25. Rotterdam Marathon (10.4.2005)

Ein Klassiker mit „topfebener“ Strecke

April – das ist der Monat, in dem etwa die Hälfte der Marathon-Weltrangliste gemacht wird. Innerhalb von drei oder vier Wochenenden drängen sich etliche der größten, wichtigsten und vor allem auch finanzkräftigsten Läufe, bei denen sich die absolute Weltspitze auf die Jagd nach Plätzen, Zeiten und Prämien macht. Zwar ist insbesondere hierzulande die Zahl der Marathons im Mai noch etwas größer, doch die Klassiker werden in Europa und Amerika eben im als launisch verschrieenen Monat gelaufen.

Da ist zu aller erst natürlich Boston mit seiner über hundert Jahre alten und praktisch nie unterbrochenen Tradition. Inzwischen ist man bei der 109. Austragung angelangt. Nachdem man dort einige Jahre zu lange geschlafen, nur auf diese Tradition und weniger auf das für die Topleute immer wichtigere Geld gesetzt hatte, wird nach dem Einstieg eines der wichtigsten amerikanischen, in Boston ansässigen Versicherungskonzerns im Bundesstaat Massachussetts seit zwei Jahrzehnten nicht mehr gekleckert sondern geklotzt.

Fette Antritts- und Siegprämien sorgen dafür, dass am traditionell dritten Montag im April – dem Patriots Day - nach einigen Jahren der Stagnation längst auch wieder absolute Topstars im Startort Hopkinton an der Linie stehen. Allerdings ist die Bostoner Strecke ziemlich wellig. Und als Punkt-zu-Punkt-Kurs mit über hundert Metern Gefälle können dort auch nur „Sternchenzeiten“ erzielt werden.

Dagegen ist die Strecke des Paris Marathons absolut regulär, was bei einem Rundkurs auch nicht anders zu erwarten ist. Vor gut zehn Jahren noch ein Wackelkandidat – 1991 wurde das Rennen komplett abgesagt – mit ständig wechselnder Streckenführung und einigen  Organisationsmängeln, ist der Lauf an der Seine eindeutig auch in der ersten Liga angelangt.

Auf den bevorstehenden Lauf wird mit Marathonsymbolen in der gesamten Stadt aufmerksam gemacht
Marathon-Flagge an Erasmusbrücke Limo-Plakat an Hauswand Läufer-Schmuck in Fußgängerzone Marathon-Straßenbahn

Über dreißigtausend Läuferinnen und Läufer machen sich inzwischen vom Arc de Triomphe über die Champs Elysées auf den 42,195 Kilometer langen Weg. Und Weltklassezeiten im Bereich 2:06 oder 2:07 bei den Männern und deutlich unter 2:25 bei den Frauen sind in der französischen Metropole fast schon normal. Was die Zahl der Teilnehmer anbelangt, könnte man auch Hamburg zur Spitzengruppe der internationalen Läufe rechnen. Bei deutlich begrenzterem Budget, als es der internationalen Konkurrenz zur Verfügung steht, sind die Siegerzeiten beim wichtigsten deutschen Frühjahrsmarathon jedoch noch nicht immer im absoluten Topbereich. Der auch in diesem Jahr startende Spanier Julio Rey hat allerdings 2001 und 2003 mit zwei Zeiten von 2:07:46 und 2:07:27 bewiesen, dass man in der Hansestadt ebenfalls schnell laufen kann. Zum absoluten Krösus aller Marathons im April hat sich in den letzten Jahren aber der London Marathon gemausert. Mit viel Geld bringt man jedes Mal das zumindest von den Namen her beste und spektakulärste Starterfeld zusammen. Und dank schneller Strecke hat man an der Themse so selbstverständlich auch schon einige Weltrekorde erlebt.

Doch noch eine zweite Rekordpiste gibt es unter den Aprilrennen - Rotterdam. Unter all den Millionenstädten dieser Aufzählung wirkt die „nur“ rund 600.000 zählende niederländische Stadt fast wie ein Zwerg. Doch Finanzkraft ist hier ebenfalls zur Genüge vorhanden. Der weltgrößte Hafen, etliche Erdölraffinerien – der „Rotterdamer Spotmarkt“ ist ja ein fester Begriff, wenn es um den Ölpreis geht – und der Sitz vieler wichtiger Firmen machen die Stadt an der Mündung von Maas und Rhein zum eigentlichen Wirtschaftszentrum der Niederlande. Der Spruch „In Rotterdam wird das Geld verdient, in Amsterdam ausgegeben und in Den Haag – dem Regierungssitz - darüber diskutiert“, mit dem man bei unserem nordwestlichen Nachbarn gerne die Bedeutung der drei größten Städte des Landes beschreibt, belegt das auf anschauliche Weise.

Die Jubiläumsausstellung mit Medaillen- , Programmheft- und T-Shirt Sammlung

Und so konnte man auch in Holland – hier ist die Bezeichnung, die oft synonym für die Niederlande benutzt wird, aber eigentlich nur für zwei von zwölf Provinzen korrekt ist, wirklich zutreffend, denn Rotterdam liegt in Zuid-Holland – immer wieder Spitzenleute präsentieren. Dabei spielte der Mitgründer des Marathons Jos Hermens mit seinen guten Kontakten als Manager natürlich eine nicht unwesentliche Rolle.

Schon im Jahr 1981 bei der ersten Austragung, bei der gerade einmal zweihundert Läufer am Start waren, gelang den Rotterdamern ein Paukenschlag. Der Brite John Graham lief den Marathon mit einer Siegerzeit von 2:09:28 in die Schlagzeilen und verschaffte ihm so auch in der Stadt selbst die entsprechende Anerkennung. Denn der erste Kurs war noch eine Verlegenheitsstrecke auf Radwegen und Seitenstraßen. Bei den nächsten Austragungen konnten die Organisatoren mit einer ganz anderen Verhandlungsposition antreten und durften seitdem auch die Hauptstraßen der Innenstadt absperren.

Nur zwei Jahre später gelang Hermens dann der große Coup. Mit dem Australier Rob de Castella und dem Amerikaner Alberto Salazar lockte er die wohl beiden besten Marathonläufer dieser Periode nach Rotterdam. Und mit dem von den zehntausend Metern kommenden Portugiesen Carlos Lopez stand noch ein dritter Star an der Linie. Das spannende Rennen, in dem de Castella den eigentlich grundschnelleren Bahnläufer Lopez um zwei Sekunden nieder spurtete und mit 2:08:37 eine der damals besten jemals gelaufenen Zeiten ablieferte, erfüllte dann auch alle Erwartungen. Die 2:08:39 von Lopez bedeuteten außerdem noch einen Europarekord.

Wenige Monate darauf wurde de Castella in Helsinki übrigens erster Marathonweltmeister und Lopez holte sich ein Jahr später in Los Angeles den Olympiasieg. Nicht immer bedeuten olympische Medaillen eine weiterhin erfolgreiche Laufbahn. Dem Erwartungsdruck standzuhalten, gelingt nicht allen, wie etliche Beispiele auch in letzter Zeit belegen. Doch der Portugiese setzte 1985 in Rotterdam noch einen drauf. Als Erster unterbot er die 2:08 und setzte mit 2:07:12 einen überragenden neuen Weltrekord. Die Legende von Rotterdam als der weltschnellsten Strecke war endgültig geboren.

Vorbei an den Kubushäusern An U-Bahn-Station Blaak 4:15 Pacer im Zweierpack

Nur drei Jahre hielt die Bestzeit, dann  wurde sie von Belayneh Densamo auf 2:06:50 verbessert - eine Marke, an der sich anschließend eine ganze Generation von Marathonläufern die Zähne ausbiss. Der Äthiopier hatte schon ein Jahr zuvor gewonnen, war auch ein Jahr danach erfolgreich und kam 1996, als er eigentlich schon längst abgeschrieben war, noch einmal mit einem Rotterdam-Sieg zurück. Mit vier Erfolgen in der Hafenstadt liegt er damit unangefochten in den Rekordlisten vorne. Nur ein weiterer Athlet konnte überhaupt ein zweites Mal gewinnen. Dem Aussie de Castella gelang ein ähnliches Kunststück wie Densamo, als er am Ende seiner Karriere und acht Jahre nach seinem ersten Triumph noch einmal siegreich war.

Zehn Jahre lang kam niemand der Zeit von Densamo näher, doch fast regelmäßig wurden in Rotterdam die 2:10 sicher geknackt. Spannend war dabei nicht nur der Marathon an sich, sondern auch das Fernduell mit den immer mehr aufrüstenden London und Boston, denn meist fanden die drei Rennen am gleichen Wochenende statt. Nicht immer, aber oft hatten die Niederländer die besten Ergebnisse vorzuweisen.

Richtig in die Schlagzeilen auf allen Sportseiten und nicht nur der Fachpresse landete Rotterdam dann wieder 1998, als Tegla Loroupe den Frauen-Weltrekord auf 2:20:47 nach unten schraubte. Noch länger als der Rekord von Densamo, nämlich dreizehn Jahre, hatte die von Ingrid Kristansen gehaltene alte Bestmarke bis dahin Bestand. Nun war sie endlich geknackt.

Doch noch dramatischer waren die Bilder von Fabian Roncero. Der Spanier, der ebenfalls auf Weltrekordkurs lag, musste kurz vor dem Ziel von Krämpfen geschüttelt stehen bleiben, trabte nur mühsam wieder an und quälte sich mit 2:07:26 über die Linie. Bilder wie gemacht für die Sportnachrichten im Fernsehen, und wie gemacht zur Bestätigung aller Vorurteile von Nichtläufern über diesen „mörderischen“ Sport.

Den Doppelweltrekord bei einer Veranstaltung, dem man hier so nahe war, gibt es übrigens bis heute nicht. Ein halbes Jahr lang war man in Rotterdam nun im Besitz beider Rekorde. Dann fiel im Herbst Densamos Marke durch den Brasilianer Ronaldo da Costa in Berlin und ein Jahr später holte Tegla Loroupe auch den Frauen-Weltrekord an die Spree.

Am "Bleistift" 4:00 Pacer als Ballonträger Kopfloser Läufer als Baumträger

Zum letzten Mal war Rotterdam damit in den Weltrekordstatistiken aufgetaucht. Danach übernahmen endgültig London, Chicago und Berlin die Rolle der schnellsten Läufe. Nur noch dort wurden seither die Rekorde erzielt. Doch die Hoffnung auf eine neue Bestzeit haben die Niederländer noch lange nicht aufgegeben. So bildete die Zeitung „Algemeen Dagblad“ in ihrer Sonderbeilage zur fünfundzwanzigsten Auflage – wie es der Zufall so will, feiert man im gleichen Jahr wie der großen Rivale London Jubiläum - den Vorjahressieger Felix Limo unter einer Digitalanzeige mit der Aufschrift „Weltrekord“ ab.

Überhaupt stand der Kenianer, der letztes Jahr nicht nur in Rotterdam mit 2:06:14 einen neuen Streckenrekord gelaufen war, sondern im Herbst auch gleich noch Berlin mit einer weiteren 2:06er Zeit gewonnen hatte, im Mittelpunkt des Interesses. Das Foto seines Sieges von 2004 war in der Stadt überall an Plakatwänden zu entdecken. Ein Fernsehspot mit dem Sympathieträger flimmerte ständig über die Bildschirme und sogar an einer Hochhauswand wurde ihm auf einer riesigen Werbetafel Glück gewünscht. Man hatte Limo unübersehbar zum großen Favoriten gekürt. Aber so einfach, wie es sich die Marketingstrategen vorstellen, ist Marathon dann halt doch nicht.

Doch auch ohne den fast allgegenwärtigen Felix Limo musste man den bevorstehenden Lauf im Stadtbild bemerken. Hunderte von Flaggen mit den Marathonsymbolen flatterten an den Laternenmasten der City. Die Auslagen der Geschäfte in der Fußgängerzone zeigten auch bei Nicht-Sportgeschäften läuferische Motive. Selbst an einer Straßenbahn fuhr das Jubiläumslogo durch die Straßen.

Für die Stadt Rotterdam ist der Lauf jedenfalls ein absoluter Jahreshöhepunkt und mit inklusive aller Rahmenwettbewerbe rund zwanzigtausend Teilnehmern längst auch das größte Sportereignis des Landes. Etwa die Hälfte davon geht über die klassische Distanz an den Start. Die übrigen Zehntausend verteilen sich auf einen Zehn-Kilometer-Lauf, der mit und ohne Wertung absolviert werden kann, und eine Vierer-Marathon-Staffel für Firmenteams.

Auf den letzten zwei Kilometern

Ein Touristen-Marathon ist Rotterdam allerdings nicht gerade. Nur ein Viertel der Marathonis startet nicht mit dem Landeskürzel „NED“ und in den Rahmenläufen ist diese Quote noch wesentlich geringer. Mit der in Deutschland unüblich späten Startzeit von 11.00 Uhr am Sonntag, die es den meisten Teilnehmern aus den nicht allzu großen Niederlanden erlaubt noch am Renntag anzureisen, ergeben sich für die Stadt so deutlich weniger Übernachtungen, als bei anderen internationalen Marathons ähnlicher Größe. Jedenfalls ist es auch kurz vor dem Veranstaltungswochenende durchaus möglich, in Rotterdam freie Hotelzimmer zu finden.

Von den Ausländern stellt der südliche Nachbar Belgien mit Abstand das größte Kontingent. Deren Anreise ist allerdings in der Regel auch kaum weiter als die der Niederländer selbst. Franzosen und Briten folgen als nächste. Deutsche finden sich gerade einmal zweihundert in der Ergebnisliste, doch bietet die Anzahl der Marathons hierzulande ja nun wirklich genug andere Startmöglichkeiten im Frühjahr.

Die Marathonmesse fällt vermutlich auch deshalb deutlich kleiner aus, als man es angesichts der Bedeutung des Rotterdamer Laufes vermuten würde. Kaum mehr als das Foyer des Beurs World Trade Centers, eines an die Rotterdamer Börse angebauten Büroturms, reicht dafür vollkommen aus.

Nur wenige Meter sind es von der Beurs bis zum Start und Ziel vor dem Rotterdamer Rathaus. Das Stadhuis ist eines der wenigen historischen Gebäude, die sich noch in der City finden lassen. Als Folge des verheerenden Bombardements durch deutsche Flieger im Jahr 1940 ist von der Altstadt ansonsten nicht viel übrig geblieben.

Die letzte Verpflegungsstelle Bodenmarkierungsanzeige für die letzten 1000 Meter

Rotterdam ist eine Stadt aus Beton und Glas. Die malerischen Backsteinhäuser entlang der Grachten, die niederländische Städte – und insbesondere den „Rivalen“ Amsterdam -  auszeichnen, lassen sich hier kaum finden. Dafür wachsen an allen Ecken moderne Hochhäuser in den Himmel. „Maashattan“ ist da wohl der geeignete Spitzname, den man in Deutschland ja auch in ähnlicher, nur an den Fluss angepasster Form für Frankfurt benutzt.

Coolsingel heißt die breite Hauptstraße, die Anfang und Ende der 42,195 Kilometer beherbergt. Und das hat nichts mit einem neudeutschen Modewort oder Alleinsein zu tun. Benannt ist die Ringstraße – so könnte man nämlich „Singel“ übersetzen – nach einer später in Rotterdam aufgegangenen Gemeinde.

Der Himmel zieht sich schon bedenklich zu, als sich am Sonntag die ersten Läufer im Startbereich einfinden. Anfangs Wolken und später sogar etwas Sonne bei etwa zehn Grad haben die Wetterforscher vorausgesagt. Doch danach sieht es in diesem Moment gar nicht aus. Da scheint sich eher der Regen der Vortage fortzusetzen. Wind ist so nahe bei der Nordseeküste sowieso zu erwarten. Auf Stärke vier bis fünf lautet die Prognose. Im Zusammenspiel mit Nässe eine alles andere als leistungsfördernde Mischung. So mancher Bestzeitentraum gerät so schon vor dem Start ins Wanken.

Von hohen Zäunen abgesperrt sind die Startbereiche. Nur mit Startnummer hat man überhaupt eine Chance hinein zu gelangen. Dafür sorgen schon die Leute vom Wachdienst, von denen die Eingänge beaufsichtigt werden. Und in die vorderen Startblocks für die Leistungsläufer kommt wirklich nur, wer den richtigen Punkt auf der Nummer hat. Da jeder Teilnehmer gleich zwei davon erhält - eine für vorne wie üblich, eine zweite für den Rücken - kann man sich dann auch einmal zumindest etwas wie ein Eliteläufer fühlen, denen die Rückennummern ansonsten meist vorbehalten sind.

Die letzte Kurve

In Amerika singt vor jedem Start eine mehr oder weniger bekannte Persönlichkeit die Nationalhymne. In Rotterdam wird auch gesungen. Doch nicht etwa die Nationalhymne wird intoniert. Die kommt den Niederländern sowieso nur schwer über die Zunge, denn der Text lobt Wilhelm von Oranien, den Kämpfer für die Unabhängigkeit des Landes vom Spanischen Weltreich und Vorfahren der heutigen Königfamilie, unter anderem damit, dass er von „deutschen Blut“ sei. Nach unliebsamen Erlebnissen mit dem großen Nachbarn ist man bei solchen Zeilen lieber still.

Nein, der Sänger schmettert aus voller Brust „You’ll never walk alone“, die aus den großen Sportarenen bekannte Hymne der Fans. Und Tausende fallen beim Refrain mit ein. Gänsehaut-Atmosphäre pur. Was stört es in diesem Moment, dass die ersten Tropfen fallen. Auch als der Kanonendonner, der die Marathonis auf die Strecke entlässt, verhalt ist, setzt sich die Gänsehaut fort. Denn auf den ersten beiden Kilometern ist Spalierlaufen angesagt. Kein freies Plätzchen findet sich hinter den Absperrzäunen. Und auch auf der Erasmusbrücke, die fast den ganzen zweiten Kilometer einnimmt, kann man vor lauter Menschen die Maas, über die man hier läuft, kaum erkennen.

Spätestens jetzt ist aber auch schon klar, dass es sich bei der Mär vom topfebenen Rotterdamer Kurs wirklich nur um eine Legende handelt. Denn vom Start bis zum höchsten Punkt der imposanten Brücke mit ihrem einzelnen, oben abknickenden Pfeiler sind es schon zwanzig Meter. Und über die Erasmusbrug geht es nachher sogar noch einmal. Insgesamt kommen in Rotterdam auch zwischen fünfzig und hundert Meter zusammen. Nicht mehr und nicht weniger als bei jedem anderen schnellen Stadtmarathon auch.

Brücken liefern allerdings für einen Marathonlauf immer beeindruckende Bilder, insbesondere in der Startphase. Manch eine Veranstaltung orientiert sich da am großen Vorbild New York und startet an oder auf einer Brücke. Auch in Rotterdam geht es schon lange über die Maasbrücken. Bevor die nach dem wohl bekanntesten Sohn der Stadt benannte Brücke Mitte der neunziger Jahre fertiggestellt wurde, überlief man die nur ein Jahrzehnt ältere und architektonisch kaum weniger interessante Willemsbrücke ein Stück stromaufwärts.

An der 400 Meter-Marke Auf der Zielgerade mit der
Erasmusbrücke im Hintergrund
Mit Siegerkranz

Nach dem Passieren der Hochhäuser auf der Südseite der Maas nimmt die Zuschauerzahl dann aber doch deutlich ab. Und auch die Strecke bietet nun wenig Interessantes. Hafengelände und Vorortsiedlungen mit mehrstöckigen Wohnblocks begleiten jetzt auf den Seiten die Marathonis. Und die stehen auch noch voll im aus Nordwesten kommenden Wind.

Zwar ist mit dem Linksknick bei Kilometer fünf das erste Gegenwindstück überstanden, doch am Charakter der Streckenführung ändert sich auf der ganzen ersten Hälfte nur noch wenig. Der Kurs durchaus grün, Parks und Wohngebiete wechseln sich ab. Und auch Zuschauer sind trotz des immer stärker werdenden Regens etliche zur Unterstützung der Läufer an die Strecke gekommen. Insbesondere in der Nähe von Bahnstationen wird es richtig laut. Viel wirklich Bemerkenswertes zu sehen gibt es unterwegs allerdings nicht.

Auf dem achtzehnten Kilometer werden zum ersten Mal mit einem Wendepunkstück zusätzliche Meter geschunden. Ein wesentlich längeres wird am Ende noch folgen. Und wenig später geht es parallel zu einer breiten Ausfallstraße auf das Stadion von Rotterdam in der Nähe der Halbzeitmarke zu. In „de Kuip“ – der Schüssel – spielen die Fußballer von Feyenoord regelmäßig um den nationalen Titel mit. Doch die weithin sichtbare Arena findet sich auch in der gerade an diesem Tag wohl unangenehmsten Phase des Rennens.

Kilometerlang zieht sich das Asphaltband immer geradeaus zur Erasmusbrug hin. Und das auch noch in Richtung Nordwest, also exakt gegen den Wind. Beim inzwischen heftigen Regen schon mehr als nur etwas unangenehm. Die Ursache so manchen Krampfes am Ende des Laufes dürfte man bei genauerer Suche wohl auf diesen Metern finden.

An der ... ... 350 Meter-Marke TF Feuerbacher auf der Zielgerade

Bei Kilometer 24 ist die Brücke das zweite Mal bezwungen und es geht zurück Richtung Innenstadt. Nur fünfhundert Meter wären es noch zum Ziel, als der Kurs am fensterlosen Betonklotz des Seefahrtsmuseums nach rechts abzweigt. Hier in der Innenstadt gibt es nun auch wieder etwas optische Abwechslung. Zum Beispiel werden in der „Blaak“ genannten Straße mehrere Türme von Banken – unter anderem auch der des Hauptsponsors - passiert.

Wenig später sieht man den mit seinem riesigen Metallbogen ziemlich futuristisch anmutenden Eingang zur ebenfalls „Blaak“ heißenden U-Bahn-Station. Gleich nebenan zieht dann der "Het Potlood" - der Bleistift – genannte Turm die Blicke auf sich. Aufmerksame können dahinter sogar noch die nach dem Krieg wiederaufgebaute Grote Kerk erkennen, die zwischen all den modernen Gebäuden fast ein wenig deplaziert wirkt.

Und am Ende der Straße wartet das wohl unverwechselbarste Gebäude von Rotterdam – die Kubushäuser. Die Reihe von auf die Spitze gestellten Würfeln beherbergt tatsächlich Wohnungen. Eine davon ist zu besichtigen, damit sich der ungläubige Betrachter zumindest eine Vorstellung davon machen kann, wie man so ein Ding einrichtet. Unter ihnen hindurch verlässt der Marathon dann aber auch schon wieder den Citybereich.

Die zweite Schleife ist hauptsächlich vom Gegenverkehr geprägt. Runde vier Kilometer läuft man in mehreren Recht-Links-Kombinationen zuerst einmal auf Straßen, die auf dem Rückweg noch einmal auf dem Programm stehen. Für Läufer im Bereich zwischen drei und dreieinhalb Stunden hat das den Vorteil, zumindest einen Blick auf den Endkampf an der Spitze erhaschen zu können. Psychologisch ist es aber dennoch alles andere als einfach, bei rund zwei Dritteln der Strecke noch einmal vom schon so nahen Ziel weg zu laufen. Da kann das Publikum noch so klatschen.

Laufbekleidung als Hingucker

Doch es gibt sogar eine weitere Steigerung dazu. Denn nachdem man einen großen Park zur Hälfte umrundet hat, kommen auf der Gegenspur einer von einem Grünstreifen geteilten, schnurgeraden Straße wieder Läufer entgegen. Kilometer 32 ist längst passiert. Und die da drüben haben vier Kilometer Vorsprung. Denn erst zwischen den Markierungen 34 und 35 darf gewendet werden. Wer bisher schon leichte Probleme hatte, dem gibt diese Passage wohl endgültig den Rest. Die hier - wie an der ganzen Strecke - zahlreich verteilten Musikkappellen helfen da zur Motivation auch nicht mehr viel. Übrigens läuft man gerade sechs Meter unter dem Meeresspiegel. Man kann nur hoffen, dass die Deiche halten.

Der Rückweg schließt erst einmal den Kreis um den Park, bevor man wieder den schon bekannten Zickzack in die Innenstadt anschlägt. Noch einmal Kubushäuser, noch einmal Bankentürme und dann taucht man in die Coolsingel ein, an deren Rand sich die Zuschauer drängeln. Die Gänsehaut des Starts, die angesichts der Wetterbedingungen zwischendurch auch aus ganz anderen Gründen einmal vorhanden war, kehrt zurück. Aber das ist wohl auf den meisten Zielgeraden von Stadtmarathons so.

Nicht der erklärte Favorit Felix Limo biegt als Erster um die letzte Kurve und kann das wie beim Radrennen alle fünfzig Meter markierte letzte Teilstück in Angriff nehmen. Es ist Jimmy Muindi, der die erste Medaille der Jubiläumsauflage umgehängt bekommt. Bisher hatte der nicht unbedingt als Top-Sieganwärter gehandelte Kenianer nur den Marathon von Honolulu gewonnen – diesen allerdings schon viermal. Bei insgesamt acht Starts beim größten Lauf der Hawaii-Inseln landete er auch sonst immer auf dem Treppchen. Nun beweist der aufgrund dieser Ergebnisse eigentlich als Hitzespezialist einzuschätzende Muindi, dass er bei schlechtem Wetter durchaus ebenso erfolgreich sein kann. Nebenbei verbessert er auch seine drei Jahre alte Bestzeit um eine gute halbe Minute auf 2:07:50.

Hawaiihemdträger Die letzten Meter auf der Coolsingel unter Beobachtung Das Fernsehteam rollt ein

Vom Start weg hatte er sich zusammen mit seinen Landsleuten Limo, James Rotich, William Kiplagat, Jackson Koech und Yusuf Songoka hinter den Tempomachern der ersten Gruppe eingeordnet. Auch in diesem Pulk war Titus Munji, der beim Weltrekord von Paul Tergat als Edelhase assistierte und dann das Rennen in 2:06:15 durchlief, also im Vergleich mit Felix Limo über eine nur um eine Sekunde langsamere Bestzeit verfügt. Auch der Spanier Jose-Manuel Martinez, der in München über 10.000 Meter EM-Gold gewonnen hatte und der Japaner Tadeyuki Ojima gingen das hohe Anfangstempo (14:55 für die ersten fünf Kilometer, 29:43 bei zehn) der Hasen mit.

Hier - und nicht in der superschnellen Strecke - liegt übrigens neben der Finanzkraft auch der wahre Grund für den Erfolg des Rotterdamer Rennens. Denn gerade Jos Hermens gelang es das anderswo verpönte System der Tempomacher zu optimieren. Gleich mehrere Tempogruppen wurden je nach den Athletenwünschen zusammengestellt, alle mit etlichen eigenen Hasen für unterschiedliche Aufgaben ausgestattet. Auch die Frauen bekamen natürlich männliche Begleiter zugeordnet. Perfektes Umsetzen der Vorgaben wurde erwartet. Und notfalls griff der Chef Hermens vom Führungsfahrzeug auch einmal selbst ein, um ein falsches Tempo zu korrigieren. Was heute völlig üblich erscheint und bei allen großen Läufen zu finden ist, war vor zwei Jahrzehnten noch absolut revolutionär.

Eine halbe Minute später passierte die nächste Gruppe mit Gudisa Shentema aus Äthiopien und den beiden Kenianern Christopher Cheboiboch und Elijah Chemwolo Mutai die Zehn-Kilometer-Marke. Eine defensivere Renngestaltung, die sich am Ende in den Plätzen vier bis sechs auszahlen sollte. Und in 31:08 ging der dritte Pulk unter anderem mit den um die niederländische Meisterschaft kämpfenden Greg van Hest, Kamiel Maase und Jeroen van Damme sowie dem von der Bahn her bekannten, kleinen Franzosen Ismail Sghyr  durch.

Als Erste fielen „Chema“ Martinez und der anschließend auf Rang achtzehn durchgereichte James Rotich aus der Führungsgruppe heraus und fanden sich schon bei Halbzeit in der zweiten Gruppe wieder. Doch auch ganz vorne wurde das ursprünglich in Weltrekordnähe liegende Tempo langsamer. Mit 1:03:20 war die Durchgangszeit aber durchaus noch im Bereich des Streckenrekords.

Die letzten Meter ins Ziel

Nach und nach verabschiedeten sich dann der ebenfalls einbrechende und am Ende auf Rang fünfzehn einlaufende Japanaer Ojima, Yusuf Songoka und schließlich als Letzter Titus Munji von der Spitze. Und bei Kilometer 35 waren Muindi, Limo und der Debütant Jackson Koech alleine vorne. Als Muindi kurz darauf attackierte, konnte ihm dann keiner seiner beiden Landsleute mehr folgen. Limo, der zu diesem Zeitpunkt sowieso schon Probleme hatte, musste auch noch den nachsetzenden Koech (2:08:02) ziehen lassen und kam mit einer Minute Rückstand in für ihn unbefriedigenden 2:09:01 auf Rang drei.

Wie unerschöpflich das Reservoir der kenianischen Talente zu sein scheint, macht am ehesten die Tatsache deutlich, dass acht der ersten zehn aus diesem Läuferland stammen. Und nur Chema Martinez auf Rang neun (2:11:56) ist kein Ostafrikaner. Die Liste des Paris Marathons am gleichen Tag, der in 2:08:04 von Salim Kipsang gewonnen wurde, liest sich fast genauso. Und auch in Boston wird wohl wieder ein ähnlich starkes Kontingent am Start sein. Dabei hat London zum Jubiläum in diesem Jahr den Markt fast leergekauft, praktisch alle Topstars unter Vertrag und mit Paul Tergat, Sammy Korir und Evans Rutto auch die absolut schnellsten Kenianer in der Meldeliste.

Viel weniger ereignisreich verlief das Frauenrennen. Und hier siegte auch die Favoritin überlegen. Lornah Kiplagat, Niederländerin mit kenianischer Herkunft, spulte mit ihren persönlichen Tempomachern Peter Kiprotich und Isaiah Kipkemei Kosgei ihr Pensum herunter. Der Versuch, ihre noch mit kenianischem Pass erzielte, leicht zu behaltende Bestzeit von 2:22:22 oder ihren niederländischen Rekord von 2:23:43 zu attackieren, scheiterte jedoch nach einer dazu durchaus geeigneten Halbmarathondurchgangszeit von 1:11:13 am Ende ziemlich deutlich.

Fünf Minuten verlor sie auf der zweiten Hälfte, hatte aber mit 2:27:36 doch noch einen komfortablen Vorsprung. Ihre erste Landemeisterschaft im Marathon war da kaum mehr als ein kleines Zusatzbonbon. Neben Lornah Kiplagat sicherte sich bei den Männern Kamiel Maase als Gesamtelfter in 2:12:51 den nationalen Titel vor dem Vierzehnten Jeroen van Damme.

Blumen für die Marathonläuferinnen Marathonläufer im Zielbereich bekleidet mit Wärmefolien

Die Portugiesin Ana Diaz bekam Kiplagat nie in Sichtweite und folgte in 2:31:27 auf Rang zwei. Auch die Dritte kam von der iberischen Halbinsel. Isabel Eizmendi aus Spanien setzte sich mit 2:33:14 um sechs Sekunden gegen die ihr zwischendurch schon ein wenig enteilte Australierin Anna Thompson durch. Ein Duell, das eigentlich ein Dreikampf war, denn  auch die zweite Niederländerin Kristyna Loonen mischte mit 2:33:28 noch kräftig mit.

Noch einen zweiten Weltrekordversuch hatten die Rotterdamer Organisatoren angekündigt. Und zwar in der M70. Der Kanadier Ed Whitlock hatte im zarten Alter von 73 Jahren beim Toronto Waterfront Marathon 2004 eine unglaubliche 2:54:48 hingelegt und sollte nun ähnliches tun. Das gelang ihm zwar nicht ganz, doch blieb er mit 2:58:40 erneut unter drei Stunden. Da Altersklassen in Rotterdam nur bis zur M60 ausgeschrieben waren, musste er sich also mit über ein Jahrzehnt jüngeren Konkurrenten herum schlagen. Nur ein einziger von ihnen war allerdings schneller.

Die absolute Topzeit blieb den Rotterdamern in diesem Jahr verwehrt, was allerdings zum Teil wohl auch auf das Wetter zurückzuführen ist. Doch Boston und London müssen bei einer Vorgabe von 2:07:50 erst einmal nachziehen. Zwar dürfte in der britischen Hauptstadt von den Vorleistungen her eine deutlich bessere Zeit angepeilt werden. Ob sich die vielen Superstars dort allerdings nicht zu sehr belauern, bleibt erst einmal abzuwarten.

Rotterdam ist seinem Ruf als schneller Lauf dennoch wieder gerecht geworden. Es ist allerdings nicht allein die Strecke, sondern eher die gesamte Mischung, die dafür verantwortlich ist. Alleine wegen der – auch nur angeblich - topfebenen Piste lohnt sich der Weg in die Hafenstadt sicher nur bedingt. Da gibt es inzwischen fast überall wesentlich nähere Alternativen. Und sowohl sehenswertere Städte als auch schönere Strecken finden sich auch einige.

Doch gute Organisation und ein begeisterungsfähiges Publikum würden Rotterdam auch ohne Weltelite zu einer Topveranstaltung machen. Auch ist man dort noch nicht am Teilnehmerlimit angelangt und akzeptiert sogar Nachmeldungen, so dass man deutlich kurzfristiger planen kann. Und für Sammler gehört der Lauf als einer der Klassiker mit nun einem Vierteljahrhundert Historie sowieso irgendwann einmal auf den Kalender.

Bericht und Fotos von Ralf Klink

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