5.8. und 12.8.10 - Trondheim bedriftskarusell - 13. løp und 14. løp

In Trondheims Wäldern
von Marcus Imbsweiler

Als ich meinen norwegischen Freunden ankündigte, dass ich beim Trondheimer Bedriftskarusell starten wollte, schüttelten sie nur den Kopf. "Betriebs-Karussell"? Dieser Name, fanden sie, hörte sich eher nach Firmenausflug und Arbeitnehmerbelustigung an als nach Sport. Aber es war nun mal das einzige Volkslaufangebot in der näheren Umgebung, das in meine Urlaubszeit fiel.

Das Bedriftskarusell besteht aus einer Serie von insgesamt 18 (!) Einzelveranstaltungen zwischen April und September. Es wird am Meer gelaufen, in der Stadt, am Berg. Für mich kamen die Läufe Nummer 13 und 14 infrage. Sie sollten im Abstand einer Woche in der Bymarka stattfinden, Trondheims stadtnahem Ausflugsgebiet. Streckenlänge: jeweils gut 6 km.

Bei dieser Serie wird tatsächlich nicht nach der Vereins-, sondern nach der Betriebszugehörigkeit gefragt. Zielgruppe sind seit jeher die Mitarbeiter regionaler Unternehmen, die man auf Trab halten will. Als Tourist aus Deutschland fragt man sich allerdings, ob ein Norweger dazu wirklich animiert werden muss. Ständig begegnet man Walkern, Joggern, Radfahrern oder Skatern, die meisten rank und schlank, alle perfekt eingekleidet und jede Menge Ehrgeiz im Blick...

Anmeldung auf Norwegisch: ein Parkplatz, ein geöffneter Kofferraum, eine Liste und eine Handvoll Startnummern. Umkleidemöglichkeiten? Nei.
Nur in dieser Perspektive wirkt das Startschild so groß. Im Hintergrund der Baklidammen, der nach dem Lauf als Duschenersatz dient

Wie auch immer, das Bedriftskarusell hat Volkssportcharakter, mit Laufstrecken unter 10 Kilometern, ergänzt durch Angebote im Stadion: Sprint, Weitsprung, Kugelstoßen. Der Schwerpunkt liegt auf den Seniorenklassen, über Gäste freut man sich, bloß Profis, was auch immer das heißt, sind fehl am Platz. Wer die gesamte Serie bestreitet, bekommt eine persönliche Startnummer für alle 18 Läufe. Eine Siegerehrung gibt es nicht; die erfolgreiche Teilnahme an mindestens 6 Veranstaltungen wird mit einer Medaille honoriert.

Die Bymarka ist ein ausgedehntes, bis zu 565 m hohes Waldgebiet, das bis zum westlichen Stadtrand Trondheims reicht. Den ersten von zahlreichen Badeseen fährt noch die Straßenbahn an, trotzdem ist man sofort in der freien Natur, eine Begegnung mit Elch oder Auerhahn keine Seltenheit. Noch öfter wird man hier auf die schon erwähnten Freizeitsportler treffen, darunter auch jene Spezies mit einer Karte in der Hand. Der Orientierungslauf steht in Norwegen, wie in Skandinavien überhaupt, hoch im Kurs, und genau zwischen meinen beiden Läufen sollte in Trondheim (erst in der Stadt, dann in der Bymarka) die Weltmeisterschaft in dieser Sportart beginnen.

Die Bymarka, Trondheims Stadtwald, ist von Seen, Laufstrecken und Skiloipen durchzogen Gute Laune vor dem Start: Man kennt sich beim Trondheimer Bedriftskarusell

Aber nun zum Bedriftskarusell. Es ist Donnerstagabend, die Sonne strahlt vom blauen Himmel. Auf dem Parkplatz beim Baklidammen, einem weiteren kleinen Stausee mitten im Wald, sitzt ein hagerer Mann neben seinem offenen Kombi. Auf dem Klapptisch vor ihm Listen und Startnummern. Die Anmeldung. Ja, Gäste aus Deutschland sind natürlich willkommen. Betriebszugehörigkeit? Keine. Also "eget", "eigene".

Die ausgehändigten Sicherheitsnadeln haben Hirschkäfergröße und sind damit nur unwesentlich kleiner als das handgemalte Startschildchen, das in der Wiese vor der Staumauer steckt. Dass auch das Starterfeld bescheiden ausfallen wird, dafür sorgt schon der vielleicht zwei Meter breite Weg über den Damm, der gleich zu Beginn passiert wird. Die Waldwege danach sind allerdings noch einmal deutlich schmaler.
Um 18.30 Uhr gibt Harry Sollie, der Herr über das Karussell, den Streckenverlauf noch einmal im Schnelldurchlauf bekannt, und dank seiner Armbewegungen versteht man ihn auch ohne Norwegischkenntnisse. Eine liegende Acht gilt es zu bewältigen, mit einem See in jeder Schleife: erst der stadtnahe Theisendammen, anschließend der höher gelegene Baklidammen.

Uhrenkontrolle an der Startlinie: Nicht bei allen wird die Zeit gemessen Und los geht's! Sonja aus Deutschland freut sich auf die Waldstrecke

Jetzt das Startkommando ("Go"?) - und los geht's. Zwei verdutzte Wanderer geben im letzten Moment den Zugang zum Dammweg frei. Über die Staumauer, hinein in den Wald und auf wurzelübersäten Pfaden bergab. Das Tempo ist natürlich viel zu hoch, den einen trägt es fast aus der Kurve, an der Spitze vermeidet man haarscharf eine Kollision mit einem jugendlichen Radler.

Streckensperrungen oder gar Führungsfahrzeuge gibt es nicht, sie wären angesichts von 76 Teilnehmern, darunter 21 Frauen, auch übertrieben. Im Notfall muss man sich den Weg eben frei schreien, mit einem höflichen "unnskjyld" ("entschuldigung") natürlich, man ist schließlich Gast im Lande.

Als gewöhnungsbedürftig erweisen sich die Streckenmarkierungen. Keine abgesperrten Seitenwege, keine Sägemehlpfeile auf dem Waldboden, sondern Schleifen aus rot-weißem Flatterband an den Zweigen, die die Richtung anzeigen. Die Aufmerksamkeit muss also sowohl dem Untergrund als auch den Dingen in Augenhöhe gelten. Und wenn diese Bänder plötzlich an Pflöcken mitten auf einer Wiese baumeln? Dann läuft man halt mitten über diese Wiese!

Harry Sollie, der Cheforganisator des Bedriftskarusells, hier als Zeitnehmer
Auch auf dem schmalsten Waldweg lässt sich ein Endspurt zu zweit austragen Siemens-Mitarbeiter Havard Lorange (links) wird nach anfänglicher Führung Zweiter. Am nächsten Lauf kann er nicht teilnehmen, weil er als Helfer bei der Orientierungslauf-WM gebraucht wird

An Attraktivität lässt die Strecke jedenfalls nichts zu wünschen übrig. Ein echter Waldlauf im herrlichsten skandinavischen Sommer, mit ständigen Richtungs- und Profiländerungen, kurzen Steilstücken, dem Wechsel aus Schatten und Licht, dazu Seitenblicken auf zwei Seen. Anspruchsvoll ist der Kurs auch, denn zwischen km 3 und 5 geht es kräftig bergauf. Das Ziel befindet sich wieder am Baklidammen, und stünden dort nicht zwei Zeitnehmer in Erwartung der Teilnehmer, könnte man es glatt übersehen. Oh, pardon, da steckt ja das Markierungsschild im Boden: "mål". So nüchtern und unspektakulär wie die ganze Veranstaltung ist auch ihr Ende. Nach und nach tauchen die Läufer aus dem Dickicht auf, der schnellste braucht gut 23 Minuten für die 6,4 km (mit etwa 100 Höhenmetern), die schnellste Frau fünf Minuten länger. Bei vielen verzeichnet die Ergebnisliste keine Zeit, sondern nur "fullført" - "geschafft". Statt des Ergebnisses zählt die Teilnahme.

Von der Laufstrecke hat man immer wieder einen Blick auf das am Fjord gelegene Trondheim Und immer wieder ein See, in dem man sich nach dem Lauf ausschwimmen kann: hier der Koppardammen auf ca. 400 m Höhe

Kaum ist der letzte Läufer am Baklidammen eingetroffen, wird zusammengepackt. Da kommt auch schon die Dame, die die Flatterbänder eingesammelt hat. Nun gehört das Terrain wieder den anderen Fitnessaposteln der Bymarka: Läufern, Mountainbikern, Walkern. Eine Weile stehen die Teilnehmer des Bedriftskarusells noch zusammen, halten Rückschau, verabreden sich für nächste Woche. Nicht wenige nehmen ein Bad im See, dessen mooriges Wasser eine fast schwarze Färbung hat. Hell ist es noch bis halb elf, auch in der Bymarka.

Am Donnerstag darauf trifft man sich einen Parkplatz weiter, dessen höhere Lage schon im Namen zum Ausdruck kommt: "Fjellseter" bedeutet so viel wie "Bergalm". Wieder geht es auf und ab durch den Wald, die Wege sind breiter diesmal, die Anstiege gleichmäßiger. Viele der Mitstreiter von letzter Woche finden sich am Start ein, man ist eben eine eingeschworene Gemeinschaft, wie einer meint.

Bård Roll wird Zweiter bei den über 50-Jährigen. Die Radfahrer im Hintergrund sind keine offiziellen Begleiter, sondern befanden sich nur zufällig auf der Strecke
Unterwegs auf schmalen Waldwegen Wie man seine Startnummer (hier: die 6) beim Oben-ohne-Start bekannt gibt? Ganz einfach: durch Zuruf beim Passieren der Ziellinie

Zwischen beiden Läufen lag die bislang sonnigste Woche des Jahres, und so zeigt sich die Bymarka erneut von ihrer schönsten Seite. Pilze wachsen mitten auf den Wegen, alle hundert Meter kann man in ein Meer von Blaubeeren eintauchen. Wer die Muße hat, lässt unterwegs seine Blicke über Trondheimfjord und Trøndelag schweifen - übrigens eines von nur drei norwegischen Gebieten, das Landwirtschaft in größerem Maßstab zulässt.

Wie in der Vorwoche ist das Tempo der 80 Starter anfangs zu hoch, es geht ja auch beständig bergab. Nach drei Kilometern hat man den tiefsten Punkt erreicht, kurz danach beginnt man, die verlorenen Höhenmeter wieder gutzumachen. An die überall lauernden Stolperfallen in Form von Wurzeln und Steinen hat man sich da längst gewöhnt. Etwas aber ist anders: Auf dem Boden weisen leuchtendrote Pfeile den Weg! Sollten die Trondheimer die Kunst des Gedankenlesens beherrschen?

Wenche Lande wird Gesamtzweite und gewinnt die Klasse der über 50-Jährigen

Trygve Reitan (M40) hat 2010 jeden zweiten Lauf der Serie mitgemacht und belegt am Fjellseter wie im Vorjahr Gesamtplatz 2
Blick auf das am Fjord gelegene Trondheim von der Laufstrecke aus

Egal, der Läufer aus Deutschland erfreut sich einmal mehr an dem wunderbaren Kurs, der hinter jeder Biegung eine neue Überraschung bereithält, die hübscheste kurz vor Schluss, bei km 5: Da zeigt ein Extrapfeil nach links, ergänzt um das Wort "vann", "Wasser". Die Verpflegungsstation also. Einen Tisch mit Getränken sucht man allerdings vergebens. Zu sehen ist nichts als eine kleine, sprudelnde Quelle mitten im Wald...

Und dann ist der Lauf auch schon wieder zu Ende. Ein knappes Nicken der Zeitnehmer im Ziel, wo für jeden Finisher eine halbe Banane bereitliegt. Schweißtreibend war's! Aber es sind ja nur fünf Minuten bis zum nächsten Badesee, an dem eifrig gegrillt und natürlich gejoggt wird. Ob der deutsche Tourist auch bei Lauf 15 dabei ist? Nein? Dann vielleicht nächstes Jahr, beim 19. Bedriftskarusell? Versprechen will ich nichts. Aber eine Überlegung ist es allemal wert.

Bericht und Fotos von Marcus Imbsweiler

Ergebnisse www.friidrettbedrift.no/terminliste_2010.htm

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