03. & 04.10.13 - 5. Ultra Trail Atlas Toubkal - UTAT®

105km und +/- 6500 Höhenmeter - Deutsche traut Euch!

von Oliver Binz

Wie beschreibt man einen atemberaubenden Lauf? Seit Tagen versuche ich Worte zu fassen, was wir erlebt haben. Es war nicht nur der Lauf, es war das Event, das Erlebnis. Ein Erlebnis, bei welchem man dabei sein durfte. Gut, eine gewisse Ausdauer und Härte zu sich selbst, sollte man schon mitbringen. Aber es war Besonderes; ein Lauf der sich in vielerlei Hinsicht in die Läuferseele einbrennt. Zumindest bei mir. Es gibt viele Momente bei diversen Läufen, die toll oder klasse sind. Aber wann hat man magische Momente?

Ultra Trail Atlas Toubkal 105km +/- 6500 HM - ein einzigartiges Abenteuer, gespickt mit Superlativen
Nichts für reine Asphalt-Cowboys:
Berglauf & Trail-Run im LaufReport HIER

Richtig; beim UTAT - irgendwo verlassen im Hohen Atlas, weit weg von irgendwelchen Straßen, Menschen. Weit weg von Verpflegungsstellen; einfach nur das Gefühl des ‚Verlassenseins', das ‚Auf-sich-alleine-gestellt-sein' spüren. Im trockenen Flussbett marschieren, neben sich die 3000er steilen Wände und einfach realisieren, dass man entweder nach vorne oder nach hinten ungefähr 8 Stunden bei normalen Tempo zurück in die Zivilisation benötigt, sprich einem größeren Berberdorf mit Straßenanbindung. Da darf aber auch nichts passieren. Kein Sturz, kein Handicap. Irgendwie reizt einfach alles an diesem Lauf.

3 Tage zelten auf 2600 mtr Höhe

Die Organisation: Die beiden Chef-Organisatoren Brice und Cyril haben einen Mega-Job gemacht. Wenn man nach diesem Lauf die Umstände kennt, kann man sich gar nicht tief genug vor diesen Zwei und dem gesamten Helferteam verneigen. Ca. 100 freiwillige französische Helfer und ca. 150 Berber mit vielen (!) Maultieren tragen zum reibungsfreien Ablauf bei. Mehr Maultiere als Autos haben die Verpflegungsstellen eingerichtet.

Das Zelt für Frühstück und Abendessen

Und das in einem unwägbaren Gelände, wo man in weite Gebiete kein Auto hinkommt. Tiere und Helfer sind schon zwei Tage vor dem Wettkampf aufgebrochen um an Ort und Stelle zu sein, wenn der Läufertross vorbei kommt. Da gab es zum Beispiel den Kontrollpunkt 7 auf ca. 3000mtr - da haben die Jungs 2 Tage und Nächte am Stück verbracht, nur um die Nummer jedes Einzelnen aufzuschreiben. Wahnsinn.

Akklimatisierungs-Wanderung von 2660m auf 3000m mit erstklassigem Ausblick

Das Warum: Entdecken, Neugierde, Abenteuerlust, fremde Kultur, Respekt vor Tradition - Land - Leben, atemberaubende Landschaft, Berberdörfer, Bewässerungssystemen zur landschaftlichen Nutzung, Herausforderung in der Höhe, gewaltiges Höhenprofil, technisch schwieriges Gelände, Zelten auf 2660mtr, 6-9 Stunden Laufzeit zur nächsten Verpflegungsstelle, Sonne-Wind-Kälte, Maultier-Karawanen, die auf der Strecke Vorfahrt haben und vieles mehr.

Ausblick in das „Hohe Atlas“-Gebirge – Blickrichtung Imlil (VP bei km88)

Die Strecke: 105km mit ca. +/- 6500mtr, d.h. sowohl hoch als auch runter ! Ein richtiges Brett. Aber hier lauern im Höhenprofil andere Aufgaben für uns Läufer. Das Laufen in einer Höhe über 2500mtr zieht die eigene Laufzeit schon um einiges in die Länge. Die Ernährung (Essen und Trinken) spielt eine wichtige Rolle. Auf meine Finisherzeit bezogen, ergeben sich folgende Durchgangszeiten bei den Verpflegungsstellen:

  1. Verpflegungsstelle (KM20) Essen + Trinken: nach ca. 3 Laufstunden
  2. Verpflegungsstelle (KM30) Trinken: nach ca. 1,5 Laufstunden
  3. Verpflegungsstelle (KM68) Essen + Trinken: nach ca. 8 Laufstunden
  4. Verpflegungsstelle (KM88) Essen + Trinken: nach ca. 7,5 Laufstunden

Dies bedeutet, dass man selber seinen Flüssigkeitsbedarf organisieren muss. Zu einem mindestens 2ltr im Rucksack mitnehmen, teure Cola bei geschäftstüchtigen Marokkaner-Jungs in der Nähe eines Berberdorfes kaufen (inkl. den Preis aushandeln), zum anderen Bachwasser oder Gebirgswasser in der Getränkeflasche aufnehmen und die Desinfektionstablette auflösen. Auch die Kalorienaufnahme sollte abgedeckt sein, wenn man bedenkt, dass ich z.B. ca. 21.000kcal verbrannt habe. Und das ist eine große Aufgabe in der Höhe über 2500mtr, in staubiger Umgebung, bei Sonne und Kälte. Vorteilhaft ist es wirklich, vieles in flüssiger Form aufzunehmen.

Der Wettkampf beim UTAT wird erst richtig hart, wenn man den PC4 bei KM 49,5 passiert. Bei mir waren hier ca. 9 Laufstunden vorbei und der Kampf beginnt hier erst richtig. Man muss sich das so vorstellen: 9 Stunden in einer unglaublichen Landschaft laufen/gehen - die letzte zivilisierte Ortschaft mit Straßenanbindung liegt ca. 4-5 Stunden zurück; die nächste Ortschaft mit Straßenanbindung ist für mich ca. 12 Stunden entfernt.

Dazwischen ist nichts. Nichts, außer zwei zu überquerende 3000er, ein Pass über 3660mtr, ein technisch sehr schwieriger Bergab-Trail mit 1500mtr bergab auf 3km (oder 2000mtr bergab auf 8km) und die elendig lange und kalte Nacht. Und wenn ein Franzose schon mal sagt "tres difficile - sehr schwierig", dann kann man sich wahrlich anschnallen. Und mitten in diesem Nichts, stellt man sich die Frage "was mache ich, wenn ich nun stürze…?"; es gibt kein Rettungshubschrauber - nur ein Maultier, und das braucht bestimmt einen Tag zur Rettung. Also, besser nicht weiterdenken, es gibt da keine rationale Lösung, nur dass man das Tempo bergab ´raus nimmt und das Risiko minimiert.

Zweite Pause nach 8 Std und ca. 45km Laufstrecke und erste Erschöpfungserscheinungen

Das Erlebnis: Gigantisch. Für 270,- Euro bekommt man wirklich magische Momente geboten. Busshuttle vom Flughafen ins Hochgebirge nach Oukaimeden, 3 Tage zelten auf 2600 mtr Höhe, Halbpension, Laufgebühr und -Verpflegung, Organisation, Abschlussfeier. Alles inklusive. Ein Lauf, bei dem Freundschaften geschlossen werden, und Laufmomente die sich in die Seele einbrennen. Magische Momente eben! Bilder sprechen hier Bände.

Der Hohe Atlas, keine Straße, sehr wenig Zivilisation, eigentlich fast „Nichts“ - außer Staub und Steine und einer atemberaubenden Landschaft PC 6 = 2. Offizieller Verpflegungspunkt nach 68km und 12,5 Laufstunden

Das Team: Laufen zu zweit macht schon stark, aber wenn man unterwegs einen weiteren Laufpartner findet und sich über 21 Stunden versteht, respektiert, abstimmt, läuft, unterhält, dann macht das ultrastark und man erlebt in einer starken Einheit einen magischen Moment. Danke Markus. Danke Willi.

Das Ergebnis: 162 Starter, 139 Finisher und 23 Aufgaben. Mit einer Ausfallquote von nur 15% ist dies eine erstaunlich geringe Quote, was wiederum auch belegt, dass beim UTAT ein sehr gutes Läuferpotential am Start war. Oder lag es daran, dass man nur bei km30 oder km88 rausgehen kann? Dazwischen gab es ja bekanntlich nur das Nichts. Mit einer Laufzeit von 25 Stunden und 39 Minuten bin ich sehr zufrieden; Platz 69 ist im gesicherten Mittelfeld, bei all den laufverrückten Franzosen und Italienern.

Endlich eine wärmende Suppe bevor die Sonne untergeht und die Kälte und der Sturm auf 3700m kommt. Der PC liegt auf 2600m; es folgen nun die restlichen ca. +/-3000 Höhenmeter in der dunklen und kalten Nacht

Der Lauf UTAT: Sehr zu empfehlen; wer etwas Besonderes in seinem Läuferleben erleben möchte, der muss einfach hierher. Deutsche traut Euch. Ihr müsst da hin. Man kann es fast mit einem Lebenstraum vergleichen (wenn man schon beim UTMB durchkam :-))

Die Belohnung: 2 Tage Marrakesch im Riad und einem ausführlichen Hammam-Besuch. Einfach Magisch.

Das Erlebnis: Gigantisch und man bekommt wirklich magische Momente geboten Der UTAT®: sehr zu empfehlen; wer etwas Besonderes in seinem Läuferleben erleben möchte, der muss einfach hierher. Deutsche traut Euch
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Nun ist es da: Mein Ende einer tollen, erlebnisreichen Laufsaison 2013 nach 427 Wettkampfkilometer mit +/- 21.000 Wettkampf-Höhenmeter. Über den Petit Ballon im Elsass, dem Hartfüssler im Saarland, dem Canyon du Verdon in der Provence, dem IceTrail in Val d'Isere und dem UTAT in Marokko geht's über die Couch zur Wintercross-Serie in Goldbach. Auch hier ist es wunderschön. Danke an Alle für das Daumen drücken!

Bericht und Fotos von Oliver Binz - www.binz-online.com

Info & Ergebnisse www.atlas-trail.com

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