8. Prince Edward County Marathon Wellington - Picton (KAN - 2.10.11)

Indian Summer in ungemütlicher Variante

von Ralf Klink

Von Wellington nach Picton? "Klar", werden jetzt Neuseelandfreunde ausrufen, "das kenn ich". Doch schon im gleichen Moment dürfte das Nachdenken einsetzten. "Ein Marathon? Wie soll das denn gehen?" Schließlich liegt Wellington auf der neuseeländischen Nordinsel, Picton dagegen auf der südlichen der beiden ungefähr gleichgroßen Landeshälften.

Und miteinander verknüpft sind sie nicht etwa durch eine Straße, auf der man zweiundvierzig Kilometer absolvieren könnte, sondern lediglich durch die zwischen beiden Städten verkehrenden Schiffe - die wichtigste und einzig regelmäßige Fährverbindung der zwei Inseln. Darum haben die Zweifler natürlich recht. Denn die Rede ist hier gar nicht von Wellington und Picton in Neuseeland. Es geht vielmehr um die gleichnamigen Orte in Ontario, Kanada.

Nun ist es nicht ungewöhnlich, irgendwo einem Ort mit Namen Wellington zu begegnen. Denn mehr als zwei Dutzend Wellingtons unterschiedlichster Größe lassen sich weltweit auf den Karten entdecken.

Wellington, New Zealand ist davon eben nur das größte und bekannteste. Und immerhin auch ein halbes Dutzend Pictons existieren im englischsprachigen Raum. Doch so nahe wie im Süden der kanadischen Provinz Ontario kommen die beiden nirgendwo sonst zusammen.

Auf ein Kanada wie aus dem Bilderbuch mit endlosen Wäldern, unzähligen Seen und rauschenden Wildbächen stößt man ziemlich schnell, wenn man die großen Städte hinter sich lässt

Dabei sind ihre Namensgeber doch so eng miteinander verbunden. Jenen aus einer verarmten irischen Adelsfamilie stammenden Arthur Wellesley, der später für seine Verdienste den Titel des Herzog von Wellington erhalten sollte, kennt man vielleicht sogar noch. Schließlich war er es, der den Oberbefehl über jene Armee hatte, die zusammen mit dem von Blücher geführten preußischen Truppen den französischen Kaiser Napoleon in der Schlacht von Waterloo endgültig besiegte.

Von Thomas Picton dürften allerdings die wenigsten schon einmal gehört haben. Doch handelt es sich bei ihm dennoch um einen der bedeutendsten Kommandeure in dieser rund hunderttausend Soldaten umfassenden Streitmacht. Und nicht nur im blutigen Gefecht vor den Toren der belgischen Hauptstadt Brüssel zählte der gebürtige Waliser zu den wichtigsten Untergebenen Wellingtons. Schon beim mehrere Jahre dauernden Feldzug auf der iberischen Halbinsel war er General einer der britischen Divisionen.

Im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten konnte Picton den Ruhm allerdings nicht mehr auskosten. Er überlebte Waterloo - dessen Name ja inzwischen im allgemeinen Sprachgebrauch zu einem Synonym für eine vernichtende Niederlage geworden ist - nämlich nicht. Eine Kugel traf den General in die Schläfe, während er seine Einheiten formierte, um eine französische Attacke abzuwehren. Dadurch wurde er zum höchstrangigen britischen Offizier, der in der Schlacht fiel.

Durchaus ansehnlich sind etliche der Wohnhäuser in Picton

Ein gern hervor geholtes - wären die Umstände nicht traurig fast schon amüsantes - Detail ist, dass er in diesem Moment überhaupt keine Uniform trug. Denn diese befand sich in seinem nicht rechtzeitig vor Ort eingetroffenen Gepäck. Und so kommandierte Thomas Picton seine Regimenter nicht im scharlachroten Waffenrock der britischen Armee sondern in Zivilkleidung mit einem Zylinder anstelle des zu jener Zeit üblichen Zweispitzes auf dem Kopf.

Aber weil sich die Menschheit am Ende hauptsächlich für die strahlenden Sieger und nicht so sehr für die tragischen Helden der Geschichte interessiert, ist Thomas Picton - wie alle anderen Opfer der Schlacht von Waterloo auch - nahezu vergessen, während Wellingtons Name noch immer einen gewissen Klang hat. Und deshalb gibt es eben auch deutlich mehr Wellingtons als Pictons auf der Landkarte.

Dass die Hauptstadt Neuseelands - oder Aotearoa, wie die Maori das Land nennen - jedoch Wellington und nicht Picton heißt, hat damit dann doch nur sehr bedingt zu tun. Denn den Bewohnern der Südinsel war Auckland, die mit Abstand größte Stadt des Landes noch viel weiter nördlich einfach zu weit entfernt. Wellington als südlichste Stadt der bevölkerungsreicheren Nordinsel wurde schließlich als Kompromisslösung gewählt.

Damit kann man auch schnell wieder die Brücke nach Kanada schlagen, wo eben nicht Toronto oder Montréal zur Hauptstadt gemacht wurden, sondern man vielmehr das zu diesem Zeitpunkt kaum mehr als eine Holzfällersiedlung darstellende Ottawa zur Kapitale machte. Dass dieses genau auf der Grenze zwischen den beiden wichtigsten Provinzen, dem englischsprachigen Ontario und dem frankophonen Québec liegt, war bei dieser - angeblich von Queen Victoria höchstpersönlich getroffenen - Entscheidung sicher ein wichtiges Argument.

Oft farbenfroh geschmückt sind die Häuser im kanadischen Indian Summer

Ähnliches lässt sich allerdings auch in Australien finden, wo im Streit zwischen den beiden großen Zentren Sydney und Melbourne schließlich Canberra zur neuen Hauptstadt gemacht wurde. Auch in den USA residieren Präsident und Kongress in Washington und nicht etwa in New York. Und Südafrika hat sogar mit Kapstadt einen Parlaments- und mit Pretoria einen Regierungssitz, das weit bevölkerungsreichere und wirtschaftskräftigere Johannesburg allerdings ging bei der Verteilung leer aus.

Die Variante, nicht die größte Metropole zur Hauptstadt zu machen, scheint im angelsächsischen Sprachraum also nicht nur weitverbreitet zu sein, es scheint als habe das beinahe System. Doch eine allgemeingültige Regel kann man daraus natürlich nicht ableiten. Schließlich besitzt ausgerechnet im britischen Mutterland London eine absolut zentrale und beinahe schon alles andere erdrückende Bedeutung.

Zurück zu Kanada, Ontario, wo im Gegensatz zu Neuseeland die Rollen im Zweierpack der Waterloo-General-Orte sogar anderes herum verteil sind, denn Picton - mit drei- bis viertausend Einwohnern von ähnlicher Größe wie das neuseeländische Gegenstück - ist hier in jeder Hinsicht vorne. Doch während das Wellington an der Cook-Straße zwischen Tasmanischer See und Pazifischem Ozean fast fünfhunderttausend Menschen zählt, bringt es das kanadische auf gerade einmal fünfzehnhundert.

Angesicht so kleiner Zahlenwerte ist es jedenfalls kein Wunder, dass nicht nur die Einwohner und Fans von Aotearoa noch nie von diesen Doppelgängern ihrer Fährhäfen gehört haben. Auch Kanadafreunde - ja sogar die Kanadier selbst - kennen die beiden Orte in der Regel nicht. Bevölkerungsschwerpunkte und bedeutende städtische Zentren sehen schließlich definitiv anders aus. Und dennoch gibt es zwischen den beiden einen Marathon. Den Zusatz "City" sucht man unter diesen Voraussetzungen selbstverständlich vergeblich in seinem Namen.

Individualität ist bei der Dekoration gefragt - Vogelscheuchen, Herbstblumen, Kürbisse, Strohballen und Maiskolben kann man dazu kombinieren

Vielmehr hat man die Bezeichnung "The County Marathon" gewählt, wohlgemerkt ohne "r". Denn selbst wenn der Lauf weitgehend über offenes Land - auf Englisch "country" - führt, ist seine Benennung vielmehr auf die im angelsächsischen Sprachraum weit verbreitete Verwaltungseinheit "County" zurück zu führen. "Prince Edward County" heißt der Kreis - ungefähr darum handelt es sich ja - in dem die Ortschaften Wellington und Picton liegen und der während des Rennens durchquert wird.

Vielleicht um Verwechslungen zu vermeiden, taucht das "Prince Edward" dann doch lieber nicht auf. Im gleichen Monat wird schließlich auch noch der "Prince Edward Island Marathon" ausgetragen. Weiter im Osten am Atlantik liegt die Insel mit dem gleichen Namensgeber. Sie ist die mit Abstand kleinste Provinz des riesigen Kanada, kaum doppelt so groß wie das Saarland. Nur ein halbes Prozent der Landesfläche nimmt sie ein.

Aber nicht nur in Prince Edward County und auf Prince Edward Island wird während dieser Tage in Kanada Marathon gelaufen. Mehr als ein halbes Dutzend Rennen finden sich dort zwischen Ende September und Ende Oktober. In den Metropolen Montréal und Toronto, doch auch in Städtchen wie Rimouski in Québec oder Hampton und Moncton in New Brunswick. Sogar direkt neben den Niagara-Fällen gibt es einen Zieleinlauf.

Südlich der Grenze zwischen Kanada und dem amerikanischen Neuengland ist das Marathonnetz in dieser Zeit noch wesentlich dichter geknüpft. Weit über zwanzig Mal werden in Maine, Vermont und New Hampshire, Massachusetts, Connecticut und Rhode Island sowie dem Staat New York, der zwar eigentlich nicht wirklich zu Region New England gehört aber direkt daneben liegt, Läufer auf die zweiundvierzig Kilometer lange Distanz geschickt.

Selbst wenn auch in Mitteleuropa im September und Oktober Hochsaison herrscht, ist diese Häufung schon ziemlich auffällig. Denn beinahe die Hälfte aller Marathonläufe in der nordöstlichen Ecke Nordamerikas steht innerhalb dieser wenigen Wochen im Kalender. Und im Bundesstaat New Hampshire hat man sogar eine Quote von hundert Prozent, denn alle vier dortigen Marathons finden innerhalb von gerade einmal sechs Wochen statt. Dafür gibt es natürlich einen triftigen Grund. Und der heißt "Indian Summer".

Als "Zeit der flammenden Wälder" gilt der Indian Summer im Osten Kanadas, fast schon unnatürlich sind die Laubfärbungen dabei häufig

Eigentlich versteht man in Nordamerika darunter hauptsächlich eine stabile Wetterlage mit einem Hochdruckgebiet, die nach der ersten ungemütlichen Phase des Herbstes noch einmal Sonnenschein und Temperaturen im Bereich von zwanzig oder mehr Grad - auf der Celsiusskala wohlgemerkt und nicht der Fahrenheiteinteilung, die von den US-Amerikanern verwendet wird. Ungefähr analog zu dem, was im deutschsprachigen Raum als "Altweibersommer" oder "Goldener Oktober" firmiert.

Doch hat der Begriff noch einen Beiklang, der inzwischen hierzulande allgemein sogar dominiert. Dieser bezieht sich auf die im Herbst entstehende Laubfärbung, die in dieser Region ziemlich extrem und spektakulär ausfällt. Auch dafür gibt es einen Begriff, "fall foliage" - übersetzbar etwa mit "Herbstlaub", denn "foliage" ist abgeleitet vom latinischen "folium" ein anderes Wort für "Blätter".

Doch den kennt man in Europa eigentlich nicht. Vielleicht auch, weil er viel schwerer zu behalten ist wie die Kombination "Indianische Sommer", für deren Herkunft es mehrere verschiedene Theorien gibt. Manchmal wird mit der Jagdsaison und Erntezeit der Ureinwohner im Herbst argumentiert. Eine andere weit weniger friedliche These behaupten, die Bezeichnung wäre entstanden, weil in dieser Zeit von den Siedlern an der "Frontier" noch einmal verstärkt indianische Überfälle beobachtet wurden, bevor im Winter dann endgültig Ruhe einkehrte.

Jedenfalls ist die Färbung der Blätter so extrem und spektakulär, dass sie längst ein erheblicher Faktor für die Tourismusindustrie ist. Hauptsächlich vermutlich zwar in den Neuenglandstaaten, doch in gewissem Maß eben auch im Osten Kanadas. Es gibt in Nordamerika schließlich sogar eine Freizeitbeschäftigung namens "leaf peeping", bei der man die Blattverfärbung in den riesigen dortigen Wäldern beobachtet und eventuell auch auf Zelluloid oder Silikon festhält.

Zwischen viktorianischen Villen entdeckt man … … auch das Gebäude Kreisverwaltung … … sowie gleich mehrere Kirchen in dem Städtchen Picton

Ähnlich dem Wetterbericht gibt es auch Meldungen in Zeitungen und zum Teil sogar im Fernsehen, wo denn in diesem Augenblick die Farben am spektakulärsten und fotogensten sind. Denn genau wie Hoch- und Tiefdruckgebiete, Sturmfronten oder Hitzewellen verschiebt sich der Indian Summer - bleiben wir einmal beim hierzulande gewohnten Begriff - übers Land. Das geschieht zwar deutlich langsamer als bei den meisten Wetterphänomenen, doch gibt es eben trotzdem eine klar nachvollziehbare Wanderung der zwei, drei oder maximal vier Wochen dauernden Hauptphase der Verfärbung.

Wenig überraschend beginnt sie im Norden sowie in den höheren Lagen- je nach Witterung im späten August oder frühen September - und dringt dann immer weiter nach Süden und in die tiefer liegenden Gebiete vor. Beginnend mit den Waldregionen in der Mitte der kanadischen Provinzen Québec und Ontario zieht der Indian Summer weit über die Neuenglandstaaten hinaus bis in die südlichen Appalachen von Virginia oder North Carolina, wo er dann im November sein Ende findet.

Einen großen Vorteil hat Kanada im Wettbewerb um Indian-Summer-Touristen aus Europa auf jeden Fall. Denn während es in den USA immer schärfere Regelungen für die Einreise gibt, genügt beim nördlichen Nachbarn EU-Bürgern die einfache Vorlage eines gültigen Passes, um ins Land zu gelangen. Inzwischen wird in diesen sogar nicht einmal mehr ein Stempel hinein gedrückt.

Nun gibt es doch auch in Mitteleuropa im Herbst bunte Blätter, warum soll den ausgerechnet der nordamerikanische Indian Summer in dieser Hinsicht das Nonplusultra sein. Darauf haben verschiedene Faktoren Einfluss. Ein wichtiger sind die Temperaturunterschiede, die in der Regel doch deutlich größer ausfallen als in den vergleichbaren Monaten östlich des Atlantiks. Tagestemperaturen oberhalb der Zwanzig-Grad-Marke stehen häufig Nachtfröste gegenüber. Dadurch wird die Verfärbung angeregt und verstärkt.

Doch mindestens genauso bedeutend ist die Tatsache, dass der dominierende Baum in den Wäldern im Nordosten des amerikanischen Kontinents der Ahorn ist. Denn während die Blätter der meisten Bäume wie Birke, Eiche oder Kastanie recht schnell von grün über gelb ins Braune übergehen, lässt sich beim Ahorn auch hierzulande im Herbst oft eine recht intensive Rotfärbung beobachten.

Allerdings ist nicht nur die schiere Ahornmenge wesentlich größer als in Mitteleuropa, auch die Zahl der verschiedenen Arten übersteigt die hiesige um ein Vielfaches. Den Zucker-Ahorn, dessen Rinde man anzapft um das bekannte Sirup zu bekommen, gibt es jedenfalls nur jenseits des großen Teiches. Dass man ihn auch "kanadischen Ahorn" nennt, liegt eher daran, dass seine herbstroten Blätter einst das Motiv für die dortige Flagge lieferten, als an seinem Verbreitungsgebiet. Das reicht nämlich bis weit in die USA hinein und ist dort sogar flächenmäßig deutlich größer als nördlich der Grenze.

Crystal Palace heißt die hölzerne Ausstellungshalle, die in Picton als Marathonzentrum dient

Wer jetzt behauptet, so ein rot wie in der Fahne Kanadas könne es in der Natur doch gar nicht geben, irrt. Praktisch die gesamte Palette von Gelb-, Orange- und Rottönen wird nämlich von den Ahornen in Nordamerika ausgeschöpft. Von Baum zu Baum ändert sich die Farbe. Doch auch auf einer einzigen Pflanze kann die eine Seite noch im "normalen" Grün daher kommen, während die andere in einem fast schon künstlich wirkenden Orange leuchtet. Ja sogar einzelne Blätter sind oft grün und rot zugleich. Der Farbenpracht und -kombination scheinen nur wenige Grenzen gesetzt.

Besteht nun ein Wald hauptsächlich aus solchen Hölzern, kann man sich durchaus vorstellen, dass dieser optisch zu "brennen" anfängt, ähnlich einem mit Schleierwolken bedeckten Himmel bei Sonnenuntergang. Nicht umsonst geistert immer wieder einmal die Phrase von der "Zeit der flammenden Wälder" durch die Veröffentlichungen. Die kanadischen und amerikanischen Feuerwehrleute sind sicher froh, dass all das nur im übertragenden Sinn gemeint ist.

Natürlich ist es durchaus problematisch, wenn man einen Termin möglichst zum Höhepunkt dieses Farbenspiels terminieren will, ihn aber trotzdem schon viele Monate im Voraus festlegen muss - also dann wenn die Bäume noch nicht einmal jenes Laub tragen, das man im Herbst vorführen möchte. Und so liegen diejenigen der genannten Marathons, die sich eher am Anfang der Periode positioniert haben, im Jahr 2011 ein wenig daneben.

Denn diesmal kommt der Indian Summer einige Tage später als gewöhnlich. Und so hat die Zeit des bunten Laubes eigentlich noch gar nicht richtig angefangen, als sich die Läuferschar im Prince Edward County versammelt. Nur vereinzelt hat sich die Farbe der Blätter an den Bäumen bereits vom unscheinbaren Grün in leuchtendes Orange oder Rot verschoben.

Und von "summer" kann am Marathonwochenende auch keine Rede sein. Noch wenige Tage zuvor hatte sich der September mit strahlendem Sonnenschein und Temperaturen deutlich über zwanzig Grad von seiner schönsten Seite gezeigt. Der Montréal Marathon nur eine Woche zuvor fand bei beinahe schon zu warmen Bedingungen statt.

Doch je näher der Oktober gekommen war, umso mehr hatte sich das Wetter verschlechtert. Erst Wolken, dann Regen und auch das Quecksilber zeigte eine fallende Tendenz. Zu allem Überfluss hatte der Wind noch auf eher nördliche Richtung gedreht. Im Osten Kanadas, wo sich bis zur Arktis nur noch einige Mittelgebirge erheben, die der polaren Luft ein wenig Widerstand bieten können, ist das ein untrügliches Zeichen, dass nun eine eher kalte Periode ansteht.

Die Vorhersagen melden dann auch gerade noch acht Grad für den Renntag. Und zu allem Überfluss zeigen die Wetterkarten der Fernsehsender nicht nur Wolken. Unter ihnen sind außerdem Tropfen eingezeichnet. Es wird also eher ungemütlich werden. Vom viel gerühmten Indian Summer hat man irgendwie dann doch eine ganz andere Vorstellung.

Während man die Chips für die Zeitmessung erst morgens in der Eishalle von Wellington bekommt … … werden die Startnummern schon am Vortag in Picton im Crystal Palace ausgegeben

Schon am Samstag zeigt sich der Oktoberanfang in Ostkanada mit Wind und Kühle eher von seiner herbstlichen Seite, selbst wenn es die Sonne noch gelegentlich durch die Wolken schafft. So sind die Läufer, die sich an diesem Tag im Zielort Picton ihre Startnummern abholen, dann auch alles andere als leicht bekleidet.

Neben den etwa zweihundert Marathonis sind das auch noch ungefähr siebenhundert Teilnehmer auf der Halbdistanz, die wie zumeist auch im Prince Edward County zahlenmäßig eindeutig dominiert. Bezüglich der Meldegebühren macht es allerdings keinen Unterschied für welchen der beiden Läufe man sich entscheidet. Denn diese liegt für alle Einzelstarter bei einheitlichen achtzig kanadischen Dollar.

Wer sich die angebotenen Strecken nicht alleine zutraut oder zumuten will, kann sich den Marathon außerdem auch in einer Fünferstaffel aufteilen. Dass dafür zweihundertneunzig Dollar fällig sind, hängt zwar hauptsächlich damit zusammen, dass alle das komplette Leistungspaket mit Langarm-Funktionshemd und Medaille in Anspruch nehmen. Aber umgerechnet immerhin rund vierzig Euro pro Person sind für Etappen zwischen sechs und elf Kilometern dann doch ein recht stolzer Preis.

Ausgebucht ist man trotzdem. Rund einhundert Mannschaften haben ihre Meldung abgegeben, womit schon lange vor dem Renntag die "Registration" ein "closed" und "sold out" vermeldet. Denn bei insgesamt fünfzehnhundert Teilnehmern ziehen die Organisatoren in aller Bescheidenheit einen Schlussstrich.

Die Qualität der Veranstaltung soll nicht leiden, weiteres Wachstum ist gar nicht erwünscht. Eine durchaus bemerkenswerte Einstellung für den in Kanada zur Zeit - im Gegensatz zur deutschen Marathonszene - eher expandierenden Laufmarkt und in einer eigentlich auf immer größere Zahlen fixierten Welt. Doch muss man sich auf Seiten der Macher im Moment auch keine wirklichen Gedanken über die Zukunft des Rennens machen, denn das Limit für den County Marathon wurde in den letzten Jahren immer problemlos und frühzeitig erreicht.

Der Zielort Picton und der Startort Wellington liegen beide an der als "Loyalist Parkway" ausgeschilderten Touristikstraße

Doch wo liegt es denn nun dieses Prince Edward County? Wo findet man Picton und Wellington in Ontario, Kanada genau. Erster Anhaltspunkt ist dabei der Ontariosee, der östlichste und kleinste der fünf Großen Seen. Allerdings ist das "klein" dabei angesichts eines über dreihundert Kilometer langen Gewässers ziemlich relativ zu verstehen. Die deutschen Bundesländer Schleswig-Holstein, Sachsen oder Thüringen würden jedenfalls komplett hinein passen. Und die Fläche des Bodensees, des "schwäbische Meeres", wird sogar locker um ein vierzigfaches übertroffen.

Obwohl die Provinz Ontario abgesehen vom komplett auf US-amerikanischen Boden liegenden Michigansee Anteil an allen Großen Seen besitzt, hat ausgerechnet der kleinste ihr den Namen gegeben. Doch war und ist seine Küste eben der mit Abstand am dichtesten besiedelte Bereich und damit das Kernland dieses Landesteils. Alleine im Großraum Toronto am westlichen Ende des Sees lebt jedenfalls rund ein Fünftel der fünfunddreißig Millionen Kanadier.

Und sogar mehr als die Hälfte der Bevölkerung kann man im sogenannten Québec-Windsor- Korridor zählen, einem etwa tausend Kilometer langen Streifen, der sich zwischen den beiden namensgebenden Städten entlang von Sankt-Lorenz-Strom sowie Ontario- und Eriesee parallel zur amerikanisch-kanadischen Grenze zieht.

Picton und Wellington sind von den beiden Endpunkten ungefähr gleichweit entfernt. Und damit liegen sie auch etwa auf halbem Weg zwischen Montréal und Toronto, den beiden größten Ballungszentren des Landes. Dreihundertfünfzig Kilometer sind es bis zur frankokanadischen Metropole Montréal - eine französischsprachige Version der Internetseite sucht man übrigens trotzdem vergeblich.

Rund zweihundertfünfzig Kilometer fährt man nach Toronto. Und die kanadische Hauptstadt Ottawa, die sich gemeinsam mit der am anderen Ufer des Ottawa River in Québec gelegenen Schwesterstadt Gatineau inzwischen auf Platz vier in der Liste der bevölkerungsstärksten Großräume des Landes nach oben gearbeitet hat, findet sich am nördlichen Ende des Korridors ebenfalls in einer ähnlichen Distanz.

Etwa in der Mitte dieser Achse ragt eine auffällige, etwa fünfzig Kilometer breite Halbinsel rund dreißig Kilometer weit in den Osten des ansonsten eher ein gleichmäßiges Oval darstellenden Ontariosees. Bei genauerem Hinsehen und einer höherer Auflösung der Karte entpuppt sich dann, dass die Ausbeulung der Küstenlinie in Wahrheit sogar noch viel mehr Halbinsel ist, als anfangs vermutet.

Denn eigentlich besteht die feste Verbindung zum restlichen Kanada nur aus einem zwei bis drei Kilometer schmalen Landstreifen ganz im Westen. Ansonsten schiebt sich dagegen ein stark zerfurchter, ungefähr z-förmiger Seitenarm des Sees zwischen Halbinsel und Festland. Selbst dort, wo sie sich ein wenig weitet, ist diese Bay of Quinte nur wenige Kilometer breit. An ihren engsten Stellen sind es sogar nur wenige hundert Meter. Kein Wunder, das man sie bei einem gröberen Maßstab schon einmal übersehen kann.

Nicht übermäßig groß ist der Startbereich in Wellington, doch für zweihundert Marathonis und achtzig Staffeln ist der Platz mehr als ausreichend

Diese Halbinsel ist Prince Edward County. So heißt sie zumindest offiziell. Die Bezeichnungen "Isle of Quinte" oder manchmal auch "Quinte's Isle" sind nämlich ebenfalls in Gebrauch. Ihrerseits selbst wieder mit mehreren tief einschneidenden Buchten und schmalen Landzungen ausgestattet, hat sie einen ziemlich markanten Umriss, der sich in der Form der Marathonmedaille wieder findet. Die Ehrenmedaillen für die Platzierten der Altersklassen haben dagegen die Gestalt eines Ahornblatts.

Inzwischen handelt es sich bei der Isle of Quinte sogar tatsächlich und nicht nur dem Namen nach um eine Insel. Denn fast erwartungsgemäß gibt es einen Kanal durch den Isthmus, der den ansonsten über hundert Kilometer langen Weg durch die Bay of Quinte und den Ontariosee auf wenige tausend Meter verkürzt. Doch nicht über den Kanal sondern auch über die Bucht hat man andererseits wieder Brücken geschlagen, so dass egal aus welcher Richtung man kommt, die wenigen kleinen Ortschaften der Insel ohne größere Umwege zu erreichen sind.

Picton ist mit seinen etwa viertausend Bewohnern schon die größte Siedlung und auch die einzige, die einen zumindest kleinstädtischen Charakter hat. Ansonsten verteilen sich die fünfundzwanzigtausend Menschen, der inzwischen zu einer einzigen Gemeinde fusionierten Counties - eine sogenannte "single-tier municipality" - auf eine Fläche, die deutlich größer ist als Berlin.

So ist es dann auch nicht unbedingt erstaunlich, dass sich die Zahl der Übernachtungsmöglichkeiten sowohl im verschlafenen Städtchen Picton wie auch auf der gesamten Isle of Quinte in ziemlich überschaubaren Grenzen hält. Einige kleine, privat geführte Motels und Inns sowie eine Reihe von Bed-and-Breakfast-Unterkünften bilden zusammen schon praktisch das komplette Angebot.

Es ist durchaus bezeichnend, dass das mit dem Marathon zusammenarbeitende Hotel sich bereits auf der anderen Seite der Bucht in der nächstgrößeren Stadt Belleville befindet. Bis dorthin ist es allerdings schon ungefähr eine halbe Stunde mit dem Auto zu fahren. Und das mit ebenfalls knapp fünfzigtausend Bürgern ähnlich große Trenton ist sogar noch einige Kilometer weiter entfernt. Doch in diesen beiden bietet sich dann wirklich die komplette Bandbreite an "accommodations".

Immerhin hat Picton ein Ausstellungsgelände, das als Marathonzentrum dient. Doch sollte man natürlich keine Messehallen wie in einer Großstadt erwarten. Es geht auf diesen "Fairgrounds" vielmehr meist um Vieh und landwirtschaftliche Maschinen, weshalb es sich dabei auch hauptsächlich um eine große Freifläche handelt, die zwar ausreichenden Parkraum zur Verfügung stellt, sich ansonsten aber als Veranstaltungsort einer Läufermesse nur sehr bedingt eignet.

Nachdem man Wellington verlassen hat, führt die Strecke erst kurz am Ontario-See entlang und danach durch weite Felder

Es gibt da allerdings noch den "Crystal Palace". Dieser besteht zwar keineswegs komplett aus Kristall oder zumindest Glas, wie man vermuten könne, sondern weitgehend aus Holz. Doch ist er für den gleichen Zweck erbaut wie der berühmte Ausstellungspavillon in London, von dem er seinen Namen hat. An dieser hohen, auf kreuzförmigen Grundriss errichteten Holzkonstruktion kommt man während des County Marathons einfach nicht vorbei.

In dem trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Schlichtheit optisch ziemlich interessanten Gebäude werden nicht nur die Startnummern ausgegeben. Am frühen Samstagabend findet in ihm auch die - allerdings zusätzlich zu bezahlende und ebenfalls in der Teilnehmerzahl limitierte - Nudelparty statt. Und nach dem direkt vor ihr endenden Rennen werden die Läufer in der ungewöhnlichen Halle verpflegt und die schnellsten unter ihnen auch geehrt werden.

Fast schon natürlich, dass am Crystal Palace auch die Busse abfahren, mit denen die Voll- und Halbmarathonis zu den Startorten ihrer Punkt-zu-Punkt-Strecken gebracht werden. Und auch die Staffelläufer muss man ja zu ihren jeweiligen Wechselpunkten oder nach der Absolvierung ihres Teilstücks von diesen wieder zurück nach Picton transportieren.

Wie meist auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans übernehmen die bekannten und fast überall in ausreichender Zahl verfügbaren orangegelben Schulbusse diese Aufgabe. Rund ein Dutzend von ihnen ist den ganzen Tag über unübersehbar im Einsatz. Man bemerkt sie in jeder der vier Wechselzonen. Und manchmal kommt unterwegs auch einer vollbesetzt mit dort eingesammelten Staffelläufern am Feld vorbei gerollt.

Es ist allerdings praktisch der einzige Verkehr auf der ansonsten nahezu vollkommen für den Marathon freigehaltenen Strecke. Einzig und allein an einigen mustergültig abgesicherten Kreuzungen und einem kurzen, nur einseitig zu belaufenden Teilstück begegnet man ansonsten Fahrzeugen. Die Organisatoren leisten in dieser Beziehung jedenfalls ganze Arbeit. Denn sogar die Umleitungen für die nicht benutzbaren Straßen sind von ihnen in den Ortschaften und quer über die Insel ausgeschildert.

Nur ab und zu taucht ein Bauernhof am Straßenrand auf

Es ist noch stockdunkel, als die Autos der Marathonis auf den Parkplatz neben dem Kristallpalast rollen. Denn bereits für acht Uhr ist der Start der langen Strecke angesetzt. Und so beginnt der Bustransfer dann auch schon um halb sieben. Zwei Stunden später gehen die Läufer der Halbdistanz ins Rennen. Doch auch sie sollten bis spätestens halb neun im Bus zum Start sitzen. Danach werden diese nämlich anderswo gebraucht.

Erstaunlich ist nicht nur die Zahl der Helfer, die am frühen Morgen mit Leuchtwesten und Taschenlampen die Ankommenden zu ihren Stellplätzen und von dort zu den Bussen lotsen. Insbesondere ihre gute Laune ist ansteckend. Jeder der in den Bus steigt, bekommt mindestens ein "have a good race" zu hören. Von Menschen, denen man zum Teil ansieht, dass sie mit Laufen nicht unbedingt viel am Hut haben.

Mehrere hundert Freiwillige sind an diesem Tag an und rund um die Strecke im Einsatz. Ein ziemlich hoher Prozentsatz der Bevölkerung, wie er wohl nur in ländlichen Regionen denkbar ist. Man kennt sich eben und man hilft sich fast selbstverständlich. Und wenn schon einmal etwas wirklich Besonderes in der Gegend stattfindet, dann ist man natürlich dabei.

Weit weniger als die Marathondistanz müssen die Busse zum Startort rollen, denn die Laufstrecke schlägt zwischendurch noch einen großen Bogen. Der direkte Weg ist deutlich kürzer, beträgt nicht einmal zwanzig Kilometer. Diese "Fährüberfahrt" von Picton nach Wellington fällt bei weitem nicht so lange aus wie in Neuseeland. Statt erst nach mehreren Stunden ist man schon in zwanzig Minuten "auf der Nordinsel".

Zu sehen ist noch wenig. Es fängt gerade erst an zu dämmern. Dennoch fällt der Kreisel ziemlich auf, durch den der Bus nach einigen Kilometern steuert. Diese haben in Kanada wie in ganz Nordamerika nämlich absoluten Seltenheitswert. Man kennt eigentlich nur Kreuzungen und Ampeln. Der gerade durchfahrene war - obwohl erst im Jahr 2009 eingeweiht - sogar der allererste "modern roundabout" in ganz Ontario.

Bei den Kiwis sind sie im Gegensatz dazu weit verbreitet, während man dort umgekehrt abseits der Großstädte eigentlich keinem einzigen "traffic light" begegnet. Doch leben die ja nicht nur auf der anderen Halbkugel, sie fahren ja auch auf der anderen Straßenseite wie die Kanadier, die aufgrund der Nachbarschaft zu den USA praktisch als einzige frühere britische Kolonie Rechtsverkehr gewählt haben.

Backsteinhäuser prägen das Bild in und um Bloomfield bei Kilometer zehn

Es ist noch trocken an diesem Morgen, der angedrohte Regen gewährt eine Schonfrist. Doch bei gerade einmal fünf Grad kann man schwerlich von Wärme reden. Insbesondere da zusätzlich aus Nordosten noch eine recht steife Brise weht. Niemand hat darum etwas dagegen, dass es in Wellington nicht direkt zum Startplatz geht, sondern man sich noch ein bisschen im Warmen aufhalten kann.

Eigentlich hätte man sich in Kanada ja denken können, was sich hinter der "Arena" verbirgt, die in dem mit den Startunterlagen verteilten Informationsblatt erwähnt wurde. Denn selbstverständlich handelt es sich dabei um eine Eishockeyhalle, die Heimspielstätte der "Wellington Dukes", der "Herzöge von Wellington". Ziemlich neu und modern ist sie. Doch wenn es um die Nationalsportart "Hockey" geht, ist den Kanadiern das Beste halt gerade gut genug.

Da vermag es kaum noch zu verwundern, dass die kanadische Variante der auch in anderen Ländern verbreiteten Prominenten-Tanzshows im Fernsehen nicht auf dem Parkett sondern auf dem Eis veranstaltet wird. "Battle of the blades" nennt sich die Sendung martialisch, übersetzt also etwa "Kufenschlacht". Bekannte Eishockeyspieler treten dabei gemeinsam mit Eiskunstläuferinnen zum Paarlauf an oder umgekehrt auch Eishockeyspielerinnen mit Eiskunstläufern.

Andere Disziplinen haben es gegen diese Dominanz dagegen nicht immer leicht. Doch immerhin hat sich die Rugbymannschaft der Ahornblätter für die genau in diesem Moment in Neuseeland stattfindende Weltmeisterschaft qualifizieren. Reelle Chancen, die Vorrunde zu überstehen, hat das kanadische Team allerdings nicht.

Für den zweiten Oktober, den Rennsonntag hat man dort ausgerechnet die Partie gegen den Gastgeber angesetzt. Aufgrund der Zeitverschiebung ist sie sogar schon längst vorüber, als sich die Marathonis auf den Start vorbereiten. Die Kanadier kamen, wie man beinahe erwarten konnte, gegen die hochfavorisierten All Blacks mit 79:15 heftig unter die Räder.

Doch ist Rugby für die gerade einmal vier Millionen Neuseeländer ja auch das, was Eishockey für die Kanadier darstellt, vielleicht sogar noch ein wenig mehr. Der Titelgewinn im eigenen Land ist fast schon Pflicht. Und das Silberfarnblatt, das die schwarzen Trikots der Rugby-Helden ziert, ist längst das wichtigste nationale Symbol. Viele würden die so gestaltetet - auch ohne WM überall im Land wehende - Fahne dann auch der nur durch die roten Sterne von der australischen zu unterscheidenden eigentlichen Flagge vorziehen.

Im Eishockey sind die Länder von Silberfarn und Ahornblatt noch nicht aufeinander getroffen. Da mühen sich die Neuseeländer noch in der C- oder manchmal sogar in der D-Weltmeisterschaft. Doch stünde zu erwarten, dass für sie die Packung beim Spiel mit dem Puck ähnlich heftig ausfiele wie umgekehrt für die Kanadier im Kampf ums Rugby-Ei. Übrigens hieß der Austragungsort des so deutlich ausgegangenen Rugby-Matches "Wellington".

Thomas "Tom" Podruchny ist als M70er nicht nur der älteste Marathonläufer, ihm sitzt auch der Schalk im Nacken Mit hunderten von Kürbissen hat ein Hausbesitzer im Örtchen West Lake sein Grundstück dekoriert

Obwohl die Startnummern schon am Vortag verteilt wurden, gibt es die Zeitmesschips erst in der Arena. Eine eher ungewöhnliche Maßnahme. doch vielleicht waren die Transponder samstags noch irgendwo anders im Einsatz. Doch sie sind relativ schnell ausgeteilt, denn auf dem Klettband für das Fußgelenk sind die Nummern schon notiert.

Ein wenig nervös macht das Thomas "Tom" Podruchny allerdings dennoch. Ihm läuft die Zeit langsam davon. Denn eigentlich will er beim "early start", den man für Walker und Läufer, die deutlich über fünf Stunden benötigen werden, bereits dreißig Minuten vorher angesetzt hat, auf die Strecke gehen. Das stellt kein Problem für ihn dar, denn mit seinen dreiundsiebzig Jahren ist er der älteste Teilnehmer im Marathonfeld, wie er stolz verkündet.

Außerdem sei er ja auch eher ein Sammler, schon ein bisschen in Kanada, in den Vereinigten Staaten und in Europa herum gekommen. Unter anderem in Rom, Barcelona und Paris sei er schon zum Laufen gewesen. Und den inzwischen verblichenen Ruhrmarathon habe er auch schon absolviert, allerdings habe das seinen bisher einzigen Start in Deutschland dargestellt.

Doch dem gesprächigen Senior sitzt zudem noch der Schalk im Nacken. Immer wieder ist er für ein kleines Späßchen mit dem Publikum am Straßenrand zu haben. So berichtet er schmunzelnd vom verzweifelten Versuch bei einem früheren Rennen seine Startnummer unterwegs an irgendeinen Zuschauer weiter zu verkaufen. Oder auch von dem zur Streckensicherung eingesetzten Polizisten, dem er mit gespieltem Entsetzen gebeichtet habe, dass er gerade keine "immigration papers" mit sich führe und hoffe deshalb trotzdem nicht eingesperrt zu werden.

Bunt gemischt ist das kleine Starterfeld also. Denn an der Spitze gehen auch mit Philip Kipchumba und Gilbert Kiptoo zwei mehr als doppelt so schnelle Kenianer auf die Jagd nach der fünfzehnhundert Dollar betragenden Siegprämie. Und obwohl die kanadischen Felder tendenziell meist sogar noch ein wenig langsamer sind als in Europa, haben auch ein Dutzend weitere Läufer die drei Stunden Marke im Auge.

Allan Faulds übernimmt beim Halbmarathon am Start gleich die Führung und wird am Ende Zweiter Die spätere Siegerin Paula Wiltse (hinten links in orange) und die Zweite Jutta Merilainen (hinten rechts) orientieren sich an der ersten Verfolgergruppe. Auch dabei in blau M50-Gewinner Malcolm Balk, der als dritter Mann ins Ziel kommt Erin King in rot kommt im Halbmarathon bei den Frauen am Ende auf Rang drei

Der Zufall will es, dass bei der Nudelparty ausgerechnet einer von ihnen Phil Large gegenüber von Tom Podruchny sitzt. Während der eine sich wundert, wie man so schnell laufen kann, ist dem anderen schleierhaft, wie es möglich ist, so viele Marathons im Jahr zu absolvieren. Obwohl beide im Großraum von Toronto leben, treffen sie in Picton zum ersten Mal aufeinander. Kleine familiäre Veranstaltungen sind für solche interessanten Begegnungen eben deutlich besser geeignet.

Large erwähnt mit einem breiten Grinsen, ihm wäre bisher eigentlich gar nicht klar gewesen, dass es in Neuseeland ein weiteres Picton geben würde. Doch auf der Online-Suche nach Quartieren sei er mit diesem Stichwort zuerst einmal hauptsächlich auf der anderen Seite der Weltkugel gelandet. Zum Glück habe er es vor der Buchung rechtzeitig gemerkt. Da sage noch mal einer, das Internet würde nicht zur Erweiterung des Horizontes beitragen.

Der schnelle und entsprechend seinem Namen tatsächlich groß gewachsene Läufer war ebenfalls schon in Europa unterwegs, hat eine Zeit lang sogar in London gearbeitet und läuft deshalb fast jedes Jahr dort. Aber auch aus Madrid besitzt er eine Medaille. Noch von einigen weiteren Rennen erzählt er. Von so vielen, dass man doch einmal nachfragen muss, wie es denn mit den maximal zwei bis drei Marathon im Jahr aussehen würde, die in so vielen Büchern stehen.

Fünf, sechs Rennen auf der langen Distanz seien es dann doch jährlich für ihn, rückt er mit der Sprache heraus. Und der Blick in die Statistiken zeigt später, dass auch er sich gelegentlich nur ein bis zwei Wochen Pause gönnt. Die Marke von drei Stunden knackt er dabei aber mit schöner Regelmäßigkeit. Und auch beim County Marathon 2011 steht für ihn am Ende eine 2:53:19 zu Buche, was immerhin Gesamtrang fünf und den Sieg in der M40 bedeutet.

Tom Podruchny dagegen erwischt einen schlechten Tag und muss sich mit 6:13:34 begnügen. Für ihn als einzigem Starter reicht das selbstverständlich zum ersten Platz in der M70. Doch als vorletzter Eintrag in der Ergebnisliste schrammt er nur hauchdünn an der roten Laterne vorbei. Dabei hatte er vor dem Start noch auf einige "stragglers" - auf Deutsch etwa "Nachzügler" oder "Trödler" - gesetzt, die genau dies verhindern sollten.

Schräg gegenüber der Arena ist in einer Seitenstraße der Startbereich aufgebaut. Er besteht keineswegs nur aus einem Transparent, wie man angesichts von nicht einmal dreihundert Läufern erwarten könnte. Vielmehr sind neben einem Startgerüst sogar seitliche Absperrgitter aufgebaut. Das sieht nicht nur wesentlich professioneller aus, so kann auch niemand seitlich an der Zeitmessmatte vorbei laufen. Die Organisation ist insbesondere für eine doch eher kleine Veranstaltung wie schon erwähnt eben ziemlich perfekt. Fast an alles scheint man gedacht zu haben.

Punkt acht Uhr setzt sich das Feld in Bewegung, vorerst allerdings erst einmal in die eigentlich falsche Richtung. Denn zum Anfang wird eine kleine Schleife in Wellington absolviert. Viele Möglichkeiten gibt es dafür gar nicht. Denn selbst dort, wo das Dörfchen ein wenig breiter ausgefallen ist, besteht es gerade einmal aus zwei Straßenzügen. Nach zweimaligem links abbiegen ist man dann auch ziemlich schnell und noch deutlich vor dem ersten Kilometer auf der Main Street gelandet.

Pünktlich zum Start des Halbmarathons fängt es heftig an zu schütten

Doch der Name "Hauptstraße" täuscht ein wenig. Auch dort hat man nämlich den Eindruck, die Zeit sei in Wellington seit Jahrzehnten stehen geblieben. Meist stehen kleine Wohnhäuser aus bunt gestrichenem Holz oder rotem Backstein am Straßenrand. Sie sind von großen Rasenflächen umgeben, auf denen oft schattenspendende Bäume stehen. Zäune oder Hecken gibt es dagegen keine, alles ist offen. Es ist beinahe schon ein nordamerikanisches Dorfidyll wie aus dem Bilderbuch.

Der dann doch etwas dichter bebaute Ortskern, den man wenig später erreicht, ist ziemlich überschaubar. Er nimmt gerade einmal zwei bis drei Straßenblöcke ein. Und auch dort wirkt nur wenig modern. So manches Gebäude scheint sogar noch aus der Zeit der ersten Besiedlung übrig geblieben zu sein. Wer Drehorte für einen in den Fünfzigern oder Sechzigern spielenden Film sucht, kann in Wellington leicht fündig werden.

Nicht nur kanadische Flaggen wie überall sonst im Land bemerkt man an den Häusern. Auffällig oft ist auch ein Union Jack zu entdecken. Die Fahne soll an die königstreuen Siedler erinnern, die nach der britischen Niederlage im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg 1783 den neu gegründeten Vereinigten Staaten den Rücken kehrten. Diese "Loyalisten" genannten Flüchtlinge ließen sich nämlich unter anderem auch auf der Isle of Quinte nieder.

Wer ganz genau hinsieht, stellt sogar fest, dass bei einigen der Flaggen das für Irland stehende, diagonale rote Kreuz fehlt. Denn dieses wurde erst im Jahr 1801 - also fast zwei Jahrzehnte nach der großen Umsiedlung in Richtung Norden - hinzugefügt. In Wellington und auch den anderen Orten im Prince Edward County hat man jedoch oft die Version gehisst, die schon nach dem Eintreffen der ersten britischen Siedler über der Insel wehte.

Historiker schätzen, dass bis zu zwanzig Prozent der damals etwa drei Millionen in den dreizehn amerikanischen Kolonien lebenden Menschen während des acht Jahre andauernden Krieges auf Seiten der britischen Krone standen. Während die meisten von ihnen schließlich doch vorzogen zu bleiben, flüchteten rund fünfzigtausend Loyalisten - insbesondere natürlich diejenigen, die in der britischen Armee gekämpft hatten - ins heutige Kanada.

Der größte Teil ging in die damalige Kolonie Nova Scotia, von der wegen des großen Bevölkerungszuwachses bald darauf New Brunswick abgespalten wurde. Rund zehntausend siedelten sich jedoch auch in der Region am Sankt-Lorenz-Strom und Ontariosee an, dem einstigen Neufrankreich, das gerade erst zwanzig Jahre zuvor von den Briten erobert worden war.

Im Sandbaks Provincial Park stößt die Laufstrecke noch einmal auf den Lake Ontario

Es gehört zu den vielen Ironien, die man in der Geschichte finden kann, dass Frankreich sich durch eine massive Unterstützung der amerikanischen Revolutionäre revanchierte und - was von US-Amerikanern ganz gerne einmal vergessen wird - unter anderem in der letzten großen, als kriegsentscheidend geltenden Schlacht von Yorktown sogar mit eigenen Truppen eingriff. Vielleicht wäre ansonsten auch das restliche Nordamerika britisch geblieben.

Eines der bevorzugten Siedlungsgebiete waren die noch heute als "Eastern Townships" bekannte Gegend im Südosten von Montréal. Selbst im französischen Sprachgebrauch benutzt man bei weitem nicht immer "Cantons de l'Est" für sie. Obwohl inzwischen wieder nahezu ausschließlich von Frankokanadiern bewohnt, haben die Ortschaften dort aus diesem Grund noch immer praktisch ausschließlich englische Namen und sehen genauso aus wie die im nahegelegenen Neuengland.

Der zweite große Schwerpunkt der Ansiedlung waren die nördlichen Ufer von Erie- und Ontariosee. Neben den Loyalistendörfern auf der Isle of Quinte wurde in diesen Jahren unter anderem auch ein Stück weiter westlich das Städtchen York gegründet. Aus dieser kleinen Keimzelle entwickelte sich später eine Millionenmetropole namens "Toronto".

Durch diese Neuankömmlinge verschoben sich allerdings die Verhältnisse in Neufrankreich, wo trotz der Oberhoheit des britischen Königs zuvor hauptsächlich Französisch gesprochen wurde und in dem zudem noch weitgehend das französische Recht galt, erheblich. Denn nun gab es unter den Bewohnern insbesondere im Westen auf einmal auch einen größeren englischsprachigen Anteil.

Nach einem Kilometer am Ontario-See wird es wieder ländlich … … nur ab und zu steht einmal ein vereinzeltes Wohnhaus an der Strecke

Immer wieder aufbrechende Konflikte mit dem mehrheitlich französischsprachigen Osten führten einige Jahre später schließlich zur Aufspaltung der Kolonie in die beiden Teile "Lower Canada", dem Vorläufer der Provinz Québec und "Upper Canada", aus dem in der Folgezeit dann das heutige Ontario werden sollte. Eine Trennung, die bis heute nachwirkt.

Wer seine Familiengeschichte bis zu diesen Loyalisten zurück führen kann, besitzt in Kanada - ähnlich wie Australier, deren Vorfahren zu den ersten nach New South Wales deportierten Sträflingen zählten - fast so etwas wie einen inoffiziellen Adelstitel. Es gibt dafür sogar das hinter dem Namen angefügte, heute allerdings kaum noch verwendete Kürzel UEL für "United Empire Loyalist".

Und die Straße, die das Marathonfeld aus Wellington hinaus führt, trägt nicht nur die Nummer "33". Sie ist zusätzlich noch als "Loyalist Parkway" ausgeschildert. Eine Touristenroute die von Trenton aus quer durch Prince Edward County führt und nach etwa hundert Kilometern sowie einer Fährüberfahrt zum Queren der Bay of Quinte an der nordöstlichen Ecke des Ontariosees in der Großstadt Kingston endet.

Zwischen den Häusern lässt sich anfangs ab und zu ein Blick auf die Weite des Sees erhaschen. Doch irgendwann - das kleine Dörfchen hat längst begonnen mit immer weniger Gebäuden in die Landschaft hinaus zu tröpfeln - scheint da nur noch ein kleiner Teich und nicht mehr das riesige Gewässer zu sein. Eine schmale Nehrung schneidet den sogenannten West Lake vom Hauptsee ab. Nur noch ein kleiner Durchlass stellt die Verbindung zwischen beiden her. Noch an zwei anderen Buchten der Insel ist ähnliches zu entdecken.

Wenig später hat man dann auch die letzten Reste von Wellington hinter sich gelassen und ist in die weitgehend offene Landschaft hinaus gelaufen. Meist sind es Felder und Wiesen, durch die sich die Straße in leichten, weiten Bögen in Richtung Osten zieht. Kleine Wäldchen und Hecken drängeln sich gelegentlich dazwischen und bieten etwas Abwechslung. Nur ganz selten steht noch ein einzelnes Häuschen oder ein Bauernhof an der Strecke.

Auf einer Weide grasen schwarzgefleckte Kühe, die ein wenig an die norddeutsche Tiefebene erinnern. Und irgendwo an einem Bauernhof kann man tatsächlich ein Schild lesen, dass für die dort gezüchteten "Holsteins" wirbt. Diese Rinderrasse stellt nämlich in Kanada und den Vereinigten Staaten den größten Teil des Milchviehs.

Eigentlich kann man kaum glauben, dass es sich bei all dem um einen Teil der am dichtesten besiedelten Zone in ganz Kanada handeln soll. Doch lebt die Hälfte der Menschen im Québec-Windsor-Korridor - also ein Viertel aller Kanadier - eben schon alleine in den beiden Großräumen Toronto und Montréal.

Und überhaupt ist der Begriff "dicht bevölkert" ziemlich relativ. Denn verglichen mit dem ähnlich viele Einwohner zählenden Niederlanden ist die Fläche etwa drei- bis viermal so groß. Auch für die im Vergleich zu Europa extrem wenigen Einwohner im riesigen Kanada hat der laufende Humorist Tom Podruchny eine einfache Erklärung, mit der er gleich wieder eine Brücke zum Marathon schlägt. "You've got an early start", meint er mit viel Augenzwinkern, "ihr hattet eben Vorsprung".

Fünf Kilometer vor dem Ziel wartet der Marathon noch mit der schwersten Steigung der Strecke auf

Der kalte Nordostwind weht den Marathonis recht kräftig ins Gesicht. Und nicht nur die Blätter der Büsche und Bäume werden von ihm ordentlich durchgepustet. Auch die Kilometermarkierungen flattern eifrig hin und her. Denn obwohl sie aufgrund ihrer Größe schon aus mehreren hundert Metern Entfernung zu erkennen sind, kann auch eine raue Brise sie nur schwer umwerfen.

Sie sind nämlich keineswegs fest montiert sondern nur oben an einem Gestell aufgehängt, während der untere Teil dem Wind keinen großen Widerstand bietet und völlig frei hin und her schwingen kann. Man kennt ja bei der Organisationsmannschaft die örtlichen Gegebenheiten und hat dafür eine ziemlich clevere Lösung gefunden.

Jeder Kilometer ist markiert. Und hinter jedem zweiten Schild ist auch eine Verpflegungsstelle aufgebaut. Beeindruckende zwanzigmal kann man auf der Marathondistanz also Wasser und Elektrolytgetränke nachtanken. Einige der Posten bieten außerdem auch Gel-Tüten. Viel dichter als beim County Marathon auf der Isle of Quinte kann ein Versorgungsnetz eigentlich kaum noch ausfallen.

Kurz vor dem zehnten Kilometer wird die Bebauung wieder langsam dichter. Die anfängliche Streusiedlung wandelt sich bald darauf zur richtigen Ortschaft. Bloomfield heißt sie und liegt etwa auf halbem Weg zwischen Wellington und Picton. In der Ortmitte trifft auch die Straße nach Belleville auf den Loyalist Parkway. Deswegen könnte man Bloomfield auch als wichtigste Verkehrskreuzung im Prince Edward County bezeichnen.

Kurz vor dieser Einmündung befindet sich der Wechselpunkt für die Staffeln, weshalb es an dieser Stelle zum ersten Mal seit vielen Kilometern wieder ein wenig lauter wird. Denn natürlich sind bei einem solchen Landschaftslauf keine Massen am Straßenrand zu erwarten. Doch ganz unter Ausschluss der Öffentlichkeit ist man eben auch nicht unterwegs.

Da sind zum einen natürlich die Verpflegungsstellen, an denen man nicht nur mit Flüssigkeit sondern in den meisten Fällen auch mit einigen Anfeuerungsrufen versorgt wird. Und trotz der noch immer recht frühen Stunde und der ziemlich ungemütlichen Witterung haben sich auch in Bloomfield ein paar Anwohner an der Strecke eingefunden. Das war in Wellington nämlich schon genauso.

Dick eingepackt stehen sie in kleinen Gruppen zusammen, betrachten das Geschehen und spenden freundlichen Beifall. Und eingehüllt in Wolldecken haben es sich einige von ihnen sogar auf Campingstühlen bequem gemacht. All das ist eher dezent, hat nichts mit dem lauten Jubelspalier bei den ganz großen Stadtmarathons zu tun. Doch in Anbetracht der Gegebenheiten ist es mindestens genauso wertvoll.

Im Zentrum hat Picton noch viel von einem echten Pionierstädtchen

Vom Charakter her ist Bloomfield dem Startort Wellington ziemlich ähnlich. Ein kleines verträumtes Dörfchen, in dem man die sonst üblichen Supermärkte, Tankstellen, Fast-Food-Läden und Coffee-Shops der großen Ketten vergeblich sucht. Denn ganz egal ob in Südkalifornien oder im Osten Kanadas fünf Zeitzonen entfernt auf der anderen Seite des Kontinents, nordamerikanische Orte sehen in den meisten Fällen diesbezüglich ziemlich ähnlich aus.

Unterscheiden, ob es sich dabei um eine kanadische oder US-amerikanische Siedlung handelt, kann man sie allerdings dennoch recht leicht. Denn die stolzen Kanadier bevorzugen im Zweifelsfall eindeutig ihre eigenen Firmen. Unternehmen, die von südlich der Grenze kommen, können sich auf dem Markt im Land des Ahornblattes nur schwer behaupten.

Man kauft bei Metro - nicht verwandt oder verschwägert mit dem gleichnamigen deutschen Konzern - oder IGA statt bei Safeway und Supervalu ein. Man tankt bei Ultramar und Petro-Canada statt bei Exxon und Chevron. Und gegen die mehreren tausend Filialen von Tim Hortons haben die Kaffeeverkäufer von Starbucks nicht die geringste Chance. Dass es sich bei Firmengründer und Namensgeber Tim Horton um einen früheren Eishockeyprofi handelte, hat dem Erfolg im hockey-verrückten Kanada dabei sicher nicht geschadet.

Auch die Banken sind natürlich andere. Filialen der Bank of America oder von Wells Fargo - das ist längst kein Postkutschenunternehmen mehr - entdeckt man jedenfalls keine. Und so tragen dann auch die Werbepartner aus diesem durchaus häufiger im Laufbereich aktiven Wirtschafszweig andere Namen. Besonders häufig begegnet man bei kanadischen Marathonveranstaltungen den Logos der Bank of Montréal und der Scotiabank, die auch im Prince Edward County als einer der Sponsoren die Rückseite des giftgrünen Veranstaltungs-T-Shirts ziert.

Mit gerade einmal viertausend Einwohner ist Picton dennoch das eindeutige Zentrum von Prince Edward County, neben Geschäften und Restaurants gibt es sogar ein kleines Theater

Neben der Strecke begegnet man ganz anderer Werbung. Denn vier Tage später - nach bester angelsächsischer Tradition also an einem Werktag - stehen in der Provinz Regionalwahlen an. Und darum stehen überall in den Ortschaften Wahlplakate herum. Doch ein wenig anders als aus Europa gewohnt sehen sie schon aus. Denn eigentlich kann man auf ihnen nur den Name und die Partei des Kandidaten lesen. Und sie werden auch nicht auf großen Tafeln an Laternenmasten befestigt. Sie stecken in den Rasenflächen der Vorgärten.

Mit Bloomfield endet fürs Erste auch der Lauf auf dem Loyalist Parkway, denn mitten im Dorf biegt der Kurs auf einmal nach rechts in eine Seitenstraße ab. Wenig später schwenkt er auf die schnell wieder in offenes Gelände hinausführende "County Road 12" ein. Das hätte man auch schon einige hundert Meter früher haben können, denn am Abzweig dieser schmalen Landstraße war man schon vorbei gelaufen.

Doch so haben die Marathonis noch etwas mehr von diesem netten kleinen Örtchen zu Gesicht bekommen. Und die Organisatoren konnten noch einen halben Kilometer heraus schinden, mit dem die Strecke zwischen der Arena in Wellington und dem Crystal Palace nun ziemlich genau auf die für einen Marathon benötigte Distanz kommt.

Die bisher weitgehend eben verlaufende Strecke wird ein wenig welliger. Nichts wirklich Schlimmes ist das. Einige kleine und keineswegs steile Kuppen von fünf, zehn oder fünfzehn Metern gilt es zwischen Feldern und Wiesen hinauf sowie auf der anderen Seite auch wieder hinunter zu laufen. Doch dafür ist vom bisher so unangenehmen Wind auf einmal nicht mehr viel zu spüren.

Der ist allerdings nicht wirklich verschwunden. Er bläst den Marathonis jetzt nur in den Rücken. Waren sie bisher nämlich in östliche Richtung unterwegs, hat der Kurs nun wieder auf Südwest gedreht. Denn nicht nur die Bay of Quinte besitzt die Form des Buchstaben "Z", auch der Marathonkurs verläuft in einer ganz ähnlichen Zickzacklinie über die gleichnamige Insel.

Die Bezeichnung der Gegend ist ein schönes Beispiel für die historische Entwicklung Kanadas. Denn ursprünglich leitet sie sich von einem Dorf der Cayuga - einem zu den Irokesen zählenden Volk - namens "Kente" ab, neben dem französische Priester im siebzehnten Jahrhundert am Ontariosee eine Missionsstation gründeten. Eine mehr oder weniger lautgleiche Übertragung ins Französische machte daraus dann das geschriebene "Quinté".

Der Außenposten wurde nach nicht allzu vielen Jahren wieder aufgegeben. Und auch die Cayuga verließen das Gebiet, so dass heute weder die genaue Lage ihrer Siedlung noch die der der Mission bekannt ist. Nur der Name für die Region blieb erhalten. Dieser wurde nach dem Eintreffen der Loyalisten dann unter Beibehaltung der Buchstabenfolge seinerseits wieder ins Englische übernommen. Dafür änderte sich jedoch die Aussprache ins heute übliche "Kwinty".

Komplett gesperrt ist die Hauptstraße des Städtchens während des Rennens

Bei Kilometer sechszehn verschwindet die Laufstrecke zum ersten und eigentlich auch einzigen Mal für einige Zeit in einem größeren Waldstück. Mit den riesigen, fast menschenleeren und nur von wenigen Straßen durchquerten Gebieten jenseits des sogenannten Sankt-Lorenz-Tieflandes weiter im Norden kann es ohnehin nicht verglichen werden. Aber im ziemlich landwirtschaftlich geprägten Prince Edward County ist selbst das eine ziemliche Ausnahme.

Es ist diesmal ungefähr zwei Wochen zu früh für echten Indian Summer. Noch lange nicht alle Blätter sind verfärbt. Viele sind noch sattgrün, der Rest hat gerade erst angefangen in einen anderen Ton hinüber zu wechseln. Doch es lässt sich leicht vorstellen, dass diese Passage ziemlich eindrucksvoll sein dürfte, wenn man den richtigen Zeitpunkt erwischt hat.

Einige Minuten später sind die Marathonis dann schon wieder in offenerem Gelände ankommen. Allerdings ist es keine weite Feldlandschaft mehr wie vor dem Wald. Eine ziemlich lose Ansammlung vereinzelter Häuser hat den Streckenrand eingenommen. Ein richtiges Dorf ist dieses West Lake eigentlich nicht. Mehrere Kilometer zieht sich die weit verstreute Besiedlung eine einzige Straße entlang. Den dazu gehörenden Ortskern kann man allerdings nicht ausmachen.

Auf einem der Grundstücke sind zur Dekoration hunderte von Kürbissen verteilt. Das ist zwar sicher eine der ungewöhnlichsten Arten von Herbstschmuck, aber bei weitem nicht die einzige, der man um diese Jahreszeit begegnet. Die Kanadier zelebrieren regelrecht die Zeit der bunten Blätter. Überall gibt es "fall foliage events" oder "leaf festivals".

Und etliche Häuser sind zudem entsprechend gestaltet. Selbst wenn man einfache Girlanden aus künstlichem Laub in fast jedem Laden kaufen kann, ist dabei doch viel Individualität gefragt. Vogelscheuchen, Herbstblumen, Kürbisse, Strohballen und Maiskolben werden in allen denkbaren Varianten miteinander kombiniert. Manche dieser Verzierungen sind - Kitsch hin oder her - regelrechte Kunstwerke.

Jenseits von Kilometer zwanzig nimmt der Trubel auf einmal zu. Kein Wunder nähert man sich doch dem Startpunkt des Halbmarathons. Und auch die Staffeln wechseln an dieser Stelle zum zweiten Mal. Während die ersten beiden Teilstrecken jeweils ein Viertel der Gesamtdistanz abdecken, sind die nächsten drei Etappen deutlich kürzer. Mit nicht einmal sechs Kilometern hat der dritte Läufer fast nur einen langen Sprint zu absolvieren. Auf Position vier sind dann gute acht und zum Schluss noch einmal sieben Kilometer fällig.

Der Vorplatz einer kleinen Kirche dient als Warte- und Aufenthaltszone, bevor die Kurzdistanzler kurz vor dem Start auf die Straße gebeten werden. Trotz rund siebenhundert Läufern wird dabei allerdings nur die linke Spur zur Aufstellung genutzt. Die komplette rechte Seite bleibt für die inzwischen ziemlich vereinzelt und keineswegs als geschlossener Pulk durchkommenden zweihundert Marathonis frei.

Die Zielgerade führt wieder ein Stück aus dem Ortskern hinaus

Auch nach dem Start sollen in der Mitte aufgestellte Hütchen die beiden Felder noch eine Zeit lang trennen. In der Praxis halten sich aber die wenigsten daran. Und schon bald darauf ist alles gut durchmischt und die während dieser Minuten in den entsprechenden Bereich hinein laufenden Marathonis schwimmen irgendwo in der Masse des Halbmarathons mit.

Die Läufer vorne an der Spitze lassen sie dabei natürlich ziehen. Schon vom Start weg hat Allan Faulds dort energisch die Führung übernommen und bereits nach einem Kilometer eine deutliche Lücke gerissen. Dahinter hat sich eine etwa zehnköpfige Verfolgergruppe formiert, in der sich mit Paula Wiltse und Jutta Merilainen auch die beiden in Front liegenden Frauen einsortiert haben.

Trotz Soloflucht wird es für Faulds am Ende nicht zum Gesamtsieg reichen. Patrick Foran aus dem nahen Belleville fängt ihn schließlich noch ab, wenn auch knapp wie die 1:21:42 und 1:21:57 lautenden Zeiten belegen. Viel fehlt nicht und auch diese beiden hätten sich noch der schnellsten Dame geschlagen geben müssen. Denn schon als Gesamtdritte läuft Paula Wiltse nach 1:22:08 in Picton über die Linie.

Immerhin dritter Mann wird eine Minute dahinter Malcolm Balk in 1:23:11. Doch auch ihm sitzt mit Jutta Merilainen schon wieder eine Frau im Nacken. Nur acht Sekunden dahinter kommt diese nämlich als Fünfte ein. Und auch die Dritte Erin King lässt auf Platz vierzehn gerade einmal elf Herren den Vortritt. Mit 1:29:54 ist sie zudem die Letzte, von der die Neunzig-Minuten-Grenze geknackt wird.

Dass selbst unter Berücksichtigung der Nettozeiten gerade einmal ein gutes Drittel des Feldes unter zwei Stunden bleibt, zeigt deutlich, dass in Nordamerika noch einmal deutlich langsamer gelaufen wird als hierzulande. Und fünfzig Zieleinläufe werden sogar erst registriert, nachdem die Uhr auf eine drei am Anfang umgesprungen ist. Alleine auf die widrigen Wetterbedingungen schieben kann man solche Werte eigentlich nicht mehr.

Die Straße, die man kurz vor dem Ziel durchläuft ist bestimmt nicht die schlechteste Wohngegend von Picton

Doch fast schon mehr als ungemütlich ist die Witterung. Schon vorher hatte es angefangen leicht zu regnen, und pünktlich zum Halbmarathonstart beginnt es regelrecht zu schütten. Nur etwa eine Viertelstunde dauert der Guss. Er reicht allerdings völlig aus, um alles bis auf die letzte Textilfaser zu durchnässen. Es wird zwar der heftigste Schauer während des restlichen Rennes bleiben, doch auch in der Folge öffnen die Wolken gelegentlich noch einmal ihre Pforten.

Ein Läufer wird es später im Ziel auf wenige Worte zusammen fassen. "The perfect storm" sei das gewesen. Ein geflügelter Begriff, der hauptsächlich durch den gleichnamigen Film populär geworden ist, im Englischen aber schon lange davor gebräuchlich war und eine Situation bezeichnet, in der praktisch alles Schlechte zusammen kommt. Mit Wind aus Nordost, Kälte und Regen kann man sich tatsächlich kaum schlechteres Wetter vorstellen.

Oder etwa doch? "Beautiful weather" ruft jedenfalls ein Zuschauer, der einige Kilometer nach dem Halbmarathonstart zum Anfeuern der Läufer im strömenden Regen ausharrt. Auf die Anmerkung, das sei ja wohl doch ziemlich ironisch, antwortet er nur trocken, dass es doch noch wesentlich schlimmer sein könne. "It could be snowing".

Noch ein paar Mal fällt der Satz an diesem Tag in dieser oder ähnlicher Form. Man muss wohl Kanadier sein, um das zu begreifen. Doch Phil Large hatte durchaus von einigen seiner Marathons berichtet, bei denen er Schneetreiben erlebt hätte. Und zwar keineswegs in den Wintermonaten, während denen die Ahornblatt-Laufszene sowieso weitgehend Pause hat.

Auch Tom Podruchny kann man dazu wieder zitieren. Er habe den größten Teil seines Lebens nämlich in Manitoba zugebracht, bevor er vor wenigen Jahren ins südliche Ontario gezogen sei. Und in der Prärieprovinz sei es praktisch in jedem Winter dreißig Grad unter null gewesen. Eine Aussage, die er diesmal sogar ernst meint.

Kalt ist in diesem Land eben doch etwas anderes. Und vielleicht könnte es tatsächlich noch schlimmer kommen. Trotzdem hat man natürlich vom "été indien" oder "été des Indiens", wie der Indian Summer in wortwörtlicher Übersetzung auch von den Frankokanadiern genannt wird, eine etwas andere Vorstellung.

Wenn man kanadische Medien einmal etwas genauer beobachtet, ist es jedoch ohnehin erstaunlich, dass noch so häufig vom "Indianersommer" die Rede ist. Denn ansonsten wird das Wort "Indianer" inzwischen meistens vermieden. Es ist vielmehr weitgehend durch "First Nations" oder im französischsprechenden Landesteil "Premières nations" ersetzt worden.

Ohne es wirklich zu bemerken, war man die ganze Zeit parallel zum Ufer jenes West Lake gelaufen, den man kurz nach dem Start von der gegenüberliegenden Seite gesehen hatte. Dennoch ist man fast geneigt "natürlich" zu sagen, denn warum sonst sollte die Streusiedlung denn auch diesen Namen tragen.

Auch zum Schluss ist Regenkleidung im Feld noch eindeutig dominierend

Nun nimmt die Strecke allerdings einen etwas anderen Verlauf. Mal durch ein kleines Wäldchen, dann wieder an seinem Rand entlang, führt die Straße mit vielen Ecken wieder an den offenen Ontariosee hinüber, der nach etwa vierundzwanzig Kilometern erreicht ist. Und längst ist man damit auch in den Sandbanks Provincial Park hinein gelaufen. Doch außer der Tatsache, dass die Straßenschilder nun nicht mehr Grün sondern Braun sind, hat sich eigentlich nichts geändert.

Dieses mit einem deutlich niedrigeren Status als ein Nationalpark versehene und von der Provinz Ontario verwaltete Gebiet umfasst die Nehrung des West Lake sowie noch weitere in die andere Richtung gelegene Dünengebiete. Wirklich spektakulär ist er nicht und dazu im Vergleich zu einigen anderen seiner Verwandten auch nur von bescheidener Größe. Seine sandigen Buchten sind eher etwas für Familien als für echte Abenteurer auf der Suche nach unberührter Natur.

Die Parkverwaltung erlaubt nicht nur die Passage der Läufer, sie gehört zudem zu den Unterstützern der Veranstaltung. Die Taschen für den Kleidertransport werden jedenfalls von "Ontario Parks" gestellt. Ein wenig ungewöhnlich sind diese schon. Nicht nur, dass anstatt irgendwelcher Marathon- oder Sponsorenlogos darauf bedrohte kanadische Tierarten abgebildet sind.

Sie haben auch mit den allseits bekannten, mit einem Kordelzug zu verschließenden Kleiderbeuteln oder -säcken aus Plastik wenig zu tun. Es sind zwar große, aber oben offene Tragetaschen auf die man einen Zettel mit der Startnummer einfach fest tackert. Eigentlich wäre das auch kein Problem. Dass sie aber nach dem Lauf auf der Wiese neben dem Crystal Palace und nicht etwa in einer Halle zur Abholung aufgereiht sind, also mitten im Regen stehen, gehört zu einem der wenigen kleinen Schwachpunkte der Veranstaltung.

Die einen guten Kilometer lange Passage entlang des Sees gehört mit Sicherheit zu den sehenswertesten während des Rennens, dessen Streckenführung zwar absolute Sensationen abgehen, die aber dennoch recht abwechslungsreich ist und deshalb auch eigentlich nie langweilig wird.

Kurz nachdem man den Ontariosee dann endgültig verlassen hat, kommt man dann auch an den Kassenhäuschen des Parks vorbei. Während die Straße, auf der die Marathonis im Park unterwegs waren, diesen eigentlich nur durchquert, befindet sich der touristisch wesentlich besser ausgebaute Teil in der anderen Richtung. Neben Park- und Picknickplätzen gibt es dort auch die Möglichkeit zum Camping.

Und trotz des schon lange im Vorfeld angekündigten schlechten Wetters an diesem Wochenende sind einige der mitten im Wald gelegenen Stellplätze belegt. Meist handelt es sich dabei zwar um Wohnmobile, die fast die Ausmaße eines Lastwagens besitzen. Doch zwei, drei Zelte ganz Verwegener kann man ebenfalls entdecken.

Die letzten Meter sind sogar mit Gittern abgesperrt

Unweit des Parkeinganges befindet sich die dritte Wechselzone. Und während der ankommende Läufer, zwar das kürzeste, gleichzeitig aber auch das eckigste Teilstück absolviert hatte, braucht die Ablösung eigentlich nur geradeaus zu laufen. Gut acht Kilometer macht die County Road mit der Nummer elf nämlich maximal leichte Bögen.

Der Abschnitt erinnert nicht nur deswegen an die ersten zehn Kilometer. Auch die Landschaft mit Feldern und Wiesen sowie gelegentlich auftauchenden Farmen ist recht ähnlich. Und auch in nordöstliche Richtung läuft man wieder, genau wie am Anfang.

Mit dem großen Nachteil, dass der Wind wieder voll ins Gesicht bläst. Allerdings tauchen jetzt häufiger auch einmal kleine, jedoch leider noch lange nicht den Status "peak fall foliage" erreichende Wäldchen direkt an der Straße auf.

Weinreben sieht man dagegen keine. Wer dabei an einen Witz glaubt, irrt gewaltig. Denn tatsächlich ist die Isle of Quinte ein Weinanbaugebiet. Rund fünfzig, meist jedoch eher kleine "vineyards" gibt es auf der Insel, die für kanadische Verhältnisse ein - auch wenn es sich am Marathontag 2011 völlig anders präsentiert - eher mildes Klima hat.

Und so weit im Norden wie man vermutet, liegt Prince Edward County ohnehin nicht. Um dorthin zu gelangen, muss man aus dem gesamten deutschsprachigen Raum nämlich in die andere Richtung, also nach Süden reisen. Die italienische Riviera gibt nämlich ungefähr die geographische Breite vor, auf der man suchen sollte. Und der am weitesten südlich gelegene Punkt des sich vermeintlich nahe des Nordpols befindenden Kanada liegt sogar auf der Höhe Roms.

Trotz des schlechten Wetters sind einige Zuschauer zum Zieleinlauf gekommen

Ein kleiner Hügel bei vierunddreißig Kilometern gibt noch einmal Schwung, denn es geht ihn hinunter. Dahinter wird die Straße endgültig zu einem kerzengeraden Asphaltband. In Kombination mit der leicht erhöhten Position, ergibt sich die Möglichkeit, sie ziemlich weit einzusehen. Am Ende der Gerade lässt sich ein orange-gelber Bus erkennen und bei genauerem Hinsehen auch die dort wartenden Staffelläufer.

Doch noch etwas anders kann man entdecken. Denn dort, wo die letzte Teiletappe beginnen soll, steht auch ein gelbes Schild. Die Größe und Form sind eindeutig. Es ist der fünfunddreißigste Kilometer. Dabei hat man den vierunddreißigsten noch nicht einmal passiert. Volle tausend Meter kann man also die nächste Zwischenmarke ununterbrochen anpeilen. Da wird die Zeit, bis man sie dann wirklich erreicht hat, doch lang.

Hinter dem Wechselpunkt endet die Straße mit Ordnungszahl elf. Und fast wie bei einem Countdown biegt man nun in die "County Road 10" ein. Richtig herunter gezählt wird natürlich nicht. Denn es fehlen ja nur noch sieben Kilometer. Die "Südinsel" kommt langsam näher. Der Endspurt beginnt.

Doch eine kleine Gemeinheit haben sich die Streckenplaner bis zum Schluss aufgehoben. Denn fünf Kilometer vor dem Ziel wartet noch der "Berg". Dreißig oder vierzig Höhenmeter ist der zwar nur hoch. Doch die sind zum einen innerhalb nicht einmal eines Kilometers zu bewältigen. Und zum anderen hat die Kuppe die Form einer Sinuskurve, fängt also flach an, wird dann steiler und flacht oben dann wieder ab.

Im Mittelteil ist diese ohnehin zu einem ziemlich ungünstigen Zeitpunkt auftauchende Steigung also noch um einige Prozentpunkte steiler. Das Gefälle hinter diesem mit Abstand unangenehmsten Hügel der Strecke, der noch einmal ein echter Rhythmusbrecher ist, führt schon hinein in die Außengebiete von Picton. Denn auch die Kleinstadt tröpfelt ohne klare Begrenzungen in die Umgebung hinaus. Je näher man dem Ziel kommt, umso dichter wird die Bebauung.

Noch zwei Kilometer sind zu laufen, als man wieder auf den Loyalist Parkway einbiegt, der gleichzeitig auch die Hauptstraße Pictons ist. Mitten durchs Zentrum führt die Strecke auf der Main Street. Und dort hat der Zielort noch viel von einem richtigen Pionierstädtchen. Die dicht aneinander gebauten Häuser sehen zwar doch ein wenig anders aus als in Wellington oder Bloomfield. Doch auch in Picton scheint die Uhr ein wenig langsamer zu laufen als anderswo.

Reichhaltig ist das Läuferbuffet, das nach dem Zieleinlauf im Crystal Palace angeboten wird

Nicht für die Marathonis allerdings, die noch auf der anderen Seite wieder aus dem Stadtkern hinaus müssen, um vorbei an der mit "Shire Hall" doch ziemlich englisch benannten Kreis- und Gemeindeverwaltung, zum Ziel vor dem Crystal Palace zu gelangen. Mitten auf der Straße ist es aufgebaut und so gibt es eine echte Zielgerade, an deren Ende zumindest ein paar Zuschauer versammelt sind, um den Hereinkommenden zuzujubeln.

Ob sie alle schon vor Ort sind, als die beiden Kenianer Philip Kipchumba und Gilbert Kiptoo einlaufen, darf man jedoch bezweifeln. Denn aufgrund ihrer nicht nur auf dem Papier vorhandenen Dominanz eilen sie weit vor dem Rest des Feldes her. Praktisch zeitgleich überqueren sie nach 2:31:38 die Zeitmessmatte. Einige Zehntelsekunden geben am Ende den Ausschlag dafür, dass Kipchumba zum Sieger erklärt wird.

Bis Matthew Leduc nach 2:45:34 als Dritter das Ziel erreicht, vergeht fast eine Viertelstunde. Und erst weitere sieben Minuten danach ist Nikolay Ryabkov in 2:52:39 da. Phil Large folgt dreißig Sekunden dahinter. Und ähnlich wie im Halbmarathon mischt mit der 2:54:22 laufenden Lisa Avery die Frauensiegerin ziemlich weit vorne mit. Als Siebter beendet Michael Adamcryck mit 2:54:26 schon die Aufzählung der Drei-Stunden-Läufer.

Doch die 3:07:59 von Erin Gregory und die 3:14:00 von Jill Stapleton, die bei den Damen Zweite und Dritte werden, sind durchaus überzeugend. Ohnehin ist das Marathonfeld deutlich leistungsbezogener besetzt. Denn während nur ein Drittel der Kurzdistanzler unter zwei Stunden bleibt, knackt auf der langen Strecke beinahe die Hälfte die vier Stunden.

Philip Kipchumba (rechts) und Gilbert Kiptoo laufen beim Marathon gemeinsam mit großem Vorsprung vorneweg … … Kipchumba wird am Ende einige Zehntel schneller gestoppt und dafür im Crystal Palace als Sieger geehrt

Aber egal ob schnell oder langsam, nass und durchgefroren sind sie alle. Und so wäre vielen anstelle des kostenlosen Bieres, das im Crystal Palace an die Läufer ausgegeben wird, ein heißer Tee oder eine warme Suppe vielleicht lieber gewesen. Für das Wetter können die Organisatoren nichts, doch es ist durchaus bezeichnend, dass solche Kleinigkeiten hervor geholt werden müssen, um überhaupt einen Kritikpunkt zu finden.

Vielleicht werden nun in Zukunft nicht nur Neuseelandfreunde sondern auch der eine oder andere Marathonläufer ausrufen "Wellington und Picton? "Klar, kenn ich". Und die Aotearoa-Fans akzeptieren, dass man zwischen beiden auch Marathon laufen kann, allerdings im Lande des Ahornblattes und nicht dem des Silberfarns. Aber es wäre vermutlich doch ein wenig vermessen, zu glauben, dieser Lauf könne wirklich bekannt werden.

Das soll er aber wohl auch gar nicht. In der Position des ewigen Geheimtipps ist diese familiäre und trotzdem ziemlich professionelle Veranstaltung eigentlich sowieso viel besser aufgehoben.

Und der Indian Summer im Osten Kanadas muss ja nicht immer so ungemütlich ausfallen wie bei der Auflage 2011. Ob es daran liegt, dass diesmal nur wenige Tage nach dem Rennen die Temperaturen sich wieder der Zwanzig-Grad-Marke näherten, lässt sich aus der Ferne natürlich nur schwer feststellen, doch der nächste Marathon von Wellington nach Picton ist zwei Wochen später angesetzt.

Eventuell leuchten dann ja auch die Blätter wie gewünscht in den buntesten Farben, die der Indian Summer zu bieten hat. Den Termin 14.Oktober 2012 können sich Interessierte jedenfalls schon einmal vormerken, um nicht auf keinen Fall zu lange zu warten. Denn es ist fast sicher davon auszugehen, dass auch bei der neunten Auflage irgendwann "sold out" auf der Internetseite des County Marathons zu lesen sein wird.

Bericht und Fotos von Ralf Klink

Ergebnisse und Infos www.pecmarathon.ca

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