Slagelse (DEN) Belt Naturmarathon (16.6.13)

Storebælt med Jordbær

von Ralf Klink

Alle die sich ein wenig mit skandinavischen Sprachen auskennen, werden sich sicher über die auf den ersten Blick wenig Sinn ergebende Überschrift wundern. Ihnen sei gesagt, dass die Aufklärung später folgt, denn der Titel ist keineswegs ein vollkommener Fehlgriff. Alle anderen werden sie sowieso erst einmal verständnislos zur Kenntnis nehmen. Nun ja, die Aufklärung folgt später.

Wobei man mit dem ersten Teil gleich einmal beginnen kann. Denn die Übersetzung des Begriffes "Storebælt" lässt sich kaum umgehen, wenn man erläutern will, wo diese Laufveranstaltung stattfindet. Denn "stor" bedeutet nichts anderes als "groß". Und "bælt" ist eine speziell dänische Bezeichnung, mit dem dort eine Reihe von Meerengen belegt ist. Hierzulande kennt man den Begriff allerdings leider fast nur noch aus seiner Erwähnung in der ersten Strophe des Deutschlandliedes.

Der "Storebælt" ist also der "Große Belt" und trennt die beiden wichtigsten dänischen Inseln Sjælland und Fyn - auf Deutsch "Seeland" und "Fünen" genannt - voneinander. Rund fünfzehn Kilometer liegen an der schmalsten Stelle noch zwischen den beiden. Sein kleiner Bruder, der "Lillebælt", der sich auf der anderen Seite von Fünen zwischen die Insel und das zum europäischen Festland gehörende Jütland hinein zwängt, hat dagegen in einem Abschnitt kaum einen Kilometer Breite.

Seit 1998 führt die eine Brücke zwischen den beiden wichtigsten dänischen Inseln Fünen und Seeland über die Meerenge des Großen Belts
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Es gibt zudem noch weitere Belte. Denn der "Langelandsbælt" zwischen Langeland und Lolland schließt sich südlich an den Großen Belt an. Dieser führt nach der Vereinigung mit dem Kleinen Belt seinerseits noch in den Fehmarnbelt - im Dänischen "Femern Bælt" geschrieben - hinüber, der die Meerenge mit der gleichnamigen deutschen Insel bildet. Erst danach weitet sich die Ostsee wirklich.

Ein regelrechter Inselriegel grenzt das Binnenmeer so von Kattegat und Skagerrak, der Nordsee und schließlich vom Atlantik ab. Und von Fehmarn einmal abgesehen gehören praktisch alle zu Dänemark. Nur etwas über die Hälfte dessen Territoriums liegt überhaupt auf dem Festland, der Rest erstreckt sich über mehrere hundert Eilande unterschiedlichster Größen, die von den Ausmaßen eines Fußballfeldes bis hin zum mehr als siebentausend Quadratkilometer umfassenden Seeland reichen.

Dort, ganz im Osten des Landes - sieht man einmal von dem vor der schwedischen Südküste gelegenen Bornholm ab - findet sich auch eindeutig der Bevölkerungsschwerpunkt. Schließlich leben alleine im Großraum der Hauptstadt Kopenhagen, die ihrerseits wieder auf dem östlichsten Zipfel Sjællands zu finden ist, rund ein Drittel der fünfeinhalb Millionen Dänen auf weniger als einem Zwanzigstel der Landesfläche.

Die gesamte Insel ist sogar die Heimat von weit über zwei Millionen Menschen. Und mit den ebenfalls im Osten gelegenen Lolland, Falster und Møn kommt man auf rund die Hälfte. Der "Storebælt" trennt damit nicht nur Fünen und Seeland sondern mit seiner Verlängerung "Langelandsbælt" auch Dänemark in zwei - zwar keineswegs gleich große, aber zumindest etwa gleich stark bevölkerte - Teile.

Während inzwischen meist Brücken oder Tunnel die Inseln Dänemarks verbinden… …waren in der Vergangenheit Kanonen nötig, um die vielen Fährhäfen zu bewachen

Während die ansonsten meist als "Sund" bezeichneten Durchlässe zwischen fast allen größeren Inseln oder im Westen eben auch zum Festland nicht allzu breit ausfallen und sie deshalb seit den Dreißigerjahren nach und nach mit Brücken - und später manchmal mit Tunneln - versehen wurden, blieb auch nach dem Abschluss dieser Phase in den Sechzigern am Großen Belt eine Bruchstelle im Straßen- und Eisenbahnnetz bestehen.

Jedes Auto, jeder Lastwagen und jeder Eisenbahnwaggon zwischen der westlichen und der östlichen Hälfte Dänemarks musste dort auf Fähren verladen und übergesetzt werden. Trotz aller Verbesserungen an Schiffen und Zügen blieb dies eine ziemlich mühsame und zeitaufwendige Angelegenheit. Und insbesondere für ein kleines Land wie Dänemark, das flächenmäßig gerade einmal zwischen den deutschen Bundesländern Niedersachen und Baden-Württemberg einzuordnen ist, stellte die Querung ein gewaltiges verkehrstechnisches Hindernis dar.

Erst kurz vor der Jahrtausendwende wurde die Lücke dann endgültig geschlossen. Eine riesige Kombination aus zwei Brücken und einem Tunnel mit dem Namen "Storebæltsforbindelsen" verband nun auch Fünen und Seeland. Seit 1997 waren durchgehende Zugverbindungen von Kopenhagen bis nach Jütland möglich. Und ein Jahr später konnten mit der Eröffnung der imposanten Hochbrücke dann auch alle Autos direkt durchrollen.

Erstmals in der bis weit ins Mittelalter zurück reichenden Geschichte des Landes waren alle großen und bevölkerungseichen Inseln damit - außer dem schon erwähnten weit entfernten Bornholm - sowohl untereinander als auch vom Festland aus auf dem Landweg zu erreichen, ohne sich ein einziges Mal einschiffen zu müssen. Mit der Einweihung der Öresund-Verbindung zwischen Kopenhagen und dem schwedischen Malmö war zwei Jahre später dann auch auf der anderen Seite ein fester Kontakt hergestellt.

Die wichtige Wasserstraße des Großen Belts ist es also, die dem Marathon den Namen gegeben hat. Tatsächlich verläuft seine Strecke immer wieder kilometerlang direkt an ihr entlang. In etlichen weiteren Abschnitten hat man den Großen Belt zumindest im Blick. Und selbst wenn "Storebæltsbroen" nicht direkt unterquert wird, ist das weithin sichtbare Bauwerk dabei natürlich eine besondere Attraktion.

Am schlossähnlichen alten Bahnhof von Korsør wurde bis vor wenigen Jahren jeder Eisenbahnwaggon zwischen Ost- und Westdänemark auf Fähren geschoben

Beim zweiten Bestandteil des Namens - nämlich das keine Übersetzung benötigende "Natur" - könnten angesichts der Einwohnerzahlen Seelands gewisse Zweifel aufkommen. Doch rechnet man die verwaltungsmäßig ohnehin eigenständige Hauptstadtregion im Nordosten heraus, bleibt eine Bevölkerungsdichte von etwas über hundert Menschen pro Quadratkilometer übrig, die hierzulande nur noch in den eher dünn besiedelten Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg unterboten wird.

Auch für die Gemeinde Slagelse, in der die Veranstaltung stattfindet, liegt der Wert nicht wirklich höher als auf der übrigen Insel. Wobei mit "Kommune" in Dänemark - wie auch im Rest von Skandinavien - ein deutlich größeres Areal gemeint ist, als man hierzulande in der Regel darunter zu verstehen pflegt. Die flächenmäßig ohnehin nicht kleinen Einheiten wurden bei einer Gebietsreform 2007 noch einmal weiter zusammen gelegt. Weniger als hundert politische Gemeinden blieben übrig.

Die eigentlich ziemlich durchschnittliche "Slagelse Kommune" umfasst jedenfalls eine Fläche, an die mehr als zwei Dutzend deutsche Landkreise nicht heran kommen. Doch kaum einer von ihnen hat weniger Einwohner als jene gut siebzigtausend, die sich auf etliche Ortschaften und Siedlungen sowie die drei Städtchen Korsør, Skælskør sowie das namensgebende und mit Abstand größte Slagelse verteilen.

Alle drei Städte, die zueinander ein großes Dreieck mit ungefähr fünfzehn Kilometer Seitenlänge bilden, haben ihren Anteil an der Laufveranstaltung. Denn während in Slagelse der Marathon gestartet wird, geht in Skælskør der ebenfalls ausgetragene Halbmarathon auf die Reise. Und das - mit gleich zwei der drei skandinavischen Sonderzeichen ausgestattete - Skælskør bildet dann den gemeinsamen Zielort.

Auch bei der Organisation arbeitet man über alte Grenzen hinweg zusammen. Denn die drei Vereine "Korsør Atletik og Motion", "Slagelse Motionsklub" und "Skælskør Løbeklub" sind daran beteiligt. Während man die Bedeutung von "Atletik" durchaus erahnen kann und sich auch "Løbeklub" mit ein wenig Phantasie als "Laufclub" übersetzen lässt, ist das in zwei Namen auftauchende "Motion" schon ein wenig schwieriger zu interpretieren.

Ein Bootshafen, ein kleiner Leuchtturm und wohnen direkt am Wasser…auch nach der Schließung des nun nicht mehr benötigten Fährhafens geht es in Korsør ziemlich maritim zu

Die sprachliche Verbindung mit dem englischen Wort für "Bewegung" ist klar. Doch hat dieser ins Dänische übernommene Begriff dort eine weit engere Bedeutung erhalten und meint einzig und allein körperliches Training, dabei vor allem dann allerdings wieder in läuferischer Form. Ein Vergleich mit dem hierzulande schon wieder etwas aus der Mode gekommen Wort "Jogging" ist durchaus legitim. Doch hinkt er trotzdem ein wenig, denn ein "motionsløber" kann sehr wohl auch an regelmäßigen Wettkämpfen interessiert sein.

Obwohl die skandinavischen Sprachen ziemlich eng miteinander verwandt sind und ansonsten im größten Teil des Wortschatzes übereinstimmen, haben die Dänen diese Bezeichnung übrigens ziemlich exklusiv für sich entdeckt. Weder in Norwegen noch in Schweden wird man ihr nämlich bei Vereinsnamen begegnen können.

Zeitgleich mit der Fusion zu einer neuen Großgemeinde - ob zufällige Übereinstimmung oder volle Absicht, sei einmal dahin gestellt - fanden sich die drei Laufklubs zusammen, um 2007 den ersten Storebælt-Marathon auszurichten. Dennoch begeht man nun erst die fünfte Austragung, was damit zusammen hängt, dass in den Jahren 2008 und 2011 Ende Mai ein Halbmarathon über die neue Brücke stattfand und zwei Veranstaltungen kurz nacheiander vermutlich des Guten doch ein bisschen zu viel gewesen wären.

In Beibehaltung des ungewöhnlichen Rhythmus von drei Jahren ist auch für 2014 eine neue Auflage von "Broløbet Storebælt" zwischen Fyn und Sjælland angesetzt. Da dieser allerdings diesmal im September ausgetragen werden soll, wird im kommenden Jahr auch der nur auf der seeländischen Seite bleibende Naturmaraton erneut stattfinden.

Durch die Verteilung auf drei Städte fehlt dem Rennen umgekehrt aber auch ein echtes Zentrum. Doch gibt es all die Rahmenveranstaltungen im Umfeld, die man von vielen anderen Marathons kennt, am Storebælt ohnehin nicht. Vielmehr erinnert die Abwicklung an einen ganz normalen Volkslauf, wie man ihn in ganz Europa jedes Wochenende unzählige Male entdecken kann. Ohne viel Brimborium, nüchtern, zweckmäßig und hauptsächlich auf die Wettbewerbe selbst bezogen sind die Abläufe. Und es soll durchaus Läufer geben, die das als ziemlich positiv empfinden.

Vom Bahnhof des Startortes Slagelse verkehren halbstündlich Züge nach Kopenhagen und über die Belt-Brücke Abseits der großen Metropole ganz im Osten der Insel findet man auf Seeland mit kleinen, bunten Häuschen oft Dänemark wie aus dem Bilderbuch

Man organisiert vorher weder eine Nudelparty noch eine tagelange Marathonmesse. Und die Nummern werden an den jeweiligen Startorten erst am Sonntag direkt vor den Wettbewerben ausgegeben. Den ersten in der - im Internet einzig und alleine auf Dänisch nachzulesenden - Ausschreibung gemachten Ansatz, diese sogar einfach mit der Post zu verschicken, hat man dabei zwischendurch wieder verworfen. Auch Nachmeldungen sind am Start noch problemlos möglich.

Die Teilnehmerzahlen lassen ein solches Vorgehen allerdings auch zu. Etwa zweihundert Starter auf der langen Distanz sind jedenfalls recht übersichtlich. Die knapp siebenhundert Meldungen beim Halbmarathon stellen dann zwar schon eine deutlich größere Menge dar, sind aber trotzdem noch ohne übermäßige Aufwände abzuwickeln. Zusammen mit den mehr als zweihundert Läufern auf der fünf Kilometer langen Einsteigerstrecke kommt man so immerhin auf eine vierstellige Summe.

Die Ziffer drei zieht sich so irgendwie durch die gesamte Veranstaltung. Denn neben "tre byer, tre strande, tre skove", die man bei der Beschreibung der Laufstrecke anpreist und die sich für alle in skandinavischen Sprachen nicht so Bewanderten mit "drei Städte, drei Strände, drei Wälder" übersetzen lassen, gibt es damit schließlich auch noch "tre distancer".

Dass die Anmeldegebühr für den Marathon dann aber nicht auf glatte dreihundert dänische Kronen festgelegt ist, sondern man noch einmal fünfzehn Währungseinheiten oben drauf gepackt hat, passt dazu nicht ganz. Doch hängt der krumme Betrag wohl eher mit einer Verbandsabgabe zusammen. Umgerechnet etwa fünfundvierzig Euro sind jedenfalls keineswegs überzogen - insbesondere da aufgrund der Punkt-zu-Punkt-Strecke ja ein Transfer nötig wird, der im Startgeld enthalten ist.

Auf der ganz langen Distanz gehört im Gegensatz zum Halbmarathon außerdem noch eine Medaille zum Leistungspaket. Dafür kostet die kürzere Strecke aber auch hundert Kronen weniger. Wer allerdings - völlig unabhängig vom gewählten Wettbewerb - ein T-Shirt möchte, muss dies dagegen bei der Anmeldung zusätzlich bestellen und sich dafür weitere zweihundert Kronen abbuchen lassen.

Der dreieckige Schweizerplads ist einer der beiden zentralen Plätze von Slagelse

Während man bei großen Veranstaltungen manchmal gar nicht anders kann, als schon ein oder zwei Tage vorher anzureisen, weil die Unterlagen einzig im Vorfeld verteilt werden, besteht aufgrund der genau umgekehrten Situation beim Storebælt-Marathon nicht die geringste Notwendigkeit dazu. Zumindest von den Inseln Seeland und Fünen ist eine Anfahrt auch am Morgen des Rennens problemlos machbar.

Die Anfangszeiten sind bei diesem Vorhaben keineswegs hinderlich. Denn nachdem die Starts von Marathon und Halbmarathon ursprünglich auf neun und elf Uhr angesetzt waren, hat man sie später sogar noch eine weitere halbe Stunde nach hinten verschoben. Für die kürzere den beiden Distanzen könnte man den Kreis der möglichen Aufbruchsorte also sogar noch deutlich weiter schlagen.

Dass es im nördlichen Teil Europas nur wenige Tage vor der Sommersonnenwende natürlich besonders lange hell ist, kommt als weiterer Vorteil hinzu. Schon gegen halb fünf taucht schließlich das Zentralgestirn Mitte Juni auf der dänischen Insel Seeland am östlichen Horizont auf. Und bis es auf der anderen Seite wieder verschwindet, verkünden die Zeiger auf dem Ziffernblatt bereits zehn Uhr am Abend.

Auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist die morgendliche Anfahrt nicht wirklich problematisch. Denn beide Startorte liegen direkt an der zentralen Bahnlinie, die Kopenhagen - sowohl den Hauptbahnhof als auch den Flughafen - mit Fünen und Jütland verbindet und werden aus jeder Richtung zweimal pro Stunde angefahren. Vom Bahnhof in Slagesle bis zum "Nytorv", dem "Neumarkt", auf dem der Marathon auf die Reise geschickt wird, sind es nur wenige hundert Meter.

Im früheren Fährhafen Korsør liegt die Station allerdings nicht mehr in der Stadt sondern seit der Eröffnung der Belt-Querung ein ganzes Stück außerhalb, um die Tunnel-Brücken-Kombination direkt ansteuern zu können. Statt wie früher nach dem Halt auf Fährschiffe zu rollen, verschwinden die Züge nun kurz nach der Ausfahrt unter der Erde. Denn während die Autos über die Hochbrücke geführt werden, tauchen die Züge bis auf fünfundsiebzig Meter unter dem Meeresspiegel ab.

Mit der Sankt Peders Kirke (links) und der Sankt Mikkels Kirke (mitte und rechts) besitzt Slagelse gleich zwei mit ihrer Geschichte bis in Mittelalter zurück reichenden Backsteinkirchen

Aus statischen Gründen war es nämlich nicht möglich, die eine Durchfahrtshöhe von immerhin fünfundsechzig Meter bietende Brücke für Straßen- und Bahnverkehr gemeinsam zu errichten. Auf dem zweiten flacheren Brückenteil, der sich nach dem Passieren einer künstlich erweiterten Insel namens "Sprogø" im Westen anschließt, verlaufen Autobahn und Bahngleise dann jedoch nebeneinander.

Abgesehen von der Tatsache, dass man in der Region zwar reichlich Ferienhäuser und Campingplätze anbietet, mit Hotels und Pensionen allerdings nicht unbedingt dicht bestückt ist - sowohl in Slagelse wie auch Korsør finden sich gerade eine Handvoll und diese zum Teil noch ziemlich außerhalb - gibt es allerdings trotzdem wenig Gründe, die dagegen sprechen würden, den einen oder anderen Tag früher anzureisen. Denn in allen "tre byer" lassen sich durchaus einmal einige interessante Stunden verbringen.

Ein wenig unterschiedlich präsentieren sie sich schon. Slagelse mit seinen dreißigtausend Einwohnern ist das Geschäftszentrum der Region. In Korsør, das als einzige direkt am Meer liegt, geht es selbst nach dem Ende des Fährzeitalters weiter maritim zu. Und Skælskør als kleinste im Trio liegt ein wenig landeinwärts eher verträumt an einer kleinen Bucht. Auch Sorø und Ringsted, die sich weiter östlich anschließen, kann man noch einen Besuch abstatten und das Programm damit zusätzlich erweitern.

Bei allen Unterschieden haben diese Städtchen eines gemeinsam. Denn in jeder von ihnen lassen sich irgendwo jene malerischen Gassen mit niedrigen, bunt gestrichen Häusern entdecken, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint und die vielen dänischen Orten einen so netten, gemütlichen Charakter verleihen. Dänen können all dies mit dem einzigen Wort "hyggelig". beschreiben, das sich kaum in andere Sprachen übersetzen lässt.

Auf dem Nytorv, dem zweiten größeren Platz im Zentrum des Städtchens wird der Marathon unterhalb der Sankt Mikkels Kirke gestartet

In Slagelse findet man sie allerdings eher ein wenig abseits des eigentlichen Zentrums. Dieses dominieren vielmehr zwei nicht weit voneinander entfernte größere Plätze, von denen mehrere zur Fußgängerzone erklärte Einkaufsstraßen abgehen. Eher uneinheitlich ist dort die Bebauung. Neben älteren Häusern aus dem vorletzten Jahrhundert, in die sich im Untergeschoss kleine Läden einquartiert haben, gibt es auch zwei ziemlich moderne Zentren mit überdachten Passagen.

Die Plätze sind allerdings dennoch ziemlich harmonisch. Etwas weiter oben auf einem kleinen Hügel überragt die "Sankt Mikkels Kirke" beide und bildet so den dritten markanten Anlaufpunkt im Stadtzentrum. Neben dieser existiert mit der in einigen hundert Meter Entfernung ebenfalls ganz oben auf einem kleinen Hügel thronenden "Sankt Peders Kirke" noch ein weiterer sakraler Backsteinbau mit einer bis ins Mittelalter zurück reichenden Geschichte.

Während auf dem Nytorv samstags noch ein Straßenfußball-Turnier veranstaltet wird, so dass nur außen herum normaler städtischer Betrieb herrscht, ist die andere dreieckige und auf einer Seite leicht fallende Freifläche mit dem Namen "Schweizerpladsen" ziemlich belebt. Bei strahlendem Sonnenschein haben die umliegenden Restaurants und Cafés ihre gut gefüllt Tische unter blauem Himmel aufgebaut, was eine fast schon südländische Atmosphäre erzeugt.

Die Sonne scheint auch am nächsten Morgen wieder, als sich gegen acht Uhr die ersten Läufer auf dem "Neumarkt" einfinden. Doch zwischendurch war es keineswegs durchgängig schön. Mehrfach hat es am Vorabend und in der Nacht geregnet. Und auch für den Renntag sind die Vorhersagen eher durchwachsen. Doch lassen sich andererseits die angekündigten - und dann auch eigehaltenen - fünfzehn bis zwanzig Grad eigentlich als ziemlich ideal für einen Laufwettbewerb im Monat Juni bezeichnen.

Eine kleine Einführungsschleife verschafft den Läufern erst einmal einige Eindrücke von Slagelse, bevor die Strecke aus der Stadt hinaus führt

Von der Fußballveranstaltung des Vortages sind nur noch einige blaue Häuschen stehen geblieben, die man natürlich auch für den Marathon erneut benutzen kann. Der restliche Platz ist weitgehend frei. Nur an der südlichsten Ecke des Nytorv stehen etwas unterhalb von Sankt-Michael einige rote Pavillons, eine kleine Bühne und ein kaum größeres, fast ein wenig improvisiert wirkendes Startgerüst. All dies passt einer organisatorisch ziemlich soliden, aber eher unspektakulären Veranstaltung, deren größte Attraktion die Strecke selbst ist.

Und genauso passend für den diesbezüglich entspannten Umgang ist die Tatsache, dass laut den einige Tage vor dem Wettkampf auf elektronischem Wege verschickten letzten Informationen, Nummernausgabe und Nachmeldung erst eine Stunde vor dem Start beginnen soll - zu einem Zeitpunkt also, zu dem bei anderen Läufen die Meldeschalter schon längst wieder geschlossen werden.

Da nicht nur die Läufer sondern auch die Helfer bereit sind, fängt man dann allerdings doch ein bisschen früher an. Wirklich voll wird es auf dem Platz aber trotzdem erst, als es langsam auf neun Uhr zugeht. Schon die ziemlich geringe Teilnehmerzahl verhindert jedoch, dass es zu längeren Wartezeiten kommt. Mehr als fünfzehn oder zwanzig Laufwillige stehen eigentlich nie in der Schlange vor dem Zelt, in dem man seinen Umschlag erhält.

Eine Helferin mit einer Startliste teilt zur Beschleunigung der Ausgabe jedem schon vorher seine Nummer mit. Doch wenn man nicht Däne oder zumindest Skandinavier ist, hakt es dabei im ersten Moment schon etwas. Während man Dänisch wie alle skandinavischen Sprachen mit etwas Erfahrung nämlich recht gut lesen kann, lässt es sich in mündlicher Form im ersten Moment recht schwer verstehen.

Nicht allzu lange ist der Aufenthalt im Stadtkern … … schon nach wenigen Kilometern läuft man durch grüne Landschaft

Im Gegensatz zu Schwedisch oder Norwegisch, die zwar ab und zu Laute oder Ausspracheregeln besitzen, die das Deutsche nicht kennt, ansonsten aber doch recht klar und deutlich artikuliert wird, ist der dänische Zungenschlag mit seiner weichen, irgendwie singenden sowie stimmlich angehobenen und deswegen leicht zu identifizierenden Intonation für ungeübte Ohren nämlich meist wesentlich unschärfer.

Manches klingt dabei völlig anders, als man es aufgrund Zeichenfolge erwarten würde. Da gehen bei der Aussprache auch schon einmal Buchstaben oder ganze Silben verloren, da werden mehrere Wörter nahtlos hintereinander gehängt. Und gelegentlich scheint dank des üblichen hohen Sprechtempos sogar der ganze Satz komplett ineinander zu fließen. Dass man den Startort des Marathons ungefähr "Släjellse" - mit drei ganz kurzen Vokalen und Betonung auf der ersten Silbe - ausspricht, lässt sich zum Beispiel nicht unbedingt erwarten.

Selbst die skandinavischen Nachbarn, die sich ansonsten ganz gut untereinander verständigen können, da die drei Sprachen kaum weiter auseinander liegen als deutsche Mundarten, geraten dabei manchmal an ihre Grenzen und werfen den Dänen dann scherzhaft vor, sie würden reden, als hätten sie eine heiße Kartoffel im Mund. Jedenfalls gilt Dänisch in der Regel als die schwerste Variante aus diesem Trio.

Allerdings kommt man - wie im Norden vollkommen üblich - auch in Slagelse natürlich mit Englisch, das fast alle Skandinavier einigermaßen fließend beherrschen, schnell weiter. Schaden kann es natürlich kaum, wenn man zuvor bekundet hat, dass man ein "Tysker" sei, der "forstår bare lidt Dansk" - also nur wenig Dänisch versteht. Da Dänen es nicht unbedingt gewohnt sind, dass man sich an ihrer eigenen Sprache versucht, hat man damit eigentlich schon gewonnen.

Schon das Eintragen ein simples "Tyskland" in der Rubrik "Land" auf dem Anmeldebogen eines Hotels genügt, um dem Gegenüber ein überraschtes "Snakker du dansk?" zu entlocken. Nein, abgesehen von wenigen Worten spricht man natürlich kein Dänisch. Doch reicht es bereits völlig, wenn man nicht "Deutschland" oder "Germany" schreibt, um bei Einheimischen diesen Eindruck zu erzeugen.

Am Funktuturm, der den höchsten Punkt des Kurses markiert, ziehen bedrohlich dunkle Wolken auf, … … die den Marathonis wenig später eine kurze, aber ziemlich feuchte Abkühlung bieten

Nicht viel anders ist auch das von einem Läufer nach dem Rennen in nahezu perfektem Deutsch ausgedrückte Lob "du sprichst aber gut Dänisch" zu interpretieren. Denn gerade zuvor hat man eigentlich versucht, ihm als Antwort auf eine nicht im Entferntesten verstandene Frage und unter dem Hervorholen praktisch aller überhaupt vorhandenen Vokabeln zu erklären, dass man dies keineswegs kann.

Es sind aber auch wirklich nahezu ausschließlich Dänen, die in Slagesle und Korsør an die Startlinien treten. Abgesehen von einer Handvoll Schweden, die den Weg über den Öresund herüber gefunden, bleiben die Einheimischen weitgehend unter sich. Die wenigen anderen Nationalitätenkürzel, die in den Start- und Ergebnislisten der verschiedenen Wettbewerbe auftauchen, sind in der Regel mit dänischen Vereinen und Wohnorten kombiniert.

Bei der Abkürzung "FOY" stutzt man allerdings genauso wie bei "GRL". Dahinter verbergen sich die kleinen Färöer - die auf Färöisch "Føroyar" heißenden Schafsinseln im Nordatlantik - und das mehr als tausendmal größere, aber ebenfalls nur rund fünfzigtausend Einwohner zählende Grönland. Beide sind zwar mit weitgehender innerer Autonomie ausgestattet, doch gehören sie zum Königreich und werden außenpolitisch von Dänemark vertreten. Den einen oder anderen Färinger oder Grönländer hat es dann auch ins Mutterland verschlagen.

Ob die wenig internationale Besetzung zustande kommt, weil Ausschreibung, Internetseite und Informationen nur auf Dänisch verfügbar sind oder umgekehrt mangels Interesse aus anderen Ländern mehrsprachige Versionen der Texte gar nicht nötig sind, sei einmal dahin gestellt. Dass die Durchsagen am Nytorv dann ebenfalls einzig und alleine in dieser Sprache erfolgen, verwundert da eigentlich nicht. Doch bei realistischer Betrachtung wäre es bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung wohl fast nirgendwo anders.

Erst kurz vor dem Start werden die Aktiven endgültig hinter die Linie gebeten. Vielleicht doch ein wenig zu spät hatte man mit den Grußworten der Honoratioren begonnen. Zuvor hatte sich noch - als kleine Anleihe an die "Event"-Marathons - eine Gymnastiklehrerin bemüht, den Läufern einige Aufwärmübungen zu zeigen. Der Zuspruch hielt sich in Grenzen. Denn wie meist bei kleineren Marathons setzt sich das Feld zu einem relativ hohen Teil aus Routiniers zusammen, die dem Ganzen mit wenig Nervosität entgegen sehen und sich in dieser Zeit lieber entspannt unterhalten.

Tendenziell bergab, aber durchaus wellig verläuft die Strecke im ersten Teil… …nur selten passiert man kleine Ortschaften, doch freut man sich sichtlich über die Marathonis

Vermutlich aus dem gleichen Grund füllt sich auch die Startlinie trotz des eher drängenden Zeitplanes nur langsam. In den ersten Reihen gibt es bis zuletzt ausreichend freie Plätze. Dabei ist der Durchlass unter dem Gerüst nun wahrlich nicht breit, so dass es eigentlich sogar ein wenig Grund für Gedränge gäbe. Allerdings kann man direkt dahinter wieder frei laufen. Dass in der Startnummer auch ein Zeitmessungschip integriert ist, nimmt noch mehr Druck heraus. Wirklich große Verzögerungen gibt es natürlich angesichts der Feldgröße ohnehin nicht.

Entlang der beiden längeren Seiten des recht ungleichmäßig geschnitten Nytorv werden die Läufer nach dem Start geführt. Dann tauchen sie in der Verbindungsgasse zum Schweizerplads ein. Doch streift man ihn eher kurz an seiner kürzesten Front, um gleich danach wieder in die nächste Gasse hinein zur Sankt-Michaels-Kirche abzudrehen.

Nachdem die Marathonis auch dieser noch einen schnellen Besuch abgestattet haben, verlassen sie die Fußgängerzone nach kaum mehr als einem halben Kilometer in Richtung Südwesten. Und wenn man dabei insgesamt nicht einen großen Bogen gegen den Uhrzeigersinn geschlagen hätte, wäre es noch wesentlich früher passiert. Bei einem Start in genau die entgegensetzte Richtung hätten die Läufer den gleichen Punkt nämlich mit deutlich weniger Schritten erreichen können.

Uniformierte Ordner mit Leuchtwesten sichern die Stelle, an der Läufer wieder mit dem Straßenverkehr in Berührung kommen. Doch werden die Autos an der Kreuzung nur kurz gestoppt, damit sie nicht in das um die Ecke biegende Feld hinein fahren. Die Straße in die der Marathonkurs abknickt, ist dagegen keineswegs wirklich abgesperrt. Man läuft einfach auf der linken Seite dem um diese Uhrzeit noch recht spärlich fließenden Verkehr entgegen.

Wenn er vorhanden ist, wird dabei der direkt am Straßenrand markierte Radweg mit benutzt. Ansonsten kann man durchaus auch auf den Bürgersteig ausweichen, muss dann aber an der einen oder anderen Stelle auch einmal an geparkten Autos vorbei schlüpfen. Jeder sucht sich selbst seine ganz persönliche Ideallinie. Es funktioniert jedenfalls auch ohne übermäßig großen Absicherungsaufwand mittels Hütchen oder Flatterbändern. Die an den Kreuzungen aufgestellten Streckenposten sind vollkommen ausreichend.

Nachdem man anfangs hauptsächlich zwischen offenen Feldern und Wiesen unterwegs war… …stößt man nach ungefähr einem Drittel der Distanz erstmals auf den Großen Belt

Neben der Polizei hilft auch die Armee beim Absperren. Etwas außerhalb der Stadt unterhalten die dänischen Streitkräfte nämlich eine Kaserne. In dieser ist eines der Garderegimenter der Königin einquartiert. Wie ihre britische Kollegin wird sie schließlich an ihrem Schloss Amalienborg in Kopenhagen von Soldaten mit Bärenfallmützen bewacht. Und ebenfalls analog zum Vereinigten Königreich gibt es zudem auch noch eine berittene Truppe - eben jene in Slagelse stationierte Einheit.

Allerdings handelt es sich dabei nicht um Kürassiere mit Helm und Brustpanzer wie die britischen Gegenstücke der Household Cavalry. Die Paradeausstattung der dänischen Berittenen orientiert sich vielmehr an den Uniformen von Husaren mit den typischen Schnürungen auf der Brust und umgehängter Jacke. Wenn die Kavalleristen von "Gardehusarregimentet" nicht durch wichtigere Aufgaben in der Hauptstadt verhindert sind, ziehen sie jeden Mittwoch mit ihrer berittenen Kapelle durchs Zentrum von Slagelse.

Sie kommen dabei auch praktisch direkt am Slagelse Stadion vorbei, in dem man zukünftig Erstligafußball zu sehen bekommen wird. Denn der dort spielende "FC Vestsjælland" ist gerade in die dänische "Superliga" aufgestiegen. Die Benennung des Clubs gleich nach der ganzen Region Westseeland ist in Dänemark keineswegs ein Einzelfall. In der gleichen Klasse treten zum Beispiel auch der FC Nordsjælland, der FC Midtjylland sowie Sønderjysk Elitesport an, die jeweils als Spielgemeinschaft kleinerer Vereine in Nordseeland, Mittel- und Südjütland entstanden.

Bisher erfolgreichstes Team des Städtchens sind allerdings trotzdem die Handballerinnen des Slagelse FH, die in den Jahren 2004, 2005 und 2007 gleich dreimal die europäische Champions League gewannen und auch drei nationale Meisterschaften und einen Pokalsieg in der Titelsammlung haben. Inzwischen ist der ehemalige Top-Club allerdings insolvent und versucht in der dritten Liga einen Neuanfang.

Etwa einen Kilometer lang orientiert sich der Kurs am Storebælt

Anfangs verläuft die aus der Stadt hinausführende Bjergbygade - selbst wenn man es aufgrund der gleichen Wortherkunft vermuten könnte, ist mit "gade" im Dänischen keineswegs jenes besonders enge Sträßchen gemeint, das im Deutschen mit "Gasse" bezeichnet wird, es ist die ganz normale Bezeichnung für "Straße" - flach. Erst kaum merklich, dann aber doch langsam spürbar beginnt sie irgendwann leicht zu steigen.

Nachdem man unter einer Umgehungsachse hindurch getaucht ist, lässt sich dies bedingt durch den schnurgeraden Verlauf der Strecke auch optisch nicht mehr im Geringsten verheimlichen. Mit heftigen Stichen, wie man sie im Mittel- oder gar Hochgebirge erleben kann, hat das natürlich nichts zu tun. Die Steigungsgrade kommen selbst in den steilsten Abschnitten kaum an fünf Prozent heran. Doch ganz so flach, wie man vielleicht erwartet, ist Seeland eindeutig nicht.

Wie der größte Teil des Landes besteht auch seine wichtigste Insel aus einer leicht welligen Moränenlandschaft, die an den höchsten Stellen durchaus einmal die Hundert-Meter-Marke übertreffen kann. Kaum mehr als zehntausend Jahre ist es her, dass sich die Gletschermassen der letzten Eiszeit, die Dänemark abgesehen vom Südwesten Jütlands nahezu vollständig bedeckt hatten, zurück zogen und dabei ihre Ablagerungen als hüglige Spuren hinterließen.

Bis zur Überquerung der Autobahn, die im Süden um die Stadt herum führt, nimmt der Steigung weiter zu. Dann kann man erst einmal kurz durchatmen, weil das Terrain wieder abflacht. Zudem ist es nun auch wesentlich offener. Statt den ziemlich genau bis an die - in diesem Abschnitt "Vestmotorvejen" genannte - Straßen-Fernverbindung heran reichenden Wohnhäusern von Slagelse bestimmen nun weite, von einzelnen Hecken und Baumgruppen unterbrochene Ackerflächen das Bild.

Das Schild mit der "40" hat man in diesem Moment schon passiert. Natürlich hat man diese Distanz nach bisher nur einigen Minuten Laufzeit nicht im Entferntesten zurück gelegt. Doch ist diese Markierung auch keineswegs ein Lapsus der Organisatoren. Die Strecke ist vielmehr rückwärts kilometriert, so dass die Zahlen immer niedriger werden. Der große Vorteil der Methode liegt natürlich darin, für die in der zweiten Hälfte hinzu kommenden Halbmarathonläufer keine zusätzlichen Tafeln zu benötigen.

Auf einer kleinen Kuppe dreht man dem Meer wieder den Rücken zu

Noch immer ist man ohne echte Absperrung auf der linken Seite der Straße unterwegs. Was hierzulande aus versicherungstechnischen Gründen wohl nie genehmigt werden würde, stellt anderswo nicht das geringste Problem dar. Die ersten Kilometer führen zwar eindeutig entlang der breitesten Straße während des gesamten Rennens. Doch mehr als ein Drittel der Distanz verläuft auf eigentlich für den Autoverkehr freigegebenen Wegen, die zwar mit Warntafeln versehen und an großen Kreuzungen auch gesichert, aber keineswegs vollständig gesperrt sind.

Nach ungefähr drei Kilometern biegt der Marathonkurs leicht nach links in eine jener irgendwo zwischen kleinem Sträßchen und breitem Feldweg einzuordnenden Strecken ab, die den ersten Teil des Laufes klar dominieren werden. Vorbei an recht locker in der Landschaft verstreuten Häusern und Höfen legt der Anstieg noch einmal etwas zu und steuert dem durch einen Sendeturm markierten höchsten Punkt des Laufes entgegen.

Nur etwa achtzig Meter über dem Meer liegt diese Stelle. Und kaum die Hälfte davon hat man aufgrund der Ausgangshöhe wirklich "erklettert". Doch die Aussicht von oben ist dennoch beachtlich und reicht bis zum rund ein Dutzend Kilometer entfernten Storebælt. Während sich die Hügel im Osten weiter fortsetzen und sogar noch einige Meter höher werden, fällt das Gelände nach Westen nämlich zum Wasser hin beständig ab.

Am "højeste punkt" der Marathonstrecke könnte man allerdings auch noch etwas weiter nach oben. Denn direkt neben dem Weg sind zwei große Hügelgräber aufgeschüttet. Eines davon wird "Hashøj" genannt und hatte einst der vierten Kommune, die neben Slagelse, Korsør und Skælskør bei der Gebietsreform zur neuen Großgemeinde zusammen gelegt wurde, den Namen gegeben. Der andere wird "Galgebakken" genannt. Und was es mit dieser Bezeichnung auf sich hat, lässt sich unschwer erraten. Lange Zeit war er auch die Hinrichtungsstätte der Region.

Nach einem Besuch im Dorf Svenstrup… …geht es auf schmalem Weg weiter nach Korsør

Für die Kommune, der er den Namen gab, war der Grabhügel Hashøj der höchstgelegenste Punkt. Doch sogar bei der Bestimmung der höchsten Erhebung des ganzen Landes haben diese keineswegs seltenen künstlichen Kuppen aus der Bronze- und Eisenzeit eine Bedeutung. Je nachdem ob man sie mitrechnet oder nicht, bekommt die dänische "Rekordliste" nämlich ein anderes Aussehen.

Das wird umso verständlicher, wenn man erfährt, dass bei deren Bestimmung die entscheidende Maßeinheit Zentimeter heißt. Der nun als "Gipfel" Dänemarks genannte "Møllehøj" übertrifft mit 170,86 Metern seinen ersten Verfolger "Yding Skovhøj" um ganze neun von ihnen. Und neben der Nummer drei "Ejer Bavnehøj", der nur einige hundert Meter vom Spitzenreiter entfernt liegt und vor genaueren Vermessungen im letzten Jahrzehnt selbst lange Zeit als Titelträger galt, finden sich sogar noch drei weitere Hügel innerhalb von kaum mehr als einen einzigen Meter dahinter.

Ein Hünengrab auf dem Yding Skovhøj überragt seinerseits den Møllehøj jedoch wieder um knapp zwei Meter. Als zwar natürlich aussehendes, aber eben doch von Menschen geschaffenes Bauwerk wird es inzwischen jedoch nicht mehr berücksichtigt. Genauso könnte man ja auch den dreizehn Meter hohen Aussichtsturm auf dem mehr als ein Jahrhundert als führend geltenden Ejer Bavnehøj mitrechnen.

Unter solchen Voraussetzungen käme es dann allerdings sowieso zu einer ganz anderen Reihenfolge. Denn einige Sendemasten übertreffen die Marke von dreihundert Metern. Und auch die Pylonen von "Storebæltsbroen" sind mit mehr als zweihundertfünfzig Metern weit höher als die höchste natürliche Erhebung des Landes. Da kann es kaum verwundern, dass man die noch weit entfernten Brückenmasten bereits am Horizont erkennen kann.

Das alte Gerichts- und Arrestgebäude von Korsør … … und die Hafenfestung zeigen die lange Geschichte der Stadt

Viel eher geht der Blick aber in eine andere Richtung. Denn von Südwesten ziehen ziemlich dunkle Wolken auf das Läuferfeld zu. Bereits beim Start war der strahlende Sonnenschein, der die Marathonis auf dem Nytorv empfangen hatte, von einem eher bedeckten Himmel abgelöst worden. Doch nun zeigt die unverkennbar näher kommende Regenfront, dass es nicht dabei bleiben wird. Schon bevor man das Dörfchen Slots Bjergby erreicht, zu dem sich der Weg hinter der Kuppe hinunter senkt, fallen die ersten Tropfen.

Wirklich hinein in die Ortschaft kommen die Läufer nicht. Am Rande der Siedlung schwenken sie nach rechts und steuern entlang der ersten Häuserreihe wieder auf die vor einem guten Kilometer verlassene Hauptstraße - sie führt von Slagelse in den Zielort Skælskør führt - zu. Leicht wellig, aber tendenziell noch immer deutlich fallend geht es auch nach der Überquerung der Piste durch eine gelegentlich von einzelnen Bauernhöfen durchsetzte Ackerlandschaft weiter.

In diesem, freien ziemlich schutzlosen Gelände kann die inzwischen recht heftigen Regen natürlich seine Wirkung voll entfalten. Doch so unangenehm der Guss auch sein mag, der den Marathonis eine kurze, aber ziemlich feuchte Abkühlung bietet, verglichen mit dem Gewitter, das sich am frühen Abend des Vortages über der Region entladen hatte, ist er eigentlich ziemlich harmlos.

Neben deutlich größeren Wassermassen in flüssiger Form waren dabei nämlich auch Hagelkörner zuhauf vom Himmel herunter gekommen, unter denen etliche die Größe von dicken roten Bohnen hatten. Bei solchen Bedingungen hätte man jedenfalls ganz sicher nicht so weit draußen unterwegs sein wollen wie in diesem Moment.

Enge kopfsteingepflasterte Gassen verleihen auch der Innenstadt von Korsør einen ziemlich gemütlichen Charakter

Da sie nun - abgesehen von einem kleinen Schlenker, mit dem nach etwa sechs Kilometern die Autobahn zum zweiten Mal überquert wird - meist ziemlich genau nach Westen laufen, habe die Marathonis die Storebælt-Brücke fast ständig im Blick, während die Strecke ziemlich schnell an Höhe verliert. Drei bis vier Kilometer reichen vollkommen aus, um auf ein Niveau herunter zu kommen, die nicht mehr allzu viel über dem Meeresspiegel liegt. Die Aussicht ist damit erst einmal dahin.

Im letzten Abschnitt des Gefälles treffen die Marathonis auf die Verbindungsstraße zwischen Slagelse und Korsør, die nicht nur gekreuzt werden muss, sondern für einige hundert Meter auch als Laufstrecke dient. Wegen der am Ende dieses Abschnittes nötigen Querung hinein in einen weiteren Feldweg ist der Verkehr diesmal allerdings angehalten, so dass zumindest das Hauptfeld eigentlich nur mit stehenden Autos in Kontakt kommt.

Weitgehend eben zieht sich der Marathonkurs für die nächsten beiden Kilometer durch die Felder hinüber zur kleinen Häusergruppe "Gammel Forlev" und taucht dabei unter einer fast tunnelähnlichen Brücke hindurch, über die in relativ dichter Folge die Züge von "Danske Statsbaner" dem Großen Belt entgegen rollen.

Im nur aus wenigen Höfen bestehenden "Alt-Torlev" - denn nichts anderes als "alt" bedeutet das für deutschen Ohren ziemlich negativ klingende "gammel" oder "gamle" in den skandinavischen Sprachen - werden die Läufer schon erwartet. Einige Kinder recken ihnen begeistert die Hände zum Abklatschen entgegen - eine Geste, der man wohl wirklich weltweit begegnen kann. Doch beim Lauf am Storebælt haben sie eher Seltenheitswert.

Einem Hügel hinab werden die Marathonis direkt am Startbereich des Halbmarathons vorbei geleitet Schon kurz nach dem Start hat sich Halbmarathonsieger Thomas Westensøe vom Rest des Feldes abgesetzt Thomas Rötzler Schmidt (rechts) und Claus Jensen belegen dahinter die Plätze zwei und drei

Wie bei einem "Naturmaraton" - von den Skandinaviern ursprünglich tatsächlich ohne "h" geschrieben, allerdings haben sich die großen Veranstaltungen inzwischen in der Regel dem internationalen Standard angepasst - kaum anders zu erwarten ist der Publikumszuspruch eher gering. Selbst in den "tre byer" sind es abgesehen von den im Marathontross folgenden Angehörigen meist nur einige eher zufällige Zaungäste, die einmal einen Blick auf die Läufer werfen. Doch liegt der Reiz eines Landschaftslaufes ja auch keineswegs in Zuschauermassen.

Natürlich kommen dazu auch noch die vielen Ordner an den Abzweigen sowie die nicht minder zahlreichen Helfer an den Verpflegungsstellen. Zehn dieser - in der Ausschreibung "Depot" genannten - Punkte passieren die Marathonis während ihres Rennens. Während anfangs dabei ein Rhythmus von ungefähr fünf Kilometern eingehalten wird, ist der Abstand im letzten Drittel der Strecke auf zwei bis drei Kilometer verkürzt. Gerade bei spürbarem Wind und angenehmen Temperaturen wie an diesem Tag kann man also wirklich nicht dehydrieren.

Das Angebot wird zum Ende hin ebenfalls etwas besser. Wasser und Elektrolytgetränke gibt es zwar überall. Doch führt nur jeder zweite Posten auch Obst und Müsliriegel. Schon alleine dadurch dass diese im Schlussabschnitt deutlich häufiger vor ihnen auftauchen, haben die Läufer jenseits von Kilometer dreißig deswegen auch öfter die Möglichkeit, den einen oder anderen festen Happen zu sich zu nehmen.

Die Klappbrücke über Korsør Havn bringt die Läufer ins Stadtzentrum Die spätere Zweite Rikke Due-Andersen liegt zu diesem Zeitpunkt noch in Führung Wenig später taucht man in die kleine Fußgängerzone des Städtchens ein

Die zweite Versorgungsstelle im noch einmal leicht fallenden Abschnitt zwischen Gammel Forlev und dem deutlich größeren neuen Träger dieses Namens, auf dem nun auch noch die letzten verbliebenen Höhenmeter abhanden kommen, ist jedenfalls die erste voll bestückte. Wie schon Slots Bergby wird auch Forlev nur am Ortsrand gestreift. Schon an den ersten Häusern knickt die kurz in südliche Richtung eingeschwenkte Strecke wieder nach Westen.

Irgendwann beginnt an einem Bauernhof ein Radweg - auf Dänisch "Cykelsti" genannt - und man steigt bei der Linienwahl von der nebenan liegenden Fahrbahn auf ihn um. Zum ersten Mal überhaupt haben die Läufer damit so etwas wie eine eigene, nur ihnen vorbehaltene Spur. Da der Verkehr auf dem schmalen Sträßchen aber keineswegs stärker als zuvor - also praktisch überhaupt nicht existent - ist, hätte man durchaus auch weiter in der Mitte bleiben können.

Als nach einem knappen Kilometer erkennbar wird, dass der Marathonkurs an der nächsten Ecke nach rechts weiter verlaufen wird, sucht sich dann auch jeder selbst irgendeine passende Stelle aus um zum Radweg auf der gegenüber liegenden Seite zu wechseln. Der Ordner, der an der Einmündung in eine Hauptstraße eigentlich die Querung sichern und das Feld in die richtige Richtung leiten soll, hat dann auch recht wenig zu tun.

Die Polizisten, die hundert Meter weiter Autos anhalten, damit die Läufer jenseits der Straße ihren Weg gleich wieder Richtung Meer fortsetzen können, finden da doch schon etwas mehr Beschäftigung. Zwar immer noch ziemlich grün, aber nicht mehr ganz so ländlich ist die Umgebung dort. Denn nun läuft man an der Wochenend- und Ferienhaussiedlung "Frølunde Fed" vorbei.

Ganz zufällig ist sie natürlich nicht an dieser Stelle errichtet. Denn nach einem weiteren Kilometer treten die Bäume und Hecken, hinter denen sich viele der Häuschen ein wenig verstecken, zurück und öffnen den Blick auf den in greifbare Nähe liegenden Belt. Man hat den ersten der versprochenen drei Strände erreicht. Anfangs trennen noch einige Wiesen das Wasser von den Läufern, die nun ziemlich genau ein Drittel der Distanz in den Beinen haben. Doch bald darauf führt die Straße ein Stück direkt am Ufer entlang.

Nach einem kurzen Besuch in der Stadtmitte von Korsør … … stößt die Strecke nach vierundzwanzig Kilometern erneut ans Meer vor

Etwa einen Kilometer lang orientiert sich der Kurs während seines ersten Besuches am Meer insgesamt am Storebælt, kommt ihm aber nur dieses eine Mal richtig nahe und geht dann - zum Teil auch bedingt durch den etwas kurvigen Küstenverlauf - erneut einige Meter auf Abstand. Die nun eine ganze Zeit relativ ebene Strecke bekommt dabei wieder leichte Wellen. Mehr als fünf oder zehn Meter Höhenunterschied geht es dabei selten auf und ab. Man muss allerdings auch keine Wasserwaage bemühen, um zu erkennen, dass die Topographie nicht wirklich eben ist.

Auf einer kleinen Kuppe dreht man der See wieder den Rücken zu und visiert das Dörfchen "Frølunde" an. Dass der Name der zuvor passierten Siedlung von ihm abgeleitet worden ist, lässt sich durchaus erahnen. Wobei "Fed" ein wortwörtlich nur schwer zu übersetzender dänischer Begriff für eine Strandform aus Dünen, Salzwiesen und dazwischen liegenden, gegebenenfalls feuchten Senken ist.

Die langen Küstenlinien des Landes bringen schließlich eine ganze Reihe unterschiedlicher Varianten hervor. Und wie in solchen Fällen meist üblich existieren bei der Bevölkerung für geografische Bezeichnungen immer feinere Abstufungen, je näher man an einem bestimmten Landschaftstyp heran kommt.

Fast nahtlos geht das kleine Frølunde ins deutlich größere Dorf Svenstrup - trotz kaum zweitausend Einwohnern nach Slagelse, Korsør und Skælskør sowie dem unwesentlich mehr Menschen zählenden Forlev immerhin fünftgrößte Teil der Großgemeinde - über. Fast zwei Kilometer lang ist man so fast durchgängig in bewohntem Gebiet unterwegs, selbst wenn zwischendurch durchaus auch einmal eine Ackerfläche oder Wiese passiert wird.

Mehrere Kilometer verläuft die Laufstrecke nun über Sand- und Graswege entlang des Storebælt

Am anderen Ende der weitgehend aus Einfamilienhäusern bestehenden und kaum noch an ein Bauerndorf erinnernden Ortschaft zweigt ein Weg von der quer durch Svenstrup hindurch führenden Straße ab und führt auf eine markante, fast kreisrunde Kuppe zu. Der Moränenhügel, dem man da leicht bergan entgegen läuft, trägt die gleich doppelt beeindruckende Bezeichnung "Højbjerg".

Doch wäre bei einer Erhebung von gerade einmal etwa zwanzig Metern - von denen die Marathonis nicht einmal die Hälfte bewältigen müssen - natürlich wohl weder "hoch" noch "Berg" ein angebrachter Begriff, wenn nicht Dänemark zu den flachsten Ländern in ganz Europa gehören würde. Nur die beiden Stadtstaaten Vatikan und Monaco kommen mit dem höchsten Punkt ihres Territoriums nicht über den Møllehøj hinaus. Selbst die im Namen so niedrigen Niederlande können diesen dagegen um rund einhundertfünfzig Meter übertreffen.

Doch summieren sich die Anstiege auf der Strecke des Storebælt Marathon durch die vielen kleinen Wellen halt dennoch zu einer dreistelligen Zahl an Höhenmetern. Die Brücke, die man direkt neben dem "hohen Berg" überquert, um wieder auf die andere Seite der sich langsam dem Tunnel nähernden Bahngleise zu gelangen, trägt einige weitere dazu bei.

Über die rechte Schulter lässt sich immer wieder ein Blick auf die Beltbrücke im Hintergrund werfen

Dahinter - man nähert sich bereit dem zwanzigsten Kilometer - wird die Bezeichnung "Naturmaraton" deutlich stärker mit Leben gefüllt als bisher. Denn statt auf weiten, offenen Straßen unterwegs zu sein, schlüpft man nun auf einem deutlich schmaleren Pfad zwischen sattgrünen Sträuchern durch. Zwar ist der Untergrund auch weiterhin asphaltiert, doch lässt die Breite des Weges kaum noch zwei Läufer nebeneinander zu.

Das Gelände wirkt schon alleine durch das Fehlen von hohen Bäumen, als wäre es erst vor nicht allzu langer Zeit renaturiert worden. Und beim Blick auf die Karte bestätigt sich aufgrund des Verlaufes die Vermutung noch, dass es sich bei diesem Grünstreifen um die alte Bahntrasse handeln könnte, die bis zur Eröffnung der Beltquerung den Zugverkehr zum Fährhafen von Korsør aufgenommen hatte.

Nicht allzu lange bleibt man in der sich gerade erst wieder entwickelnden Natur, dann kippt das Umfeld innerhalb kürzester Zeit in ein anderes Extrem. Erst stößt der Fuß- und Radweg auf eine kleine Stichbahn, die für den Güterverkehr noch eine Anbindung an die neue Trasse sicher stellen soll, nur wenige Schritte später auf einen großen Verkehrskreisel. Von dort ab müssen die Marathonis ihren Lauf wieder neben der Straße fortsetzen, an der sich der Cykelsti nun orientiert.

Und nachdem man kurz darauf auch noch die Autobahn unterquert hat, ist man mitten in einem neuen Gewerbegebiet zwischen Baumärkten, Möbelhäusern und der fast unvermeidlichen Filiale einer der beiden auch beim nördlichen Nachbarn ziemlich aktiven deutschen Lebensmittelketten mit vier Buchstaben gelandet. Das Ganze ist weder idyllisch natürlich noch dänisch hyggelig sondern vielmehr ziemlich austauschbar.

Über einen Kilometer lang zieht sich die bunte Läuferreihe den Strand entlang

Doch schon mit dem nächsten Kreisel schlägt das Pendel erneut um. Nach dessen Überquerung bleibt die Strecke nämlich nicht mehr auf dem weiter der Straße folgenden Radweg. Die Kursarchitekten haben für die nächsten Meter vielmehr einen schmalen, grasbewachsenen Pfad ausgesucht, der direkt in die Büsche und Bäume eines kleinen Wäldchens eintaucht. Der erste nicht aus Asphalt bestehende Weg hat gleich den Charakter eines Crosslaufes.

Man ist nun im "Bypark" von Korsør unterwegs, der sich für mehr als einen Kilometer entlang der alten Bahntrasse erstreckt. Mitten in diesem ziemlich neuen "Stadtpark" befindet sich der Startpunkt für den Halbmarathon. Platz genug für das weit größere Teilnehmerfeld ist dort vorhanden. Und während in Slagelse am Nytorv keinerlei Umkleidemöglichkeiten zur Verfügung standen hat man mit "Korsør Hallen" in einigen hundert Metern Entfernung auch dafür die nötige Infrastruktur.

Zwei Stunden nach den Marathonis gehen die Läufer der Halbdistanz auf die Reise. Ein Abstand, für den es gleich mehrere gute Argumente gibt. Denn zum einen ist so eigentlich garantiert, dass die Marathonsieger zuerst im Ziel einlaufen und nicht irgendwo im großen Feld untergehen. Und auch ambitionierte Läufer im Bereich von drei bis dreieinhalb Stunden werden erst relativ spät eingeholt, keineswegs jedoch von dichten Pulks langsamerer Läufer ausgebremst.

Dass man gleichzeitig mit dem Halbmarathon in der Nähe von Skælskør auch über fünf Kilometer startet, widerspricht diesem Ansatz keineswegs. Denn da in Slagelse erfahrungsgemäß keine Eliteathleten am Start sind, die zweiundvierzig Kilometer unter zweieinhalb Stunden abspulen können - der Streckenrekord liegt bei 2:37:24, alle anderen Siegerzeiten waren bisher sogar mindestens fünf Minuten langsamer - sind maximal noch vereinzelte Nachzügler auf der kürzesten Distanz unterwegs, wenn die schnellsten Langstreckler ankommen.

Eine frische Brise weht den Läufern ins Gesicht und lässt die Wellen ans Ufer schlagen

Auch diesmal wird Poul Petersen als erster Marathonläufer mit einer Zeit von 2:50:44 ziemlich genau in diesem Bereich landen. Als einziger unterbietet er dabei auch die Marke von drei Stunden. Denn Chano Appeldorff Kristensen und Nicolas Barnstein als Zweit- und Drittschnellster bei den Herren liegen in 3:02:47 und 3:03:49 schon mehr als ein Dutzend Minuten hinter dem Gewinner

Zwischen die beiden schiebt sich auf Gesamtrang drei durch Nina Weiss Madsen bereits die schnellste Frau. Bei einer Zeit von 3:03:15 bleiben die Uhren für sie stehen. Bis mit Signe Ridderberg ihre ärgste "Verfolgerin" die Linie überqueren wird, kann sie in aller Ruhe zu den fünfhundert Meter vom Ziel entfernten Umkleiden marscheiern, dort duschen und auch wieder zurück kommen. Denn Platz zwei ist erst ziemlich genau eine halbe Stunde später nach 3:33:08 vergeben. Und Nanna Berg als Dritte liegt in 3:41:20 acht weitere Minuten zurück

Nicht die Sieger bei "Mænd" und "Kvinder" sondern ein ganzes Dutzend Marathonläufer sind im Ziel, bevor mit Thomas Westensøe der Schnellste der Halbdistanz in Skælskør ankommt. Für ihn werden 1:18:34 gestoppt. Thomas Rötzler Schmidt kann den lange mit ihm zusammen laufenden Claus Jensen (1:20:18) auf den letzten Kilometern noch klar abhängen und sichert sich in 1:19:26 Platz zwei.

Ebenfalls eng, vor allem aber unübersichtlich geht es bei den Frauen zu, wo Anna Wulff Westergaard die lange Zeit deutlich führende Rikke Due-Andersen noch kurz vor dem Ziel noch beinahe einholt. Due-Andersen überquert als Erste die Linie und liegt in der Bruttozeit mit 1:26:21 drei Sekunden vor Wulff Westergaard. Da diese allerdings achtzehn Sekunden bis zur Startlinie brauchte, während Rikke Due-Andersen sie in zwei Sekunden überschritten hatte, ergibt sich netto in mit 1:26:07 zu 1:26:19 genau die umgekehrte Reihenfolge.

Nach einiger Zeit wird das Gelände welliger, immer häufiger tauchen windschiefe Bäume und Hecken entlang der Strecke auf

Wie in solchen - immer wieder einmal auftretenden - Fällen üblich, kann man nun trefflich darüber streiten, wer den "Kvinder-Halvmaraton" denn nun wirklich gewonnen hat. Für jede der beiden Sichten gibt es durchaus gute und vernünftige Argumente. Die nach Nettozeiten sortierte Ergebnisliste nennt jedenfalls Anna Wulff Westergaard als Siegerin. Zumindest der dritte Platz der für den Klub mit dem schönen Namen "Hellas Roskilde" eine 1:33:51 laufenden Inger Madsen ist vollkommen unstrittig.

Wer beim Marathon länger als dreieinhalb Stunden unterwegs ist, die Halbzeitmarke aber vor den genannten zwei Stunden passiert, kann alle Genannten irgendwann an sich vorbei eilen sehen. Dahinter vermischen sich dann Voll- und Halbdistanzler jedoch ziemlich gut. Der gewählte Zeitabstand lässt schließlich genau die jeweils mittleren Bereiche die beiden Gruppen aufeinander treffen.

Die nach einundzwanzig Kilometern bereits weit auseinander gezogenen, ziemlich vereinzelt laufenden Marathonis bekommen - als Vorteil dieser Startform - auf der zweiten Hälfte wieder Gesellschaft. Obwohl natürlich anfangs etliche Überholvorgänge der schnelleren Halbmarathonläufer nötig sind, ist es dabei sicher noch um einiges leichter ein großes dichtes Feld an einem kleinen verstreuten vorbei zu führen als umgekehrt.

Allerdings müssen die schnelleren Marathonis auch noch irgendwie um den Aufstellungsbereich herum geleitet werden. In Slagelse - oder eigentlich ja in Korsør - macht man dies keineswegs weiträumig, um beide Strecken erst etwas später zusammen zu bringen. Nach dem Überwinden eines Hügels läuft man vielmehr von oben direkt auf die hinter der Startlinie Wartenden zu. Ein Flatterband sorgt aber dafür, dass dennoch ein schmaler Streifen für die Marathonstrecke frei bleibt.

Auf einem schmalen Trampelpfad geht es mitten durch die Büsche, bevor man noch einmal direkt zum Meer hinunter kommt

Der weiche Grasboden wird hinter der Startzone zu einem "Grussti". Mit dem Wort "Grus" wird in Skandinavien jener gewalzte Schotterbelag bezeichnet, der in breiterer Ausführung insbesondere weiter im Norden durchaus auch einmal als öffentliche Straße dienen kann. Doch den ersten gemeinsamen Kilometer der beiden Distanzen absolviert man weiter in der lang gestreckten Grünanlage des Korsør Bypark.

An einem weiteren Rondell stößt die Laufstrecke wieder auf die während der ganzen Zeit parallel verlaufende Straße und trifft damit gleichzeitig auch auf den Hafen von Korsør. Bei der halben Runde um den Kreisel kann man einen Blick auf den alten Bahnhof der Stadt werfen. Seiner ehemaligen Bedeutung durchaus angemessen hat er mit gekröntem Türmchen und vielen Giebeln beinahe das Aussehen eines kleinen Schlosses. Die etwa drei Kilometer entfernte neue Station wirkt dagegen weit weniger imposant und eher nüchtern.

Das Hafenbecken direkt am früheren Bahnhof ist inzwischen zugeschüttet. Andere Teile des Fährhafens existieren noch, doch hat man die Piers dort mit modernen Wohnhäusern bebaut. Die Bewohner haben so praktisch das Wasser direkt vor der Haustür. Zwar hat die Einstellung des Fährverkehrs in Korsør natürlich Arbeitsplätze gekostet und das Städtchen von einer entscheidenden Drehscheibe des dänischen Verkehrs zu einem weit weniger wichtigen Provinzort gemacht. Doch hat man dadurch eben auch Raum für Neues gewonnen.

Die in einem anderen Teil des Hafens vor Anker liegenden Schiffe der dänischen Seestreitkräfte zeigen zudem, dass Korsør keineswegs vollkommen in der Bedeutungslosigkeit versunken ist. Denn die "Flådestation Korsør" ist einer der beiden großen Stützpunkte der meist kurz "Søværnet" - wörtlich übersetzt ungefähr "die Seewache" - genannten königlichen Marine. Von der in Zeiten dänischen Großmachtstrebens im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert so starken Flotte ist allerdings nur noch wenig übrig. Sie besteht heute aus weniger als viertausend aktiven Seeleuten.

Dem kleinen Abstecher zum Strand folgt ein kurzer, aber steiler Anstieg… …und ein weiterer Trampelpfade durchs Gebüsch… …dann dreht der Kurs vom Meer weg und verläuft an einigen Gehöften vorbei

Auch das Bauwerk gegenüber des alten Bahnhofs ist militärischen Ursprungs. Denn jenseits des Wassers sind die Überbleibsel der - zum Teil allerdings abgetragenen - früheren Festung zu erkennen, die einst die Einfahrt zum wichtigen Hafen bewachte. Sogar aus dem Mittelalter stammt der wuchtige Turm, der "Korsør fæstning" überragt. Und die auf den Wällen postierten alten Kanonen erklären auch den zweiten Namen, unter dem die Anlage bekannt ist. Er lautet nämlich "Søbatteri".

Die Festung sitzt auf der nördlichsten Spitze einer Halbinsel, die den eigentlichen Kern von Korsør beherbergt. In Form eines großen "S" trennt ein schmaler Meeresarm das Zentrum vom nördlichen Stadtbezirk Halsskov, in dem sich die Läufer noch immer bewegen. Beide Teile zusammen ragen ihrerseits wieder auf einer etwa dreieckigen Halbinsel in den Großen Belt. Genau dort, wo die - tatsächlich die engste Stelle zwischen Seeland und Fünen überspannende - Brücke beginnt, hat diese "Halvø" ihren westlichsten Punkt.

Im Osten der Stadt weitet sich der schmale Hafen zu einem fast zehn Quadratkilometer umfassenden Salzwassersee. Er sitzt ziemlich exakt in der Mitte des in den Storebælt hinaus reichenden Dreiecks. Nachdem man etwa eine halben Kilometer auf einen Radweg neben der Straße zurückgelegt hat überquert man auf einer Klappbrücke die Stelle an der "Korsør Havn" in diesen "Korsør Nor" übergeht.

Verpflegungsstellen gibt es ausreichend unterwegs… …doch manchmal ist das Angebot eher ungewöhnlich, "Jordbær" gehören sicher nicht zum internationalen Standard

Ähnlich wie "Fed" ist auch "Nor" ein Begriff, der sich auf eine für diese Region typische Landschaftsform bezieht, nämlich eine Bucht, die nur noch durch einen schmalen Durchlass mit dem Meer verbunden ist. Diesmal gibt es aber zumindest auch ein Gegenstück in der deutschen Sprache. Doch ist das in Schleswig-Holstein für einige vergleichbare Gewässer verwendete "Noor" natürlich genau das gleiche Wort. Es ist übrigens nicht die einzige dieser ganz speziellen Buchten, die man während des Laufes zu Gesicht bekommt. Der Zielort liegt nämlich am "Skælskør Nor".

Jenseits der Brücke mit ihrem massigen Gegengewicht oberhalb der Fahrbahn erreicht man die Innenstadt von Korsør. In der Streckenbeschreibung lässt sich zu ihrer Überschreitung folgender Satz finden: "Broen bliver ned efter aftale med Korsør Havn". Mit etwas Phantasie lässt er sich eigentlich ganz gut als "die Brücke bleibt nach Absprache mit dem Hafen von Korsør unten" entschlüsseln. Es ist durchaus beruhigend, dass man während des Rennens garantiert nicht vor einer hochgefahrenen "Klapbro" steht.

Auf direktem Weg wird die Fußgängerzone innerhalb von nur wenigen hundert Metern durchquert. Viel Zeit haben die Marathonis jedenfalls nicht, die zum Teil ziemlich hyggeligen Gassen des Städtchens zu besichtigen. Die Wohnblöcke, zwischen denen man anschließend eine kleine Kuppe hinauf läuft, sind dagegen weit weniger gemütlich. Auch dabei ist man neben einer keineswegs gesperrten Straße erst einmal auf dem linken und - nachdem man unter Hilfe von Ordnern die Seite gewechselt hat - auf dem rechten Bürgersteig unterwegs.

Rund einen Kilometer geht es die Straße entlang, wobei hinter dem kleinen Hügel wieder niedrigere Einfamilienhäuser die gleichförmigen Kästen abgelöst haben, dann biegt die Strecke nach rechts ab. Und nachdem noch einmal eine Verpflegungsstelle die Möglichkeit zur Stärkung bieten konnte, ist man wenig später zum zweiten Mal am Meer angekommen. "Ceres Strand" heißt dieser Küstenabschnitt, der vielleicht für die Fotografen die spektakulärsten Bilder des gesamten Marathons liefert.

Felder und kleine Wäldchen wechseln sich auf den nächsten Kilometern ab

Auf einem schmalen, manchmal auch ein wenig sandigen Weg geht es zwischen Strandgräsern entlang. Ein leichtes Auf und Ab macht den Pfad dabei nur noch interessanter. Rechts der Läufer schlagen vom die ganze Zeit schon kräftigen, nun aber wesentlich deutlicher zu spürenden Wind aufgewühlte Wellen ans Ufer. Und den Hintergrund bildet nicht nur die Häuser von Korsør sondern auch die riesige Storebælt-Brücke.

Mehr als einen Kilometer verläuft die Strecke über dieses Terrain. Neben den Gräsern tauchen immer häufiger einmal windschiefe Büsche und schließlich niedrige, vom Wind noch viel stärker in Schräglage gebrachte Bäume am Streckenrand auf. Die anfänglich eher kleinen Wellen im Profil schaukeln sich langsam bis zu etlichen Metern auf. Und dass die Sonne inzwischen längst wieder gelegentlich durch die Wolken lugt, sorgt zudem für ein ganz besonderes Licht.

Obwohl man auf der linken Seite noch immer Bebauung hat, rechtfertigt eine solche Passage den Namen "Naturmaraton" nun wirklich. Schon alleine für diesen Abschnitt hat sich der eher langatmige Vorlauf quer durch ganz Korsør eindeutig gelohnt. Doch wird die zweite Hälfte der Strecke von nun auch weiterhin wesentlich abwechslungsreicher und landschaftlich reizvoller sein als der zwar keineswegs hässliche, aber doch eher unspektakuläre erste Teil.

Irgendwann tauchen die Läufer endgültig in die Hecken ein. Die Äste schlagen über ihnen zusammen. An ein Überholen, das im freien Gelände davor zumindest noch über das Gras neben dem Weg möglich war, ist nicht mehr zu denken. Die Vorderleute bestimmen jetzt das eigene Tempo mit. Und prompt stockt es dann auch ab und zu, wenn einmal ein Zweig besonders tief hängt oder am es Boden noch ein letztes feuchtes Überbleibsel der Regenfälle der vergangenen Tage gibt.

Ein weiteres Mal senkt sich der Pfad, der zwischen den Büschen einige Meter oberhalb des Wassers verlief, ziemlich steil zum Meer ab und stößt dabei erneut direkt ans Ufer vor. Doch nur wenige Meter dauert der kleine Abstecher zum Strand. Danach verschwindet die bunte Läuferschlange über einen noch steileren, sogar mit einer Reihe von Treppenstufen versehenen Anstieg gleich wieder im Gebüsch. Dahinter nimmt ein neuer schmaler Weg, der das Laufen nur hintereinander zulässt, die Marathonis auf.

Der Gutshof Espe bildet bei Kilometer dreiunddreißig einen markanten Orientierungspunkt

Doch dreht dieser Trampelpfad bald darauf langsam von der Küste weg. Und die dichten Hecken wandeln sich zu einem hohen, lichten Wald. Immer noch leicht bergan geht es durch den "Korsør Skov", der in seinen Ausmaßen natürlich nicht in entferntesten mit den schier unendlichen Waldgebieten der skandinavischen Nachbarn mithalten kann, in der ansonsten allerdings weitgehend von Feldern und Wiesen geprägten Landschaft von Vestsjælland trotzdem eine Besonderheit darstellt.

Nicht allzu lange geht es auf schmalen Pfaden durch den Skov, dann tritt die Strecke auf einem asphaltierten Weg wieder ins Feld hinaus. Da sich sowohl das moderne Hotel und als auch die alten Gehöfte, die man dabei passiert, ein wenig zwischen Baumhainen verstecken, ist die Landschaft aber weit weniger offen als im ersten Streckenteil. Außerdem hat man geradeaus schon wieder den "Klarskov" im Blick. Nicht einmal einen Kilometer nachdem sie den letzten Wald verlassen haben, erreichen die Läufer nämlich bereits im nächsten.

Von den angekündigten "tre byer, tre strande, tre skove" hat man nun also jeweils zwei zu Gesicht bekommen. Dass man nun auch ziemlich genau zwei Drittel der Strecke hinter sich gebracht hat, passt dazu eigentlich ideal. Der Asphalt weicht wieder einem Grussti, auf dem man erst einmal am Waldrand entlang dem Storebælt entgegen läuft. Aber einige hundert Meter bevor man diesen erreicht, dreht die Strecke dann schließlich doch in den Klarskov hinein.

Dort kommt der Untergrund weit weniger fest daher als zuvor. Die eine oder andere größere Pfütze hat sich auf dem weichen Forstweg gehalten. Und noch viel häufiger ist der Boden etwas matschig. So lässt es sich kaum vermeiden, das Schuhe und Beine einige Dreckspritzer abbekommen. Doch wer zu einem "Naturmaraton" mit nagelneuem, vielleicht auch noch hellem Schuhwerk antritt und sich dann darüber wundert, dass hinterher an ihnen ein wenig Erdboden klebt, ist wohl eindeutig selbst schuld.

Obwohl immerhin rund ein Drittel des Kurses über nicht befestigte Wege führt, stellt der Klarskov allerdings die einzige Passage dar, in der es tatsächlich ein wenig rutschiger zugeht. Der sandige Boden hat ansonsten dafür gesorgt, das vom Himmel gekommene Wasser schnell wieder verschwinden zu lassen. Praktisch die gesamte Strecke ist ausgezeichnet zu belaufen. Auch in dieser Hinsicht kommt der Marathon von Slagelse also ziemlich zahm daher. Doch woher soll man im hyggeligen Dänemark auch wilde und raue Natur her bekommen.

Etwa acht Kilometer vor dem Ziel stößt die Strecke noch einmal für einen längeren Abschnitt an den Storebælt vor

Nach einem Kilometer zwischen Bäumen treten die Marathonis erneut in offeneres Gelände hinaus und setzen ihre Reise auf nun wieder asphaltierten Feldwegen fort. Während sie von einem Gehöft zum nächsten ständig weitere Meter für die Gesamtdistanz sammeln, begleiten sie zum Teil hohen Wallhecken am Streckenrand, die das Sträßchen von den dahinter liegenden Ackerflächen trennen. Dieser natürliche Windschutz ist nämlich auch auf Seeland weit verbreitet.

Da man trotz einiger Kurven dabei anfangs tendenziell vom Meer wegläuft, geht es erst einmal auch wieder etwas bergan. Nachdem man allerdings eine gewisse Höhe erreichte hat, dreht der Feldweg auf eine andere Richtung. Mit leichten Wellen - von "små bakker" ist in der Beschreibung die Rede - und vorsichtigem Zickzack zieht es sich nun im Abstand von etwa einem Kilometer ziemlich parallel zur Küstenlinie entlang. Fast ständig kann man dabei einen Blick auf den in der Ferne liegenden Storebælt werfen.

Noch rund zehn Kilometer sind zu laufen, als man dabei einen Schlenker um ein kleines Wäldchen macht - es zählt nicht zu den "tre skov" - und dem Meer wieder ein bisschen näher kommt. Doch zum einen schwenkt der Weg dann doch wieder nach links, um noch an einer zweiten Seite des Haines entlang zu laufen. Zum anderen knickt das zuvor südöstlich orientierte Meeresufer genau in diesem Moment nach Süden ab. Und wenig später ist das Wasser beinahe noch weiter entfernt als zuvor.

Dafür tauchen aber einige größere Gebäude vor den Läufern aus. Sie gehören zum Gutshof Espe, der bei Kilometer dreiunddreißig einen markanten Orientierungspunkt bildet. Anfangs sieht man nur mehrere moderne Feldhallen. Doch nachdem man diese erreicht hat, kommen auch die gegenüber liegenden, wesentlich älteren Fachwerkbauten mit traditionellem Reetdach in Sicht. Das eigentliche Herrenhaus wird von diesen im Rechteck angeordneten Ställen und Scheunen jedoch verdeckt.

Vor den Hallen ist eine weitere Verpflegungsstelle aufgebaut, mit der die Phase der verkürzten Abstände zwischen den Versorgungsposten beginnt. Da am letzten vor kaum drei Kilometer passierten "Depot" auch Bananen auf den Tischen lagen, wäre nun eigentlich eine reine Getränkestelle an der Reihe. Trotzdem gibt es wieder etwas zu Essen, allerdings etwas nicht ganz alltägliches. Man bietet nämlich - hier kommt die Lösung des anfänglichen Rätsels - "Jordbær" an.

Noch knapp vier Kilometer sind zu laufen, als man von einer kleinen Kuppe den letzten Blick auf den Storebælt werfen kann

Denn auf den Feldern des Gutshofes werden unter anderem Erdbeeren - auf Dänisch sowohl in der Einzahl als auch in der Mehrzahl "Jordbær" genannt - angebaut. Und diese Früchte reicht man den Läufern nun als Verpflegung. Wie wild werden dabei von einer Helferin ständig neue Beeren von den Blättern befreit. Denn natürlich lässt sich kaum jemand diesen bei einem Marathon ziemlich ungewöhnlichen Leckerbissen entgehen.

Als Konkurrenz zu Äpfeln, Orangen oder insbesondere Bananen werden sich Erdbeeren schon alleine wegen der kurzen Saison und den schlechten Möglichkeiten zur Lagerung bei Laufveranstaltungen wohl kaum durchsetzen. Doch wenn man sie wie in diesem Fall im Haupterntemonat Juni praktisch direkt vom Acker geliefert bekommt, sind sie als Wettkampfverpflegung ganz sicher eine ausgezeichnete und schmackhafte Alternative. Neben dem Storebælt sind jedenfalls Jordbær eine der Besonderheiten des Marathons von Slagelse.

Ein Grusvej - diesmal ist es wirklich ein "vej", wie im Dänischen eine Fahrstraße über Land heißt, und kein "sti", ein etwas schmalerer Weg - führt vom Gutshof weg. Erst geht es noch einen weiteren knappen Kilometer zwischen sattgrünen Getreidefeldern entlang, dann ungefähr genauso lange durch "Egerup Skov", der nun tatsächlich den dritten der drei Wälder aus dem Werbetext darstellt.

Und kurz nachdem man in dieser Zählung bei "tre" angelangt ist, kann man auch für die Strände den angekündigten Höchstwert registrieren. Direkt hinter dem Skov schwenkt die Strecke nämlich nach rechts und strebt immer entlang der Bäume ein weiteres Mal dem Meer entgegen. Ziemlich genau in der Mitte zwischen den Tafeln mit den aufgedruckten Ziffern "8" und "7" kommt man erneut am Großen Belt an.

"Kobæk Strand" heißt dieser Uferabschnitt, der mit mehr als zwei Kilometern zwar der längste aller während des Marathons besuchten Strände ist, irgendwie aber trotzdem etwas weniger Eindruck als sein "Ceres" genannter Vorgänger in Korsør hinterlässt. Obwohl auch dieser Küstenteil durchaus seinen Reiz hat, bietet er eben doch weit weniger Abwechslung. Ein Grasweg führt ohne große Höhenunterschiede und nahezu schnurgerade zwischen dem Wasser und einer Viehweide entlang.

Der kräftige Südwestwind kann diesmal die Läufer wirklich voll packen und lässt den ohnehin schon etwas müden Schritt nur noch schwerer werde. Und die Helfer der am Strand aufgebauten Verpflegungsstelle haben durchaus eine gewisse Mühe mit ihren Bechern. Doch sind Wind und Meer eben auch zwei ziemlich eng zusammen gehörende Dinge. Bei einem als "Storebælt Naturmaraton" ausgeschriebenen Lauf kommen solche Verhältnisse also nicht völlig unerwartet.

Zwischen Obstbäumen geht es bei Kilometer vierzig noch einmal deutlich spürbar bergan

Am Ende von Kobæk Strand erkennt man die Häuser der gleichnamigen Ferienhaussiedlung. Sie bilden das anfangs kaum näher kommende Fernziel. Dort waren die Läufer über fünf Kilometer auf die Reise geschickt worden, dort beginnt - selbst wenn ein Marathon in diesem Bereich oft erst richtig hart werden kann - also fast schon der Endspurt.

Eine beachtliche Zuschauerzahl und - wie schon in Korsør - laute Musik begrüßt die Marathonis im Küstendörfchen. Zumindest an den Startpunkten hat man sich diesbezüglich dann doch ein wenig an den großen Veranstaltungen der Metropolen orientiert. Mehr als ein kleines Detail am Rande ist das allerdings dennoch kaum. Davon wie einige Stadtmarathons die Anzahl der Musikgruppen an der Strecke als wichtigstes Argument für eine Teilnahme hervorzuheben, ist man am Storebælt weit entfernt. Dort dient vielmehr der Kurs selbst als größter Pluspunkt.

Mit dessen Attraktivität scheint es allerdings erst einmal vorbei zu sein, als man am Getränke-Depot von Kobæk den Strand verlässt. Denn der Kurs biegt auf einen Radweg neben der Hauptzufahrtsstraße zur Siedlung ein. In einiger Entfernung lassen sich schon die ersten Häuser von Skælskør erahnen, auf die man nun zuläuft. Es sieht so aus, als ob der Naturmaraton am Storebælt mit einem ziemlich unspektakulären Abschnitt abgeschlossen wird.

Gerade hat man sich mit dieser Tatsache abgefunden, da zeigen die Markierungen einige hundert Metern später nach rechts in einen schmalen Grasweg hinein. Noch ist der Genusslauf nicht zu Ende. Denn für weit mehr als einen Kilometer zieht sich dieser angenehm zu laufende Pfad zwischen Wiesen und Äckern parallel zur Küste hin. Die ist zwar ein ganzes Stück entfernt, doch bleibt der namensgebende Große Belt beinahe die ganze Zeit weiter im Sichtfeld.

Der letzte Kilometer verläuft durch das idyllische Zentrum des Städtchens Skælskør

Noch knapp vier Kilometer sind zu laufen, als man von einer kleinen Kuppe endgültig den letzten Blick auf den Storebælt werfen kann. Um sie hinauf zu kommen, dreht der Weg nämlich vom Meer weg und mündet in ein kleines Sträßchen, das an einigen abgelegenen Häusern vorbei führt. Schnell geht es allerdings wieder in einen Naturweg über, der sich sogleich wieder zum Skælskør Nor hin senkt.

Einen Moment lang bleibt die Strecke am Ufer der dabei tatsächlich wie ein ganz gewöhnlicher See wirkenden Bucht. Dann steuert sie in eine große Obstplantage hinein. Dort wartet bei Kilometer vierzig eine letzte Herausforderung auf die Läufer. Denn fast schon in Hörweite des Ziels steht "Møllebakken" als letzter großer Hügel auf dem Profil, bei dem es innerhalb von wenigen hundert Metern noch einmal rund zwanzig Höhenmeter zu bewältigen gilt.

Praktisch erst nachdem man diesen Anstieg bewältigt hat und die oben aufgebaute zehnte Verpflegungsstelle erreicht, tauchen die ersten Häuser von Skælskør auf. Doch da die Kuppe sie zuvor ziemlich gut verdeckt hatte, ist man in diesem Moment auch fast schon direkt daneben. Ein Neubaugebiet besetzt diesen höher gelegenen Teil des Geländes, an dessen Rand die Marathonis weiter einen Grussti entlang laufen, bis sie einen guten Kilometer vor dem Ziel auf eine - wie üblich nicht gesperrte - Straße stoßen.

Erst langsam, dann deutlich spürbarer geht einiges an Höhe wieder verloren, bevor man hinauf zur wie die meisten Kirchen etwas weiter oben sitzende Sankt Nicolai Kirke noch einmal mehrere Meter hinzu gewinnt. Vom "Gammeltorv", um den sich die Kirche und das frühere Rathaus gruppieren, senkt sich die Straße allerdings endgültig zum Hafen hinunter ab. Das dort aufgebaute Ziel kann man nun wirklich schon erahnen.

Je näher man dem Zentrum gekommen war, umso älter waren die Häuser am Streckenrand geworden. In einem Viertel mit gerade erst fertig gestellten Neubauten war man angekommen, stehen dagegen entlang der stetig abwärts führenden "Verstergade" nun etliche Bauten, die wohl schon mehrere Jahrhunderte auf dem Buckel haben.

Auf meist leicht abwärts führender Straße kann man im Zielort zum Schluss noch einmal Schwung aufnehmen

Inzwischen ein wenig windschief, gestrichen in bunten Farben und zum Teil mit Fachwerk versehen bieten sie ein weiteres schönes Beispiel für die netten und gemütlichen Städtchen, denen man in Dänemark so oft begegnen kann. Und so klein und niedrig, wie einige von ihnen ausgefallen sind, könnte man fast den Eindruck gewinnen, die Architekten hätten sich bei der Planung irgendwie an der Geographie des Landes orientiert.

Auf einer Brücke, von der durch Bauarbeiten nur noch ein schmaler Streifen für Fußgänger zur Verfügung steht, überquert man die kaum mehr als Bachbreite besitzende Verbindung zwischen dem inneren und dem äußeren Teil des Noors von Skælskør und geht am anderen Ufer parallel zum Wasser auf die ziemlich kurze und zudem auch noch leicht gekrümmte Zielgerade. An ihrem Ende piepen unter einem ebenfalls wieder ziemlich improvisiert wirkenden Zielgerüst die Zeitmessmatten.

Ein paar Meter hinter dem Einlaufkanal werden die Taschen, die man am Start abgeben konnte, direkt aus dem Auto-Anhänger wieder ausgegeben. Nebenan kann man an einigen Ständen Essen und Getränke erwerben. Da jedoch inzwischen wieder verstärkt Regenschauer über den Westen Sjællands ziehen, sind sie nicht allzu stark frequentiert. Die meisten ziehen es vor, nicht allzu lange zu warten sondern mit den kostenlosen Pendelbussen gleich zu einem der beiden Startorte zurück zu fahren.

Auch die Busse starten direkt am Hafen. Nur die Duschen in der einen halben Kilometer entfernten und praktisch direkt an der Laufstrecke gelegenen Schulturnhalle verhindern deshalb die ganz kurzen Wege im Zielbereich. Ein wenig aufpassen, den richtigen Bus zu erwischen sollte man aber. Denn Schilder, die das Fahrziel anzeigen gibt es keine. Man muss sich also durchfragen. Doch von der Verständlichkeit des Dänischen war ja schon die Rede. Es gibt eindeutig leichtere Aufgabe als heraus zu bekommen, dass "Släjellse" der richtige Ort ist.

Der Ausblick vom Zielgelände über den Hafen hinüber zur Sankt Nicolai Kirke präsentiert sich keineswegs hässlich. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Marathons ist am Storebælt der Einlauf dort nicht unbedingt der Höhepunkt des Rennens. Auf einer Strecke, die von den Veranstaltern in einem für Skandinavier nicht gerade typischen Anfall der Unbescheidenheit als "Dankmarks smukkeste rute" bezeichnet wird, ist im wahrsten Wortsinne eher der Weg das Ziel.

Der Einlauf findet sich direkt am Hafen von Skælskør wieder auf Meeresniveau
Nichts für reine Asphalt-Cowboys:
Berglauf & Trail-Run im LaufReport HIER

Da es in Dänemark abgesehen vom zehntausend Marathonis anziehenden Hauptstadtrennen von Kopenhagen und dem immerhin fünfzehnhundert Läufer zählenden Stadtmarathon in Odense hauptsächlich Veranstaltungen dieses Typs zu entdecken gibt, bieten solche Behauptungen natürlich immer viel Diskussionsstoff.

Doch schön und abwechslungsreich ist die Route von Slagelse nach Skælskør sicher - insbesondere in ihrem zweiten Teil. Dass man am Storebælt die etwa hundert Teilnehmer der Premiere inzwischen knapp verdoppeln konnte und nach den - nicht einmal unglaubhaften - Angaben der Organisatoren nahezu alle früheren Starter sie an ihre Laufreunde weiterempfehlen würden, ist dabei sicher nicht das schlechteste Zeichen.

Aber es könnten natürlich trotzdem noch ein paar mehr als jene zweihundert der fünften Auflage sein. Das Feld ein wenig internationaler zu machen, wäre vermutlich ebenfalls möglich, wenn man sich etwas stärker - zum Beispiel durch nicht nur auf Dänisch vorhandene Informationen - um Touristen von jenseits der dänischen Grenzen bemühen würde. Immerhin zeigt die Strecke doch einen zwar keineswegs untypischen, aber trotzdem ziemlich hübschen Teil dieses kleinen Ländchens im Norden Europas.

Für alle, die nicht nur an den großen Stadtmarathons interessiert sind, sondern beim Laufen gerne auch einmal familiäre und persönliche Veranstaltungen besuchen, stellt "Storebælt med Jordbær" jedenfalls eindeutig eine ziemlich lohnenswerte Alternative dar.

Bericht und Fotos von Ralf Klink

Info & Ergebnisse www.naturmaraton.dk

Zurück zu REISEN + LAUFEN – aktuell im LaufReport HIER

© copyright
Die Verwertung von Texten und Fotos, insbesondere durch Vervielfältigung oder Verbreitung auch in elektronischer Form, ist ohne Zustimmung der LaufReport.de Redaktion (Adresse im IMPRESSUM) unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urhebergesetz nichts anderes ergibt.