5. Samsø Marathon - Dänemark (24.8.13)

Ein Samstag auf Samsø

von Ralf Klink

Zugegebenermaßen ist das Wortspiel mit "Samsø" und "Samstag" geistig nicht wirklich hochfliegend, aber irgendwie kommt man beim Betrachten des Namens dieser kleinen dänischen Insel trotzdem fast automatisch auf diese Verbindung. So ähnlich sich die zwei Wörter allerdings im ersten Moment auch sehen, sprachgeschichtlich hängen die beiden nicht im Geringsten zusammen.

Denn während "Samstag" ziemlich eindeutig aus einer in mehreren Schritten ablaufenden und über verschiedene Sprachen durch halb Europa wandernden Verballhornung von "Sabbat" - der ursprünglich den "Tag des Saturn" bezeichnet, was im englischen "saturday" noch klar erkennbar ist - entstanden sein dürfte, ist der Inselname wohl eher mit skandinavischen Begriffen wie "samle" und "samling" und damit auch dem deutschen "sammeln" verwandt.

"Versammlungsinsel" - die zweite Silbe "ø" bedeutet tatsächlich nichts anderes als "Insel" - heißt sie dabei nicht zu Unrecht. Denn im frühen Mittelalter wurde sie aufgrund ihrer relativ zentralen Lage als Treffpunkt der aus allen Himmelsrichtungen kommenden Wikinger genutzt. Angeblich lässt sich Samsø heutzutage sogar als Mittelpunkt Dänemarks ermitteln. Allerdings hängt dies wohl hauptsächlich davon ab, welche der vielen denkbaren Berechnungsmethoden man zugrunde legt. Auch ganz andere Ergebnisse könnte man dabei nämlich heraus bekommen.

Dennoch lässt sich kaum bestreiten, dass die etwas mehr als einhundert Quadratkilometer große Insel von den drei wichtigsten dänischen Landesteilen umgeben und von allen zudem etwa gleich weit entfernt ist. In ihrem Osten befindet sich nämlich Sjælland, auf dem fast die Hälfte aller Einwohner des Landes lebt. Die im Deutschen als "Seeland" bekannte, größte und wichtigste Insel Dänemarks beherbergt auch die Hauptstadt Kopenhagen.

Die rund zwanzig Kilometer vom Festland entfernte Insel Samsø mit dem "Vesborg Fyr" genannten Leuchturm ist einzig und allein mit der Fähre zu erreichen
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Im Süden von Samsø stößt man dagegen nach etwa zwanzig Kilometern auf die dänisch "Fyn" und deutsch "Fünen" genannte Insel, die knapp ein Zehntel aller Dänen bevölkern. Und westlich misst man nach Jütland, dem im Original "Jylland" heißenden Festlandsteil etwa dieselbe Distanz. Bleibt noch der Norden, wo sich mit etwa einem Dutzend Kilometer bis Helgenæs - die Südspitze der jütländischen Halbinsel Djursland - der geringste Abstand ergibt.

Nur in Nordosten des zwar weiträumig, aber dennoch fast rundeherum von Land umgebenen Samsø öffnet sich zum Kattegat hin eine größere Wasserfläche. Durch den Samsø Bælt führt von dort die Hauptschifffahrtsroute zwischen der Insel und dem gegenüber liegenden Sjælland zum Großen Belt. Doch leitet diese - genau wie alle wichtigen Achsen anderer Transportmittel - den Verkehr eben an Samsø vorbei, das aus diesem Grund trotz seiner ziemlich mittigen Position eher abgeschieden ist.

Die mit Abstand wichtigste Verbindung zur Außenwelt stellen die beiden Fährlinien dar, die von Hou in Jylland nach Sælvig oder von Kalundborg auf Seeland nach Kolby Kås verkehren. Da die Schiffe von "SamsøFærgen" jedoch für die erste Strecke knapp eine, für die zweite sogar beinahe zwei Stunden benötigen und auf jeder der beiden Routen nur eine einzige Fähre hin und her pendelt, kommen so pro Tag maximal ein Dutzend Überfahrten auf die Insel zustande.

Auf Samsø kommt man deswegen keineswegs nur einmal zufällig vorbei. Nach Samsø reist man nahezu ausnahmslos mit voller Absicht. Abgesehen von den Einheimischen, die zum Festland übersetzen, um dort etwas zu erledigen, werden die Fähren dann auch hauptsächlich von Urlaubern genutzt. Zumindest im Sommerhalbjahr ist das so. Denn in der kalten Jahreszeit zieht es natürlich nicht überraschend recht wenige Besucher auf die Insel.

Doch auch während der Hauptsaison von Juni bis August ist Samsø nicht unbedingt überlaufen. Zum einen hat die Insel nämlich nur knapp viertausend Einwohner. Und zum anderen beschränkt sich auch die Zahl der Gästebetten in Hotels und Pensionen auf wenige hundert. Dazu kommen noch eine Reihe von Ferienhäusern und -wohnungen sowie einige Campingplätze. Selbst bei voller Auslastung in der Hochsaison lässt sich die Zahl der Menschen auf der Insel so kaum verdoppeln.

Insgesamt werden auf Samsø pro Jahr jedenfalls gerade einmal etwas mehr als hunderttausend Übernachtungen gezählt. Als Vergleich sei nur einmal die - bezogen auf die Fläche sogar noch etwas kleinere - deutsche Ferieninsel Sylt genannt, auf der sich weit über fünfzigtausend Betten finden lassen und die jährlich achthunderttausend Gäste mit sechs Millionen Übernachtungen in die Tourismusstatistik einbringen kann.

Ziemlich abwechslungsreich und keineswegs überlaufen ist die lange Küstenlinie der Insel

Mehr als ein Drittel aller "overnatninger" von Samsø fallen jedoch ohnehin nicht an Land sondern auf dem Wasser an. Denn die in den kleinen Häfen anlegenden Segel- und Motorbooten werden für die genannte Gesamtsumme auch noch mitgerechnet. Unter den in dänischen Gewässern herum schippernden Freizeitkapitänen ist die Insel dank ihrer Position ein ziemlich beliebter Anlaufpunkt. Zumindest diesbezüglich hat Samsø wie schon vor mehr als einem Jahrtausend eine zentralen Rolle.

Wenn sich Einwohner- und Besucherzahlen in solchen Größenordnungen bewegen, erhält eine Veranstaltung, an der mehrere hundert Menschen teilnehmen, dann fast schon die Bedeutung eines Großereignisses. Beim inzwischen zum fünften Mal ausgetragenen Samsø Marathon kommt eine solche Zahl von Läufern zusammen. Und bringt deswegen nicht nur die Sportler selbst sondern die ganze Insel in Bewegung.

Allerdings täuscht der gerade genannte Wert ein wenig. Denn über zweiundvierzig Kilometer ist dabei nur ein kleiner Teil der Aktiven unterwegs. Wie meist verbirgt sich hinter dem Begriff "Marathon" in Wahrheit nämlich auch eine ganze Reihe weiterer Wettbewerbe über kürzere Streckenlängen. Einen Halbmarathon hat man genauso im Angebot wie einen - eigentlich ein wenig zu lang geratenen - Zehner. Für Einsteiger, Kinder und Jugendliche gibt es zudem "familieløbet" über etwa ein Zehntel der namensgebenden Distanz.

Und auch auf Samsø lässt sich dabei jene hierzulande eigentlich fast immer zu beobachtende Teilnehmerverschiebung vom Hauptrennen ins Rahmenprogramm feststellen, die zuletzt den einen oder anderen Marathon ins Wanken oder gar zum Kippen gebracht hat. Statt wie anfangs immerhin ein volles Viertel aller Läufer gehen nun nur noch zehn bis fünfzehn Prozent über die längste angebotene Strecke.

Seit der Premiere, bei der man noch fast hundertfünfzig Meldungen entgegen nehmen konnte, haben sich auf der kleinen dänischen Insel die Zahlen für die Marathondistanz - ebenfalls eine bei Neueinsteigern nahezu stets zu erkennende Tendenz - innerhalb weniger Jahre mehr als halbiert. Die Dreistelligkeit der Erstauflage konnten die Organisatoren danach nie mehr erreichen. Von Jahr zu Jahr wurde das Feld etwas kleiner.

Selbst zum kleinen Jubiläum kehrt sich diese negative Entwicklung nicht um. Mit gerade einmal einundsechzig angemeldeten Marathonis muss man erneut einen Minusrekord registrieren. Dass sich dabei die Gewichte sogar wieder ein wenig zum Hauptlauf verschieben, weil auch alle anderen Strecken deutliche Rückgänge verzeichnen, ist natürlich alles andere als ein Trost. Erstmals in seiner noch jungen Geschichte rutscht der Samsø Marathon dadurch unter eine Gesamteilnehmerzahl von fünfhundert.

Im Nordteil von Samsø schwingen sich die Hügel fünfzig und mehr Meter auf

Angesichts von Begeisterung und Eifer, die man auf der Insel auch weiterhin für den Marathon entwickelt, und des Aufwandes, den man bei Organisation und Ausrichtung des Laufes betreibt, lässt sich diese Entwicklung aber eigentlich nur mit dem Begriff "unverdient" bezeichnen. Denn beim zweiten Punkt braucht man sich hinter vielen deutlich größeren Marathons keineswegs zu verstecken. Und bezüglich des erstgenannten Aspektes stellt man diese sogar meist in den Schatten.

Wie so oft zeigt sich nämlich auch beim Samsø Marathon wieder einmal, dass es in kleinen Dörfern mit vielen persönlichen Kontakten weit einfacher ist, ausreichend Leute zu finden, die sich bei einer dort stattfindenden Veranstaltung engagieren, als in anonymen Großstädten. Auf der langen Liste der Sponsoren und Unterstützer fehlt nicht nur kaum ein Beherbergungsbetrieb. Auch fast alle anderen Unternehmen der Insel scheinen bei mehr als fünfzig vorhandenen Einträgen dort verzeichnet zu sein.

So dürfte der Lauf erst einmal nicht unbedingt gefährdet sein und - sollten die Geldgeber nicht alle gleichzeitig abspringen - für weitere Auflagen finanziell zumindest einen gewissen Grundstock zur Verfügung haben. Einen nicht ganz kleinen Beitrag muss man allerdings auch als Teilnehmer leisten. Denn fünfhundertfünfzig dänische Kronen - beim aktuellen Umrechnungskurs immerhin fast fünfundsiebzig Euro - sind selbst im hochpreisigen Skandinavien für einen Marathon wahrlich kein Sonderangebot.

Umgekehrt umfasst jedoch das Leistungspaket auch eigentlich alles, was sich bei ähnlich teuren Veranstaltungen in irgendeiner Form finden lässt. Neben einer Medaille im Ziel bekommt zum Beispiel jeder der Marathon- und Halbmarathonläufer - diese sind übrigens mit einem Startgeld von dreihundertfünfundzwanzig Kronen dabei - zusammen mit der Startnummer noch ein Funktions-T-Shirt.

Bei den deutlich günstigeren Kurzstrecken - mit hundertvierzig und sechzig Kronen ist man dort dabei - geht es diesbezüglich weit weniger großzügig zu. Wer dort unterwegs ist, muss mit selbst mitgebrachter Oberbekleidung wieder nach Hause fahren. Wegen des hohen Kinderanteils bekommen alle beim "Familienlauf" ins Ziel Kommenden jedoch ebenfalls eine Metallplakette am Band um den Hals gehängt.

Als Besonderheit, die sich ganz sicher nicht unbedingt finden lässt, gehören allerdings auch kostenlose Pendelbusse von den beiden Fährhäfen zum Startort Tranebjerg. So können alle, die nur zum Rennen nach Samsø und anschließend gleich wieder nach Hause wollen, das eigene Auto auf Sjælland oder in Jütland stehen lassen und die Überfahrt damit deutlich günstiger gestalten. Denn diese ist mehr als viermal so teuer, wenn man das eigene Fahrzeug mit auf die Insel hinüber nimmt.

Auf dem Ballebjerg, dem mit 64 Metern höchsten Punkt der Insel, hat man noch zusätzlich einen kleinen Aussichtsturm errichtet Weithin sichtbar steht "Kolby Mølle", ein der beiden auf Samsø noch erhaltenen historischen Windmühlen auf einem Hügel

Die notwendigen Fährpassagen der Tagesgäste ist sicher auch einer der entscheidenden Gründe für die relativ späten Startzeiten der Rennen. Denn beim Marathon geht das Feld um elf Uhr auf die Reise, beim Halbmarathon müssen die Läufer bis zur Mittagszeit warten. Genau dazwischen wird über zehn Kilometer gestartet. Und für den Zehntelmarathon ertönt das Signal sogar erst um halb eins.

Viele Möglichkeiten am Renntag noch rechtzeitig nach Samsø zu kommen, bleiben angesichts der Fahrzeit der Schiffe allerdings trotzdem nicht. Und so dürfte der größere Teil der Starter, der sich am späten Morgen dieses Samstags - der im Dänischen und Norwegischen übrigens "Lørdag" und auf Schwedisch leicht anders geschrieben "Lördag" heißt, womit das obige Wortspiel für Skandinavier gar nicht möglich ist - langsam in Tranebjerg einfinden, bereits auf der Insel geschlafen haben.

Trotz seiner gerade einmal achthundert Einwohner ist das Örtchen schon so etwas wie die Metropole von Samsø - und deswegen wenig überraschend auch Sitz der ebenfalls "Samsø" heißenden Gemeinde. Seit mehr als fünf Jahrzehnten sind sämtliche Dörfer des Eilandes in einer einzigen "Kommune" vereinigt. Spätere Verwaltungsreformen, die auf dem Festland und den größeren Inseln für immer weiter gehende Zusammenlegungen sorgten, gingen dagegen an Samsø vorüber.

Und so ist die Insel nicht nur weiterhin selbstständig sondern hinter Læsø und Fanø inzwischen auch die einwohnermäßig drittkleinste Kommune Dänemarks. Die Endung lässt es schon vermuten, dass es sich bei diesen - wie auch bei der nächstgrößeren Gemeinde Ærø - ebenfalls um Inseln handelt. Und alle haben außerdem gemein, dass sie nicht durch Brücken oder Tunnel sondern nur über Fähren mit dem Rest des Landes verbunden sind.

Doch muss man dennoch ziemlich vorsichtig sein, hinter jedem Ortsnamen, der mit einem "ø" endet, gleich eine Insel zu vermuten. Meist ist es zwar tatsächlich so. Doch gibt es eben auch noch das Wort "sø", das "See" bedeutet und deswegen ebenfalls in geographischen Bezeichnungen auftauchen kann. Im Umland von Kopenhagen existiert zum Beispiel eine Kommune namens "Furesø", bei der es sich keineswegs um eine Insel handelt. Vielmehr ist sie rundherum von Land umgeben und nur nach einem gleichnamigen See benannt.

Die Tranebjerg Kirke mit ihrem wuchtigen Turm und den markanten Treppengiebeln ist ziemlich typisch für Landkirchen in Dänemark Der Startort Tranebjerg ist trotz gerade einmal achthundert Einwohnern mit einer Reihe von Geschäften, Kneipen und Restaurants schon so etwas wie die Metropole von Samsø

In Tranebjerg gibt es zwei Supermärkte und ein kleines Krankenhaus, zwei Museen und das Tourismusbüro der Insel, eine Schule und daneben auch zwei Hallen. "Samsø Hallen", die ältere der beiden und in einer hierzulande ziemlich ungewöhnlichen, in Dänemark aber durchaus häufiger anzutreffenden röhrenartigen Form erbaut, dient zur - auch am Freitagabend schon geöffneten - Startnummernausgabe.

In der nicht direkt in den Schulkomplex integrierten neueren "Idrætshal" - was übersetzt einfach nur "Sporthalle" bedeutet - findet man die Umkleiden und Duschen. Und praktisch direkt vor ihr ist zudem der Zielbogen aufgebaut. Wäre die Anfahrt in Tranebjerg nicht ohnehin gut markiert, könnte man also einfach auch der Beschilderung zum "Idrætscenter" folgen, um zum Austragungsort des Marathons zu gelangen.

Da es nur einige Schritte entfernt außerdem einen großen Parkplatz gibt, veranstaltet man auf Samsø wirklich einen Marathon mit ziemlich kurzen Wegen. Der Start befindet sich allerdings etwa zweihundert Meter entfernt "ved Danske Bank på hovedgaden i Tranebjerg", also vor der Filiale der "Danske Bank" auf der Hauptstraße des Örtchens. Den kurzen Fußweg, über den man dorthin gelangt, kann man dank mehr als ausreichend vorhandener Richtungspfeile aber kaum verfehlen.

Dort markiert ein aufblasbarer Startbogen die Stelle, an der der es losgehen soll. Doch über das "Wohin" ist man sich weder unter den Marathonis noch unter den ebenfalls schon zum Teil anwesenden Halbmarathonläufern wirklich einig. Einen Streckenplan kann man sich zwar auf der Internetseite des Marathons ansehen. Allerdings sind auf diesem weder Kilometermarkierungen noch eine Kennzeichnung der Laufrichtung eingezeichnet.

Und selbst die dort veröffentlichte Beschreibung ist eher widersprüchlich. Denn in den deutsch- und englischsprachigen Versionen lässt sich aus ihr heraus lesen, dass die jeweiligen Runden im Uhrzeigersinn absolviert werden müssen. Laut der etwas umfangreicheren dänischen Erläuterung nimmt der Kurs jedoch eindeutig den genau umgekehrten Verlauf. Da aber auch einige der einheimischen Teilnehmer zugeben, sie wären bei der Anmeldung davon ausgegangen, dass rechtsherum gelaufen würde, scheint selbst dort eine zweite Variante im Umlauf zu sein.

Es stellt sich am Ende heraus, dass die Laufrichtung gegen die Uhr die richtige der beiden Alternativen ist. Allerdings wurde diese Strecke nach der Premiere der Rennen 2009 tatsächlich noch einmal gedreht. Das Ändern der deutschen und englischen Texte hat man dabei sogar auf der eigenen Seite wohl einfach vergessen. Und da im weltweiten Netz ja bekanntlich fast jeder von jedem abschreibt, geistern dort vermutlich auch noch genug Kopien der ursprünglichen dänischen Fassung herum.

Auch in Tranebjerg entdeckt man die auf der Insel in großer Zahl vorhandenen alten Fachwerkhäuser, die oft auch noch das traditionelle Reetdach tragen

Selbst wenn man die wichtigsten Informationen auch auf Deutsch bekommen kann, tut man nicht nur deswegen gut daran, sich zusätzlich einmal das wesentlich ergiebigere Original anzusehen. Obwohl man dabei eventuell nicht jedes Wort versteht, kann man daraus manchmal weit mehr Erkenntnisse ziehen als aus einigen deutschen Passagen, die nicht im Geringsten verheimlichen, dass sie unter eifriger Mithilfe eines Übersetzungsprogrammes entstanden sind.

Vielleicht drolligstes Beispiel dafür ist, dass es laut der englischen Erklärung an den Verpflegungsstellen neben "water", "sport drink" und "fruit" außerdem auch noch "mushrooms" geben soll. Sogar wenn man Pilze wirklich gerne mag und bereits häufig die unterschiedlichsten, internationalen Gepflogenheiten bezüglich der Wettkampfverpflegung erlebt hat, erscheint es doch eher abwegig, während eines Marathons gekochte Champignons oder Pfifferlinge zu sich zu nehmen.

Des Rätsels Lösung liegt im dänischen Wort "svampe", dem man durchaus eine gewisse Verwandtschaft zum deutschen "Schwämme" ansehen kann. Dumm ist nur, dass man in Dänemark den gleichen Ausdruck auch für "Pilze" - analog dem deutsche "Schwämmchen" - verwendet und zum Beispiel die berühmt-berüchtigte "Translate-Funktion" von Google für die meisten Sprachen ausgerechnet diese Bedeutung als jeweilige Übersetzung ausspuckt.

Am erstaunlichsten an der ganzen Sache ist aber eigentlich, dass dieser Lapsus keinem der doch meist ziemlich flüssiges Englisch sprechenden Dänen aus der Organisationsmannschaft aufgefallen ist. Übrigens wird es an den Versorgungsposten später weder die angekündigten "mushrooms" noch "sponges" - das wäre nämlich der richtige Begriff gewesen - geben. Zum Abkühlen muss man sich das Wasser aus den Bechern überschütten.

Und dass dies mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit häufiger notwendig sein wird, ist schon klar, als sich das ziemlich überschaubare Marathonfeld im Startbereich zusammen findet. Längst hat das Thermometer zu diesem Zeitpunkt nämlich die Marke von zwanzig Grad erreicht, so dass trotz fast ausnahmslos kurzer Laufbekleidung niemandem unter den Anwesenden kalt sein dürfte. Und die Tendenz des Quecksilbers ist weiterhin leicht steigend.

Die hoch am nahezu wolkenlosen Himmel stehende Sonne verstärkt den Eindruck von sommerlicher Wärme noch zusätzlich. Dagegen kann der leichte Wind, der in Meeresnähe - auf der gut fünfundzwanzig Kilometer langen und maximal etwa sechs Kilometer breiten Insel ist kein Punkt weiter als zwei oder drei Kilometer vom Wasser entfernt - selbstverständlich immer zu spüren ist, nur wenig ausrichten.

Überall wo der Marathon mit dem Straßenverkehr in Kontakt kommen könnte, hat man Warnungen vor Läufern auf der Fahrbahn angebracht
Doch ganz egal ob man zu Fuß, mit dem Fahrrad, dem Auto oder dem Motorrad von der Fähre herunter kommt, willkommen sind alle Besucher auf Samsø

So will der einsame Dudelsackspieler, der kurz vor dem Start zu den wie immer ziemlich durchdringenden Klängen seines Instrumentes die Straße hoch und mitten durchs kleine Läuferfeld marschiert, irgendwie gleich in doppelter Hinsicht nicht passen. Schließlich ist die keltische Sackpfeife im germanischen Skandinavien ganz sicher nicht zu Hause. Und auch das Wetter hat so gar nichts von der nasskalten Witterung, die man gemeinhin mit den britischen Inseln verbindet.

Kein Schuss sondern ein Signalhorn entlässt die Marathonis wenig später auf die Strecke. Etliche von ihnen zögern allerdings einen kurzen Moment, da sie sich nicht völlig sicher sind, ob dieses ungewöhnliche Geräusch gerade tatsächlich das Zeichen zum Loslaufen darstellen sollte oder vielleicht doch nur zufällig ertönte. Selbst wenn die in den Startnummern integrierten Chips eine Nettozeitnahme ermöglichen würde, halten sich die Verzögerungen angesichts der wenigen Teilnehmer trotzdem ziemlich in Grenzen. Innerhalb weniger Sekunden sind alle über die Linie.

Quer durch das Ortszentrum von Tranebjerg führt die Strecke auf ihren ersten Metern. Einige kleine Geschäfte werden passiert, eine Handvoll Kneipen, Cafés und Restaurants, ein Hotel sowie das Rathaus der Gemeinde Samsø. Und bevor die erste der auf dem gesamten Kurs wirklich vorbildlich platzierten Kilometermarken erreicht ist, hat man das Dörfchen eigentlich schon wieder hinter sich gelassen.

Die ersten Höhenmeter sind in diesem Augenblick auch schon bewältigt. Denn wie der Rest von Dänemark ist Samsø zwar alles andere als gebirgig, aber eben trotzdem auch keineswegs vollkommen flach. Die Insel besteht vielmehr hauptsächlich aus jener typischen hügligen Moränenlandschaft, die den größten Teil des Landes einnimmt und in der es eigentlich ständig leicht bergauf oder bergab geht.

Meist kaum höher als vierzig Meter sind diese Kuppen. Der "Ballebjerg" als höchste Stelle des Eilands erreicht immerhin vierundsechzig Meter über dem Meer. Da dieses dort weniger als einen halben Kilometer entfernt liegt, ist er natürlich auch ein ziemlich beliebter Aussichtspunkt. Ein kleines Türmchen, das entfernt an ein Stadttor oder einen Burgfried erinnert, auf seinem "Gipfel" bringt noch ein paar zusätzliche Meter für ein Rundumpanorama.

Nur wenige hundert Meter liegen der Zielbereich an der Sporthalle … …und der Start auf der Hauptstraße von Tranebjerg auseinander

Obwohl die Marathonstrecke ihn nicht berührt und auch ansonsten keineswegs jeden Hügel mitnimmt, kommt sie wohl, wenn man alles zusammen nimmt, trotzdem auf eine dreistellige Summe an Höhenmetern. Was sich erst einmal nach ziemlich viel anhört, ist jedoch ein Wert, der sich auch für so manchen großen Stadtmarathon ermitteln ließe - vom New York Marathon, der auf mehr als das Dreifache kommt, sowieso ganz zu schweigen.

In südöstlicher Richtung läuft man nach der diagonalen Durchquerung des Dörfchens - das Sportzentrum findet sich in der nordwestlichen Ecke - aus Tranebjerg hinaus. Und schon am Ortsausgang hat sich die Läuferreihe deutlich auseinander gezogen. Da fällt es nicht schwer sich auf der linken Straßenseite einzusortieren, um eventuell entgegen kommende Autos rechtzeitig im Blick zu haben.

Rund die Hälfte des Marathonkurses und sogar zwei Drittel des Halbmarathons führen nämlich über nicht vollständig gesperrte Straßen. Nur für die anfänglichen Meter in und um Tranebjerg steht den Aktiven die volle Breite des Asphaltes zur Verfügung. Danach sind die Strecken jedoch für den Verkehr freigegeben, so dass man auf Begegnungen mit Fahrzeugen durchaus gefasst sein muss.

Meist handelt es sich allerdings um Nebensträßchen mit dem Charakter eines etwas zu breit geratenen Feldweges, auf denen nicht allzu viel Betrieb herrscht. Und zudem sind wirklich überall, wo Autofahrer mit den Läufern in Kontakt kommen könnten, große Schilder mit der Aufschrift "Giv agt! Løbere på kørebanen" aufgestellt, die man - vielleicht einmal abgesehen von dem Verb "køre", das "fahren" bedeutet - auch ohne tiefere Kenntnis der dänischen Sprache versteht.

Die Warnung wirkt, man nimmt absolut Rücksicht und sich ein bisschen mehr Zeit. Doch auf der relativ kleinen Insel, die man mit dem Auto ohne den geringsten Stress in weniger als einer halben Stunde von Nord nach Süd durchquert hat, geht es im Straßenverkehr jedoch ohnehin noch einmal deutlich geruhsamer zu als im Rest des in dieser Hinsicht auch schon relativ entspannten Skandinavien. Samsø ist deswegen dann auch ein für Freizeitradler ziemlich geeignetes Reiseziel.

Durch welliges Ackerland und vorbei an über die Landschaft weit verstreuten Bauernhöfen führt die Straße meist weiter leicht bergan hinüber ins Nachbarörtchen Brundby, dessen erste Häuser sich auf der Anhöhe bereits aus einiger Entfernung erahnen lassen. Kaum zweihundert Bewohner zählt das Dorf. Und dennoch gehört es damit schon zu den größeren Siedlungen der Insel, deren Bevölkerungsdichte nur bei etwa mehr als dreißig Menschen pro Quadratkilometer liegt - ein Wert, der nicht einmal von einer Handvoll anderer dänischer Kommunen unterboten wird.

Nach einem Kilometer durch Tranebjerg führt die Strecke… … schnell in die sanfte Hügellandschaft der dünn besiedelten Insel hinaus

Im Läuferfeld hat man sich inzwischen einigermaßen sortiert und zu kleineren Gruppen mit etwa gleichem Lauftempo zusammen gefunden. Der Weg ist schließlich noch lang genug. Und da es angesichts der geringen Teilnehmerzahl eigentlich klar ist, dass man am Schluss ziemlich alleine unterwegs sein dürfte, kann ein wenig Unterhaltung zumindest im ersten Streckenteil ganz sicher nicht schaden.

Der Zufall will es, dass dabei auch alle drei deutschen Teilnehmer am Marathon für eine kurze Zeit gemeinsam laufen. Damit stellen sie allerdings schon das mit Abstand stärkste internationale Kontingent. Ansonsten tauchen in der Startliste nur noch ein Este und ein Norweger auf. Auch beim Halbmarathon lässt sich noch einmal das Länderkürzel "GER" entdecken. Die weiteste Anreise dürfte allerdings eine dort antretende Italienerin hinter sich haben. Ansonsten bleiben die Dänen bei der Veranstaltung jedoch weitgehend unter sich.

Selbst wenn sie sogar noch etwas überspitzter ausfallen, spiegeln diese Werte ganz gut die Verteilung der auf die Insel kommenden Urlauber wider. Denn rund drei Viertel von ihnen stammen tatsächlich aus Dänemark. Dahinter bilden dann schon die deutschen Feriengäste die mit Abstand größte Gruppe in den Statistiken. Ansonsten zieht es maximal noch ab und zu einen Besucher aus den nordischen Nachbarländern nach Samsø.

Berthold Flocke, einer der deutschen Starter, macht nun schon zum wiederholten Male Urlaub auf der Insel. Diesmal ist erstmals beim Marathon dabei und dafür extra einen Tag früher aus dem württembergischen Renningen angereist. Wenn man sowieso schon um diese Zeit nach Samsø käme, könne man den Lauf schließlich auch gleich mitnehmen, heißt seine eigentlich ganz einsichtige Begründung.

Nach dem Rennen, der er in 3:46:28 beenden wird, will Flocke dann mit der Familie zwei gemütliche Wochen verbringen und - wie er es ausdrückt - "die Füße hochlegen". Die Ruhe und Abgeschiedenheit des Eilandes hat es ihm merklich angetan. Während man gemeinsam aus Tranebjerg hinaus läuft, schwärmt er von einem menschenleeren Strand, an den er morgens für sich ganz alleine im Meer baden könne. Das klingt so lange unheimlich toll, bis er die Wassertemperatur von neunzehn Grad erwähnt. Na ja, das muss dann wohl doch nicht sein.

Auch Udo Möller macht in Dänemark Urlaub. Allerdings hat er sich wegen der größeren Bewegungsfreiheit und des weiteren Aktionsradius auf dem Festland einquartiert und ist nur zum Marathon herüber auf die Insel gekommen. Der Name lässt den einen oder anderen vielleicht aufhorchen. Und richtig, es handelt sich um den Kolumnisten der Zeitschrift "Spiridon". So sind unter den drei Deutschen, die auf Samsø an die Startlinie treten, gleich zwei, die nicht nur laufen sondern auch darüber schreiben.

Kjell Titlestad (in der Bildmitte) ist zwar Norweger, lebt aber schon lange in Dänemark Nach fünf Kilometern erreicht das kleine Marathonfeld das Dörfchen Ballen

In der Form "Møller" ist dieser Nachname auch in Dänemark verbreitet. Und obwohl er im Gegensatz zu seiner deutschen Entsprechung "Müller" keineswegs weit oben steht sondern erst auf Rang neunzehn der dänischen Rangliste notiert wird, könnte man ihm dennoch einen Titel zugestehen. Denn es ist immerhin der erste dort auftauchende "efternavm", bei dem es sich nicht um ein sogenanntes "Patronym" handelt.

Wie heute noch in Island üblich wurden einst in ganz Skandinavien Nachnamen dadurch gebildet, dass man dem Vornamen des Vaters bei Söhnen ein "-sen" oder "-son", bei Töchtern ein "-dottir". "-datter" oder "-dotter" anhängte. So waren zum Beispiel die beiden Wikinger Erik "der Rote" Thorvaldsson und Leif Eriksson, von denen der Erste Grönland entdeckte und der Zweite nach Nordamerika vorstieß, Vater und Sohn.

Als in Dänemark im neunzehnten Jahrhundert per Gesetz das Führen echte Familiennamen angeordnet wurde, übernahmen die meisten einfach die gewohnten Vaternamen. Ganz ähnlich verlief die Entwicklung auch in Schweden und mit Abstrichen in Norwegen. Deswegen heißen dann auch jeweils mehr als zweihunderttausend Dänen "Jensen", "Nielsen" oder "Hansen". Noch über hunderttausendmal tauchen die Nachnamen "Pedersen", "Andersen", "Christensen", "Larsen" sowie "Sørensen" in der Statistik auf.

Hinter all den Patronymen - deren Neubildungen entsprechend den alten Regeln übrigens seit einer Änderung des nationalen Namensrecht vor einigen Jahren nun in Dänemark auch offiziell wieder erlaubt ist - bildet "Møller" jedenfalls die erste und praktisch auch die einzige wirklich häufiger auftauchende Berufsbezeichnung, während diese dagegen bei den Nachnamen im deutschen Sprachraum eindeutig dominierend sind.

Das Agrarland Dänemark hatte einst natürlich auch zahlreiche Mühlen. Wirklich nur einen Steinwurf von der Marathonstrecke entfernt, aber hinter Bäumen verborgen liegt zum Beispiel "Brundby Mølle", eine der beiden auf Samsø noch erhaltenen Windmühlen. Allerdings wird diese ohnehin gerade restauriert und ist nicht zu besichtigen. Die andere "Vindmølle" zeigt sich den Gästen dagegen in ihrer vollen Pracht. Sie wird beim Marathon jedoch nicht passiert, denn "Kolby Mølle" steht weithin sichtbar auf einem Hügel in der Nähe des Fährhafens Kolby Kås.

Mit seinem Hafen und dem alten "Købmandsgård" ist Ballen ein beliebter Anlaufpunkt für Feriengäste

Während diese alten Mühlen nicht mehr in Betrieb sind und sich ihre Flügel nur noch in Ausnahmefällen drehen, lässt der Wind an anderen Stellen des Eilandes fleißig die Propeller kreiseln. Rund zwanzig Windkraftanlagen - jeweils zur Hälfte an Land und in den Gewässern vor der Insel - gibt es. Samsø wurde nämlich Ende der Neunziger von der dänischen Regierung als Mustergemeinde für den Einsatz regenerativer Energien ausgewählt.

Inzwischen ist die Insel - abgesehen von den auf ihr rollenden Autos - praktisch völlig unabhängig von fossilen Brennstoffen. Die Kommune kann sich sowohl im Hinblick auf Strom als auch auf Heizwärme durch Windkraft-, Solar- und Biomasseanlagen vollständig selbst versorgen. Landesweit wird in Dänemark immerhin schon weit mehr als ein Drittel des benötigten Stromes durch Sonne und Wind erzeugt.

Einige dieser Turbinen können die Marathonis auf einem Hügelkamm entdecken, als sie einen knappen Kilometer später auf der anderen Seite aus Brundby wieder hinaus laufen. Nach etwa - kleine Rechenaufgabe zur Auflockerung - einem Vierzehntel der Gesamtdistanz passiert man dabei auch die erste von zwölf Verpflegungsstellen. "Væskedepoter" heißen diese im dänischen Original, was im ersten Moment ein wenig an "Wäsche" erinnert, aber eigentlich "Flüssigkeit" bedeutet.

Dass wenig später eine Bushaltestelle am Straßenrand auftaucht, kommt Kjell Einar Titlestad gerade recht. Denn so muss er den mitgenommenen Becher nicht einfach fallen lassen sondern kann ihn skandinavisch korrekt in einem Mülleimer entsorgen. Das Adjektiv "skandinavisch" ist in diesem Fall sogar ziemlich ideal, schließlich handelt es sich bei Titlestad zwar um den schon erwähnten Norweger im Feld. Doch lebt und arbeitet er seit rund drei Jahrzehnten in Dänemark.

Nicht zum ersten Mal wird sein Name in einem Artikel der Rubrik "Reisen und Laufen" genannt. Allerdings taucht er beim Bericht über den Marathon in seiner Heimatstadt Bergen nur indirekt auf, weil seine Frau Ingrid Louise dem - sie an diesem Tag einige Zeit begleitenden - Schreiber und Fotografen von ihm erzählt hatte. Nun bekommt der an der Universitätsklinik von Odense tätige und mit dem Motorrad auf die Insel herüber gekommene Mediziner auch seinen ganz persönlichen Laufreport-Auftritt.

Ähnlich seiner Gattin, die sich diesmal mit dem Halbmarathon begnügt und diesen wie in Bergen erneut zusammen mit ihrer Sportkameradin Sonja Holst absolviert, spricht Kjell eigentlich ganz gut Deutsch. Mit ein paar eingestreuten norwegischen und dänischen Brocken könnte man sich also einigermaßen verständigen. Doch natürlich ist sein Englisch deutlich besser. Und so wechselt das Gespräch wie fast immer im Norden schnell in diese Sprache hinüber und wird zu einer längeren, manchmal ziemlich amüsanten Konversation.

Kleine idyllische Örtchen wechseln sich im ersten Streckenteil regelmäßig mit offener, welliger Landschaft ab

Bei der einen oder anderen Anekdote, die Titlestad zum Besten gibt, fällt es ziemlich schwer zu glauben, dass sich hinter diesem Schalk ein ernsthafter Immunologie-Forscher der "Syddansk Universitet" handeln soll. So berichtet er schmunzelnd, dass er in Bergen einen riesenhaften, breitschultrigen Ordner, der mit ausgebreiteten Armen die Richtung angezeigt habe, zugerufen hätte, es sähe so aus als ob er ihn umarmen wolle. Er solle dies dann ruhig tun. Den konsternierten Blick des Helfers kann man sich vorstellen.

Tendenziell leicht bergab geht es von Brundby ziemlich genau in östlicher Richtung dem Hafenörtchen Ballen und damit dem Meer entgegen. Erst im flachen Dänemark sei ihm klar geworden, wie gebirgig seine norwegische Heimat tatsächlich sei, gibt Kjell Titlestad in diesem Moment irgendwie ziemlich passend zu Protokoll. Er hat natürlich recht. Denn obwohl beide Länder jahrhundertelang in einem gemeinsamen Königreich vereint waren, könnten ihre Landschaften verschiedener kaum sein.

Den lieblichen dänischen Hügeln mit grünen Wiesen und gelben Kornfeldern, die nirgendwo höher als einhundertsiebzig Meter aufragen, steht die wilde, dramatische Natur Norwegens gegenüber, wo es vermutlich kaum eine Gemeinde gibt, die diesen Zahlenwert auf ihrem Territorium nicht locker übertreffen kann. Die Aussage, dass seine Heimatstadt Bergen genau deswegen zu den wohl am schönsten gelegenen Städten der Welt zählen dürfte, nimmt Kjell mit Wohlwollen zur Kenntnis.

Doch natürlich kennt er auch deren Ruf als Regenhauptstadt Europas und kann über die Bemerkung, er habe während seines Studiums in Dänemark vermutlich erstmals die Sonne gesehen, durchaus lachen. Immerhin habe man doch im April in Bergen wirklich Glück gehabt mit dem Wetter, kann er unwidersprochen anmerken. Ja, der strahlend blaue Himmel während des Marathons war damals gerade angesichts der völlig verregneten Vor- und Folgetage tatsächlich ein absoluter Volltreffer.

Insgesamt zwölf gut bestückte Verpflegungsstellen sind über die Marathonstrecke verteilt Alstrup besteht nur aus wenigen Bauernhöfen, doch der eine oder andere von ihnen ist ziemlich imposant

Da Titlestad genau an diesem Tag fünfzig Jahre alt geworden war, wäre das durchaus als Geburtstagsgeschenk der alten Heimat zu verstehen. Obwohl Dänisch und Norwegisch sich in geschriebener Form ziemlich ähnlich sind und das Bokmål, die verbreitetere der beiden norwegischen Schriftsprachen-Varianten sogar aus dem Dänischen entstanden ist, gibt es ausgerechnet bei den Zahlen deutliche Unterschiede. Und so ist sein Zähler entweder auf "femti" oder "halvtreds" gesprungen.

Ziemlich ungewöhnlich ist nämlich das dänische Zahlensystem. Während man dieses in fremden Sprachen sonst meist rein intuitiv schnell erlernt, stellen die Dänen ziemlich hohe Hürden in den Weg. Schon das "tredive" und "fyrre", mit denen man die Dreißig und die Vierzig bezeichnet, sind ein wenig unverständlicher als ihre norwegischen Entsprechungen "tretti" und "førti", die doch entfernt noch an die aus dem Englischen bekannten Benennungen erinnern.

Beginnend mit der Fünfzig muss man dann allerdings fast schon Rechenkünstler sein, um weiter zu kommen. Denn von nun an wird nicht mehr die Zehn sondern die Zwanzig als Basis benutzt. Die dänische Sechzig heißt schließlich ursprünglich "tresindstyve", was im Altnordischen "drei mal zwanzig" bedeutet. In der Umgangssprache ist daraus ein "tres" geworden, bei dem man als Außenstehender den dahinter stehenden Wert nun wirklich nicht im Geringsten erahnen kann.

Noch komplizierter wird es aber bei der Fünfzig, die sich aus zweieinhalbmal die Zwanzig ermitteln lässt. Allerdings wird in diesem Fall der benutzte Multiplikator wie beim Bestimmen einer Uhrzeit auch noch als "halb drei" angegeben, so dass am Ende ein "halvtredsindstyve" heraus kommt. Wenig überraschend hat man den Zungenbrecher dann zu "halvtreds" verkürzt. Die nächsten Zehnerschritte lauten dann "halvfjerds", "firs" und "halvfems", bevor es mit "hundred" endlich wieder nachvollziehbar weiter geht.

Zum Glück stehen sich die drei skandinavischen Sprachen aber so nahe stehen, dass sie von Linguisten nur als drei unterschiedliche Dialekte einer gemeinsamen Gruppe betrachtet werden. Dänen, Norweger und Schweden können sich untereinander oft besser verständigen können als ein Bayer oder Schwabe mit einem Preußen. Sie sind deswegen in der Regel zudem an weit größere Abweichungen vom eigenen Standard gewöhnt. Und so kommt man meist auch mit "seksti", "sytti", "åtti" und "nitti" einigermaßen weiter.

Der Norweger Kjell Einar Titlestad musste also keineswegs eine komplett neue Sprache erlernen als er zu Studium nach Dänemark kam. Achtzig bis neunzig Prozent des Wortschatzes sind bis auf gelegentliche kleine Varianten in der Schreibung vollkommen identisch. Als der "Nordmann" - in seiner neuen Heimat ist er dagegen ein "Nordmand" - das Gespräch kurz unterbricht, um einige Worte mit ebenfalls in der Gruppe laufenden Dänen zu wechseln, lässt sich aber kaum überhören, dass er sich längst auch den singenden dänischen Akzent angewöhnt hat.

Nach fünfzehn Kilometern senkt sich das Sträßchen dem Meer entgegen… …anschließend geht es auf einem parallel zur Küste verlaufenden Radweg weiter

Nach ziemlich genau fünf Kilometern erreicht man das Meer am Hafen von Ballen. Obwohl in seinen Ausmaßen durchaus übersichtlich ausgefallen, ist er die Hauptanlegestelle für Segelboote und Motoryachten auf der Insel. Der Kurs schwenkt auf die Uferstraße ein und schlägt kurz darauf schon wieder einen kurzen Haken um ein ins Land hinein ragendes Hafenbecken. Der durchaus vorhandene direkte Weg über eine schmale Holzbrücke war den Streckenarchitekten wohl doch etwas zu eng.

Vorbei am reetgedeckten, im neunzehnten Jahrhundert erbauten "Købmandsgård" - dem "Kaufmannshof", der inzwischen Ferienwohnungen beherbergt - lässt man das fast schon "winzig" zu nennende Zentrum des Dörfchens allerdings schnell wieder hinter sich und läuft entlang der Küste nach Norden. Der anfangs freie Blick über das Wasser wird später immer häufiger von Häusern verstellt, die sich rund einen Kilometer lang die ziemlich passend "Strandvej" heißende schmale Straße entlang ziehen.

In einem noch einigermaßen entspannten Tempo, das lockere Unterhaltung keineswegs verhindert, trabt man sie hinauf. Er hoffe, dass es bis zum Schluss weiter so liefe, meint Kjell zum angeschlagenen Schritt, schließlich würde er schon ganz gerne unter vier Stunden bleiben. Und beginnt dann darüber zu sinnieren, dass es noch gar nicht so lange her sei, dass er um die Marke von drei Stunden gekämpft habe. Er habe sie auch mehr als ein halbes Dutzend Male unterboten.

Nun sei man dagegen eine volle Stunde langsamer und müsse trotzdem auch schon dafür ziemlich anstrengen. Widerspruch erntet er nicht für diese Aussage. Es beruhigt allerdings irgendwie, dass es anderen genauso geht. Immerhin schafft es der Norweger, der nun schon mehr als die Hälfte seines Lebens in Dänemark zu Hause ist, mit 3:58:35 tatsächlich knapp unter die angestrebte Grenze. Dass er auf dem deutlich anspruchsvolleren Kurs in Bergen sogar einige Minuten schneller war, kann man dann vielleicht unter "Geburtstagsbonus" verbuchen.

Als der Weg sich gabelt und man der Beschilderung nach geradeaus zu einem Campingplatz gelangen würde, nimmt die Marathonstrecke die halblinke Alternative und zieht wieder weiter ins Inselinnere hinein. Fast augenblicklich wird damit auch das Gelände wieder ein wenig welliger. Und selbst wenn sich die zu bewältigenden Höhenunterschiede dabei in einem eher bescheidenen Rahmen bewegen, sind diese Kuppen in den vor den Läufern liegenden weiten, offenen Feldern nicht zu übersehen.

Über einen dieser kleinen Hügel hinweg erreicht man Langemark, eine kleine Häusergruppe, die trotz eines eigenen Ortsschildes kaum größer als ein Weiler ausfällt und die man fast noch schneller wieder verlässt, als man in sie hinein gelaufen ist. Das direkt an der Laufstrecke gelegene kleine Oldtimer-Museum, das sich auf Fahrzeuge der britischen Marke Austin spezialisiert hat, sorgt jedoch dafür, dass es trotzdem recht häufig von Urlaubern aufgesucht wird.

Anfangs ist der Weg asphaltiert … …später läuft man auch einige Kilometer auf gewalzten Schotterpfaden

Die Straße endet an einer Einmündung, wo ein Ordner die Marathonis mit seiner roten Fahne nach rechts leitet. An praktisch jeder einzelnen Ecke, an der die Orientierung auch nur im Entferntesten kritisch sein könnte, ist mindestens ein Helfer in einem der einheitlichen hellblauen T-Shirt postiert. Nicht ohne einen gewissen Stolz wird in der kleinen Programzeitung erwähnt, dass bei der Veranstaltung über zweihundert "frivillige hjælpere" im Einsatz seien. Betrachtet man den Marathon für sich alleine, sind eindeutig mehr Menschen neben als auf der Strecke dabei.

Schon vor Langemark hatte man den Abzweig passiert, an dem etwa eine halbe Stunde später die Läufer im Rennen über zehn Kilometer den Rückweg nach Tranebjerg beginnen werden. Selbst wenn die Distanz um einige hundert Meter länger ist, fallen die Siegerzeiten von Aage Øster und Pernille Laursen mit 38:05 und 44:53 nicht unbedingt herausragend aus. Dass die Gewinnerin bei den Frauen zudem schon auf Gesamtplatz vier landet, passt ins Bild. Der Zehner ist ein echter Volkslauf, bei dem mehr als die Hälfte aller Teilnehmer über ein Stunde unterwegs ist.

Einen halben Kilometer hinter Langemark sitzt neben der Straße "Besser Kirke" - wie es sich für eine Kirche gehört - etwas erhöht auf einem Hügel. Ihr markantestes Bauelement ist der wuchtiger Turm mit einem jener Treppengiebel, der für die Architektur der meist ziemlich wehrhaft wirkenden Landkirchen in Dänemark so typisch ist.

Die Kirche liegt etwas außerhalb der gleichnamigen Ortschaft, auf die man in diesem Moment gerade zuläuft. Doch gehören zur Kirchengemeinde "Besser Sogn", die bis zur Fusion der Inselkommunen auch als politische Einheit existierte, noch eine ganze Reihe weiterer Siedlungen und Einzelhöfe darunter zum Beispiel das von den Marathonis erst kurz zuvor verlassene Langemark.

Insgesamt fünf Kirchspiele gibt es auf der Insel. Und neben den dazu gehörenden jeweils relativ großen Hauptkirchen existieren auch noch zwei kleinere Filialkirchen in etwas abgelegenen Dörfchen. Angesichts der gerade einmal viertausend Einwohner, die Samsø bei weiterhin fallender Tendenz noch hat, lässt sich also durchaus vermuten, dass diese Gotteshäuser nur in den seltensten Fällen wirklich voll werden.

Einsam sind die Strände von Samsø, man hat sie fast für sich alleine, doch ist das Wasser eben auch längst nicht so warm wie im Mittelmeer

Gegenüber der Kirche lässt sich aufgrund mehrerer sattgrüner Streifen, die sich durch die wellige Landschaft ziehen, ein Golfplatz erahnen. Natürlich kann dieser gegen eine entsprechende Gebühr auch von Touristen genutzt werden. So viele golfspielende Einheimische gibt es schließlich gar nicht, um ihn ansonsten voll auszulasten. Und selbst wenn der Club sicher viele auswärtige Mitglieder hat, müssen diese eben dennoch für jede Partie von Festland herüber kommen.

Es ist ohnehin erstaunlich, wie breit sich das sportliche Angebot des Inselvereins "Samsø IK" trotz des nicht gerade im Übermaß vorhandenen Potenzials an Aktiven, das aufgrund der geographischen Lage auch nicht aus Nachbargemeinden ergänzt werden kann, präsentiert. Während der Vorbereitungen zum Start waren direkt neben dem kleinen Parkplatz an der Bankfiliale zum Beispiel einige Männer mit Sporttaschen in ein Umkleidegebäude marschiert, das zum dahinter befindlichen Fußballplatz gehört.

Denn während die Läufer ihre große Schleife über die Insel absolvieren spielt die erste Herrenmannschaft der Fußballabteilung an diesem Samstag zu Hause gegen Hårby IK 81 und gewinnt dabei 5:1. Und nicht nur die erwachsenen Kicker von Samsø - die allerdings in ihrer Klasse dann doch nicht mit elf sondern nur mit jeweils sieben Spielern antreten - nehmen ganz normal am Rundenbetrieb teil, auch einige Jugendteams setzten regelmäßig nach Jylland über, um dort gegen den Ball zu treten.

Genauso geht es auch Handballern, die während ihrer Saison ebenfalls praktisch jede zweite Woche auf die Fähre müssen. Neben "Håndbold" und "Fodbold" bietet der Sportverein - hinter dessen Abkürzung sich nicht etwa ein "Idrætsklub" sondern "Samsø Idræt & Kultur" verbirgt - zum Beispiel auch noch Gruppen für Gymnastik, Badminton oder Tennis an. Natürlich ist man auch bei der Organisation des Marathons dabei. Und der eine oder andere Einheimische ist zudem auf der Strecke unterwegs.

Ins Dörfchen Besser selbst führt die Strecke nicht hinein. Kurz nachdem man etwa einen Kilometer hinter Kirche und Golfplatz das Ortsschild passiert hat, zweigt die Strecke von der vermeintlichen Hauptstraße nach links ab. Wäre man dieser jedoch weiter geradeaus gefolgt, hätte man sich einige Zeit später in einer Sackgasse wieder gefunden. Der Weg endet nämlich auf einem Parkplatz am "Besser Rev", einer an vielen Stellen nur wenige Meter breiten, aber mehrere Kilometer langen Landzunge.

Die Wende schon hinter sich haben der Dritte Michael Hermann … …der Zweitplatzierte Simon Skydt-Nielsen und… …Anders Asboe Christensen, der als Gesamtsieger einen neuen Streckenrekord erzielt

Sie bildet den östlichen Abschluss einer großen von mehreren Inselchen - im Gegensatz zur größeren "Ø" werden sie in den diesbezüglich weitaus stärker ausdifferenzierten skandinavischen Sprachen als "holm" bezeichnet - durchsetzten Bucht, die den auf den ersten Blick ziemlich verwirrenden Namen "Stavns-Fjord" trägt. Denn selbstverständlich hat dieser nicht das Geringste mit seinen von steilen Felswänden umgebenen norwegischen Namensvettern gemein.

Auch wenn die geologische Definition dieses skandinavischen Begriffes heutzutage tatsächlich nur noch jene in ein von Gletschern geformtes Trogtal hinein reichenden Meeresarme meint, bezeichnet er - wie seine norddeutsche Entsprechung "Förde" - ursprünglich einfach nur ein schmales Fahrwasser. Und so kennt man dann auch im flachen Dänemark eine ganze Reihe von Fjorden, die sich insbesondere an der jütländischen Ostküste aber auch auf Seeland oder Fünen finden lassen.

Ziemlich genau fünfundzwanzig Prozent der Distanz hat man in Besser hinter sich gebracht. Und da ein Viertelmarathon ein halber Halbmarathon ist, hat man diesen Punkt nicht nur markiert sondern auch gleich noch mit einer Zwischenzeitmessung versehen. Nur wenige Schritte hinter dem Abzweig, geht es kurz, aber heftig bergan, bevor sich die Strecke wieder in das schon bekannte leichte Auf und Ab durch die sanften Hügeln von Samsø übergeht.

Das schlenkrige Sträßchen führt mit inzwischen leicht nordwestlicher Tendenz zwei Kilometer hinüber nach Alstrup, das aus kaum einer Handvoll Bauernhöfe besteht. Auch nur ein ganz klein wenig größer ist das einen Kilometer später erreichte Toftebjerg. Wie eigentlich in allen anderen zuvor durchlaufenen Orten kommt man dabei erneut an einigen Fachwerk- und Reetdachhäusern vorbei.

Solch gut erhaltenen, alten Gebäuden begegnet man zwar überall in Dänemark. Sie tragen sicher ganz erheblich zum liebenswerten Charme des kleinen Ländchens bei. Kaum ein dänisches Städtchen oder Dorf, das keinen alten Kern besitzt, in dem sich kleine bunte Häuschen um enge Gassen gruppieren. Aber auf Samsø scheinen sie irgendwie doch noch einmal in einer besonders hohen Konzentration anzutreffen zu sein.

Vielleicht hat man sich deswegen selbst den Titel "Danmarks hyggeligste marathon løb" verliehen, der nicht nur auf der Internetseite der Veranstaltung auftaucht sondern auch auf das an die Teilnehmer ausgegebene T-Shirt aufgedruckt ist. Nicht völlig passend, weil das dänische Wörtchen "hyggelig" sich eigentlich in keine andere Sprache so einfach übersetzen lässt, ist in der deutschen Variante vom "gemütlichsten Marathon Dänemarks" die Rede.

Noch schwerer tut man sich allerdings mit dem Englischen, das noch viel weniger eine passende Entsprechung besitzt und das aus diesem Grund sogar "gemutlich" als Lehnwort aus dem Deutschen übernommen hat. Das gewählte "Denmark's friendliest marathon" deckt jedenfalls nur einen ganz kleinen Teil der eigentlichen Bedeutung von "hyggelig" - es enthält so ziemlich alles, was Dänemark ausmacht, nur eben nicht jenes "hügelig", das man als Deutschsprachiger anfangs dahinter vermutet - ab.

Bei den Frauen liegt am Ende Aviaja Bebe Nielsen auf Rang zwei… ... während die lange Zeit führende Kristina Schou Madsen "nur" Dritte wird… … und Helle Løvschal sich im Schlussabschnitt noch den ersten Platz erkämpfen kann

Allerdings ist dieser Superlativ natürlich ziemlich subjektiv und keineswegs geschützt. Und trotz der Tatsache, dass Skandinavier eigentlich nicht unbedingt für ihre Großmäuligkeit bekannt sind, steht des Samsø Marathon mit dieser Selbsteinschätzung keineswegs alleine da. Wer sich ein wenig mit Einladungen zu dänischen Laufveranstaltungen beschäftigt, wird im Gegenteil sogar auf eine Vielzahl von "hyggeligste løb" oder "smukkeste løb i Danmark" stoßen.

In einem Land, bei dem eine der Nationalhymnen mit den Worten "der er et yndigt land" - auf Deutsch etwa "es gibt ein liebliches Land" - beginnt, dürfte die Festlegung auf einen einzigen "schönsten Lauf" jedoch sowieso recht schwierig werden. Reizvolle Ecken gibt es schließlich in Dänemark in mehr als genug.

Übrigens sind sich die Skandinavier bei aller freundschaftlichen Rivalität, die insbesondere dann sichtbar werden können, wenn man irgendwo sportlich aufeinander trifft, auch im Hinblick auf ihre Hymnen ziemlich ähnlich. Denn während in anderen Ländern die Texte oft einmal ziemlich kämpferisch und manchmal sogar ein wenig nationalistisch geraten, besingt man im Norden zumindest in den ersten Strophen jeweils die landschaftliche Schönheit der eigenen Heimat.

"Eine Nationalhymne" lautet die Formulierung deswegen, weil man in Dänemark abweichend von den Gepflogenheiten in den meisten Staaten ganz offiziell gleich zwei von ihnen besitzt. Und die zweite "Kong Christian stod ved højen mast" hat dann ebenfalls ein eher kriegerisches Thema, bezieht sie sich doch auf eine Seeschlacht im siebzehnten Jahrhundert, während der eben "König Christian am hohen Mast stand".

Diese königliche Hymne spielt man immer dann, wenn ein Mitglied des Könighauses anwesend ist. Und auch bei militärischen Anlässen wird sie benutzt. Bei allen zivilen Veranstaltungen und damit auch bei den allermeisten Sportwettkämpfen kommt dagegen das Lied vom "hübschen, kleinen Land am salzigen östlichen Strand" - ein Reim, der im Dänischen ebenso funktioniert, weil beide beteiligten Worte mit den Deutschen identisch sind - zum Einsatz.

Berthold Flocke aus Renningen macht schon zum wiederholten Male Urlaub auf der Insel, hat den Marathon aber zuvor noch nicht gelaufen Bent Kristensen aus Kalundborg hat Start und Übernachtung bei einer Verlosung in seinem Verein gewonnen Udo Möller aus Hannover hat in der Laufzeitschrift "Spiridon" seine eigene Kolumne und jahrzehntelange Erfahrung über die Marathondistanz

In Toftebjerg trennen sich auch die bis zu diesem Punkt identischen "ruter" von Marathon und Halbmarathon. Wirklich lange verläuft die kürzere Strecke aber nicht auf eigenen Pfaden. Denn nur einen Kilometer später wird sie wieder auf den Kurs der Langdistanz treffen, um für den Schlussabschnitt wieder auf den gleichen Weg zu wählen. Eigentlich ist der Marathon nämlich nur durch eine in den Norden der Insel führende, einundzwanzig Kilometer lange Zusatzschleife erweitert.

Selbst wenn es bei einer Stunde Startabstand eigentlich nahezu unmöglich ist, dass sich beide Felder bis Kilometer vierzehn wirklich vermischen, hat man nicht nur Schilder aufgestellt sondern in der Mitte des Straße mit Absperrpfosten und Flatterband eine echte Teilungsstelle konstruiert. Die Streckenposten haben jedoch keinen allzu hektischen Job, die inzwischen ziemlich vereinzelt eintröpfelnden Marathonis in die richtige Richtung - nämlich nach halbrechts - zu lenken. Und so können sie diese Aufgabe sogar im mitgebrachten Klappstühlchen ausüben.

Von den an dieser Stelle später nach links geleiteten Läuferinnen wird Line King in 1:35:52 am schnellsten wieder zurück in Tranebjerg sein. Während sie sich ziemlich klar von ihren Verfolgerinnen absetzen kann, gibt es dahinter einen recht knappen Zweikampf um die restlichen beiden Treppchenplätze, den Pia Sonne Buchardt in 1:39:41 gegen die 1:39:52 laufende Edel Elfving zu ihren Gunsten entscheiden kann.

Nur wenig größer ist der Abstand zwischen Platz zwei und drei auch bei den Herren, wo sich Peder Kristian Pedersen mit 1:28:05 den Vizerang sichert, während Peter Martens nach 1:28:37 auf Position drei ins Ziel läuft. Der Sieger wird mit einer Zeit von 1:25:46 unter dem wohl eher ein Pseudonym darstellenden Namen "Tupernaaq S Knudsen" in der Liste geführt. Der nicht viel mehr als eine Viertelstunde nach ihm einlaufende Sieger des Marathons wird später jedoch trotz doppelter Distanz ein höheres Durchschnittstempo vorlegen.

Nach der Streckenteilung zieht sich das Sträßchen noch einmal eine Kuppe hinauf, bevor es sich nach ziemlich exakt fünfzehn Kilometern erneut zum Meer hin senkt, dessen von der leicht erhöhten Warte relativ dunkel wirkendes Blau einen deutlichen Kontrast zum Grün der Wiesen und Felder bildet. Diesmal ist es aber die westliche Küste der Insel, auf die man da zusteuert, denn ohne es wirklich zu bemerken hat man Samsø inzwischen überquert.

Eine halbkreisförmige Bucht von beinahe zehn Kilometern Durchmesser öffnet sich da vor den Marathonis. Und wie der Fährhafen ganz in ihrem Süden heißt diese ebenfalls "Sælvig". Die Wasserfläche trug den Namen allerdings weitaus früher, bedeutet der Begriff doch eigentlich nichts anderes als "Robbenbucht". Die Verwandtschaft mit dem englischen "seal" scheint nun ganz logisch und selbstverständlich zu sein. Ohne vorgegebene Übersetzung hätten sie aber wohl nur wenige alleine erkannt.

Eine Passage durch manchmal ziemlich lichten Wald… …endet im Örtchen Mårup, wo man vom Radweg wieder auf die Straße hinüber wechselt

"Vig" oder "vik" ist einer von mehreren skandinavischen Begriffen für "Bucht". Daneben gibt es zum Beispiel noch "bugt" und das schon erwähnten "fjord". Wie bei den Inseln gibt es auch hierbei eine recht feine Gliederung in verschiedene Kategorien, die aber nicht vollkommen einheitlich und zum Teil überlappend ist. Allerdings bezeichnet "vig" tendenziell eher kleinere und schmalere Buchten. Vielleicht auch deswegen wird die Wasserfläche dann selbst von den Dänen oft mit dem eigentlich doppelten Namen "Sælvig Bugt" benannt.

Die beiden so unterschiedlichen Buchten - der Stavns-Fjord mit seinen vielen Holmen und Schären, der unzähligen Vögeln als Brut- und Rastplatz dient, im Osten sowie das offene Wasser die Sælvig Bugt im Westen - schnüren Samsø in der Mitte ziemlich ein und verpassen der Insel damit eine regelrechte Wespentaille Schon alleine dadurch bekommt sie eine ziemlich unverwechselbare Form.

So entdeckt man die Umrisse von Samsø dann auch als Aufkleber auf ziemlich vielen Autos, die über die Insel rollen. Nicht ganz zufällig erinnern sie an jene Sylt- oder Rügen-Plaketten, die man an deutschen Fahrzeugen zu sehen bekommt. Dabei macht es auch kaum einen Unterschied, ob sie Touristen oder Inselbewohnern gehören. Denn gerade bei einheimischen Firmen kommt praktisch keine einzige, die "Samsø" auch nur irgendwie im Namen führt, bei ihrem Logo ohne die charakteristischen Konturen aus.

Am Ende des Gefälles stößt die schmale Nebenstrecke auf die Hauptstraße, die Samsø von Nord nach Süd durchzieht. Das ist immer noch keine vielbefahrene Verkehrsachse, über der man sich Stoßstange an Stoßstange vorwärts schiebt. Doch ein paar Autos mehr als zuvor sind auf ihre schon unterwegs. Da trifft es sich gut, dass neben der Straße ein Radweg verläuft, auf den die Marathonis nach einer von der Polizei abgesicherten Querung parallel zur Küste in Richtung Norden einschwenken.

Dieser nördliche Teil des Kurses ist als Wendeschleife konzipiert. Und so kann das an einer Bushaltestelle gegenüber eines Campingplatzes aufgebaute "Væskedepot" genau wie alle weiteren auf diesem Abschnitt gleich doppelt benutzt werden. Man nimmt sie dankend an. Denn obwohl die Temperaturen sich noch in einem für den Sommermonat August keinesfalls unerträglichem Bereich bewegen, heizt die inzwischen fast im Zenit stehende Sonne den Läufern ziemlich ein.

Der Standort der Verpflegungsstelle ist hauptsächlich nach logistischen Überlegungen ausgesucht. Auch bei den anderen hat man oft Parkplätze oder Einfahrten gewählt, an denen sich die Störungen für die Vorbeikommenden - seien es Autos oder wie in diesem Falle Radfahrer - in Grenzen halten. Dadurch ergeben sich allerdings eher ungleichmäßige Abstände, die zwischen knapp zwei und fast vier - zum Ende hin noch deutlich länger erscheinende - Kilometer betragen können.

Noch einmal führt die Strecke vor der bei Kilometer fünfundzwanzig gelegenen Wende ein Stück durch Ackerland

Bent Kristensen hat sich trotz der Wärme für T-Shirt und knielange Hose entschieden und trägt darüber auch noch das Trikot seines Vereines "5 Tårns Motion" aus Kalundborg. Die fünf kreuzförmig angeordneten Türme der Marienkirche sind das Wahrzeichen der Stadt und gleichzeitig Namensgeber des mehrere hundert Mitglieder umfassenden Laufklubs, der gleich für eine ganze Reihe von Veranstaltungen verantwortlich zeichnet.

Bekannteste unter ihnen ist der ebenfalls nach den Türmen benannte "Fem Tårns Marathon" im Sommer, der allerdings - obwohl man ihn früher einmal recht intensiv beworben hatte - noch weniger Teilnehmer auf der zweiundvierzig Kilometer langen Hauptdistanz begrüßen kann als der ohnehin schon recht dünn besetzte Lauf von Samsø. Die Vermutung, dass dies mit der über zehn Runden führenden Streckenführung zusammen hängen könnte, lässt sich wohl eher schwer widerlegen. Aber auch einen "Vintermarathon" habe man im Angebot, berichtet Kristensen.

Und er versucht gleich einmal den laufenden Berichterstatter, den er schon eine ganze Zeit lang beim Fotografieren beobachtet hatte, für diesen einzuladen. Dessen Begeisterung, ausgerechnet im kalten und im Norden auch noch etwas dunkleren Januar nach Dänemark aufzubrechen, hält sich allerdings erst einmal in Grenzen. "Nei, ruten av Vintermarathon" ginge nicht über "mange" - also "viele" - sondern nur über "to runder", erklärt Kristensen. "Zwei Runden", das klingt jedenfalls zumindest schon einmal deutlich abwechslungsreicher als die befürchteten zehn.

Für Außenstehende dürfte sich dieser Wortwechsel ziemlich ungewöhnlich anhören. Denn während der Kalundborger dabei immer wieder versucht, seinen nicht besonders umfangreichen deutschen Wortschatz mit einzubringen, bekommt er - man will sich ja keine Blöße geben - in einer bunten Mischung aus mühsam zusammen gebastelten dänischen und norwegischen Halbsätzen sowie Brocken, die aufgrund der Ähnlichkeit der Sprachen eventuell auch aus dem Schwedischen stammen könnten, Antwort.

Im Zweifelsfall wird eben dann doch ein englischer Begriff hervorgeholt. Und wie üblich landet man schließlich am Ende doch wieder bei dieser Sprache, die beiden etwa die gleichen Voraussetzungen gibt und eine einigermaßen flüssige Unterhaltung ermöglich. Den Start und auch die beiden Übernachtungen aus Samsø habe er bei einer Verlosung gewonnen. Ein ursprünglich aus Kalundborg stammender Hotelier habe nämlich seinem Verein einen kostenlosen Startplatz zur Verfügung gestellt.

Etwa einen Kilometer, bevor man die Richtung wechselt, erreicht die Strecke die ersten Häuser von Nordby

Dieser ist aber längst nicht der einzige, der sich eine solche Aktion hat einfallen lassen. Wie schon erwähnt ist die Zahle der Förderer des Rennens alles andere als klein. Und nicht nur bei diesem Hotel entdeckt man den Aufkleber "Vi støtter Samsø Marathon" - "wir unterstützen den Samsø Marathon" - an der Eingangstür.

Anders Asboe Christensen, der den Marathon in einer neuen Streckenrekordzeit von 2:41:37 gewinnen wird, tritt zum Beispiel für das "Ballen Badehotel" an, obwohl er als Kopenhagener genauso wenig von der Insel kommt wie der spätere Zweite Simon Skydt-Nielsen, der aus einem Vorort von Århus angereist ist und für den "Nordby Kro" eine 2:53:13 läuft. Erst Michael Hermann, in 3:04:30 auf Rang drei, startet für seinen Heimatclub "Marathon Holstebro".

Für zwei der drei schnellsten Frauen sind dagegen Vereinsbezeichnungen in der Liste notiert. Bei Helle Løvschal, die das Rennen in 3:29:54 für sich entscheidet, lautet er "Ikast atletik og motion", was sich ungefähr als "Leichtathletik- und Laufclub Ikast" interpretieren lässt. Hinter dem Namen von Kristina Schou Madsen, die lange führt und erst im letzten Viertel der Strecke auf Rang drei zurückfällt, kann man zusammen mit 3:39:46 noch "Kolding Motion" lesen. Nur die Zweite Aviaja Bebe Nielsen (3:34:53) ist vereinslos.

Bent Kristensens Einladung bringt ihn dagegen nicht auf vordere Plätze der Ergebnisliste. Zum einen hat er dazu gar nicht das Leistungsvermögen. Erst zwei Wochen zuvor habe er beim Lauf in seiner Heimatsstadt Kalundborg - ausgerechnet auch noch an seinem Geburtstag - erstmals die Marke von vier Stunden unterboten, an der er zuvor mehrfach knapp gescheitert war, berichtet er. Zum anderen beendet er auf Samsø das Rennen ohnehin vorzeitig.

Es sei bei ihm an diesem Tag von Anfang an nicht wirklich rund gelaufen, wird er hinterher enttäuscht erzählen. Und gerade weil er erst kurz zuvor das lange angestrebte Ziel erreicht hätte, wäre irgendwann - vollkommen alleine auf dem Radweg unterwegs - die Motivation total weg gewesen. Der Kopf habe einfach nicht mehr mitgespielt. Da spätestens ab der Hälfte der Distanz auch die letzten größeren Gruppen auseinander reißen und man schon froh sein kann, wenigstens noch einen Begleiter zu haben, ist dies sogar durchaus nachvollziehbar.

Die nördlichste Ortschaft der Insel ist der Wendpunkt des Marathons und so herrscht auf der Hauptstraße reichlich Gegenverkehr

Stunden später wird sich Kristensen über die eigene Entscheidung schon wieder ziemlich ärgern. Der flapsige Spruch, dass er aufgrund des gewonnen Startplatzes doch zumindest kein Geld für seinen Ausstieg bezahlt hätte, kann ihn da natürlich auch nicht wirklich aufbauen. Immerhin hat er mit dem Berlin Marathon schon das nächste Großereignis im Auge. Und die Wahrscheinlichkeit dort alleine auf der Strecke zu stehen geht angesichts von fast vierzigtausend Meldungen wohl stark gegen Null.

Den Startplatz habe ihm sein ebenfalls beim Lauf in der deutschen Hauptstadt gemeldeter Bruder besorgt. Da dieser nämlich weit schneller am Computer und im Internet unterwegs sei, hätte er den Auftrag bekommen, gleich nach Öffnung des Meldeportals neben der eigenen noch eine weitere Registrierung vorzunehmen. Bents Vorahnung, dass man sich dabei beeilen müsse, war so falsch nicht. Denn bekanntlich hatte man innerhalb von nicht einmal vier Stunden alle frei verfügbaren Nummern für den vierzigsten Berlin Marathon vergeben.

Knapp zwei Kilometer zieht sich der Radweg immer am Wasser entlang nach Norden. Und passiert dabei gleich hinter der Verpflegungsstelle auch einen Abzweig, an dem man auf dem in Richtung "Stavns" zeigenden Verkehrsschild zusätzlich ein Flugzeuglogo entdecken kann. Doch ist "Samsø Flyveplads" natürlich kein regelmäßig angesteuerter Verkehrsflughafen sondern nur ein Flugfeld für kleine Sportmaschinen.

Der am nächsten gelegene internationale "lufthavn" findet sich im kleinen Städtchen Billund ziemlich genau in der Mitte von Jütland, das hauptsächlich als Hauptsitz des Spielwarenkonzerns LEGO und für den Freizeitparks Legoland bekannt ist. Eher überraschend ist Billund sogar der zweitgrößte Flughafen des Landes, zu dem es immerhin von Frankfurt, Düsseldorf und München direkte Verbindungen gibt.

Allerdings ist es ohne Auto ziemlich umständlich von dort zur Fähre von Hou und nach Samsø zu kommen. Wer auf einen Mietwagen verzichten und lieber öffentliche Verkehrsmittel nutzen möchte, ist dann doch mit dem - ohnehin wesentlich häufiger angeflogenen - Kopenhagener Flughafen Kastrup besser bedient. Von dort kann man nämlich mit dem Zug bis Kalundborg kommen, wo Bahnhof und Fährhafen in direkter Nachbarschaft liegen. Auf der Insel übernehmen dann auf die Ankunftszeiten der Schiffe abgestimmte Busse oder Taxis den Weitertransport.

Dort wo etwa eineinhalb Kilometer später zum zweiten Mal ein Anfahrtsweg zum Flugfeld ausgeschildert ist, werden aus dem Gras und den niedrigen Hecken, die sich zuvor zwischen Radweg und Strand ausgebreitet hatten, zuerst dichtes Buschwerk und kurz darauf ein richtiger Wald. Selbst wenn man weiterhin in Meeresnähe unterwegs ist, versperren nun erst einmal Bäume die Sicht.

Straße und Radweg überqueren einen trockenen Graben. Es handelt sich um einen früheren, heute verlandeten Kanal aus der Wikingerzeit, der an der schmalsten Stelle der Insel den Stavns-Fjord mit dem Sælvig verbindet. Archäologische Untersuchungen haben ergeben, dass er bereits in der ersten Hälfte des achten Jahrhunderts angelegt wurde und damit mehr als eine Generation, bevor in den Chroniken überhaupt die ersten Berichte über die berüchtigten Raubzüge der Nordmänner auftauchten.

Nach mehr als der Hälfte der Distanz sind auch die letzten größeren Gruppen auseinander gerissen und man kann schon froh sein, wenigstens noch einen oder zwei Begleiter gefunden zu haben

Da die Umfahrung der Insel insbesondere um die Nordspitze eigentlich keinen übermäßig langen Weg darstellt, vermutete man dass dieser "Kanhave-Kanal" hauptsächlich deswegen gegraben wurde, um Schiffe möglichst schnell von einer zur anderen Seite zu verlagern. So wären zum Beispiel die an Samsø vorbei führenden Handelsrouten besser zu kontrollieren gewesen. Auch als Rückzugsweg wäre ein Kanal nutzbar. Bei einer Sperrung der relativ engen Ausfahrt des Naturhafens "Stavns-Fjord", hätte man ansonsten schließlich in der Falle gesessen.

Nur gut fünfhundert Meter weit mussten die Erbauer graben. Breiter ist der schmale Isthmus, der den nördlichen und den südlichen Inselteil verbindet nämlich nicht. Nachdem sich Samsø zwischendurch ein wenig ausgedehnt hat, um den Stavns-Fjord im Norden zu umschließen, wird sich der Landstreifen etwas später noch ein weiteres Mal auf weniger als einen Kilometer zusammen ziehen.

Noch in frühgeschichtlicher Zeit, also vor wenigen tausend Jahren bestand Samsø tatsächlich aus einer größeren Süd- und einer kleinere Nordinsel, die von einem Meeresarm getrennt wurden. Erst durch die noch immer nicht abgeschlossene Landhebung Skandinaviens nach dem Abschmelzen der kilometerdicken Gletscher am Ende der letzten Eiszeit und zusätzliche Sedimentablagerungen wuchsen beide über die Jahrhunderte zusammen.

Das Land sei zusammen gewachsen, die Menschen noch nicht, lautet ein geflügeltes Wort über Samsø. Denn es gibt nicht nur wie fast überall bei Nachbarorten, -städten oder -regionen kleine, nicht immer ganz ernstgemeinte Reibereien zwischen Nord- und Südinsulanern. Sprachforscher unterscheiden auch die beiden ein wenig voneinander abweichende Dialekte "sydsamsk" und "nordsamsk". Während des Marathons ist davon allerdings wahrlich nichts zu spüren. Bei dieser Gelegenheit scheint eigentlich die komplette Insel mitzuarbeiten.

Mit dem Kanal endet der Asphalt des Radweges. Die Strecke verläuft von nun an für etwa fünf Kilometer auf gewalzten Schotterpfaden weiter. In der Mitte dieses Abschnittes stößt sie dabei noch einmal hinaus ins Freie. Während der ohnehin nicht besonders hohe und kompakte Wald in Laufrichtung rechts nur noch ein wenig niedriger und lichter wird, lässt sich auf der linken Seite zwischen Kilometer neunzehn und zwanzig noch einmal für längere Zeit das Meer blicken.

Der Orstkern von Norby ist eine Dorfidylle wie aus dem Bilderbuch

Am Ende dieser Passage weicht die Küstenlinie dann jedoch langsam, aber sicher immer stärker nach Westen aus, während die Straße wieder mehr in ihre ursprüngliche nördliche Orientierung zurück kehrt, die sie kurzzeitig nicht mehr ganz so strikt eingehalten hatte. Hinter diesem leichten Knick, in dessen Nähe sich eine weitere Verpflegungsstelle befindet, taucht die Strecke noch einmal in den Wald ein.

Etwas anders als zuvor sieht er allerdings schon aus. Denn während die Bäume weiter südlich nahezu ausschließlich Nadelhölzer waren, dominieren nun eher Birken das Bild. Da ihre Kronen doch ein wenig dichter sind als die der Kiefern zuvor und sich außerdem die eine oder andere von ihnen immer wieder auch einmal zwischen Radweg und Straße hinein zwängt, gibt es erstmals seit Längerem wieder ein wenig Schatten.

Hinter der Halbmarathonmarke mit der zweiten Zwischenzeitnahme - die übrigens ohne Matte auskommt, allerdings den einen oder anderen Läufer erst auf dem Rückweg registriert, was die von den Zeitmessern angebotene Rangliste an diesem Punkt ziemlich wertlos macht - mischen sich immer häufiger die in der Nationalhymne erwähnten "breiten Buchen" darunter. Der nun auch wieder stärker von Nadelbäumen durchsetzte Mischwald spannt kurzzeitig ein regelrechtes Dach über den Läufern auf. Doch an einer Rodungsfläche kann die Sonne wieder voll durchschlagen.

Am Ortschild von Mårup endet der Radweg und die Marathonis müssen von einigen Ordnern geleitet wieder auf die Straße hinüber wechselt. Da diese genau an dieser Stelle in einer langestecken, aber durch den Wald ganz schlecht einsehbare Kurve verläuft, ist diesmal sogar für mehrere hundert Meter mit Markierungspfosten und Flatterband eine eigene Spur für die Läufer abgesteckt.

Wie alle eigentlich alle Örtchen auf Samsø präsentiert sich auch Mårup mit seinen an der Hauptstraße aufgereihten Fachwerkhäusern, von denen viele zudem das traditionelle Reetdach tragen, als etwas verschlafenes Dorfidyll. Etwas weiter östlich breitet sich an der Küste aber noch eine Ferienhaussiedlung aus, die - obwohl keineswegs übermäßig groß - den eigentlichen Ortskern in der Ausdehnung längst übertrifft.

Und ebenfalls wie überall auf der Insel entdeckt man in Mårup vor den Bauernhöfen jene an Regale erinnernden Verkaufsstände, in denen der Aufschrift zufolge "Grøntsager" angeboten wird. Unter "Grünsachen", wie man den Begriff in einer ziemlich wörtlichen Übersetzung ins Deutsche hinüber bringen könnte, verstehen die Dänen zwar eigentlich nur Gemüse. Doch findet man dort durchaus auch Obst oder Kartoffeln.

Nach vielen einsamen Kilometern im Wald, findet sich in Norby eine ganze Reihe von Zuschauern, einige Anwohner haben es sich dabei aber ziemlich bequem gemacht Am Glockenturm von Nordby, den es gibt, weil die Kirche so weit außerhalb des Dörfchens liegt, dass man sie nicht hört, wird jeder Läufer mit Geläut empfangen

Rundherum vom Wasser des Kattegats umgeben verfügt die kleine Insel über ein relativ mildes Klima und ist auch im Winter weitgehend frostfrei. Da Samsø zusätzlich gute Böden besitzt und bezüglich der jährlichen Sonnenstunden in den dänischen Ranglisten auch ziemlich weit oben auftaucht, wächst und gedeiht dort so ziemlich alles, was man sich nur denken kann. Gemüse aus Samsø hat in ganz Dänemark einen ziemlich guten Ruf. Doch insbesondere für Kartoffeln ist die Insel bekannt.

Denn praktisch nirgendwo im Norden kann man diese noch früher ernten. Die in der Regel bereits im April auf den Markt kommenden Frühkartoffeln gelten den Dänen nicht nur als Delikatesse sondern haben im Land fast schon die Rolle eines Frühlingsboten angenommen. Ohnehin ist die Knolle in Dänemark ziemlich beliebt. Dass seinen Bewohnern von ihren Nachbarn oft spöttisch vorgeworfen wird, sie würden reden als hätten sie immer eine heiße Kartoffel im Mund, hat aber eher mit ihrer selbst in skandinavischen Ohren oft ziemlich undeutlichen Aussprache zu tun.

Übrigens gibt es an keinem der Stände irgendwelche Verkäufer. Wie auch anderswo im Norden Europas üblich nimmt man sich, was man gerne hätte und hinterlässt den dafür fälligen Geldbetrag einfach in einer kleinen Box. Angesichts der skandinavischen Mentalität ist dieses Ein- und Verkaufen auf reiner Vertrauensbasis auch für den Anbieter kein wirkliches Risiko. In den meisten anderen Ländern dürfte die Wahrscheinlichkeit, dass etwas ohne Bezahlung einfach eingepackt wird, jedenfalls weitaus höher liegen.

So "hyggelig" sie auch sein mag, die Ortsdurchfahrt von Mårup ist schmal und mit einigen engen Kurven versehen. Die Streckenplaner haben sich deshalb entschieden sie weitgehend zu umgehen. Denn als die Straße zum ersten Mal scharf nach rechts abknickt, führt der Marathonkurs weiter geradeaus in einen nicht asphaltierten Weg hinein, dessen eher grober Kiesbelag sich weit weniger angenehm belaufen lässt wie der fest gewalzte Untergrund auf dem Radweg.

Wieder haben sich an dieser Stelle einige Zuschauer auf Stühlen und Bänken bequem gemacht. Schon die geringe Zahl der auf der Insel anwesenden Menschen verhindert natürlich, dass auch nur entfernt eine Stimmung wie bei einem Stadtmarathon aufkommen könnte. Doch zeigen die Anwohner entlang der Strecke - wie es häufig gerade dann der Fall ist, wenn es sich um kleine Gemeinden handelt - wirklich Interesse am Rennen.

Wenn schon einmal etwas Besonders im ansonsten eher doch geruhsamen Inselleben passiert, möchte man schließlich auch dabei sein. Wer als Läufer unterwegs ganz genau hinschaut, kann den einen oder anderen Insulaner entdecken, der sogar das eigene Mittagessen mit nach draußen gebracht hat, um auch ja keinen der an seinem Haus vorbei kommenden Marathonis zu verpassen.

Hinter den letzten Häusern läuft die Strecke - anfangs auf dem Kiesweg, später wieder auf Asphalt - um Mårup herum und trifft erst am Ortsausgang wieder auf die Hauptstraße. Noch einmal führt die Strecke für einen Kilometer durch offenes Ackerland und öffnet dabei auch den Blick auf die etwas außerhalb auf einem Hügel gelegenen "Nordby Kirke", zu deren "sogn" die komplette Nordinsel und damit neben der namensgebenden Ortschaft Nordby auch Mårup gehört. Von allen übrigen Kirchen Samsøs unterscheidet sie sich durch einen relativ schlanken Turm.

In Nordby mit seinen reetgedeckten Fachwerkhäusern scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, würde man ein wenig Sand auf die asphaltierten Straßen kippen, könnte man problemlos Filme drehen, die vor hundert oder zweihundert Jahren spielen

Inzwischen herrscht immer mehr Gegenverkehr, denn bis zum Wendepunkt fehlt nur noch ein guter Kilometer, als man die ersten eher verstreuten, immer wieder einmal mit Felder und Wiesen abwechselnden Häuser Nordbys erreicht. "Nordstadt" - natürlich in der ursprünglichen Wortbedeutung "Stätte" - bedeutet der Name dieses etwa dreihundert Einwohner zählenden Dorfes übersetzt. Und tatsächlich ist es die am weitesten nördlich gelegene geschlossene Ortschaft auf der Insel.

Noch näher an der "Issehoved" genannten Nordspitze der Insel finden sich dann nur noch wenige Einzelhöfe. Allerdings ist dort das Gelände auch ziemlich hüglig. Hohe "Wellenberge" - nicht nur der Balleberg sondern auch einige weitere Kuppen übertreffen dabei die höchsten Punkte der Südinsel - und fast auf Meereshöhe liegende "Wellentäler" wechseln sich dabei in relativ schnellen Rhythmus ab. Und so findet man am Issehoved dann auch keine Felder wie fast überall sonst auf der Insel sondern Weideland, auf dem Kühe grasen.

Aus der sich nach und nach verdichtenden Häuserreihe entlang der Straße wird schließlich ein richtiges Haufendorf. Von all den schmucken kleinen Örtchen auf Samsø ist dieses Nordby eindeutig das Juwel. Nahezu der komplette alte Kern ist erhalten und besteht gleich aus mehreren Dutzend reetgedeckter Fachwerkhäuser, die sich um winklige Sträßchen gruppieren, deren vollkommen unregelmäßiger Verlauf dem angeblich weltgrößten Irrgarten "Samsø Labyrinten" zwei Kilometer weiter im Norden als Vorbild gedient haben könnte.

In Nordby scheint die Zeit absolut stehen geblieben zu sein. Man wähnt sich eher in einem Freilichtmuseum, für das man aus der ganzen Region die noch verbliebenen Einzelobjekte zusammengetragen hat, als in einem wirklich gewachsenen Dorf, in dem jedes Häuschen noch an der Stelle steht, an der es einst gebaut wurde. Es würde ausreichen ein wenig Sand auf die asphaltierten Straßen zu kippen und man könnte anschließend problemlos Filme drehen, die hundert, zweihundert oder noch mehr Jahre in der Vergangenheit spielen.

Eines der beiden Wahrzeichen des Ortes ist der ungewöhnliche Glockenturm, den es hauptsächlich deswegen gibt, weil die Kirche so weit außerhalb des Dörfchens liegt, dass man sie nicht hören kann. Im Normalfall ertönt seine Glocke nur am Morgen und am Abend sowie dann, wenn zum Gottesdienst in die Kirche gerufen werden soll. An diesem Samstag wird aber auch zur Mittagszeit jeder einzelne Läufer mit Geläut empfangen.

Doch nicht nur deswegen herrscht im Zentrum von Nordby ein erhöhter Geräuschpegel. Denn rund um den Wendepunkt - der in Wahrheit eine kleine Schleife ist - hat sich die mit Abstand größte Zuschauermenge während des gesamten Rennes versammelt. Damit sich niemand falsche Vorstellungen macht, sei allerdings gesagt, dass man beim Durchzählen - wenn überhaupt - nur mit Mühe einen dreistelligen Wert zusammen bekäme.

Natürlich entdeckt man darunter auch einige Gesichter, die man schon im Verlauf des bisherigen Rennens ab zu und zu gesehen hat. Denn von den Begleitern, die "ihrem" Läufer mit dem Auto folgen, lässt sich kaum einer das Dörfchen entgehen, das auch bei allen Urlaubern zum absoluten Pflichtprogramm gehört. Vermutlich ist der kleine Dorfteich von Nordby, den man als eine Art Wendemarke umrundet, nachdem man die Hauptstraße am Glockenturm verlassen hatte, das am häufigsten fotografierte Motiv der ganzen Insel.

Mit der Umrundung des kleinen Dorfteiches endet der Hin- und beginnt der Rückweg

Mit dem kurz hinter Kilometer fünfundzwanzig anstehenden Schlenker um den Teich endet der Hin- und beginnt der Rückweg. Keine zweihundert Meter später ist man schon wieder auf der Hauptstraße gelandet und geht die zehn Kilometer, die man seit dem Einschwenken auf die Nord-Süd-Achse der Insel nach Nordby hinter sich gebracht hat, nun noch einmal in der umgekehrten Richtung an.

Während die Verpflegungsstelle am Ortseingang von Nordby natürlich recht schnell wieder erreicht ist, scheinen die anderen beiden sowieso in recht großem Abstand eingerichteten "Væskedepoter" auf dem Wendestück nun irgendwie noch etwas weiter auseinander gerückt zu sein. Viel wärmer ist es zwar nicht mehr geworden. Es ziehen inzwischen sogar einige leichte Wolken auf, die von den meisten Läufern durchaus dankbar aufgenommen werden. Doch langsam, aber sicher zeigt die Distanz Wirkung.

Rund fünfunddreißig Kilometer hat man schließlich schon in den Beinen, als man wieder bei dem Versorgungsposten neben der Bushaltestelle am Campingplatz ankommt. "Vand", "Sportsdrik", "Cola" schallt es den Ankommenden entgegen. Während die ersten beiden Getränke überall angeboten werden, gibt es letzere Alternative nur an einigen der "Flüssigkeitsdepots". Die letzten drei sind allerdings allesamt mit der Koffein-Zucker-Brause bestückt.

Wie der genaue Wortlaut des Satzes ist, mit dem sich eine der Helferinnen zu ihren Kolleginnen wendet, als die Antwort erwartungsfroh "Cola" lautet, ist für Nichtdänen - schon wegen der ominösen heißen Kartoffel im Mund - nicht vollständig zu verstehen. Doch bereits der triumphierende Unterton lässt vermuten, dass er ungefähr "seht ihr, er will Cola, ich hab es euch gleich doch gesagt" bedeutet haben dürfte.

So ganz scheint sich das Gelände auf den nächsten Kilometern entlang des südlichen Teils der Sælvig-Bucht nicht entscheiden zu können, was es denn eigentlich sein möchte. Denn meist führt der Radweg, der auch weiterhin als Laufstrecke dient und sich selten mehre als hundert Meter vom Wasser entfernt, zwar an einer eher offenen Feld- und Wiesenlandschaft vorbei. Aber auch den dritten Bestandteil der bekannten Floskel - nämlich den Wald - bekommt man zu Gesicht.

Es handelst sich meist nur ganz kleine Wäldchen oder Baumgruppen. Und manchmal ist es kaum mehr als eine vom Wind zur Landseite hin geneigte Hecke, die man da passiert. Doch bieten diese angesichts der langen Geraden, auf denen man längst kaum noch Mitläufer vor oder hinter sich hat, wenigstens immer wieder neue Zwischenziele, an denen man sich orientieren und dem Ziel entgegen arbeiten kann.

Der Teich von Nordby ist vermutlich das am häufigsten fotografierte Motiv der ganzen Insel

Gelegentlich tauchen auch einmal Häuser auf, die sich meist jedoch in gebührendem Abstand von der Straße halten und häufig zudem ein wenig hinter Bäumen und Büschen verstecken. Auch eine direkt am Ufer gebaute kleine Zementfabrik wird passiert. Eine wirkliche geschlossen Ortschaft oder selbst einer jener Weiler, wie man sie im ersten Streckendrittel durchlaufen hatte, bekommt man jedoch nicht zu Gesicht. Selbst die größere Ansammlung von Ferienhäusern, an der man bei Kilometer achtunddreißig vorbei kommt, lässt sich mehr erahnen als wirklich erkennen.

An diesem Punkt verabschiedet sich die Strecke auch endgültig von der Küste, die nun am südlichen Ende der Bucht wieder weiter nach Westen abdreht. Und hinter der dort aufgebauten Verpflegungsstelle beginnt die Straße, die seit Nordby kaum einen Meter Höhenunterschied zu bewältigen hatte, zudem ganz leicht zu steigen. Zumindest den zwar nicht wirklich hohen, aber relativ steilen Moränenhügel, der den wenige hundert Meter später erreichten Abzweig zum Fährhafen von Sælvig überragt, umgeht sie aber.

Dort müssen die Marathonis auch die Seite wechseln. Nachdem der Radweg seit seinem Beginn in Mårup mehr als zehn Kilometer lang westlich der Straße verlief, setzt er sich ab dieser Einmündung auf der Ostseite fort. Abgesichert wird die Querung nicht von den allgegenwärtigen Helfern in Hellblau sondern auch von mehreren Uniformierten mit der Aufschrift "Politi" auf ihren neongelben Leuchtwesten, die neben dieser auch noch mehrere weitere besonders kritische Stellen beaufsichtigen.

Einige von ihnen sind allerdings schon in einem etwas gesetzteren Alter, was nicht so ganz zu einem der ansonsten mit solchen Aufgaben beauftragten Streifenpolizisten passen will. Und auch die mit ihrem Tarnmuster eher militärisch aussehende Montur lässt nicht unbedingt auf Polizei schließen. Und tatsächlich kann man unter "Politi" auf den Sicherheitswesten auch noch "Hjemmeværnet" lesen.

Diese "Heimatwehr" ist eigentlich eine Organisation von freiwilligen Reservisten, die im Ernstfall die dänischen Streitkräfte unterstützen sollen, indem sie zum Beispiel Sicherungs- und Bewachungsaufgaben übernehmen. Allerdings gibt es auch eine ganze Reihe von Einheiten, die für den Polizeidienst ausgebildet sind. Und diese "Politihjemmeværn" wird unter anderem bei größeren Veranstaltungen immer wieder einmal zur Verkehrsregelung eingesetzt, wofür ihre ansonsten recht eingeschränkten Befugnisse absolut ausreichen.

Eher einsam ist es auf dem Rückweg, da ist jede Verpflegungsstelle - auf Dänisch "Væskedepot" - als Abwechslung willkommen Ausgerechnet auf den vorletzten Kilometer haben die Streckenarchitekten den längsten und höchsten Hügel eingebaut, wenn man ihn bewältigt hat, kann man da durchaus schon einmal den Daumen nach oben nehmen

Auch nach dem Seitenwechsel führt die Strecke sanft, aber stetig weiter bergan. Als am vermeintlichen Ende des Anstieges erste Häuser sichtbar werden, zieht der Radweg überraschend nach links von der Straße weg und steuert Onsbjerg - so heißt diese Ortschaft, die sich mit ihren nicht einmal dreihundert Bewohnern mit Nordby um die Position der zweitgrößten Siedlung auf der Insel streitet - von hinten an.

Auf Seitensträßchen und Schleichwegen windet sich der Kurs im Zickzack durch das Dorf. Ohne die an praktisch jeder Ecke aufgestellten Streckenposten, würde wohl kaum jemand die richtigen Abzweige finden. In den eher an eine Hofeinfahrt erinnernden schmalen Schotterweg, der an einem alten Fachwerkhaus vorbei führt, wäre man jedenfalls ganz sicher nicht hinein gelaufen, wenn nicht eine junge Ordnerin mit ihrer Fahne ziemlich bestimmt in diese Richtung gedeutet hätte.

Am anderen Ende des Ortes stößt man ziemlich genau bei Kilometer vierzig wieder auf die Hauptstraße. Dort ist die letzte Verpflegungsstelle, an der man vom dem sie betreuenden und auch auf den Startnummern genannte "Hauptsponsor" - eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft vom Festland - durch ein großen Schild besonders begrüßt wird, mit einer wirklich großen Auswahl an Essen und Getränken bestückt. Ganz unpassend ist dies eigentlich nicht. Denn hinter Onsberg geht es keineswegs wie vermutet bergab.

Ganz im Gegenteil haben die Streckenplaner ausgerechnet auf den vorletzten Kilometer den längsten und höchsten Hügel des Rennens eingebaut. Wirklich steil ist er nicht. Wer im Hoch- oder auch nur im Mittelgebirge trainiert, dürfte die kaum vierzig Meter aufragende Kuppe schwerlich als echten "Berg" akzeptieren. Doch ihre Position kurz vor dem Ziel und die Tatsache, dass man sie im offenen Feld auf ihrer kompletten Länge einsehen kann, lassen diese Steigung noch einmal zu einer echten Herausforderung werden.

Selbst wenn man den ein wenig in einer Senke liegenden Start- und Zielort von oben noch nicht wirklich erkennen kann, lässt sich trotzdem mit der in erhöhter Position erbauten, massigen Kirche von Tranebjerg eine charakteristische Landmarke ausmachen, die schon aus einiger Entfernung das nahende Ziel ankündigt. Direkt zu ihren Füßen findet sich nämlich die Einfahrt zu Schule und Sporthallen.

Im offenen Feld können die beiden Abschlusskilometer zwischen Onsberg und Tranebjerg ganz schön lang werden

"Tranebjerg kirke" immer im Blick führt zumindest der letzten Kilometer dann meist bergab der Inselmetropole entgegen. Noch ein weiteres Mal muss am Ortschild unter wohlwollender Aufsicht einiger Heimwehrpolizisten die Straße gequert werden, um die letzten Meter dann mit dem Schwung, den das für einige Meter recht steile Gefälle verleiht, auf dem rechten Bürgersteig anzugehen.

Das erste Gebäude, an dem man auf dieser Straßenseite direkt vorbei kommt, ist ausgerechnet die Polizeistation. Denn auch diese gibt es auf Samsø, was angesichts von nur im Rhythmus von mehreren Stunden bestehender Verbindungen zum Festland, die im Bedarfsfall ein schnelles Eingreifen nahezu unmöglich machen würden, sogar durchaus nachvollziehbar ist. Viel zu tun haben die Beamten aber nicht. Die Zahl der Straftaten bleibt nämlich in der Regel auf wenige Dutzend Sachbeschädigungen, Fahrrad- und Ladendiebstähle pro Jahr beschränkt.

Dennoch haben es die Insel und ihre Polizisten am Ende des letzten Jahrtausends einmal zu einer eigenen Fernsehserie gebracht. Die Reihe "Strisser på Samsø", was sich etwa mit "ein Bulle auf Samsø" übersetzen lässt, handelt aber weniger von - eigentlich kaum vorhandenen - Verbrechen sondern von den Erlebnissen eines auf die Insel versetzten Großstadtpolizisten in dem für ihn neuen und vollkommen anderen Umfeld. Dass der damalige Hauptdarsteller Lars Bom bei der Premiere ihres Rennens 2009 den Halbmarathon lief, machte die Organisatoren besonders stolz.

Das Schild mit der "42" entdeckt man, kurz nachdem man von der Hauptstraße abgebogen ist. Die letzten Meter vorbei an Schule und den Hallen sind nicht wirklich eindrucksvoll und keineswegs triumphal. Und durch einen leichten Knick im Sträßchen sieht man zudem das Ziel eigentlich erst wenige Schritte, bevor man es durchläuft. Bei großen Stadtmarathons mit langen, breiten Zielgeraden voller Zuschauer ist dies natürlich ganz anders.

Doch dafür wird jeder der Hereinkommenden von den beiden - auf einem nicht unbedingt stabil aussehenden Stahlrohrgerüst stehenden - Sprechern eben auch ganz persönlich begrüßt. Keineswegs nur mit schnell und ununterbrochen Reihe herunter geratterten Namen, sondern meist gleich mit mehreren Sätzen. Zeit genug dafür haben sie bei nur wenig mehr als fünfzig auf über zwei Stunden verteilten Marathonis und nur wenig mehr als doppelt so vielen Halbmarathonläufern.

Die Kirche von Tranebjerg (links, im Hintergrund) ist die Landmarke, die schon aus größerer Entfernung das nahende Ziel ankündigt
Nichts für reine Asphalt-Cowboys:
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Doch dafür ist die Atmosphäre eben auch ziemlich familiär. Und obwohl die Zahl der Anwesenden nur einen Bruchteil der Teilnehmer einer großen Veranstaltung beträgt, hat man bei solch kleinen Läufen in der Regel am Ende meist weit mehr neue Kontakte geknüpft als wenn man irgendwo in einem Massenfeld mit schwimmt. Neben landschaftlich oft ziemlich reizvollen Kursen macht eben genau dies den Charme von Rennen wie dem Samsø Marathon aus.

Es bleibt zu hoffen, dass zum einen die Begeisterung der Inselbevölkerung die Veranstaltung weiter so gut trägt und zum anderen vielleicht doch wieder einmal ein paar Läufer mehr den Weg auf die Fähre hinüber nach Samsø finden, bevor die Organisatoren mangels Zuspruch doch noch das Handtuch werfen.

Schließlich findet jeden August an einem Samstag auf Samsø, einer Insel auf der die Uhren noch ein wenig langsamer gehen, der vielleicht nicht absolut "hyggeligste løb i Danmark" statt, aber eindeutig ein ziemlich hübscher, netter, gemütlicher - und was das Wörtchen "hyggelig" sonst noch alles beinhaltet - Marathon.

Bericht und Fotos von Ralf Klink

Info & Ergebnisse www.samsømarathon.dk

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