02. & 03.10.14 - 6. Ultra Trail Atlas Toubkal - UTAT

Trailauf durch eine berauschende Hochgebirgslandschaft

von Stefan Schlett

Zugegeben, der Begriff ist ein wenig lang und umständlich. Deshalb nennen wir die Veranstaltung im Hohen Atlas in Marokko der Einfachheit halber UTAT. Zum sechsten Mal fand dieser feine Traillauf in der Region um den Toubkal statt, der mit 4167 Metern nicht nur der höchste Berg des Landes ist, sondern auch die höchste Erhebung in Nordafrika. Die Premiere startete mit 47 Pionieren und entwickelte sich rasant mit sensationellen Steigerungsraten. 200 Teilnehmer waren es bei der 4. Austragung und im Jahr darauf wurden bereits 500 Trailläufer gezählt.

Letzten Oktober musste die Veranstaltung erstmals einen Dämpfer hinnehmen. Wegen Terrorwarnungen (im Nachbarland Algerien wurde ein französischer Staatsbürger von islamistischen Terroristen hingerichtet) und einem Pilotenstreik bei der Air France, blieben alleine rund 100 angemeldete Franzosen dem Rennen fern. Letztendlich fanden sich 342 Teilnehmer aus 14 Ländern ein.

Nichts für reine Asphalt-Cowboys:
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Der Hauptlauf ging über 105 km und 6500 Meter im Auf- und Abstieg, der Marathon hatte 2600 Höhenmeter. Beide Läufe wurden zusammen gestartet, tags darauf gab es noch einen Lauf über 26 km und 1400 Höhenmeter. Sämtliche Strecken lagen fast ausschließlich auf Höhen über 2000 Meter und es mussten mehrere 3000 Meter hohe Pässe überquert werden. Anspruchvolles Terrain also, das erfahrenen Berg- und Trailläufern vorbehalten war. Als 4. Kategorie gab es noch das "Challenge", eine Kombinationswertung aus Marathon und 26 km-Lauf. Die Genießer (so auch der Autor) entschieden sich für Letzteres. Zwei Läufe bei Tageslicht mit entsprechender Erholungspause dazwischen waren vom Preis-Leistungsverhältnis die optimale Ausbeute. Währenddessen mussten sich die meisten Ultras eine für diese Höhen typische, bitterkalte Nacht um die Ohren schlagen und bekamen so von den gigantischen Landschaften des Atlasgebirges nur einen Teil zu sehen.

Nach der Ankunft im 30° C heißen Marrakesch (Höhe 468 m) brachte ein Shuttlebus der Organisation die Läufer auf abenteuerlicher Fahrt über enge Bergpisten direkt ins Herz des Atlasgebirges. 1 ½ Stunden später und 80 km weiter südlich Ankunft in Oukaimeden, Marokkos bekanntestem Skiresort, Höhe 2620 m. Es war schon dunkel und ein Sternenhimmel überspannte das Firmament, wie es ihn nur im Hochgebirge gibt. Die klare, kalte Bergluft war eine Wohltat für zivilisationsgeschädigte Lungen. Was für ein Empfang, welch ein Kontrast, was für eine Stimmung - Halleluja!

Ein großes Chalet des CAF (Club Alpin Francais) diente als Hauptquartier für den UTAT. Auf der Almwiese davor ein großes Zeltlager mit hell erleuchtetem Kantinenzelt und - etwas abseits davon - den Schlafzelten. Im Startgeld von 350 Euro waren Transfers, Zeltunterkunft und vier Tage Halbpension enthalten. Für einen kleinen Aufpreis gab es auch Unterkunft im Massenlager des CAF. Einheimische Teilnehmer kommen in den Genuss eines reduzierten Startgeldes, was den Event auch für Marokkaner sehr attraktiv macht, deren Anzahl von Jahr zu Jahr steigt. Die Masse der Teilnehmer kam traditionell aus Frankreich - die Extremsportnation Nummer Eins in der Welt. Von hier stammt auch der Organisator und Gründer des UTAT, Cyrille Sismondini, der allerdings seit 7 Jahren in Marokko lebt. Dadurch war es ihm möglich ein entsprechendes Netzwerk aufzubauen, um diesen Lauf optimal zu organisieren. Marokko stellte mit rund 100 Teilnehmern die Zweitstärkste Nation. Deutschland war mit 18 Aktiven präsent, die Schweiz stellte 7 und Österreich 6 Teilnehmer.

Eine knackig kalte, sternenklare Halbmondnacht brachte zunächst einmal Ernüchterung in das Matratzenlager. Dafür kam dann am nächsten morgen eine berauschende Hochgebirgslandschaft zum Vorschein. Für den Autor gab es kein Halten mehr, die Ruhe vor dem Sturm eignete sich hervorragend zu einer Akklimatisationstour. Da die Ausgangshöhe hier schon fast Zugspitzniveau erreichte, war ein Dreitausender schnell bestiegen. Vom Gipfel eröffnete sich ein genialer Rundblick, über die Ebene im Norden bis zu einer Reihe schneebedeckter Berge in unmittelbarer Umgebung. Darunter auch der Toubkal, ein "alter Freund", den ich vor Jahrzehnten bereits zweimal besteigen konnte. Das Atlasgebirge erstreckt sich etwa 2300 Kilometer weit über die drei Maghreb-Staaten Marokko, Algerien und Tunesien und bildet eine markante Scheidelinie zwischen dem feuchten Klima des äußersten Nordens Westafrikas und der extrem trockenen Sahara. Grundsätzlich herrscht ein mediterranes Klima. Die Sommer sind daher recht heiß, während es im Winter aufgrund der Höhe zu starken Schneefällen bei nicht allzu niedrigen Temperaturen kommt. Der Atlas bildet tektonisch die Grenze zwischen der Eurasischen Platte im Norden und der afrikanischen Platte im Süden, die immer mal wieder aneinander reiben. Daher kommt es in der Region gelegentlich zu starken Erdbeben.

Das Sternbild des Großen Wagens stand in voller Pracht am Firmament, als um Punkt sechs Uhr 126 Ultras und 113 "Kurzstreckenmarathonis" die hochalpine Rundreise antraten. Zum Aufwärmen war erst mal der Tizi (= Pass) Agouns mit 3066 Meter Höhe zu nehmen, der nach 11 Kilometern Laufdistanz erreicht war. Beim Aufstieg sorgte ein spektakulärer Sonnenaufgang für den ersten "Trailorgasmus" des Tages. Durch starken Wind war die Luft staubdurchsetzt und die Sonne kam erst mal nur zögerlich zum Vorschein. Der Wind flaute später ab und ein wolkenloser Himmel, sowie das scharfe Licht der Morgensonne bildeten einen starken Kontrast. Majestätische Ausblicke auf jungfräuliche Bergkuppen und einsame Täler genehmigten dem ausgeruhten Körper in dieser Phase noch eine durchaus euphorische Stimmung. Dann ging es im Trommelfeuer auf steilen Kehren nach unten in die Senkrechte. Auf 8 ½ Kilometern wurden 1100 Höhenmeter vernichtet. Eine Reihe kleiner Berberdörfer wurden durchquert, in der die bunt gekleidete Läuferschar mit ihren Hi-Tech Funktionsklamotten und Getränkesystemen wie Außerirdische erschienen. Die unzähligen Kinder waren schier aus dem Häuschen! In diese einsamen Täler verirrt sich sonst kein normaler Mensch.

Erste Versorgungsstation im Gite d'Etape in der Ortschaft Timichi. Hier trennte sich die Ultra- von der Marathonstrecke. Letztere hatten den Tacheddirt-Pass zu erklimmen, mit 3230 Metern der höchste Punkt des Rennens. Satte 1300 Höhenmeter auf 8,5 Kilometern! Ein Monsteraufstieg der es in sich hatte und die Athleten mit einer herrlichen Aussicht belohnte. Allerdings pfiff - wie in diesen Höhen üblich - ein eiskalter Wind über die Passhöhe, so dass es nur eine Option gab: so schnell wie möglich runter ins 900 Meter tiefer gelegene Dörfchen Tacheddirt, wo die zweite Versorgungsstation lag. Von hier war noch auf steilen Pfaden der Tizi n'Addi-Pass mit 2960 Metern zu nehmen, dann 5 Kilometer bergab bis nach Oukaimeden und der Marathon war im Sack. Am schnellsten gelang dies dem Marokkaner Rachid El Morabity in 4:33:28 Stunden. Die Britin Fiona Maxwell erkämpfte sich auf dem 17. Gesamtplatz in 6:31:30 h den Frauensieg. Mit dem letzten Finisher wurde dieser Bewerb nach 12:49:05 Stunden abgeschlossen.

Während sich die Marathonläufer dem verdienten Abendmahl widmeten und bald darauf den warmen Schlafsack aufsuchten, kämpften sich die "Unersättlichen" durch die hereinbrechende Nacht. Zwei Lichter am Horizont kündeten ein Siegerteam an. Jules-Henri Gabioud aus der Schweiz und Rudy Bonnet aus Frankreich teilten sich den Gesamtsieg in 14:54:34 Stunden. Allerdings weit entfernt vom Streckenrekord, der bei 12:49:44 Stunden liegt. Die ausgeruhten und gesättigten Marathonläufer bereiteten den beiden einen magischen Empfang in der Nacht.

Mittlerweile hatte das Hauptfeld der Ultraläufer mit dem Tizi n'Oumichichka (3100 m) bei km 52,5 gerade erst den zweiten Dreitausender bewältigt und musste sich in der Nacht noch über zwei weitere Pässe arbeiten: den knapp 3200 Meter hohen Tizi n'Tifourhate bei km 74 und den Tizi n'Tarharate, der mit über 3600 Metern bei km 80 den höchsten Streckenabschnitt bildete. Danach folgte ein Monsterabstieg von 2000 Höhenmetern auf einer Strecke von nur 8 Kilometern!

Mit respektvollem Abstand kam der Franzose Ludovic Girard in 16:53:03 Stunden als Dritter ins Ziel. Die restlichen Zieleinläufe fanden alle nach Mitternacht statt und waren dementsprechend eine recht einsame Angelegenheit. Die Französin Amandine Ginouves-Guerdoux (17:54:56 h), die Schweizerin Helen Blatter (19:28:31 h) und die Österreicherin Anita Waiss (19:44:35 h) sicherten sich die Topplätze bei den Damen. Damit erreichten die drei Trailamazonen den 7., 12. und 15. Gesamtplatz!

Der 26 km-Lauf "La Virée d'Ikkis" führte nach überschreiten des fast 3000 m hohen Tizi n'Addi Passes durch das liebliche Tacheddirt-Tal. Blauer Himmel und Sonnenschein - die Trailgötter geizten nicht mit ihren Reizen! Dieser Wettbewerb wurde von Abderrahim Kemmissa (MAR) in 2:42:07 h und Marie Paturel (FRA) in 3:27:10 h gewonnen. Den Challenge Wettbewerb (insgesamt 68,2 km + 4000 Höhenmeter) gewann die französische Doppelspitze Rémi Loubet und Lionel Poletti in 7:59:35 Stunden. Bei den Frauen holte sich Fiona Maxwell (GBR) die Kombinationswertung mit einem 1. Platz beim Marathon und einem 2. Platz im 26 km-Lauf in der Gesamtzeit von 10:30:32 Stunden.

Die Markierung mit Leuchtfarben auf allen 3 Strecken war vorbildlich, zusätzlich wurden sämtliche Irrwege mit einem großen X angezeigt, so dass die Läufer gar nicht in Versuchung gerieten, die Laufstrecke zu verlassen. Wenige, aber gut ausgestattete Verpflegungsstellen sicherten die Basisversorgung. Im mitzuführenden Laufrucksack musste neben warmer Kleidung und den bei Trailläufen üblichen Notutensilien auch ein eigener Becher mitgeführt werden, was zur Müllvermeidung beitrug. Die Kontrollstationen waren mit Funk ausgestattet und mit Ärzten besetzt. Im Ziel kümmerten sich ein Team aus Masseuren, Podologen und Osteopathen um die Belange der Läuferinnen und Läufer.

Kontroll- und Verpflegungspunkt in über 3000 Metern Höhe

Rund 100 Einheimische Berber halfen bei der Versorgung der Teilnehmer und dem Aufbau der Zeltstadt. Jedoch muss jedem der sich auf ein solches Abenteuer einlässt bewusst sein, dass in dieser abgelegenen Gegend keine gut strukturierte Bergwacht existiert und nicht jederzeit ein Hubschrauber zur Verfügung steht der Verunglückte aus den Bergen holt, wie das bei uns in den Alpen üblich ist. Falls es die Lage erfordert und das Wetter erlaubt behält sich das Notfallmanagement der Organisation allerdings die Option einer Helikopter-Rettung vor und hat dafür entsprechende Maßnahmen getroffen. Es gibt insgesamt fünf Helikopter-Landemöglichkeiten auf der Strecke. Zum Glück musste davon noch nie Gebrauch gemacht werden. Entsprechende Erfahrung, gute Vorbereitung, gesunder Menschenverstand und Augenmass sind daher unbedingte Voraussetzungen zur Teilnahme an diesem Hochgebirgstrail. Gerade die Ausgesetztheit und Isolation in dieser rauen, spektakulären und archaischen Bergwildnis macht aber den Reiz dieses Events aus. Um die Qualität der Organisation und den familiären Charakter beizubehalten wird das Teilnehmerlimit in den folgenden Jahren voraussichtlich auf rund 500 Läufer beschränkt.

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Fakten

Der 7. UTAT findet vom 29.09. bis 03.10.2015 statt. Die Wettkämpfe werden am 1. und 2. Oktober durchgeführt. Infos gibt es auf www.atlas-trail.com. Das Anmeldeportal wird ab 18. Januar 2015 frei geschaltet.

Der Wettkampf hat sich innerhalb der letzten 5 Jahre zum zweitgrößten Outdoor-Event in Marokko und dem größten Traillauf im nordafrikanischen Hochgebirge entwickelt. In der Trailrunningszene ist es der Herbstklassiker.

Bei rechtzeitiger Buchung gibt es eine reihe günstiger Flüge nach Marrakesch, zum Beispiel bei Ryanair schon um die 150 Euro. Der UTAT bietet so für rund 500 - 600 Euro die Möglichkeit, einen herrlichen Hochgebirgstrail zu erleben und für eine Woche den hektischen Alltag gegen den orientalischen Zauber Marokkos einzutauschen.

Als Kontaktperson für deutschsprachige Teilnehmer steht Oliver Binz unter utat.ger@atlas-trail.com zur Verfügung. Binz, der selbst zweimal an dem Event erfolgreich teilgenommen hat, beantwortet gerne alle Fragen zum Wettbewerb oder zur Anmeldung.

Bericht von Stefan Schlett
Fotos Organisation Ultra Trail Atlas Toubkal

Info & Ergebnisse www.atlas-trail.com

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