28.6.15 - Sankt Petersburg - 26. Int. Marathonlauf "ERGO White Night"

Traumwetter während der legendären weißen Nächte

Sankt Petersburg bietet zauberhafte Stadtkulisse für Läufer

Verdoppelung der Starter - Keine Kenianer vorne

von Michael Schardt 

Marathon laufen und Urlaub machen, das ist ein Massenphänomen geworden. Dass Sankt Petersburg eine ideale Symbiose für beides bietet, braucht man keinem zu erklären, der die Stadt an der Newa aus eigener Anschauung kennt. Er wird dem begeistert zustimmen. Demjenigen, der noch nie das Glück hatte, dort gewesen zu sein, wird man es mit Worten kaum vermitteln können. Und doch: Die berauschend schönen, weißen Nächte Ende Juni in Sankt Petersburg, wenn es einfach nicht dunkel werden will, ziehen Besucher aus aller Welt magisch an. In diesen Tagen und Wochen jagt ein touristischer Höhepunkt den nächsten: ein internationales Jazzfestival, die unüberbietbare Abiturientenfeier mit Feuerwerk, ein renommiertes Filmfestival, viele Ausstellungen und Kulturveranstaltungen. Was lag da näher, Ende Juni auch einen Marathonlauf ins Programm zu nehmen.

Die Festungsinsel mit der Peter- und Paul-Kathedrale. Hier wurde Sankt Petersburg vor gut 300 Jahren gegründet. Das erste Haus der Stadt, eine schlichte Bleibe ihres Gründers, steht noch. Ein weltweites Alleinstellungsmerkmal Weltberühmt sind die russischen Matroschka-Puppen, von denen bis zu 20 und mehr Figuren ineinanderstecken können. Auch Marathon-Hauptsponsor ERGO, ein deutscher Versicherer, nutzt das Image zur Werbung und ist damit beliebtes Fotomotiv
Von Kilometer 30 bis 32 wird beim Marathon die berühmteste aller russischen Straßen, der Newski Prospekt, belaufen
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Das geschah bereits 1990, als Sankt Petersburg noch Leningrad hieß. Den neuen Namen, der eigentlich der alte war, wurde erst ein Jahr später, 1991, durch ein Referendum wieder eingeführt. Damit zeigte sich die Bevölkerung einer im Grund noch sehr jungen Stadt - sie war seinerzeit noch keine dreihundert Jahre alt - als äußerst traditionsbewusst. Denn Sankt Petersburg war der althergebrachte Name einer City, die inzwischen auf mehr als fünf Millionen Einwohner angewachsen war und damit die viertgrößte Stadt Europas ist, die lange die Hauptstadt des größten Landes der Erde war, aber für je mehrere Jahrzehnte in Leningrad oder Petrograd umbenannt wurde.

Prognosen

2014 feierte der Sankt Petersburger "White Nights Marathon" sein Silberjubiläum und erlebte einen kräftigen Aufschwung durch ein deutlich größeres Zuschauerinteresse und mehr Teilnehmer. Daran wollte und konnte man nach dem Jubiläumslauf 2015 anknüpfen. Dennoch ist die Veranstaltung recht überschaubar geblieben, wenn man sie mit anderen Metropolen in Europa - etwa mit Stockholm, Madrid oder Rom - vergleicht. Und das, obwohl sich gerade Ende Juni so viele Menschen hier aufhalten, die Wetterbedingungen sehr oft sehr günstig sind und die Organisation denen in anderen Städten nicht nachsteht.

Der riesige Schlossplatz ohne Schloss aber mit dem halbkreisförmigen Generalstabsgebäude ist Start- und Zielbereich des Ergo-White-Nights-Marathon von Sankt Petersburg Die Newa ist nur 74 km lang, aber 600 Meter breit und führt so viel Wasser wie der Rhein. Flüsse und Kanäle sowie unzählige palastähnliche Gebäude prägen das Stadtbild von Sankt Petersburg, dem Venedig des Nordens. St. Petersburg liegt nicht nur an der Ostsee, sondern am größten europäischen See, dem Ladogasee, der 33 mal größer ist als der Bodensee

Marathon und Sankt Petersburg oder Laufen und Russland, das ist - zumindest auf der massenkompatiblen Breitensportebene - noch längst nicht eine so intensiv gelebte Symbiose, wie man sie aus dem Westen - oder neuerdings auch aus Tschechien und Polen - kennt. Was sich aus wirklich bescheidenen Anfängen seit 1990 in Sankt Petersburg in Sachen Laufen und Marathon entwickelte, zeigt zwar ein deutlich gewachsenes Interesse des Publikums und der Sportler, bietet aber noch sehr viel Luft nach oben. Das zeigt sich auf der regionalen wie internationalen Ebene. Sankt Petersburg steht hier stellvertretend für die breitensportliche Laufbewegung in der gesamten russischen Föderation. Absehbar allerdings ist - so eine risikofreie Einschätzung - das auch im Lande von Wladimir Putin in nicht allzu langer Zeit der Laufboom vollständig ausbrechen wird. Anzeichen dafür sind vielerorts zu bemerken: die höhere Zahl der Veranstaltungen, die größeren Teilnehmerfelder, das gesteigerte Medieninteresse.


Fast alle russischen Literaturgrößen hielten sich dauerhaft oder zumindest phasenweise in Sankt Petersburg auf. Hier ein Ehrenmal von Nikolai Gogol, dem Verfasser der "Tausend Seelen"
Eine Stadt voller Kunst und Literatur: Hier der Eherne Reiter. Es zeigt den Vorwärtsdrang des Stadtgründers: Peter der Große. Der Sockel ist der größte Steinbrocken, der weltweit je von Menschenhand transportiert wurde. Er hat ein geschätzes Gewicht von 1600 bis 2400 Tonnen Einem der bedeutendsten Romanautoren weltweit ist ein ganzes Stadtviertel gewidmet: Fjodor Dostojewski wohnte mit seiner Familie während der letzten Lebensjahre am Wladimirplatz, unweit vom Newski Prospekt

Strecke wie ein Museum

Im günstigsten Fall könnte sich Sankt Petersburg zu einem der führenden Marathonziele des Kontinents entwickeln. Die touristischen und sportlichen Voraussetzungen sind gegeben. Die Stadt - gesegnet mit zahlreichen hochkarätigen Sehenswürdigkeiten - gehört zu den schönsten der Welt. Ihr Reichtum an Kunstschätzen, herausragenden Bauwerken und Prachtstraßen ist einzigartig. In Europa hält sie auch einem Vergleich mit Paris, London oder Rom stand. Zudem ist die touristische Infrastruktur die einer Weltstadt und die Menschen aufgeschlossen. Den Marathon kann man als ein Lauf durch ein überdimensionales Freilichtmuseum bezeichnet, so imposant ist die Streckenführung durch das "Venedig des Nordens".

Erhaben verzierte Fassaden, kunstvoll restaurierte Stadthäuser, pompöse Gebäude so weit das Auge reicht Eines der bedeutendsten Museen weltweit: die Eremitage mit der Isaakkathedrale vom Wasser aus betrachtet

Der einmalige Rundkurs, der einer großen "8" gleicht, ist vollkommen flach und schnell und führt mindestens zur Hälfte direkt am Wasser entlang, entweder am Ufer der Newa oder einem der zahllosen Kanäle. Die Organisation der Veranstaltung entspricht weitgehend westlichen Standards. Für recht geringe Startgebühren von 20 bis 35 Euro erhält der Marathonfinisher ein Funktionsshirt sowie eine hübsche Medaille. Mit einem Baumwollshirt und einer kleineren Medaille wird der 10-km-Läufer beschenkt. Alles in allem also, attraktive Bedingungen beim nach Moskau zweitgrößten russischen Marathon.

Ein Glücksfall

Als Peter der Große im unwirtlichen Mündungsgebiet der Newa, auf einer riesigen Sumpffläche zwischen Ostsee und dem Ladogasee, ein neues, elegantes Machtzentrum des Zarenreiches bauen wollte, hielten seine Zeitgenossen das für eine irrwitzige Idee und den Herrscher für übergeschnappt. Heute darf man Sankt Petersburg als architektonischen und städteplanerischen Glücksfall ansehen, auch wenn der Plan mit aller Härte durchgezogen wurde, zehntausende von Menschenleben kostete und das Volk in die ärgste Armut drängte. Zweihundert Jahre war Sankt Petersburg das politische und kulturelle Zentrum des riesigen russischen Reichs, gestaltet von den besten Baumeistern Europas, mehrfach zerstört und immer wieder und noch eleganter wieder aufgebaut. Eine Stadt voller prächtiger Paläste, mächtiger Kathedralen, Monumenten, Schauspiel- und Musiktheatern und Museen, die weltweit bedeutende Kunstschätze beherbergen, aber auch Schauplatz eines der größten Kriegsverbrechen der Nazis wurde, als man die Stadt über mehr als 800 Tage belagerte, aushungern wollte und dabei rund eine Million Menschen umkamen.

Die Bahnhöfe und Metrostationen gleichen Palästen. Hier das Deckengemälde im Moskauer Bahnhof am Ende des Newski Prospekts Ein beliebtes Fotomotiv: die Auferstehungskirche

Maßgeblich wird das weitläufige, kaum überschaubare historische Stadtbild Sankt Petersburgs geprägt durch die sich im Delta weit verzweigende Newa, die zahlreichen Kanäle und rund fünfhundert Brücken. Die Metropole gibt sich westlich, ist ein bedeutendes Einkaufs- und Geschäftszentrum, aber bei weitem noch nicht so teuer und luxuriös wie das rund 700 km südlich liegende Moskau, zumindest wenn man etwas auf seine Ausgaben achtet. Das hier aber längst auch der Geldadel eingezogen ist, ist freilich kaum zu übersehen. Aber im Grund atmet die Stadt historische, literarische Luft. Sind es doch gerade die berühmten Petersburger Autoren gewesen, etwa Lermontov, Gogol oder Dostojewski, die ihre Stadt ein vielfaches literarisches Denkmal setzten. Ja, mehr noch, schreibt Lidija Tschukowskaja, nicht "Puschkin, Tjutschew, Nekrassow, Blok, Achmatowa, Mandelstam" seien die Schriftsteller. "Das sind alles Pseudonyme. Der Autor heißt Petersburg."

Rund um Petersburg gibt es ein halbes Dutzend Zarenschlösser. Das meistbesuchte ist Peterhof, dreißig Kilometer südwestlich von Sankt Petersburg gelegen. Es wird auch das Versailles an der Ostsee genannt Kunstvolle Wasserspiele erfreuten den Herrscher Prunk am Peterhof

Um nur ein Bruchteil der vielen Sehenswürdigkeiten besuchen zu können, reicht eine Woche kaum aus. Geschweige denn, man will noch einige der sehr lohnenden Ziele in unmittelbarer Umgegend der Metropole besuchen, etwa den Peterhof an der Ostsee, das russische Versailles sozusagen, oder einen der anderen Zarenhöfe. Oder das rekonstruierte Bernsteinzimmer von Zarskoje Selo, oder den Katharinenpalast, oder den Ladogasee und seine Inseln, oder, oder oder. Allein ein einigermaßen ausführlicher Gang durch die Eremitage kann Tage verschlingen. Dann hat man immer noch kein Drama im Mariinski Theater oder eine der berühmten russischen Ballett- oder Musikaufführungen gesehen. Keine Frage: in so viel Geschichte, Kunst und Architektur kann man sich auch verlieren.

Der Rahmen der Reise

Wer als Deutscher am White Nights Marathon teilnehmen möchte, hat die bequeme Möglichkeit, sich einem der beiden Marathonreiseveranstalter anzuschließen, die eine fünftägige Tour in die nordrussische Metropole anbieten, wahlweise mit einem gleichlangen Anschlusstrip nach Moskau. Das hat unter anderem den Vorteil, dass man sich das Visum nicht selbst besorgen muss, was durchaus etwas Zeit und Mühe erfordert, und man vor Ort organisatorisch betreut wird. Wer aber einige hundert Euro sparen möchte, der wird sich sein Reisepaket selbst schnüren und gegebenenfalls nur für die Visabeschaffung einen Visa-Dienstleister, etwa Visa-Express, beauftragen, der für ein geringes Salär alle Formalitäten der Einreise erledigt.

Das "Winterstadion" ist eine riesige Sporthalle, wenige Meter vom Newski Prospekt entfernt, an deren Frontseite am Marathonwochenende Kinder- und Erwachsenenbespaßung betrieben wird ... ... im Inneren der Halle ist die Expo und das Meldezentrum untergebracht. Die Halle liegt etwa 2 km vom Startbereich entfernt und hat schon Freitag und Samstag geöffnet

Flug und Unterkunft kann man bequem übers Internet selbst buchen. Der Petersburger Flughafen Pulkovo mit dem neuen Terminal eins wird von einigen deutschen Flughäfen ab 200 Euro direkt angeflogen. Hotels gibt es von der Luxusherberge bis zum Studentenhostel für jeden Geldbeutel. Günstig ist die Unterbringung im Innenstadtbereich um den Newski oder Wladimir Prospekt, da dann die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, aber auch der Start-Ziel-Bereich des Marathons und die Expo mit der Startnummernausgabe fußläufig oder mit der Metro gut zu erreichen sind. Empfehlenswert beispielsweise für Literaturfreunde ist das Hotel Dostojewski mitten in dem Stadtviertel, wo der Romancier seine letzten Jahre verbrachte. Aus seiner geräumigen Wohnung am Wladimirplatz wurde ein Museum; gleich nebenan steht eines von mehreren Dostojewski-Monumente.

Ideal für die Reise ist, wenn man über einige Russischkenntnisse verfügt, aber auch mit Englisch kommt man - zumindest im gastronomischen Bereich - gut zurecht. Nicht wenige der älteren Sankt Petersburger sprechen sogar etwas Deutsch. Ausgestattet mit einem guten Stadtplan und einem aktuellen Reiseführer kann das Abenteuer "Marathon in Sankt Petersburg" dann beginnen.

Punkt 9 Uhr starten ca. 4000 10-km-Läufer und etwa die gleiche Anzahl Marathonis in ihr Rennen. Die Kurzstreckler haben gelbe, die Langdistanzler blaue Startnummern. Alle lilafarbigen Nummern kennzeichnen ausländische Starter Etwa 10.000 Läufer sind in St. Petersburg unterwegs, eigentlich wenig für eine Metropole von mehr als 5 Millionen Einwohner

Der Rahmen vor dem Marathon

Die Orientierung in der viertgrößten Stadt Europas und der größten, die nicht gleichzeitig Hauptstadt des Landes ist, ist relativ einfach. Fixpunkte sind der Newski Prospekt als Querachse der City und der Hauptarm der Newa, die einen Bogen durch die Innenstadt zieht. Unmittelbar nördlich des Newski Prospekts, gleich neben dem Platz der Künste, befindet sich das Zimniy Stadion (Winterstadion), eine große Mehrzwecksporthalle, wo man entspannt und unkompliziert die Stadtunterlagen ausgehändigt bekommt und sich die Expo inklusive Pastaparty befindet. Je nach Anmeldezeitpunkt beträgt die Meldegebühr für den Marathon 20 bis 35 Euro, für den Zehner 10 bis 20 Euro. Ein neu eingeführter Lauf über 3,5 km ist hingegen kostenlos. Eine Medaille und ein Shirt sind für alle Teilnehmer inklusive. Informationen werden auf der Homepage in sechs Sprachen bereitgestellt. Am ausführlichsten in Englisch, aber auch die Grundinfos in Deutsch. Beachten sollte man, dass der Anmeldeschluss schon sehr früh vor dem Lauf endet und es keine Nachmeldemöglichkeit gibt. Insider verrieten jedoch, dass man bei einer gewissen Hartnäckigkeit am Meldeportal und als ausländischer Starter doch zuweilen eine nachträgliche Anmeldung erreichen könne und diese noch günstiger sei als ursprünglich vorgesehen. Verlassen sollte man sich darauf allerdings besser nicht.

Auch einige Walker waren mit von der Partie 20 Minuten nach dem Marathonstart wird mit viel Freude der 3-km-Jedermannslauf um die Eremitage gestartet. Der Start ist kostenlos

Die Winterhalle ist freitags und samstags von zwölf bzw. zehn Uhr bis 20 Uhr geöffnet. Seine Startunterlagen erhält man nur ausschließlich hier, nicht aber unmittelbar vor dem Start auf dem etwa zwei Kilometer weiter östlich liegenden Schlossplatz. Die Pastaparty muss man sich nicht so vorstellen wie bei westlichen Marathons und ist auch nicht im Startgeld enthalten. Für umgerechnet drei Euro bereitet eine Köchin vor den Augen des Kunden die Nudeln frisch zu. Das wird aber so selten in Anspruch genommen, dass sie den "Ansturm" alleine bewältigen kann - ausgerüstet mit nur einer Wok-ähnlichen Pfanne. Zudem gibt es auch leckeren Kuchen und Kaffee für kleines Geld.

Bei km 2 wird die Isaakkathedrale passiert. Außer bei den ägyptischen Pyramiden wurde bei keinem Bauwerk weltweit so viel Stein oder Granit verbaut wie hier. Dennoch wirkt das Kirchenhaus fast zierlich Bei km 4 gibt es eine langgezogene Kurve. Sonst ist Sankt Petersburg eher eckig und quadratisch Ein Privileg für 10-km-Läufer. Sie dürfen über die schönste aller Petersburger Brücken, die Dreifaltigkeitsbrücke, laufen, erbaut und geplant von französischen Ingenieuren, u. a. von Gustave Eiffel, der mit vertikalen Bauwerken noch berühmter wurde als mit horizontalen

Auf der Expo sind die gewohnten Stände zu besichtigen. Sportmodeverkäufer, Nahrungsergänzungsmittelhersteller und Fabrikanten von Laufsoftware. Interessanter vielleicht die Stände anderer Marathonveranstalter, die für exotische Läufe in Estland, Finnland oder Sibirien werben, darunter Omsk, Eriwan und Kasan. Vor der Halle ist auch einiges los. Da treten Musikgruppen und Clowns auf oder finden in chilliger Atmosphäre Rate- und Geschicklichkeitsspiele statt.

Der Lauftag

Start und Ziel liegen auf dem großzügigen Schlossplatz, dem architektonisch wohl attraktivsten Areal der Stadt, stehen hier doch drei harmonisch fein aufeinander abgestimmte Gebäudekomplexe. Die als Museum schier unüberschaubare Eremitage, das Generalstabsgebäude mit wunderbarem Torbogen sowie der Winterpalast, alles in gleicher Höhe angelegt und erhaben im Gestus. Während die geführten Touristengruppen aus aller Welt weiter über den Schlossplatz von einem der Gebäude zum nächsten pilgern und sich vom Marathontrubel kaum stören lassen, füllt sich das Areal erst spät mit Läufern. Erst gegen acht Uhr, also eine Stunde vor dem Start, geben die ersten Akteure ihre Kleiderbeutel in den Zelten ab und begeben sich nur nach und nach hinter die Startlinie. Da aber die Teilnehmerzahlen insbesondere im Marathon von der letzten zu dieser Ausgabe sprunghaft angestiegen sind, kommt es kurz vor dem Startschuss zu einem aus früheren Jahren unbekannten Gedränge, denn um noch seine Utensilien rechtzeitig abgeben zu können, muss man das Starterfeld umständlich durchqueren. Hier ist also zukünftig eine etwas frühere Ankunft anzuraten.

Bei km 7,5 km trennen sich die Wege der Marathonis und der Zehner. Hier laufen die Zehner die Troitskiy Brücke hinunter ...
... und haben nur noch 2 km bis zum Ziel

Um neun Uhr stehen rund 4000 10-km-Läufer und die gleiche Anzahl Marathonläufer in den nicht vorhandenen und nicht nach Zielzeit unterteilten Startbox. Davon werden 3090 Zehner den Lauf finishen und 3045 Marathonis, was gegenüber 2014, dem Jubiläumsjahr, eine Steigerung von fast 250 Prozent ausmacht und ein Rekord darstellt. Denn vor einem Jahr hatten nur gut 1200 Marathonis den Lauf erfolgreich beendet.

Woher dieser enorme Aufschwung plötzlich kommt, konnte sich niemand so recht erklären. Auch der Zehner hat etwas zugelegt. Interessant hier ist, dass deutlich mehr Frauen als Männer ins Ziel kamen. Rund 60 Prozent aller Finisher war weiblich. Neben diesen gemeinsam gestarteten Läufen findet zwanzig Minuten später noch ein Jedermannslauf über 3,5 km rund um die Eremitage statt, der für Teilnehmer kostenlos ist, aber auch ein Baumwollshirt und eine Medaille beinhaltet. Auch hier waren mehr Akteure als sonst mit viel Spaß dabei, zusammen machten also gut 10.000 Läufer mit.

In 30:24 gewinnt Artur Burzew den 10-km-Lauf ... vor Aleksej Reunkow ... ... und Andrej Karpin

Der Zehner

Die ersten knapp acht Kilometer sind Marathonis und 10-km-Läufer gemeinsam unterwegs, bevor die Langstreckler vor der Dreifaltigkeitsbrücke nach Norden abbiegen und die Zehner die von Gustave Eiffel mit entworfene, schicke Brücke überqueren, um auf die Dvortsovaya ul. zu gelangen, einer langen Geraden, die hinter der Eremitage direkt an der Newa herführt und das Ziel vor dem Museumstrackt erahnen und hören lässt. Ungewöhnlich vielleicht, dass es in Sankt Petersburg keine Nettozeit gibt, denn am Start gibt es keine Zeitmessmatte. Kilometerschilder gibt es für die Zehner nur bis km 7, weil dieser mit dem Marathon identisch ist, nicht aber von km 8 bis ins Ziel. Dass die Schilder von Menschenhand hochgehalten werden, dürfte eine singuläre Erscheinung sein.

Julia Tschischenko braucht 34:24 beim Sieg über 10 km 2. wird Oksana Staljarowa ...
... vor Maria Babic

Ungewöhnlich sicher auch und einem internationalen Standard nicht entsprechend, dass es unterwegs keine Zwischenzeiten bzw. Kontrollmatten gibt, was geradezu eine Einladung für "Abkürzungen" bedeutet. Vielleicht die Erklärung, dass einige wenige Marathonläuferinnen und -läufer mit Zeiten von unter 3:15h einliefen, die sowohl figürlich wie von der Trittfrequenz und -"eleganz" dies nie und nimmer hätten laufen können.

Lief von Rang 3 bei km 22 noch zum Sieg: Irina Kasubowskaja brauchte 2:41h 24 Sekunden fehlten zum Sieg. Rang 2 für Julia Koperanowa Rang 3 für Oksana Akimenkowa

Über jeden Zweifel erhaben waren hingegen die ausschließlich russischen Spitzenläufer und -läuferinnen über 10 Kilometer. Hier gewann Artur Burzew in 30:24min vor Aleksej Reunkow (30:47min) und Andrej Karpin (30:53min). Bei den Frauen konnte Julia Tschischenko das Preisgeld in 34:24 abräumen vor Oksana Staljarkowa (35:40min) und Maria Bobic (36:23min). Als schnellste von etwa zwanzig deutschen Läufern platzierte sich Stefan Utke in 40:37min und Mechthild Kies aus Emsdetten in 50:05min. Letztere wurde versehentlich als Mann rubriziert, offenbar ein Schreibversehen, sind die kyrillischen und lateinischen Buchstaben doch schnell eine Stolperfalle. Eine Altersklassenplatzierung entging der 61jährigen aber dennoch nicht, denn alle Läufer und Läuferinnen zwischen 18 und 69 Jahre gehören über 10 km der Hauptklasse an. Es gibt also nur Jugend- oder Seniorenklassen ab 70 Jahre. Kam ein - sagen wir - 60jähriger Läufer doch zu einer AK-M60er Wertung, dann war er für Marathon gemeldet, hatte sich aber auf der Strecke für den Zehner entschieden (was durchaus möglich ist), für den er dann eine Wertung erhielt und eben auch eine AK-Platzierung. Denn diese ist beim Marathon im 5-Jahres-Rhythmus durchaus vorgesehen.

Marathon-Sieg für den Russen Mikhail Bykov in 2:20h Im letzten Jahr standen nur Kenianer auf dem Siegertreppchen. Diesmal wurde Lazarus Kimutai Kiptoo trotz verbesserten Preisgelds in 2:27h als bester Afrikaner nur 8. Rang 2 für Roman Djedow (vorne) vor Mikhail Kulkow

Der Marathon

Mit rund 4000 Euro allein für den Sieger und weiteren sieben, gestaffelten Preisgeldrängen ist der White Nights Marathon durchaus attraktiv bestückt und prädestiniert, um schnelle Afrikaner anzulocken. So geschehen 2014, als gleich drei Kenianer die ersten drei Ränge in Zeiten von 2:16h bis 2:18h eroberten. Zwar ist das Preisgeld für die Frauen etwas geringer, aber durchaus auch interessant für Läuferinnen aus Äthiopien und Kenia, doch fehlen solche in der Siegerliste von letztem Jahr.

Petersburg hat eine aktive Rockszene. Einige Gruppen spielen den Marathonis auf Pacemaker für drei Stunden bei km 22. Rund 120 Männer und 11 Frauen blieben trotz warmer Temperaturen unter diesem Wert

Bei der 26. Edition 2015 war das Preisgeld sogar noch einmal leicht aufgestockt worden, doch machten sich die Läufer und Läuferinnen vom schwarzen Kontinent rar. Nur ein Kenianer findet sich unter den ersten zehn, und zwar auf dem kleinsten aller Preisränge, dem achten: Lazarus Kimutai Kiptoo kam über eine Zeit von 2:27:27h nicht hinaus. Ob er eingebrochen war oder über kein besseres Laufvermögen verfügt, konnte nicht eruiert werden. Auf dem letzten Kilometer wirkte Kiptoo allemal ziemlich ausgepumpt und schleppte sich nur so um die Eremitage herum ins Ziel.

Eine Handtasche von Vitton, ein Beautycase von Gucci, dazu Handy und Fotoapparat. Wohin nur mit dem Pacemaker-Ballon? Die immer schicke Petersburgerin findet auch hierfür eine Lösung Begeisterung pur. Das Zuschaueraufkommen hat deutlich zugenommen in den letzten beiden Jahren

Vorne machten drei Einheimische die Pace und lieferten sich ein beherztes, sehr enges Rennen. Dabei hatte Mikhail Bujkow das bessere Ende für sich und siegte in 2:20:32h vor Roman Djedow (2:20:54h) und Mikail Kulkow (2:21:10h). Alles bei Leibe keine international bedeutenden Ergebnisse. Einen interessanten Rennverlauf war bei den Frauen zu beobachten. Bei km 22, wenn die Läufer zum zweiten Mal hinter der Eremitage auf der Dvortsovy Most die Newa queren und in den Blick der vielen Zuschauer kommen, lag noch Oksana Akimenkowa mit gut einer Minute Vorsprung vorne, gefolgt von Julia Koperanowa und Irina Kasubowskaja. Am Ende hatte sich die Drittplatzierte ganz nach vorne gearbeitet, während die Führende auf Rang drei zurückgefallen war. Knapp war das Ergebnis lediglich um die ersten beiden vorderen Ränge, das Kasubowskaja in 2:41:23h für sich entschied, gefolgt von Koperanowa (2:41:57) und Akimenkowa in glatt 2:45h.

Marathonläufer bei der Arbeit Wohl singulär: Kilometerschilder werden von Mädchen hochgehalten. Das kann, wie bei km 31, Stunden dauern

Als schnellste Deutsche taten sich Mickael Barbe (Jg. 1983) in 3:11:19h und Theresa Fabianski (Jg. 1969) in 4:07:02h hervor.

Fazit

Eins ist eindeutig: Der Weg des Ergo White Nights Marathon führt geradewegs nach oben, ist aber faktisch immer noch eine Laufveranstaltung bestenfalls mittlerer Größe, vor allem, wenn man sie ins Verhältnis zu der Einwohnerzahl setzt. Klar ist aber auch, dass immer mehr Einwohner Anteil an ihrem Marathon nehmen, sei es als begeisterte Zuschauer (es gibt regelrechte Eventpunkte mit bester Stimmung), sei es über mediale Hinwendung. Denn Vertreter von Zeitung, Funk und Fernsehen berichten in groß aufgemachten Formaten darüber. Dem Marathon kann man in Sankt Petersburg auch kaum aus dem Weg gehen, denn die Strecke führt an vielen Sehenswürdigkeiten vorbei und über die wichtigsten Straßen, wo sich die Bewohner der Stadt massenweise aufhalten, vor allem, wenn das Wetter so hervorragend mitspielt wie heuer. Denn bei knapp über zwanzig Grad Wärme, einem nur lauen Lüftchen und strahlend blauem Himmel herrschten nicht nur für Läufer ideale Bedingungen. Auch die Petersburger kamen gehäuft aus ihren Vorstadtwohnungen in die City, um den schönen Sonntag mit der Familie oder dem Liebsten draußen zu verbringen, nicht wenige, um einen Verwandten oder Bekannten laufen zu sehen.

Etwa ein Dutzend Brücken, alle sehr flach, queren die Marathonis. Die Marathonstrecke weist praktisch keine Höhenmeter auf Anfangs ist der Zieleinlauf vor der Eremitage noch durch Ordnungskräfte abgesichert. Die Zuschauer stehen einige Meter weg von den Läufern. Später drängen sie aber zum Geschehen und bilden ein enges Spalier

Für die ohnehin schon sporttreibende Klientel, die sich sonst in den aus dem Boden schießenden Fitness-Studios betätigt oder immer häufiger auch das Rad, die Inlinerschuhe oder das Skateboard steigt, ist die Laufveranstaltung eine willkommene Alternative.

Auch werde in der Familie, unter Freunden und in der Firma immer mehr über Sport geredet, sagt Sergej, der eigens aus Sibirien angereist war, um seinen ersten Marathon in Sankt Petersburg zu finishen. Und zwar über die eigene sportliche Betätigung, was noch vor einem Jahrzehnt als äußerst uncool unter jungen Russen gewertet wurde. Da habe sich im Bewusstsein vor allem der unter 30jährigen etwas vollkommen gewandelt, sagt der Mann, der erst seit drei Jahren läuft und bisher zwei Halbmarathonläufe in je 1:45h erfolgreich hinlegen konnte. Die "Alten" seien immer schon gelaufen, aber oft hätten sie dumme Sprüche während des Trainings geerntet. (Wer erinnert sich da nicht an ähnliche Verhältnisse in Deutschland der sechziger und siebziger Jahre.) Das sei nun mehr und mehr vorbei, freut sich Sergej sichtlich darüber. Und darüber, dass er die 4-h-Marke auch knapp knackte, mindestens genauso.

Zieleinlauf vor der Eremitage Italienisches Trikot, russische Startnummer. Über 30 Länder waren beim Marathon vertreten
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Das, was Sergej äußerte, ließe sich insbesondere im 10-km-Lauf von Sankt Petersburg verifizieren, wo besonders viele junge Läufer und darunter wieder besonders viele junge Frauen (auch in größeren Gruppen) teilnahmen

Laufen gilt plötzlich als äußerst schick in einer Stadt, deren junge Bewohnerinnen als wohl noch schicker gelten dürfen als die von Paris und deren junge Bewohner sich so businesslike geben wie die von London.

Sicherlich nicht der schlechteste Trend in der ebenso hypermodernen wie geschichtsträchtigen russischen Metropole.

Bericht von Michael Schardt
Fotos Reinhard Jacobs und Michael Schardt

Ergebnisse www.wnmarathon.ru

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Michael Schardt
Reinhard Jacobs

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