24.8.08 - Québec Marathon (Kanada)

Je me souviens

11. Marathon des deux rives Québec

von Ralf Klink

Ganz Kanada ist von englischsprachigen Menschen bewohnt. Ganz Kanada? Nein, ein kleines unbeugsames Völkchen leistet den Vordringen der englischen Sprache erbitterten Widerstand. Man redet wie seit Jahrhunderten einfach weiter französisch.

Nun, um die Wahrheit zu sagen, so klein ist dieses Völkchen gar nicht. Denn fast ein Viertel der dreißig Millionen Kanadier hat nach wie vor Französisch als Muttersprache. Und es gibt sogar eine Provinz, in der man mit Englisch in offiziellen Angelegenheiten überhaupt nichts erreichen kann. In Québec nämlich ist einzig und allein das Französische als Amtssprache zugelassen.

Und nicht nur das Bevölkerungsgrüppchen ist in Wirklichkeit gar nicht so klein. Das von ihm bewohnte Gebiet ist es schon überhaupt nicht. Alleine die Provinz Québec für sich genommen ist größer als halb Westeuropa. Nicht nur das Mutterland Frankreich, auch Deutschland, die Benelux-Länder und Spanien zusätzlich würden in deren Fläche locker hinein passen.

Von Obst- und Weinanbaugebieten im Süden bis zu Permafrostboden unter arktischer Tundra im Norden dehnt sich das riesige Areal aus. Gerade einmal fünf Personen teilen sich einen Quadratkilometer. Rein rechnerisch. Da die meisten von ihnen jedoch auch noch in einem schmalen Streifen nördlich der Grenze zu den Vereinigten Staaten beheimatet sind, bleibt nämlich weiter nördlich viel, sehr viel freies Land übrig. Land, in das noch nicht einmal Straßen führen.

Obwohl Quebéc aufgrund dieser Ausmaße tatsächlich die größte kanadische Provinz ist, nimmt es trotzdem nicht einmal ein Sechstel des gesamten Staatsgebietes ein. Der frühere Premierminister Kanadas Mackenzie King soll dazu einmal gesagt haben, andere Länder hätten vielleicht ziemlich viel Geschichte, seines hätte definitiv zu viel Geographie.

Natürlich hat auch Kanada – dessen Name übrigens von einem Irokesenwort mit der Bedeutung „Siedlung“ abgeleitet ist – einiges an Geschichte zu bieten. Eine auch aus europäischer Sicht durchaus lange Geschichte, die bis zu der auf der Insel Newfoundland entdeckte Wikingersiedlung zurück reicht. Schon um die erste Jahrtausendwende hatte Leif Erikson die Küste Nordamerikas erreicht, das er „Vinland“ nannte. Zu einer dauerhaften Kolonisation durch die Skandinavier kam es allerdings nicht.

Pont de Québec Flagge Québecs (Provinz)

Doch auch zu dem Zeitpunkt, an dem die nächsten Europäer kanadischen Boden betraten, muss man über fünfhundert Jahre zurück gehen. Schon 1497, nur eine Handvoll Jahre nach der Wiederentdeckung der neuen Welt durch Kolumbus, landete der in englischen Diensten stehende Italiener Giovanni Caboto – meist unter John Cabot bekannt – an der Küste.

Knappe vierzig Jahre später erkundete dann der Franzose Jaques Cartier auf mehreren Fahrten diese Ufer und drang über den Sankt-Lorenz-Strom weit in das nordamerikanische Hinterland vor. Es war der Anfang des französischen Teils der kanadischen Historie.

Denn diese Geschichte hat wie die meisten eben zwei Seiten. Die der Sieger, die meist deren Fortgang bestimmten, die englische nämlich. Und die der Verlierer. Eine Seite, auf die von den Québécois, den französischsprachigen Einwohner Québecs, aber dennoch großen Wert gelegt wird.

So betreiben praktisch alle kanadischen Provinzen nach amerikanischem Vorbild auf den Nummernschildern ihrer Autos Werbung für sich. Ontario zum Beispiel lädt mit „Yours to discover“ zu einer Entdeckungsreise ein. Andere lassen anscheinend sogar gerne mit sich spielen, wie man angesichts des „Canada’s Ocean Playground“ aus Nova Scotia vermuten könnte.

Nun, Québec macht da nicht mehr mit. Dort kommt von den Plaketten ein fast schon trotziges „Je me souviens“ entgegen. Ein „Ich erinnere mich“. Tief ins Gedächtnis eingebrannte Erinnerungen aus einer wechsel- und leidvollen Geschichte. Oui, je me souviens.

Ob es an der Größe der Provinz liegt, dass die Zahl der Marathons in Québec nicht gerade hoch ist? Oder doch am zumindest im Winter eher rauen Klima? Wohl beides, denn Kanada ist insgesamt kein wirkliches Läuferland. Im Vergleich zu Deutschland ergibt sich zur Einwohnerzahl jedenfalls ein um einiges niedrigeres Verhältnis an Wettkämpfen.

In der Pazifikprovinz British Columbia ist das Netz wohl noch am dichtesten, doch da ist es zumindest an der Küste eher mild. Ontario, der westliche Nachbar von Québec kann auch noch mehr als eine Handvoll Marathons aufweisen. Die Metropole Toronto und die Hauptstadt Ottawa sind sogar jeweils doppelt in der Liste. Und in den meisten anderen Provinzen und Territorien findet man in der Regel ebenfalls zumindest ein oder zwei 42,2 Kilometer lange Rennen. Nicht die Masse, aber immerhin.

Hoch über dem Fluss erhebt sich die Silhouette des Château Frontenac, das Wahrzeichen der Stadt Erinnerungen aus einer wechsel- und leidvollen Geschichte: "Je me souviens", ein "Ich erinnere mich" taucht auf Plakaten oder Nummernschildern des öfteren auf

In Québec lassen sich trotz seiner Größe gerade einmal fünf davon entdecken. Natürlich hat man in dem früheren Olympiaaustragungsort Montréal einen Marathon. Na ja, so natürlich ist das eigentlich nicht. Denn in der Millionenstadt gab es eine solche Veranstaltung zwar schon länger. Doch dann fiel sie eben auch mehrere Male aus. Erst in den letzten Jahren hat man die Marathontradition neu belebt.

Am Südufer des Sankt-Lorenz richtet man auf einer Wendepunktstrecke im hundertmal kleineren Hafenstädtchen Rimouski jeden Oktober ebenfalls einen Lauf aus. Nagelneu ist ein Rennen im trotz seines Namen auf dem Festland gelegenen Sept-Îsles, für das man allerdings von Montréal rund tausend Kilometer auf der zunehmend einsamer werdenden Küstenstraße auf der Nordseite des Stroms entlang kurbeln muss.

Saguenay rund vierhundert Kilometer nordöstlich von der frankokanadischen Metropole, in deren Großraum rund die Hälfte der Provinzbevölkerung ihr Zuhause hat, ist da zumindest schon ein bisschen näher. Im Juni fällt in der eher weniger sehenswerten Stadt am gleichnamigen Fluss der Startschuss.

Dabei hat diese Region touristisch allerdings durchaus etwas zu bieten. Den Lac St. Jean etwa. Ein riesiger See, den der Saguenay entwässert und für dessen Umrundung man schon einen halben Tag einplanen sollte. Und flussabwärts gibt es da – noch viel interessanter – auch noch den ebenso Saguenay genannten Fjord, der zwar nicht unbedingt in der Höhe der ihn umgebenden Berge aber zumindest in seiner Länge fast schon norwegische Dimensionen erreicht.

Spuren der Eiszeit, die, wie zu erwarten war, natürlich auch in Kanada ihre Auswirkungen hinterlassen hat. Kanada und die Eiseskälte? Da gab es doch auch irgend eine Beziehung. Je me souviens.

Tja, und dann ist da noch die Veranstaltung in der „Ville de Québec“ oder – wie die „Anglos“ es in ihrer hinsichtlich der Emotionen anderer meist unnachahmlich rücksichtslosen Art nennen würden – in „Quebec-City“. Seit einem Jahrzehnt wird dort Ende August Marathon gelaufen.

Genau vierhundert Jahre wird 2008 jene Stadt alt, die der ganzen Provinz den Namen gab – was dann zu einem so seltsamen Begriff wie „Québécois de Québec“ führt, mit denen man die Stadtbewohner bezeichnet – und auch ihre Hauptstadt ist. Es gibt nicht viele Gemeinden auf dem nordamerikanischen Kontinent, die weiter zurück blicken können. Erst ein gutes Jahrzehnt später landeten die wesentlich berühmten Pilgerväter mit ihrer Mayflower in der Nähe des heutigen Boston an der Küste von Massachusetts.

Damit ist die Ville de Québec zwar noch immer nicht der älteste europäische Ort in Kanada. Man ist noch nicht einmal die älteste dauerhafte Siedlung in der Provinz. Doch jener aus kaum mehr als einem einzigen Blockhaus bestehende Handelsposten von Tadoussac, der bereits acht Jahre zuvor erbaut wurde, ist mit einer richtigen Stadtgründung dann doch nicht zu vergleichen.

Als Samuel de Champlain im Jahr 1608 den Strom hinauf fuhr, war ihm schnell klar, dass es aus strategischer Sicht wohl kaum einen geeigneteren Platz für eine Niederlassung geben konnte. Zwei der bedeutendsten geologischen Formationen des Kontinents treffen hier aufeinander. Und der Fleuve Saint-Laurent – wie die Québécois zur meist kilometerbreiten, auf ihrer kompletten Länge vom Atlantik bis zu den großen Seen von Hochseeschiffen befahrbaren Wasserstraße sagen – muss sich zwischen ihnen hindurch zwängen.

Ungewöhnlich heiß war es beim 11. Marathon des deux rives Québec. Das Altstadtviertel Basse-Ville lässt kaum glauben, dass man sich in der neuen Welt befinden soll mit seinen aus Feldsteinen gemauerten Häusern

Vom Norden her kommt der sogenannte Kanadische Schild, den man oft auch als größte Granitplatte der Welt bezeichnet. Ein uraltes mit Tausenden von Seen gesprenkeltes Plateau, dessen Gesteine noch aus der Frühgeschichte der Erde stammen. In der Gegend um Québec schwingt sie sich allerdings zu einem Höhenzug auf, der sich bis zu einen Kilometer über jene weite Ebene erhebt, durch die der Strom geflossen ist, seit er dreihundert Kilometer weiter westlich den Ontariosee verlassen hatte.

Und von der anderen Seite streben die Appalachen herbei, die sich von Ostkanada bis in den tiefen Süden der Vereinigten Staaten nach Alabama und Georgia ausdehnen. Das Gebirge, das mit seiner Nord-Süd-Ausrichtung zusammen mit den Rocky Mountains im Westen des Kontinents jenen Kanal für Wetterfronten bildet, der das amerikanische Klima so unstet und wechselhaft macht.

Je nachdem, ob arktische oder tropische Luft durch diese Schneise heran getragen wird, kann es heftige Temperaturunterschiede geben. Vielleicht denken ja manche Interessierte noch daran, dass der Mitte Oktober ausgetragene Marathon von Chicago in den letzten Jahren genau aus diesem Grund sowohl schon unter eisigen Winden in Gefrierpunktnähe als auch unter knallender Hitze zu leiden hatte. Ja, ja, die Windy City. Je me souviens.

Die beiden Gebirge und auch die beiden Ufer kommen sich jedenfalls nirgendwo so nahe wie an der Stelle, wo nun seit vierhundert Jahren die Stadt Québec den Fluss bewacht. Östlich dieses Engpasses öffnet sich dann jene weite Trichtermündung, die den Sankt-Lorenz-Strom allmählich in den Atlantik überführt und es völlig unmöglich macht, zu bestimmen, wo der Fluss aufhört und das Meer anfängt.

Das nicht einmal einen Kilometer breite, zu beiden Seiten von fast hundert Meter hohen Felsen eingefasste Tor ist aus dieser Richtung kommend eine wirklich unübersehbare Landmarke. Und Champlains Entscheidung, genau hier eine Stadt zu gründen, wird auch ohne weitere Kenntnisse absolut nachvollziehbar.

Den indianischen Ureinwohnern war die besondere Rolle dieser Stelle natürlich ebenfalls bekannt. Und Champlain übernahm der Einfachheit halber den Namen der in der Region ansässigen Algonquin: „Kepec“; übersetzt „wo der Fluss enger wird“. In der französischen Schreibweise wurde daraus dann „Québec“.

Die Aussprache „Quiebek“, zu der auch viele Deutsche neigen, weil Stadt und Provinz ja in Kanada liegen, wo man doch angeblich Englisch spricht, ist jedenfalls nicht nur historisch unkorrekt. Vor allen Dingen sollte man sie aber auf keinen Fall im Gespräch mit einem Einheimischen benutzen, wenn man sich nicht gleich von Anfang an unbeliebt machen will. Denn sonst landet man sofort im gleichen Topf wie die aus frankokanadischer Sicht völlig ignoranten Anglos. Also bitte „Kebbeck“ oder – wenn man sich mit der französischen Betonung allzu schwer tut – zumindest „Quebeck“.

Überfahrt mit Fähre nach Lévis am frühen Morgen Flagge Québecs (Stadt)

Selbstverständlich wird das Jubiläum einer – für amerikanische Verhältnisse – so alten und gleichzeitig auch noch recht bedeutenden Stadt entsprechend gefeiert. Im Juni gab zum Beispiel Paul McCartney ein Freiluftkonzert vor 250.000 Menschen. Und an dem Freitag vor dem Marathon sang die Frankokanadierin Céline Dion ebenfalls vor einer sechsstelligen Zuhörerzahl. Und weil die Bühne sowieso da war treten sonntags auch gleich noch eine Reihe französischer Künstler an gleicher Stelle auf. Alle Veranstaltungen waren natürlich kostenlos.

Der Marathon ist da nun wirklich nur Rahmenprogramm. Zumal er mit nur gut tausend Läuferinnen und Läufern kaum die Dimensionen erreicht, um eine Stadt mit einer knappen dreiviertel Million Einwohner wirklich in Atem zu halten. Dass man damit in Kanada einen sicheren Top-Ten-Platz hat, sagt natürlich auch einiges über die Laufszene des Landes aus.

Wie in Deutschland bei Läufen ähnlicher Größenordnung wird – um den Aufwand zu rechtfertigen und die Kosten wieder herein zu bekommen – ein ganzes Sammelsurium von Strecken angeboten. Neben der 42 Kilometer langen Königsdistanz gibt es noch einen Halbmarathon und einen Zehner sowie einen Fünfer, bei dem nur für Jugendliche die Uhr tickt und alle anderen ohne Zeitnahme laufen. „Cinq kilomètres de la santé“ heißt das dann. Gewalkt werden dürfen sämtliche Strecken außerdem noch. Wobei die Marathonwalker auch eine gesonderte Startzeit haben.

So kommt man insgesamt dann doch auf runde sechstausend Teilnehmer, was sich schon ganz anders liest. Die Mischung ist dabei deutlich weniger ungesund als bei manchem deutschen Gegenstück. Zahlenmäßig nur unwesentlich stärker als die lange Distanz ist der Halbmarathon besetzt. Ein Verhältnis von zwei zu drei lässt den eigentlichen Namensgeber jedenfalls nicht völlig an den Rand der Veranstaltung wandern. Und der Zehner bewegte sich in den letzten Jahren sogar meist nur in der Größenordnung des Marathons.

Zugelegt haben in diesem Jahr alle Strecken. Zwischen zwanzig und dreißig Prozent gegenüber dem Vorjahr. Erstmals seit fünf Jahren durchbrach die Königsdistanz auch wieder die Tausendermarke. An die Rekordzahlen aus der Zeit um die Jahrtausendwende, als mehrmals rund 1300 Läuferinnen und Läufer teilnahmen, kommt man allerdings nicht ganz heran. Ob dieses Wachstum alleine mit dem Stadtjubiläum zu tun hat, wird sich wohl erst im nächsten Jahr zeigen. Zu vermuten ist es allerdings.

Nicht nur von der Papierform her ist Québec eine der ältesten Städte des Kontinents. Auch die Bebauung des ursprünglichen Stadtkerns lässt kaum glauben, dass man sich in der Neuen Welt befinden soll. Enge, zum Teil gepflasterte Gässchen mit aus Feldsteinen gemauerten Häusern, die so gar nicht zu den breiten, kerzengeraden Straßen im Schachbrettmuster passen wollen, die nahezu alle anderen Städte in Nordamerika aufwarten und die man zugegebenermaßen auch in den Vororten Québecs findet.

Tausende Läufer entern die Fähre zu Überfahrt nach Lévis

Doch die Altstadt könnte man problemlos auch auf die andere Seite des Atlantiks versetzen und niemandem würde es auffallen. Vieles kommt einem jedenfalls in Québec von anderen Orten her ziemlich bekannt vor. Ja, in Mitteleuropa gibt es sicher einige ähnliche, auf einem Felsen hoch über einem Fluss oder See liegende Städte mit noch älterer, wirklich mittelalterlicher Bausubstanz. Je me souviens.

In Nordamerika ist so etwas jedoch – selbst an der Ostküste – ziemlich selten, fast einzigartig. Der Welterbe-Status, den die UNESCO der Stadt für das Vieux-Québec genannte Viertel schon im Jahre 1985 zugestanden hat, belegt das auch ziemlich eindrucksvoll.

Das Centre des congrès de Québec, das Messe- und Kongresszentrum, in dem an den Tagen vor dem Lauf die Startnummern abgeholt werden können, hat – obwohl nur ein paar Meter vom alten Stadtkern entfernt – allerdings doch ein ziemlich modernes Gesicht. Wie es sich für einen internationalen Marathon – man ist schließlich Mitglied in der weltweiten Veranstalterorganisation AIMS – gehört, gibt es dort auch eine Laufmesse. Die besitzt aber kaum mehr als einen lokalen Charakter.

Den größten Verkaufsstand hat dort noch die kanadische Laufsportgeschäftkette „Running Room“ aufgebaut, die neben der Finanzdienstgruppe SSQ als einer der Hauptsponsoren auftritt. Doch dabei leistet man sich einen Fauxpas, der in Québec schon hart an eine schwere juristische Verfehlung heranreicht. Denn die Tüten, in denen man seine Startunterlagen erhält, sind einzig und allein eben mit jenem „Running Room“ beschriftet. Und das ist ziemlich illegal.

Es gibt da in der frankophonen Provinz nämlich ein Gesetz, dass alle Beschriftungen zuerst einmal in Französisch vorzunehmen sind. Englisch soll nur als Zweitsprache und dann auch nur in kleineren Buchstaben verwendet werden. Über alle Läden der Firma in Québec ist deshalb zum Beispiel der Schriftzug „Coin des Coureurs“ angebracht.

Was auf den ersten Blick völlig überzogen und fast lächerlich wirkt, kann nur aus der Geschichte – und dabei halt insbesondere aus ihrem frankokanadischen Blickwinkel – erklärt werden. Denn aus einer Reihe von Demütigungen und Ohrfeigen hat sich eine heftige Trotzreaktion entwickelt.

Viel zu lange galt ihre Sprache zum Beispiel als minderwertig. Viel zu lange musste man darum kämpfen, sie im offiziellen Verkehr überhaupt anerkannt zu bekommen. Erst 1969 wurde die Zweisprachigkeit Kanadas zumindest auf Bundesebene gesetzlich geregelt. Übrigens nicht ganz zufälligerweise unter der Regierung des in Montréal geborenen Pierre Trudeau.

Mit der Fähre über den Sankt-Lorenz-Strom hinüber in die Schwesterstadt Lévis mit traumhaftem Blick auf jenes Stadtpanorama, das man stets vor Augen hat, wenn der Name Québec fällt

Doch zum einen dominierte das Englische natürlich auch weiterhin. Und zum anderen weigerten sich einige Provinzen sogar regelrecht, die Schlechterstellung des Französischen zu beseitigen. Man missachtete die Wünsche und Bedürfnisse der Frankokanadier einfach. Manitoba musste sogar vom Obersten Gericht gezwungen werden, ein hundert Jahre altes Französisch-Verbot aufzuheben.

Québec reagierte daraufhin nach dem Motto: „Wenn ihr uns ignoriert, wenn ihr uns unbedingt ignorieren wollt, dann beachten wir euch eben auch nicht mehr, dann wollen wir halt auch nichts mehr von euch wissen. Wenn wir euch egal sind, seid ihr es uns auch.“ Die Anglos hatten schon viel zu lange Wirtschaft und Verwaltung beherrscht, oft ziemlich selbstherrlich den Ton angegeben, rücksichtslos nur aufgrund ihrer Anliegen bestimmt, wie die Dinge zu laufen hatten. Je me souviens.

Und so wird man nun in der ganzen Provinz kein einziges Verkehrsschild mit englischem Text mehr finden. Unter der in allen nordischen Ländern bekannten Warnung vor Elchen steht dann im Gegensatz zum benachbarten Ontario eben nicht „next 20 km“ sondern „sur 20 km“. Und Elche heißen hier sowieso nicht „Moose“, nicht einmal „Élan“ wie im Mutterland auf der anderen Seite des Atlantik sondern „Orignal“.

In mancher Hinsicht ist man sogar noch französischer als die Franzosen selbst. Denn während in Europa überall – auch in Frankreich – auf dem achteckigen Schild an Kreuzungen „STOP“ geschrieben steht, hält man in der Provinz Québec grundsätzlich nur bei einem „ARRÊT“ an. Irgendwo hat man ja auch seinen Stolz.

Ein Stolz, der sich eben zum Teil daraus ergibt, dass man etwas früher da war. Die Vierhundertjahrfeier spült diesen Sachverhalt wieder nach oben. So feiert dann nicht nur die Ville de Québec sondern die ganze Region Geburtstag. Noch weit außerhalb der Stadtgrenzen sieht man die Fahnen mit dem Logo vor öffentlichen und privaten Gebäuden flattern. Geburtstag feiert man schließlich gerne mit guten, mit richtigen Freunden. Je me souviens

Wenn man nicht gerade freitags oder samstags ganz früh seine Startunterlagen abgeholt hat, stößt man als Marathonläufer gleich auf den nächsten Punkt des Jubiläumsprogramms. Da strömen nämlich immer mehr Leute in Richtung Stadtzentrum, die irgendwelche Klappstühle oder ähnliches mit sich herumtragen. Sie machen es sich damit unübersehbar am Rande der Grande Allee getauften Straße nur wenige Meter von Kongresszentrum entfernt bequem.

Der Abschlussumzug des alljährlichen Militärmusikfestivals, das diesmal selbstverständlich noch eine Nummer größer ausgefallen ist als sonst, steht dort an. Da schmettern Marching Bands schmissige Melodien. Da erklingen auch einmal ungewohnte Instrumente bei den asiatischen Gästen. Und gleich mehrfach jagen die durchdringenden Klänge von Dudelsäcken eine Gänsehaut über den Rücken. Ein Dutzend internationale und genauso viele kanadische Kapellen marschieren dabei die von etlichen Regierungsgebäuden gesäumte Straße hinunter in die Altstadt hinein.

Nach der Überfahrt per Schiff übernehmen die gelben Busse den Rest der Strecke

Wo die anfängt, lässt sich eigentlich ganz exakt definieren. Denn als einzige Stadt in ganz Nordamerika hat man eine rundherum erhaltene Stadtmauer. Wehrgänge, mehrere Türme und große Tore bilden eine weitere touristische Attraktion des an Sehenswertem sicher nicht unbedingt armen Québec. Nein, auch für europäische Maßstäbe ist die Stadt wirklich schön und interessant.

Dass die Mauern begehbar und offen zugänglich sind, macht den Reiz nur noch größer. Und herrliche Rundumsicht auf Stadt und Wasser hat man schließlich von dort auch. Es gibt da doch eine Faustregel für Touristen: Wo Kanonen stehen oder standen, findet man meist eine gute Aussicht, lautet sie. Es kann schon ganz nett sein, auf Befestigungsanlagen herum zu klettern. Je me souviens.

Am Abend kann man sich dann schon einmal beim Fernsehen auf den kommenden Lauf einstimmen. Denn was in Europa zu nächtlicher Stunde auf der Mattscheibe landet, bedeutet in der Zeitzone der Eastern Time eben allerbeste Sendezeit. Sowohl den Startschuss um 19:30 als auch den Zieleinlauf des Männermarathons der „Jeux Olympiques de Pékin“ gut zwei Stunden später kann man verfolgen, ohne wirklich Schlaf opfern zu müssen. Wobei Sammy Wanjirus trotz Hitze erzielte Fabelzeit es durchaus wert gewesen wäre, sich dafür eine Nacht um die Ohren zu schlagen.

Ähnliche Bedingungen drohen den Teilnehmern des Marathons von Québec allerdings ebenfalls. Klarer Himmel und Temperaturen über der Fünfundzwanzig-Grad-Marke prognostizieren die Meteorologen im Fernseher für den nächsten Tag. Und zwar völlig unabhängig davon, ob sie es auf englisch oder auf französisch, für einen öffentlichen oder einen privaten Sender tun.

So ist dann die Bekleidung, mit der sich die Läuferinnen und Läufer zur frühen Morgenstunde aus ihren Hotels auf den Weg zum Start machen, auch nicht allzu umfangreich. Wirklich lang war die Nacht für sie nicht. Es ist noch dunkel, als die Wecker beginnen Laut zu geben. Denn zwischen 7.30 und 8.30 Uhr sind die Starts angesetzt. Wobei ausgerechnet der Marathon als letztes gestartet wird. Für ein Rennen im Spätsommer schon hart an der Grenze.

Außerdem wird wie fast überall jenseits des großen Teiches auf einer Punkt-zu-Punkt-Strecke gelaufen. Wodurch sich auch noch ein zusätzlich aufwendiger und zeitraubender Transfer zum Startort ergibt. Zwischen sechs und sieben Uhr soll man die in Zielnähe vorhandenen und auf einer mit den Startunterlagen verteilten Karte markierten Parkplätze ansteuern.

„Stationnement“ nennt das der Québécois im Gegensatz zum Franzosen, der „Parking“ dazu sagen würde. Nichts wirklich Besonderes, denn das in Kanada gesprochene Französisch hat sich aufgrund der Jahrhunderte langen Trennung ein ganzes Stück von dem des Mutterlandes entfernt. Vokabeln, Satzbau, Grammatik und selbstverständlich auch die Aussprache weichen zum Teil deutlich ab.

Getränkeausgabe im Schulhof Kleiderabgabe im Schulhof

Viele ältere in Frankreich längst unübliche Formulierungen haben sich erhalten. Andererseits hat man auch etliche Lehnwörter aus dem Englischen übernommen. Bei eher förmlichen Gelegenheiten nähert man sich zwar dem europäischen Standard an. Doch wenn man von einem Québécois in seiner Umgangssprache angesprochen wird, muss man auch mit annehmbaren Schulfranzösisch oft vollkommen passen. Manche Filme und Fernsehsendungen werden sogar untertitelt, um sie auch international nutzen zu können. Wohlgemerkt: Französisch untertitelt.

Nebenbei, es gibt neben dem Québecer Französisch in Kanada noch eine zweite Variante, das wieder eine andere Entwicklung genommen hat. Nämlich das in den Atlantikprovinzen verwendete Akadische Französisch. Und beide Sprachgruppen verstehen sich untereinander auch nicht besser als mit den Franzosen.

Wer nicht mitten in der Stadt wohnt, dem bleibt allerdings auch gar nicht anderes übrig, als diese „Stationnements“ zu benutzen. Denn öffentlicher Nahverkehr ist praktisch kaum existent. Schon gar nicht am frühen Sonntagmorgen. Da ist Québec eine typisch nordamerikanische Stadt. Ein dichtes U- oder S-Bahn-Netz, wie es europäische Metropolen besitzen, sucht man jedenfalls vergeblich. Außer ein paar Bussen spielt sich in dieser Hinsicht nicht allzu viel ab.

Doch noch ein anderes Nahverkehrsmittel gibt es. Und genau dieses nutzen die Läufer für den ersten Teil des Transports zum Start. Es sind die Fähren über den Sankt-Lorenz-Strom hinüber in die Schwesterstadt Lévis. Denn auf der anderen Seite des Flusses wird des Startschuss fallen. Die Veranstaltung heißt ja auch „Marathon des deux rives“. Es ist also der „Marathon der beiden Ufer“.

Richtig viele Möglichkeiten dazu gibt es eigentlich nicht. Nur ein gutes Dutzend Brücken über die breite Wasserstraße existieren. Und östlich von Québec findet man keine einzige mehr. Viel zu weit wird die Trichtermündung von nun an. Was hier nur wenige Minuten dauert, nämlich das Queren des Fleuve Saint-Laurent, nimmt zwei-, dreihundert Kilometer stromabwärts schon mit der Schnellfähre mehr als eine Stunde in Anspruch. Und ihre langsamere Verwandte braucht dazu sogar mehr als doppelt so viel Zeit.

Auch die Lévis-Fähren, die an diesem Morgen wie wild zwischen den Ufern hin und her pendeln, um die mehr als dreitausend Halb- und Ganzmarathonläufer zu ihren Startpunkten zu bringen, sind eigentlich eine Sehenswürdigkeit. Denn von dort hat man genau jenen Blick, sieht jenes Stadtpanorama, das man stets vor Augen hat, wenn der Name Québec fällt.

Hoch über dem Fluss erhebt sich die Silhouette des Château Frontenac, des Wahrzeichens der Stadt. Der Name täuscht. Das Gebäude ist keineswegs ein Schloss. Es ist nichts anderes als ein riesiges Hotel, das vor gut hundert Jahren von der Eisenbahngesellschaft Canadian Pacific Railway errichtet wurde, um ihren Erste-Klasse-Passagieren eine angemessene Übernachtungsmöglichkeit zu bieten.

Startpistole T-Grand Start der Walker

In anderen kanadischen Städten erbaute man zwar ähnliche Luxusherbergen. Doch keine von ihnen sitzt an so dominanter Stelle. Nirgendwo bestimmt wohl ein anderes Hotel das Bild einer Stadt so wie das Château Frontenac das von Québec. Es ist vielleicht nicht die bekannteste Unterkunft weltweit, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit die am meisten fotografierte.

Der ziemlich unübliche, wenn auch nicht völlig einzigartige Transport von Marathonläufern per Schiff ist nur der erste Teil der Anreise zu den Startpunkten. Auf der anderen Seite des Flusses nehmen Helfer die Teilnehmer gleich in Empfang und leiten sie weiter. „Marathon à gauche, Demi-Marathon à droite“. Von hier ab gehen die an den verschiedenen Startnummernfarben zu unterscheidenden Läufer der beiden Distanzen unterschiedliche Wege.

Busse übernehmen den Rest der Strecke. Das hat man auch bei anderen Gelegenheiten erlebt. Und auch die Farbe der Busse kennt man schon von anderswo. Es sind nämlich gelbe Busse. Busse, wie sie in ganz Nordamerika an jeden Morgen Kinder einsammeln und sie zu ihren Schulen bringen. Allerdings steht auf diesen „Ecoliers“ geschrieben. Und in dem Infoheft, das man mit den Startunterlagen bekam, ist auch davon die Rede, dass man in „Navettes“ einsteigen solle. Je me souviens.

Weit ist der Weg zum Marathonstart eigentlich nicht mehr. Nur noch etwa einen Kilometer sitzt man im Bus. Doch die steile Rampe, die sich die gelben Transporter vom Fähranleger den Hügel hinaufquälen, muss man sich vor einem Wettkampf ganz sicher nicht unbedingt antun. Fast hundert Meter geht es da nach oben. Da das Luftlinie nur zwei Kilometer entfernte Ziel am anderen Flussufer fast auf Höhe der Wasseroberfläche liegt, hat der Kurs für Rekorde also eigentlich schon ein zu großes Nettogefälle.

An einer Schule spucken die Busse ihre menschliche Fracht wieder aus. Das mag zwar zweckmäßig sein, denn das Gebäude liefert Umkleidemöglichkeiten, Toiletten und – an diesem Tag nun wirklich überhaupt nicht nötig – trockene Aufenthaltsmöglichkeiten bei schlechtem Wetter. Doch ein repräsentativer Startort sieht ganz sicher anders aus. Rundherum entdeckt man nur ein Wohngebiet und einige Grünanlagen. Die Startlinie findet sich sogar mehr oder weniger mitten auf dem Schulhof.

Von dort werden um 7.30 Uhr bereits die Walker auf die Reise geschickt. Die restlichen – inzwischen ziemlich vollzähligen – Teilnehmer, die den Marathon im Laufschritt bewältigen wollen, könne sich noch etwas an den bereits im Startbereich aufgebauten Verpflegungstischen mit Flüssigkeit versorgen.

Boulevard Champlain am Ufer des St-Lorenz Die Québecois legen Wert auf eine eigene Identität Jede Erfrischung war bei der großen Hitze willkommen

Neben Wasser und Elektrolytgetränken gibt es da nach bester nordamerikanischer Tradition auch Kaffee umsonst. Denn selbst wenn man in Québec schon den französischen Teil in der eigenen Kultur immer besonders heraushebt, was das Leben im allgemeinen angeht, wird man auf den ersten Blick – und insbesondere ohne Tonspur – kaum einen Unterschied zum restlichen Kanada oder auch zu den benachbarten Vereinigten Staaten feststellen.

Da sieht man an fast jeder Ecke Motels und Schnellimbisse, die mit riesigen Leuchttafeln auf sich aufmerksam machen. Da rollt man außerhalb der Städte völlig entspannt auf breiten und nahezu leeren Straßen und Autobahnen durch genauso leere Landschaften, um dann in Stadtnähe plötzlich im dicht befahrenen Durcheinander von Auf- und Abfahrten, sich teilenden und wieder vereinigenden Highways nur mit Mühe die Orientierung halten zu können.

Und da gibt es in den Supermärkten eben meist Packungen, deren Größe mit XXL noch untertrieben angegeben sein dürfte. Doch da steht ja auch ein dickes Auto auf dem Parkplatz davor, in dem man diese locker unterbringen kann.

Das Ganze ist halt alles nur irgendwie seltsamerweise auf Französisch gehalten. So gibt es bei der wie überall in Kanada auch in Québec allgegenwärtigen Coffee-Shop-Kette „Tim Hortons“ den Kaffee eben nicht „X-Large“ sondern „T-Grand“. Und man isst dort auch keinen „Blueberry-Muffin“ sondern einen mit „bleuets“. Einen Unterschied im Geschmack wird man deshalb natürlich trotzdem nicht feststellen können.

Zum Frühstück findet man keine Croissants auf den Speisekarten, sondern kann deftig Speck und Eier bestellen. Und wer es dann doch lieber süß mag, ordert eben Pfannkuchen, die zwar „Crêpes“ und nicht „Pancakes“ heißen, mit den hauchdünnen Scheibchen, die man in Europa darunter versteht allerdings dennoch wenig zu tun haben.

Aber auf den zweiten Blick bemerkt man dann doch kleine Unterschiede. Irgendwie scheint es deutlich mehr Straßencafés als anderswo auf dem Kontinent zu geben, gerade in der Ville de Québec. Und nicht nur dort sondern auch an fast allen Automaten kann man sich zwischen „Café fort“ und „Café douce“, also zwischen „stark“ und „mild“, entscheiden. Für die meisten Franzosen wäre nämlich die dünne Brühe, die man jenseits des Atlantik als Kaffee bezeichnet, absolut ungenießbar. Die Québécois haben zumindest die Wahl.

Ja, in den Bäckereien gibt es sogar tatsächlich auch Baguette zu kaufen. Ein Produkt, das irgendwo sonst in Kanada sicher kaum einen Abnehmer fände. Und Hörnchen bekommt man dann auch noch dazu, wenn man sie mag. Je me souviens.

Boulevard Champlain am Ufer des St-Lorenz

Nicht nur den Kaffee bekommt man in Kanada „T-Grand“. Auch die Startpistole, die man beim Marathon des deux rives benutzt, fällt eindeutig in diese Kategorie. Denn Soldaten der kanadischen Armee wuchten zwei schwere Geschütze neben die mit Zeitmessmatten ausgelegte Linie in Position, während um acht Uhr auf der anderen Seite des Flusses der Lauf über fünf Kilometer gestartet wird. Die restlichen drei Rennen werden dann eine halbe Stunde später zeitgleich von verschiedenen Punkten aus eröffnet werden.

Neben natürlich einer großen Menge Québécois lassen sich auch auffällig viele Franzosen durch Trikotaufdrucke oder mitgeführte Flaggen unter den Läufern identifizieren. Wie hoch unter den englisch sprechenden Marathonis der Anteil der Kanadier ist und wie viele davon aus den manchmal fast näheren Vereinigten Staaten – die Grenze zum Neuenglandstaat Maine ist von Québec weniger als hundert Kilometer entfernt – stammen, lässt sich nicht wirklich entscheiden. Unterschiede zum Beispiel in der Sprache kann man schließlich kaum erkennen.

Dabei legen auch die meisten Anglokanadier größten Wert darauf, nicht für US-Amerikaner gehalten zu werden. Vor allem im Ausland. Wer einmal genau darauf achtet, kann an etlichen Rucksäcken, Taschen oder Koffern von amerikanisch klingenden Englisch sprechenden Reisenden Aufkleber und Anhänger mit der kanadischen Flagge entdecken. Bewusst gesetzte Zeichen, um sich von den eher ungeliebten Nachbarn abzusetzen.

Die trotz ihrer räumlichen Größe von der Einwohnerzahl nur ein Zehntel so große kanadische Nation empfindet sich eben doch gelegentlich nur als Anhängsel der übermächtigen USA. Ein Verhältnis, das man vielleicht schon ein wenig mit dem der Österreicher und der Deutschen vergleichen kann.

Die Wirtschaften sind eng miteinander verflochten. So ist zum Beispiel der Schifffahrtsweg vom Meer zu den Großen Seen über den Sankt-Lorenz-Strom von beiden Staaten gemeinsam ausgebaut worden und wird auch gemeinsam betrieben. Auch die Stromnetze hängen zusammen. Und so sind die früher durchaus gelegentlich vorkommenden Blackouts in der Regel beiderseits der Grenze wirksam.

Ja sogar in den Profiligen der in Nordamerika populären Sportarten spielen kanadische und US-amerikanische Teams gemeinsam. Im Nationalsport Eishockey stellt Kanada zwar nicht die Mehrzahl der Mannschaften aber die meisten Spieler. Die früher in der Ville de Québec beheimateten Nordiques wurden inzwischen allerdings nach Denver verpflanzt.

Boulevard Champlain am Ufer des St-Lorenz

Auch in der Baseball-Liga MLB und der NBA der Basketballer sind mit den Blue Jays bzw. den Raptors zwei Teams aus Toronto mit dabei. Nur im American Football hat man in Kanada eine eigene Variante mit leicht anderen Regeln. So läuft beim Canadian Football ein Spieler mehr aufs Feld.

Doch was Politik und Gesellschaft angeht, geben sich die Kanadier deutlich weltoffener und sind in ihren Ansichten näher an Europa als die doch sehr auf sich selbst konzentrierten – und von sich ziemlich überzeugten – US-Amerikaner. Weniger Konfrontation als vielmehr Konsens bestimmen dagegen in Kanada das Klima. Ein breites Parteienspektrum führt in der Regel dann auch zu Koalitionen und Minderheitsregierungen. Und das Auftreten von Sicherheitskräften wie Polizisten, Zöllner oder Grenzbeamten ist meist ebenfalls deutlich weniger schroff als beim südlichen Nachbarn. Man agiert vielmehr britisch korrekt und freundlich.

Deutsche entdeckt man im Startbereich nur einige. Denn im Gegensatz zu ihren französischen Kollegen, die damit werben dürfen, dass ihre Klientel so die neue Welt auch ohne Fremdsprachenkenntnisse besuchen können, bietet kein einziger Marathonreise-Veranstalter aus der Bundesrepublik eine Tour nach Québec an. Die wenigen Deutschen sind eher Einzelkämpfer und Sammler.

So wie zum Beispiel Heinrich van Nahmen aus dem niederrheinischen Alpen, der langsam auf die Marke von 250 absolvierten Marathons zusteuert. Warum er ausgerechnet in Québec dabei ist? „Nun ich laufe nach dem Alphabet. Und das Q hatte ich bisher noch nicht.“ Ja, stimmt, das Q. Manche sammeln Kontinente, Länder oder Bundesstaaten, andere einfach Anfangsbuchstaben. Je me souviens

Nur noch das X fehle ihm jetzt noch. Das Y habe er sich im belgischen Ypern geholt. Wobei man dabei allerdings nur die deutsche und die französische Schreibweise „Ypres“ werten kann. Denn im dort gesprochenen Flämisch heißt diese Stadt „Ieper“. Und für das X hat er in China auch schon den Xiamen Marathon gefunden.

Mit lautem Geschützdonner setzt sich das Feld in Bewegung. Und macht kaum auf der Straße angekommen gleich wieder einen Schlenker um die Schule und den angrenzenden Park herum. Die ersten beiden Kilometer werden auf einer fast vollständigen Runde im angrenzenden Wohngebiet gelaufen.

Boulevard Champlain am Ufer des St-Lorenz

„41“ steht da auf der Markierung am Straßenrand. Der Kurs ist seltsamerweise rückwärts ausgeschildert. Nun ganz so seltsam ist es nach kurzem Überlegen dann doch nicht. Denn alle Rennen werden auf der selben Strecke gelaufen. Die Halbmarathonis steigen bei 21,1 Kilometern ein, die Zehner bei 32,2. Würde man nun für alle jeden Kilometer markieren, käme es zu einem ziemlichen Schilderwald. So reicht eins für alle Distanzen. Allerdings kann man damit auch all seine auswendig gelernten Zwischenzeitentabellen vergessen und kommt ins Rechnen.

Immerhin zeigt man in Kanada Kilometer an und hält nicht wie in den Vereinigten Staaten krampfhaft an den alten Längenmaßen Meile, Yard, Fuß und Inch fest. Offiziell gibt es auf der Welt gerade noch drei Staaten, die nicht mit dem metrischen System arbeiten. Ironischerweise gehört ausgerechnet die Weltmacht USA dazu...

Kanada hat sich 1980 von den britischen Maßen verabschiedet, doch in den Köpfen der Älteren ist wie in anderen angelsächsisch geprägten Ländern ein Marathon noch immer 26,2 Meilen lang. Den Fernseh- und Radiokommentatoren, die über die Rennen in Peking und Québec berichten, rutscht diese Zahl jedenfalls gelegentlich durch. Doch der Marathon in London schildert seine Strecke ja auch dreißig Jahre nach dem Beginn der Umstellung in Großbritannien ebenfalls noch in Meilen aus. Je me souviens.

Kurz vor der Flagge mit der „40“ schwenkt man dann aber auf eine typisch amerikanische Straße ein. Breit, schnurgerade, mit Fast-Food-Läden, Tankstellen, Supermärkten und Parkplätzen. Eine Straße, wie man sie überall auf dem Kontinent finden könnte, wären da nicht die vielen blauen Fahnen mit dem Kreuz und den vier Lilien. Die Flagge Quebecs, die sich auf das Wappen der Könige aus dem Hause Bourbon bezieht, die in Frankreich noch herrschten, als das Land am Fleuve Saint-Laurent zuletzt von Paris aus regiert wurde.

Denn so wie die Kanadier Wert darauf legen, nicht für US-Amerikaner gehalten zu werden, sondern eine eigene Identität zu haben, so legen die Québécois – ein in der gleichen Provinz wohnender Anglo würde sich übrigens in Unterschied dazu als „Quebecer“ bezeichnen – Wert darauf, sich von den übrigen Kanadiern abzuheben. Das rote Ahornblatt sieht man jedenfalls deutlich seltener an den Masten flattern. Und wenn einmal beide Fahnen gehisst sind, ist auch nicht immer gesichert, dass es dann wirklich höher hängt.

Man sieht sich in Québec als eigene Nation unter dem Dach des kanadischen Staates. Seit 2006, als eine entsprechende Formulierung vom kanadischen Parlament abgesegnet wurde, hat man das sogar schriftlich.

Die Ville de Québec bezeichnet sich dann auch als „Capitale nationale“, als „nationale Hauptstadt“. Die Verwaltungsregion um die Stadt trägt ganz offiziell diesen Namen. Und noch immer gibt es starke separatistische Bestrebungen. Das letzte Referendum für eine völlige Unabhängigkeit Québecs scheiterte 1995 wirklich nur hauchdünn.

Es gibt zur allgemeinen Verwirrung sogar zwei unterschiedliche Arten von Nationalparks innerhalb der Provinzgrenzen. Da sind einmal die von der Bundesregierung Kanadas verwalteten. Und dann gibt es noch deutlich mehr, deren Management dem Umweltministerium von Québec unterliegt. Überall sonst im Land würde man sie „Provincial Park“ nennen, hier heißt es „Parc national“. Im Umkreis von wenigen hundert Kilometern um die Ville de Québec, also für kanadische Verhältnisse fast um die Ecke, findet sich insgesamt ein gutes halbes Dutzend von beiden. Fast direkt jenseits der Stadtgrenzen beginnt schon die Wildnis.

Boulevard Champlain am Ufer des St-Lorenz

Immer leicht bergab führt der Boulevard de la Rive-Sud fast vier Kilometer lang in Richtung Osten. Bliebe man auf dieser Straße würde man am Südufer dem gesamten Verlauf des Fleuve Saint-Laurent folgen, bis er sich fast eine Tagesreise entfernt am Ende der Gaspé-Halbinsel endgültig im Atlantik verliert. Doch das tut man nicht. Mit mehreren kurz aufeinander folgenden Schwenks landet man nämlich auf einem asphaltierten Radweg, dem man nun ebenfalls eine ganze Zeit lang durch Grünanlagen folgen wird.

Überraschend gut ausgebaut ist das Radwegenetz in der Provinz Québec, zumindest für nordamerikanische Verhältnisse. Nicht nur im Stadtbereich sondern auch bei der Fahrt über Land sieht man erstaunlich viele Radler. Keineswegs einzig und allein sportlich aktive Mountain-Biker oder Rennradfahrer. Auch einfache Sonntagsausflügler oder mit Satteltaschen voll bepackte Radwanderer sind unterwegs.

Sogar mehrere Fernradwege sind kreuz und quer durch Québec markiert. Fernradwege, die zwar hauptsächlich aber nicht ausschließlich auf öffentlichen Straßen verlaufen. Gelegentlich haben sie auch über längere Strecken ganz eigene Trassen. Jenes „Bienvenue cyclistes“, das man an den Rezeptionen von vielen Hotels lesen kann, zeigt jedenfalls eine Einstellung zum Rad, die man aus anderen Gegenden des Kontinents eher nicht kennt.

Das Fahrrad ist nicht nur Sportgerät sondern Gebrauchsgegenstand. Ein Fortbewegungs- und Transportmittel für viele Lebenslagen. Radständer finden sich an nahezu jedem öffentlichen Gebäude in aus Europa bekannten Anzahlen und Dimensionen. Und selbst vor Supermärkten konnte man doch sein Zweirad fast überall an einer dafür vorgesehenen Stelle anketten. Ein „Ich-gehe-einkaufen-Fahrrad.“ Je me souviens.

Vom Radweg aus, den sie erst kurz vor dem Ende des ersten Viertels der Distanz wieder verlassen, können die Marathonis auch ab und zu einmal einen Blick hinüber zur Île d’Orléans werfen. Die Insel, die wie ein gerade geöffneter Korken vor dem Engpass des Stromes liegt, ist – obwohl nur einen etwas weiteren Steinwurf von den Schwesterstädten entfernt – mit kleinen Dörfern und weiten Feldern schon eine ganz andere Welt. Und gäbe es da nicht die asphaltierten Straßen und die oberirdische Führung der Stromleitungen, könnte man sich problemlos ins neunzehnte Jahrhundert zurückversetzt fühlen.

Meile 25 und la dernière côte - letzte Steigung auf Boulevard Champlain

Es sind wieder Wohnstraßen, die den Läuferpulk nach dem Verlassen des Radweges aufnehmen. Kleine Nebensträßchen, deren Sperrung nicht das geringste Problem bereitet. Zumal viele ihrer Bewohner den Marathon auch direkt verfolgen. Von Zuschauermassen kann allerdings keineswegs die Rede sein. Außer jenen Anliegern, ein paar zufälligen Zaungästen später in der Innenstadt und dem üblichen Kreis aus Familienangehörigen, Trainingskameraden und Freunden hat sich eigentlich niemand an die Strecke verirrt.

Mehrere scharfe Ecken und erste kurze Gegenanstiege brechen nach längerem stetig leichtem Bergablaufen erstmals ein wenig den Rhythmus. Rund die Hälfte der Höhenmeter zwischen Startort und Fluss hat man inzwischen verloren. Der Rest kommt innerhalb des nächsten Kilometers dazu. Steil fällt die Straße hinunter zum Fähranleger, an dem man vorhin auf die Busse umgestiegen war.

Man ist nun wieder direkt am Sankt-Lorenz-Strom angekommen und wird ihn so schnell nicht wieder verlassen. Gegenüber erhebt sich das schon bekannte Panorama der Stadt Québec mit dem Château Frontenac und der davor gelegenen Terrasse Dufferin. Jener Promenade, die nach dem früheren Generalgouverneur von Kanada benannt wurde, der durch sein persönliches Eingreifen das Schleifen der Stadtmauern von Québec verhinderte. Damals gegen viele Widerstände. Heute dagegen ist man dem – trotz seines durchaus auch französisch aussprechbaren Namens – gebürtigen Iren dafür ziemlich dankbar.

Direkt daneben erhebt sich das eigentlich ziemlich wuchtige, neben dem noch wuchtigeren Hotel allerdings deutlich kleiner wirkende Postgebäude. Etwas unterhalb kann man den Turm und das kastenförmige Gebäude des Grand Séminaire de Québec entdecken, in dem früher Priester ausgebildet wurden und aus dem später die erste französischsprachige Universität Kanadas hervor ging.

Und dann sind da noch die beiden unterschiedlichen Türme der Kathedrale Notre-Dame de Québec. Von hier aus wurde einst eine der größten jemals existierenden Diözesen geführt. Sie dehnte sich über den halben Kontinent aus. Denn anfangs war man für das komplette von Kanada bis zur Mississippi-Mündung in Louisiana und zu den Rocky Mountains reichende Neufrankreich zuständig. Der Bau selbst stammt allerdings erst aus britischer Zeit.

Aus dem doch anfangs eher sanften Hügel auf der linken, der Landseite der Läufer, ist inzwischen längst eine teilweise regelrecht schroffe Wand geworden. Manchmal können sich wirklich nur noch ein paar einzelne Häuser auf dem schmalen ebenen Geländestreifen unterhalb des Felsens halten, den die Marathonis entlang kommen.

Und auch auf der anderen Seite des Flusses hat sich das Bild langsam verändert. Dort ist direkt oberhalb des steilen Hanges nun keine Stadtbebauung mehr zu erkennen. Eine Grünfläche zieht sich an der Abbruchkante entlang. Es ist der Parc des Champs-de-Bataille, der sich im Anschluss an die Stadtmauer mehrere Kilometer lang nach Westen erstreckt.

La dernière côte - letzte Steigung auf Boulevard Champlain

Ein Blick, der in jedem echten Québécois auch wieder Erinnerungen hervor ruft. Schmerzhafte Erinnerungen an einen Tag im September. Erinnerungen an das Ende aller Hoffnungen auf ein Neufrankreich. Erinnerungen an eine vernichtende Niederlage. Oui, je me souviens.

In mehreren Kriegen im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert rangen Frankreich und Großbritannien um die Herrschaft über Kanada. Der letzte, der entscheidende wurde zwischen 1754 und 1763 ausgefochten. Anfangs konnten sich in ihm die zahlenmäßig klar unterlegenen Franzosen dank ihrer an die nordamerikanischen Verhältnisse besser angepassten Taktik und der Hilfe indianischer Verbündeter gut behaupten. Im Englischen heißt dieser Krieg deshalb sogar „French and Indian War“.

Doch im Jahr 1759 trafen dann britische und französische Truppen auf den Plaines d'Abraham, den Abraham-Ebenen, aufeinander. Dort wo heute eben genau jener Park liegt, der das ihm den Namen verpassende Schlachtfeld unbebaut hält, auf dem wohl nicht nur das Schicksal der Stadt sondern vielleicht sogar des ganzen Kontinents entschieden wurde.

Völlig überraschend waren britischen Schiffe unter dem Kommando von James Wolfe vor den Toren von Quebéc aufgetaucht. Die auf so eine Situation total unvorbereiteten Franzosen hatten nämlich nicht erwartet, dass sich jemand ihrer trutzigen Festung so nähern könnte. Als viel zu abweisend galten die schwierigen Gewässer des Sankt-Lorenz-Stromes.

Zuerst auf der Île d’Orleans und später auch am gegenüberliegenden Ufer – dort wo eben das heutige Lévis liegt – begannen die Briten in Sichtweite der Stadt Position zu beziehen, ohne das die Besatzung der Stadt sich dagegen hätte wirklich wehren können. Langsam wurden die anfangs so festen Bastionen weich geschossen.

Und dann kam nach wochenlangem Schlagabtausch auf Distanz die zweite Situation, mit der die Franzosen überhaupt nicht gerechnet hatten. Denn plötzlich tauchten Rotröcke auch am – aufgrund seiner topografischen Verhältnisse als nahezu unüberwindbares Hindernis geltenden – Nordufer des Flusses auf.

Wolfe hatte seine Truppen übersetzen lassen und auf schmalen, kurvigen Bergpfaden direkt vor die inzwischen doch schon etwas löchrigen Mauern der Stadt geführt. Deren Befehlshaber Montcalm machte angesichts dieser überraschenden Wendung den entscheidenden Fehler seine gesicherte Stellung zu verlassen und den Briten ganz offen entgegen zu treten.

"EAU" steht für Wasser Letzte Verpflegungsstelle bei Kilometer 40 "EPO" für Schwämme ( französisch éponges)

Nahe ließen diese die auf sie zu gehenden französischen Reihen an sich heran kommen, ganz nahe. Erst als beide nur noch wenige Schritte voneinander entfernt waren, krachte die Salve aus den englischen Gewehren. Die auf die verdutzen Franzosen einprasselnden Kugeln rissen sofort riesige Lücken. Chaos und Verwirrung waren die Folge. Der Rückzug wurde regelrecht zur Flucht. Innerhalb von nur wenigen Minuten, mit einer einzigen grausamen Salve war praktisch alles entschieden.

Einige Tage später musste das nun von der Außenwelt abgeschnittene Québec dann endgültig kapitulieren. Eigentlich waren die Verluste auf beiden Seiten fast gleich hoch. Auch beide Kommandeure fanden sich übrigens unter den Opfern. Und dennoch gab es einen eindeutigen Verlierer. Denn die wichtigste Festung der Franzosen in der neuen Welt war gefallen.

Zwar waren da in der Folge noch einige Versuche von französischer Seite, das Blatt zumindest ein wenig zu wenden. Doch sie scheiterten meist recht schnell. Am Ende musste man sich ergebnis- und erfolglos zurück ziehen und die Vorherrschaft der Briten in Kanada anerkennen.

Von außen und nur für sich betrachtet war das Ganze verglichen mit anderen Gefechten kaum mehr als ein etwas ernsteres Scharmützel, doch seine Auswirkungen waren eben enorm. Es war nur ein einziger einschneidender Tag im September. Je me souviens.

Vielleicht läuft man in Québec ja auch deshalb Ende August und nicht im sicherlich läuferfreundlicheren Folgemonat. Wobei die durchschnittlichen Tageshöchsttemperaturen zu diesem Zeitpunkt normalerweise nur noch bei etwas über zwanzig Grad liegen sollen. Mittelwerte sagen allerdings nichts über statistische Ausreißer aus. Und dieser Sonntag gehört sicher dazu.

Der Durchschnitt ist schon längst überschritten, bevor die Marathonis auch nur bei der Halbzeitmarke angekommen sind. Noch bieten die Felsen öfter einmal Schatten und gelegentlich zieht auch einmal ein Wölkchen vorbei. Dennoch trieft so mancher bereits aus jeder nur auffindbaren Schweißdrüse was die Flüssigkeitsreserven her geben. Und kaum ein Kleidungsstück ist noch trocken. Manches schon völlig durchnässt.

Nun es ist natürlich für die meisten nicht der erste Sommerlauf. Das kennt man auch schon von anderen Gelegenheiten. Es gab schon andere Wettkämpfe, bei denen statt einer Hose nur noch ein in Wasser getauchter Fetzen Stoff an den Oberschenkeln klebte. Je me souviens.

Und vorgewarnt war man schließlich auch. Die Wettervorhersage ließ jedenfalls an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Wie sagte doch der Ausschreibungen verteilende Mitorganisator des Toronto-Marathons am Vortag so schön: „Be careful. It’s gonna be a hot one.“ Recht hatte er.

Zum Glück gibt es alle drei Kilometer Verpflegungsstellen. Anfangs nur mit Wasser und Elektrolytgetränken, später manchmal aber nicht immer dann auch mit Obst. Wo diese ihre Tische aufzubauen haben, ist bereits im Vorfeld ganz klar geregelt worden. Da haben die anscheinend nichts dem Zufall überlassenden Veranstalter wirklich an alles gedacht.

Boulevard Champlain vor Basse-Ville

Denn nicht nur die Positionen der jeweiligen Kilometer sind schon vorher auf dem Asphalt markiert. Für jede einzelne Station und für jedes einzelne Angebot sind Anfangs- und Endpunkte auf die Straße gesprüht. Mit Richtungspfeilen wie bei Halteverbotsschildern. Da steht dann zum Beispiel „EAU“ für „Wasser“ oder das gar keine Übersetzung benötigende „GEL“. Wirklich stutzig macht allerdings der Text „EPO“. Doch nein, hier werden keine Dopingmittel verteilt. Die Helfer halten den Läufern nur Schwämme – französisch eben „éponges“ – entgegen.

Nicht nur auf französisch bekommt man zugerufen, was es da an den Tischen gibt. Auch „Water“ lässt sich zum Beispiel aus dem Stimmengewirr heraus hören. Denn obwohl die französische Sprache natürlich dominiert, sind viele Québécois sehr wohl in der Lage, sich auf englisch mehr als nur über das Notwendigste hinaus zu verständigen. Fast die Hälfte von ihnen bezeichnet sich als zweisprachig.

Insbesondere diejenigen, die häufiger mit Touristen zu tun haben, wechseln meist problemlos zwischen den beiden Landessprachen hin und her. Doch wer es zuerst einmal auf französisch mit der Unterhaltung probiert, hat schon gewonnen. Alleine der Versuch wird mit freundlichem Entgegenkommen belohnt. Und falls der Gegenüber dann merkt, dass es mit der ausführlichen Kommunikation vielleicht doch nicht ganz so einfach wird, bekommt man meist sofort den Sprachwechsel angeboten.

Wer dagegen gleich auf englisch losplappert, erntet in der Regel missfällige Blicke. Die Arroganz vieler Anglos und insbesondere der US-Amerikaner, die einfach davon ausgehen, dass man sich mit ihnen überall in Englisch unterhalten könne, ist hier überhaupt nicht beliebt. Ihr Irrtum zu glauben, dass jeder sie unbedingt verstehen müsse, hinterlässt manchmal eher einen Scherbenhaufen. Ein wenig Einfühlungsvermögen in andere wäre da manchmal durchaus angebracht. Je me souviens.

Vor Maison Chevalier

Zur Ehrenrettung der englischsprachigen Kanadier muss allerdings gesagt werden, dass nach offiziellen Angaben auch von ihnen mehr als ein Zehntel halbwegs fließendes Französisch beherrscht. Natürlich hauptsächlich in den Gebieten mit gemischter Bevölkerung im Osten des Landes. Je weiter man nach Westen kommt umso geringer wird der Anteil. Doch nicht nur in Québec sondern überall im Land müssen Bewerber um Stellen beim kanadischen Staat belegen, dass sie beide Sprachen beherrschen.

Der Hang zur Perfektion, der sich in eigentlich allen Abläufen und nicht nur in der Versorgung der Läufer entdecken lässt, hängt wohl auch damit zusammen, dass der Marathon im August nicht die einzige Veranstaltung des Québecer Organisationsteams ist. Im Mai richtet man unter anderem auch noch den „Demi-Marathon de Québec“ aus. Ein Halbmarathon, dessen längste angebotene Distanz jedoch ein Lauf über dreißig Kilometer ist.

Und im Juni startet man einen Zehner, der die Teilnehmer direkt am nur wenige Kilometer von der Innenstadt entfernten Montmorency-Wasserfall vorbeiführt. Etliche hundert Teilnehmer lassen sich auch dazu anlocken. Doch die Chute Montmorency, die mit über 80 Meter zumindest in der Höhe sogar den Niagara-Fällen überlegen ist, zählt ohnehin zu den bevorzugten Ausflugszielen von Québécois und Touristen gleichermaßen. Was die dabei erzielten Zeiten angesichts eines Gefälles von 140 Metern wirklich wert sind, könnte sicher Anlass zu Diskussionen geben.

Auch beim zweiten reinen Zehner, den die Orga-Mannschaft von Québec anbietet, kann man über die Wertigkeit der Leistungen diskutieren. Allerdings genau aus dem anderen Blickwinkel heraus. Denn beim Défi des Escaliers müssen rund 2000 Treppenstufen bezwungen werden. Als zum großen Teil hoch über einem Fluss gelegene Stadt hat man davon natürlich etliche. Ja, ja, die Escaliers. Je me souviens.

Kilometerweit geht es nun hauptsächlich geradeaus oder in weiten Bogen direkt am Fleuve Saint-Laurent entlang. Doch wirklich langweilig wird es trotzdem nicht. Da ist mal ein kleiner Hafen für Segeljachten. Da ist auch mal ein kleiner Park. Und die Bebauung variiert zwischen alten Holzhäusern aus der Pionierzeit und neu gebauten Villen. In der Ferne können die Läufer zudem immer wieder einmal eine riesige Brücke anvisieren, die den Strom überspannt. Bis man die Pont de Québec wirklich erreicht haben wird, dauert es zwar noch zehn Kilometer. Doch dort muss man hinauf und hinüber.

Die Brücke über den Rivière Etchemin, zu der man gelangt, nachdem die Laufstrecke noch einmal ein Stück auf den Uferradweg eingeschwenkt hatte, ist nicht ganz so hoch. Aber ein wenig muss man schon wieder nach oben, um das Flüsschen, das sich hier über einige kleinere Kaskaden in den Sankt-Lorenz ergießt, zu überqueren. Trotz Nettogefälle gibt es da eben doch immer wieder kleinere Wellen, die den Marathonkurs am Ende nicht ganz so einfach machen, wie es die bloßen Zahlen vermuten lassen würden.

Vor Château Frontenac und Altstadtviertel Basse-Ville Vor Maison Chevalier Riskanter Job für Fotografen

Drüben auf der anderen Seite liegt Saint-Romuald, dessen altem Ortskern, in den die Läufer gleich nach dem Überschreiten des Etchemin wieder eingebogen sind, man irgendwie ansieht, das es früher eine eigenständige Gemeinde war und erst vor kurzem vom sich immer weiter ausdehnenden Lévis geschluckt wurde. Schnell ist man wieder unten am Strom angelangt. Doch nur noch selten läuft man auf der nun „Chemin du Fleuve“ heißenden Straße direkt an seinem Ufer. Meist verdeckt eine Häuserreihe die Sicht.

Rund um die Halbmarathonmarke allerdings nicht. Als die ersten Marathonis hier durchgehen ist der schnellsten Läufer der halb so langen Distanz schon längst auf der anderen Flussseite ins Ziel gelaufen. Josephat Ongeri heißt er und 1:07:54 hat er benötigt. Wie sein Name schon vermuten lässt, handelt es sich trotz seines mit „Milton, Ontario“ angegebenen Wohnortes um einen Kenianer, der auch über 42 Kilometer klar unter 2:20 laufen kann. Im Frühjahr war er zum Beispiel in Ottawa mit 2:16:44 siegreich und damit auch über die doppelte Strecke nicht wirklich langsamer als nun in Québec.

Bei der Frauensiegerin Josiane Aboungono, die nach 1:21:58 im Ziel ist, könnte man ähnliches vermuten. Doch sie stammt keineswegs aus Ostafrika sondern ist in Gabun geboren und auch schon seit einigen Jahren in Kanada beheimatet. Ingrid Cluzeau (1:23:57) und Amelie Fournier (1:31:46) auf Rang zwei und drei sind dagegen genau wie die bei den Männern gleich platzierten Christian Mercier (1:12:45) und Eric Agrinier (1:13:57) echte Québécois. Cluzeau und Mercier sind sogar echte Québécois de Québec.

Zumindest die Halbmarathonis laufen also tatsächlich den größten Teil ihres Rennens tatsächlich in der Ville de Québec. Beim Marathon ist es dagegen nur ein gutes Drittel. Was gerade jedoch ziemlich seltsam erscheint, denn die Pont de Québec ist inzwischen doch schon zum Greifen nah. Nicht weit von der Marke mit der „19“ kann man sie sich vom kleinen Park mit ebenso kleinem Bootshafen an der Mündung des Rivière Chaudière noch einmal ganz genau betrachten.

Vor Altstadtviertel Basse-Ville (mit Postgebäude im Hintergrund) Vor Château Frontenac und ... ... Altstadtviertel Basse-Ville

Und dann geht es nach oben. Ziemlich ruppig sogar. Das musste ja irgendwann so kommen. Eine Brücke, unter der Hochseeschiffe hindurch fahren können, hat schließlich eine gewisse Höhe. Dass man diese allerdings auf einem einzigen Kilometer gewinnen muss, bringt den von den Temperaturen ohnehin schon aufgeheizten Körper noch mehr ins Schwitzen. Das also ist die Steigung, vor der die freundlichen Helfer an den Informationsständen auf der Marathonmesse und im Startbereich jeden gewarnt hatten. Für einen Moment sogar fast schon alpin. Je me souviens.

Bald nachdem man der Brücke in einer Spitzkehre den Rücken zugedreht hat, wird es allerdings schon wieder flacher. Und wenig später, die letzten Häuser von Saint-Romuald sind einem Gewerbegebiet gewichen, steuern die Marathonis die schon 1919 fertig gestellte Pont de Québec auf völlig ebener Straße an. Die Brücke kommt trotz ihrer Durchlasshöhe ohne jede Rampe aus, denn sie verbindet zwei mehr als fünfzig Meter über dem Strom gelegene Plateaus miteinander.

In die südliche dieser Hochflächen hat der Rivière Chaudière jene Schlucht gefräst, neben der man gerade nach oben geklettert ist. Nun kann man sie von oben betrachten, denn die Straße muss erst einmal über den „Heizkesselfluss“, der seinen Namen von seinem nur wenige Kilometer entfernten fast vierzig Meter hohen Wasserfall hat, hinweg, bevor sie den großen Strom in Angriff nehmen kann.

Was man von unten nur erkennen konnte, wenn man genau hin sah, wird wesentlich deutlicher, als man die Markierung mit der „15“ passiert. Eigentlich handelt es sich nämlich nicht um eine sondern um zwei Brücken, die an dieser Engstelle hinüber nach Québec führen. Neben – und aus der Richtung, aus der man auf sie zugelaufen ist, hinter – dem alten Stahlbogengerüst ist nämlich für die parallel geleitete Autobahn auch noch die neue Pont Pierre-Laporte errichtet.

Der Marathonkurs benutzt jedoch nicht die moderne Hängebrücke sondern steuert zielstrebig auf die grün gestrichenen Träger der ursprünglich als reiner Eisenbahnübergang geplanten Pont de Québec zu. Ein Gleis verläuft hier immer noch. Der Eigentümer ist auch immer noch die Canadian National Railway. Doch der größte Teil der Brücke, die während der insgesamt fünfzehn Jahre dauernden Bauzeit gleich zweimal einstürzte, ist inzwischen asphaltiert.

Und einen ganzen Kilometer lang laufen die Marathonis über diesen Asphalt auf die andere Seite. Sicher die am meisten beeindruckende Passage des Kurses. Nicht zu unrecht ziert diese gigantische Brücke, auf der man sich auf einmal unglaublich winzig vorkommt, das Logo der Veranstaltung. Ziemlich genau 14 Kilometer liegen jetzt noch vor den Läuferinnen und Läufern. Womit man immerhin die Frage stellen darf, ob dieser Marathon überhaupt ein „Q“ oder nicht doch eher ein „L“ für die Sammlung liefert.

Vor Château Frontenac und ... ... Altstadtviertel Basse-Ville Letzter Kilometer

Und das letzte Drittel beginnt mit einem echten Spaghettiknoten, wie man ihn in den Straßenführungen Nordamerikas zuhauf finden kann. Rechts die Ausfahrt raus, im Dreiviertelkreis über die eben noch durchlaufene Brückenauffahrt und die Eisenbahn hinweg, mit dem nächsten Schlenker unter der Autobahn hindurch. Und dann im freien Fall hinunter zum Fluss, um dort die beiden Brücken gleich noch einmal zu unterqueren. Nach über zwei Kilometern ist man fast wieder am Ausgangspunkt angekommen, halt nur ein ganzes Stück weiter unten.

Den Rest der Strecke wird man nun wieder mehr oder weniger direkt am Wasser zurück legen. Allerdings ist das jetzt die Nordseite des Flusses. Und während am anderen Ufer ab und zu der steile Hang noch etwas Schatten bot, liegt diese eben direkt in der Sonne. Selbst Bäume, die ein bisschen von der Einstrahlung wegnehmen könnten sind auf dem breiten Boulevard Champlain eine Seltenheit.

Die für den Nachmittag angekündigten Wolken lassen ebenfalls auf sich warten. Erst am Abend wird es zu regnen anfangen, auch wenn so mancher Marathoni diese Tropfen wohl ehrlich herbei sehnen dürfte. Das Quecksilber nähert sich schließlich schon fast den dreißig Grad. Im Schatten – und dieser ist nun bis ins Ziel eigentlich nicht mehr vorhanden. An windgeschützten Stellen läuft man in regelrechte Hitzelöcher hinein. Und wo ein leichtes Lüftchen geht, kommt es meist von hinten und trägt damit auch nicht wirklich zur Kühlung bei.

Es ist schon interessant in der Ergebnisliste zu sehen, dass nahezu alle Marathonläufer für die letzten zehn Kilometer fast genauso lange – oder sogar noch länger brauchen – wie für die auch noch den Anstieg zur Brücke enthaltenden 11,1 Kilometer von der Halbmarathonmarke bis zum Startpunkt des kürzesten Rennens des Tages, das der aus Algerien stammenden Baghdad Rachem mit 30:57 gewinnt. Bei den Damen ist hier die schon als Gesamtachte einlaufende Karine Lefebvre in 37:40 erfolgreich.

Doch selbst wenn der ebenfalls im kenianischen Hochland aufgewachsene Michael Njordge auf dem Schlussstück nur etwas über eine Minute weniger braucht als zuvor für 1100 Meter mehr, schrammt er nur knapp am Streckenrekord vorbei. Angesichts der äußeren Bedingungen durchaus überzeugende 2:23:46 stehen für ihn am Ende zu Buche.

Der im Vorjahr erfolgreiche Amor Dehbi, der bei Halbzeit nicht einmal eine Minute zurück lag, bricht ganz anders ein und verliert noch sieben weitere Minuten bis ins Ziel, wo man ihn nach 2:31:42 registriert. Noch ein Jahr zuvor stand der diesmalige Dritte Fethi Oukid (2:32:56) auf dem Treppchen ganz oben. Nun lässt er auf der zweiten Hälfte sogar noch etwas mehr Zeit liegen als seine beiden Konkurrenten.

Deutlich schwächer sind die Zeiten bei den Frauen, wo Suzanne Munger 3:10:07 genügen, um erfolgreich zu sein. Selbst wenn die Siegerin im Gegensatz zu den Herren nicht wirklich einbricht, vollbringt die Zweite Valerie St-Martin mit zwei wirklich nahezu fast gleichen Hälften ein noch größeres Kunststück. 3:12:04 zeigt die Uhr für sie im Ziel, 1:35:34 waren es bei Halbzeit. Da lag die am Ende in 3:20:02 als Dritte einlaufende Rachel Paquette noch mehr als zwei Minuten vor ihr.

Ozeanriese im Hafen Knapp 1km vor Ziel in Rue Dalhousie Vor Musée de la civilisation

Wirklich schön ist dieser Teil der Strecke eigentlich nicht mehr zu laufen. Spätestens nachdem sich die Straße einige Kilometer vor dem Ziel immer öfter auch einmal ein Stück vom Ufer entfernt, um Platz für Industrieanlagen zu machen. Das ausgerechnet in dieser Phase dann auch noch mehrfach kleinere Anstiege den ohnehin nur noch schwer zu haltenden Rhythmus brechen, macht die Sache nur noch schwerer. Da können sich fünf Höhenmeter schon zu einer kaum zu bezwingenden Wand auswachsen.

Erst zwei Kilometer vor dem Ziel kommt man noch einmal direkt an den Strom heran, zwischen dem und der dahinter aufragenden Felswand kaum noch fünfzig Meter bleiben. Gerade erst ist man an einer Verpflegungsstelle, an der es wieder einmal éponges gab, vorbei gekommen. Und dennoch wird die Privatdusche, die ein Anwohner mit einem Wasserschlauch liefert, mehr als dankend entgegen genommen. Egal wie nass, Hauptsache Abkühlung.

Unsichtbar hoch über den Läufern liegt die Zitadelle von Québec. „La Citadelle“, die trotz ihres auch im Englischen verwendeten französischen Namens in ihrer jetzigen Form von den Briten erbaut wurde. Der Ausbau und die Verstärkung der ursprünglichen Befestigung war eine Folge des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, in dem die Stadt kaum zwanzig Jahre nach dem Fall der französischen Festung von der heran marschierenden aufständischen Kontinentalarmee bedroht wurde.

Zwar konnte das Vorrücken der zukünftigen US-Amerikaner rechtzeitig gestoppt werden. Doch im Britisch-Amerikanischer Krieg zwischen 1812 und 1814 war das Tal des Sankt-Lorenz-Stromes und die es beherrschende Stadt natürlich wieder ein lohnendes Ziel für die Truppen aus dem Süden. Gerade beim Einmarsch nach Québec, das damals als Niederkanada bezeichnet wurde, rechnete man eigentlich mit wenig Widerstand.

Doch weit gefehlt. Denn ausgerechnet die aus französisch sprechenden Freiwilligen bestehenden Verbände erwiesen sich als zähe Gegner. Jene „Voltigeurs Canadiens“ standen trotz der Niederlage ihrer Vorväter ein halbes Jahrhundert zuvor absolut treu und ergeben zur englischen Krone, kämpften mit all ihrem Mut, mit all ihrer Kraft für ein britisches Kanada. Sie und ihre Führer vertrauten gegebenen Worten, glaubten an gemachte Zusagen.

Insbesondere Charles-Michel de Salaberry, der die Einheit gegründet hatte, gelang es in mehreren Gefechten die zum Teil vielfach überlegenen gegnerischen Truppen aufzuhalten und zurückzuwerfen. Eine zu diesem Zeitpunkt sicher wertvolle Hilfe für die angeschlagenen Briten. Doch an Salaberry erinnert man sich hauptsächlich in Québec. Im Rest von Kanada kennt man ihn kaum noch.

Wirklich gedankt wurden ihm all seine Mühen nämlich nicht. Andere, oft gar nicht anwesende Offiziere erhielten hingegen für seine Erfolge Lob und Beförderungen. Selbst die versprochene Bezahlung seiner Freiwilligen irgendwie doch noch zu erreichen, kostete Salaberry am Ende dann viel Kraft.

Ca. 500 Meter vor Ziel auf Quai St-André Altes Feuerwehrgebäude Ca. 500 Meter vor Ziel auf Quai St-André

Undank ist der Welt Lohn. Weitere Verletzungen und Nackenschläge für die Frankokanadier. Weitere Mosaiksteine, die bei ihnen langsam das Bild vom ewigen Verlierer der kanadischen Gesellschaft ergaben. Nur gut genug, wenn man sie brauchte. Ansonsten für die Briten jedoch keinerlei Beachtung wert. Benutzt, fallengelassen und wieder vergessen. Am Ende einzig und allein eine Enttäuschung. Non, je me souviens.

An der Zitadelle wurde auch danach noch lange weiter gewerkelt. Erst Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hatte sie ihre heutigen Ausmaße erreicht. Militärisch wirklich benötigt wurde sie allerdings nie wieder. Seit fast zweihundert Jahren ist weder Québec noch Kanada mehr von ausländischen Truppen direkt bedroht worden.

Doch auch weiterhin ist eine Garnison dort stationiert. Das Royal 22e Régiment, eine frankokanadische Einheit, bei deren regelmäßigen öffentlichen Wachwechseln Rotröcke unter Bärenfellmützen ungewöhnlicherweise zu französischen Befehlen paradieren. Sie ist so etwas wie das Hausregiment von Québec. Ihr Vorbeimarsch war dann auch Höhepunkt und Abschluss des Umzuges am Vortag.

„La dernière côte“ ruft einer der wenigen Zuschauer, als es noch einmal ein paar Meter bergan geht. Viel kann ja auch nicht mehr kommen, es ist nur noch ein guter Kilometer bis ins Ziel. Und auf diesem Stück muss man all das Sightseeing erledigen, für das die Strecke bisher keine Möglichkeit bot. Die Oberstadt bleibt den Läufern allerdings vollkommen vorenthalten. Die Ansicht des inzwischen links hoch oben zu erkennenden Château Frontenac muss genügen.

Doch es gibt ja auch noch die Basse-Ville, die Unterstadt, in der früher die ärmeren Teile der Bevölkerung ihre Bleibe fanden. Wirklich durchlaufen wird sie allerdings auch nicht. Weder wird das kopfsteingepflasterte, von kleinen Läden gesäumte Gässchen der Rue du Petit Champlain angesteuert noch der Place Royale mit der Kirche Notre Dame des Victoires. Beides Orte, von denen man sich dort drängelnde Touristen wohl nicht abhalten will.

Immerhin kann man aber durchaus einen Blick auf die sich in dem wenigen Raum, den Strom und Felsen ihnen lassen, zusammen quetschenden Feldsteinhäuser werfen. Mit der ersten Bauverordnung der neuen Welt wurde nach einem Großbrand schon im siebzehnten Jahrhundert festgelegt, dass hier nur noch gemauerte Gebäude errichtet werden durften. An einem der prächtigsten von ihnen, dem zum Museum umgestalteten Maison Chévalier hat man nach einem abrupten Rechtsschwenk das Château Frontenac im Rücken.

Wie steil die Kante an dieser Stelle ist, verdeutlicht der Name „Escalier Casse-Cou“ – „Genickbruchtreppe“ - für die Ober- und Unterstadt verbindenden Stufen. Und die daneben nach oben führende Standseilbahn, die Funiculaire du Vieux-Québec klammert sich zusätzlich noch in eine Zahnstange. Städte auf Felsen über dem Fluss haben nämlich meist nicht nur Treppen sondern auch einen Lift. Je me souviens.

Ca. 500 Meter vor Ziel auf Quai St-André

Selbstverständlich haben sich genau hier die Fotografen des Bilderdienstes aufgebaut, um jene spektakulären Aufnahmen zu schießen, die sie später an die Teilnehmer verkaufen wollen. Nur ist es nichts mit gemütlichem Sitzen auf dem Stühlchen. Um Läufer und Hotel vernünftig auf das gleiche Bild zu bekommen, muss man sich schon auf den Boden legen. Glücklicherweise kommen die Marathonis nur noch vereinzelt oder in ganz kleinen Gruppen und nicht im Riesenpulk an, sonst wäre das ein verdammt gefährlicher Job.

Drüben auf der anderen Seite hat ein Kreuzfahrtschiff am Kai angelegt. Wirtschaftlich hat der Hafen von Québec seine Bedeutung längst verloren. Einst war man das wichtigste Einfallstor nach Kanada und einer der größten Warenumschlagsplätze weltweit. Doch die Frachter fahren inzwischen in der Regel nach Montréal weiter, um dort ihre Ladung zu löschen. Und für Québec bleibt der regelmäßige Besuch von Passagierschiffen.

An der großen Freitreppe, die über den Neubau des Musée de la civilisation hinweg führt, ist die geschlossene Altstadt irgendwie optisch schon zu Ende. Denn von nun an bestimmt ein bunter Mix aus einzelnen älteren Gebäuden unterschiedlichster Epochen und Bauten jüngeren Datums das Bild. Glitzernde Bürohäuser stehen hier auf Grund und Boden, den man im früheren Hafengelände aufgeschüttet hat. „Buildings“ nennt das der Anglo, „immeubles“ sagt der Québecois dazu. Na klar, Immobilien. Je me souviens.

Noch ein letzter Linksschwenk an der alten Hafenverwaltung und man ist auf die Zielgerade eingebogen. Inzwischen hat man die Oberstadt zur Hälfte umrundet und läuft eigentlich auf der dem Land zugewandten Seite des Felsens. Durch das Hafenbecken hat man aber noch immer Wasser auf der rechten Seite.

Es ist vermutlich gar nicht beabsichtigt, doch der Torbogen, den man am Ende der Gerade erkennt, ist eine letzte kleine Gemeinheit für die Marathonis. Denn erst wer kurz davor angekommen ist, merkt, dass es sich dabei noch gar nicht um das Ziel handelt und man eigentlich noch ein Stück zu laufen hat. Ein kleiner Knick in der Straße behindert die Sicht auf das richtige Ziel, vor dem auf den letzten Metern sogar ein roter Teppich ausgerollt ist.

Auf letzten Metern 4:00 "Pace-Rabbit" mit Hasenohren Zieleinlauf auf roten Teppich

Eigentlich gar nicht nötig. Genauso wenig wie die Blinklichter, die in die klobige Medaille eingelassen sind, und auf Knopfdruck im Q von „Québec“ und den beiden Nullen von „400“ anfangen zu flackern. Na ja, wem’s gefällt. Noch eine ganze Zeit lang herrscht im hinter der Ziellinie liegenden kleinen Park, in dem die Versorgung und die Siegerehrung abgewickelt werden, heftiges Gewimmel. Doch wer am frühen Abend noch einmal vorbei kommt, sieht praktisch nichts mehr von der Veranstaltung, die noch wenige Stunden zuvor hier stattgefunden hat.

Und wären da nicht etliche Läuferinnen und Läufer mit ihren Medaillen um den Hals in der Altstadt unterwegs, würde man nicht glauben, dass es hier gerade einen Marathon gab. Nein, dieser Lauf hält die Stadt sicher nicht wirklich in Atem. Aber er ist zumindest geduldet und akzeptiert. Und Fehler in der Organisation muss man schon mit der Lupe suchen. Alleine wegen des Marathons lohnt es sich sicher nicht, nach Québec zu kommen. Dafür ist er weder groß noch spektakulär genug.

Doch es gibt ja noch weitere Gründe. Kanadier finden hier zum Beispiel viel von der Geschichte, die ihr Land sehr wohl hat, obwohl sie an deren Existenz vielleicht zweifeln. Franzosen können hier einen Teil der neuen Welt entdecken, in dem man trotzdem ihre Sprache versteht. Für US-Amerikaner ergibt sich die Möglichkeit ein Ausland – ein fremdsprachiges sogar – zu besuchen und ein bisschen von Europa kennen zu lernen, ohne gleich einen Ozean überqueren oder einen allzu großen Kulturschock erleiden zu müssen.

Und für Deutsche? Nun, mit der Ville de Québec wartet vermutlich eine der schönsten und interessantsten Städte Nordamerikas auf sie. Die einzige mit Stadtmauer ist es ja sowieso. Auch landschaftlich hat die Gegend am Fleuve Saint-Laurent viel zu bieten. Ach, und dann wäre da ja auch noch das „Q“. Je me souviens.

Bericht und Fotos von Ralf Klink

Infos und Ergebnisse unter www.marathonquebec.com

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