einem wahren Laufabenteuer der Extraklasse. Tosendes blaugrünes Wasser, Felsen, Nischen, Halteseile, Felsblöcke, Treibgut, Leitern, Klettersteige, steile Abhänge - Wahnsinn. Nach einer Stunde ist der Megakick vorerst zu Ende, und wir Erreichen nach 4 Laufstunden die 2.Verpflegung bei KM25.

Kilometer 21

7:oo Uhr, es wird wärmer und die Sonne scheint von hinten rein. Auf und Ab, Auf und Ab, Auf und Ab, diese permanente Forderung an die körperliche Physis und Psyche hatten mich vor 3 Jahren zu Beginn, mit dem hohen Tempo zermürbt. Aber wir gehen dieses Mal kontrolliert mit der Kraft um und genießen diese unglaubliche Aussicht von der rechten Canyon-Seite. Auf dieser kämpfen wir uns vor und nach Passieren der Schlucht-Ausgangsseite am Lac St Croix erreichen wir den VP #4 La Source bei KM38 nach ca. 7,5 Std.

Nun beginnt die Hitzeschlacht erst richtig. Das Thermometer steigt in Richtung 30°C, die Uhrzeit liegt erst bei 10:3o Uhr, die Anstiege mehren sich in der prallen Sonne.

Kilometer 21

Unsere Taktik ändert sich in das Einlegen von Zwischenpausen kurz vor Passquerung mit Ziel "Schatten und laues Lüftchen suchen". Diese, von mir wirklich gefürchtete 5. Etappe, endet in der malerischen, in den Berg angelegten Künstlerstadt Moustiers. 52km in 10,5 Std und die Hälfte der Höhenmeter sind absolviert; kurz vor der Stadt erfreute uns ein Hauseigentümer mit einem einfachen Gartenschlauch und eiskaltem Wasser. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, welch Wohltat das war. Der Körper glühte förmlich vor Hitze. Kein Wunder, bei der Mittagshitze, permanenter Sonneneinstrahlung, fühlte man sich manchmal, wie mit hohem Fieber - der Körper schrie nach Schatten und einem Eisbad.

Kilometer 27 Kilometer 30

Die Altstadt von Moustiers spendete nun kühlen Schatten und wir gönnten uns eine 30 Minuten-Pause mit Premium-Verpflegung von Alex und Judith. Weiter geht's auf mittelalterlichen Serpentinen auf die Hochebene, um in der Nachmittagshitze auf freiem Gelände weiter gegrillt zu werden. Kurz vor La Clue (VP #6) dann diese Hollywood-reife-Filmszene. Zum zweiten Mal gefühltes hohes Fieber - dem Hitzeschlag nahe - erreichen wir in einer Talsenke diesen traumhaften Bachlauf mit eiskaltem Wasser. Pause (!) - egal wie lange. Noch nie hatte ich bei einem Lauf die Lust und das Gefühl hier unendlich verweilen zu wollen. Wieder Kopf kühlen, Körpertemperatur runter bringen.

Es ist nun 15:30 Uhr und wir haben die größte Hitze hinter uns. Die folgenden Laufstunden werden vorwiegend im Wald stattfinden. Nach einer Viertelstunde verlassen wir diese Oase und gehen gestärkt die linke Schluchtseite an. Oben angekommen, bekommen wir wieder diese atemberaubende Sicht auf die Schlucht und den See - und 2mtr neben uns die senkrecht über 400mtr abfallenden Steilwände. Schwindelfrei sollte man hier sein.

Kilometer 40

VP #7 bei Mayreste (KM71) mit Vollverpflegung von unseren tapferen Begleiter erreichen wir nach 15 Std. Zum zweiten Male gönnen wir uns eine 30 min Pause. Der Wechsel von Schuhen und Kleidung war hier um 18 Uhr eine sehr gute Entscheidung. Man fühlt sich wahrlich frischer und die Mücken lassen auch merklich nach. Über 3 Std habe ich diese verfluchten Biester verflucht - mein Deo versagte anscheinend. Wie schon zum Morgen geht's auch wieder am Abend permanent auf und ab.

Ich ertappe mich, wie ich die Stelle suche, wo ich vor 3 Jahren mit mir gekämpft habe und die Lauf-Aufgabe beschlossen hatte. Willi meinte später, dass man genau spürte, was in mir abging, weil ich ab einem bestimmten Punkt den Turbo startete. Ich spürte, dass mich heute nichts mehr aufhalten konnte. Noch über 5 Stunden vor dem Ziel wusste ich, hier geht nichts mehr schief. Das Ding rocken wir nach Hause. Bärenkräfte kamen auf. Trotzdem hatten wir irrsinnigen Respekt vor dem letztmaligen Abstieg - 400mtr in 2km hinab in die Schlucht. Unsere Lauftaktik über den Tag hinweg, mit Anpassung an die Hitze und unsere persönlichen Eigenheiten spülte uns immer weiter vor. Überholt wurden wir in 15 Stunden kaum, links liegen gelassen haben wir viele.

Kilometer 40

Das erste Mal laufen wir unter den Top3 der Frauen und den Besten 25% im Gesamtklassement. Und das geben wir nicht mehr her. Cool. Zum Zeit-Cut-Off hatten wir eine Menge Reserve, und so gönnten wir uns zum Tagesabschluss noch eine Schöpferpause in der Schlucht. Willi krabbelte zwischen Riesenfelsen zum Wasser, ich legte mich mit dem Rücken auf die Hängebrücke und genoss die Aussicht von der Bodenperspektive in den Abendhimmel. Es ist 21:30 Uhr und immer noch traumhaft, aber in der Schlucht wird es schnell dunkel. Wir holen die Lampen raus und geben bergauf mächtig Gas.

Künstlerstadt Moustiers beim km 52 Erfrischung bei km 68

Nachdem der VP#8 um 3km auf die andere Schluchtseite zu Les Cavaliers verlegt wurde, erreichten wir diesen gegen 22:oo Uhr. 19 Laufstunden liegen hinter uns; die Schlucht wurde rechts und links abgelaufen, hoch und runter in der Schlucht - nun sind nur noch 16km und +/- 800mtr zu bewältigen. Mit dem Wissen 16 Stunden vor dem Cut-off zu sein, gehen wir das Ganze gemütlicher an. Auch das erweist sich wieder ´mal als richtig, da der Abstieg zum Start/Zielort Aiguines brutal fordernd ist. Die Oberschenkel glühen, der Boden ist rutschig-staubig- geröllig. Jeder von uns haut es zweimal auf den Hosenboden, so zieht es uns die Füße weg. Aber was für eine Nacht. Sternenklar, 20 Grad auf 1500 Meter Höhe, überall funkelt es in den kleinen Örtchen ringsherum, ein laues Lüftchen.

Blick auf die Schlucht bei km 83

Gegen 2 Uhr nachts ist es dann soweit. Die Zivilisation hat uns wieder, wir sehen die ersten Lichter von Aiguines, Freudentränen kommen auf, wir haben es geschafft, wir durchqueren diesen Ort, wo keiner mehr auf den Strassen ist. Alles ist ruhig und friedlich, alles schläft. Nur wir sind außer Rand und Band, innerlich aufgewühlt, eines unser größten Erlebnisse ohne Verletzung, ohne Probleme, aber wahrlich fix und fertig gefinisht zu haben.

Mein DNF ist eliminiert! JA! Nach 23 Std und 10 Minuten passieren wir alleine das Ziel, werden von einer Person eingescannt, eine weitere Person überreicht das Finishershirt und die letzten (!) beiden Biere. Maßarbeit. Perfekt. Ende eines Traumtages und 3 Jahre eines Reifeprozesses gehen glücklich zu Ende.

Zwei Siegertypen: Links, der beste Südafrikaner und rechts, der beste Deutsche (natürlich gemeinsam mit Willi) - nur ... der Linke (Aj Calitz) hat in 14:15:04 Stunden gewonnen - 9 Stunden vor mir Willi und Oli gut gelaunt bei Kilometer 40 - ist ja nicht mehr weit
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Fakten und Zahlen:

Bericht von Oliver Binz - www.binz-online.com
Fotos von Judith, Alexander und Oliver Binz

Info & Ergebnisse verdoncanyonxtrem.com

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