Val d'Isere - Ice Trail Tarentaise (16.7.13)

65 Kilometer in luftiger Höhe

von Oliver Binz

Es gibt ja viele schöne Läufe, es gibt anstrengende Läufe und es gibt extrem außergewöhnliche Läufe. Wer sich beim ITT Icetrailtarentaise in Val d'Isere durchringt zu laufen, hat das außerordentliche Vergnügen etwas wahrlich Besonderes zu bekommen. Lächerliche 70,- Euro Startgeld für eine Handvoll ewig bleibende Erinnerungen. Na gut, ein wenig trainiert sollte man haben. Man sollte auch nicht eine Sekunde glauben, 65km sind irgendwie zu schaffen. +/- (!) 5000 Höhenmeter auf 65km (!!) ist schon eine weitere Hürde. Schwieriger wird es, wenn diese Einheit fast durchweg zwischen der luftigen Höhe von 2500 bis 3000mtr zu absolvieren ist.

Nichts für reine Asphalt-Cowboys:
Berglauf & Trail-Run im LaufReport HIER

Der ITT hält alles was er verspricht: der höchste Lauf in Europa, der höchste Gipfel während einem Lauf in Europa (Grande Motte 3653mtr), 5 Pässe an die 3000mtr, der höchste zu passierende Tunnel auf 3000mtr, Überquerung eines Gletschers, 70° Kletterpassage auf 3500mtr, Pulsschlag jenseits von Gut und Böse. Auch wenn dies kaum noch zu toppen ist, kommen dieses Jahr noch die unglaublichen Schneemengen ab 2300mtr dazu. Laut Veranstalter waren über 60% der Strecken mit Schnee bedeckt. Schneeketten-Pflicht auf dem Gletscher, rasende Downhills über tiefe oder vereiste Schneefelder und ein eisenhartes Zeitlimit für die Teilnehmer.

Hier war ich richtig! Ohne im Vorfeld zu wissen, was wirklich auf mich zukommt. Zahlen, Streckenprofile, Versprechungen…. was soll das alles, spüren muss man es, denke ich mir. Zudem kommt noch, dass dieses Jahr die Weltelite beim ITT startet, da dieser Lauf ein Teil der Skyrunner World Series ist. Cool, die Rennen in einer anderen Liga, ich kontrolliere das Feld von hinten, so versprach ich es dem zweiten von zwei Deutschen Philipp Reiter. Ich kann es schon mal vorweg nehmen: der Zauberlehrling, das German-Wunderkind kam auf Platz 3. Respekt.

Oliver Binz mit Philipp Reiter (links)
Beim Briefing in Val d'Isere Favorit und Sieger des Ice Trail Tarentaise 2013, der Spanier Kilian Jornet Burgada

4:00 Uhr Start in Val d'Isere

Der Morgen begann mit einem kernigen Aufstieg mit ca. 2000 Höhenmeter über 12-13 Kilometer. Der Aufstieg über die geröllhaltige Serpentinen wurde plötzlich kollektiv gestoppt, als die Gletscherzunge erreicht wurde: allgemeines Schneeketten (Yaktraks)-Anziehen und ab in die Winterlandschaft. Auf bestens präparierten, eisigen Skipisten ging es stetig bergauf. Das Herz pocht ab 2500mtr, der Puls rast ab 3000mtr, der Puls hämmert ab 3500mtr. Zum Glück staut es sich beim Erklimmen der 70° Steilwand und ich kann mich erholen.

Beim Start um 4:00 Uhr in Val d'Isere Zunächst Richtung Tignes herrscht noch Dämmerlicht

Zeit zum Umschauen. Unter mir: tiefer Abgrund; rechts und links von mir: Schnee und Sicherungsseile; über mir: ein paar Läufer und der Gipfel. Oben- Durchschnaufen. Wow. Ich stehe auf 3653mtr Höhe, die Fernsicht beträgt bei strahlend blauem Himmel tausende Kilometer, schneebedeckte Gipfel neben mir, unter mir und da drüber der Mont Blanc. Ach du meine Güte, was für ein Klotz. Ein Riese. 2011 war ich da drüben, um das Massiv unterwegs. Gänsehaut überkommt mich. Es ist 8:oo Uhr, 4 Std für 20 km. Was ist das schön hier oben, ich will eigentlich gar nicht weg.

Verpflegungsposten in luftigen Höhen

Auf 3000mtr ziehe ich mich komplett um, da es mir in den Winterklamotten viel zu heiß ist. Kurze Hose, T-Shirt, und ab zum Col de Fresse. Die 2.Verpflegungsstelle wird zum Sündenbock. Eistee und Riegel erzeugen keine Energie- sie entziehen sie mir. Mir wird hundeelend, mein Magen dreht sich permanent und alle Kraft ist weg. Der Weg zur 3.Verpflegungsstelle wird verdammt lang, grausam, ernst... Ich habe das Gefühl zu verdursten, da nichts mehr an mich ran geht. Kein Essen, kein Trinken. Quälende 3 Std für ca. 10km bis zur rettenden Oase beim Refuge Fond des Fours. Von der Strecke bekomme ich weniger mit - die aufgenommenen Bilder zeigen mir zum Glück später die Strecke wieder.

Die Schwedin Tina Emelie Orsberg beim Aufstieg zum Grand Motte und zum Sieg des Ice Trail Tarentaise 2013

Cola, immer wieder Cola. Ich weiß nicht warum, aber es hilft. Cola intravenös plus ein wenig Nudelsuppe hauchen mir alle Lebensgeister wieder ein. 12:30 Uhr, nach 8,5 Std bin ich wieder mit Volldampf da. 40km sind hinter mir, noch 25km vor mir. Immer wieder werden die kräftezehrenden Anstiege auf die 3000er Pässe mit rasenden Downhills im Tiefschnee belohnt. Full-Speed mit hohem Risiko runter, anstatt auf dem Hosenboden oder zögerlich mit diversen Stürzen wie viele andere Teilnehmer. Der KM48 wird mit dem Col de L'Iseran belohnt. Der höchste befahrbare Pass in den Alpen auf 2770 mtr. Treffen mit meinem Bruder Alex, Schuhwechsel und wieder 1000mtr Höhe gewinnen zum Aiguille Pers (3386mtr).

Aufstieg zum Grand Motte

Der Anstieg zieht nun aber richtig rein. Ab 3000mtr ist der Puls jenseits der Schallmauer, die Schneefelder lassen auf der Sonnenseite nach, der Untergrund ist felsig, brüchig, rutschig, scharfkantig, eben nur fies. Links von mir ist der Abgrund mit über 1000mtr Tiefe, rechts von mir rauschen die Gipfelstürmer wieder runter. Anschlag oben, Zeitcheck und ab nach unten. Auf 3200mtr, bei gefühlten 45°Neigung, beim wiederholten Full-Speed-Downhill versinkt mein rechtes Bein plötzlich bis zur Hüfte im Schnee.

Grand Motte - auf dem Gipfel in 3.700 m Höhe

Keine Chance mehr zu stoppen. Freiflug nach vorne - bäuchlings geht's rasend schnell mit dem Gesicht im Schnee, alle viere ausgebreitet nach unten. Nach 20mtr kann ich zum Glück stoppen. Der Schaden hält sich in Grenzen. Durchschnaufen. Weiter abwärts zur 5. und letzten Verpflegung. 500mtr abwärts in 15min - die Oberschenkel glühen.

Col d´Iseran

Nach VP5 geht es im letzten Schneefeld am Nordhang nochmals 300mtr hoch zur sagenhaften Tunneldurchquerung auf 3000mtr. Der Tunnel spuckt uns nach 80mtr wieder aus. Der Blick auf Val d'Isere verrät das Ziel, aber der Weg ist noch wahrlich nicht gemeistert. 1300mtr konstanter Downhill auf den letzten 7 Kilometern werde ich noch tagelang spüren, aber während dem Lauf waren die Gedanken an die Tage danach egal. Handbremse auf und ab, dem Ziel entgegen. Gänsehaut pur, gegenüber liegt der Grande Motte, der erste Berg von heute Morgen, hinter ihm die Sonne, links in der Bergkette Col de Fresse, Col de Rocheure von heute Mittag, rechts unten, traumhaft, der tiefblaue Stausee bei Val d'Isere.

Es wird auch "Downhill" gelaufen im Skigebiet um Val d'Isere Zurück nach 65km und 5000 Höhenmetern in Val d'Isere auf 1800 Metern Höhe
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Es geht staubig und heiß parallel der Sessellift-Anlage Grip-Fordernd granatenmäßig steil bergab, und schneller als erwartet zum Ziel. Die Oberschenkel sind hinüber, aber die Uhr bleibt deutlich unter 14 Std für mich stehen. Herzliche Umarmung mit Alex, Glücksgefühle pur, kein Finisher-Bier, aber der sofortige Wille, hier wieder starten zu wollen. Dieses schnelle Resümee hat man nicht alle Tage bei unseren Läufen. Das kommt immer erst am nächsten Tag.

Fazit: Das Ding hier in Val d'Isere ist der absolute Hammer und zu 100% als Tagesrennen zu empfehlen. Wie vergehen nur die nächsten 11 Monate am schnellsten???

Laufzeit: 13:41 Std:min; Platz 129 (AK Platz 27) - ca. 520 Teilnehmern - 262 Finisher

Bericht von Oliver Binz - www.binz-online.com
Fotos von Alexander und Oliver Binz

Info & Ergebnisse www.icetrailtarentaise.fr

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