16.3.17 - La Verticale de la Tour Eiffel

Treppenlauf auf den Eiffelturm in Paris

Sturm auf die Eiserne Lady

von Stefan Schlett

Donnerstagnacht am Eiffelturm. Es ist 21 Uhr und noch immer belagern ganze Touristenhorden und Bataillone von Souvenirverkäufern das Wahrzeichen der Stadt. Nichts Außergewöhnliches am meist besuchten Bauwerk der Welt, das vor einigen Jahren den 260. Millionsten Besucher empfangen hat. Aber heute, am 16. März 2017, findet unter dem hell erleuchteten Turm ein besonders bizarres Schauspiel statt: Der Südpfeiler ist mit Absperrgittern vom restlichen Publikum getrennt, davor halbnackte, hagere Gestalten, die im Minutentakt ins Treppenhaus stürzen.

Das Objekt der Begierde Donnerstagnacht wird der Eiffelturm zum Sportplatz
Foto: Remi Portier
Ziel: Laufen über Treppen bis zur obersten Aussichtsplattform hinauf
Foto: Didier Lefevre
Nichts für reine Asphalt-Cowboys:
Berglauf & Trail-Run im LaufReport HIER

Zwei Tage vor dem 10. Ecotrail de Paris, einem urbanen Trailrun, der am Wochenende über 12.000 Teilnehmer in verschiedenen Lauf- und Wanderdisziplinen an den Start bringen sollte, fand zum dritten Mal ein Treppenlauf bis zur Spitze des Eiffelturms statt. Zwar gab es vor über einem Jahrhundert bereits ein Rennen im Turm, aber der am 26.11.1905 von der Zeitung Le Sport ausgelobte Wettbewerb mit 227 Teilnehmern ging nur bis zur zweiten Plattform.

Damals war der Eiffelturm noch das höchste Bauwerk der Welt, ein Status, den er bis zur Fertigstellung des Chrysler Buildings 1930 in New York behalten sollte. Und zum 75. Geburtstag des Eiffelturms im Mai 1964 kletterten zwei Bergsteiger außen an den Eisenstreben hoch. Aber bis zur Premiere im vorletzten Jahr fand noch nie ein Wettkampf über die gesamte Treppe bis zur obersten Aussichtsplattform statt!

Dazu ist es ein Outdoor-Rennen - die meisten der mittlerweile über 200 Treppenläufe weltweit finden in geschlossenen Gebäuden statt. Als besonderes Leckerli kommt noch hinzu, dass es keinen Lauf gibt, der auf ein Bauwerk aus dem vorletzten Jahrhundert hochführt! Die Eiserne Lady, wie der Eiffelturm liebevoll genannt wird, ist 128 Jahre alt und wurde 1889 anlässlich der Weltausstellung in Paris fertig gestellt. Das Datum markierte zugleich den 100. Jahrestag der französischen Revolution.

Mit der Austragung des "La Verticale de la Tour Eiffel" ist den Organisatoren des Ecotrail de Paris ein Meisterstück gelungen! Der Turm als nationales Symbol und Monument ist neben dem Élysée-Palast eines der best bewachten Objekte im ganzen Land. Da fragt sich der nüchterne Beobachter, wie viele Bürokraten mussten da bestochen werden, um das zu ermöglichen…

Die Eiserne Lady, wird der Eiffelturm liebevoll von den Franzosen genannt Fassadenkletterer beim Verlegen der Kabel für die Fernsehübertragung und die Zeitnahme

Nein, es ging alles mit rechten Dingen zu! Der Verein "Les Trailers de Paris" nimmt sich seit der Premiere des Ecotrail im Jahre 2008 mit bewundernswerter Zähigkeit und Ausdauer dem administrativen Alptraum an, den solche als "unmöglich" geltenden Veranstaltungen erfordern. Es mangelt also nicht an Erfahrungen mit Ämtern, Behörden und dem Abarbeiten von ellenlangen Sicherheitslisten. Auch zu Opfern ist man bereit. Alleine die notwendigen Kabel für Fernsehübertragung und Zeitnahme, die von professionellen Fassadenkletterern außen am Turm installiert wurden, belasteten die ‚Kriegskasse' mit über 100.000 Euro! Die oberste Plattform musste 1 ½ Stunden früher geschlossen werden, womit die Betreibergesellschaft des Eiffelturms das Rennen mit rund 25.000 Euro an entgangenen Eintrittsgeldern sponserte.

Als Randnotiz sei dazu vermerkt, dass die halbtägige Schliessung beim Empire State Building Run Up in New York, der Mutter aller Treppenläufe, mit US-$ 600.000.- veranschlagt wird. Auch diese Summe wird dem veranstaltenden New York Road Runners Club nicht berechnet. Nur durch solches inoffizielles Sportsponsoring werden etliche Treppenläufe auf der ganzen Welt erst ermöglicht.

60 Treppenläufer hatten die Sicherheitsorgane für die Premiere im Jahre 2015 genehmigt, 2016 wurde auf 100 erhöht. Und dies trotz erhöhter Sicherheitsvorkehrungen aufgrund der Pariser Terrorattacken im Jahr zuvor. Dieses Jahr wurden analog zum 128-jährigen bestehen des Eiffelturms genau so viele Teilnehmer zugelassen. Bis zum Bewerbungsschluss 30.11.2016 hatten sich 603 Treppenathleten aus 23 Ländern registriert. Mitte Dezember 2016 wurden dann 40 Eliteathleten von einer Expertenkommission selektiert, danach 78 Amateurathleten im Losverfahren ermittelt. Zusätzlich vergab die Organisation 10 Wild Cards.

Die Miss France 4er-Staffel beim Aufwärmen
Foto: Anthony Chaumontel
... und bei der Staffelübergabe
Foto: Christophe Guiard

Der hell erleuchtete Turm bildete dann eine imposante Kulisse, als sich letztendlich 84 Männer und 32 Frauen zum Sturm auf die Eiserne Lady einfanden. Prominenter Auftakt bildete um 20 Uhr eine Viererstaffel, bestehend aus der aktuellen Miss France und drei ihrer Vorgängerinnen. Mit ihrem sportlich anspruchsvollen Einsatz wollten die vier Grazien auf die erneute Bewerbung von Paris für die Olympischen Spiele 2024 aufmerksam machen.

Ab 20:15 Uhr ging´s dann zur Sache. Zuerst wurde der Behinderte Franzose Guy Amalfitano auf die Treppe losgelassen. Mit einem Bein und zwei Krücken wuchtete er sich in die Eingangspforte und nahm mit erstaunlichem Tempo die 1665 Stufen und 279 Höhenmeter auf nur 700 Metern Laufstrecke in Angriff, die er, sogar noch vier Zweibeiner hinter sich lassend, in noch erstaunlicheren 18:09 Minuten nehmen sollte.

Damit war er nur 10:15 Minuten langsamer als der spätere Sieger! Um 20:20 Uhr wurden dann die Amateure im Halbminutentakt gestartet. Die Frauen folgten ab 21:00 Uhr und um 21:25 Uhr durfte sich die Elite in 60-Sekunden-Intervallen am Turm abarbeiten. Kurz vor 22:00 Uhr, nach weniger als zwei Stunden, war die Eroberung des Eiffelturms abgeschlossen.

Guy Amalfitano vor ... ... und auf der Treppe - Foto: Christophe Guiard

58 Höhenmeter und 330 Stufen sind es bis zur ersten Etage, wo nach anfänglicher Euphorie die anaerobe Belastung bereits ordentlich auf die Lungenflügel drückt. Es folgt die einzig flache Passage, ein rund 60 Meter Transfer über die 4415 Quadratmeter große Besucherplattform zum Ostpfeiler, wo sich die Treppe fortsetzt. Die kommenden 340 Stufen und 58 Höhenmeter zur zweiten Etage bringen Ernüchterung in den Body, der nach Sauerstoff lechzt. Am liebsten würde man sich das Hemd vom Leib reisen, obwohl ein eiskalter Wind durch die Eisenstreben pfeift! Bis hierher sind die Treppen auch für Besucher zugänglich. Aber bis zur obersten Plattform gelangen die jährlich über 7 Millionen Touristen nur mit dem Aufzug. Ein kurzer Übergang führt in den 3. Abschnitt der Eiffelturmeroberung: 500 Stufen und 81 Höhenmeter bis zur Zwischenplattform, die nicht für den Publikumsverkehr zugänglich ist. Hier wird es einsam und die 10.100 Tonnen schwere Eisenstruktur zum Monster.

Die finalen 82 Höhenmeter und 495 Stufen werden zu einem anaeroben Exzess. Wo ist der Sauerstoff? Wir befinden uns doch an der "frischen Luft"! Ist das ein luftleerer Raum? Egal, auch ein vertikaler Höllentrip hat irgendwann ein Ende. Nach 7:54 Minuten blieb für den polnischen Treppenprofi und zweifachen Eiffelturmsieger Piotr Lobodzinski die Uhr stehen. Sechs Sekunden langsamer als im Vorjahr, aber das Triple vollendet und zudem einziger Athlet unter 8 Minuten - Chapeau! Die Nummer 1 in der Weltrangliste der Treppenläufer hat eine Bestzeit von 30:36 Min. über 10 km und 14:41 Min. auf 5 km vorzuweisen.

Piotr Lobodzinski auf der Treppe - Foto: Anthony Chaumontel ... und auf der Verbindungsstrecke auf der 1. Plattform
Foto: Remi Portier

Knapp dahinter mit 8:04 Minuten Christian Riedl von Towerrunning Germany e.V. Der 36-jährige Treppenlaufprofi arbeitet Vollzeit in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung bei Siemens in Erlangen. 2014 stellte er im Frankfurter pwc-tower einen Weltrekord im Treppenlaufen auf (70.148 Stufen in 12 Stunden), siegte beim Empire State Building Run Up in New York 2015 und wurde im März 2016 Towerrunning-Europameister in Warschau. Das Podium machte der Slowakische Treppenspezialist Thomas Celko in 8:15 komplett. Auf dem 4. Platz folgte der Österreicher Jakob Mayer in 8:19 Minuten. Als zweitbester Deutscher kam Görge Heimann in 8:53 Minuten auf den 10. Platz.

Die australische Treppenspezialistin Suzy Walsham, siebenfache Rekordsiegerin in New York, kam extra aus Singapur angereist, wo sie zurzeit lebt und arbeitet. Auch sie machte das Triple perfekt und dazu noch mit neuem Treppenrekord in 9:34 Minuten. Walsham "steigt" in ihrer eigenen Liga, weit abgeschlagen folgten Dominika Stelmach (Polen) in 10:27 und Zuzana Krchova (Tschechei) in 11:02 Minuten. Die besten deutschen Teilnehmerinnen erreichten den 17. (Maike Grossmann in 13:38 Minuten) und 19. Platz (Anna Lena Bockel in 14:05 Minuten).

Der Deutsche Christian Riedl läuft auf Rang 2
Foto: Anthony Chaumontel
Die Australierin Suzy Walsham siegt bei den Frauen
Foto: Christophe Guiard

Atemlos und mit Laktatwerten auf Rekordniveau am Stahlgitter der obersten Plattform hängend, wurde erst hier den meisten Teilnehmern die umwerfende Aussicht auf das hell erleuchtete nächtliche Paris bewusst. Die Skyline entzückte Augen und Sinne. Was für ein Ambiente! 10 Stufen tiefer bekam jeder Treppenläufer einen wärmenden Fließpullover umgehängt, es gab Trinkwasser und leichte Verpflegung und Eurosport hatte seine apartesten Moderatorinnen für Sofortinterviews rekrutiert. Die nächste Station wurde dann mit dem Aufzug erreicht.

Im Salon Gustave Eiffel auf der 1. Plattform fand neben einem edlen Büffet mit Austern, Pasteten, Champagner und erlesenen Patisserien die Siegerehrung statt. Preisgeld wird bei diesem Event nicht ausgezahlt. Die jeweils erste Frau und der erste Mann erhalten jedoch eine Einladung für das kommende Jahr, sowie Flugticket und Unterkunft. Die Überschüsse werden für wohltätige Zwecke gespendet. Die beiden Dreifachsieger Suzy Walsham und Piotr Lobodzinski bringen es auf den Punkt: Es ist eine absolute Ehre eine solche Ikone der Ingenieurskunst mit eigener Körperkraft zu bezwingen!

Die jeweils 3 ersten Damen und Herren vom "La Verticale de la Tour Eiffel" 2017

Fakten

Kombinationstrip
Wer das Glück hat, beim Treppenlauf selektiert zu werden, dem empfiehlt sich ein verlängertes Wochenende in Paris, um zwei Tage später an einer der vier Laufstrecken von 18 bis 80 Kilometer beim Ecotrail de Paris teilzunehmen oder am Sonntag die Nordic-Walking Strecken zu geniessen. Alle Veranstaltungen enden vor spektakulärer Kulisse am Fusse des Eiffelturms.

Anreise
Die Bahn ist für Anreisen nach Paris in Bezug auf Schnelligkeit und Bequemlichkeit mittlerweile fast konkurrenzlos. Seit April 2016 werden im Rahmen der Kooperation "Alleo", einer Tochterfirma von Deutscher Bahn und der französischen SNCF, neue Verbindungen und deutlich verkürzte Fahrzeiten angeboten: Stuttgart - Paris in 3:10 Stunden (5 x täglich) und Frankfurt - Paris in 3:40 Stunden (6 x täglich), ab Euro 39.- für die einfache Strecke, von Innenstadt zu Innenstadt. Das schafft kein Flieger, bei den üblicherweise weit entfernten und nur mit teuren Shuttles zu erreichenden Flughäfen und immer umfangreicheren Sicherheitskontrollen. Dazu gibt es im Zug keine Gepäckbegrenzungen.
Informationen: www.bahn.de/paris

Foto: Remi Portier Foto: Anthony Chaumontel
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Kuriose Fakten zur stählernen Legende

Bericht von Stefan Schlett
Fotos von Stefan Schlett, Remi Portier, Didier Lefevre, Anthony Chaumontel, Christophe Guiard, Remi Portier

Infos: www.ecotrail-events.com - www.verticaletoureiffel.fr

Zurück zu REISEN + LAUFEN – aktuell im LaufReport HIER

© copyright
Die Verwertung von Texten und Fotos, insbesondere durch Vervielfältigung oder Verbreitung auch in elektronischer Form, ist ohne Zustimmung der LaufReport.de Redaktion (Adresse im IMPRESSUM) unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urhebergesetz nichts anderes ergibt.