24.10.10 - 25. Venedig Marathon

Über Land und übers Wasser

von Ralf Klink

"Venedig? Da kann man doch keinen Marathon laufen." Schon von Zehnjährigen kann man manchmal diese Aussage zu hören bekommen, wenn man verkündet, demnächst in der Lagunenstadt an den Start gehen zu wollen. Das Bild, das jeder – selbst in diesem Alter – von Venedig im Kopf hat, besteht eben hauptsächlich aus Wasser und keineswegs aus festem Boden, auf dem man eine solche Strecke laufend zurücklegen könnte.

Man kann sehr wohl. Es gibt den Venedig Marathon sogar seit ungefähr einem Vierteljahrhundert. Schließlich findet 2010 bereits dessen fünfundzwanzigste Auflage statt. Im Mai 1986 – zu einer Zeit, in der die rund ein Jahrzehnt andauernde Dominanz italienischer Langstreckler begann – liefen erstmals Marathonis durch ein Ziel in der Stadt von Markusplatz und Rialtobrücke.

Alberto Cova war zwischen 1982 und 1984 nacheinander Europameister, Weltmeister und Olympiasieger über zehntausend Meter geworden. Orlando Pizzolato hatte 1984 und 1985 den New York Marathon für sich entschieden. Im Jahr darauf folgte ihm im Big Apple Gianni Poli als Sieger nach.

Und Gelindo Bordin – 1988 in Seoul auch mit Olympiagold bedacht und 1990 Sieger beim Klassiker in Boston – gewann in Stuttgart nach einem spannenden Rennen den ersten seiner beiden Europameistertitel im Marathon knapp vor eben jenem Pizzolato sowie dem deutschen Duo Herbert Steffny und Ralf Salzmann.

Abseits der touristischen Hauptrouten findet sich so manches verwunschene Eckchen Die Rialtobrücke ist neben dem Markusplatz das zweite Wahrzeichen Venedigs

Noch ein paar andere bekannte Namen aus jener Zeit lassen sich aufzählen. Stefano Mei zum Beispiel, der 1986 Europameister auf den fünfundzwanzig Bahnrunden wurde. Oder sein Nachfolger, der für sein unrhythmisches Laufen und seine ständigen Tempowechsel bei der Konkurrenz so gefürchtete Salvatore Antibo, der ihn vier Jahre später beerbte und auch über die halb so lange Distanz gewann. Man könnte auch Francesco Panetta, den Weltmeister 1987 und Europameister 1990 auf der Hindernisstrecke, nennen.

Der bisher Letzte in dieser Reihe ist dann Stefano Baldini, der neben dem Olympiamarathon von Athen – der allerdings weniger aufgrund des Italieners als vielmehr hauptsächlich wegen der Attacke auf den bis dahin führenden Brasilianer Vanderlei de Lima in Erinnerung ist – auch noch zwei Europameistertitel auf dieser Distanz gewann.

Zu diesem Zeitpunkt hatten in Europa ansonsten aber schon längst die Spanier die Vormachtstellung übernommen, die sich zumindest in den Neunzigern auch noch ein wenig gegen die inzwischen international absolut dominierenden Ostafrikaner anstemmen konnten. Dass in beiden Mittelmeernationen der einen eher zweifelhaften Ruf genießende Radsport ebenfalls eine große Tradition hat und der eine oder andere "Wunderarzt" aktiv ist, kann Zufall sein, muss aber nicht.

Der damalige Präsident der IAAF, der wegen seiner Amtsführung alles andere als unumstrittene Italiener Primo Nebiolo, soll jedenfalls in jener Zeit angeblich den Venezianer Piero Rosa Salva, gefragt haben, wieso man denn auf der einen Seite so viele erfolgreiche Athleten anderseits aber keine eigene große Laufveranstaltung habe. Salva, noch heute OK-Chef des Venedig Marathons, ließ sich nicht lange bitten und stellte in seiner Heimatstadt ein Rennen auf die Beine.

Das konnte zwar mit nicht einmal tausend Teilnehmern bei der Premiere nicht im Entferntesten an das Vorbild New York heran reichen. Nach dem schon im Folgejahr erfolgten Umzug in den Oktober stieg Venezia, wie die Stadt ja auf Italienisch heißt, aber schnell mit jährlich fünf- bis sechstausend Läufern zur Nummer eins im Land auf. Eine Position, die erst im neuen Jahrtausend dann endgültig an den Hauptstadtmarathon von Rom verloren ging.

Die ersten sechs Austragungen sahen dabei jeweils ein italienisches Siegerpärchen. Auch die Namen "Pizzolato" und "Bordin" finden sich für diese Jahre in der Ehrentafel. Und obwohl die italienischen Langstrecken-Frauen nicht ganz die Erfolge ihrer männlichen Kollegen feiern konnten, hielt ihre Siegesserie sogar noch ein Jahr länger. Doch zuletzt machten wie fast überall auch in Venedig die Ostafrikaner die ersten Plätze praktisch unter sich aus.

Gondeln am Canal Grande, Symbol und Verkehrsmittel für eine einzigartige Wasserstadt

Die Wahrscheinlichkeit, dass die zum Silber-Jubiläum in den Venedig Marathon eingebundenen italienischen Meisterschaften daran etwas ändern könnten, sind relativ gering. Auch die Läufer von der Stiefelhalbinsel können im internationalen Vergleich nur noch selten mithalten. Es ist durchaus bezeichnend, wenn sich bei der EM in Barcelona die Kameras hauptsächlich auf den nach seinem Rücktritt vom Rücktritt erneut gemeldeten, neununddreißigjährigen Stefano Baldini richteten.

Immerhin brachte man in der katalanischen Hauptstadt ein sechsköpfiges Aufgebot an den Start und schöpfte damit das Kontingent voll aus. Doch neben Baldini waren dabei mit dem lange auf Medaillenkurs liegenden und am Ende auf Platz vier einkommenden Ruggero Pertile, mit Ottavio Andriani, Daniele Caimmi sowie Denis Curzi noch vier weitere M35er nominiert.

Und der EM-Siebte, der Italo-Marokkaner Migidio Bourifa, der auch in Venedig in der Startliste steht, wäre sogar schon in der Veteranenklasse startberechtigt, hat also die vierzig bereits überschritten. Nachwuchs, der sich wirklich aufdrängen würde, ist auch in Italien eher Mangelware. Doch wenigsten kommen noch immer jährlich etwa ein Dutzend Läufer unter die Marke von 2:20 und einige Läuferinnen unter 2:30.

Italienische Langstreckenmedaillen, die in den Achtzigern und Neunzigern eher die Regel als die Ausnahme waren, sind allerdings selbst in Europa recht selten. Gerade einmal Daniele Meucci über zehntausend Meter und Anna Incerti über die Marathondistanz konnten in Barcelona Bronze erringen.

Selbst wenn auch auf der Apenninenhalbinsel die Leistungen eher stagnieren, ein wenig anders als die Laufszene hierzulande ist die italienische schon. Während in Deutschland zum Beispiel zuletzt ein deutlicher Abwärtstrend bei den Teilnehmerzahlen zu registrieren war, sind diese in Italien ziemlich konstant, einige Veranstaltungen haben in den letzten Jahren sogar noch deutlich zugelegt.

Der Markt ist aber auch deutlich weniger überladen. Nicht einmal halb so dick wie der deutsche ist der italienische Marathonkalender, was nebenbei bemerkt zumindest am Mittelmeer noch immer eine ziemlich hohe Dichte darstellt. Und nur ein knappes Dutzend Veranstaltungen – und damit ebenfalls ungefähr halb so viele wie hierzulande – schaffen es über die Marke von tausend Läufern. Zehn- bis zwölftausend Starter reichen für Rom schon, um Größter Marathon des Landes zu sein.

Ein Labyrinth von Kanälen und Gassen lässt manchen Besucher schnell die Orientierung verlieren

In Italien ist – eigentlich überraschend für ein Land, in dem das TV-Programm belegt, dass es zwar schwer vorstellbar aber dennoch möglich ist, das niedrigere Niveau, das man aus Deutschland kennt, noch zu unterbieten und in dem ein Medienfürst schon mehrfach zum Ministerpräsidenten gemacht wurde – das Marathonlaufen nicht von Presse, Funk und Fernsehen erst angeschoben, hochgejubelt und künstlich zu einem Boom aufgebaut worden, nur um sich dann hinterher wieder anderen Dingen zu widmen. Die italienische Laufszene ist halbwegs natürlich gewachsen und wächst, wie es den Anschein hat, noch immer.

Nicht nur in Rom sondern auch beim zur unangefochtenen Nummer zwei aufgestiegenen Florenz Marathon hat man während der letzten fünf Jahre in der Summe mehrere tausend Teilnehmer zugelegt. Und in Venedig verändern sich die Werte wohl hauptsächlich deshalb kaum, weil man aufgrund der doch eher schwierigen Infrastruktur die Zahl der möglichen Meldungen bei ungefähr sechstausend gedeckelt hat.

Zwar wird dieses Limit anfangs auch für die fünfundzwanzigste Auflage offiziell verkündet. Aber dann legt man zum Jubiläum doch noch ein bisschen nach, indem man nach angelsächsischen Vorbild tausend weitere sogenannte "Charity-Nummern", für die neben der normalen Startgebühr noch eine zusätzliche Spende an von den Veranstaltern ausgesuchte gemeinnützige Projekte fällig wird, vergibt.

Am Ende wird deshalb mit 6257 Zieleinläufen eine neue Bestmarke aufgestellt werden. Ob dieser Wert irgendwann einmal noch deutlich übertroffen werden kann, ist angesichts der räumlichen Enge Venedigs eher fraglich. Allerdings hielten in der Vergangenheit schon bei einigen Veranstaltungen scheinbar für die Ewigkeit gemachte Teilnehmerrekorde nur wenige Jahre. Dennoch hat man in der Lagunenstadt natürlich ganz ein besonderes Problem. Schließlich ist diese bezüglich ihrer Lage und Struktur zumindest in Europa ziemlich einzigartig.

Mitten in der weiten Wasserfläche der "Laguna di Venezia" gelegen, dienen in ihr nämlich Kanäle als Hauptverkehrswege. In unterschiedlichsten Breiten zieht sich ein dichtes Netz von ihnen kreuz und quer durch Venedig, dessen historischer Kern deshalb streng genommen aus eine dreistelligen Zahl einzelner Inseln besteht, die durch mehr als vierhundert Brücken miteinander verbunden sind.

Es gibt zwar durchaus auch anderswo auf dem Kontinent Städte, die ebenso von einer Vielzahl von Kanälen durchzogen sind, insbesondere in den Niederlanden oder in Flandern. Amsterdam oder in etwas geringerem Maß Brügge sind da Paradebeispiele. Doch findet man dort eben auch ganz normale Straßen, in denen Autos fahren können. Und insbesondere die Randbezirke sehen aus und funktionieren auch wie die in jeder beliebigen anderen Stadt.

Im "Centro storico" von Venedig dagegen gibt es außer Kanälen einzig und allein ein Gewirr enger und engster Gässchen, die sich höchsten ab und zu einmal zu einem Platz weiten und deshalb auch nur per pedes aber absolut nicht mit Fahrzeugen zu passieren sind. Selbst jene kleinen Elektrowägelchen, denen man in einigen autofreien Orten der Alpen wie Zermatt oder Wengen sowie auf etlichen Inseln mit ähnlichen Regelungen begegnen kann, hätten keine Chance.

Fast alle Hotels in Venedig kann man auch über einen Eingang am Kanal direkt mit dem Boot ansteuern

Neben Booten kann man in diesem Labyrinth höchstens noch Handkarren, sogenannte Carrelli, zum Transport benutzen. Das Problem, dass jeder noch so kleine Weg mit dem eigenen Wagen zurückgelegt wird, kennen die Venezianer jedenfalls nicht. Auch ohne irgendwelche Verordnungen oder Beschlüsse der Gemeindeverwaltung ist Venedig alleine schon aufgrund seiner geografischen Gegebenheiten vollkommen autofrei.

Einige dem Stadtkern vorgelagerte und seit alters her zu Venedig gehörende Eilande, wie die durch ihre Glasproduktion bekannte Inseln von Murano, die "Gemüseinsel" Sant'Erasmo oder der bekannte Lido sind ohnehin nur mit dem Boot zu erreichen. Auch die langgezogene Inselgruppe Giudecca und das benachbarte San Giorgio, die zwar eigentlich zum Zentrum gehören, von diesem aber durch eine etwa dreihundert Meter breiten Wasserstraße abgetrennt werden, besitzen keine feste Verbindung mit der Altstadt.

Mehr oder weniger die gesamte Infrastruktur der Stadt läuft deshalb über die Wasserwege. Zwar gibt es seit vielen Jahrzehnten eine fast vier Kilometer lange Brücke hinüber zum Festland. Doch werden dann von den Lastwagen, die über sie herüber gerollt sind, im Hafen in völligem Gegensatz zum überall sonst üblichen Vorgehen sämtliche Waren zur Weiterverteilung in die Stadt erst einmal wieder auf Boote umgeladen.

Auch in umgekehrter Richtung geht man diesen Weg. Die Müllabfuhr kommt nämlich ebenfalls per Schiff. Bei Feuerwehr und Ambulanz – "Krankenwagen" kann man in diesem Fall ja nicht sagen – ist es dasselbe. Polizei und Post unterhalten genauso ihre eigenen kleinen Flotten, um sich in der Stadt bewegen zu können.

Als öffentliches Nahverkehrsmittel nutzt man nicht Busse oder Bahnen sondern die "Vaporetti" genannten Linienboote, die in einem dichten Netz auch die Nachbarinseln und an einigen Stellen das Festland ansteuern. Zum dort gelegenen, in der Luftlinie keine zehn Kilometer entfernten Flughafen gibt es ebenfalls eine Direktverbindung übers Wasser.

So mit dem Wasser verwachsen wie Venedig ist definitiv in Europa keine andere Stadt. Fast ist man geneigt, von einer amphibischen Existenz zu sprechen. Deshalb muss man den Zweiflern irgendwie auch Recht geben. In Venedig kann man unter solchen Voraussetzungen natürlich wirklich keinen vollen Marathon laufen.

Zumindest, in jenem Teil, den man gemeinhin unter "Venedig" versteht, nämlich das selbst in ihrer größten Ausdehnung kaum fünf Kilometer lange und drei Kilometer breite Centro storico. Kaum eine Handvoll Kilometer zum Abschluss absolviert man in diesem Gebiet. Man läuft nämlich vom Festland nach Venedig hinein.

Der Verkehr in Venedig spielt sich fast ausschließlich auf dem Wasser ab, ein anderes Transportmittel als das Boot gibt es in der Altstadt nicht

Und doch führt über die Hälfte der Strecke tatsächlich durch das Gebiet von Venedig. Was sich wie ein Widerspruch anhört, ist keineswegs unsinnig. Denn die Stadt ist keineswegs nur auf Inseln in der Lagune beschränkt. Der weitaus größte Teil der Comune di Venezia liegt nämlich seit der in den Zwanzigerjahren erfolgten Fusion mit Mestre sowie einigen weiteren kleinen Gemeinden im "Terraferma" genannten Hinterland.

Längst ist der Inlandsbrückenkopf Mestre auch von den Bevölkerungszahlen her deutlich größer. Rund zwei Drittel der knapp dreihunderttausend Einwohner des politischen Gebildes "Venedig" lebt nämlich in den Stadtteilen an Land. Mit steigender Tendenz, denn immer mehr Menschen wandern aus dem Centro storico ab. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat der alte Stadtkern mehr als die Hälfte seiner Bürger verloren und ist auf nur noch sechzigtausend Köpfe geschrumpft.

Ursachen für die zunehmende Entvölkerung gibt es einige. Die vielleicht einzigartigen, aber eben auch unbequemen und beengten Lebensverhältnisse gehören sicher dazu. Gerade die jüngeren ziehen immer öfter eine Neubauwohnung auf dem Festland mit nahe gelegenem Abstellplatz fürs eigene Auto vor. Zurück auf den Inseln bleiben eher die Älteren. Die Zahl der Rentner übersteigt die der Kinder jedenfalls längst um ein mehrfaches. Die bekannte Alterspyramide steht in Venedig praktisch auf dem Kopf.

Da gleichzeitig auch die Gewerbebetriebe den fehlenden Expansionsmöglichkeiten in der Altstadt entflohen, finden sich in der Terraferma zudem deutlich mehr Arbeitsplätze. Moderne Bürogebäude, Geschäfte, Supermärkte, Lager- und Werkshallen lassen sich eben im Centro storico nicht so einfach errichten.

Dort entwickelt sich dagegen zunehmend eine touristische Monokultur aus Hotels, Cafés und Restaurants. Inzwischen ist die Zahl der meist gut gefüllten Gästebetten schon annähernd halb so groß wie die der Venezianer. Der immer größer werdende Platzbedarf dieses vorherrschenden Wirtschaftssektors treibt die Preise für Wohnraum nur noch weiter nach oben.

Und während die Lebensmittelläden zur Versorgung der Bevölkerung immer weniger werden, reiht sich in manchen Gassen längst schon ein Souvenirgeschäft ans andere. Mit immer dem gleichen Angebot, das neben den üblichen Postkarten und T-Shirts hauptsächlich aus vermeintlichen Murano-Glasprodukten und angeblich typisch venezianischen Masken besteht, die in diesen Masse allerdings wohl kaum komplett der heimischen Produktion entstammen können.

Venezianische Details: Die etwas anderen Mohrenköpfe am Campo dei Mori und die prunkvollen Mosaiken an der Markusbasilika

Denn nicht nur an die in Venedig selbst übernachtenden Gäste richtet sich das Angebot. Rund drei Viertel der vielen Millionen Besucher – angeblich pro Jahr doppel so viele wie in Rom – sind Tagestouristen, die nur einen kurzen Ausflug in die Lagunenstadt machen, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten abhaken und danach gleich wieder verschwinden. Vor allem im Sommerhalbjahr fallen diese regelrecht in Scharen ein. Dass sie dabei im Schnitt nur wenige Euro aber jede Menge Hektik in die Stadt bringen, macht sie nicht unbedingt beliebter.

Zu deren Abschreckung gingen die Stadtväter sogar einmal soweit, eine Schock-Kampagne in Auftrag zu geben, mit der die negativen Seiten Venezias aufgezeigt werden sollten. Plakate mit Ratten auf dem Markusplatz oder in den Kanälen schwimmendem Müll sollte das idealisierte Bild in den Köpfen der Besucher zu Recht rücken. Venedig dürfte eine der wenigen Städte sein, die Touristen nicht anlocken sondern manchmal sogar eher loswerden will.

Doch andererseits lässt sich mit dem Massentourismus halt auch eine Menge Geld verdienen. Und Tausende von Arbeitsplätzen sind davon abhängig. Die Situation ist paradox. Denn was die Stadt auf der einen Seite stützt und sie aufrecht hält, beschädigt sie andererseits auch erheblich und vielleicht sogar unwiederbringlich. Ein Zwiespalt, der Venedig durchaus bewusst ist und gerade deshalb gelegentlich fast selbstzerstörerische Züge trägt.

Ob angesichts dieser Entwicklung aus Venedig am Ende nur ein großer Freizeitpark und ein überdimensionales Museum für zahlungskräftige Kundschaft wird oder ob es doch gelingen kann, es durch die in letzten Jahren begonnenen Schritte wieder zu einer lebendigen und zukunftsfähigen Stadt zu machen, muss sich jedenfalls noch zeigen.

Natürlich bringt auch der Venedig Marathon eine Menge Zulauf. Unübersehbar sind am Veranstaltungswochenende die vielen Gruppen in Trainingsanzügen oder zumindest Laufschuhen, die sich durch die Gassen schieben und dabei in unterschiedlichsten Sprachen miteinander reden. Wenn nur die Hälfte der weit über sechstausend Starter in der Stadt übernachtet, ist das angesichts deren geringer Größe schließlich ein beachtlicher Prozentsatz.

Nicht nur deshalb wird das Rennen von der Bevölkerung auch durchaus registriert und beachtet. Keineswegs muss man – wie man anderswo durchaus öfter einmal erleben kann – zum Beispiel im Hotel erklären, dass da am Sonntagmorgen ein Marathon stattfinden wird und man deshalb in der Stadt ist. Der Lauf ist sehr wohl ein Thema.

In verschiedenen Sprachen sind an der Information die Abgabezeiten für die Kleiderbeutel angeschlagen Noch herrscht an den dafür vorgesehenen Lastwagen Ruhe vor dem großen Ansturm

Die lokale Zeitung veröffentlicht schließlich nicht nur Vor- und Nachberichte, sondern auch eine komplette Melde- und eine Ergebnisliste. Und nicht nur im lokalen Fernsehprogramm der Region Venetien sondern auch in den Sportsendungen der landesweit sendenden RAI bekommt man bewegte Bilder vom Venedig Marathon zu sehen.

Dennoch – und das muss man ihnen wohl wirklich zu Gute halten – unterliegen die Organisatoren im Gegensatz zu einigen ihrer Kollegen nicht der Verlockung zu überziehen, um die hohe Nachfrage nach Startplätzen zu befriedigen, sondern ziehen tatsächlich einen dicken Strich, als die Kapazitätsgrenze erreicht ist.

Und auch bei den Meldegebühren hält man sich einigermaßen zurück. Denn selbst wenn diese für italienische Verhältnisse sogar recht hoch sind, bleiben sie mit maximal siebzig Euro bei Voranmeldung dennoch im üblichen europäischen Rahmen. Von den unglaublichen 265 US-Dollar, die Ausländern beim New York Marathon für eine Startnummer abgeknöpft werden, sind sie sowieso meilenweit entfernt.

Dass man wie immer am Mittelmeer nicht nur mit einer Medaille sondern auch mit mindestens einem Kleidungsstück des Sportartikelsponsors bedacht wird, ist auch in der Lagunenstadt eigentlich fast selbstverständlich. Und gerade in Italien handelt es sich dabei keineswegs immer nur um ein einfaches T-Shirt. Stattdessen findet man da durchaus öfter einmal Pullover, Windjacken, Winterlaufhemden oder -hosen im Beutel mit den Startunterlagen. Vom Jubiläum des Venedig-Marathons fährt man jedenfalls mit einem neuen Langarm-Polohemd nach Hause.

Um es zu bekommen müssen die Läufer, die in der Wasserwelt des Centro storico übernachten, allerdings erst einmal wieder aufs Festland hinüber wechseln. Denn nicht nur der Start und der größte Teil der Strecke lassen sich auf der anderen Seite der Lagune finden. Auch die Nummern bekommt man im zu Mestre gehörenden Parco di San Giuliano.

Eine große Zahl an Parkplätzen, eine direkte Busanbindung und eine mehr als ausreichende Fläche für das Rahmenprogramm der Sponsoren lassen den weitläufigen Park logistisch sicher geeigneter erscheinen als ein Standort im alten Zentrum auf der anderen Seite der Brücke. Wirklich stimmungsvoll ist das mitten auf der Wiese errichtete Zelt für Nummernausgabe und Marathonmesse nicht unbedingt. Und typisch für Venedig schon gar nicht. Es könnte auch überall sonst auf der Welt stehen.

Das letzte Stück zum Start vor der Villa Pisani muss man zu Fuß zurück legen Venedig

Da es weder am Start noch am Ziel steht, muss man die Unterlagen auch bis spätestens Samstagabend in Empfang genommen haben. Eine kurzfristige Anreise am Wettkampftag ist in Venedig nicht möglich. Denn schon gegen sieben starten die Busse, mit denen das Läufervolk zum Start ins Städtchen Stra kutschiert wird.

Genauer gesagt fährt ein Teil von ihnen zwischen 7:00 und 7:20 in Mestre ab und der Rest von 6:50 bis 7:10 in Venedig. So behaupten es zumindest die Informationen im Programmheft. Danach gäbe es keine Transportmöglichkeiten mehr. Allerdings ist das wohl doch eher eine Pseudogenauigkeit, mit der die Teilnehmer dazu gebracht werden sollen, frühzeitig an den Sammelpunkten zu erscheinen. Und vielleicht ist das angesichts der in dieser Hinsicht doch etwas laxeren südländischen Einstellung auch nötig.

Es ist jedenfalls kaum halb sieben und noch ziemlich dunkel, als sich nach einer nicht gerade langen Nacht überall im Gassengewirr in Sportbekleidung gehüllte Gestalten, aufmachen und dem Rand der Lagunenstadt zustreben. Ein ganzes Stück aus dem eigentlichen Zentrum hinaus müssen sie marschieren, denn die Haltestelle findet sich im erst in jüngerer Zeit aufgeschütteten und immer mehr erweiterten Hafengelände von Tronchetto ganz im Westen.

Mit dem verstärkten Ausbau und der mehrfachen Vergrößerung dieser Insel hat Venedig auch ein wenig von jener typischen Fischform verloren, die man ihm beim Blick auf die Landkarte durchaus zugestehen kann und mit der zum Beispiel die städtische Verkehrsgesellschaft in einem ihrer Logos wirbt. Der Schwanz im Osten ist noch, die Rückenflosse im Norden und die Bauchflosse im Süden sind noch eindeutig zu erkennen. Am Kopf im Westen ist allerdings durch die neuen Hafenbecken eine seltsame Wucherung entstanden.

Man kann das Bild sogar noch weiter treiben. Bildet doch die kombinierte Eisenbahn- und Straßenbrücke zum Festland, der Ponte della Libertà, so etwas wie eine Angelschnur. Und der Canal Grande, der sich wie ein überdimensionales Fragezeichen mitten durch die Stadt zieht und sie in zwei Hälften teilt, übernimmt dann mit etwas Phantasie auch noch die Rolle der Innereien. Schließlich führen seine weiten Bögen vom Maul zum Bauch des Fisches.

Während in normalen Städten Wasserläufe oft eine gewisse Orientierungshilfe für die auswärtigen Besucher geben, sorgt der Canal Grande bei ihnen eher noch für zusätzliche Verwirrung. Seine gewundene Form macht es manchmal schwer zu entscheiden, auf welchem Ufer man sich gerade befindet und wo das anvisierte Ziel denn nun ist.

Eine Nord- oder Süd-, eine West- oder Ost-, eine See- oder Landseite sind zumindest im Kleinen nicht wirklich klar definiert und außerdem immer wieder in sich verdreht. Da muss man den Kanal, um in die eigentlich eher westlich gelegene Stadthälfte zu kommen, dann durchaus auch einmal in östliche Richtung überqueren. Der Vergleich mit zwei ineinander gesteckten Puzzleteilen ist durchaus passend.

Dass es dazu gerade einmal vier Brücken über diese wichtigste und bekannteste Wasserstraße Venedigs gibt, macht die Sache auch nicht einfacher. Neben der Rialtobrücke mit ihren Läden, einem der Wahrzeichen der Stadt, die schon mehr als vier Jahrhunderte auf dem Buckel hat und zweieinhalb davon der einzige feste Übergang war, gibt es da noch den Ponte dell'Accademia sowie den Ponte degli Scalzi gegenüber des Bahnhofs.

Wie ein großes Fragezeichen zieht sich der Canal Grande durch die Stadt Der Kanal zum Arsenal, dem Flottenstützpunkt der einstigen Seemacht Venedig

Erst 2008 wurde mit dem Ponte della Costituzione die letzte eingeweiht. Lange war ihr Bau umstritten. Und auch nach ihrer Fertigstellung, nach dem Entwurf eines spanischen Stararchitekten, scheiden sich an ihr die Geister. Insbesondere ihre unterschiedlich weiten, der natürlichen Schrittlänge oft völlig zuwider laufenden Stufen sorgen auch weiterhin für Unmut und manchmal auch für Stolperer.

Für die meisten Marathonis ist die Brücke, von der die Eisenbahnstation mit der Piazzale Roma, dem zentralen Busbahnhof der Stadt, verbunden wird, das erste und wichtigste Zwischenziel beim morgendlichen Anmarsch. Wer bis hierher gekommen ist, hat nämlich den Irrgarten hinter sich gelassen und kann das letzte Stück zum Abfahrtsplatz problemlos auf breiten Straßen zurücklegen.

Denn sich als Nichtvenezianer in der Altstadt zurecht und vor allem wieder aus ihr heraus zu finden, ist ein ziemliches Kunststück. Schließlich gibt es keinerlei durchgehende Straßenzüge, an die man sich dabei halten könnte. Nur selten geht es überhaupt einmal hundert Meter am Stück geradeaus. Unzählige Rechts-Links-Kombinationen sind nötig, um in Venedig irgendwo hin zu gelangen.

Vielleicht ist der manchmal zu hörende Satz, dass es in der ganzen Stadt keinen einzigen rechten Winkel gibt, ein wenig übertrieben. Doch immer wieder muss man vorsichtig sein, um bei den vielen Schwenks nicht irgendwann in eine gar nicht gewünschte Richtung abzudriften. Selbst Menschen mit gutem Orientierungssinn verlieren in solchen Situationen gelegentlich den Überblick und laufen ungewollt einmal im Kreis.

Karten helfen wenig, viel zu unübersichtlich sind sie. Zumal nicht einmal die Namen der Gassen eindeutig sind. Oft sind diese nach den Handwerkern benannt, die früher in ihnen zu Hause waren. So finden sich zum Beispiel etliche "Calle del forno" – "Ofen-" bzw. "Bäckereigassen" – auf dem Stadtplan. Aber auch Kirch- und Schulgassen, "Calle della Chiesa" bzw. "Calle della Scuola" gibt es jeweils gleich eine Handvoll.

Und an Hausnummern kann man sich schon überhaupt nicht orientieren. Denn die Gebäude sind in Venedig für jedes Sestiere – die Stadt ist nicht in Viertel sondern traditionell in die Sechstel Cannaregio, Castello, San Marco, Dorsoduro, Santa Croce und San Polo eingeteilt – einfach fortlaufend durchnummeriert. Erst weit im vierstelligen Bereich enden die Zahlenkombinationen.

Dass bei weitem nicht alle Wege wirklich zu einer Brücke führen, sondern etliche einfach an einem der unzähligen Kanäle enden, bringt viele zusätzliche Meter. Mehr als einmal ist Umkehren angesagt, wenn man durch die Gassen schlendert. Zumindest eine kleine Vorwarnung gibt es gelegentlich. Heißen solche Sackgassen doch statt "Calle" oft "Ramo", was wörtlich ungefähr "Ast" bedeutet.

Einzig die an vielen Ecken angebrachten gelben Tafeln, die eine ungefährere Richtung zu den für die Touristen wichtigsten Zielen angeben, bieten wie gute Freunde ein wenig Halt im Durcheinander. Zu "Rialto" und "San Marco" – gemeint ist der Markusplatz – zeigen sie in der Regel. Da die beiden Hauptsehenswürdigkeiten nicht allzu weit voneinander entfernt sind, treten diese Schriftzüge in der Regel auch als Doppelpack auf.

Wichtigste und fast noch häufiger als Pärchen auftretende Gegenspieler sind "Ferrovia" – also "Eisenbahn" – und "Piazzale Roma", die Ortsfremde wieder aus dem Labyrinth heraus bringen. Nur noch "all' Academia" begegnet man im Centro storico ebenfalls ziemlich häufig. Wer dieser Variante folgt, findet die gleichnamige, zentral gelegene Brücke und kann dort zumindest erst einmal ans andere Ufer des Canal Grande wechseln.

Die Villa Pisani bietet für Foto- und Fernsehkameras imposante Bilder vom Marathonstart

"Ferrovia" und "Piazzale Roma" sind natürlich auch die Aufschriften, denen die Läuferschar am frühen Sonntag hauptsächlich folgt. Der am Marathonwochenende am Himmel stehende Vollmond, der vielleicht dafür gesorgt hat, dass bei einigen der Schlaf noch ein wenig unruhiger ausfiel als sonst vor einem Lauf über eine solche Distanz, ist dabei nun sogar eher hilfreich, spendet er doch zusätzliches Licht, um die manchmal durchaus etwas versteckten Schilder entdecken zu können.

Mit dem Überqueren des Ponte della Costituzione bietet sich allerdings ein völlig anderes Bild als im Rest der Stadt. Denn rund um die Piazzale Roma und erst recht im dahinter liegenden Hafengelände dominieren moderne Parkhäuser und Gewerbehallen. Gerade der Eingangsbereich der Stadt, die man so gerne mit Attributen wie "historisch", "idylisch" oder gar "romantisch" verbindet, kommt nüchtern, wenig einladend und manchmal fast schon hässlich daher.

Nachdem trotz der am Bahnhof Mestre bestehenden Möglichkeiten, das Fahrzeug abzustellen und mit dem Zug in die Altstadt hinein zu fahren, immer mehr Besucher dennoch mit dem eigenen Wagen über die Brücke kamen, hat man auf Tronchetto sogar noch weitere Parkdecks errichtet. Zusammen mit den bis zu einem halben Dutzend Kreuzfahrtschiffe, die im dortigen Hafen gleichzeitig vor Anker gehen, konterkariert man damit natürlich irgendwie sämtliche Bestrebungen, die Touristenströme zumindest etwas einzudämmen.

Und viel gewonnen haben die notorischen Autofahrer im Endeffekt auch nicht. Denn entweder müssen sie in die auf Stelzen errichtete neue Kabinenbahn mit der ein wenig albernen Bezeichnung "People Mover" zur Piazzale Roma umsteigen. Oder aber sie legen den über einen Kilometer langen Weg zum eigentlichen Eingangstor nach Venedig zu Fuß zurück.

Genau in die Gegenrichtung marschieren mehrere tausend Marathonis auf einer Strecke, die sich dabei doch ein ganzes Stück länger herausstellt als erwartet. Denn fast bis ans äußerste Ende des Geländes muss man tippeln, um in die Busse einsteigen zu können. Warum das nicht am eigentlichen zentralen Bushalteplatz passiert, auf dem um diese frühe Uhrzeit bei weitem noch nicht das tagsüber normale Gewusel herrscht, sondern der ganz im Gegenteil ziemlich leer ist, erschließt sich allerdings nur schwer.

Insbesondere weil der Transport auch noch mit Fahrzeugen der städtischen Verkehrsbetriebe durchgeführt wird, die daher sicher nicht im Linienverkehr zum Festland eigensetzt werden. Da diese Nahverkehrsbusse allerdings eher wenig Sitz- dafür aber mehr Stehplätze haben, von den Ordnern aber dennoch ziemlich gut gefüllt werden, verbringt so mancher Marathoni, die mehr als halbstündige Tour entweder auf den eigenen Füßen oder aber auf dem Boden. Allerdings sind die Wartezeiten deshalb auch ziemlich gering. Bus um Bus macht sich auf den Weg nach Stra.

Den letzten knappen Kilometer zum Startbereich darf man dann aber wieder marschieren Schon auf der Fahrt konnte man bei zunehmendem Tageslicht die doch eher schmale und kurvige Straße bemerken, über die man da rollte. Und auch dort, wo der Marathon beginnen soll, ist sie nicht wirklich breiter, hat nur zwei Fahrspuren. Die Busse müssen deshalb bereits vorher, bei einer Stelle, an der es noch möglich ist, drehen.

So mancher ist nach der eher unbequemen Anreise gar nicht einmal böse, sich noch einmal etwas bewegen zu können. Denn auch rund um das eigentlich nicht unbedingt kleine Umkleidezelt wird es angesichts von weit über sechstausend Laufwilligen dann wieder eng. Für den Aufenthaltsbereich bleibt nur etwa eine halbe Sportplatzbreite zwischen der Straße und einer hohen Mauer.

Auf der ersten Hälfte folgt der Kurs den Schleifen des Flüsschens Brenta Kurz nach dem Start wird mit der Villa Recanati Zucconi die Reihe der Landhäuser an der Laufstrecke eröffnet Fiesso d'Artico ist die erste Ortschaft, die man während des Marathons passiert

Was sich hinter dieser verbirgt, kann man von diesem Punkt aus nicht erkennen. Insgesamt sieht der Platz, in dessen Nähe der Marathon gestartet werden soll, im ersten Moment ziemlich unspektakulär aus. Neben der Landstraße verläuft ein kleines Flüsschen. Am anderen Ufer erstreckt sich erst einmal offenes Feld. Dahinter erblickt man eine kleine Siedlung.

Wer allerdings die bis zum Startschuss noch reichlich verbleibende Zeit nutzt und ein bisschen entlang der Mauer spaziert, wird schon nach wenigen Metern ziemlich überrascht. Denn genau dort, wo gleich mehrere Werbebögen der Werbepartner über dem Asphalt den Anfang der Marathonstrecke markieren, steht da am Rand plötzlich ein riesiges Barockschloss, das zuvor wegen der Mauer, der im Park dahinter stehenden Bäume und der hier in einem weiten Bogen verlaufenden Straße nicht zu erkennen war.

"Villa Pisani" heißt das Bauwerk, vor dem man den Venedig Marathon traditionell startet, in ziemlicher Untertreibung. Es ist zwar der größte, aber eben bei weitem nicht der einzige Landsitz, den sich reiche Venezianer während vergangener Jahrhunderte in dieser Gegend errichtet haben.

Nach dem Fluss, an dem sie fast alle liegen und dem man auf der ersten Hälfte des Marathons folgen wird, nennt man sie allgemein nur "Brenta-Villen". Selbst wenn er nicht vollständig auf dem Territorium der Stadt veranstaltet wird, hat der Lauf also von Anfang an viel mit venezianischer Geschichte zu tun.

Entstanden sind die meisten von ihnen zwischen dem sechzehnten und achtzehnten Jahrhundert, zu einer Phase, in der Venedig zwar seine absoluten Glanzzeiten – in denen man in führender Position im europäischen Handel mitmischte und als echte Großmacht mit eigenen Kolonien im Mittelmeer agierte – schon ein wenig hinter sich hatte.

Aber man war eben als Stadtrepublik noch immer unabhängig von allen Nachbarn und verfügte mit der Terraferma auch weiterhin über ein entsprechendes Hinterland. Erst mit dem Einfall einer französischen Revolutionsarmee endete 1797 schließlich die rund ein Jahrtausend andauernde venezianische Eigenstaatlichkeit.

"Für einen Grafen zu groß, für einen König zu klein", sagt man über die Villa Pisani. Ob dieser Ausspruch – wie oft und gerne behauptet wird – tatsächlich von Napoleon stammt, dem das Schloss danach eine Zeit lang gehörte, ist allerdings nicht gesichert. Jedenfalls bietet sich für Foto- und Fernsehkameras natürlich genau die Bilder, die man braucht, um einen Marathonstart entsprechend imposant herüber zu bringen.

Ein wenig trüb werden sie an diesem Tag ausfallen. Denn das Wetter präsentiert sich wie in dieser Region durchaus üblich um diese Jahreszeit eher wolkenverhangen. Sogar etwas Dunst liegt über dem Fluss. Irgendwie ist das sogar deutlich passender als strahlender Sonnenschein, verbindet man mit Venedig doch durchaus oft eine leicht melancholische Stimmung mit nebliger und eher düsterer Witterung.

Bis die letzten Marathonis in der Lagunenstadt angekommen sein werden, können sie diese dann tatsächlich hautnah erleben. Denn zum Nachmittag hin wird es noch ein bisschen trüber werden und dazu schließlich auch noch Nieselregen einsetzen. Zum silbernen Jubiläum ihrer Veranstaltung hätten sich die Organisatoren sicher bessere äußere Bedingungen gewünscht. Zumindest die Temperaturen kommen im Tagesverlauf aber deutlich in den zweistelligen Bereich.

In drei Sprachen – neben Italienisch und Englisch auch auf Deutsch – verkündet der Ansager immer wieder, dass die Kleiderbeutel bis exakt halb neun an den Lastwagen abzugeben seien, die auf der Straße zwischen dem Aufenthaltbereich und den Startblöcken stehen, und auch wie viele Minuten bis dahin noch verbleiben. Das absolut fließende, aber durchaus mundartlich gefärbte Deutsch deutet übrigens darauf hin, dass der Sprecher wohl aus Südtirol stammt.

An der Kirche San Rocco in Dolo hat man gut fünf Kilometer in den Beinen Manche Villa ist ein regelrechtes Schloss mit eigenem Park und eigener Kapelle Mira, das nächste Städtchen an der Strecke, wird nach etwa zehn Kilometern durchlaufen

In vielen weiteren Sprachen ist dies auf handgeschriebenen Zetteln mit genauso handgemalten Nationalflaggen darauf an der als Informationsschalter dienenden kleinen Holzhütte ausgehängt. Und auch im Programmheft wird diese Uhrzeit eindeutig erwähnt. Eigentlich kann niemand behaupten, es sei vorher nicht bekannt gewesen.

Und dennoch bricht – wie fast nicht anders zu erwarten – regelrecht Hektik aus, als der Lasterstart näher rückt, die verkündeten Minutenzahlen einstellig werden. Denn obwohl die Lautsprecheransagen plötzlich immer deutlich an einen Countdown erinnern, geht es im Stau einfach nicht wirklich vorwärts. Südländische Gelassenheit und ein Unterschätzen der Kombination von räumlicher Enge und Entfernung, haben viele deutlich zu lange mit dem Aufbruch aus dem warmen Zelt hinaus warten lassen.

Natürlich – man ist einfach geneigt, es so auszudrücken – schließen die Türen nicht genau um halb neun. Auch zehn Minuten danach werden von den Helfern weiter Kleidertüten der sich davor drängelnden Läufer auf die Ladeflächen geworfen. Und selbst als lautes Hupen dann tatsächlich den nahenden Aufbruch verkündet, haben einige ihren Beutel noch über der Schulter. Doch ohne diesen massiven Druck käme man wohl nie zu einem Ende.

Ähnlich streng soll laut Informationsbroschüre ja auch der Zugang zu den Startblöcken gehandhabt werden. Bis neun Uhr muss man in den fünf mit grün, gelb, blau, rot und violett gekennzeichneten Bereichen angekommen sein, sonst kann man sich nur noch hinten anstellen. Die Startnummern tragen Balken in den gleichen Farben, so dass es für die Ordner eigentlich kaum Probleme gibt, den Überblick zu behalten.

Das Prüfen erfolgt allerdings nicht erst an den "Gabbia" – auf Deutsch recht rustikal mit "Käfig, Verschlag" zu übersetzen – genannten Aufstellungszonen. An einem großen Tor, das alle passieren müssen, wird entsprechend den Farben auseinandersortiert und in unterschiedliche Durchgänge gewunken. Voneinander abgetrennte Laufwege führen von dort zu den einzelnen Startblöcken, wo sogar sicherheitshalber noch einmal kontrolliert wird, damit sich auch wirklich niemand zu weit nach vorne schmuggelt.

Den manchmal doch recht chaotisch verlaufenden Aufstellungen hierzulande, stünde es in einigen Fällen bestimmt gut zu Gesicht, bei diesem System die eine oder andere Anleihe zu machen. Und insbesondere manche Helfer, die sich ja oft einiges anhören müssen, wenn sie einem Läufer, der dort nichts verloren hat, den Zugang zu einer Startgruppe verwehren, wären sicher dankbar.

Die Vorlauf- und Wartezeiten sind alles andere als kurz in – oder genauer gesagt nahe bei – Venedig. Denn obwohl bereits um neun Uhr alle Läufer in ihren "Pferchen" – das auf die Startnummer mit der jeweiligen Zahl ebenfalls aufgedruckte englische "Corral" ist in seiner Übersetzung ja nicht viel zimperlicher als "Gabbia" – stehen sollen, ist der Massenstart erst eine halbe Stunde später angesetzt.

Davor werden allerdings noch die Elitefrauen separat auf die Strecke geschickt. Genauso verfährt man ja auch bei den ganz Großen in Boston, London oder New York. Den schnellen Damen soll damit in einem ganz eigenen Rennen die ihnen gebührende Aufmerksamkeit zu Teil werden, ohne dass sie im Männerfeld untergehen.

Allerdings wird damit bei ihrer doch ziemlich überschaubaren Zahl für sie das Rennen auch schnell recht einsam. Einen Blick auf das kleine Häuflein kann man jedenfalls noch einmal werfen, als die größtenteils afrikanischen Asse am anderen Brenta-Ufer am Feld vorbei nach vorne geführt werden.

Auch vor und hinter Mira stehen am Brentaufer immer wieder Villen und Herrenhäuser unterschiedlichster Größe

Wenn auch die Vorbereitungen recht lange dauern, nach dem Start geht es – vielleicht auch gerade wegen der klaren Einteilung in die unterschiedlichen Startbereiche – recht schnell. Denn trotz gerade einmal zwei auf der Straße vorhanden Fahrspuren, sind auch die Allerletzten nach wenig mehr als fünf Minuten über die Linie und auf der Strecke.

Diese hält sich erst einmal – anfangs auf dem vom Anmarsch schon bekannten Weg – direkt an die Schleifen des Naviglio del Brenta, was gerne etwas missverständlich mit "Brenta-Kanal" ins Deutsche übersetzt wird. Doch eigentlich handelt es sich dabei um das alte Bett des Flusses, der ursprünglich nahe Venedig mündete. Die andere gelegentlich übliche Bezeichnung "Brenta Vecchia" wäre also viel treffender.

Weil sie immer wieder zu viel mitgeschwemmtes Erdreich in die Lagune spülte, die dadurch verlandete, wurde die Brenta nämlich von den Venezianern schon im fünfzehnten Jahrhundert umgeleitet. Nur etwa einen Kilometer von der Villa Pisani entfernt dreht der neue Hauptarm, der nun den größten Teil des Wassers aufnimmt, nach Süden ab, um beim an der Südspitze der Laguna di Venezia gelegenen Städtchen Chioggia direkt in der Adria zu enden.

Mit einigen Schleusen baute man den früheren Flusslauf allerdings zu einem Wasserweg aus, der Venedig mit Padua verband und die beiden Städte auch noch immer verbindet. Immer mehr Landsitze entstanden entlang der dadurch gut erreichbaren "Riviera del Brenta", in denen die venezianische Oberschicht dann oft den ganzen Sommer verbrachte.

Längst ist diese regelrechte Kette von Herrenhäusern zu einer gut vermarkteten touristischen Attraktion der Gegend geworden. Eine Art "Straße der Villen" zieht sich am Ufer entlang. Und große Tafeln vor den Landhäusern geben die jeweiligen Namen an. Schon nach ungefähr einem Kilometer sind die Villa Soranzo und die Villa Recanati Zucconi die ersten beiden einer langen Reihe, die man während des Marathon passiert.

Zwar liegt der Start auf dem Gebiet der Gemeinde Stra, doch läuft man sogleich von ihr weg. So ist dann auch nicht Stra sondern Fiesso d'Artico das Dörfchen, in das man hinein läuft, nachdem sich das Feld bis Kilometer zwei schon ein wenig entzerrt hat. "Fiesso" bedeutet ursprünglich "Biegung" und bezieht sich auf die Schleifen, mit denen sich die Brenta durch die absolut platte Landschaft windet. Den Zusatz "d'Artico" trägt man zu Ehren von Angelo Maria Artico, der für die Planung der Brenta-Umleitung verantwortlich war.

Beifall empfängt die Läufer. Doch ist die Zahl der Zuschauer recht überschaubar. In den folgenden Städtchen wird die Menge am Straßenrand gelegentlich schon deutlich dichter sein. Allerdings sind das – wie bei einem "über die Dörfer" führenden Kurs eigentlich auch nicht anders zu erwarten – nur wenige Publikumsschwerpunkte in den Ortskernen. In den Außenbereichen – und selbst vor einigen der Herrenhäuser – stehen ansonsten nur vereinzelt neugierige Anwohner.

Und wenn es wie hinter Fiesso dann richtig über Land geht, sind die Marathonis jedenfalls weitgehend unter sich. Obwohl die Straße dort noch immer unter "Via Riviera del Brenta" firmiert, hat sie sich dennoch ein wenig vom Wasser entfernt und schneidet auf dem Weg zum Nachbarort Dolo einen Bogen des Flüsschens einfach kerzengerade ab.

An dieser Stelle hat Paolo Donaggio einen etwas längeren Weg. Denn er legt die Strecke von der Villa Pisani nach Venedig nicht an sondern in der Brenta zurück. Zum Jubiläum des Rennens hat sich der gebürtige Venezianer diesen ganz besonderen Marathon ausgedacht. Wäre Donaggio nicht Schwimmer sondern Läufer, würde er übrigens bereits in der Altersklasse M70 starten, was die Aktion noch viel bemerkenswerter macht.

Langstreckenschwimmer Paolo Donaggio läuft nicht nach Venedig sondern legt die Distanz komplett im Wasser zurück

Seit sieben Uhr ist er schon im Wasser. Und selbst wenn seine Strecke am Ende dann doch insgesamt ein wenig kürzer ausfällt als die der Marathonis, wird er wohl bis weit nach deren Zielschluss um 15:30 unterwegs sein. Mehr als zehn Stunden benötigt er. Doch die meisten seiner Altersgenossen hätten wohl sogar an Land mehr Zeit gebraucht.

Einen Blick auf ihn können praktisch alle Marathonis trotzdem werfen. Schließlich verlaufen Fluss und Straße lange genug direkt nebeneinander, um den Langstreckenschwimmer noch rechtzeitig einzuholen, bevor sich die Wege zum gemeinsamen Zielpunkt in Venedig dann irgendwann endgültig trennen.

Donaggio braucht nicht nur eine Eskorte durch Boote und Kajaks sondern eigentlich auch eine besondere Genehmigung. Denn im Normalfall ist das Schwimmen in der Lagune und den Kanälen von Venedig nicht erlaubt. Zwar ist einer der Gründe dafür natürlich der dort herrschende große Betrieb, doch ist eben auch die Wasserqualität alles andere als berauschend.

Die Stadt hat nämlich bis heute keine funktionierende Kanalisation und schon gar keine Kläranlage. Die Abwässer fließen einfach ungereinigt in die Lagune. Und einiges andere landet aus einer gewissen Nachlässigkeit heraus ebenfalls dort. Da schwappt dann auch so manche Plastiktüte oder -flasche in den Wellen der unzähligen Boote durch die venezianischen Verkehrswege.

Nur der regelmäßige und ständige Wasseraustausch, für den die Gezeiten durch die drei kleinen vorhandenen Durchlässe zwischen den vorgelagerten Inseln sorgen, verhindert seit vielen Jahrhunderten, dass die ohnehin nicht gerade saubere Flüssigkeit in den Kanälen endgültig zur übelriechenden, unappetitlichen Brühe wird. Bei genauerem Hinsehen ist eben auch in Venedig manches am Ende bei weitem nicht so romantisch, wie man es sich in seinen Tagträumen vorstellt.

Am Ortstausgang von Mira ist noch einmal ein Zuschauerschwerpunkt Bei Oriago einige Kilometer später ist es trotz schöner Aussicht weit weniger belebt

Schon nach fünf Kilometern eingangs von Dolo hat sich an der Spitze das erwartete Bild eingestellt. Denn hinter den an ihren höheren Startnummern zu erkennenden Hasen Paul Kimaiyo Kimugul und Mubarak Hassan Shami – immerhin selbst 2005 schon Sieger in Venedig und als eingebürgerter Kenianer 2007 Marathon-Vizeweltmeister für Katar – haben sich noch acht weitere Ostafrikaner zum üblichen Duell versammelt.

Peter Kimeli Some, Peter Muriuki Nderitu, Kimeli Paul Samoei, Simon Kamama Mukun und Philemon Kiprono Kemboi stammen nämlich aus Kenia, Beyu Tujuba Megera, Betona Sahle Warga und Haile Diriba Defisse aus Äthiopien. In blanken fünfzehn Minuten rauscht der Hochland-Zug über die Zwischenzeitenmatte.

Schon zwanzig Sekunden dahinter liegend haben die Italiener Danilo Goffi und Migidio Bourifa bei ihrem Kampf um die Landesmeisterschaft mit dem ebenfalls für einen italienischen Club startenden Marokkaner Ahmed Nasef ein Dreiergrüppchen aufgemacht. Rudy Magagnoli hat bereits eine, Said Boudalia gar eineinviertel Minuten auf die hinter den Führungsfahrzeugen her hetzende Meute.

Durch den vorgezogenen Start diesmal sogar ein wenig vor den Herren liegend, haben auch die Frauen nicht wirklich anderes zu bieten. Nur nicht ganz so zahlreich fällt das Ganze aus. Doch mit Lydia Cheromei als Tempomacherin lautet es auch dort Äthiopien mit Dulume Shuru Diriba, Haji Makda Harun und Debele Wudnesh Nega gegen Kenia in der Besetzung Elizabeth Chemweno, Anne Cheptanui Bererwe und Rebby Koech.

Seite an Seite absolvieren dahinter die Russinen Elena Ruhliada und Nina Podnebesnova die Anfangskilometer eine glatte halbe Minute langsamer. Und als erste Italienerin und Führende in der Wertung um die nationale Meisterschaft kommt mit der zehntschnellsten Zeit Marcella Mancini in Dolo durch.

Rund um die manchmal auch zum "Duomo" gemachte Kirche San Rocco herrscht im Ortskern dichtes Gedränge am Straßenrand. Eine der in Italien recht häufig anzutreffenden Fahnenschwinger-Gruppen zeigt zu den Rhythmen des dazugehörenden Trommlerkorps ihre Künste. Es wird die einzige Einlage dieser Art bleiben. Ansonsten besteht die musikalische Unterhaltung an der Strecke eigentlich nur aus Rockbands, die nicht immer wirklich sanft in die Seiten greifen.

Bald darauf werden die sich dicht zusammendrängenden Häuser des kleinen Städtchen jedoch wieder von lose am Flussufer verstreuten venezianischen Villen abgelöst. Die Straße führt wie seit dem Start auch weiterhin die offizielle Bezeichnung "SR11" und das wird bis Kilometer zwanzig auch praktisch durchgängig so bleiben. Doch die Postadresse lautet nun nach dem auffälligsten Bauwerk in diesem Abschnitt "Via Ca' Tron".

Auch das Ca' Tron ist eine der Brenta-Villen, selbst wenn es eine ziemlich dezente Bezeichnung im Namen führt. Bedeutet "Ca'" doch im Venezianischen nichts anderes als das Italienische "Casa" also "Haus". Ungewöhnlich ist das nicht unbedingt. In Centro storico von Venedig nennt sich selbst so mancher große Palazzo in echter oder vielleicht auch nur gespielter Bescheidenheit nicht anders.

Die Piazza Ferretto ist der Höhepunkt des fast zehn Kilometer langen Abschnittes durch Mestre

Mit Endungen haben es die Venezianer ohnehin nicht gerade. Die werden rund um die Lagune durchaus öfter einmal verschluckt. Auch der Canal Grande heißt ja – obwohl er im deutschen Sprachraum meist noch ein eigentlich falsches "e" dazu bekommt – tatsächlich nur "Canal" und nicht etwa "Canale", wie es im Hochitalienischen korrekt wäre.

Und die weiter im Süden der Stiefelhalbinsel so häufigen Vokalkombinationen werden rund um die Lagunenstadt ebenso gerne einmal verkürzt. Dass eines der Sestiere San Polo statt San Paolo heißt, ist da eher noch harmlos. Um aber aus dem Namen der venezianischen Kirche San Zanipolo ableiten zu können, dass sie nach den beiden Heiligen Johannes und Paul benannt ist und es deshalb eigentlich "Santi Giovanni e Paolo" lauten müsste, gehört schon mehr als nur ein bisschen Phantasie und Sprachgefühl.

Doch ist das Venezianisch ohnehin ziemlich weit weg vom Standarditalienischen. Die Unterschiede sind so groß, dass es manchmal sogar als einen Sprache betrachtet und eher der westromanischen Gruppe zugerechnet wird. In manchem ist das "Vèneto", wie die Dialektgruppe genannt wird und das "Venesiàn", der Stadtdialekt von Venedig, tatsächlich dem Französischen oder gar Spanischen ähnlicher.

Die schon genannte "Calle", die man eigentlich nur von der Iberischen und nicht von der Apenninen-Halbinsel kennt, ist da zwar eher exemplarisch und kein wirklicher Beleg. Doch kann man in Venedig unter anderem auch auf Wasserläufe stoßen, die den Namen "Rio" tragen. Allerdings handelt es sich dabei ausgerechnet um die schmalsten Kanäle der Stadt. Und der Plural lautet "Rii" und keineswegs wie auf Spanisch "Rios".

Endgültig verwirrend ist dann allerdings, wenn man im Labyrinth der venezianischen Altstadt wieder einmal einem "Rio Terra" begegnet. Denn der führt keineswegs Wasser, sondern ist fast eine ganz normale Gasse. Ihre einzige Besonderheit besteht darin, dass sie über einen zugeschütteten früheren Kanal verläuft.

Doch schließlich gibt es ja auch andere Gassen, die "Ruga" – wörtlich übersetzt "Falte" oder "Runzel" – heißen. Und mit "Fondamenta" ist nicht etwa – wie eine klassische Übersetzungsfalle vermuten lassen würde – ein Fundament gemeint, es handelt sich vielmehr um eine direkt an einem Kanal entlang laufende Gasse.

Eine "Piscina" meint in der Lagunenstadt im Gegensatz zum Rest von Italien keine Badeanstalt sondern so etwas wie einen "Rio Terra". Nur das man dafür anstelle eines Kanals einen kleinen Teich mit Erde verfüllt hat. Die sonst gewohnten "Via" und "Strada" sind im auch von den Bezeichnungen her recht ungewöhnlichen Stadtpan von Venedig dagegen eigentlich nicht existent.

Das Ca' Tron ist genau wie die einen Kilometer später passierte Villa Ducale zu einem Hotel der gehobenen Preisklasse umgestaltet. Bei einigen weiteren ist man genauso verfahren. An einer ganzen Reihe von entsprechenden Schildern kommt man während des Laufes vorbei. Doch nicht alle Herrensitze sind in wirklich gutem Zustand. Einige der früher prachtvollen Gebäude machen einen eher desolaten Eindruck.

Eine Fußgängerbrücke führt hinüber zum Parco Parco di San Giuliano ... ... wo mit einer großen Schleife Zusatzmeter gemacht werden

Es wird plötzlich laut auf der Brenta. Von hinten tuckert ein Dampfer am Läuferfeld vorbei. Die darauf befindlichen Menschen sorgen mit Tröten und den nach der Fußball-WM in Südafrika bei solchen Gelegenheiten längst unvermeidlichen Vuvuzelas für eine ziemliche Geräuschkulisse.

Doch die vermeintlichen Anfeuerungen für die Marathonis haben eigentlich einen ganz anderen Zweck. Denn bei genauerem Hinsehen zeigen die am Schiff angebrachten Transparente, dass es sich vielmehr um eine Demonstration gegen eine geplante Autobahn handelt, die das Medieninteresse für den Marathon nur nutzt, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen.

Langsam nimmt die Bebauungsdichte wieder zu. Mira, das dritte Städtchen an der Laufstrecke beginnt erst zaghaft mit einzelnen Häusergruppen und sieht dabei auch kaum anders aus als die bisherigen Ortschaften. Aber im Zentrum, das man einen Kilometer später erreicht, wirkt es dann nicht mehr ganz so ländlich, sondern doch schon recht urban.

Dort piept zum zweiten Mal eine Zwischenzeitenmatte. Wenig hat sich an der Spitze verändert. Allerdings ist der Abstand des italienisch-marokkanischen Trios auf die noch immer fast ein Drei-Minuten-Tempo laufende zehnköpfige afrikanische Kopfgruppe bereits auf volle sechzig Sekunden angewachsen. Dazwischen hängt William Chebon Chebor mutterseelenallein zwischen Baum und Borke.

Kaum mehr Spannung bieten die Frauen. Nur dass die beiden Russinnen Podnebesnova und Ruhliada ihren Rückstand mit einer halben Minute bisher noch einigermaßen in Grenzen halten konnten. In der nationalen Wertung hat Marcella Mancini ihre nächste Verfolgerin Laura Giordano auch schon mehr als zweihundert Meter hinter sich gelassen.

Fast direkt vor dem schmalen hohen Turm der Kirche ist in einer Allee die zweite Verpflegungsstelle aufgebaut. Wie eigentlich fast immer in Italien wird das Intervall von fünf Kilometern ziemlich genau eingehalten. Und ebenfalls im Süden üblich ist, dass man Wasser in kleinen Plastikflaschen ausgibt. Erst nach Kilometer zwanzig wird die Auswahl größer werden. Denn dann gibt es auch noch Elektrolytgetränke – dieses allerdings in Bechern – sowie Obst.

Das dichteste Gedränge am Straßenrand herrscht in Mira nicht im Zentrum sondern dort, wo man es fast schon wieder verlassen hat. Der Brentakanal vermeidet eine diesmal ziemlich enge Flussschleife über eine Schleuse. Die Marathonis allerdings laufen den Bogen, dem sich sofort ein zweiter in die Gegenrichtung anschließt, voll aus. Und im Scheitelpunkt der Kurve haben Anwohner ein regelrechtes Straßenfest aufgezogen, das zumindest von der Stimmung her durchaus mit dem am "Dom" von Dolo konkurrieren kann.

Noch eine dritte Flussschlinge, für die man die an dieser Stelle ein wenig abkürzende Hauptstraße kurzzeitig verlässt, um sich weiter an der Brenta Vecchia zu orientieren, folgt, bevor dann wieder zwei fast schnurgerade Kilometer anstehen, mit denen das Anfangsdrittel abgeschlossen und das Mitteldrittel eingeleitet wird.

Oriago ist auf dieser Geraden die nächste Zwischenstation. Ein Dorf, das allerdings keine eigenständige Gemeinde bildet, sondern verwaltungsmäßig als Stadtteil zu Mira gehört. Doch entlang des eher zersiedelten Naviglio del Brenta ist es ohnehin schwer eindeutig abzugrenzen, wo denn nun die eine Ortschaft endet und die nächste beginnt.

Fast vier Kilometer lang ist der Ponte della Libertà zwischen dem Festland und Venedig

Immer wieder einmal flattert vor einem der Häuser eine seltsame Fahne. Denn sie besteht nicht wie praktisch alle anderen aus einem rechtwinkligen Stück Tuch, das bei unterschiedlichen Flaggen höchstens einmal andere vorgegebene Seitenverhältnisse hat. Stattdessen sind an der "normalen" Fahne sechs noch einmal fast genauso lange "Schwänze" angebracht.

Auf roten Grund zeigt sie umgeben von einem Ornament einen gelben – bzw. eigentlich goldenen – geflügelten Löwen, das traditionelle Hoheitszeichen der Seerepublik Venedig und das Symbol des Stadtheiligen, des Evangelisten Markus, dessen vermeintliche Gebeine seit dem Jahr 828 in der Stadt aufbewahrt sind.

Venezianischen Händlern war es gelungen, die Reliquie aus dem damals schon von den Arabern beherrschten Alexandria in ihre Heimat zu bringen. "Translatio" – auf Deutsch etwa "Überführung" – wird diese Aktion in der offiziellen Geschichtsschreibung meist vornehm genannt. Mit ihr bekam die zu jener Zeit aufstrebende Stadt ihre Identifikationsfigur. Von nun an nannte man sich "Serenissima Repubblica di San Marco".

Es gibt allerdings auch deutlich weniger freundliche Begriffe für diese Tat. Schließlich sollen die Knochen von den Venezianern ohne jede Erlaubnis an den moslemischen Zöllnern in einem Schweineschmalzfass, das diese wegen seiner angeblichen Unreinheit nicht anfassen oder gar öffnen durften, vorbei geschmuggelt worden sein.

Eine "Republik des Heiligen Markus" ist Venedig zwar nicht mehr, doch die an alte Herrlichkeit erinnernde Flagge führt die Stadt natürlich auch weiterhin. Die Region Venetien, die mehr oder weniger dem alten Hinterland entspricht hat eine recht ähnliche. Nur flattern an ihr nicht sechs sondern sieben Zipfel. Für jede ihrer sieben Provinzen – wie an den darauf abgebildeten Wappen erkennbar ist – einen.

Sogar in der Fahne der italienischen Marine taucht der Markuslöwe auf. Dort allerdings mit einem Schwert anstelle des sonst üblichen Buches in der Hand. Die italienischen Seestreitkräfte führen ihre Geschichte natürlich gerne auf die venezianische Flotte zurück. Daneben sind allerdings auch die Symbole von Genua, Pisa und Amalfi zu sehen. Drei weitere italienische Städte, mit denen Venedig lange um die Vorherrschaft im Mittelmeerhandel rang, bevor die Markusrepublik im vierzehnten Jahrhundert auch gegen den letzten verbliebenen Konkurrenten aus Genua schließlich die Überhand behielt.

In Oriago gibt es an der Spitze des Rennens noch immer wenig Neues zu berichten. Die Gruppen sind auch weiterhin intakt, nur die Abstände zwischen ihnen wachsen weiter. Einzig Debele Wudnesh Nega hat sich bei den Damen nach hinten verabschiedet und versucht sich nun an den beiden Russinnen zu orientieren. Sie kann das Tempo allerdings nicht lange halten und wird das Ziel in Venedig nicht erreichen.

Erst auf den letzten drei Kilometern läuft man wirklich durch das Zentrum von Venedig, doch dafür geht es dort dann auch Schlag auf Schlag

Und bei den Männern, die anfangs ganz eindeutig Kurs auf eine Zeit unter den bei im Vorjahr gelaufenen 2:08:13 liegenden Streckenrekord genommen hatten, ist es auf den letzten Kilometern ein wenig langsamer geworden. Doch andererseits ist es eigentlich fast unverschämt angesichts von drei Minuten und fünf Sekunden je Kilometer von "langsam" zu sprechen, zumal man noch immer durchaus in die Bereiche der Bestzeit hinein laufen könnte.

Schon in Oriago macht die Bebauung einen deutlich moderneren Eindruck. Immer öfter stehen statt historischer Villen aus dem sechszehnten, siebzehnten oder achtzehnten Jahrhundert Ein- und Mehrfamilienhäuser aus den letzten Jahrzehnten am Straßenrand. Auf dem Weg hinüber nach Malcontenta verstärkt sich dieses Bild sogar noch. Eine kleine Unterführung unter einer Umgehungsstraße hindurch bringt zudem die ersten zwei oder drei Höhenmeter auf einer bisher wahrlich brettebenen Strecke.

Ohne es zu merken ist man auch nach Venedig hinein gelaufen. Denn Malcontenta ist bereits einer jener in die Lagunenstadt eingemeindeten Festlandsvororte. Zumindest jener Teil des Dorfes, der nördlich und östlich der Brenta liegt. Die Häuser südlich und westlich des Flüsschens gehören aufgrund einer etwas ungewöhnlichen Grenzziehung dagegen noch zu Mira.

Auf den letzten Kilometern mag die Zahl der Villen zurück gegangen sein, die neben der Villa Pisani vielleicht wichtigste von ihnen kommt allerdings trotzdem erst jetzt. Die Villa Foscari ist nämlich praktisch der Prototyp all der Herrenhäuser entlang der Brenta. Mit ihrem Säulenportal würde man sie im ersten Moment ins Zeitalter des Klassizismus stecken. In Wahrheit ist sie jedoch zweihundert Jahre älter und stammt aus der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts.

Ihr Erbauer Andrea Palladio, einer der bedeutendsten Architekten der italienischen Renaissance, hat sich nicht nur bei der Villa Foscari an Vorbildern aus der Antike bedient. In späteren Epochen wurden seine Werke dann selbst wieder zum Vorbild. Viele klassizistische Baumeister orientierten sich an ihm. Ganz so falsch war der erste Eindruck dann also doch nicht.

Auch die Villa trägt den Beinamen "la Malcontenta", was übersetzt "die Unzufriedene" bedeutet. Eine gern erzählte Legende besagt, dass der Name von einer hierher verbannten Frau aus der Adelsfamilie Foscari stammen und später auf die umliegende Ortschaft übergegangen sein soll.

Zum Teil ist es am Ufer des Canale della Guidecca ziemlich eng, sogar für Zuschauer bleibt an manchen Stellen kein Platz mehr

Doch ist diese Geschichte wohl eher eine romantische Verklärung. Nüchtern betrachtet kommt die Bezeichnung wohl eher vom in etwa "schlecht zurückhaltend" bedeutenden "male contempta", das die Gegend schon lange vor dem Bau der Villa wegen der dortigen Sümpfe und des regelmäßigen Hochwassers erhielt.

Mit diesem Höhepunkt kurz vor der Zwanzig-Kilometer-Marke endet die Passage entlang des Naviglio del Brenta. Die Villa Foscari war die letzte in der langen Reihe passierter Landhäuser. Denn der Kurs der sich bisher mehr oder weniger in östlicher Richtung orientierte, dreht in Malcontenta nach Norden ab und verlässt den Fluss endgültig.

Und der Bruch nach diesem Schwenk könnte größer kaum sein. Denn hinter dem Örtchen beginnt das Industriegebiet von Marghera. Die nächsten Kilometer absolviert man zwischen optisch ganz sicher wenig ansprechenden Raffinerien, Containerlagerflächen, Werkshallen, Chemie- und Hafenanlagen.

Marghera gilt noch mehr als das ebenfalls eher industriell geprägte Mestre als die "hässliche Schwester" von Venedig. Da in Venedig aufgrund der räumlichen Gegebenheiten die Errichtung eines großen, modernen Hafens nicht möglich war, wich man vor knapp einhundert Jahren aufs Festland aus, wo nach dem Ersten Weltkrieg der Porto Marghera aus dem Boden gestampft wurde.

Rund um den neuen Hafen siedelten sich Industriebetriebe an. Insbesondere Chemiewerke waren darunter. So ist die Comune di Venezia heute vermutlich deren wichtigster Standort in ganz Italien. Zigtausend Arbeitsplätze entstanden und die Festlandsstadtteile zogen nicht nur in ihren Bevölkerungszahlen sondern auch in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung am Centro storico vorbei.

Dass man dabei mit der Umwelt nicht gerade zimperlich umging und so manches an Müll einfach im eigentlich doch so empfindlichen Ökosystem der Lagune landete, war der chemischen Industrie in dieser Zeit ziemlich egal. Wenn es um massive eigene Interessen geht, ist Rücksichtnahme ja zumeist ein ziemliches Fremdwort.

Zumindest die beträchtliche Grundwasserentnahme, die dafür sorgte, dass das ohnehin ständig mit der Bedrohung durch Überflutungen lebende Venedig innerhalb kürzester Zeit um etliche Zentimeter absackte, wurde gestoppt. Und inzwischen errichtete Kläranlagen sorgen dafür, das labile Gleichgewicht nicht noch mehr zu gefährden. Doch ob all die ins Wasser geleiteten und bereits tief im Meersboden fest sitzenden Gifte nicht in der Zukunft noch viel mehr Schaden anrichten als bisher schon, ist weiter unklar.

Mitten in diesem Gelände, dass man als Läufer eigentlich nur so schnell wie irgendwie möglich hinter sich lassen möchte, ist Halbzeit der Maratona di Venezia. Es heißt in diesem Fall tatsächlich "der" und nicht etwa "des". Marathon ist im Italienischen zumindest grammatikalisch nämlich weiblich. Im Feld ist der Frauenanteil mit einem knappen Sechstel allerdings ein wenig niedriger als hierzulande bei Veranstaltungen dieser Größenordnung üblich.

Eigens für den Marathon wird eine Pontonbrücke über den Canal Grande errichtet, von der man deshalb im wahrsten Sinne des Wortes einmalige Ausblicke genießen kann

Doch tritt man ja ohnehin seit längerem auch im eigenen Land unter dem Namen "Venice Marathon" auf. Das klingt einfach internationaler. Allerdings trifft man damit eigentlich nur die englischen Sprachgewohnheiten. Die im Deutschen Venedig genannte Stadt ist für einen Franzosen nämlich "Venise". Und wer mit Spanisch als Muttersprache aufgewachsen ist, kennt es unter "Venecia".

Mit "Venice" spricht man allerdings nicht nur die Briten sondern eben auch den nordamerikanischen Markt an, wo dieser Name einen ganz besonderen Ruf genießt. Falls es einen Amerikaner tatsächlich einmal nach Europa verschlägt, scheint die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch zu sein, dass er auf dieser Reise auch in Venedig landet. Wer ein wenig aufmerksam durch die venezianischen Gassen schlendert, dem kommt jedenfalls überraschend oft amerikanisch gefärbtes Englisch zu Ohren.

Vermutlich dürften viele dieser Besucher allerdings doch recht enttäuscht sein. Gerade sie haben wohl oft andere Vorstellungen. Schließlich macht Venedig an vielen Stellen einen eher traurigen und verfallenen Eindruck. Der große Glanz vergangener Zeiten ist längst verschwunden. Dass fast überall der Putz bröckelt, lässt sich nicht mehr verheimlichen. Venedig hat seine besten Tage sichtbar hinter sich.

Melancholie anstelle von Romantik wäre vielleicht eine viel treffendere Vokabel für die im Centro storico anzutreffende Emotion. "Morbider Charme" wird in solchen Fällen dann immer gerne als elegante Umschreibung für zunehmenden Zerfall eingesetzt. Von der idealisierten – in der Errichtung und Pflege wohl ziemlich teuren, andererseits aber doch eher billigen – Hochglanzkopie, die man im Glücksspielmekka Las Vegas in die Wüste von Nevada gesetzt hat, ist das Original jedenfalls ziemlich weit entfernt.

Angesichts dieses amerikanischen Faibles für die Lagunenstadt ist es am Ende doch überraschend, wie wenige von ihnen sich in den Ergebnislisten des Marathons entdecken lassen. Auf und an der Strecke fallen dann sogar eher die Kanadier ins Auge. Allerdings setzen diese ihr Nationalsymbol Ahornblatt im Ausland ja auch gerne und mit voller Absicht ein, um sich ein wenig abzugrenzen und nicht für US-Amerikaner gehalten zu werden.

Ohnehin hätte man angesichts der touristischen Bedeutung von Venedig im ersten Moment erwartet, dass das Marathonfeld internationaler besetzt ist. Über fünfzig Nationen am Start ist zwar ein beachtlicher Wert, dennoch stammen drei Viertel der Teilnehmer aus Italien. Die Hälfte davon sogar wieder aus Venetien.

Mit jeweils etwa fünf Prozent stellen Franzosen und Briten die stärksten Kontingente. Der Venice Marathon ist trotz seines Namens also keineswegs ein Kunstprodukt, dass sich hauptsächlich an Lauftouristen aus dem Ausland richtet sondern eine auch weiterhin ziemlich italienische Veranstaltung.

Vorbei am Markusplatz mit seinen Sehenswürdigkeiten führt die Strecke einen Kilometer vor dem Ziel.
Von links nach rechts: Dogenpalast, Markusbasilika sowie Campanile und Löwensäule

Die Spitze ist allerdings wie fast überall auf der Welt längst rein afrikanisch. Drei Minuten klaffen inzwischen zwischen der auch weiterhin im Bereich des Kursrekords laufenden Herrenspitze und den schnellsten Italienern Goffi und Bourifa mit ihrem nordafrikanischen Begleiter Nasef. Der wie Bourifa ebenfalls mit marokkanischen Wurzeln ausgestattete Said Boudalia hat als nun Dritter der nationalen Wertung bereits volle fünf.

"Nur" zwei Minuten sind es dagegen für das langsam zerfallende russische Duo bei den Frauen. Allerdings wird die Spitzengruppe, die ebenfalls die bei 2:27:02 stehende Streckenbestzeit noch im Visier hat, langsam kleiner. Denn Rebby Koech ist nach hinten heraus geplatzt und hängt nun wie ihr Landsmann Chebor im Männerrennen als Einzelkämpferin ziemlich in der Luft.

Ein Stück hinter der Halbmarathonmarke nimmt eine breite Allee die Läufer auf. Die hässlichste Passage der Strecke haben sie nun hinter sich. Die folgenden Kilometer durch die Wohngebiete von Marghera und Mestre sind zwar nicht wirklich spektakulär aber zumindest recht grün. Schließlich versuchen die beiden Festlandsstadtteile ihren eher schlechten Ruf loszuwerden und sich mit Parkanlagen und Alleen als Gartenstädte zu etablieren.

Ein langer Fußgängertunnel führt unter dem Bahnhof von Mestre hindurch, der als Durchgangsstation für die nicht in Venedig endenden Zugverbindungen inzwischen "Venezia Santa Lucia" in der Altstadt den Rang abgelaufen hat und als wichtigster Knotenpunkt in Nordostitalien der eigentliche Hauptbahnhof der Stadt ist.

Auch auf der anderen Seite der Unterführung schließt sich erneut eine lange Gerade durch ein Wohngebiet an. Erst als man das Zentrum von Mestre erreicht, wird der Kurs mit einigen kurzen Richtungswechseln wieder etwas winkliger. Zwar kann man in Mestre auch schon auf eine mehr als tausendjährige Geschichte zurückblicken, doch wirkt selbst der Stadtkern mit seinen Kaufhäuser und Bürogebäuden meist ziemlich modern, ja manchmal irgendwie nicht einmal richtig italienisch.

Nach dem ziemlich einsamen Abschnitt im Industriebezirk hat der Zuschauerzuspruch schon seit dem Einschwenken in die Wohnsiedlungen wieder deutlich zugenommen. Im Zentrum von Mestre wird das Spalier dann aber endgültig ziemlich dicht. Während des Überlaufens der Piazza Ferretto entdeckt man jedenfalls keinerlei Lücken hinter den Absperrgittern.

Erstmals überhaupt gehört der Platz, die gute Stube von Mestre, zur Strecke des Marathons von Venedig. Wieso man erst zum Jubiläum auf diese Idee kam, ist irgendwie schon erstaunlich. Denn im doch eher wenig abwechslungsreichen Mittelteil des Rennens stellt er nicht nur stimmungsmäßig sondern auch optisch einen absoluten Höhepunkt dar.

Bereits die überdachte Einkaufszeile, die man kurz vor dem Einbiegen auf die Piazza passiert und die zumindest entfernt an die Mailänder Galleria Vittorio Emanuele erinnert, ist ein Hingucker. Danach öffnet sich eine recht schmale Gasse bei der Kirche San Lorenzo zu einem langgezogenen Platz mit dichtgedrängten Häuserzeilen.

Der Ponte della Paglia am Dogenpalast hat schon eine kleine Rampe ... ... für alle anderen Brücken werden sie zum Marathon erst mit Stahlrohrgerüsten aufgebaut

Am anderen Ende der Piazza lockt der Torre dell'Orologio, der Glockenturm, als Überbleibsel des mittelalterlichen Kastells. Auf ihn scheint der Kurs direkt zuzusteuern. Allerdings werden die Marathonis, kurz bevor sie den Turm erreichen, nach rechts vom Platz herunter geleitet. Wenig später finden sie sich schon wieder auf eine breiten Ausfallstraße, die sie aus Mestre hinaus bringt.

Noch einmal nimmt nach dem Zickzack zweier kurz aufeinander folgenden Schwenks eine baumbestandene Wohnstraße das Marathonfeld auf, bevor man sich bereits Bekanntem nähert. Eine Fußgängerbrücke führt nämlich hinüber zum Parco di San Giuliano, wo man im dort aufgebauten Zelt ja seine Startnummer in Empfang genommen hatte.

Ausgerechnet in dem Moment, in dem eigentlich das Meer erreicht ist, wird die bisher so flache Strecke auf einmal welliger. Denn nicht nur die Brücke erfordert die Überwindung von Höhenmetern. Wenig später gilt es bei der im Park zurück zu legenden weiten Schleife unweit der Dreißig-Kilometer-Marke auch einen kleinen Hügel zu erklimmen.

Ganz langsam zeichnen sich nun, als mit Lydia Cheromei und Mubarak Hassan Shami die letzten Tempomacher ihr Soll erfüllt haben und aussteigen, ganz vorne im Rennen erste Entscheidungen ab. Die schnellsten Männer haben die Frauenspitze inzwischen aufgerollt, doch sind nicht mehr alle in der Kopfgruppe dabei. Die Reihen lichten sich nämlich immer mehr.

Nur noch die Kenianer Peter Muriuki Nderitu, Kimeli Paul Samoei, Simon Kamama Mukun sowie Philemon Kiprono Kemboi streiten mit ihren äthiopischen Rivalen Betona Sahle Warga und Haile Diriba Demisse um den Sieg. Peter Kimeli Some und Beyu Tujuba Megersa verlieren dagegen gerade den Anschluss. Während der Kenianer zumindest als Achter in 2:15:17 durchkommt, beendet der Äthiopier das Rennen wenig später vorzeitig.

Auch Danilo Goffi, der 1995 als letzter Italiener in Venedig siegreich war, bekommt sichtbar immer schwerere Beine, während seine Begleiter Bourifa und Nasef langsam davon ziehen. Der gerade noch siebenunddreißigjährige Sportpolizist – er startet für das Leichtathletikteam der Carabinieri – wird das Ziel in Venedig ebenfalls nicht sehen.

Bei den Frauen sind nach dem Abfallen von Rebby Koech, die sich nun bereits im Visier der Russin Elena Ruhliada befindet, und der beendeten Arbeit von Lydia Cheromei nun nur noch Dulume Shuru Diriba, Haji Makda Harun, Anne Cheptanui Bererwe und Elizabeth Chemweno gemeinsam in Front. Die zweite Russin Nina Podnebesnova hat den Marathon bereits in Mestre aufgegeben und Marcella Mancini ist damit ohne viel eigenes Zutun auf Rang sieben nach vorne gerückt.

Die Runde durch den auf einer Industriebrache neu entstandenen Park endet mit einem Begegnungsstück um einen improvisierten Wendepunkt, das so eigentlich nicht vorgesehen war. Denn eigentlich sollte es erstmals beim Venice Marathon nicht nur über die Piazza Ferretto sondern eben auch über die Piazza San Marco, den Markusplatz, gehen.

Doch kurz vor dem Start konnte die bereits in den Blöcken stehenden Läufer über die Lautsprecher vernehmen, dass dieser Höhepunkt nun leider doch ausfallen müsse, denn die Sicherheit der Teilnehmer gehe eben vor. "Acqua alta" lautete die knappe Begründung, auf Deutsch "Hochwasser".

Hochwasser am Markusplatz ist absolute Routine, die Stege liegen ständig bereit und sind im Bedarfsfall schnell aufgebaut

Schon am Vortag waren auf dem Markusplatz, der eine der tiefstgelegen Stellen der Stadt ist, große Pfützen zu erkennen. Am folgenden Montag wird er nur noch auf schnell aufgebauten Stegen zu passieren sein. Doch liegen diese Plankenwege in Venedig zumindest im Winterhalbjahr ohnehin stets bereit. Denn regelmäßig schwappt um diese Jahreszeit die Lagune immer wieder einmal in die Gassen hinein. Nur wenige Zentimeter mehr als normal reichen schließlich dazu schon aus.

Die Venezianer reagieren deshalb meist recht gelassen, wenn wieder einmal die Sirenen heulen, um ein Acqua alta zu verkünden. An den Eingängen von gefährdeten Häusern und Geschäften werden dann eben einfach Platten in die längst fest montierten Schienen gesteckt. Und die Gummistiefel sind sowieso immer griffbereit. Einheimische erkennt man an solchen Tagen recht leicht daran, dass sie zwar oben herum ziemlich gut angezogen sind, allerdings Stiefel an den Füßen, die Schuhe dagegen in der Hand haben.

In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Hochwasser bedingt durch den Anstieg des Meeresspiegels deutlich erhöht. Dass die Stadt zudem pro Jahr auch weiterhin um etwa einen Millimeter absinkt, verschärft das Problem nur noch. Nach fast endlosen Debatten hat man nun den Bau des sogenannte "MO.S.E"-Systems in Angriff genommen. Nach oben klappende Schleusentore sollen dabei bei auflaufendem Hochwasser die Zugänge zur Lagune verschließen.

Nicht nur die Tatsache, dass damit der regelmäßige und für die Lagune dringend nötige Wasseraustausch behindert wird, ist ein Kritikpunkt. Kaum weniger oft wird von den Skeptikern betont, dass ausgerechnet Ministerpräsident Berlusconi, der das Milliardenprojekt zuletzt massiv voran getrieben hat, mit eigenen Firmen an der Verwirklichung beteiligt ist.

Auch am Marathonsonntag ist also Acqua alta. Eigentlich ist es sogar wenig erstaunlich, dass an diesem Wochenende die Flut ein wenig höher ausfällt. Denn es ist ja Vollmond. Und wie man vielleicht in der Schule gelernt hat, steigt das Wasser an solchen Tagen besonders hoch. Die Veranstalter des Marathons sind nicht nur deshalb natürlich vorbereitet und haben, wie die in der Folge jeweils gleich doppelt auf dem Asphalt markierten Kilometer zeigen, für beide Varianten eine Strecke vermessen lassen.

Acqua alta - Hochwasser: In Venedig reichen dafür schon wenige zusätzliche Zentimeter

Dem Wendepunkt schließt sich die nächste Steigung im Verkehrsgeflecht der Rampen an, mit denen Straßen und Bahnlinien für die lange Brücke vom Festland hinüber zum Centro storico auseinander sortiert und wieder neu zusammen gemischt werden. Mit Kilometer dreiunddreißig endet die Passage auf dem Festland langsam aber sicher. Der Ponte della Libertà läutet das Finale ein.

Seit dem Jahr 1846 gibt es diese Brücke, durch die Venedig zum ersten Mal dauerhaft mit dem Festland verbunden wurde, anfangs allerdings nur für die Eisenbahn. Die Lagunenstadt gehörte damals übrigens keineswegs zu Italien, das ohnehin noch gar nicht als Staat existierte, sondern aus mehreren unterschiedlichen Königreichen, Herzog- und Fürstentümern bestand. Vielmehr regierte zu jener Zeit der Kaiser von Österreich über Venetien.

Nach dem Ende der Republik und dem kurzen Napoleonischen Intermezzo war Venedig mitsamt der Terraferma im Wiener Kongress nämlich dem Habsburgerreich zugeschlagen worden. Erst 1866 nach der österreichischen Niederlage im Krieg gegen Preußen, in den auch das inzwischen neu entstandene Königreich Italien eingriff, wurde Venedig endgültig abgetreten.

Nachdem die Stadt in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts dann mit Mestre politisch vereinigt worden war, entstand der Ponte della Libertà 1933 als zusätzliche Straßenbrücke direkt neben der Eisenbahn. Da diese einzige Verbindung schwerlich vollkommen gekappt werden kann, kommen die Marathonis nun erstmals auf der bislang absolut gesperrten Strecke mit Verkehr in Berührung. Zwei Spuren der autobahnähnlich ausgebauten Brücke sind für die Läufer reserviert. Auf den anderen beiden rollen Autos und Busse.

Fast vier Kilometer immer geradeaus sind in einer so späten Phase eines Marathons natürlich nicht nach jedermanns Geschmack. Zumal selbstverständlich praktisch keinerlei Zuschauer am Streckenrand stehen und sich auch die Aussicht extrem langsam verändert. Am Ende der schier endlosen Geraden übers Wasser taucht die Silhouette Venedigs nur zögerlich aus dem Dunst auf.

Noch immer recht kompakt gehen die Führungsgruppen über die Brücke. Fünf Herren und vier Damen sind in einem der üblichen Ausscheidungsrennen noch beisammen. Nur Philemon Kiprono Kemboi ist auf dem Weg zu Kilometer fünfunddreißig verloren gegangen. Und bei den Frauen hat Elena Ruhliada die schwächelnde Rebby Koech eingesammelt.

Schon mehr als siebenunddreißig Kilometer sind gelaufen, als sich Asphalt und Gleise am Stadtrand von Venedig wieder teilen. Während die Bahn weiter geradeaus die Station Santa Lucia anstrebt, steigt die Straße an, um über die – selten mitgezählte – fünfte Brücke auf die andere Seite des Canal Grande zu gelangen, der eigentlich nichts anderes als ein Mündungsarm der Brenta ist. Irgendwie ist man also fast wieder bei einer alten Bekannten angekommen.

Geradeaus wären es nur noch ein paar Schritte bis zur Piazzale Roma und der dahinter beginnenden Altstadt. Doch der Marathonkurs dreht immer weiter nach rechts weg und steuert statt des Centro storico das Hafengelände an. Noch immer müssen die Läufer auf den krönenden Höhepunkt ihres Rennens warten.

Entlang eines der Becken absolviert man einen weiteren Kilometer, zwischen Lagerhallen umrundet man die Südwestspitze des venezianischen Inselgeflechts. Selbst das Schild mit der "39" und die letzte Verpflegungsstelle werden noch passiert, dann endlich stößt die Strecke wirklich an den Canale della Giudecca, der das Zentrum von der gleichnamigen Inselreihe trennt, vor. Gerade einmal drei Kilometer bleiben für jene Bilder, die man eigentlich von einem Venedig Marathon im Kopf hat. Doch dafür geht es jetzt eben auch Schlag auf Schlag.

Der breite Uferstreifen hinter der Piazza San Marco bietet ausreichend Platz für den Schlussabschnitt des Venedig Marathons

Eine Holzrampe führt die erste jener Brücken hinauf, auf denen nun jene in Venedig so häufigen kleinen Seitenkanäle überquert werden. Um ihre meist relativ steilen Treppen zu vermeiden, lassen die Marathonorganisatoren sie traditionell mit Stahlrohrgerüsten und darauf aufliegenden Brettern überbauen.

Inzwischen bleiben sie auch nach dem Marathon bis zum wiederbelebten Karneval stehen. Als "Accessible Venice" wird diese Aktion verkauft, für deren Präsentation eigens der südafrikanischen Paralympicssieger Oscar Pistorius eingeflogen wurde. Und tatsächlich gibt es durch diese Rampen nun deutlich mehr Regionen der Stadt – allerdings längst nicht alle – die ohne das Überwinden von Treppen zugänglich sind.

Die Carrelli, jene Handkarren mit denen Venedig nach dem Umladen aus den Booten versorgt wird, haben deshalb eine ganz spezielle Bauart. Nach vorne ragen nämlich kleine Stützräder aus ihnen heraus, mit denen man sie die Stufen der unzähligen Brücken besser hinauf hebeln kann. Mit einem Kinderwagen wird ein Spaziergang durch Venedig allerdings zur echten Plackerei. Dass deshalb viele junge Familien die Stadt in Richtung Festland verlassen, ist da sogar nachvollziehbar.

Über die genaue Zahl der Brücken gibt es unterschiedliche Angaben. Es ist sicher aber auch eine Frage der Definition, was man denn dabei so alles mitrechnet. Selbst zu vielen Hauseingängen führt ja zum Teil ein kleines Brückchen. Der Wert vierhundert ist allerdings sicher übertroffen.

Dennoch ist "wir haben hier mehr Brücken als Venedig" gleich in mehreren Städten ein ziemlich beliebter Spruch bei den Fremdenführern. Nüchtern betrachtet ist es für eine Hunderte von Quadratkilometern unfassende Millionenmetropole jedoch nicht allzu unwahrscheinlich, dass man alles zusammen gerechnet den Wert einer Sechzigtausend-Einwohner-Stadt übertrifft.

Ohnehin ist Venedig ein gern genutzter Vergleichsmaßstab, was den Bekanntheitsgrad der Lagunenstadt unterstreicht. Alleine einem halben Dutzend nun wahrlich nicht undeutenden Städten sagt man nach, das "Venedig des Nordens" zu sein. Die Liste der "Kopien" Amsterdam, Brügge, Hamburg, Kopenhagen, Sankt Petersburg und Stockholm reicht dem "Original" jedenfalls wahrlich zur Ehre.

Wie viele Brücken es beim Venedig Marathon noch bis zum Ziel sind, ist allerdings vollkommen klar. Denn diese werden nun einzeln herunter gezählt. Eine "14" steht auf dem Schild, mit dem dieser Countdown beginnt. "Legendär" nennen die Marathonmacher dies vielleicht doch etwas überzogen. Und auch das "No bridge, no fun", das eines der Souvenir-T-Shirts der Veranstaltung ziert, streicht diese im Vergleich zur Gesamtdistanz wohl doch eher unbedeutende Episode, ziemlich heraus.

Wer an der Brücke mit der "13" kurz den Kopf nach links dreht, kann eventuell eine Blick auf die letzte traditionelle Werft werfen, in der das bekannteste und – zumindest in den Augen der Besucher – wohl typischste Verkehrsmittel Venedigs gebaut wird, die Gondel. Acht verschiedene Holzarten werden in diesem "Squero" für ihren Bau verwendet. Jede hat dabei eine spezielle Aufgabe in einem anderen Bootsteil.

Der ganz große Trick bei der Gondel ist allerdings ihre ungewöhnliche Asymmetrie. Die rechte Seite ist rund zwanzig Zentimeter kürzer, wodurch das Boot eine Bogenform bekommt und statt geradeaus immer leicht in eine Richtung zieht. Deshalb ist es vom Gondoliere auch mit nur einem einzigen Ruder zu navigieren.

Früher waren die Bootsführer eher Hungerleider. Inzwischen werden die Lizenzen, wenn sie nicht in der eigenen Familie weiter vererbt werden, für viel Geld gehandelt. Über hundert Euro sind schließlich für eine einstündige Rundfahrt fällig und werden in der Hauptsaison auch zuhauf bezahlt. Im Oktober brummt das Geschäft weit weniger gut. Viele Boote liegen den ganzen Tag an den Stegen und das "Gondola, Gondola", der nach Kundschaft suchenden Gondolieri ist an den Kanalufern nicht zu überhören.

Kurz vor dem Ziel haben nicht mehr alle noch Augen für die Stucky-Mühle ... ... oder die Kirche San Giorgio Maggiore auf der gleichnamigen Insel

Es gibt jedoch noch einen günstigeren Weg zumindest für eine kurze Fahrt in eine Gondel einzusteigen. Denn an mehreren Stellen gibt es sogenannte Traghetti, zu denen im Gassengewirr auch immer wieder Schilder zeigen. Diese Gondelfähren überqueren den Canal Grande, um die zum Teil doch recht weiten Umwege über die wenigen Brücken zu ersparen. Jeder Gondoliere ist verpflichtet, gelegentlich diesen Pendeldienst zu übernehmen.

Der anfangs breite Uferweg, der Fondamenta, wird zunehmend schmaler. Er führt entlang des Sestiere Dorsoduro, das durchaus ein wenig etwas besonderes ist. Hauptsächlich aus geologischer Sicht, besteht es im Kern doch aus einem ziemlich festen Untergrund und nicht wie der Rest der Stadt aus losem Schwemmland. Dorsoduro lässt sich dann auch ungefähr mit "fester Rücken" übersetzen.

Um der Stadt Halt zu geben, sind all ihre Bauwerke auf Holzpfählen errichtet, die dicht an dicht ins Erdreich gerammt wurden. In einigen der "Venedigs des Nordens" hat man übrigens tatsächlich auf die gleiche Methode zurück gegriffen. Alleine für die Kirche Santa Maria della Salute, deren Rückseite man nahe Kilometer vierzig passiert, sind angeblich über eine Million Stämme verbaut.

Darüber wurden dann – noch immer im Wasser, da das Holz bei Kontakt mit der Luft beginnen würde zu faulen – mehrere Schichten Bretter als Untergrund gelegt. Erst dann begann man mit dem eigentlichen Mauerwerk. Um den Druck gering zu halten, selbstverständlich aus möglichst leichten Ziegeln. Dennoch wirken natürlich enorme Kräfte und vielen leicht schiefen Bauten sieht man an, wie der Boden unter ihnen gearbeitet hat.

Die größte Gefahr ist allerdings nicht die sich stets ein wenig bewegende Unterlage. Die Gefahr sind vielmehr die Venezianer selbst, genauer gesagt ihre unzähligen Motorboote. Denn diese erzeugen einen ungleich stärkeren Wellenschlag als die Gondeln vergangener Tage. Durch diesen sogenannten "Moto ondoso" werden die Gebäude massiv angegriffen. Denn dadurch wird erst der Mörtel, schließlich aber ganze Steine aus dem unter der Wasserlinie liegenden Fundament heraus gelöst.

Die Gefahr ist zwar inzwischen erkannt. Und nach langen Debatten hat man ein Tempolimit auf den Kanälen eingeführt, das auch überwacht wird und bei dessen Übertretung saftige Strafen fällig sind. Doch die Zahl der Boote wächst weiterhin und alleine dadurch entstehen immer größere Schäden.

Immer enger wird die Laufstrecke, die nun fast direkt an der Wasserkante entlang führt. Für Zuschauer ist auf diesem nur wenige Meter breiten Streifen kein Platz mehr. Schon alleine diese Passage macht das Teilnehmerlimit des Venice Marathons durchaus erklärbar. Viel mehr Menschen wird man dort kaum noch hindurch bekommen.

An einer Landspitze, der Punta della Dogana, endet der Uferweg. Dort treffen sich Canal Grande und Canale – hier wird tatsächlich die italienische Variante mit dem "e" bevorzugt – della Giudecca. Im Normalfall müsste man nun wieder zurück um den "Großen Kanal" an der Akademiebrücke zu queren.

Doch eigens für den Marathon wird von dieser Stelle eine Pontobrücke hinüber zum Sestiere San Marco geschlagen. Und diese bleibt wirklich nur einen Tag und auch einzig und allein für die Läufer offen. Noch am Vortag lag sie in mehreren Teilen am Ufer. Und am nächsten Tag ist sie schon wieder verschwunden.

Vierzehn Brücken, kleine und große, muss man auf den letzten Metern durch Venedig überwinden

Doch auch mit Schiffsbrücken kennen sich die Venezianer aus. Jedes Jahr wird zum Beispiel am 21. November für eine traditionelle Dankesprozession zur Rettung vor einer Pestepidemie im Jahr 1630 zwischen den Kirchen Santa Maria del Giglio und Santa Maria della Salute ebenfalls eine Überführung errichtet.

Nur noch knappe zwei Kilometer sind es von dieser mit der Nummer acht versehenen Brücke bis zum Ziel. Und zumindest bei den Damen ist nun tatsächlich eine Entscheidung gefallen. Haji Makda Harun hat sich endgültig vom Rest der Konkurrenz gelöst. In 2:28:08 wird die Äthiopierin am Ende einen noch ziemlich deutlichen Sieg davon tragen, denn erst nach 2:29:21 wird Elizabeth Chemweno als Zweite folgen.

Anne Cheptanui Bererwe lässt noch mehr Federn und landet nach 2:31:36 auf Rang vier. Doch nicht etwa die Vierte der Spitzengruppe Dulume Shuru Diriba kommt vor ihr ein. Die Äthiopierin steigt nämlich noch aus. Es ist Elena Ruhliada, von der die völlig einbrechende Kenianerin am Ende noch abgefangen und vom Treppchen verdrängt wird. Fast zwei Minuten nimmt die 2:30:41 laufende Russin der Ostafrikanerin dabei nur auf den letzten beiden Kilometern ab.

Rebby Koech wird in 2:33:48 Fünfte. Und mit der sechstschnellsten Zeit von 2:37:23 sichert sich die praktisch das gesamte Rennen alleine laufende Marcella Mancini die italienische Meisterschaft vor Melissa Peretti (2:39:23) und Laura Giordano (2:40:36). Auch in Italien reichen im internationalen Vergleich nicht unbedingt herausragende Leistungen oft für den Titel.

Praktisch direkt auf den fast einhundert Meter hohen Campanile führt die Brücke zu. Auch von See her war er früher den anfahrenden Schiffen eine weithin sichtbare Orientierungsmarke. Zusammen mit dem Dogenpalast und der Basilika San Marco ist er eines der klassischen Postkartenmotive der Piazza San Marco, auf die das Marathonfeld nun nur noch einen kurzen Blick im Vorbeilaufen erhaschen kann.

Nur dieser eine Platz trägt in Venedig den Namen "Piazza". Daneben gibt es nur noch die Piazzale Roma, das "Romplätzchen". Alle anderen Freiflächen heißen dagegen "Campo", also "Feld". Vermutlich weil es lange dauerte, bis sie mit einem Pflaster versehen wurden, während der Markusplatz als Sitz des Stadtregenten, des Dogen, und Heimat der in der Markuskirche ruhenden Gebeine des Stadtheiligen ein solches längst hatte.

Am Uhrenturm, der einen Teil der Nordseite des Platzes einnimmt, taucht dessen Symbol, der geflügelte Löwe, genauso auf wie auf einer Säule vor dem Palazzo Ducale. Immerhin steht auf einer zweiten Säule daneben auch dessen fast in Vergessenheit geratener Vorgänger Theodorus.

Zwischen den beiden Säulen auf der sogenannten Piazetta zwischen Dogenpalast und Biblioteca Marciana geht kein Venezianer gerne durch, die abergläubischen unter ihnen schon gar nicht. Schließlich fand sich dort einst der Platz für öffentliche Hinrichtungen. Und durch die beiden einzigen roten Säulen am ansonsten komplett mit Marmor verkleideten Palazzo des gewählten Stadtfürsten wurden diese Urteile verkündet.

Die legendäre Seufzerbrücke hinter dem Palast, über die man die so Verurteilten brachte, können weder Marathonis noch die Touristen in ihrer vollen Schönheit betrachten. Zwar ist der Ponte della Paglia, von der man den besten Blick auf sie hat, in die Strecke eingebaut und sogar die einzige der vierzehn Brücken, die nicht mit Rampen versehen werden muss, weil sie relativ flach ist und sogar schon welche hat.

Sonntags läuft man noch ins Ziel an der Riva dei Sette Martiri ... ... am Montagmorgen werden alle Aufbauten bereits wieder mit dem Schiff abtransportiert

Doch ist des "Ponte dei Sospiri" zum Teil von den Planen, hinter denen der Dogenpalast auf dieser Seite restauriert wird, bedeckt. Ausgerechnet das Jubiläum des Venedig Marathons bietet den Fotografen nicht nur eher durchwachsenes Wetter sondern auch einige Motive weniger als erhofft.

Selbst wenn die Gegend um die Rialtobrücke mit ihren Märkten das kommerzielle Zentrum Venedigs war und noch immer ist, rund um den Markusplatz ist nicht das politische sondern auch das kulturelle Gegenstück. Neben der Markusbibliothek finden sich dort gleich mehrere Museen, wie zum Beispiel das für Stadtgeschichte und das für Archäologie.

Und nur wenige Meter entfernt steht versteckt und unscheinbar mitten im Gassengewirr das Opernhaus "La Fenice", das neben der Mailänder Scala vielleicht das bedeutendste in ganz Italien ist. Seinen Namen "Phoenix" erhielt es, weil es nachdem sein Vorgänger im achtzehnten Jahrhundert abgebrannt war, an gleicher Stelle wiederaufgebaut wurde. Noch zweimal – zuletzt 1996 – wurde das Gebäude ein Opfer der Flammen. Und es entstand jedes Mal wieder neu aus den Ruinen. Seinen Namen, trägt es wohl wirklich zurecht.

Mit Gioachino Rossigni und Giuseppe Verdi wirkten zwei der wichtigsten italienischen Opernkomponisten in Venedig, etliche ihrer Opern wurden im Phoenix uraufgeführt. Und gerade Verdi hat für die Venezianer eine besondere Bedeutung, stammt doch eines der bekanntesten Lieder, das die Gondolieri auf Wunsch noch heute trällern, aus seiner Feder. "La donna è mobile, qual piuma al vento" lauten dessen Anfangszeilen.

Vor der Premiere seiner Oper Rigoletto hielt der Komponist, der sich der Eingängigkeit dieser Melodie sicher war und fürchtete sie würde viel zu früh überall in Umlauf sein, diese mit voller Absicht selbst vor seinen Künstlern zurück. Sogar bei der Generalprobe rückte er sie nicht heraus, so dass kaum noch Zeit blieb, das Stück einzustudieren. Erst als alle Beteiligten zusicherten, es bis zur Uraufführung weder zu singen noch zu summen, erhielten sie endlich die Noten.

Verdi hatte natürlich recht. Schon am Tag nach der Premiere war das Lied überall auf den Kanälen zu hören. Wobei die fröhliche Melodie eigentlich so gar nicht zum Text passen will, kann man diesen doch mit "Die Frau ist launisch, wie eine Feder im Wind, leicht ändern sich ihr Wort und ihre Meinung, ein anmutiges, hübsches Gesicht, doch egal ob weinend oder lachend, es ist verlogen, unglücklich wird, wer sich auf sie verlässt, wer ihr unbedacht sein Herz anvertraut" übersetzen. Ob den Pärchen in der Gondel überhaupt klar ist, was ihr Bootslenker da gerade für sie singt?

Andererseits ist auch die vermutlich absolute Nummer eins der venezianischen Gondelhitparade ein ziemlicher Fehlgriff. Geht es doch bei "'O sole mio" keineswegs um die Sonne über der Lagune von Venedig, sondern vielmehr um die im Golf von Neapel.

Brücke um Brücke, Rampe um Rampe geht es dem Ziel entgegen. Und auch bei den Männern zeichnet sich eine endgültige Entscheidung ab. Schließlich haben sich inzwischen Simon Kamama Mukun und Betona Sahle Warga ein Stück weit von ihren Begleitern abgesetzt und stürmen Seite an Seite über den letzten Kilometer.

Eine drei zeigt das Schild an der Brücke, als der Äthiopier im Gefälle auf einem vielleicht etwas zu glatten Brett plötzlich wegrutscht und stürzt. Der verdutzte Mukun ist plötzlich alleine vorne und hat so keine Mühe mehr, das Rennen in 2:09:35 nach Hause zu bringen. Betona Sahle Warga rappelt sich schnell wieder hoch und sichert sich nach 2:09:48 zumindest noch Rang zwei.

Die Reihenfolge Kenia vor Äthiopien bleibt auch bei den nächsten beiden Plätzen erhalten, die an Peter Muriuki Nderitu (2:10:52) und Haile Diriba Defisse (2:12:21) gehen. Hinter Philemon Kiprono Kemboi mit 2:12:45 und dem 2:14:19 laufenden Kimeli Paul Samoei läuft Ahmed Nasef in 2:14:52 auf Rang sieben.

Durch eine 2:15:18 kann sich Migidio Bourifa nicht nur Rang neun sondern vor allem die italienische Meisterschaft sichern. Erst mehr als drei Minuten später folgt nach 2:18:44 mit Said Boudalia der nächste Italiener. Und dass 2:20:55 Giancarlo Simion für Rang drei in der nationalen Wertung reichen, gibt den Kommentatoren in Fernsehen und Zeitung doch sehr zu denken. Vielleicht sollten sie einmal in andere Länder schauen. Denn fast überall in Europa reichen solche Zeiten inzwischen längst wieder zum Titel.

Auf den breiten, nun nicht Fondamenta sondern Riva genannten Uferstücken des letzten Kilometers können die Läufer den verdienten Applaus in Empang nehmen. Die besonders weite und vor allem nicht von einer Brücke unterbrochene Riva dei Sette Martiri am Ansatz der "Schwanzflosse" dient als Zieleinlauf.

Vom Ponte dell' Academia hat man vielleicht den besten Ausblick auf den Canal Grande, ... ... der in der Abenddämmerung besonders stimmungsvoll ist

Mit ein wenig Zusammenrücken kann man dort eine komplette Infrastruktur platzieren. Neben Tribünen auch Zelte für Kleiderbeutelausgabe, Umkleide, Sanitätsdienst und Verpflegung. Was schon im Normalfall eine gewisse Organisation benötigt, ist in Venedig doppelt schwer. Denn wer am Montag noch einmal auf der Riva entlang spaziert und sieht, wie das gesamte Material bereits wieder auf Schiffe verladen wird, erkennt die logistische Meisterleistung, die dahintersteckt.

Alleine wie man fast siebentausend Kleiderbeutel in der Kürze der Zeit vom Lastwagen erst auf Schiffe um- und dann am Ziel wieder auslädt, bedarf einer ziemlich exakten Planung. Und bei genauerer Betrachtung werden so auch die langen Vorlaufzeiten am Start viel besser erklärbar. Die Italiener mögen inzwischen im Laufsport zwar nicht mehr ganz vorne in der Weltelite mitmischen. Doch dass sie eine Großveranstaltung wie die in Venedig abwickeln können, haben sie nun ein Vierteljahrhundert lang ausreichend belegt.

Auch wenn viele das nicht wirklich glauben wollen, man kann also doch in Venedig Marathon laufen. Oder zumindest kann man in Venedig durch ein Marathonziel laufen. Ob man es auch wirklich muss, steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt. Für einen gerade einmal drei Kilometer langen sportlichen Ausflug in der Lagunenstadt ist der Anlauf jedenfalls ziemlich weit.

Vielleicht ist der Venice Marathon – abgesehen von einigen winzigen Details wie den Brückenrampen – nicht wirklich einzigartig im weltweiten Laufzirkus. Die Wasserstadt Venedig ist es – einzigartig – jedoch auf jeden Fall. Ansehen kann man sie sich deshalb ja durchaus einmal, ganz egal ob mit oder ohne den zweiundvierzig Kilometer langen Lauf über Land und übers Wasser.

Bericht und Fotos von Ralf Klink

Ergebnisse und Infos www.venicemarathon.it

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