10. Porto Marathon - Portugal (3.11.13)

Mehr als Fußball und Portwein

von Ralf Klink

Gerne wird dieses Land hierzulande am Rande liegen gelassen. Und große Kenntnisse darüber haben wirklich nur die wenigsten. Den meisten dürfte nicht einmal klar sein, dass es noch vor einigen Jahrhunderten zu den bedeutendsten Weltmächten seiner Zeit gezählt wurde. Und dass seine Sprache nach Englisch und Spanisch aber noch vor Russisch, Deutsch oder Französisch die weltweit am häufigsten benutzte europäische Sprache ist, ahnt wohl ebenfalls kaum jemand.

Doch liegt Portugal eben auch tatsächlich am äußersten Rande des europäischen Festlandes, ganz im Südwesten des Kontinents. Gut abgeschirmt vom großen Nachbarn Spanien, mit dem man eine ähnliche und manchmal sogar dieselbe Geschichte teilt, und weit weg von Mitteleuropa wurde es zuletzt eigentlich nur dann wahrgenommen, wenn eine neue Meldung über seine schlechte wirtschaftliche Situation durch die Medien ging.

Nicht nur deswegen ist Lissabon - im portugiesischen Original "Lisboa" - als Hauptstadt durchaus noch ein Begriff. Mit Porto als immerhin zweitgrößter und zweitwichtigster Stadt des Landes tut man sich dann schon wesentlich schwerer. Doch spätestens danach ist ohnehin endgültig Schluss. Bei Namen wie "Braga" oder "Coimbra" folgt in der Regel nur noch ein verständnisloses Schulterzucken.

Selbst im unangenehmen Regenwetter, das am Vortag des Marathons herrscht, bietet Porto etliche interessante Perspektiven
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Aber auch mit Porto verbindet man außer den Kickern des FC Porto vielleicht höchstens noch den in der Stadt hergestellten Portwein. Schließlich ist dieser "Vinho do Porto" sogar nach ihr benannt. Doch hat sie eben auch dem ganzen Land seinen Namen gegeben. Denn schon zu Zeiten des römischen Reiches vor mehr als zweitausend Jahren, gab es an dieser Stelle eine Hafensiedlung namens "Portus Cale".

Während sich der Begriff in alten Dokumenten eindeutig belegen lässt, ist man sich jedoch unter Historikern und Linguisten über seine Herkunft nicht ganz so einig. Die einen führen ihn auf das keltische Volk der "Gallaeker" zurück, die im Nordwesten der iberischen Halbinsel lebten und sich auch in der Bezeichnung für die angrenzende spanische Region "Galicien" wieder findet. Andere glauben darin das lateinische Adjektiv "calidus", das mit "warm" oder "heiß" übersetzt werden kann, zu erkennen.

Die den Einwohnern der Stadt, den "Portuenses" selbstverständlich liebste Ursprungshypothese ist aber das aus dem Griechischen stammende Wort "kallis", bei dem man von einer- allerdings nicht allzu wahrscheinlichen - hellenischen Gründung ausgeht. Denn dieses würde nichts anderes als "schön" bedeuten. Doch ganz egal, ob "schöner" oder "warmer Hafen" oder auch weit nüchterner nur "Hafen der Gallaeker" gemeint ist, durch eine im Laufe der Jahrhunderte leicht veränderte Aussprache entstand daraus das heutige Wort "Portugal".

Die auf einer Hügelkuppe sitzende Kathedrale mit dem benachbarten Bischofspalast (links) und der "Ponte Dom Luis" (rechts) sind zwei der Hauptanlaufpunkte für Touristen

Anfangs wurde er nur für die Stadt selbst, später auch für ihr Hinterland benutzt. Und als die Region nach der maurischen Eroberung der iberischen Halbinsel im siebten Jahrhundert im Zuge der - vom unbesetzten Nordwesten ausgehenden - christlichen Reconquista bereits relativ früh zurück gewonnen werden konnte entstand dort die "Grafschaft Portugal" als Bestandteil des Königreiches León, aus dem später das Königreich Kastilien und schließlich das Königreich Spanien werden sollte.

Heinrich von Burgund, dem die Grafschaft aufgrund seiner militärischen Verdienste im Kampf gegen die Mauren als Lehen übergeben worden war, machte sie allerdings Anfang des zwölften Jahrhunderts zunehmend unabhängiger von León. Und sein Sohn Alfons ernannte sich im Jahr 1139 zum "König von Portugal" und erweiterte sein zuvor nur auf den Norden beschränktes Reich über Lissabon hinaus bis fast zur Algarve.

Nachdem schon sein ehemaliger Lehensherr wegen der eigenen militärischen Unterlegenheit diese Loslösung akzeptieren musste, erkannte einige Jahrzehnte später auch der Papst - allerdings wohlgemerkt nicht ohne sich die Zahlung eines ziemlich hohen Geldbetrages - Portugal als eigenständiges Königreich an. Die damals festgelegten Grenzen im Osten sind fast ausnahmslos immer noch gültig.

Und nachdem auch der äußerste Süden des Landes durch Alfonsos Urenkel Sancho II und seinen Ururenkel Alfons III zurückerobert worden, war, hatte Portugal bereits Mitte des dreizehnten Jahrhunderts früher als jedes anderes bestehende europäische Land seine heutigen Ausmaße erreicht. Auch eine rund achtzig Jahre andauernde Personalunion mit Spanien im siebzehnten Jahrhundert konnte dem nichts mehr anhaben.

Die komplette Altstadt von Porto ist von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden

Dass anfangs Coimbra und später dann Lissabon zur Hauptstadt des neuen Königreiches wurde, schmerzt die Bewohner von Porto, das irgendwann seinen Namenszusatz verloren hatte und damit nur noch unter "Hafen" firmierte, zumindest unterschwellig bis heute.

Und zwischen den beiden größten Metropolen besteht wie meist in solchen Fällen eine erhebliche Rivalität. "In Porto wird das Geld verdient, in Lissabon wird es ausgegeben", heißt es im Selbstverständnis der Portuenser.

Während in der Hauptstadt über zwei Millionen Menschen leben, haben im anderen großen Ballungszentrum Porto immerhin rund fünfzehn Prozent der zehn Millionen Einwohner Portugals ihre Heimat. Und da sich auch nahezu alle großen Wirtschafts- und Industrieunternehmen in diesen beiden Großräumen konzentrieren und dort damit - vielleicht einmal abgesehen vom Tourismus - auch die meisten Arbeitsplätze zu finden sind, nimmt der Grad der Verstädterung sogar eher noch zu.

Selbst wenn Lissabon bei Städtereisen nicht in den absoluten Spitzenplätzen der europäischen Rangliste steht, kann die Hauptstadt in diesem Bereich durchaus punkten. Neben der hauptsächlich für Badeurlaube angesteuerten Algarve ist sie jedenfalls eindeutig das beliebteste Ziel ausländischer Gäste. Porto fällt dagegen doch erheblich ab. Zumindest lässt sich aber eine stetig ansteigende Tendenz in den Besucherzahlen erkennen.

Auf bis zu hundert Meter hohen und zum Teil ziemlich steilen Hügeln erhebt sich das Zentrum der Stadt über den Rio Douro

Spätestens seitdem die Stadt im Jahr 2001 europäische Kulturhauptstadt war, ist sie auch nicht mehr allzu schwer zu erreichen. Denn der relativ neue, mit seiner mehrere Stockwerke hohen Eingangshalle allerdings doch etwas überdimensioniert wirkende Flughafen, wird nicht nur aus dem deutschsprachigen Raum etliche Male am Tag angeflogen, auch in viele andere europäische Metropolen sowie einige Ziele in Nord- und Südamerika gibt es Direktverbindungen.

Sein Kürzel "OPO" hat er übrigens vom Artikel "o", der im Portugiesischen dem Namen der Stadt ziemlich oft voran gestellt wird. "O Porto" - also "der Hafen" - ist im Land deswegen eine durchaus gängige Bezeichnung. Diese wurde international übernommen und dabei - wohl auch aufgrund der nicht wirklich verstandenen sprachlichen Strukturen - zu "Oporto" zusammen gezogen. Während man im Deutschen, wo man sie lange ebenfalls benutzte, inzwischen fast nur noch von "Porto" spricht, ist im Spanischen zum Beispiel auch weiterhin "Oporto" normal.

Im Englischen ist man sich in dieser Hinsicht längst nicht so einig. Beiden Varianten kann man dort noch begegnen. So fliegen die Fluggesellschaften British Airways und EasyJet von London längst nach "Porto". Auf der Internetseite der UNESCO ist jedoch nachzulesen, dass auf der Weltwerbeliste das "Historic Centre of Oporto" eingetragen sei, während dort auf Französisch das "Centre historique de Porto" notiert ist.

Dieser erstreckt sich über fast hundert Meter hohe und oft ziemlich steile Hügel, die zu beiden Seiten des Douro aufragen, der sich wenige Kilometer westlich in den Atlantik ergießt. Der Douro ist zwar nicht der längste Fluss der Iberischen Halbinsel. Da können der ins Mittelmeer fließende Ebro und insbesondere der bei Lissabon mündende Tejo - im Oberlauf auf spanischem Boden "Tajo" genannt - noch etwas mehr bieten. Doch kein anderer Strom jenseits der Pyrenäen hat ein größeres Einzugsgebiet.

Das Zentrum zeichnet sich weniger durch unverwechselbare Bauten - obwohl es natürlich eine ganze Reihe sehenswerte Kirchen und öffentliche Gebäude gibt - als durch die weitgehend komplett erhaltene Altstadt. In den engen, winkligen, oft stark ansteigenden Gassen und Treppen mit ihrer dichten, hohen Bebauung kann man durchaus schon einmal etwas die Orientierung verlieren. Doch dafür öffnen sich auch immer wieder einmal überraschende Ausblicke über Stadt und Fluss.

Mit der ebenfalls neu erbauten "Metro do Porto" ist man vom Flughafen innerhalb von kaum einer halben Stunde mitten im Zentrum. Auch wenn es die Namensgleichheit mit anderen Nahverkehrssystemen zum Beispiel in Paris, Madrid oder Moskau vermuten lässt, handelt es sich keineswegs um eine reinrassige U-Bahn. Nur wenig mehr als zehn Prozent des siebzig Kilometer langen Netzes befinden sich unter der Erde. Andere Abschnitte sind straßenbahnähnlich ausgebaut. Und größere Teile verlaufen ebenerdig, aber auf eigener Trasse in die Vororte.

Auch wenn sie in den Außenbezirken zu verschiedenen Endstationen auffädeln, nutzen vier der Linien dabei im Stadtkern gemeinsame Gleise, die an der eigentlichen Altstadt eher vorbei führen. Nur eine einzige Strecke verläuft quer dazu und kommt dem "centro histórico" dabei deutlich näher. Doch längst nicht alle touristisch interessanten Stellen liegen direkt neben einer Stadtbahnstation. So ist Porto eine Stadt, durch die man sich eher zu Fuß treiben lassen muss als Punkte auf einer Sehenswürdigkeiten-Liste abzuhaken.

Von etlichen verschiedenen Aussichtspunkten öffnen sich immer wieder andere Blicke über die Stadt

Ein ganz kleinen Anteil am gestiegenen Interesse hat sicher auch der jedes Jahr Anfang November ausgetragene Porto Marathon, der seit seiner Erstauflage im Jahre 2004 zunehmend internationale Läufer anzieht. Denn immerhin kommt etwa ein Drittel der knapp dreitausend Teilnehmer bei der Jubiläumsauflage von jenseits der portugiesischen Grenzen. Während weiter im Norden schon langsam der Winter mit Dunkelheit, Nässe und Kälte Einzug hält, herrschen in Portugal und eben auch in Porto schließlich noch mehr als akzeptable Temperaturen.

Selbst die Tiefstwerte sinken um diese Zeit nämlich eher selten in den einstelligen Bereich ab, das statistische Tagesmittel liegt sogar noch einige Grad darüber. Ohnehin gibt es im gesamten Winterhalbjahr nur in seltenen Ausnahmefällen überhaupt einmal Frost, dafür aber tendenziell meist eher frühlingshafte Temperaturen. Und an sonnigen Tagen kann das Thermometer im November auch durchaus noch einmal über die Zwanzig-Grad-Marke hinaus klettern.

Doch genau in diesem "sonnig" liegt ein gewisser Knackpunkt. Denn das Klima in Porto ist zwar durchaus noch beinahe subtropisch, durch seine Lage am Atlantik aber eben auch maritim und damit relativ niederschlagsreich. Die über das Jahr addierten Werte erreichen dabei oft irisch-britisches Niveau. Und gerade die Wintermonate fallen dabei besonders feucht aus. Immerhin an mehr als einem Drittel aller Tage muss man in Porto mit Regen rechnen.

Auch das Marathonwochenende präsentiert sich anfangs eher ungemütlich. Einem schon recht verregneten und windigen Freitag folgt ein Samstag, der sich auch nicht unbedingt freundlicher präsentiert. Die Läufer, die sich an diesen beiden Tagen ihre Unterlagen im "Centro de Congressos e Exposições da Alfândega" abholen sind deswegen auch nahezu alle mit Schirmen und Regenjacken ausgestattet.

Das frühere Zollgebäude direkt am Douro-Ufer ist, wie der Name schon sagt, inzwischen zu einem Kongress- und Ausstellungszentrum umgebaut. Und neben Marathonmesse und Startnummernausgabe des Porto-Marathons im linken Trakt findet auf der anderen Seite des Gebäudes auch noch eine medizinische Konferenz statt. Immerhin ist der Weg ausgeschildert und so besteht keine Gefahr, mitten in einen Vortrag über Thrombose zu landen.

Wenn man nach dem Passieren eines langen Ganges und eines Innenhofes an der Halle angekommen ist, übernehmen dann sogar farbige Linien auf dem Boden die Führung. Je nach Distanz leiten sie zu einem anderen Ausgabeschalter. Denn neben dem Marathon gibt es auch noch das - auch in der portugiesischen Originalversion so bezeichnete - "Family Race" über die recht ungewöhnliche Distanz von sechszehn Kilometern sowie einen sechs Kilometer langen "Minimarathon". Lange suchen, wo er sich denn anzustellen hat, muss also niemand.

Azulejos, wie man bemalte Wandkacheln auf der iberischen Halbinsel nennt, lassen sich im Stadtbild an fast jeder Ecke entdecken

Hat man sich dann allerdings erst einmal in die richtige Wartereihe eingeordnet, geht es anschließend doch eher zögerlich voran. Mehr als jeweils drei bis vier Zweierteams pro Strecke können zur Ausgabe der Startnummern schließlich schon aufgrund des nicht unbedingt großzügig vorhandenen Platzes hinter den Schaltern gar nicht eingesetzt werden. Zu zweit sind die Helfer deshalb, weil der eine schon den Umschlag heraus sucht, der andere in dieser Zeit aber auch noch den Personalausweis mit den Daten auf der Meldebestätigung abstimmt.

Was im ersten Moment umständlich und fast ein wenig überreglementiert erscheint, verhindert nicht nur, dass Startnummern einfach weitergegeben werden, sondern zum Beispiel auch Fehler bei der Altersklassenzuordnung durch die - aufgrund diesbezüglich unterschiedlicher Ansätze in verschiedenen Ländern - gerade bei internationalen Rennen immer wieder einmal vorkommende Verwechslung von Jahrgang und Alter.

Fast alle eingesetzten Freiwilligen sprechen Englisch. Und die meisten von ihnen tun das sogar recht gut und ohne großen Akzent. Wer eher nach Nordeuropäer aussieht, wird auch gar nicht erst auf Portugiesisch sondern gleich auf Englisch angesprochen. Und eine Helferin kramt, nachdem sie das "Alemanha" auf der Meldebestätigung entdeckt hat, sogar noch einige Worte Deutsch hervor, um die weiteren Abläufe zu erklären.

Im benachbarten Spanien sieht das dagegen häufig schon ganz anders aus. Dort kann es gerade abseits der touristischen Zentren in solchen Fällen durchaus einmal ein wenig haken. Und ob man bei den großen deutschen Marathons wirklich an allen Meldeschaltern fließend mehrsprachig bedient werden kann, darf sicher auch bezweifelt werden.

An historischen Bauten herrscht im Zentrum von Porto kein Mangel Während manche Kirchen ganz prominent auf einem Hügel sitzen … …verstecken sich andere im Schatten moderner Einkaufszentren

Überhaupt kommt man in Portugal meist auch ohne allzu tiefe Kenntnisse des Portugiesischen einigermaßen durch, was durchaus von Vorteil ist. Zwar kann man die Sprache in geschriebener Form noch eindeutig als romanisch identifizieren. Und insbesondere nach dem Erkennen einiger typischer Lautverschiebungen gegenüber dem Spanischen - so wird aus einem "l" in Portugal auch gerne einmal ein "r", wie die Beispiele "Plaza" und "Praça" oder "Iglesia" und "Igreja" zeigen - lassen sich zumindest die wichtigsten Dinge auch einigermaßen lesen.

Gesprochen klingt Portugiesisch aufgrund vieler Zischlaute dagegen manchmal fast schon slawisch. Da man hierzulande zudem relativ selten mit der Sprache in Kontakt kommt, fällt es durchaus schwer, sich in sie einzuhören. Denn auch die Aussprache der einzelnen Buchstaben entspricht keineswegs immer den Erwartungen, so dass sich die Verbindung zum dazu gehörenden Schriftbild oft nicht gleich erschließt. Die Stadt Porto dürfte bei einem Portugiesen schließlich eher wie "portu" klingen. Und seine Hauptstadt würde er "lischboa" nennen.

Auf Deutsch und Englisch sind die Richtungsangaben der Helfer allerdings durchaus verständlich. Nach dem Aushändigen des Umschlages mit der Startnummer wird man nämlich quer durch die kleine Marathonmesse in eine andere Ecke der von Metallsäulen getragenen Halle geschickt. Dort gäbe es für jeden Teilnehmer noch einen "race pack".

Am zweiten Schalter, wo es bei der Abwicklung ein wenig schneller voran geht, bekommt man keinen Beutel in die Hand gedrückt sondern gleich einen Rucksack mit dem Veranstaltungslogo. Das mag natürlich auch mit dem kleinen Jubiläum zu tun haben. Doch ist man eben auch im Süden Europas unterwegs. Und dort fällt das Preis-Leistungs-Verhältnis meist deutlich günstiger für die Marathonis als anderswo aus.

Denn neben dem Rucksack selbst, der allerdings eindeutig nicht für große oder breitschultrige Leute gemacht und zudem auch nicht besonders stabil ausgefallen ist, bekommt man noch ein rotes Baumwoll-T-Shirt, das nach einem kurzen Vorzeigen gleich darin landet. Weit größer und auffälliger als der Schriftzug "10° Maratona do Porto" auf der Brust ist das zentrale "edp" des Hauptsponsors "Energias de Portugal".

Es sei aber keineswegs das offizielle Trikot des Marathons, erläutert die junge Helferin in ebenfalls fließendem Englisch und deutet anschließend auf ein hinter ihr hängendes schwarzes Funktionshemd. Dieses würde man auch noch erhalten - allerdings erst nach dem Rennen als Belohnung im Ziel. Dass sich dort für jeden Läufer zusätzlich auch noch eine Flasche Portwein im Beutel findet, macht das Marathon-Angebot noch ein wenig besser. Von der bei größeren Veranstaltungen obligatorischen Medaille ohnehin ganz zu schweigen.

Enge Treppengassen und eine uralte, rumpelnde Straßenbahn - an vielen Orten in Porto scheint die Zeit stehen geblieben zu sein

Für all das muss man bis Ende Juli - also gut drei Monate vor dem Lauf - gerade einmal fünfunddreißig Euro bezahlen. Erst danach ziehen die Startgebühren an und legen jeden Monat einen weiteren Zehner zu, bis man bei dann doch recht stolzen fünfundsiebzig Euro für eine Nachmeldung am Wettkampfwochenende angelangt ist. Lauftouristen aus der Ferne, die ihre Reise ohnehin schon länger im Vorfeld planen müssen, brauchen sich mit der letzten und höchsten Preisstufe aber wohl kaum zu beschäftigen.

Wer seine Startunterlagen bereits freitags oder am Samstagmorgen abgeholt hat, kann mittags noch ein weiteres Mal ins alte Zollgebäude kommen. Alle anderen können gleich da bleiben. Denn ab ein Uhr findet in den Gewölbekellern im Untergeschoss eine Pasta-Party statt, die ebenfalls zum Leistungspaket gehört. Und als besonderes Schmankerl zum Jubiläum sind alle Interessierten außerdem noch zu einem um fünf Uhr beginnenden Fado-Konzert eingeladen, jenem typisch portugiesischen, von sehnsüchtigen und traurigen Texten geprägten Musikstil.

Immer wieder muss man dabei an jenen beiden Großleinwänden vorbei, auf denen in einer Endlosschleife der Film vom Vorjahresmarathon gezeigt wird. Mit dem auf den bewegten Bildern zu sehenden strahlend blauen Himmel wirken sie beinahe wie eine Verhöhnung. Den vor dem "Edifício da Alfândega" lassen sich den ganzen Tag über praktisch alle denkbaren Varianten von Regen erleben. Von sanftem Nieseln bis zum heftigen Guss ist eigentlich alles dabei.

Da die Niederschlagsmenge im Laufe des Tages sogar eher noch zunimmt, erscheint es kaum vorstellbar, dass die Beteuerungen der Meteorologen, der Sonntag würde weitaus freundlicher, irgendwie zutreffen könnten. Doch kurz vor Sonnenuntergang zeigen sich im Westen tatsächlich erste Wolkenlücken, verdrängen das triste Grau und sorgen für einen glutroten, regelrecht brennenden Himmel.

Auch der nächste Morgen ist wie vorhergesagt trocken. Die Sonne versteckt sich allerdings noch ein wenig, als sich der Startbereich gegen acht Uhr zu füllen beginnt. Dieser liegt am westlichen Rand des eigentlichen Zentrums - genau dort, wo die historischen Bauten und engen Gassen der dicht gedrängten Altstadt relativ abrupt von modernen Wohnblocks und Bürogebäuden abgelöst werden, die deutlich breitere Straßen säumen.

Neben dem "Palácio de Cristal" sei der Start für den Marathon zu finden, heißt es in den Informationen vielleicht ein wenig zu unpräzise. Schließlich kann man in allen Reisführern nachlesen, dass dieser "Kristallpalast" bereits in den Fünfzigern abgerissen wurde. Immerhin heißt der Park, in dem er sich einst befand, noch immer "Jardins do Palácio de Cristal". Und dieser lässt sich auf dem Stadtplan sehr wohl entdecken.

Im "Edifício da Alfândega", dem zum Kongresszentrum umfunktionierten alten Zollgebäude werden die Startnummern verteilt, der Weg zu den Ausgabeschaltern für die verschiedenen Distanzen ist dabei am Boden genau markiert

Nachfolger der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts errichtetet Ausstellungshalle ist der kreisrunde Kuppelbau des "Pavilhão dos Desportos", der aus einiger Entfernung noch immer ziemlich imposant wirkt, dem man aus der Nähe aber ziemlich gut ansehen kann, dass er nun auch schon sechs Jahrzehnte auf dem Buckel hat und eine Generalüberholung nicht wirklich schaden könnte.

Tatsächlich ist eine Renovierung der etwa fünftausend Zuschauer fassenden Sporthalle schon längere Zeit geplant, kommt aber wegen unklarer Finanzierung nicht wirklich voran. In der Vergangenheit wurden in ihr hauptsächlich Basketball und das auf der iberischen Halbinsel ziemlich beliebte Rollhockey gespielt. Doch auch das Finale der ersten Handball-Europameisterschaften im Jahr 1994 wurde in ihr ausgetragen.

Drei Jahre zuvor hatte man die Halle offiziell in "Pavilhão Rosa Mota" umbenannt. Zwar hat diese als Läuferin eher wenig mit unter einem Hallendach ausgetragenen Disziplinen zu tun, doch ist sie zumindest aus sportlicher Sicht wohl wirklich die bekannteste Portuenserin. Drei Europameisterschaften, eine Weltmeisterschaft sowie ein Olympiasieg im Marathon stehen auf ihrer langen Erfolgsliste, dazu etliche erste Plätze bei den klassischen Marathons wie Boston, London, Rotterdam oder Chicago.

Nach Carlos Lopes, der 1984 in Los Angeles ebenfalls im Marathon Gold gewann, war Rosa Mota in Seoul überhaupt erst die zweite portugiesische Olympiasiegerin. Auch Fernanda Ribeiro, die in Atlanta über zehn Kilometer auf der Bahn ganz oben stand, kommt aus dem Langstreckenlager. Und nur der bisher letzte von insgesamt gerade einmal vier Goldmedaillengewinnern aus Portugal, der Dreispringer Nelson Évora, gehört nicht in diese Gruppe.

In den Kellergewölben des Zollhauses wird am Samstag vor dem Rennen eine Nudelparty ausgerichtet

Trotz ziemlich erfolgreichen Spitzenathleten hat Marathon in Portugal in der Breite noch längst nicht die gleiche Bedeutung wie in anderen europäischen Ländern. Denn außer in Lissabon und in Porto gibt es eigentlich keine etablierten Veranstaltungen. Der Versuch einen Lauf an der Algarve zu installieren scheiterte relativ schnell. Und so kommt man selbst unter Berücksichtigung von Berg- und Geländeläufen insgesamt kaum auf eine Handvoll Rennen über diese Distanz.

Damit stehen im äußersten Südwesten des Kontinents weit weniger Marathons in den Kalendern als zum Beispiel in den skandinavischen Staaten, in Belgien, Österreich oder der Schweiz, die vergleichbare oder sogar niedrigere Einwohnerzahlen besitzen. Und auch bezüglich der Teilnehmer können die Läufe Portugals eher schlecht als recht mit der europäischen Konkurrenz mithalten.

Mehr als die 2755 Läufer, die in Porto zum Jubiläum die Ziellinie überqueren können, hat es in der Vergangenheit bei einem portugiesischen Marathon auch noch nie gegeben. Noch bei der letzten Austragung der Veranstaltung waren es über tausend weniger. Und man muss kaum weiter in den Annalen zurück blättern, um zu entdecken, dass die Läufe von Lissabon und Porto nicht einmal gemeinsam auf diese Zahl kamen.

Der neue nationale Rekordwert bringt den Marathon von Porto selbstverständlich auch an die Spitze der Jahres-Rangliste. Und da der Lauf in der Hauptstadt in diesem Jahr erstmals vom Dezember in den Oktober gewechselt ist, wird sich daran auch nichts mehr ändern. Doch schon in den letzten Jahren konnte man in Porto stets ein- bis zweihundert Teilnehmer mehr als in Lissabon am Start begrüßen - zumindest ein kleiner Triumph gegenüber der größeren und bekannteren Metropole.

Zwar hat man auch in Lissabon ungefähr um dreihundert Teilnehmer zugelegt. Doch der Abstand ist - vielleicht allerdings auch wegen des Porto-Jubiläums - dennoch erheblich gewachsen. Der frühere Termin hat genau wie die komplette Umgestaltung der Strecke, die nun ein außerhalb der Stadt beginnender Punkt-zu-Punkt-Kurs ist, keine wirkliche Veränderung gebracht. Der Einstieg der amerikanischen Rock 'n' Roll Serie kann man zudem durchaus skeptisch sehen. Diese besteht bereits aus fast zwei Dutzend Halb- und Vollmarathons in den USA.

Längst schwappt sie jedoch auch ins Ausland. Zuerst in Kanada und nun auch in Europa expandieren deren Macher nicht unbedingt langsam und vorsichtig. Einige bestehende Rennen hat man einfach übernommen, andere aus dem Boden gestampft. Inzwischen gehören neben Lissabon auch die Marathons Madrid und Liverpool sowie drei Halbe in Dublin, Edinburgh und Oslo dazu. Mit dem immer gleichen Konzept - zahlreiche Musikbands am Straßenrand - geht den Veranstaltungen natürlich viel Individualität verloren.

Unweit des Rundbaus der inzwischen nach der Marathonläuferin Rosa Mota benannten Sporthalle befindet sich der Start am Rande des Stadtzentrums

Doch auch in der "zweiten Stadt" Portugals steht mit "runporto" eine Agentur für Sportveranstaltungen hinter dem Marathon, die noch eine ganze Reihe anderer Wettbewerbe organisiert. Da gibt es unter anderem einen Frauen-, einen Nacht- und einen Silvesterlauf sowie einen Halbmarathon. Und in einem weiteren Rennen geht es durch die Treppengassen der Altstadt auf und ab.

Viele verschiedene Ecken Portos werden dabei zu Laufstrecken. Und etliche Start- und Zielorte verteilen sich über die Stadt. Doch natürlich stellt der Marathon zumindest in der internationalen Beachtung den eigentlichen Höhepunkt der Rennserie dar. So ist es irgendwie schon ein wenig erstaunlich, warum die Organisatoren ausgerechnet die "Rua Júlio Dinis" gewählt haben, um ihren Lauf dort beginnen zu lassen.

Denn diese ist weder wirklich verkehrsgünstig gelegen - selbst von der nächsten Metro-Haltestelle muss man noch weit mehr als einen Kilometer zu Fuß zurück legen, um den Startplatz zu erreichen - noch optisch besonders imposant. Denn der Pavilhão Rosa Mota befindet sich zwar in ihrer Verlängerung im Rücken der Läufer. Doch ist er einige hundert Meter entfernt und wird zudem von den Bäumen des Parks weitgehend verdeckt.

Und irgendwie typisch für Porto sind die zehn- bis fünfzehnstöckigen Hochhäuser zu beiden Seiten der Straße ebenfalls nicht. Würde nicht der Veranstaltungsname groß auf dem gelben Startbogen prangen, könnte man Fotos der Auftaktphase ganz sicher nicht der portugiesischen Stadt zuordnen. Und nicht einmal ihre gegenüber den Gassen des Zentrums erheblich größere Breite der Straße lässt sich als Argument heran führen. Nur wenig mehr als die Hälfte ist nämlich mit Gittern als Aufstellungszone abgesperrt.

Ganz außen vor bei alledem sind Park und Sportpavillon. Das Hauptportal ist ohnehin geschlossen. Und durch den offenen Seiteneingang finden eher wenige Läufer den Weg in die - sich eigentlich zum Aufwärmen anbietende - Grünanlage. Da diese auf der Kuppe eines relativ steil zum Rio Douro abfallenden Hügels sitzt, kann man beim Einlaufen allerdings von einigen Stellen eine herrliche Aussicht auf Stadt und Fluss genießen.

Nicht einmal die Lastwagen für die Kleiderabgabe - das Ziel befindet sich nicht an der gleichen Stelle sondern ein halbes Dutzend Kilometer entfernt - kann man am kleinen Platz vor den Jardins do Palácio de Cristal entdecken. Diese stehen vielmehr ein ganzes Stück entfernt weit vor der Startlinie. Ausreichend große Beutel und vorbereitete Aufkleber gab es bereits zusammen mit den Startunterlagen. Organisatorisch bewegt man sich in Porto auf ziemlich hohem Niveau.

Gleich nach dem Start geht es eine keineswegs sanfte Steigung hinauf … …zur erst vor wenigen Jahren eröffneten futuristischen Konzerthalle "Casa da Música"

Neben den Marathonis geben dort auch die Läufer des "Family Race" ihre "sacos" ab. Denn die Teilnehmer beider Wettbewerbe werden zur gleichen Zeit und am gleichen Ort auf die Strecke geschickt. Allerdings haben die rund zweieinhalbtausend Kurzstreckler einen eigenen Bereich hinter dem Startblock der langen Distanz. Selbst die Schnellsten unter ihnen müssen sich also durch das komplette Marathonfeld hindurch arbeiten.

Während man am Vorabend mit dem Fado-Konzert noch für Portugal charakteristische Klänge präsentiert hatte, kommt vor dem Start die übliche Popmusik aus den Lautsprechern. Dazwischen müht sich eine Sprecherin mit Durchsagen in gleich einer ganzen Handvoll Sprachen. Außer in Portugiesisch bekommt man dabei die verbleibende Wartezeit noch auf Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch mitgeteilt. Das ist zwar nicht immer absolut perfekt, aber doch meist gut verständlich.

Über den Köpfen der Läufer kreist in diesen Minuten nicht der in solchen Fällen meist übliche Hubschrauber. Vielmehr sorgt eine kleine ferngesteuerte Drohne mit ihrer Kamera für die gewünschten Luftbilder. Das Wetter spielt dafür ziemlich gut mit. Denn inzwischen ist es noch einmal deutlich heller geworden. Und auch wenn der Startbereich durch die hohen Gebäude ringsherum noch im Schatten liegt, ist deutlich mehr als die Hälfte des Himmels blau eingefärbt - ein nach dem absolut tristen Vortag kaum noch für möglich gehaltener Umschwung.

Pünktlich um neun Uhr setzt sich das Feld in Bewegung. Und auf den ersten Metern können die Marathonis erst einmal mit leichter Unterstützung der Schwerkraft rechnen. Denn das Rennen beginnt gleich mit dem Verlust einiger Höhenmeter. Allerdings ist es auch ziemlich schnell wieder vorbei mit diesem zusätzlichen Schub. Jenseits der kleinen Senke, in die man hinein läuft, wartet nämlich eine keineswegs sanfte Steigung, bei der es weit heftiger und länger bergan geht als zuvor hinunter.

Einen Kilometer geht es über die sowohl von modernen Bürogebäuden als auch von altehrwürdige Villen gesäumte "Avenida da Boavista" hinauf... … bevor man zum Überqueren der Ringautobahn einen kleinen Schlenker zur neuerbauten Brücke auf der "Avenida do Bessa" macht

Diese Rampe, die gleich zu Beginn das Laktat in die Beine schießen lässt, verstärkt nur noch die Frage, warum denn der Start des Marathons ausgerechnet an dieser Stelle stattfinden musste. Lässt sie doch das Argument, die Organisatoren könnten versucht haben, den Kurs durch das extrem hügelige Porto so flach wie möglich zu gestalten, eher schwach wirken. Es ist allerdings die unangenehmste Steigung in gesamten Streckenverlauf. In der Folge wird es zwar noch einige Male etwas auf und ab gehen, doch so steil wie am Anfang wird es nicht mehr.

Die kreisrunde Parkanlage der "Praça de Mouzinho de Albuquerque", die man nach ziemlich genau einem Kilometer erreicht, hätte man sich zum Beispiel durchaus ebenfalls als Startgelände vorstellen können. Doch da sich die Strecke später bis hinunter zum Fluss senken wird und auch das Zielgelände im - trotz seines Namens eher am Stadtrand zu findenden - "Parque da Cidade" deutlich niedriger liegt, käme man vielleicht auf mehr als die für eine Anerkennung von Rekorden erlaubten zweiundvierzig Meter Gefälle.

In der Mitte der Anlage, die man zu drei Vierteln umrundet, steht eine monumentale Säule. Sie soll an den "Guerra Peninsular" erinnern, der sieben Jahre lang auf der iberischen Halbinsel zwischen napoleonischen Truppen auf der einen Seite und Portugiesen und Spaniern sowie mit ihnen verbündeten britischen Truppen unter dem Kommando von Wellington tobte. Auch um Porto fanden dabei gleich zweimal verlustreiche Schlachten statt.

Ohnehin waren die Briten über die Jahrhunderte hinweg immer wieder Bündnispartner. Bereits 1386 wurde im nie aufgekündigten und deswegen formal auch heute noch gültigen "Vertrag von Windsor" eine Zusammenarbeit zwischen den Königreichen England und Portugal vereinbart, was die portugiesischen Herrscher insbesondere gegenüber Kastilien stärkte und ihre Unabhängigkeit endgültig sicherte.

Vom Mittelalter bis in die Neuzeit hinein fand dieses Dokument in der Folge immer wieder einmal Anwendung. Wenig überraschend ist dabei, dass das sowohl mit den Briten als auch mit den Portugiesen rivalisierende Königreich Spanien dabei in vielen Fällen auf der Gegenseite stand. Eigentlich nur während der Periode der "Iberischen Union", in der die spanischen Habsburger auch die portugiesische Krone trugen, zerbrach dieser Pakt für einige Jahrzehnte.

Die Jahrhunderte aufgebaute traditionelle Bindung sorgt vermutlich auch dafür, dass hinter den Einheimischen und den benachbarten Spaniern die Briten bereits den drittgrößten Beitrag für die Tourismusstatistiken Portugals liefern. Damit liegen sie weit vor den ansonsten in dieser Hinsicht meist ziemlich vorne vertretenen deutschen Urlaubern.

Hinter der Brücke schwenkt der Kurs allerdings schnell wieder auf den kilometerlangen und schnurgeraden Boulevard der "Avenida da Boavista" ein

Beim Marathon in Porto ist davon allerdings eher wenig zu spüren. Denn gerade einmal dreißig Läufer aus dem Vereinigten Königreich lassen sich in den Ergebnislisten finden. Zwar taucht das Länderkürzel "DE" dort nicht wirklich viel häufiger auf. Doch neben fast dreihundert Spaniern sind eben auch die Franzosen mit mehr als zweihundertfünfzig Einträgen vertreten. Und sogar die Laufreise-Gruppe aus dem fernen Hongkong, der man am Marathonwochenende immer wieder in der Stadt begegnet, ist kaum kleiner.

Ein absoluter Kontrast zum fast fünfzig Meter hohen historischen Denkmal in der Platzmitte ist am Rand der Praça die "Casa da Música", die erst vor wenigen Jahren eröffnete neue Konzerthalle der Stadt. Eigentlich sollte der vieleckige und scheinbar auf dem Kopf stehende Bau bereits in dem Jahr fertig sein, in dem Porto Kulturhauptstadt war. Doch wie meist bei Großprojekten - auch hierzulande lassen sich ohne allzu viel Nachdenken gleich mehrere Beispiele aufzählen - verzögerte sich die Fertigstellung erheblich.

Am Musikhaus beenden die Marathonis auch die Runde um den Platz, der meist einfach "Rotunda da Boavista" genannt wird und biegen in die ebenfalls nach dem westlich des Zentrums gelegenen Stadtteil "Avenida da Boavista" benannte Straße ein, die sich von dieser Stelle kilometerlang schnurgerade nach Westen zieht. Schon der Namen, der übersetzt ja "Schöne Aussicht" bedeutet, lässt zurecht vermuten, dass es sich dabei sicher nicht um die allerschlechteste Gegend der Stadt handelt.

Die Ausfallstraße empfängt das nun schon aus beiden Distanzen bunt gemischte Läuferfeld gleich einmal mit einer Baustelle, so dass nur die Hälfte ihrer Breite nutzbar ist. Auch in der Folge bleibt ein Teil des Boulevards, an dem sich moderne Bürogebäude und altehrwürdige Villen zu einer bunten Mischung zusammen finden, für den Verkehr frei. Allerdings sind um diese Uhrzeit noch nicht wirklich viele Fahrzeuge unterwegs, so dass sie eigentlich nicht wirklich stören. Da sind die zahlreichen Radfahrer, die in dieser Phase neben dem Feld unterwegs sind, beinahe lästiger.

Etwas mehr als einen Kilometer geht es auf der breiten Avenida geradeaus, dann verschwindet die Laufstrecke plötzlich in einem schmalen Sträßchen, in dem kaum zwei Autos nebeneinander Platz haben. Schon an der nächsten Ecke steht man dann vor einem riesigen Betonklotz, dessen Sinn sich erst erschließt, als man kurz darauf an einem Eingang vorbeiläuft, über dem in großen Buchstaben "BOAVISTA FUTEBOL CLUBE" zu lesen ist. Mitten in einem Wohngebiet ohne jede Auslaufzone rundherum steht seit mehr als einem Jahrhundert das "Estádio do Bessa".

Nach einem Komplettumbau für die Fußball-Europameisterschaften des Jahres 2004 hat man ihm auch noch den Zusatz "Século. XXI" verpasst. Allzu lange konnte die etwa dreißigtausend Zuschauer fassende Arena jedoch nicht als Erstligastadion dienen. Denn 2008 wurde der Traditionsverein Boavista Porto, der immerhin einen Meistertitel und mehrere Pokalsiege in seiner Erfolgsliste stehen hat, wegen eines Bestechungsskandals zum Zwangsabstieg verurteilt. Nun kickt man mit eher mäßigen Erfolgen in der dritten Liga herum.

Am Ende der Gerade, in deren Verlauf man an einigen architektonisch durchaus interessanten Gebäuden vorbei kommt, … ... erreichen die Läufer an der "Praça de Gonçalves Zarco" den Atlantik

Auf der anderen Seite der Innenstadt gibt es allerdings ein noch deutlich größeres Stadion. Das "Estádio do Dragão", in dem der FC Porto seine Heimspiele austrägt, kann mehr als fünfzigtausend Menschen aufnehmen. Seinen Namen "Drachenstadion" hat es vom Wappentier des im Moment mit Abstand erfolgreichsten portugiesischen Clubs. Neun der letzten elf vergebenen Meistertitel konnten sich die "Dragões" sichern. Den Hauptstadtvereinen Benfica und Sporting blieben sehr zur Freude der Portuenser meist nur die Plätze zwei und drei.

Hinter dem Stadion schwenkt der Kurs auf die "Avenida do Bessa" ein und überquert die Ringautobahn auf einer Brücke, der man schon aufgrund ihrer futuristisch anmutenden Trägerkonstruktion anmerken kann, dass sie sich so noch nicht allzu lange an dieser Stelle befindet. Sie ist wohl auch der eigentliche Grund für den kleinen Umweg. Denn auf ihr lässt sich die Schnellstraße passieren, ohne den darauf fließenden Verkehr zu behindern.

Auf dem "Boulevard der schönen Aussicht", zu dem man nach dem kurzen Ausflug zur parallel verlaufenden Straße bald wieder zurück kehrt, käme man natürlich ebenfalls über die Autobahn hinweg. Doch befinden sich dort eben auch Auf- und Abfahrtsrampen, die nicht benutzt werden könnten, wenn man den Marathon geradeaus weiter führen würde. Dass man diese später dann doch einige Zeit sperren wird, da der im Zielbereich startende Einsteigerlauf genau diesen Schlenker als Wendeschleife nutzt, ist eine weitere Merkwürdigkeit der Streckenführung in Porto.

Nachdem man wieder die Boavista-Avenida unter den Füßen hat, die fast so etwas wie die Prachtstraße der Stadt darstellt und - wenn nicht gerade Marathon ist - auch von den Doppelstockbussen befahren wird, die für Touristen ihre in der engen Gassen des "centro histórico" gar nicht einfach festzulegenden Runden durch Porto drehen, geht es nun bis zum Atlantik ohne Kurve weiter.

Vorbei an einer riesigen Skulptur, die eine Anemone symbolisieren soll, führt die Strecke erst einmal nach Norden

Dabei senkt sich die Strecke ganz langsam, aber dennoch immer wieder einmal spürbar ab. Und insbesondere nachdem man am "Parque da Cidade" beim Durchlaufen der vielen aufblasbaren Werbebogen der Sponsoren schon einmal ein wenig Zielluft schnuppern konnte, wird das Gefälle auch optisch deutlich. Für die Schlussphase sind das nicht wirklich verlockende Aussichten, stellt sich doch dieser im Moment ganz angenehme Verlust an Höhenmetern auf dem Rückweg als eineinhalb Kilometer lange Steigung dar.

An der "Praça de Gonçalves Zarco" endet die Avenida in einem großen Kreisverkehr, der sich im Umfang durchaus mit der Rotunda da Boavista messen kann, allerdings weit weniger grün daher kommt. In seiner Mitte erhebt sich ein Reiterstandbild für Joao VI, der mit der gesamten königlichen Familie vor der napoleonischen Besatzung in die damalige portugiesische Kolonie Brasilien geflüchtet war. Ein weitgehend identisches Gegenstück für das Monument findet sich dann auch in Rio de Janeiro, das zum neuen Regierungssitz wurde.

Auch nachdem der französische Kaiser endgültig geschlagen war, blieb Joao noch längere Zeit in Brasilien und die eigentlich als Befreier gekommenen Briten gewannen immer mehr Macht in Portugal. Dagegen rebellierte in Porto 1820 eine Gruppe von liberalen Offizieren, deren Ziel keineswegs die Abschaffung der Monarchie war. Ganz im Gegenteil forderten sie sogar die Rückkehr des Königs, aber auch die Einsetzung eines Parlamentes sowie ein Ende von Feudalherrschaft und Inquisition.

Schnell griff die Bewegung auf andere Regionen über. Und Joao sah sich tatsächlich genötigt, nach Portugal zurück zu kommen. Die von ihm danach eingeführte erste liberale Verfassung ist dann auch der eigentliche Grund für das Denkmal. Sein in Rio de Janeiro gebliebener Sohn Pedro ließ sich wenig später zum Kaiser von Brasilien ausrufen und verzichtete auch auf den portugiesischen Thron zugunsten seiner Tochter, womit die Verbindung mit dem einstigen Mutterland endete und Brasilien unabhängig wurde.

Nicht einmal eine Vierteldrehung um den kreisrunden Platz ist nötig, dann ist die Strecke auf die nach Norden führende Uferpromenade eingeschwenkt, wobei man die bis fast ans Meer heran reichenden äußersten Ausläufer des Stadtparks mit einem kleine See berührt. Dahinter stößt man gleich wieder auf den nächsten überdimensionalen Verkehrskreisel, über dem eine riesige Skulptur aus mehreren roten Ringen und Netzen schwebt, die angeblich eine Anemone darstellen soll.

Die Strecke verschwindet zwischen mehrstöckigen Wohnblöcken einer Vorstadt und kurzzeitig herrscht einmal kein Gegenverkehr. Denn von wenigen kleinen Ausnahmen abgesehen, bei denen die Kurssetzer wie in diesem Fall einmal unweit voneinander verlaufende Straßen gewählt haben, führt der Marathon schon seit dem Stadtpark nur noch über Passagen, die mit einem Wendepunkt enden und doppelt belaufen werden.

Am neuen Hafen befindet sich der erste von drei Wendepunkten

Bald hat man beide Äste auch wieder zusammen geführt, so dass man einen Blick auf das weiter vorne im Rennen liegende Feld werfen kann. Es ist keine wirklich große Kunst dabei festzustellen, dass in Porto tendenziell schneller gelaufen wird als im heimischen Mitteleuropa. Bis der erste Ballon mit der Drei-Stunden-Gruppe auf der Gegenspur auftaucht, hat man - selbst wenn man die an einer anderen Startnummernfarbe erkennbaren Teilnehmer des Family Run außen vor lässt - schon ziemlich viele Läufer vorbeiflitzen sehen.

In Portugal entwickelt man ähnlich wie im benachbarten Spanien oder in Italien und Frankreich - allerdings überall auch in sich langsam etwas abschwächender Form - beim Marathonlaufen noch etwas mehr sportlichen Ehrgeiz als hierzulande, wo statt hundertachtzig Minuten wie noch vor zwei Jahrzehnten längst zweihundertzehn oder gar zweihundertvierzig Minuten ausreichen, um viele glauben zu lassen, sich selbst die Bezeichnung "Leistungsläufer" verpassen zu können.

Es ist durchaus bezeichnend, dass in Porto die Dienste von Tempomachern nur für Endzeiten zwischen drei und vier Stunden angeboten werden. Dass umgekehrt in Portugal nach wie vor ziemlich viel geraucht wird, scheint sich damit heftig zu beißen, ist aber andererseits so widersprüchlich auch wieder nicht. Denn häufig betreibt man Sport entweder richtig oder überhaupt nicht. Selbst der frühere Marathonweltrekordler und -olympiasieger Carlos Lopes war nicht lange nach seinem Karriereende mit ziemlich dicken Backen kaum wieder zu erkennen.

Am Ende der etwa einen Kilometer langen Gerade, die auch weiterhin durch mehrstöckige Wohnbebauung vom Meer abgetrennt ist, lassen sich Kräne erkennen. Sie gehören zum neuen Hafen Portos in einem Vorort namens "Matosinhos". Einige Kilometer nördlich der Douro-Mündung hat man dort, wo der wesentlich kleinere "Rio Leça" das Meer erreicht, vor etwas mehr als einem Jahrhundert einen neuen künstlichen Anlegeplatz geschaffen.

Verglichen mit den Anlagen, die man in den ganz großen Umschlagplätzen bestaunen kann, fällt der "Porto de Leixões" eher übersichtlich aus. Eigentlich besteht er nur aus einem einzigen Becken, dem die Marathonstrecke praktisch bis zum Ende folgt. Dass dort trotzdem rund ein Viertel des portugiesischen Seehandels abgewickelt wird, erstaunt umso mehr, wenn man sich die diesbezüglich so ruhmreiche Geschichte des Landes vor Augen führt.

Obwohl Hilfen eigentlich nicht zulässig sind, ist dieser Fan des FC Porto mit einem Reittier auf die Strecke gegangen Auf dem Rückweg entlang der Strandpromenade kommt es zu einer eher ungewöhnlichen Begegnung von Läufern und Surfern

Denn lange bevor der Genueser Cristoforo Colombo unter spanischer Flagge in der Karibik ohne es wirklich zu erkennen auf einen bisher den Europäern unbekannten - oder genauer gesagt nach der inziwschen als belegt geltendene Entdeckung durch die Wikinger wieder vergessenen - Kontinent gestoßen war, hatten sich die Portugisesen entlang der afrikanischen Küste immer weiter nach Süden vorgearbeitet.

Mehr als vier Jahre vor der Landung von Kolumbus auf den Bahamas hatte Bartolomeu Dias die Südspitze Afrikas umrundet. Und 1498 landete Vasco da Gama in Indien, was den Portugiesen viele Jahrzehnte die Dominanz im wichtigen Gewürzhandel sicherte. Selbst wann man die alleinige Vorherrschaft über den Indischen Ozean bald wieder verlor, erstreckte sich das portugiesische Königreich bis zur Unabhängigkeit Brasiliens über vier verschiedene Kontinente.

Erst Mitte der Siebziger entlies Portugal seine afrikanischen Kolonien als letztes europäische Land in die Selbstständigkeit. Und mit Macao, das zusammen mit dem britischen Hongkong an China zurück gegeben wurde, verlor man 1999 das letzte Überseegebiet. Dass weltweit weit über zweihundert Millionen Menschen Portugiesisch sprechen, ist das auffälligste Relikt des einstigen Weltreiches, von dem ansonsten - wie auch dieser trotz seiner bescheidenen Größe immerhin zweitwichtigste Hafen des Landes zeigt - nicht mehr viel zu spüren ist.

Nach der längeren Bergabpassage hinunter zum Atlantik und dem weitgehend flachen Abschnitt entlang der Küste wird es auf dem Weg zum ersten Wendepunkt im Hafenbereich wieder ein klein wenig welliger. Es geht dabei zwar nur wenige Meter auf und ab. Spürbar sind die direkt neben dem Wasser eigentlich etwas überraschenden Höhenunterschiede allerdings trotzdem. Doch nicht allzuweit hinter dem "Porto de Leixões" steigt das Gelände schließlich gleich wieder dreißig bis vierzig Meter an.

Zurück an der "Praça de Gonçalves Zarco" mit dem alten Festung, die wegen ihrer Form "Castelo do Queijo" - also "Käseburg" - genannt wird, und dem Reiterdenkmal für König João VI beginnt nach knapp fünfzehn Kilometern der zweite, deutlich längere Begegnungsabschnitt

Dort hinauf müssen die Läufer nicht. Nach einem weiteren Kilometer entlang des Containerterminals wird bei einem Verkehrskreisel am hinteren Ende des Beckens die Richtung gewechselt und der Rückweg angetreten. Ein gutes Viertel der Gesamtdistanz ist für die Marathonis dort bewältigt. Die Kurzstreckler können sich dagegen beinahe schon auf den kommenden Schlussspurt einstellen.

Denn für sie beginnt an der Wende bereits das letzte Drittel des Rennens. Einen kleinen Vorgeschmack auf die bis zum Ziel noch anstehenden Höhenmeter liefert dabei nicht nur die nun auch von der anderen Seite zu überwindende niedrige Kuppe neben dem Hafen sondern eine weitere kleine Welle, die sich in den Weg stellt, als man den Kaianlagen wieder die Rücken zudreht, um erneut in die bereits bekannte Wohnstraße einzubiegen. Auf dem Hinweg hatte man dieses Gefälle dagegen gar nicht wirklich bemerkt.

Das Trikot mit blauen Längsstreifen identifiziert den Läufer mit Baskenmütze und knallgelber Sonnenbrille eindeutig als Anhänger des FC Porto. Doch nicht deswegen ist er eigentlich kaum zu übersehen. Auf den Buckel hat er sich nämlich außerdem eine riesige Flasche geschnallt. Und zu allem Überfluss steckt es bis zur Hüfte auch noch in einem Kostüm, das ihn wie einen Straußenreiter aussehen lässt. Es ist ein Foto, das man vermutlich einfach machen muss.

Der kurz davor laufende Sergio Ferreira, der sich beim Entdecken der gezückten Kamera augenblicklich in Positur wirft, gibt sich ziemlich enttäuscht, dass sie nicht für ihn klickt. Doch mit dem nach einem schnellen Nachsetzen wenig später zugerufenen "next time" und der anschließenden Begründung, dass der verkleidete Porto-Fan erst einmal vorgegangen sei, lässt er sich natürlich zufrieden stellen. Und sein breites Grinsen zeigt, dass er über die Missachtung ohnehin nicht ernsthaft beleidigt war.

"Der läuft immer so rum" gibt er mit einem Fingerzeig auf dem gerade Fotografierten in recht gutem Englisch zu verstehen. Und bestätigt kurz darauf die sich aus dieser Aussage eigentlich ganz logisch ergebende Vermutung, dass er ebenfalls aus Porto stammt. Er erkundigt sich im Gegenzug, wo sein Gesprächspartner denn herkomme und ob er das erste Mal in Portugal und in seiner Heimatstadt sei.

Auch die Frage, ob man den Porto Marathon denn schon kenne, kommt selbstverständlich. Und die Antwort, dass man bisher nur den Lauf von Lissabon gelaufen sei, lässt ihn irgendwie nicht wirklich ruhen. Also er finde das Rennen in Porto wesentlich schöner als das in der Hauptstadt, argumentiert Sergio mit viel Überzeugungskraft. Und schiebt dann - wieder mit einem dicken Grinsen - hinterher, dass er das als Portuenser natürlich auch sagen müsse.

Mehrere Kilometer verläuft der Kurs entlang des Atlantiks

Irgendwann bricht Sergio das Gespräch aber ab. Er wolle sich jetzt wieder den "Mädels" widmen, mit denen er sich zuvor unterhalten hatte. Die würden nämlich genau wie der Straußenreiter in Kürze nach links zum Ziel abbiegen. Über den Gesichtsausdruck, den der Filou während dieser Bemerkung hat, muss man eigentlich nicht mehr allzu viele Worte verlieren. Übrigens bekommt Sergio wie versprochen tatsächlich noch sein Foto. Da er ein wenig anzieht, um den jungen Damen zu folgen, muss er allerdings bis zum nächsten Begegnungsabschnitt darauf warten.

Ein wenig früher als auf dem Hinweg stoßen die Läufer aufgrund der an dieser Stelle leicht unterschiedlichen Kurssetzung zur Küste vor. Und obwohl es von den Streckenarchitekten eigentlich so nicht vorgesehen war, wechseln die meisten von ihnen gleich direkt auf die Uferpromenade. Im Gegensatz zur in diesem Bereich kopfsteingepflasterten Straße ist diese dank einer Gestaltung mit großen Platten nämlich weitaus leichter zu belaufen.

Es ist längst nicht die einzige Passage des Marathons, auf der man keinen glatten Asphalt sondern einen eher holprigen Pflasterbelag vorfindet. Am Ende werden sich die Abschnitte mit diesem für zunehmend müder werdende Läuferfüße immer unangenehmeren Untergrund nämlich auf etliche Kilometer summieren.

Dass die Veranstaltungsrekorde in Porto trotz der also gleich in doppelter Hinsicht unebenen und welligen Strecke sowie nicht gerade übermäßiger Preisgelder - selbst die Gewinner bekommen gerade einmal dreitausend Euro Siegprämie und können sich ihr Salär ansonsten nur noch über Zeitbonifikationen ein wenig aufbessern - bei 2:09:51 und 2:30:40 liegen, zeigt wieder einmal die enorme Breite, die es inzwischen in der Weltspitze gibt.

Wenig überraschend stammen die Rekordhalter Philemno Baaru und Priscah Jeptoo - die am gleichen Tag in New York gewinnt und damit den seltene Doppelsieg in London und der amerikanischen Metropole schafft - dabei aus Kenia. Und abgesehen von den ersten vier Austragungen, bei denen zumindest im Frauenrennen jeweils Portugiesinnen ganz oben standen, kamen bisher auch alle Sieger in der nicht allzu langen Geschichte der "Maratona do Porto" - im Portugiesischen hat Marathon einen weiblichen Artikel - aus Afrika.

Auf der Strandpromenade können die Marathonis den Atlantik zum ersten Mal ein wenig genauer in Augenschein nehmen. Zuvor war man schließlich nur auf der dem Wasser abgewandten Straßenseite unterwegs. Maximal ein entfernter Blick über die Begrenzungsmauer war von dort aus möglich. Nun lässt sich der keineswegs ruhige Ozean nicht nur sehen sondern beim Klatschen ans Ufer auch deutlich hören.

Der Weg immer in Sichtweite der Wellen endet am "Forte de São João Baptista da Foz", das die Mündung des Douro bewacht

Der strahlend blaue Himmel hat an diesem Morgen deswegen nicht nur die Läufer ins Freie gelockt. Auch eine ganze Reihe Personen mit Neoprenanzügen am Körper und langen Brettern in den Händen hat sich zum Meer aufgemacht, um dort auf den Wellen zu reiten. So kommt es auf dem "passeio" dann zu einem ansonsten wohl eher ungewöhnlichen direkten Aufeinandertreffen von Läufern und Surfern.

Am nun auf der Seeseite passierten Kreisel mit der überdimensionalen Netzanemone erreicht man wieder Porto. Denn die letzten sechs Kilometer hatte man schließlich Straßen unter den Füßen, die eigentlich gar nicht zur Stadt gehören. Innerhalb ihrer administrativen Grenzen hat die zweitgrößte portugiesische Metropole nämlich nicht einmal eine Viertelmillion Bewohner. Nimmt man dagegen die geographische Ausdehnung der Bebauung als Grundlage sind es rund achtmal so viele.

Matosinhos ist jedenfalls ein selbständiger "Município", der seinen Namen seinerseits von der gerade durchlaufenen "Freguesia" hat. Es ist nicht wirklich einfach diese beiden Stufen der portugiesischen Verwaltungsgliederung mit hiesigen Begriffen zur Deckung zu bringen. Denn während ein Município bezüglich seiner Befugnisse noch halb Stadt und auf der anderen Seite aber schon halb Kreis ist, müsste eine Freguesia irgendwo zwischen eigenständiger Gemeinde und Stadtviertel oder Ortsteil angesiedelt werden.

Fünfzehn dieser Freguesias bilden zusammen den Município Porto. Immerhin zehn von ihnen werden während des Marathons berührt. Der Stadtbezirk, in den man nun wieder zurück läuft, heißt "Nevogilde". Zuvor war man auch schon in Massarelos, Cedofeita, Ramalde, Lordelo do Ouro und Aldoar unterwegs. Foz do Douro, Miragaia, São Nicolau sowie Sé werden im weiteren Verlauf noch folgen.

Die beiden Äthiopierinnen Chaltu Waka (links) und Hayimanot Shewe belegen bei den Frauen die ersten beiden Plätze Fünf Kilometer vor dem Ziel liegen der spätere Sieger Joash Kipkoech Mutai aus Kenia (in blau) und der aus Äthiopien stammende Zweite Getachew Abayu noch zusammen Rui Pedro Silva wird als Gesamtdritter bester Portugiese

An der Praça de Gonçalves Zarco trennen sich die Wege der beiden Strecken. Während die Marathonis vorbei am kleinen Kastell "Forte de São Francisco Xavier" weiter nach Süden laufen, umrunden die Teilnehmer des kürzeren Rennens den Kreisel nach der Passage der aus dem siebzehnten Jahrhundert stammenden und wegen ihrer an einen Käselaib erinnernden Form auch "Castelo do Queijo" genannten Befestigungsanlage noch etwas weiter bis zum Boavista-Boulevard, auf dem noch etwas mehr als ein Kilometer zurück zum Ziel ansteht.

Zwar bleiben die Portugiesen auf dieser Distanz wohl auch wegen der gegenüber dem Marathon noch wesentlich bescheideneren Preisgelder - die Sieger erhalten fünfhundert Euro - unter sich. Doch die Leistungen können sich gerade angesichts der nicht unbedingt topfebenen Strecke trotzdem sehen lassen. Denn Helder Santos und Luis Feiteira spulen die sechzehn Kilometer als Erster und Zweiter zeitgleich in 49:33 herunter, was immerhin einem Kilometerschnitt von 3:06 entspricht. Wenig später sind auch Artur Rodrigues (50:05) und Vitor Oliveira (50:10) im Ziel.

Gleich sechs Frauen bleiben unter der Marke von einer Stunde. Hinter der 57:07 laufenden Siegern Monica Silva, die sich mit neun Sekunden Vorsprung gegen Analia Rosa durchsetzt, folgen noch Elisabete Lopes (58:21) und Solange Jesus (58:47) sowie Luisa Oliveira (59:27) und Marta Martins (59:51) in Geschwindigkeiten, mit denen man von wenigen Ausnahmen abgesehen hierzulande auch bei Läufen über zehn Kilometer erfolgreich sein könnte. Schließlich legt keine der schnellen Damen den Kilometer durchschnittlich in mehr als 3:45 zurück.

Für die Langstreckler beginnt am großen Platz, der - trotz des an dieser Stelle eher bescheidenen Zuschauerzuspruchs - für die Veranstaltung eigentlich den wichtigsten Knotenpunkt darstellt, da dort die drei unterschiedlichen Streckenäste aufeinander treffen, dagegen der noch ausstehende längste Begegnungsabschnitt. Wenig später erreichen sie Kilometer fünfzehn und damit auch die dritte Verpflegungsstelle.

Obwohl sich durch die Auslegung als Wendepunktkurs eine doppelte Nutzung von beidseitig aufgebauten Versorgungsposten eigentlich anbieten würde, hält man sich in Porto ziemlich exakt an den von den Verbänden eigentlich vorgeschriebenen Fünf-Kilometer-Rhythmus. Nicht einmal die dazwischen theoretisch noch möglichen Erfrischungsstellen hat man vorgesehen. So lassen die Getränkeversorgungen gerade zum Ende hin bei steigender Sonne und deswegen ebenfalls kletterndem Quecksilber doch recht lange auf sich warten.

Anfangs wird zudem nur Wasser ausgegeben, erst kurz vor der Halbmarathonmarke kommen dann auch Elektrolytgetränke und Obst hinzu. Dass man das "Água" zwar in gut aufzunehmenden und mitzuführenden Plastikfläschchen verteilt, die Läufer sich nach dem Zugreifen allerdings erst einmal mit dem nur sehr schwer aufgehenden Verschluss abmühen müssen, kommt als Erschwernis noch hinzu.

Unter dem "Ponte da Arrábida" hindurch und… …über den "Viaduto do Cais das Pedras" hinweg führt die Strecke am Douro flussaufwärts

Hinter dem Kreisel ist die Straße, über die der Kurs zwei weitere Kilometer lang praktisch schnurgerade am Meer entlang führt, eher noch breiter geworden. Und die sie begleitende Fußgängerpromenade hat an Ausdehnung ebenfalls etwas zugelegt. Eine Grünanlage - die zudem den Ausgleich zur natürlich weit weniger gerade verlaufenden Uferlinie herstellt - sowie mehrere Aussichtspunkte und -pavillons machen diese bei den Portuensern zu einem ziemlich beliebten Ziel für einen Sonntagspaziergang, was auch um diese Uhrzeit schon unverkennbar ist.

Im Gegensatz zum Sandstrand von Matosinhos weiter nördlich ist dieser Abschnitt der Küste hauptsächlich von Felsen geprägt. Und so spritzen die auf sie treffenden Wellen neben den Läufern gelegentlich in beachtliche Höhen empor. Der optisch durchaus ansprechende Weg nach Süden immer in Sichtweite des Atlantik endet am "Forte de São João Baptista da Foz", das die Douro-Mündung bewacht. "Foz do Douro", was übersetzt "Mündung des Douro" bedeutet, heißt dann auch der Stadtteil.

Vor der im Vergleich mit der "Käseburg" deutlich größer ausgefallenen Festung schwenkt der Kurs vom Meer weg nach Osten. Den letzten Schlenker um das Kastell herum bis zu jenem Punkt, an dem der Strom den Ozean tatsächlich erreicht, haben die Streckenplaner, die sich einige hundert Meter zuvor an einer Gabelung der Uferstraße noch für die seenahe Variante entschieden hatten, dann doch ausgespart.

Einen knappen Kilometer später ist man allerdings schon wieder am Douro angelangt und folgt dem Strom nun landeinwärts. Und während der Fluss so nahe an seiner Mündung noch relativ breit daher kommt, wird das Gelände rundherum dabei schon erkennbar welliger. Die - übrigens in diesem Abschnitt wieder mit Kopfsteinpflaster versehene - Straße fällt vom Kastell anfangs sogar noch leicht zum Douro hinunter und verläuft dann für etliche Kilometer ohne größere Höhenunterschiede weiter.

Und auch die Bebauung verändert sich. Waren es auf der Atlantikpromenade noch nahezu ausschließlich mehrstöckige Wohnblocks, die nur in seltenen Ausnahmefällen von niedrigeren Altbauten unterbrochen wurden, kehrt sich dieses Verhältnis nun innerhalb kürzester Zeit beinahe vollständig um. Und längst nicht jedes dieser Gebäude ist dabei in einer wirklich guten Verfassung. Doch gerade verglichen mit der Altstadt macht die Uferstraße im Stadtbezirk Foz de Douro noch einen ziemlich gepflegten Eindruck.

Das Weltkulturerbe-Siegel ist dort nämlich nicht nur ein Segen sondern in einem gewissen Maße auch ein Fluch. Wegen der strengen Denkmalschutzauflagen sind Reparaturen schließlich ziemlich teuer. So verzichten dann auch etliche Hauseigentümer auf eigentlich notwendige Ausbesserungsarbeiten oder schieben sie zumindest immer weiter hinaus. Die bekannt schlechte wirtschaftliche Lage in Portugal trägt ihren Teil dazu bei, der Stadt einen Charakter zu verleihen, der in Reiseführern meist verschämt mit "morbider Charme" umschrieben wird.

Je weiter man sich dem Zentrum nähert, umso höher werden die Hügel am Rand

In Wahrheit ist damit allerdings "höchster Renovierungsbedarf" oder gar "erheblicher Verfall" gemeint. Viele Gebäude im "centro histórico" stehen völlig leer. Andere Häuser beherbergen zumindest im Erdgeschoss Geschäfte, doch die oberen Stockwerke sind genauso unbewohnt. Beim genaueren Hinsehen entdeckt man gerade in den Seitenstraßen zuhauf kaputte Scheiben oder vernagelte Fenster. Und einiges kann man wirklich nur noch als "abbruchreif" bezeichnen.

Dass die Altstadt-Wohnungen zudem in den meisten Fällen aufgrund der engen Gassen oder gar Treppen, die man auf dem Weg zu ihnen passieren muss, außerdem noch ziemlich schlecht mit dem Fahrzeug zu erreichen sind, steigert ihre Attraktivität ebenfalls nicht. Auch mancher alteingesessene Bewohner zieht unter all diesen negativen Voraussetzungen dann doch lieber freiwillig in modernere und besser ausgestattete Neubausiedlungen in den Außenbezirken.

In der Innenstadt selbst leben jedenfalls immer weniger Menschen. Und wenn die Touristenströme ihr am Abend den Rücken gekehrt und die Geschäfte geschlossen haben, sind manche Ecken im Zentrum sogar regelrecht ausgestorben. Gerade weil es sich bei Porto eigentlich um eine durchaus sehenswerte Stadt handelt, wirken solche Beobachtungen irgendwie besonders schmerzhaft.

Die Marathonstrecke zeigt auch am Douro einiges von dieser Attraktivität. Durch den immer leicht kurvigen Verlauf der Straße ändern sich ständig die Blickwinkel auf den landeinwärts selbstverständlich enger werdenden Fluss und die Hügel, die auf beiden Seiten sichtbar an Höhe gewinnen. Sergio Ferreira hatte mit seiner Behauptung durchaus recht. Und die erste Vermutung beim Blick auf den Streckenplan hat eindeutig getrogen. Der Kurs ist jedenfalls weit interessanter, als es die in der Skizze eher öde wirkenden, langen Wendepunktabschnitte vermuten lassen.

Immer wieder führt die Laufstrecke auch über Kopfsteinpflaster-Passagen, doch bietet sie dafür auch ziemlich viel fürs Auge

Rund zwei Kilometer hat sich die Straße schon in weiten Kurven am Ufer entlang gewunden, als der "Ponte da Arrábida" vor den Läufern auftaucht. Ziemlich modern und innovativ sieht die Brücke aus, die an einer Stelle, an der einerseits der Strom besonders eng wird und andererseits die Kuppen an beiden Ufern besonders nahe und steil an ihn heran rücken, in einem kühne Bogen den Douro überspannt.

Doch hat sie inzwischen immerhin schon volle fünf Jahrzehnte auf dem Buckel. Über die imposante siebzig Meter hohe und einen halben Kilometer lange Überführung verläuft jene Ringautobahn, die man zu Anfang des Rennens schon einmal überquert hatte. Nun tauchen die Läufer tief unter ihr und der Brücke, die ihren Namen von dem am nördlichen Kopf gelegenen Wohnbezirk bekommen hat, hindurch.

Ziemlich genau zwanzig Kilometer hat man zu diesem Zeitpunkt zurück gelegt. Und selbst wenn die Verpflegungsstelle diesmal nicht ganz exakt an der entsprechenden Marke aufgebaut ist, gibt es deswegen auf der in diesem Abschnitt "Rua do Ouro" heißenden Straße auch wieder etwas zu trinken. Was im ersten Moment wirkt wie ein Schreibfehler hat mit dem Namen des Flusses allerdings nichts zu tun. Vielmehr ist sie nach jenem Edelmetall benannt, das in Frankreich "Or" und in Spanien oder Italien "Oro" genannt werden würde, also Gold.

Einige hundert Meter später zeigt ein Schild am Straßenrand an, dass man gerade das "Museu do Carro Eléctrico" passiert. Doch muss man in Porto keineswegs das Straßenbahnmuseum besuchen, um alte Waggons der "Elektrischen" zu sehen. Denn über die wenigen verbliebenen Tramlinien rumpeln in Porto ausschließlich Wagen, die noch aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts stammen.

Sechs Jahre früher als in Lissabon, nämlich 1895 fuhren die ersten "Elétricos do Porto" durch die Straßen der Stadt und lösten damit die schon lange zuvor bestehende Pferdebahn ab. Zu seiner Blütezeit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts umfasste das Netz mehr als dreißig verschiedene Linien. Doch wie in nahezu allen anderen Städten präferierten die Verkehrsplaner Portos in der Folgezeit immer mehr den Autoverkehr und ersetzen die Tramstrecken nach und nach durch Omnibusse.

Zur Jahrtausendwende waren nur noch zwei relativ kurze Linien übrig, die einzig und allein touristische Bedeutung hatten. Eine von ihnen - jene, die auf ihren Wagen die Nummer "1" zeigt - verläuft schon längere Zeit parallel zur Laufstrecke. Denn sie zieht sich von der Altstadt bis zur Douro-Mündung am Fluss entlang. Die zweite stellt vom "Museu do Carro Eléctrico" eine Verbindung in die Oberstadt her.

An der "Igreja de São Francisco" taucht man kurzzeitig in eine enge Gasse ein und stößt in den "Ribeira" genannten unteren Teil der Altstadt vor

Doch in den letzten Jahren wird das Netz wieder ausgebaut. Eine dritte Strecke im höher gelegenen Teil des Zentrums hat inzwischen das Angebot erweitert. Und nun denkt man intensiv über eine Verlängerung der Douro-Linie bis zum Castelo do Queijo oder gar bis zum Hafen von Matosinhos nach - eine Streckenführung, die den Marathonis ziemlich bekannt vorkommen dürfte. In der Gegenrichtung ist eine Anbindung des "Estação de São Bento", des stadtnäheren der beide wichtigsten Bahnhöfe im Gespräch.

Bekannt ist die Station, die von Zügen nur durch einen direkt hinter den Bahnsteigen beginnenden Tunnel angefahren werden kann, für ihre mit sogenannten "Azulejos" ausgestaltete Vorhalle. Diese bunt bemalten Keramik-Kacheln sind auf der iberischen Halbinsel und dort vor allem in Portugal weit verbreitet. Ursprünglich wurden sie von den Mauren mitgebracht, die aus bunten, aber jeweils einfarbigen Exemplaren faszinierende Mosaike gestalteten.

Später entwickelte sich die Kunst jedoch weiter. Fast zeitgleich mit dem Aufstieg der Königreiche Portugal und Spanien zu weltbeherrschenden Kolonialmächten begann man nämlich auf jede einzelne Kachel einen kleinen Teil eines wesentlich größeren Bildes aufzutragen. Nach dem Glasieren konnte man so großflächige, oft ganze Wände bedeckende Motive mit vielen Details zusammen setzen.

Die Gestaltung passte sich zwar im Laufe der Jahrhunderte den jeweiligen Stilrichtungen von Kunst und Architektur an. Doch wirklich aus der Mode kamen die Azulejos nie. Beim Bummel durch Porto kann man deswegen immer wieder Gebäude - sowohl Kirchen und Paläste als auch ganz normale Wohnhäuser - entdecken, bei denen ganze Fronten mit diesen meist blauen Fliesen verziert sind.

Kurz hinter dem Straßenbahnmuseum verlässt die Laufstrecke das Douro-Ufer. Doch dreht sie keineswegs landeinwärts und verschwindet in irgendwelchen Seitengassen. Vielmehr zieht die Straße selbst auf den Fluss hinaus. In einem mehrere hundert Meter langen Bogen umgeht der "Viaduto do Cais das Pedras" den "Kai der Steine", von dem diese wirklich ungewöhnliche Brückenkonstruktion ihren Namen bekommen hat.

Dort bleibt nämlich zwischen den Häusern, die sich eng an den in diesem Bereich wieder ziemlich nahe heranrückenden Hang anlehnen, und dem Wasser nur noch ein relativ schmaler Landstreifen übrig, der zum Teil gerade ausreicht, um das eine Gleis der Trambahn aufzunehmen. Für den Ausbau der Uferstraße blieb den Verkehrsplanern da kaum Platz, so dass sie die neuen und breiteren Fahrspuren einfach über dem Douro platzierten.

Direkt am Flussufer läuft man auf den "Ponte Dom Luis" zu, der auf zwei Ebenen den Fluss querte
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Kurz hinter der Halbmarathonmarke ist man am Ende des Viaduktes in der Luftlinie nun eigentlich nur wenige hundert Meter von der Startlinie entfernt. Doch liegt diese eben etliche Dutzend Meter höher. Denn weit oben auf der flachen Kuppe des im unteren Teil relativ steilen Hügels befindet sich genau jener Park mit dem "Pavilhão dos Desportos", von dem die Läufer beim Aufwärmen die Aussicht genießen konnten. Eine echte Blickverbindung zwischen dem Fuß und dem Gipfel der Anhöhe gibt es allerdings nicht.

Dafür hat man das Gebäude, das sich nun auf der rechten Seite zwischen Straße und Douro schiebt und die Marathonis dadurch erstmals seit etlichen Kilometern tatsächlich ein Stück vom Fluss abdrängt, ganz sicher schon einmal gesehen. Denn im "Edifício da Alfândega" waren am Vortag ja die Startnummern ausgegeben worden.

Damit erreichen die Läufer auch den zum Weltkulturerbe erklärten Bereich des "centro histórico" und können gleich einmal einen Blick auf das Gewirr der Häuser werfen, die im eigentlichen Altstadtkern noch viel stärker als zuvor an den Hängen kleben. Bei weitem nicht alle von ihnen befinden sich in einem guten Zustand. Wenig überraschend für den stark katholisch geprägten Süden Europas ist zudem, dass zwischen ihnen immer wieder die Spitzen von Kirchtürmen hervor lugen.

An einer von ihnen, der "Igreja de São Francisco", verabschiedet sich die Straße erst einmal vom Douro. Denn dort erstreckt sich mit der "Ribeira" - übersetzt bedeutet der Name des Viertels nichts anderes als "Flussufer" - nun die eigentliche Keimzelle von Porto. In diesem unteren und ältesten Teil der Innestadt legten am "Cais da Ribeira" schließlich viele Jahrhundert lang jene Schiffe an, die dem Hafen zu Wachstum und Blüte verhalfen.

Nur wenige Meter breit ist die Gasse, in die das Marathonfeld gegenüber der zum Teil im gotischen und zum Teil im barocken Stil erbauten Kirche einbiegen. Doch nur wenig mehr als eine Stadionlänge später ist man auch schon wieder auf einen Platz hinaus gelaufen, der sich zum Douro hin öffnet. Das knappe Dutzend Höhenmeter, das auf dem Weg zur Igreja überwunden werden musste, hat man da schon wieder weitgehend verloren.

Die untere Brückeneben bringt die Marathonis hinüber nach Vila Nova de Gaia, wo fast alle großen Portweinproduzenten ihren Sitz haben

Und die letzten Meter wird man dann auf dem stark zum Fluss abfallenden "Largo do Terreiro" los. Denn mit viel Schwung steuert die Laufstrecke von oben dem Kai entgegen. Angesichts des Gefälles und des keineswegs ebenen Pflasterbelages kann man gerade für die schnelleren Teilnehmer durchaus froh sein, dass hinter der Linkskurve am Ende noch eine ausreichend breite Auslaufzone vorhanden ist.

Die kleine Freifläche trägt ihre Bezeichnung "Hofplatz" - "Largo" ist neben "Praça" eine zweite mögliche Variante zur Übersetzung des deutschen Wortes "Platz" - zumindest dann zurecht, wenn man dem Douro den Rücken zudreht. Denn drei Fronten sind eng mit Häusern bebaut und das Plätzchen ist nur über eher schmale Gassen erreichbar. Zwar nicht das größte, aber vielleicht das auffälligste Gebäude dort ist die "Capela de Nossa Senhora do Ó", die den höchsten Punkt besetzt.

Vorbei an den Anlegestellen der Ausflugsboote, die den Touristen aussichtsreiche Fahrten auf den Fluss anbieten, führt der Kurs und passiert dabei wenig später auch die "Praça da Ribeira", den deutlich weiteren Hauptplatz des Viertels, auf der sich unter großen Schirmen die Tische von etlichen Restaurants und Cafés ausdehnen. Im Gegensatz zum völlig verregneten Vortag sind sie an diesem "Domingo" ganz gut gefüllt.

Nicht nur rund um den Platz sondern auch im übrigen Bereich der Uferzone wirken die Gebäude erheblich besser gepflegt und erhalten als in den etwas weiter abseits gelegenen Gassen der Altstadt. Schließlich handelt es sich um das touristische Aushängeschild der Stadt, an dem eigentlich kein Besucher vorbei kommt. So mancher Euro bleibt dabei auch in den dortigen Geschäften und Bewirtungsbetrieben hängen. Doch nur Meter entfernt sieht die Situation in den Querstraßen schon wieder weit deprimierender aus.

Auf dem Streckenabschnitt durch die Ribeira sollte man sich übrigens weitaus gründlicher umsehen als auf den meisten anderen. Denn man wird ihn während des Marathons nur ein einziges Mal zu Gesicht bekommen und später keine weitere Möglichkeit mehr erhalten, auf dem Rückweg die gemachten Eindrücke zu ergänzen. Für etwa einen halben Kilometer verläuft der Marathon in diesem Bereich nämlich nicht im Begegnungsverkehr.

Die zweigeteilte Kurssetzung endet am "Ponte Dom Luis I", dem vermutlich wichtigsten und unverwechselbarsten Wahrzeichen der Stadt. Was die Golden Gate Bridge für San Francisco darstellt, ist diese Douro-Überführung für die portugiesische Metropole. Sie ist das Motiv, das die Stadt in der ganzen Welt repräsentiert. Und wenn man sich das Logo des Marathons einmal ganz genau betrachtet, lässt sich die - nach dem zu ihrer Bauzeit amtierenden König benannte - Brücke in stilisierter Form auch dort erkennen.

Vorbei an etlichen Portweinlagern geht es nun einige Kilometer lang am südlichen Ufer wieder flussabwärts

Ihr auffälligstes und markantestes Merkmal besteht darin, dass man über sie den Fluss auf zwei völlig unterschiedlichen Niveaus queren kann. Während in der luftigen Höhe von fünfundvierzig Meter über dem Strom eine - inzwischen nur noch von Fußgängern und der Metro genutzte - Fahrbahn auf dem tragenden Stahlbogen aufliegt, ist nicht einmal ein Dutzend Meter über dem Wasserspiegel eine weitere Ebene abgehängt. Im Normalfall rollt über sie der Autoverkehr. An diesem Sonntag ist sie allerdings den Marathonis vorbehalten.

In der Nähe dieser Stelle, an der einerseits der Fluss relativ eng ist, andererseits die Hänge aber verglichen mit dem stromaufwärts anschließenden Abschnitt noch nicht zu steil sind, befand sich einst schon die Schiffbrücke, die seit dem Beginn des neunzehnten Jahrhunderts den ersten festen Douro-Übergang bildete. Später errichtete man eine Hängebrücke, deren übrig gebliebene Pfeiler man noch heute direkt neben der Auffahrt zur unteren Plattform an der Uferpromenade entdecken kann.

Zwanzig Jahre vor der vorletzten Jahrhundertwende entstand allerdings die Idee, nicht nur von der Unter- sondern auch von der Oberstadt aus einen Brückenschlag hinüber zum südlichen Ufer vorzunehmen. Und so ersetzte im Jahr 1886 nach fünfjähriger Bauzeit der beide Varianten in einer einzigen Konstruktion vereinende "Ponte Dom Luis" den im Anschluss an seine Eröffnung abgetragenen Vorgängerbau.

Er ist jedoch nicht die älteste noch bestehende Douro-Überführung im Stadtgebiet. Denn nur etwa fünfhundert Meter weiter östlich befindet sich - durch einen Flussbogen allerdings von diesem Punkt weitgehend unsichtbar - eine weitere Brücke, die ihm abgesehen von der fehlenden unteren Ebene beinahe zum Verwechseln ähnlich sieht. Knapp zehn Jahre zuvor war nämlich mit dem "Ponte Maria Pia" - benannt nach Maria Pia von Savoyen, der Frau von König Luis - bereits eine ähnliche Konstruktion als Verbindung für die portugiesische Eisenbahn errichtet worden.

Obwohl weitaus weniger häufig auf Zelluloid - oder inzwischen vermutlich doch häufiger auf digitale Speichermedien - gebannt, hat sie eindeutig den bekannteren Architekten. Denn sie wurde von einem gewissen "Gustave Eiffel" entworfen, der ein Jahrzehnt später eben auch für die Errichtung eines Turmes in der französischen Hauptstadt verantwortlich zeichnete, der nicht nur seinen Namen trägt sondern längst auch zum Symbol für Paris und ganz Frankreich geworden ist.

Allerdings war beim Bau des Ponte Maria Pia zudem ein gewisser Théophile Seyrig maßgeblich beteiligt, der mit Eiffel in einem gemeinsamen Ingenieurbüro arbeitete. Insbesondere die Bogenkonstruktion soll hauptsächlich auf ihn zurück gehen. Kurz nach der Fertigstellung der Brücke trennte sich der Belgier allerdings von dem berühmteren Franzosen und wechselte zu einem Brüsseler Unternehmen. Dieses erhielt dann den Zuschlag für den Bau der zweiten Überführung, bei der Seyrig viele seiner Ideen in ähnlicher Form erneut einfließen ließ.

Auf dem Weg zur zweiten Wende kann man den "Ponte Dom Luis" aus der Ferne und den "Ponte da Arrábida" erneut von unten bestaunen, Sergio Ferreira (rechts in blau) und seinen Begleitern scheint die Strecke ihres Heimmarathons jedenfalls zu gefallen

Während oben in relativ dichter Taktfolge die Züge der einzigen quer zum übrigen Netz verlaufenden Metrolinie rollen, wechseln auf der unteren Ebene die Marathonis ans südliche Douro-Ufer hinüber, um ihren Weg dort nun wieder flussabwärts fortzusetzen. Einige Meter in Auf- und Abstieg bleiben ihnen aber dennoch nicht erspart. Jenseits der Brücke laufen sie dabei erst einmal in jene Zone der Stadt hinein, in der sich die Lager- und Verkaufshallen der großen Portweinproduzenten in dichter Folge aneinander reihen.

Das nach Porto benannte Getränk zeichnet sich gegenüber normalem Wein dadurch aus, dass man bei ihm durch Zusatz von hochprozentigem, geschmacksneutralem Alkohol die weitere Gärung gestoppt hat. Entwickelt wurde diese Methode vor mehreren hundert Jahren ursprünglich, um den Wein besser haltbar zu machen. Doch hat sie auch den Nebeneffekt, dass Portwein relativ süß bleibt und dazu einen Alkoholgehalt von etwa zwanzig Prozent besitzt.

Hauptabnehmer dieser keineswegs leichten Flüssigkeit war lange Zeit Großbritannien, das auf der Suche nach Alternativen zu Weinen aus dem Nachbarland Frankreich, mit dem man sich viele Jahrhunderte lang in schöner Regelmäßigkeit immer wieder einmal bekriegte, auf der iberischen Halbinsel - beim spanischen Sherry verhält es sich nämlich ganz ähnlich wie beim portugiesischen Portwein - fündig wurde.

Ständig größer wurde dabei die Nachfrage, so dass nicht nur immer mehr Flächen im Douro-Tal mit Rebstöcken bepflanzt wurden sondern schließlich auch praktisch die komplette Produktion ins Ausland ausgeführt wurde. Die Briten dominierten dabei eindeutig den Handel. Und Portugal geriet ausgerechnet durch die hohe Nachfrage nach dem eigenen, so erfolgreichen Produkt in eine erhebliche wirtschaftliche Abhängigkeit.

Nach siebenundzwanzig Kilometern kann man wieder umdrehen… …und bei Kilometer dreiunddreißig gibt es - nun wieder im Norden des Flusses eine weitere Wende

Ein Vertrag, der den weitgehend zollfreien Export auf die britischen Inseln ermöglichte, im Gegenzug allerdings auch die günstige Einfuhr britischer Waren ermöglichte, sorgte dafür, dass in Portugal ganze Wirtschaftzweige in Schwierigkeiten gerieten. Heimische Erzeugnisse insbesondere aus dem Textilbereich waren in vielen Fällen gegen die - aufgrund der beginnenden industriellen Revolution deutlich billigere - ausländische Konkurrenz kaum noch abzusetzen.

Und da immer mehr Bauern wegen des hohen Bedarfes nicht mehr Getreide sondern Wein anbauten, musste Portugal am Ende sogar Nahrungsmittel aus Großbritannien importieren und dafür einen erheblichen Teil des eigenen Staatshaushaltes aufwenden. Die breite Bevölkerung profitierte ohnehin wenig vom Portwein-Boom. Neben den Großgrundbesitzern waren vor allen Dingen die ausländischen, meist britischen Handelsgesellschaften die finanziellen Gewinner.

Noch heute tragen viele der großen Portweinabfüller englische Namen wie "Sandeman", "Offley", "Taylor" oder "Cockburn". Doch auch einige Firmenbezeichnungen aus dem deutschsprachigen Raum lassen sich am "Cais de Gaia" finden. "Kopke" und "Burmester" sind Beispiele dafür. Um sie zu entdecken, muss man keineswegs jeden einzelnen der vielen Keller und Hallen durcharbeiten, die sich in diesem halbkreisförmig von Hügeln umgebenen, nicht einmal einen halben Quadratkilometer großen Bereich drängen.

Es reicht vielmehr, einen Blick auf die "Rabelos" am Kai zu werfen. Denn praktisch jeder der großen Produzenten hat dort zu Werbezwecken mindestens eins dieser Boote liegen, die jenen Schiffen nachempfunden sind, mit denen einst der Wein auf dem Douro von den Anbaugebieten flussaufwärts - der Name "Portwein" ist seit langem geschützt und bezieht sich nicht nur auf das Verfahren, es dürfen zur Herstellung auch nur Trauben aus dieser Region verwendet werden - zu den Kellereien gebracht wurde.

Längst werden für den Transport allerdings modernen Tanklastzügen eingesetzt. Und die "barcos rabelos" dienen nun hauptsächlich noch als Fotomotiv für die vielen Touristen, die am Ufer entlang schlendern. Eines dieser Boote bildet übrigens neben dem "Ponte Dom Luis" in genauso stilisierter Form den zweiten Teil des Marathonlogos. Und tatsächlich kommt man während des Rennens auch recht nahe an sie heran.

So wirklich war das von den Streckenplanern aber eigentlich gar nicht beabsichtigt. Da jedoch die Straße erneut mit Kopfsteinpflaster belegt ist, weichen die meisten Läufer zum wiederholten Male auf den weitaus angenehmer zu belaufenden breiten Fußweg nebenan aus. Dass man sich diesen nicht nur mit Spaziergängern sondern auch mit einigen Straßenhändlern teilen muss, die auf der Promenade ihre Waren feil bieten, ist angesichts des holprigen Untergrundes auf dem eigentlichen Kurs noch das kleinere Übel.

Wie die Ribeira gegenüber zählt auch der Cais de Gaia eigentlich zum Pflichtprogramm eines Porto-Besuches - natürlich wegen des Portweines, aber auch wegen des herrlichen Ausblickes, den man von dort auf die Altstadt am anderen Ufer hat. Kaum jemand, der sich mit den lokalen Gegebenheiten nicht auskennt, käme auf den Gedanken, dass man sich dabei nicht mehr in Porto befinden könnte.

Doch hat man mit dem Überqueren des Ponte Dom Luis den Verwaltungsbereich der Gemeinde Porto tatsächlich erneut hinter sich gelassen und ist in die selbstständige Schwesterstadt Vila Nova de Gaia hinüber gewechselt, die das südliche Flussufer besetzt und zu der der Douro eine klare natürliche Grenze bildet. Streng genommen kommt der größte Teil des produzierten "Vinho do Porto" am Ende also gar nicht aus der Stadt, die ihm den Namen gab.

Eine ganze Reihe von hohen Brücken spannen sich in diesem Bereich über den Rio Douro

Vorbei an etlichen jener Lagerhäuser, in denen sich der Portwein in großen Fässern zu verschiedenen Reifegraden entwickelt, geht es nun einige Kilometer lang am südlichen Ufer flussabwärts. Obwohl man sich dabei meist sogar fast noch etwas näher am Fluss bewegt als auf der gegenüber liegenden Seite, bekommt die Strecke dabei zwischenzeitlich immer wieder einmal einige leichte Wellen.

Als man den Cais de Gaia endgültig hinter sich gelassen hat, gibt es nach dem Feuerwerk an optischen Eindrücken auf den letzten Kilometer dann auch am Streckenrand etwas weniger zu sehen. Doch zum einen ist das zwar - abgesehen vielleicht von der zweiten Unterquerung der Arrábida-Brücke - nicht mehr unbedingt spektakulär, aber eben trotzdem nie langweilig. Und zum anderen ist der Boden nun auch wieder weitgehend asphaltiert.

Ohnehin befindet man sich in einem Bereich, in dem die schon zurückgelegte Distanz langsam ein wenig Wirkung zu zeigen beginnt und man sich durchaus einmal ein wenig mit sich selbst beschäftigen kann. Denn als eine in der Straßenmitte aufgestellte Säule den Wendepunkt anzeigt, verkündet ein Schild nur wenige Schritte später auch den siebenundzwanzigsten Kilometer. Und als man wieder am Ponte Dom Luis zurück ist, beginnt bereits das Schlussviertel.

Auf dem Weg zurück hat man nun die wohl beste Sicht auf das sich die Hänge hinauf ziehende Stadtzentrum. Zumindest optisch direkt am oberen Brückenkopf thronen zum Beispiel der Dom und der Bischofspalst hoch über dem Fluss. Verglichen mit vielen ihrer Schwestern in anderen Städten ist die "Sé do Porto" mit ihrem Stilmix aus Romanik, Gotik und Barock eine eher kleine und unauffällige Kathedrale. Doch weil die Bischofskirche auf der Kuppe des höchsten Hügels am Douro sitzt, dominiert sie trotzdem das Panorama.

Nicht einmal den längsten Kirchturm der Stadt nennt sie ihr Eigen. Das ist nämlich der zur "Torre dos Clérigos" an der gleichnamigen Igreja. Stolze sechsundsiebzig Meter misst er und ist damit rund doppelt so hoch wie die beiden Türme der Sé. Sogar in ganz Portugal lässt sich kein Glockenturm finden, der vom Fuß bis zur Spitze noch weiter empor ragt.

Und da auch die "Kirche der Geistlichen" - beim Namensgeber handelt es sich um eine in Porto gegründete christliche Bruderschaft - weit oben auf einem Hügel erbaut wurde, wundert es wenig, dass er in der Vergangenheit stets auch als Orientierungshilfe diente. Hoch über den dicht gedrängten, ziemlich schmalen aber zumeist drei-, vier oder fünfgeschossigen Häusern der Ribeira ist er im Hintergrund jedenfalls kaum zu übersehen.

Die kurze, nur wenige Meter hohe, aber keineswegs sanfte Rampe vom Gaia-Kai - übrigens liegt der Bezeichnung "Gaia" höchstwahrscheinlich das gleiche historische Wörtchen "Cale" zugrunde, das auch in "Portugal" auftaucht - hinauf zur unteren Ebene der Dom-Luis-Brücke gibt eine kleine Ahnung davon, wie es wohl gewesen wäre, wenn die Kurssetzer tatsächlich einige dieser auf den Anhöhen verteilten Sehenswürdigkeiten in die Laufstrecke eingebaut hätten. Nach nun etwa zweiunddreißig Kilometern ist man durchaus froh, dass sie sich anders entschieden haben.

Jenseits der Brücke lassen sie auch erst einmal nicht nach links - also jene Richtung, aus der man zuvor gekommen war und in die man eigentlich wieder zurück müsste - schwenken. Vielmehr biegen die Marathonis nach rechts, wo auf einem kurzen Wurmfortsatz mit einem weiteren Wendepunkt ein zusätzlicher Kilometer heraus gekitzelt und der Antritt des Rückwegs noch ein wenig hinaus gezögert wird.

Besonders eng und steil sowie deswegen natürlich auch relativ spektakulär kommt das Douro-Tal in diesem Abschnitt daher. Fast senkrecht fallen die Hänge zu beiden Seiten des Flusses rund fünfzig Meter ab. Und von den sechs Brücken, die den Fluss im Stadtgebiet von Porto überspannen, finden sich gleich vier innerhalb dieses nur wenig mehr als einen Kilometer langen Bereiches.

Neben dem Ponte Dom Luis und seinem "älteren Bruder" Ponte Maria Pia, den man durch diese Zusatzschleife doch noch zu Gesicht bekommt, wären da zwischen den beiden auch noch eine gerade einmal zehn Jahre alte Straßenüberführung namens "Ponte Infante Dom Henrique" sowie der "Ponte de São João", über den als Ersatz für die nur eingleisige Maria-Pia-Brücke inzwischen der komplette Eisenbahnverkehr nach Süden läuft.

Bevor allerdings eine der allesamt über fünfzig Meter hohen Bauwerke wirklich erreicht wird, endet der kurze Ausflug nach Osten bereits an einer weiteren Wendetonne und wenig später ist man wieder am Ausgangspunkt angekommen. Der Kurs wählt diesmal wie schon erwähnt nicht den Weg entlang des Ribeira-Ufers. Er taucht vielmehr in einen Straßentunnel ein, der unter dem Hügel mit der Kathedrale hindurch führt.

Nach etwa zweihundert Metern kommt man auf der anderen Seite des Hügels wieder ans Tageslicht. Und nur einen Häuserblock später öffnet sich das Blickfeld noch weiter. Denn man ist auf die "Praça do Infante Dom Henrique" hinaus gelaufen, deren gegenüber gelegene Front der wuchtige neoklassizistische "Palácio da Bolsa", die frühere Börse der Stadt einnimmt, während rechts oben am Hang die rote Metallfassade der zu einem Kulturzentrum umgebauten alten Markthallen aufleuchtet.

Hinter dem Tunnel, der unter dem Hügel der Kathedrale hindurchführt, …
… erreicht man den nach Heinrich dem Seefahrer benannten Platz mit dessen Denkmal, dem "Palácio da Bolsa" und die zu einem Kulturzentrum umgebauten alten Markthallen

In der Mitte der etwa fußballfeldgroßen, deutlich zur Seite geneigten Freifläche steht ein Denkmal für jenen Mann, der zwar niemals über das Land herrschte, dem aber dennoch ein gewaltiger Einfluss auf die portugiesische Geschichte zugeschrieben wird. Im deutschsprachigen Raum ist dieser Prinz Henrique als "Heinrich der Seefahrer" bekannt. Dabei führten ihn seine weitesten Schiffsreisen gerade einmal in den Norden Marokkos jenseits der Straße von Gibraltar, wo er zwei Feldzüge gegen die maurischen Städte Tanger und Ceuta führte.

Doch tat er sich eben als Förderer und Finanzier von Entdeckungsfahrten hervor. Noch zu Lebzeiten des königlichen Prinzen, der als viertgeborener Sohn allerdings keinerlei Chancen hatte, auf den Thron zu kommen, wurden Madeira sowie die Azoren im Atlantik entdeckt, die beide bis heute noch zu Portugal gehören. Und entlang der afrikanischen Westküste entstanden erste Handelsposten. Knapp hundert Jahre nach dem Beginn des von Heinrich angestoßenen Programmes fand es seine Krönung wie erhofft in der ersten Indienfahrt Vasco da Gamas.

Obwohl nach dem "Infante Dom Henrique" in ganz Portugal Straßen und Plätze benannt sind, nimmt die Praça in Porto doch eine ganz besondere Stellung ein. Denn direkt gegenüber befindet sich in der zur Largo do Terreiro führenden kurzen Gasse jenes "Casa do Infante", in dem "o Navegador" - wie der Namenszusatz im portugiesischen Original lautet - einer mündlichen Überlieferung nach geboren wurde.

Wirklich belegbar ist diese Behauptung zwar nicht. Doch gilt es allgemein als gesichert, dass Heinrich 1394 in Porto zu Welt kam. Und da das Gebäude damals als Zollhaus tatsächlich im Besitz der portugiesischen Krone war, ist es nicht einmal unwahrscheinlich, dass an diese Geschichte tatsächlich etwas dran ist, weil die königliche Familie während ihres Aufenthaltes in der Stadt dort residierte.

An der eine Ecke des Platzes einnehmenden "Igreja de São Francisco" betritt man wieder altbekannte Pfade. Auf den nun noch folgenden acht Kilometern über die Uferstraßen entlang von Douro und Atlantik wird man nichts wirklich Neues mehr entdecken können. Doch natürlich ergibt sich durch die umgekehrte Lauf- und Blickrichtung eine ganze Reihe von ziemlich veränderten Perspektiven.

Dass die Strecke nun vorbei an Kilometer fünfunddreißig bis zur Douro-Mündung ohne allzu große Höhenunterschiede verläuft, ist dabei sicher nicht von Nachteil. Die beiden kurzen Wellen hinauf zum "Forte da Foz" und - nach einer kleinen Senke - zur Seepromenade wirken so kurz vor dem Ziel trotz einer wohl nicht einmal zweistelligen Zahl an Höhenmetern und nur wenigen Prozent Neigung schließlich fast schon wie echte Berge.

Eine eher psychologische Herausforderung sind dann die beiden Kilometer auf der breiten, schnurgeraden und deswegen auch extrem weit einsehbaren Straße am Meer. Doch die wirkliche Aufgabe beginnt, als man die Praça de Gonçalves Zarco zum dritten Mal erreicht und den Kreis zu ihrer Umrundung endgültig geschlossen hat. Denn nun geht es nicht nur erneut fast eineinhalb Kilometer lang geradeaus. Die Strecke zieht sich ausgerechnet ganz zum Schluss eben auch noch einmal den Hang hinauf.

Die Steigung ist gar nicht einmal wirklich schwer. Es sind vielleicht dreißig Höhenmeter, die es dabei in der Summe zu überwinden gilt. Und mehr als eine Handvoll Prozent wird man selbst in den "steilsten" Abschnitten kaum messen können. Doch bewegt sich der Anstieg damit trotzdem in einem Bereich, bei dem er sich sowohl in den Beinen deutlich spüren als auch mit dem Auge eindeutig erkennen lässt. Und auf dem letzten Kilometer eines Marathons kann selbst eine solch sanfte Neigung der Straße recht schmerzhaft werden.

Bei den Männern muss man praktisch bis zum Ende dieser Gerade, die man ein ganzes Stück vor dem einundvierzigsten Kilometer betritt und erst wieder verlässt, wenn man das Schild mit der zweiundvierzig schon hinter sich gelassen hat, um auf eine ziemlich kurze Zielgerade einzubiegen, warten, bevor sich ein spannender Dreikampf um die Aufteilung der ersten Plätze entscheidet.

Denn mit gerade einmal drei Sekunden Vorsprung überquert der Kenianer Joash Kipkoech Mutai nach 2:13:04 die Zeitmessmatte am Parque da Cidade. Zweiundvierzig Kilometer ist er zusammen mit dem Äthiopier Getachew Abayu unterwegs gewesen und kann diesen wirklich erst auf den letzten Metern abschütteln. Aber auch der Portugiese Rui Pedro Silva spurtet um den Sieg mit, muss sich allerdings in 2:13:11 dann doch mit dem dritten Platz begnügen.

Wie Jacob Chesire aus Kenia, der nach 2:16:01 Vierter wird, hält Silva - ausgerechnet für den in Lissabon beheimateten Club Benfica unterwegs, der im Fußball ja der größte Rivale des FC Porto ist - bis über die Dreißig-Kilometer-Marke hinaus in der Spitzengruppe mit, muss dann aber eine kleine Lücke reißen lassen. Bis zum Fuß des letzten Anstieges kämpft er sich wieder an die beiden Ostafrikaner heran, nur um ihnen am Ende dann doch unterlegen zu sein.

Allerdings verkaufen sich die "Portugueses" - wie die Eigenbezeichnung der Portugiesen zur Unterscheidung von den "Portuenses" aus Porto lautet - ohnehin recht gut. Denn auch Silvas Vereinskollege José Moreira kann sich mit 2:16:19 noch in die übliche afrikanische Phalanx auf den vorderen Plätzen hinein schieben und nach einem vorsichtigeren Beginn den lange ebenfalls in der Spitzengruppe mitlaufenden Moses Mwarur (2:18:44) noch abfangen.

Und bei den Frauen fehlen nur vier Sekunden, sonst hätte mit der 2:43:14 laufenden Rosa Madureira ebenfalls eine Einheimische auf dem Treppchen gestanden. Dabei legt die Läuferin aus dem von Porto ziemlich genau einen Marathon entfernten Städtchen Penafiel eine Aufholjagd hin, die noch weitaus beeindruckender ist als die ihres Landsmannes Silva, allerdings genauso wenig von Erfolg gekrönt wird.

Auf dem letzten Kilometer muss man noch einmal ein ganzes Stück bergan laufen, um das Ziel am "Parque da Cidade" zu erreichen und die wohlverdienten Jubiläumsmedaillen in Empfang nehmen zu können

Zur Halbzeit, die Madureira in ziemlich genau achtzig Minuten passiert, beträgt der Rückstand auf jene Linah Chirchir, die sich vor ihr gerade noch auf Platz drei ins Ziel rettet, schließlich bereits mehr als drei Minuten. Und selbst bei Kilometer vierzig liegen noch über sechzig Sekunden zwischen den beiden.

Während die Kenianerin aber mehr als zehn Minuten benötigt, um sich den Schlussanstieg hinauf zu arbeiten, ist die Portugiesin eine volle Minute schneller und dürfte nach dem Rennen sicher darüber nachdenken, ob man einen Marathon nicht doch ein paar Meter länger ausfallen lassen könnte.

Bis Kilometer dreißig liegt Chirchir noch mit Chaltu Waka und Hayimanot Shewe aus Äthiopien zusammen an der Spitze, bevor sie im letzten Viertel noch weit über fünf Minuten auf die am Ende in 2:37:47 siegreiche Chaltu Waka verliert. Hayimanot Shewe kann zwar mit der späteren Gewinnerin noch bis jenseits der fünfunddreißig Kilometer mithalten, bricht dann aber fast genauso heftig ein wie die Kenianerin. Denn auch sie verliert noch rund drei Minuten auf ihre Kollegin, bevor die Uhren in 2:40:44 stehen bleiben.

Die kurze und keineswegs imposante Zielgerade lässt erneut die Frage aufkommen, weshalb man genau dieses Streckenkonzept gewählt hat. Doch dahinter ist die Fläche eben für die nach dem Einlauf benötigte Logistik durchaus ausreichend. Und zwischen den beiden so unlogisch erscheinenden Endpunkten bietet die Strecke den Marathonis außerdem ziemlich viel von dem, was Porto ausmacht und eben auch auszeichnet.

Die Stadt an der Douro-Mündung hat auf jeden Fall mehr zu bieten als nur Fußball und Portwein. Und selbst wenn sie am äußersten Rand Europas zu finden ist, hätte sie vielleicht doch etwas mehr Aufmerksamkeit und den einen oder anderen zusätzlichen Besucher verdient. Der Porto Marathon bietet jedenfalls für Läufer eine gute Gelegenheit, diese zweite Stadt des Landes im Südwesten des Kontinents tatsächlich einmal kennen zu lernen.

Bericht und Fotos von Ralf Klink

Info & Ergebnisse www.maratonadoporto.com/de

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