36. Melbourne Marathon - Australien (13.10.13)

Rekordflut in Australiens
Metropole Nummer zwei

von Ralf Klink

Sie ist eine Metropole mit rund vier Millionen Einwohnern und eines der größten wirtschaftlichen Zentren der Südhalbkugel. Sie war einige Zeit lang der Regierungssitz ihres Landes und außerdem auch bereits Austragungsort Olympischer Spiele. Aber dennoch wird diese Stadt - wenn überhaupt - immer nur als Nummer zwei wahrgenommen und kommt über diese Rolle einfach nicht hinaus. Der eine oder andere dürfte hierzulande sogar Probleme haben, den Namen richtig einzuordnen.

Die Rede ist von Melbourne, das stets im Schatten einer großen Schwester namens "Sydney" steht. Nicht nur hierzulande gilt dieses schließlich als eindeutiges Zentrum Australiens. Und der Anteil derjenigen, die Sydney sogar für seine Hauptstadt halten, ist sicher ziemlich hoch. In Wahrheit nimmt allerdings Canberra diese Rolle ein. Sydney ist nur die Kapitale des Bundesstaates New South Wales. Aber es hat eben den Ruf, jene Metropole zu sein, die es unbedingt anzusteuern gilt, wenn man dem Land einen Besuch abstattet.

Melbournes Skyline bietet vom durch die Stadt fließenden Yarra River bei Tag und Nacht ein imposantes Bild

So falsch ist dieses Ansatz allerdings auch gar nicht. Denn selbstverständlich ist diese erste europäische Siedlung auf dem fünften Kontinent absolut sehenswert. Innerhalb ihrer nicht einmal zweieinhalb Jahrhunderte alten Geschichte hat sie sich schließlich von einer kleinen Sträflingskolonie zur echten Weltstadt - in verschiedensten und nach ganz anderen Kriterien erstellten Ranglisten bezüglich der internationalen Bedeutung landet sie meistens irgendwo im Bereich zwischen zehn und zwanzig - entwickelt.

Der Abstecher ist schon deshalb fast Pflicht, weil es wohl nur wenige Staaten auf der Welt gibt, die so eindeutig von einem einzigen Bauwerk symbolisiert werden, wie Australien durch das Opernhaus von Sydney. Maximal noch jener riesige Felsen, den man hierzulande meist unter "Ayers Rock" kennt, der offiziell aber inzwischen meist mit seinem Aborigine-Namen "Uluru" bezeichnet wird, hat einen ähnlichen Bekanntheitsgrad und vergleichbaren Wahrzeichencharakter.

Zusammen mit der Harbour Bridge, die auf den meisten Fotos direkt hinter dem Opera House aufzuragen scheint, bis zu der man wegen eines dazwischen liegenden Hafenbeckens in Wahrheit aber mehr als eine Viertelstunde Fußmarsch hinter sich bringen muss, bilden seine gestaffelten Halbschalen - manchmal als "Muscheln", manchmal auch als "Segel" beschrieben - ein absolut unverwechselbares Motiv, ohne das kein einziger Bildband oder Reiseführer auskommt. Und auch als Tourist "muss" man sie wohl einfach gesehen haben, um mitreden zu dürfen.

Selbstverständlich hat eine Metropole dieser Größenordnung dann aber noch deutlich mehr zu bieten als nur ein einziges Gebäude. Dass man beim Bummel durch die Straßen im Gegensatz zu Europa aus nahe liegenden Gründen dabei eher selten auf historische Paläste oder mittelalterliche Kirchen stößt, ist eigentlich klar. Doch alleine die tief ins Land hinein reichende, in unzählige Seitenarme aufgegliederte und deswegen ständig neue Perspektiven eröffnende Bucht des Sydney Harbour macht die Stadt zu einer der am schönsten gelegenen weltweit.

Die Metropole besitzt eines der größten Straßenbahnnetze der Welt, von modernen Niederflurwagen bis zu den Uralt-Waggons der touristischen City Circle Line ist dabei die komplette Bandbreite im Einsatz

Sydney hat zudem den Luxus, keine zehn Kilometer südlich mit der Botany Bay noch eine weitere hervorragende natürliche Anlegestelle zu besitzen. Dort betrat der ein wenig zu Unrecht meist als Australien-Entdecker genannte James Cook erstmals den Boden des fünften Kontinents. Der berühmte britische Seefahrer und Forscher war zwar tatsächlich der Erste, der die Ostküste erkundete und kartographierte. Doch weiter im Norden und Westen hatten mehrere niederländische Kapitäne schon über ein Jahrhundert zuvor Land gesichtet.

Da diese Botany Bay inzwischen das Tanker- und Containerterminal des "Port of Sydney" aufgenommen hat, während die alten Stückgut-Lagerhallen im Zentrum zu Wohn- und Geschäftsvierteln umgestaltet wurden, stören an den Ufern des Sydney Harbour auch keine optisch wenig ansprechenden Industriegelände die Aussicht. Und seine Wasserflächen sind abgesehen von gelegentlich anlegenden Kreuzfahrtschiffen hauptsächlich von Hafenfähren, Segelbooten und Motoryachten bevölkert.

Melbourne kann da irgendwie nicht mithalten. Die Metropole, die als Hauptstadt des Bundesstaates Victoria kaum weniger Einwohner zählt als Sydney, liegt - wie eigentlich alle großen Zentren Australien - zwar auch am Meer. Und man hat sogar ebenfalls eine Bucht, die sich als natürlicher Ankerplatz eignet. Im Endeffekt ist das auch gar nicht überraschend, weil man gerade in weitgehend unbesiedelten Regionen neue Städte selbstverständlich meistens dort gründet, wo sich die Geographie besonders dafür eignet.

Doch ist diese "Port Phillip Bay", die sich ziemlich genau dort befindet, wo der australische Kontinent im Südosten mit einem großen Bogen besonders weit nach Süden ausholt, fast kreisrund und hat - trotz einer nur wenige Kilometer breiten Zufahrt vom offenen Meer - dabei einen Durchmesser von etwa vierzig Kilometern. Selbst bei einem wirklich langen Spaziergang entlang ihres Ufers verändert sich deswegen die Perspektive kaum.

Im früheren Hafengelände wachsen die Hochhäuser eines neuen Stadtteils in den Himmel… ...doch auch auf beiden Ufern des Yarra River baut man ziemlich gerne nach oben

Es entbehrt zudem nicht einer gewissen Ironie, dass die Bucht ausgerechnet nach Arthur Phillip benannt wurde. Denn dieser war der Kommandant der "First Fleet", die im Jahr 1788 knapp achthundert Sträflinge und deren Bewachungsmannschaften nach Australien brachte. Es waren die ersten Europäer, die sich - meist ziemlich unfreiwillig - dauerhaft auf dem Kontinent nieder ließen. Phillip war als Leiter der neu gegründeten Kolonie also damit gerade der Stadtvater des großen Rivalen Sydney.

Doch befindet sich das eigentliche Zentrum von Melbourne ohnehin nicht direkt am Meer, es liegt vielmehr ein Stück flussaufwärts am ganz im Norden der Bucht mündenden Yarra River. Und obwohl man für die - sich auf beide Ufer verteilende - Innenstadt durchaus schlechtere Plätze hätte wählen können, kann man in dieser Hinsicht mit Sydney und seinem Harbour eben doch nicht ganz mithalten.

Von einem weltweit bekannten Wahrzeichen wie dem Sydney Opera House - das selbst in jener stilisierten Form, der man auf unzähligen Logos begegnen kann, unverwechselbar ist - ohnehin ganz zu schweigen. Und so zählt man dann in Melbourne auch nur wenig mehr als die Hälfte der Touristen aus Übersee, die in Sydney registriert werden.

Vergleicht man dagegen die Übernachtungen von Australiern sind die Unterschiede zwischen den beiden Städten weitaus geringer. Denn selbstverständlich ist auch die "Metropole Nummer zwei" ein durchaus lohnendendes Reiseziel. Und allzu viele Alternativen für einen interessanten Städtetrip bieten sich den Einheimischen angesichts der enormen Ausmaße und der dünnen Besiedlung ihres Heimatlandes sowieso nicht.

Gerade einmal dreiundzwanzig Millionen Einwohner verteilen sich auf eine Fläche, in die man Deutschland trotz seiner beinahe viermal so vielen Einwohner ziemlich genau zwanzig Mal hinein packen könnte. Selbst die gesamte Europäische Union mit einer Bevölkerung von rund fünfhundert Millionen fände noch knapp zweimal in Australien Platz. Und rein statistisch teilen sich keine drei Menschen einen Quadratkilometer der Landesfläche. Selbst im nicht unbedingt für totale Überfüllung bekannten Kanada errechnet sich da noch ein etwas höherer Wert.

Einzigartig ist die australische Tierwelt, etliche Papageienarten wie dieser Keilschwanzlori bevölkern die Parks der Städte, und manchmal muss man gar nicht weit von ihnen weg fahren, um Kängurus oder Koalas zu begegnen
Nichts für reine Asphalt-Cowboys:
Berglauf & Trail-Run im LaufReport HIER

Dass sich diese ohnehin schon geringe Zahl dann auch noch höchst ungleichmäßig über das riesige Areal verteilt, steigert die Einsamkeit in weiten Teilen des Kontinents nur noch zusätzlich. Denn mit einer Population von jeweils etwa vier Millionen siedelt alleine rund um die beiden Zentren Sydney und Melbourne schon über ein Drittel aller Australier.

Brisbane im nordöstlichen Bundesstaat Queensland steuert weitere zwei Millionen bei. Perth ganz im Westen bleibt etwas unter dieser Marke. Und auch der Wert für Adelaide in Süd-Australien ist noch siebenstellig. Nur fünf städtische Großräume liefern also bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Jeder von ihnen dominiert in mindestens dem gleichen Verhältnis zudem den jeweiligen Bundessstaat.

Selbst im Northern Territory, wo sich gerade einmal eine Viertelmillion Menschen auf der vierfachen Fläche Deutschlands verlieren, ballt sich noch die Hälfte von ihnen in der Hafenstadt Darwin ganz im Norden. Für den Rest des Territoriums bleibt also eine Bevölkerungsdichte in einem eigentlich kaum noch messbaren Bereich übrig. Während man ansonsten in "Personen pro Quadratkilometer" misst, wäre in diesem Fall wohl eher die umgedrehte Angabe sinnvoll.

Dass trotz der unglaublichen Weite gleichzeitig kaum ein Land weltweit einen stärkeren Verstädterungsgrad als Australien besitzt, ist darum keineswegs ein unauflösbarer Widerspruch. Der seltsame Bruch, der diesbezüglich durch die australische Gesellschaft geht, wird zum Beispiel dann deutlich, wenn im Fernsehen zwischen Reklame für Kleinwagen, Schaumbäder, Feuchtigkeitscremes oder Fertigpizza plötzlich ein Werbespot über Desinfektions- oder Impfmittel für Vieh gesendet wird.

Im dicht gedrängten Europa kann man sich zudem kaum vorstellen, wie weit die wenigen Großstädte - keine zwanzig Mal wird auf dem fünften Kontinent die hierzulande als Grenzwert angesehene Marke von hunderttausend Einwohnern übertroffen - auseinander liegen. Von Sydney bis nach Melbourne sind es zum Beispiel in der Luftlinie schon siebenhundert Kilometer. Am Boden lässt sich diese Strecke kaum an einem Tag bewältigen.

Ähnlich weit liegt Adelaide von Melbourne weg, während die Entfernung der Hauptstadt Südaustraliens zu ihrem Gegenstück in Neusüdwales dann schon mehr als tausend Kilometer beträgt. Von Brisbane misst man durch die Luft etwa siebenhundert Kilometer nach Sydney und stolze dreizehnhundert bis Melbourne. Und auf der Straße werden die Distanzen noch einmal um ein volles Drittel länger.

Perth kann man bei diesen Betrachtungen ohnehin fast völlig außen vor lassen. Denn dieses ist von den beiden größten Metropolen des Landes jeweils ungefähr dreitausend Kilometer - im europäischen Vergleich handelt es sich dabei um die Strecke zwischen Lissabon und Stockholm - entfernt. Keine andere Millionenstadt auf dem Globus liegt auch nur annähernd so isoliert. Und vom australischen Osten gesehen sind sogar Auckland, Wellington oder Christchurch in Neuseeland näher als das städtische Zentrum der eigenen Westküste.

In einem Umkreis, in dem man in Europa gleich etliche Dutzend interessante Metropolen - darunter auch viele Hauptstädte - besuchen könnte, beschränkt sich die Auswahl in Australien auf gerade einmal eine Handvoll. Und Melbourne kann man diesbezüglich vielleicht durchaus mit Hamburg vergleichen, das international im Bekanntheitsgrad klar hinter Berlin, München - Stichwort "Oktoberfest" - und Frankfurt - wegen Flughafen und Banken - zurück liegt, zu Hause aber dennoch als ziemlich lohnendes Ziel gilt.

Neben "normalen" Städtetouristen und - aufgrund der wirtschaftlichen Bedeutung ziemlich zahlreichen - Geschäftsreisenden zieht Melbourne allerdings auch verstärkt Sportfreunde an. Schließlich gilt die Metropole im Südosten Australiens auf diesem Gebiet als die "heimliche Hauptstadt" des Landes. So werden seit über vierzig Jahren die "Australian Open", eines der vier wichtigsten Tennis-Turniere weltweit am Yarra River ausgetragen.

Genau wie die in der Regel von Mitte bis Ende Januar ausgetragenen offenen australischen Tennis-Meisterschaften eröffnet auch das jährlich im März anstehende Formel-Eins-Rennen von Melbourne die jeweilige Saison. Nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt wird dabei auf einem Rundkurs gefahren, der aus öffentlichen Straßen in einem Park besteht und jedes Mal eigens präpariert werden muss.

Auf den Uferpromenaden am Fluss findet sich auch die eine oder andere moderne Skulptur

Und als einen der weiteren Höhepunkte des Sportjahres gibt es unter anderem noch den "Melbourne Cup", eines der am höchsten dotierten Pferderennen überhaupt. Alleine vor Ort sind meist über einhunderttausend Zuschauer dabei. Und noch viel mehr Menschen verfolgen es vor dem Fernseher. Dass das Rennen jeweils am ersten Dienstag im November gelaufen wird, ist dabei kein Hindernis. Denn im Bundesstaat Victoria ist der "Melbourne Cup Day" nahezu überall ein gesetzlicher Feiertag.

Während man bei den letzten beiden Punkten der Aufzählung sehr wohl darüber diskutieren kann, ob man sie überhaupt noch unter dem Begriff "Sport" fassen sollte, dürfte die Einordnung des Marathons von Melbourne in diese Rubrik kaum strittig sein. Und obwohl es inzwischen auch in Sydney eine internationale Veranstaltung über diese Distanz gibt, ist der Lauf in der Hauptstadt von Victoria nicht nur wesentlich älter sondern auch rund doppelt so groß wie das Rennen beim ungeliebten Rivalen.

Das wirkt aus der Ferne betrachtet schon erstaunlich genug. Noch überraschender ist allerdings, dass sich jener Marathon, den man eigentlich als Marktführer erwartet hätte, nämlich der von Sydney, in der nationalen Rangliste sogar nur auf Platz drei findet. Denn zwischen die beiden Kontrahenten aus den großen Metropolen schiebt sich mit schöner Regelmäßigkeit noch der Lauf in der Ferienregion Gold Coast. Ein paarmal konnte diese im Juli - also mitten im australischen Winter - ausgetragene Veranstaltung sogar an der Position von Melbourne wackeln.

Allen dreien gemeinsam ist, dass sie sich keineswegs nur auf zweiundvierzig Kilometer beschränken. Wie hierzulande auch kommt eigentlich kaum eine Veranstaltung ohne Ergänzungsstrecken aus. Allerdings stellt man sich in Australien in der Regel noch viel breiter auf. Neben einem auch dort nahezu obligatorischen Halbmarathon gibt es praktisch überall auch einen Zehner sowie einen Einsteigerlauf über fünf Kilometer oder eine ähnliche Distanz.

Und während man sich beim Marathon in den letzten Jahren irgendwo zwischen etwa dreitausend Läufer in Sydney und ungefähr sechstausend Startern in Melbourne bewegte, stoßen alle drei Veranstaltungen wegen ihrer großen Angebotsbreite hinsichtlich der Gesamtteilnehmer längst in Bereiche von fünfundzwanzig bis dreißigtausend vor.

Zum reinen Rahmenprogramm, das von den anderen Rennen nach und nach komplett an die Wand gedrückt wird, wie man es hierzulande inzwischen häufiger beobachten kann, sind die langen Strecken allerdings nirgendwo verkommen. Das Gegenteil ist der Fall. Nicht nur die genannten Läufe sondern auch etliche andere Marathons sind in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Und mit Canberra und Perth registrieren inzwischen noch zwei weitere Veranstaltungen konstant vierstelle Zahlen an Meldungen und Zieleinläufen.

Trotzdem geht man in der Regel weit weniger offensiv - mit etwas bösem Willen ließe sich auch das Wort "marktschreierisch" verwenden - mit dem Begriff "Marathon" um als in Europa. Der "Gold Coast Marathon", der sich trotz seines umfangreichen Streckenangebotes tatsächlich genau so nennt, ist im fernen Australien nämlich eher die Ausnahme.

Vor dem "Melbourne Convention and Exhibition Centre" liegt in einem alten Hafenbecken das Museumschiff "Polly Woodside" Nicht weniger modern ist auch der Neubau des "Melbourne Museum", in dem natur- und völkerkundliche Ausstellungen gezeigt werden

Ansonsten tauchen - zum Beispiel in Melbourne - Formulierungen wie "Marathon Festival" auf, denen man irgendwie schon ansehen kann, dass es dabei nicht nur über zweiundvierzig Kilometer gehen dürfte. Und neben Sydney tragen noch eine ganze Reihe anderer Veranstaltungen sogar vollkommen neutrale Namen. "Festival of Running" oder "Running Festival" heißt es dann. Und man muss schon ein wenig in den Details wühlen, um dahinter dann jeweils den Marathon zu entdecken.

Trotzdem soll die lange Strecke natürlich der Hauptwettbewerb sein. Deswegen sind die Teilnehmerzahlen auf den Unterdistanzen bei den großen australischen Veranstaltungen praktisch überall gedeckelt. So hat man zum Beispiel in Melbourne die Felder für den Halbmarathon und den Zehner auf elf- und zehntausend Starter begrenzt. Beide Meldelimits werden in der Hauptstadt von Victoria dann tatsächlich auch erreicht bzw. nur ganz knapp verfehlt, was angesichts der Preisgestaltung noch wesentlich bemerkenswerter wird.

Denn für den Zehner sind je nach Meldetermin zwischen sechzig und achtzig australische Dollar an Startgebühren zu bezahlen, beim Halbmarathon ist man für fünfundneunzig bis hundertzehn Dollar dabei. Da der Umrechnungskurs zum Euro bei ungefähr sieben zu zehn liegt, ergeben sich so immerhin über fünfzig Euro für zehn und knappe achtzig für einundzwanzig Kilometer. Und bei einer Teilnahme am Marathon muss man bei der Einschreibung sogar hundertdreißig bis hundertfünfzig Dollar hinlegen.

Dabei ist Melbourne - zumindest für Läufer aus Übersee, die bei den anderen zum Teil noch einmal deutliche Zuschläge bezahlen - sogar noch der günstigste unter den führenden Marathons des Landes. Die Australier übertreffen mit ihren Startgeldern damit oft sogar noch das bekanntermaßen schon ziemlich hohe skandinavische Niveau. Doch wenn man sich auf den langen - und zudem nicht unbedingt billigen - Weg nach Australien macht, ist diese Ausgabe am Ende irgendwie auch noch zu verschmerzen.

Bei einem Gesamtfeld dieser Dimension muss man natürlich auch auf ein Veranstaltungszentrum mit ausreichender Kapazität zurück greifen können. Und viel größer als der "Melbourne Cricket Ground" hätte dieses auch gar nicht ausfallen können. Denn hinter diesem eher unspektakulären Namen verbirgt sich ein gigantisches Stadion mit einem Fassungsvermögen von über hunderttausend Zuschauern. In ganz Australien - und nebenbei bemerkt auch in Europa - gibt es keine größere Arena. Und selbst weltweit rangiert man damit noch auf Platz zehn.

"Iconic" benutzen die Australier gerne als Begriff, um die Bedeutung der in der Regel mit "MCG" abgekürzten Sportstätte zu beschreiben. Bei den nun immerhin schon knapp sechs Jahrzehnte zurück liegenden Spielen des Jahres 1956 diente es auch als Olympiastadion. Allerdings sah es damals noch deutlich anders aus. Denn mehrfach wurden seine Tribünen seitdem um- und ausgebaut. Die letzte große Metamorphose erlebte der Melbourne Cricket Ground am Anfang des neuen Jahrtausends bei der Vorbereitung auf die Commonwealth Games des Jahres 2006.

Aus mitteleuropäischer Sicht scheint es nahezu unvorstellbar, dass man mit einer so exotischen Disziplin ein solch gigantisches Stadion füllen könnte. Doch hat Cricket in Australien einen ziemlich hohen Stellenwert. Die Popularität, die diese Sportart "down under" genießt, dürfte sogar weit über die Aufmerksamkeit hinaus gehen, die man ihr im britischen Mutterland - dort lassen sich niedergeschriebene Regeln seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts belegen - entgegen bringt.

Noch größer ist die Begeisterung jedoch auf dem indischen Subkontinent. Nachdem die einst nahezu unschlagbaren pakistanischen und indischen Hockey-Teams in den letzten Jahrzehnten den Anschluss an die Weltspitze verloren haben, ist Cricket allerdings der einzige Sport, in dem man international überhaupt noch konkurrenzfähig ist. Es ist aber durchaus bezeichnend für das australische Interesse, dass Spiele der mit vielen internationalen Stars besetzten indischen Profiliga in privaten Sportsendern live übertragen werden.

In einer weiteren Sportart finden regelmäßig Begegnungen im MCG statt. Und diese ist sogar für den Rest des einstigen britischen Empire ein ziemliches Rätsel. Denn es gibt sie wirklich nur auf dem fünften Kontinent. "Australian football" heißt sie dann auch folgerichtig. Wie bei ihren amerikanischen und kanadischen Namensvettern ist das Spielgerät oval, doch auf einen Helm und eine Schutzausrüstung wird verzichtet. Und im Gegensatz zum Rugby haben die Trikots nicht einmal Ärmel. Dennoch geht es dabei ziemlich "rustikal" zu.

Wie ein antikes Mausoleum wirkt das gigantische Monument für die im Ersten Weltkrieg gefallenen australischen Soldaten, das den pompösen Namen "Shrine of Remembrance" trägt

Gespielt wird mit je achtzehn Akteuren pro Mannschaft auf einem ovalen Feld, das von seinen Maßen ungefähr dem des Cricket entspricht. Etwa hundertvierzig bis hundertachtzig Meter beträgt die Länge in der Mitte. Und hundertzehn bis hundertfünfzig Meter hat es an der breitesten Stelle. Deswegen ist die Spielfläche im Melbourne Cricket Ground dann auch weitaus größer als in allen europäischen Stadien, von denen die meisten ja inzwischen ohnehin zu reinen Fußballarenen umgebaut sind.

Auf jeder Seite des Feldes stehen vier Pfosten - zwei hohe in der Mitte, zwei niedrigere links und rechts daneben. Wird der Ball mit dem Fuß durch das "goal" in der Mitte befördert, werden sechs Punkte gutgeschrieben. Ein "behind" in den beiden äußeren Zielen bringt immerhin noch einen Zähler. Bei einer Spielzeit von vier mal zwanzig Nettominuten in der Profiliga kommen so durchaus häufiger Ergebnisse jenseits der Hunderter-Marke zustande.

Eigentlich ist sogar das "australian" im Namen der Sportart noch ein bisschen hoch gegriffen. Denn ihre Hauptbasis liegt praktisch ausschließlich in Victoria. Und bis vor einem guten Vierteljahrhundert wurde er zumindest auf Profiebene auch tatsächlich nur im südöstlichsten Bundesstaat betrieben. Erst in den Achtzigern wurde die bis dahin unter "Victorian Football League" firmierende damals schon fast hundert Jahre alte Meisterschaftsrunde durch Umzüge und Neugründungen nach und nach zur nationalen Liga erweitert.

So ist es dann auch wenig erstaunlich, dass sich in der Auflistung der Titelträger der inzwischen meist unter ihrem Kürzel "AFL" bekannten Spielklasse nahezu ausschließlich Mannschaften aus Victoria finden. Und noch immer stellen diese über die Hälfte der Liga. Praktisch alle sind zudem im Großraum Melbourne beheimatet. Der einzige Club im Südosten der seine Heimat nicht in der Stadt oder einer ihrer Vororte hat, kommt aus Geelong. Und das ist vom Zentrum Melbournes auch nur siebzig Kilometer entfernt.

Es ist also wenig überraschend, dass die "premiership" bisher nur ungefähr ein Dutzend Mal in andere Bundesstaaten ging. Mit etwas Überlegen ergibt sich dabei im Umkehrschluss aber auch, dass die Verteilung der Titel zwischen dem kleinen Victoria - das gerade einmal drei Prozent der Fläche Australiens belegt aber immerhin ein Viertel der Einwohner beherbergt - und dem großen Rest des Landes zumindest bezogen auf die Zahl der in der Liga vertretenen Teams zuletzt sogar ziemlich gleichmäßig war.

Trotz der Ausdehnung auf andere Landesteile findet das Endspiel, das mit dem eigentlich nur in Australien gebräuchlichen, aber auch in anderen Sportarten verwendeten Begriff "Grand Final" bezeichnet wird, allerdings traditionell weiter in Victoria statt. Und wenig verwunderlich ist, dass der dabei regelmäßig bis auf den letzen Platz ausverkaufte Melbourne Cricket Ground als Austragungsort dient. In den letzten mehr als sieben Jahrzehnten wurden die Sieger nur ein einziges Mal anderswo ermittelt, als der MCG wegen Umbau nicht zur Verfügung stand.

Nur zwei Wochen vor dem Melbourne Marathon erlebt die Stadt deswegen ein noch weit größeres Sportereignis. Denn längst spielt sich nicht mehr alles nur auf dem Rasen des Cricketovals ab. Fast eine ganze Woche hält das Finale die Metropole in Atem. Neben den üblichen Pressekonferenzen oder Autogrammterminen gibt es freitags - also am Tag vor dem Endspiel - noch eine große Parade, bei der sich beide Teams in offenen Fahrzeugen den Anhängern präsentieren.

Auch dabei sind die Zuschauerzahlen sechsstellig. Das gilt natürlich insbesondere dann, wenn - wie eigentlich fast immer - zumindest eine der beteiligten Mannschaften aus der Region kommt. Diesmal sind es die "Hawks" aus dem Vorort Hawthorn, die in ihren ungewöhnlichen braun-gelb-längsgestreiften Trikots gegen die erstmals überhaupt im Grand Final vertretenen "Dockers" - sie laufen in einer als "purple" bezeichneten, aber eher einem leicht ins Lila abdriftenden Blau ähnelnden Farbe auf - aus Freemantle im Bundestaat Western Australia spielen dürfen.

Vielleicht liegt es ja auch ein wenig am Heimvorteil - der MCG liegt schließlich nur etwa fünf Kilometer von Hawthorn entfernt und die "Falken" tragen auch einen großen Teil ihrer regulären Spiele in dieser Arena aus - die "Hafenarbeiter" von der Westküste, die allerdings auch von vorne herein als klare Außenseiter gegolten hatten, liegen jedenfalls ständig zurück und sind den Lokalmatadoren eigentlich deutlicher unterlegen, als es der 77:62 Endstand aussagt.

In der Höhe sind die Spitzen des "Arts Centre Melbourne" und der "St Patrick's Cathedral" gar nicht so weit auseinander, bezüglich der Ausgestaltung trennen sie aber Welten

Obwohl man im Stadtbild weit weniger davon mitbekommt als beim Grand Final der Footballspieler, zieht sich jedoch auch der Melbourne Marathon über mehrere Tage. Denn schon am Donnerstagmorgen beginnt am Stadion die Startnummernausgabe. Dafür haben sich die Organisatoren abhängig von der gewählten Distanz gleich drei, jeweils leicht unterschiedliche Varianten einfallen lassen.

Denn wer für den Halbmarathon gemeldet hat, erhält seine Unterlagen in einem Zelt, das direkt vor dem Stadion aufgebaut ist. Die Zehner dürfen sogar durch "gate 2" in den sogenannten "Members Stand" - also die "Mitgliedertribüne" - hinein, um ihren Umschlag dort in Empfang zu nehmen. Und die Marathonis sowie die Teilnehmer am Lauf über 5.7 Kilometer müssen sich an den Kassen dazwischen anstellen, aus denen diesmal keine Tickets verkauft sondern Nummern verteilt werden.

Immerhin hat man für den Fall, dass schlechtes Wetter herrsche sollte, auch den Anstellbereich davor mit einem Zeltdach versehen. Und gleich am ersten Öffnungstag zeigt sich, dass man mit dieser Vorsichtsmaßnahme gar nicht so schlecht gelegen hat. Die trüben Wolken, die sich schon am Morgen über Victoria versammelt haben, bringen nämlich später zuerst Schauer und dann sogar stärkere Regenfälle.

So ungewöhnlich ist dies im Südosten Australiens keineswegs. Denn die klimatischen Daten von Melbourne entsprechen keineswegs den Werten, die man für den trockensten aller Kontinente erwarten würde. Die jährliche Niederschlagsmenge ähnelt jedenfalls derjenigen, die man auch in Frankfurt am Main messen kann. Im bergigen Hinterland fällt sogar noch wesentlich mehr Regen. Hinter der kleinen Insel Tasmanien ganz im Süden ist Victoria eindeutig der feuchteste Bundesstaat.

In den australischen Alpen, die in Victoria immerhin knapp an der Zweitausend-Meter-Linie kratzen und diese jenseits der Grenze zu New South Wales sogar um gute zweihundert Meter übertreffen, ist Schneefall während der Wintermonate - also von Juni bis August - völlig normal. Selbst unten am Meer in Melbourne bleiben die Temperaturen um diese Jahreszeit ziemlich häufig in einstelligen Bereichen. In seltenen Ausnahmefällen gibt es durchaus auch einmal Frost. Es gibt in den Bergen mehrere Skigebiete. Und vereinzelte Lifte sind sogar im Oktober noch in Betrieb.

Abgesehen von den etwas höheren, eher den Werten am nördlichen Mittelmeer entsprechenden Temperaturen ist das Klima sehr wohl mit dem Westen Europas vergleichbar. Von der staubigen Halbwüste aus rotem Sand, die man als Bild von Australien im Kopf hat, ist rund um die Metropole jedenfalls nicht viel zu sehen. Vielmehr kommt die Region relativ grün daher und wirkt abgesehen von den allgegenwärtigen Eukalyptusbäumen durchaus heimisch und vertraut.

Im Gespräch mit Einheimischen relativiert sich dieser Eindruck allerdings ein wenig. Das sei keineswegs immer so, bekommt man dabei zu hören. Victoria habe nur nach mehreren eher trockenen Jahren einen ziemlich niederschlagsreichen Winter erlebt. Dass dies keineswegs in ganz Australien so ist, kann man zur gleichen Zeit ein Stück weiter nördlich beobachten. Denn im benachbarten New South Wales summieren sich die Messdaten der Meteorologen zu einem der heißesten und trockensten September aller Zeiten.

Obwohl die eigentliche "bushfire season" eher im australischen Hochsommer liegt, gibt es deshalb bereits in jenem - ja erst dem März der Nordhalbkugel entsprechenden - Monat jeden Tag an Dutzenden Stellen neue Feuer. Und da auch der Oktober rekordverdächtige Temperaturen bringt, werden sich nur wenige Tage nach dem Marathon von Melbourne einige von ihnen zu so großen Waldbränden ausgewachsen haben, dass sie auch den Nachrichtensendungen im fernen Europa eine tägliche Meldung wert sind.

Für die Natur sind diese Brände eigentlich völlig normal, sie gehören zum natürlichen Kreislauf. Im Schnitt ungefähr einmal pro Jahrzehnt brennt eine Fläche nieder. Die Pflanzen haben sich längst angepasst und für viele von ihnen sind die regelmäßig wiederkehrenden "bushfires" im Lebenszyklus sogar unbedingt notwendig. Schon wenige Jahre, manchmal sogar nur einige Monate nachdem eine Feuerwalze über australischen Wald hinweg gerollt ist, lassen sich deren Spuren kaum noch entdecken.

Deswegen beschränken sich die Feuerwehren oft einfach darauf, die Flammen einigermaßen unter Kontrolle zu halten - was meist schwer genug ist - und das Übergreifen auf bewohnte Gebiete zu verhindern. Da sich einerseits die "suburbs" der großen Metropolen stetig weiter ins Buschland hinein ausbreiten und andererseits immer häufiger rekordverdächtige Werte für Hitze und Trockenheit gemessen werden, so dass die Häufigkeit der Brände spürbar zunimmt. sind in den letzten Jahren zunehmend auch dichter besiedelte Regionen betroffen.

Gleich mehrere neue, architektonisch interessante Brücken - unter anderem die "Seafarers Bridge" - hat man in den letzten Jahren über den Yarra River gebaut Direkt neben dem Stadtzentrum findet man die Tennisanlage, in der jedes Jahr die Australian Open veranstaltet werden, die Rod Laver Arena fasst als Platz für die Endspiele immerhin fünfzehntausend Zuschauer

Im vermeintlich so grünen Victoria stellen Buschfeuer ebenfalls keineswegs eine Seltenheit dar. Seit dem Jahrtausendwechsel sind alleine bei einem halben Dutzend großer Brände über zehn Prozent seiner Fläche Opfer der Flammen geworden. Und so spielen Themen wie die Finanzierung oder der Nachwuchsmangel der "fire brigades" in der Politik und den Medien eine wesentlich wichtigere Rolle als anderswo.

Doch für ein anderes Wetterphänomen ist Melbourne eigentlich in ganz Australien bekannt. Praktisch nirgendwo wechseln die Witterungsverhältnisse nämlich schneller. Je nachdem ob der Wind aus dem warmen, trockenen Landesinneren kommt oder vom kühleren, feuchten Südpazifik können die Temperaturen innerhalb kürzester Zeit enorm schwanken. Mit dem fast schon sprichwörtlichen "four seasons in one day" fassen die Melbournians diese Sprunghaftigkeit in einem einzigen Halbsatz zusammen.

Ganz so schnell ändert sich die Wetterlage an diesem Wochenende zwar nicht. Doch nachdem sich bereits am späten Donnerstag der Regen verzogen hat, lösen sich die verbliebenen Wolken am nächsten Morgen weitgehend auf und der Freitag kommt zumindest in seiner zweiten Hälfte ziemlich heiter und als angenehmer Frühlingstag daher. Am Samstag kann man dann in Melbourne schon Frühsommer erleben, denn das Quecksilber klettert bei strahlendem Sonnenschein zur Marke von fünfundzwanzig Grad hinauf.

Doch wer nun schon die Befürchtung hegt, dass ein Hitzemarathon bevor stehen könnte, wird von der Wettervorhersage eines besseren belehrt. Denn für den Renntag erwarten die Meteorologen schon wieder die nächste Schlechtwetterfront. Zehn Grad weniger als vierundzwanzig Stunden zuvor und zum Teil auch ergiebige Schauer errechnen die Spezialisten mit ihren komplexen Modellen, die ja - in diesem Fall muss man wohl sagen "leider" - für Kurzzeitprognosen inzwischen eine fast hundertprozentige Trefferwahrscheinlichkeit haben.

Während die Startnummernausgaben vor den unter diesen klimatischen Voraussetzungen fast zu erwartenden Wetterunbilden einigermaßen geschützt sind, steht man in der nächsten Warteschlange dann doch im Freien. Denn noch ein weiteres Mal muss man sich einreihen, um auch den "race pack" in Empfang zu nehmen. Den obligatorischen Beutel mit Werbematerial erhalten alle Teilnehmer nämlich nicht zusammen mit der Nummer sondern an einem Zelt, das in einigem Abstand zum Stadion auf dem Rasenstück steht.

Statt einer normalen Plastiktüte bekommt man dort immerhin eine aufgrund des dünnen, aber trotzdem festen Materials zu in ein winziges Format zusammenfaltbare Umhängetasche mit dem Logo der Veranstaltung ausgehändigt, für die man auch später durchaus noch Verwendung finden könnte. Und neben den üblichen Probepäckchen, gehört - angesichts der keineswegs niedrigen Startgebühren nicht unbedingt überraschend - außerdem ein T-Shirt zum Leistungspaket.

Auf den ersten Blick scheinen diese Hemden für alle Distanzen gleich zu sein. Trotzdem gibt es für jede Strecke eine eigene Ausgabe. Denn bei genauerem Hinsehen ist neben dem Logo eben auch die Streckenlänge aufgedruckt. Wie schon bei der Benennung ihrer Veranstaltungen nehmen es die Australier diesbezüglich doch etwas genauer als viele Organisatoren hierzulande. Wenn außen "42,2 km" drauf steht, steckt in der Regel also auch ein Marathoni drin. Sonst würde man schließlich "21,1 km" oder "10 km" auf der Brust lesen können.

Sowohl donnerstags als auch freitags ist der Andrang bei der Ausgabe der "bib numbers" recht überschaubar. Dabei bekommt man als Teilnehmer auf der Internetseite den dringenden Rat "to collect your race pack prior to lunch time on Saturday". Ansonsten würde ziemlich langes Anstehen drohen. Die Ausführungen enden gar mit dem beinahe drohenden Satz "you have been warned". Warum man ausgerechnet am Samstag die Ausgabe trotzdem nur zwischen acht und drei Uhr geöffnet hat, ist dann allerdings umso rätselhafter.

Entgegen der ersten Annahmen, die man hat, wenn man im Infomaterial über den Standort "Stadion" stolpert, ist das Ganze übrigens alles andere als aufwendig. Denn anders als in den meisten Städten, bei denen die großen Sportarenen in der Regel ein ganzes Stück außerhalb des Zentrums zu finden sind, kann man in Melbourne in wenigen Minuten vom "Central Business District" hinüber zum praktisch benachbarten Cricket Ground spazieren.

Etwa zwei Kilometer lang und einen guten Kilometer breit ist dieser meist einfach mit den Buchstaben "CBD" abgekürzte eigentliche Kern der Metropole. Er findet sich dort, wo der bis dahin ziemlich schmale und wild durch das Stadtgebiet mäandrierende Yarra River sich ein wenig weitet und kurzzeitig einen nahezu geraden Verlauf bekommt, um anschließend in einem großen Linksbogen dem Meer entgegen zu streben.

Wie in so vielen schnell gewachsenen Kolonialstädten erstreckt sich das Zentrum in einem exakt rechtwinkligen Netz von Straßen. Allerdings orientiert sich dieses eher am Flussverlauf als an der Windrose und ist deswegen gegenüber dem Raster der nördlich und östlich anschließenden, ebenfalls schachbrettartig angelegten Stadtviertel spürbar zur Seite gekippt, so dass sich dort, wo beide Systeme aufeinander treffen, immer wieder einmal ziemlich spitze Ecken ergeben.

Einem bunten, nicht immer wirklich harmonischen, aber trotzdem ziemlich interessanten Mix aus einerseits modernen Hochhäusern und Einkaufszentren sowie andererseits alten Kolonialbauten aus der Regierungszeit jener Königin, die im neunzehnten Jahrhundert mehr als dreiundsechzig Jahre auf dem britischen Thron saß und dem Bundesstaat den Namen gab, kann man dort begegnen.

Als Veranstaltungszentrum für den Marathon hat man sich die Arena des "Melbourne Cricket Ground ausgesucht", auf dem Vorplatz aufgebaute Zelte nehmen die Startnummernausgabe und die Laufmesse auf

Als jene Victoria 1837 im Alter von wenig mehr als achtzehn Jahren zur Herrscherin über das damals noch im Wachsen begriffene Empire wurde, war Melbourne kaum mehr als ein kleine Siedlung. Erst zwei Jahre zuvor hatten sich nämlich dort erste europäische Kolonisten nieder gelassen. Und praktisch zeitgleich mit der Thronbesteigung der neuen Königin war das neugegründete Städtchen nach dem damaligen britischen Premierministers Lord Melbourne benannt worden.

Dass ihre Heimat ganz im Gegensatz zum als Verbannungsort von Sträflingen entstandene Sydney von freien Siedlern gegründet wurde, heben die Melbournians gerne einmal hervor. Wirklich Beachtung findet man mit diesem Argument allerdings nicht. Vielmehr gibt es vermutlich kaum ein Land, in dem man stolzer darauf ist, wenn sich in der eigenen Ahnenreihe vor etwa zweihundert Jahren ein verurteilter Krimineller finden lässt. Ein bis zur "First Fleet" zurück reichender Stammbaum ist in Australien fast so etwas wie ein Adelstitel.

Schon zehn Jahre später wurde Melbourne von Queen Victoria zur "City" erklärt. Und 1851 - Victoria war formell von New South Wales abgespalten worden - machte man es zur Hauptstadt der neuen Kolonie. Als im gleichen Jahr dann auch noch in der nur gut einhundert Kilometer entfernten Region um die heutigen Städte Ballarat und Bendigo Gold gefunden wurde, wuchs die Bevölkerung sprunghaft an.

Der "Victorian gold rush" ist zwar weit weniger bekannt als sein fast zeitgleiches Gegenstück in Kalifornien oder der ein halbes Jahrhundert später ausgebrochene Goldrausch in Alaska und dem kanadischen Yukon Territory, der durch die Erzählungen von Jack London zu Legende wurde, doch die Auswirkungen waren in Australien durchaus ähnlich. Eine Welle von Glückssuchern überschwemmte das Land, das seine Einwohnerzahlen innerhalb von nicht einmal zehn Jahren nahezu verdreifachte.

Und keine zwei Jahrzehnte, nachdem sich in der Region die ersten Europäer angesiedelt hatten, zählte die Stadt bereits weit über hunderttausend Menschen und Sydney war zudem seinen Rang als größte Siedlung des Kontinents los. Erst im zwanzigsten Jahrhundert - beide Konkurrenten waren im Zuge der Industrialisierung Australiens zu diesem Zeitpunkt bereits längst zu Millionenmetropolen angewachsen - drehte sich die Reihenfolge dann wieder um.

So ist durchaus nachvollziehbar, dass Melbourne zur provisorischen Hauptstadt erklärt wurde, als sich am ersten Januar 1901 die nun sechs Kolonien auf dem Kontinent zum "Commonwealth of Australia" vereinigten. Dass noch im gleichen Monat Queen Victoria starb und Edward VII ihr Nachfolger als Herrscher des in den mehr als sechs Jahrzehnten der Regentschaft seiner Mutter noch einmal deutlich gewachsenen Empire wurde, schließt irgendwie einen Kreis in der Stadtgeschichte.

Von vorne herein war aber klar, dass der Regierungssitz nicht auf Dauer in Melbourne bleiben würde, das offiziell noch nicht einmal als "capital" bezeichnet wurde. Denn wegen der schon damals bestehenden großen Rivalität zwischen Sydney und Melbourne sowie New South Wales und Victoria hatten sich die australischen Kolonien bereits bei der Gründung ihrer Föderation auf den Kompromiss geeinigt, eine neue Hauptstadt zu bauen.

Diese sollte zwar noch in New South Wales, aber trotzdem mindestens hundert Meilen von Sydney entfernt liegen. Im Jahr 1908 wurde das heutige "Australian Capital Territory" vom ältesten Bundesstaat abgespalten und 1913 begannen nach einem Architekturwettbewerb die Bauarbeiten für die Planstadt Canberra. Doch erst 1927 löste diese Melbourne als "seat of government" ab und erhielt damit offiziell Hauptstadtstatus.

Am östlichen Rand der Innenstadt, kaum mehr als einen Kilometer vom Cricket-Stadion entfernt steht das Gebäude, in dem das australische Parlament sechsundzwanzig Jahre lang tagte. Davor und danach diente der klassizistische, säulengeschmückte Bau als Sitz der Volksvertretung von Victoria. Wäre es nach den Architekten gegangen, könnte das ohnehin schon monumentale "Parliament House" sogar noch deutlich monumentaler aussehen. Doch die ursprünglich geplante riesige Kuppel in der Mitte wurde nie verwirklicht.

Direkt vor dem Parlamentsgebäude rumpeln die Waggons der "City Circle Tram" vorbei. Auf den äußersten Straßen des Innenstadtrechteckes fahren sie immer wieder rund um den Central Business District herum. Dabei kommt die Ringlinie auch noch an einer ganzen Reihe anderer Sehenswürdigkeiten Melbournes vorbei.

Ihre verkehrstechnische Bedeutung ist eher gering. Doch wegen der interessanten Streckenführung und weil selbst die jüngsten der eingesetzten Wagen mindestens sechs Jahrzehnte auf dem Buckel haben, hat sie sich selbst zu einer touristischen Attraktion entwickelt. Dass man für sie keine Fahrkarte kaufen muss, sondern man überall kostenlos ein- und austeigen kann, erhört ihre Attraktivität nur zusätzlich.

Allerdings haben sich die Straßenbahnen auch sonst längst den Rang eines der wichtigsten Symbole von Melbourne erarbeitet. Schließlich sind sie im Stadtbild praktisch allgegenwärtig. Denn die Metropole am Yarra nennt - selbst wenn man es auf der anderen Seite der Weltkugel kaum erwarten würde - eines der größten Tramnetze weltweit ihr Eigen. Rund zweihundertfünfzig Kilometer Gleise verlaufen kreuz und quer durch die Stadt. Und immerhin dreißig verschiedene Linien ziehen sich in alle Himmelrichtungen in die Vororte hinaus.

Im Gegensatz zur mit der Nummer "35" ausgestatteten City Circle Line ist deren Benutzung allerdings keineswegs umsonst. Und gerade für Touristen gestaltet sich der Erwerb eines gültigen Tickets für den öffentlichen Nahverkehr ziemlich umständlich. Denn man kann keineswegs - wie fast überall sonst auf der Welt - einfach zu einer Haltestelle gehen, dort an einem Automaten sein Ziel eingeben und anschließend in diesen das dafür fällige Geld einwerfen.

Zuerst muss man vielmehr in ausgewählten Geschäften oder Hotels, an großen Bahnhöfen oder bei der Touristeninformation für sechs australische Dollar eine wiederverwendbare Plastikkarte käuflich erwerben. Auf diese lassen sich dann Geldbeträge laden, die anschließend wieder herunter gebucht werden, wenn man das elektronische Ticket nach dem Einsteigen an das in den Zügen und Bussen montierte Lesegerät hält. "Myki" nennt sich das hochmoderne, für Besucher jedoch eindeutig wenig optimale System.

Zurück geben kann man das Kärtchen nicht mehr. Selbst wenn man nur einen oder zwei Tage das öffentliche Verkehrsnetz von Melbourne fahren möchte, sind diese sechs Dollar zu investieren. Dafür sind die eigentlichen Gebühren jedoch eher preiswert. Denn in der inneren der beiden Tarifzonen, die einen Radius von mehr als zehn Kilometer rund ums Stadtzentrum und damit den kompletten touristisch interessanten Bereich umfasst, kann man den ganzen Tag für sieben Dollar herum fahren. Am Wochenende wird auf der Karte sogar nur die Hälfte dieses Betrages belastet.

Abgesehen von einigen weiter in die "outer suburbs" hinaus reichenden Streckenästen befindet sich auch fast das gesamte Trambahnnetz innerhalb dieses Bereiches. Praktisch alle Linien führen zudem mitten ins Zentrum hinein und meist auch auf der anderen Seite wieder hinaus. Nur ganz selten gibt es dabei ganz eigene Trassen. Meist verlaufen die Gleise vielmehr einfach in der Mitte von größeren Straßen.

Im Untergeschoss des Stadions kann man seine Taschen nach einem eher ungewöhnlichen System abgeben... …danach steht ein fast einen Kilometer langer Fußmarsch hinüber zum Start an

Der große Vorteil, den eine Straßenbahn gegenüber einer Untergrund- oder einer Hochbahn hat, nämlich die relativ kostengünstige Strecken, birgt so auch den enormen Nachteil in sich, dass es ziemlich anfällig für Störungen wird. Nahezu jede Veranstaltung im Innenstadtbereich - sei es die "Grand Final Parade" oder der Melbourne Marathon - behindert oder unterbricht den Verkehr. Selbst ein simpler Demonstrationszug, wie er am Samstag vor dem Rennen durchs Zentrum zieht, sorgt für ziemliches Durcheinander und kappt eine ganze Reihe von Verbindungen.

Das zweite wichtige Nahverkehrssystem Melbournes ist von solchen Behinderungen weit weniger betroffen. Denn neben dem engmaschigen Streckengeflecht von "Yarra Tram" gibt es noch ein deutlich loser geknüpftes, dafür aber wesentlich weiter in die nahezu endlosen Vorortsiedlungen hinaus greifendes Zug-Netz. Es trägt zwar den Namen "Metro", hat aber dennoch eindeutig einen Charakter, der im deutschen Sprachraum unter "S-Bahn" einsortiert würde.

Im Gegensatz zu vielen nordamerikanischen Städten vergleichbaren Alters ist der Verkehr in Melbourne deswegen auch weit weniger autolastig. Und so scheint es nur konsequent, dass die Organisatoren ausdrücklich darum bitten, bei der Anfahrt zu den Rennen des "Melbourne Marathon Festival" doch öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Das große Problem an diesem Ratschlag ist allerdings, dass der Marathon bereits um sieben Uhr am Morgen gestartet wird und der "public transport" um diese frühe Uhrzeit gerade erst vorsichtig ins Rollen kommt.

Die meisten Strecken nehmen sonntags nämlich erst zwischen sechs und sieben den Betrieb auf. Bei einigen Linien wird es sogar noch später, bevor die ersten Fahrzeuge die Depots verlassen. Und so verkehren eigentlich noch gar keine Busse oder Bahnen, mit denen man rechtzeitig zum Stadion kommen könnte. Ein klein wenig veralbert kommt man sich angesichts dieses von vorne herein zumindest für die Marathonis fast nicht umzusetzenden Tipps schon vor.

Auch wenn man es in Melbourne vermutlich nicht gerne hören dürfte, funktioniert das beim "Running Festival" des großen Rivalen Sydney deutlich besser. Denn dort wird die in Startnähe gelegene Bahnstation direkt nördlich der Harbour Bridge auch am Sonntagmorgen schon relativ früh angefahren, so dass man zumindest aus dem weiteren Bereich des Stadtzentrums durchaus noch mit dem Zug anreisen kann.

Wer dagegen in Melbourne über zweiundvierzig Kilometer laufen möchte und nicht so nahe am Stadion wohnt oder Quartier gefunden hat, dass er die Startzone zu Fuß erreichen könnte, dem bleibt eigentlich kaum eine andere Möglichkeit, als das Auto zu benutzen. Doch da man den fahrbaren Untersatz dann auch irgendwo abstellen muss, bekommt auch diese Methode schnell ihre Tücken.

Im näheren Umkreis des MCG gibt es nämlich im Gegensatz zu den meisten europäischen Arenen weder größere Parkplätze noch ein zum Stadionkomplex gehörendes Parkhaus. Vielmehr werden bei Großereignissen einfach einige Rasenflächen im angrenzenden Yarra Park zum Stellplatz umgewidmet. Auch beim Marathon geht man so vor. Doch von vorne herein geben die Organisatoren zu bedenken, dass nur "limited spaces available" sein. Und zudem verlangt man für das Nutzen des improvisierten Parkplatzes auch noch zehn australische Dollar.

Doch so einfach in den Straßen der Umgebung lässt sich das Auto ebenfalls nicht abstellen. Denn fast überall in Melbourne ist das Parken sowohl zeitlich begrenzt als auch kostenpflichtig. Nur an wenige Stellen in Stadionnähe kann man zumindest sonntags sein Fahrzeug beliebig lange stehen lassen, ohne dafür Geld in den Automaten werfen zu müssen. Immerhin werden sie auf der Internetseite des Marathons bekannt gegeben. Doch bei etlichen tausend Teilnehmern sind auch diese natürlich kaum ausreichend.

So rollt dann trotz der eigentlich ausgezeichneten Nahverkehrsanbindung - im Süden und im Norden des Melbourne Cricket Ground gibt es jeweils im Abstand von wenigen hundert Metern eine S-Bahn-Station sowie ringsherum mehr als ein halbes Dutzend Straßenbahnhaltestellen - am frühen Sonntagmorgen aus praktisch allen Richtungen eine große Zahl von Autos dem Stadion entgegen.

Dass es eine gute Stunde vor dem Start noch ziemlich dunkel ist, macht die Orientierung nicht leichter. Acht Tage zuvor hätte bei gleichem Zeigerstand der Uhr bereits die Sonne über den Horizont gelugt, was angesichts der Tatsache, dass im Frühling der Südhalbkugel die Tage eigentlich länger werden müssten, völlig unlogisch erscheint. Doch am Wochenende zuvor - also genau zwischen dem Grand Final im Australian Football und dem Melbourne Marathon - hat man in Victoria auf Sommerzeit umgestellt.

Die ohnehin nicht ganz einfache Uhrzeiten-Arithmetik in Australien ist dabei noch ein wenig komplizierter geworden. Denn schon im Normalfall zerfällt das riesige Land in drei Zeitzonen. Im Osten bilden - von Nord nach Süd - Queensland, New South Wales, Victoria und die Insel Tasmanien einen Block, dessen "reguläre" Zeit der hiesigen MEZ neun Stunden voraus ist. Im Westen hält Western Australia, das alleine fast ein Drittel der gesamten Landesfläche einnimmt, sieben Stunden Abstand zu den meisten Staaten in Europa.

Die erste große Besonderheit bildet der mittlere Teil mit South Australia und dem Northern Territory. Denn dort hat man nicht, wie es in einer "normalen" Zeitzone üblich wäre, acht Stunden zur mitteleuropäischen und damit neun Stunden zur als Standard-Maß verwendeten Greenwich-Zeit gewählt. Man orientiert sich vielmehr stärker am tatsächlichen Sonnenstand und weicht um neuneinhalb Stunden vom einstigen Mutterland ab. So hat man zu den benachbarten Bundesstaaten im Osten nur dreißig Minuten Unterschied, nach Westen dagegen neunzig.

Mit der Umstellung auf "daylight-saving time" zerbricht dieses schöne Raster allerdings. Denn jeder Bundesstaat legt für sich alleine fest, ob er auf die Sommerzeit hinüber wechseln möchte. Und während deswegen neben Victoria auch New South Wales und Tasmanien sowie das Hauptstadtterritorium von Canberra am ersten Sonntag im Oktober die Uhr eine Stunde nach vorne drehen, bleibt im nördlicheren Queensland alles beim Alten.

Schon bei der Startaufstellung hat man die Wolkenkratzer des Central Business District im Blick, nach dem Schuss läuft man direkt auf sie zu

Durch die größere Nähe zum Äquator fallen dort nämlich die Unterschiede in der Tageslänge zwischen Sommer und Winter deutlich geringer aus. Selbst in Brisbane weit im Süden schwankt man nur zwischen zehneinhalb und dreizehneinhalb Stunden. Von der Umstellung verspricht man sich so kaum einen Effekt. Ganz ähnlich ist es auch mit Südaustralien und dem Nordterritorium, zwischen diesen beiden tut sich nämlich ebenfalls ein halbes Jahr - zurück gedreht wird die Uhr nämlich am ersten Sonntag im April - eine Kluft von einer Stunde auf.

Der nicht durch eine Grenze in einen nördlichen und einen südlichen Teil zerfallende Westen Australiens verändert ebenfalls nichts. Bereits in mehreren Volksabstimmungen wurde die Einführung der Sommerzeit abgelehnt - sehr zum Leidwesen aller, die beruflich mit den beiden großen Metropolen an der Ostküste arbeiten müssen. Denn statt zwei hat man nun plötzlich drei Stunden Differenz. Und wenn man in Perth gerade vom Essen zurück kommt, machen die Kollegen in Sydneys und Melbourne eigentlich fast schon Feierabend.

Statt drei müssen die Sprecher der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt "Australian Broadcasting Corporation" zu Beginn der stündlichen Radio-Nachrichten nun gleich fünf verschiedene Uhrzeiten aufzählen. Und plötzlich gehen dabei die Uhren im südaustralischen Adelaide gegenüber Brisbane eine halbe Stunde vor, was in völligem Widerspruch zum eigentlich üblichen System steht. Schließlich liegt die Hauptstadt von Queensland wesentlich weiter im Osten, müsste also eigentlich früher dran sein.

Während es langsam dämmert, füllt sich der Bereich vor dem Stadion immer mehr. Doch viele zieht es relativ schnell weiter ins Untergeschoss der Arena, wo sich die Taschenaufbewahrung für die Marathonis befindet. Und obwohl draußen im Freien von den angedrohten Schauern noch nichts zu merken ist, sondern sogar einige größere Wolkenlücken zu entdecken sind, kann man sich natürlich trotzdem in den überdachten Räumen unter der Tribüne wesentlich besser umziehen und auf das Rennen vorbereiten.

Für ein vieltausendköpfiges Starterfeld sind diese dann allerdings doch erstaunlich klein. Und gegenüber den beiden in einer Ecke einfach mit Tüchern abgetrennten Umkleiden könnte so manche hiesige Sportplatzkabine problemlos bestehen. Umso erstaunlicher ist, dass man sich trotzdem ohne längere Wartezeiten auf einem der knapp zwei Dutzend Plastikstühle, die darin als Sitzgelegenheit dienen, nieder lassen kann. Die meisten, die in den Kellergewölben der Arena ihren Beutel mit "warm clothing" abgeben, sind also wohl schon im vollen Laufdress angekommen.

Auch dieser "drop off" verläuft dann irgendwie ziemlich überraschend. Immer wenn man denkt, nun hätte man wirklich schon alle nur denkbaren Systeme - man kann die Taschen schließlich nicht nur nach Startnummern sondern auch nach Endziffern oder Namen sortieren oder auch völlig unabhängig von der Startnummer eine Art Garderobenmarke verteilen - erlebt, scheint ein Veranstalter nämlich eine weitere Variante auszuhecken.

In Melbourne war jedenfalls mit der Startnummer auch ein Gepäckanhänger mit der gleichen Ziffernkombination ausgegeben worden. Doch abgegrenzte Bereiche für die jeweiligen Nummernkreise lassen sich nicht entdecken. In der Mitte des Raumes stehen vielmehr gruppiert zu mehreren Karrees hunderte von großen Kartons. An den Pfeilern dazwischen kleben Zetteln mit Buchstaben.

Doch ein dazu passendes Gegenstück lässt sich auf der Nummer nicht finden. Und auch der Anfangsbuchstabe des Namens kann als Ordnungskriterium eigentlich nicht gemeint sein. Denn das Alphabet ist keineswegs vollständig vertreten. Auf die Frage an einen der Helfer, nach welchem Prinzip das Gepäck denn nun abzugeben sein, kommt die simple Antwort "you can choose any box you want, mate".

Es ist ein für Australien ziemlich typischer Satz. Denn ein "mate" - also ein "Kumpel" - ist eigentlich beinahe jeder, dem man irgendwo über den Weg läuft. Dabei ist es auch absolut egal, ob es sich tatsächlich um den besten Freund oder einen völlig Fremden handelt. Gerade als männliches Lebewesen kann man dieser Anrede "down under" praktisch überhaupt nicht entkommen.

Es ist längst nicht die einzige Besonderheit des "Australian English", das - zumindest wenn man es auf der Straße zu hören bekommt - eher wenig mit jener Sprache zu tun hat, die man einst in der Schule gelernt hat. Ein Grund dafür ist, dass ein großer Teil der ersten Europäer im Land aus Strafgefangenen bestand, die keineswegs das beste Oberschichten-Englisch sprachen sondern ihre jeweiligen Mundarten in die - längst nicht immer freiwillig gewählte - neue Heimat mitbrachten.

Diese vermischten sich mit der Zeit zu einem ganz neuen Dialekt, der durch die räumliche Trennung vom Mutterland sowie die völlig andere natürliche Umgebung und Sozialstruktur ein Eigenleben bekam. Neben ganz speziellen Redewendungen, die man auf den britischen Inseln in dieser Form nicht zu hören bekommen dürfte, gibt es so durchaus auch gewisse Unterschiede in Aussprache und im Wortschatz.

Abgesehen von Bezeichnungen wie "kangaroo", "koala" oder "boomerang", die man aus den Sprachen der Ureinwohner für unbekannte Tiere oder Gegenstände übernommenen hat, ist wohl "outback" das vielleicht klassischste Beispiel für einen Begriff, den es im ursprünglich aus Großbritannien mitgebrachten Englisch nicht gibt und der - trotz gelegentlich durchaus vergleichbarer Landschaften - auch in keinem anderen Land benutzt wird, in dem man diese Sprache spricht.

Auch der Formulierung "no worries" dürfte man ähnlich wie dem "mate" anderswo eher selten begegnen. Für Australier gehört sie aber fast schon zum nationalen Selbstverständnis. "Kein Problem", "alles klar", "mach dir keine Gedanken", "nimm's locker" oder auch "das kriegen wir schon irgendwie hin", ja sogar ein simples "bitteschön" - all das lässt sich je nach Situation in diese zwei einfachen, aber ziemlich häufig verwendeten Worte hinein interpretieren.

In ihnen spiegelt sich eine gehörige Portion Optimismus und Gelassenheit, die sich durch die australische Gesellschaft zieht und auf die man durchaus stolz ist. Und verglichen mit den großen europäischen oder nordamerikanischen Metropolen scheint es in Sydney oder Melbourne bei aller unvermeidlichen Geschäftigkeit von großen Wirtschaftszentren tatsächlich irgendwie entspannter und weniger hektisch zuzugehen.

Vielleicht neigen die Einheimischen auch deshalb dazu, viele Dinge sprachlich zu verniedlichen. Da wird das Frühstück häufiger mal zum "brekkie" und Fußball - ganz egal in welcher Variante - zum "Footie". Im ganzen Land wird "Tassie" als Bezeichnung für Tasmanien ebenso problemlos verstanden. Sogar die Motorradbanden, die auch in Australien ihren Kleinkrieg um die Vorherrschaft im Rotlichtmilieu mit Waffengewalt führen und deswegen im Südhalbkugel-Frühling des Jahres 2013 fast täglich in den Nachrichten auftauchen, sind scheinbar harmlose "bikies".

Da wundert es dann auch nicht mehr, dass sich die "Australians" selbst zu "Aussies" - in letzter Zeit immer häufiger lautmalerisch "Ozzy" geschrieben - machen. Dem Kanadier fiele es dagegen wohl im Traum nicht ein, sich einfach so als "Cannie" vorzustellen. Und auch wenn US-Amerikaner hierzulande durchaus einmal mit dem Begriff "Ami" belegt werden, empfinden die so Bezeichneten dies wohl eher als Beleidingung und nicht als mit Stolz zu tragenden Eigennamen. Von "Brities", "Franzies" oder "Spanies" ganz zu schweigen.

Kurz nacheinander passiert man gleich in der Anfangsphase das orientalisch angehauchte "Forum Theatre", die St "Paul's Cathedral" und die "Flinders Street Station

Aus "Australia" wird sogar ein noch kürzeres "Oz" und trotzdem ist jedem klar, was damit gemeint ist. Und dann gibt es ja auch noch die Buchstabenkombinationen als Abkürzung eines aus mehreren Wörtern bestehenden Begriffes wie "MCG" oder "CBD". Dass sich hinter jenem "WA" - mit dem berühmten "Dabbelju" - der Wettervorhersagen "Western Australia" verbirgt, hat man recht schnell begriffen. Hinter dem "PNG" in den Nachrichten das Australien am nächsten gelegene Nachbarland "Papua-Neuguinea" zu erkennen, dauert dann aber doch ein wenig länger.

Selbst bei der Begrüßungsformel geht der ein oder andere Buchstabe verloren. Die lautet nämlich in der Regel "G'day" und auch wenn es weit weniger förmlich daher kommt als das deutsche "guten Tag", ist damit natürlich dennoch eigentlich "good day" gemeint. Fast nie kommt es auch ohne ein nachgeschobenes "mate" aus. Und oft folgt außerdem noch ein "how's it going", das eigentlich keine Antwort oder maximal ein "fine" oder "well" erwartet.

Manchmal wird daraus auch etwas was sich wie "ha ya goin" anhört. Denn der Unterschied zum Schulenglisch, der es anfangs wohl am Schwersten macht, einen Australier zu verstehen, ist weder der Wortschatz noch die Neigung zu Verkürzungen sondern die deutlich andere Aussprache, in die man sich erst einmal einhören muss. Fast jeder Vokal klingt ein wenig anders als im Mutterland. Jener "mate", den der Brite "m-ä-i-t" aussprechen würde, ist in Australien oft eher ein "m-aa-i-t". Und auch der "Tag" hört sich wie "d-aa-i" und nicht wie "d-ä-i" an.

Der "Kumpel" an der Taschenabgabe nimmt den markierten Kleiderbeutel jedenfalls tatsächlich einfach entgegen und lässt ihn in einer ziemlich beliebigen Kiste verschwinden. Danach greift er sich allerdings einen der vorgefertigten Aufkleber am Kistenrand und heftet ihn in eine Ecke der Startnummer, womit das ungewöhnliche System dann doch langsam ein wenig klarer wird.

Denn jede Gruppe von Kartons hat einen Buchstaben, jede einzelne Box ist zusätzlich mit einer Zahl gekennzeichnet. Und genau diese Kombination trägt man nun neben der eigentlichen Startnummer auf dem Bauch. Nach dem Rennen können die Helfer so relativ einfach den Karton identifizieren, aus dem sie dann unter den vielleicht zwanzig, dreißig oder vierzig darin abgelegten Beuteln den richtigen heraus suchen müssen.

Es ist noch fast eine halbe Stunde bis zum Startschuss, als sich die Gewölbegänge endgültig leeren. Denn das Rennen geht keineswegs direkt neben dem Stadion los. Bis zum Start muss man vielmehr rund einen Kilometer zurück legen. Eine Fußgängerbrücke führt über die praktisch direkt hinter der Arena vorbei führenden Bahngleise. Und mit ihrer Überquerung gelangt man von einem "ikonischen" Sportgelände zu einem anderen.

Jenseits der Schienen dehnen sich nämlich jene zwei Dutzend blauen Tennis-Hartplätze aus, auf denen im Januar die Australian Open ausgespielt werden. Neben etlichen Nebenplätzen, die sich ganz ohne oder nur mit wenigen Zuschauerplätzen kaum von "normalen" Anlagen unterscheiden, gibt es dort gleich drei imposante Stadien, die fünfzehn-, zehn- und sechstausend Menschen fassen.

Sowohl die Rod Laver Arena, die als größte unter ihnen den Namen eines australischen Tennisidols trägt, wie auch die nach einem Sponsor benannte Hisense Arena haben dabei eine verschließbare Dachkonstruktion. Die Nummer drei auf dem Gelände, die Margaret Court Arena - die Namensgeberin war mit elf Australian Open Siegen übrigens wesentlich erfolgreicher als Rod Laver, der in seiner Heimat nur dreimal gewann - wird gerade erweitert und soll nach Fertigstellung der Umbauarbeiten dann ebenfalls ein Schiebedach besitzen.

Außer beim jährlichen Tennisturnier werden die Anlagen deswegen bei anderen Gelegenheiten ebenfalls als Sport- und Konzerthallen genutzt. Natürlich wurden auch Wettbewerbe der Commonwealth Games in ihnen veranstaltet. Doch selbst so unerwartete Großereignisse wie die Schwimmweltmeisterschaft 2007 und die Bahnradtitelkämpfe der Jahre 2004 und 2012 fanden in den Mehrzweckarenen einen passenden Austragungsort.

Zum "Melbourne Sports Precinct" - dem "Sportbezirk" der Stadt - gehört zudem noch ein weiteres Stadion, das erst vor wenigen Jahren fertig gestellt wurde. Denn aufgrund der Dominanz von Australian Football fehlte Melbourne lange Zeit eine Arena, die auf die deutlich kleineren und außerdem nicht runden sondern rechteckigen Spielflächen von Fußball und Rugby abgestimmt war. Der Arbeitsname "Melbourne Rectangular Stadium" verrät ein wenig, dass diese Form für Victoria weiterhin eher unüblich ist.

Inzwischen hat man den Namen zwar für viel Geld in ein kommerzielles, aber neutraleres "AAMI Park" geändert. Doch dass das gleich von mehreren Profimannschaften genutzte Stadion gerade einmal dreißigtausend Zuschauer fasst und damit hinter drei ovalen Arenen nur die Nummer vier in Melbourne ist, zeigt das noch immer bestehende Gefälle im Interesse an den verschiedenen Sportarten ziemlich deutlich.

Aber nicht nach links zur durchaus sehenswerten, aus geodätischen Halb- und Viertelkuppeln bestehenden Dachkonstruktion der neuen Spielstätte schwenkt der Zug der mehreren tausend Marathonis hinter der Brücke. Vorbei an der Rod Laver Arena strebt die Masse nach rechts auf kürzestem Weg dem Yarra River entgegen, der das beeindruckende Sportzentrum im Südwesten begrenzt. Parallel zum Fluss verläuft nämlich die - allerdings recht gebogene - Startgerade.

Ein wenig zur Seite abgesperrt ist die Aufstellungszone dort zwar, doch verschiedene Startblöcke und entsprechende Zugangskontrollen gibt es keine. Einige Tafeln mit den erwarteten Endzeiten an der Seite sorgen allerdings zumindest für eine grobe Orientierung. Und zur Feinjustierung der passenden Startgruppe kann man sich nach den vielen im Feld verteilten Schrittmachern richten. Denn diese gibt es im engen Abstand von jeweils zehn Minuten.

Man erkennt sie nicht - wie hierzulande meist - an einem Luftballon. Vielmehr haben sie auf dem Rücken eine Plastikstange mit einem kleinen Wimpel befestigt, auf dem die Zielzeit zu lesen ist. Und über diesen an vielen Stellen aus der Menge heraus ragenden Fähnchen ist auch noch jeweils eine kaum größere australische Flagge - ein blaues Tuch mit sechs verschiedenen Sternen, die das Kreuz des Südens sowie die Föderation symbolisieren sollen, sowie einem britischen Union Jack im linken oberen Eck - zu erkennen.

Diese Fahne führt regelmäßig zu Diskussionen im Land. Denn die australische Bevölkerung ist ihr gegenüber in etwa zwei gleich große Teile gespalten. Die einen wollen, nachdem sie in genau dieser Form nun schon mehr als hundert Jahre über dem Land flattert und Australien unter ihr auch mehrere Kriege geführt hat, unbedingt an ihr festhalten. Die zweite Hälfte möchte sie allerdings so schnell wie möglich durch eine neue ersetzen.

Eines der wichtigsten Argumente für eine Neugestaltung besteht darin, dass die Flagge regelmäßig zu Verwechslungen führt. Denn Neuseeland, wo es übrigens seit längerem eine ganz ähnliche Debatte gibt, hat fast exakt die gleiche. Bei den Kiwis hat sie nur zwei Sterne weniger und die übrigen vier - ebenfalls in der Form des markanten Sternbildes angeordnet - sind rot eingefärbt. Der Unterschied ist allerdings bei weitem nicht groß genug, um als Aussie nicht gelegentlich bei Siegerehrungen oder Länderspielen, ja sogar bei Gipfeltreffen oder Staatsbesuchen unter der falschen Fahne zu stehen.

Die Kreuzung mit dem Bahnhof Flinders Street, der anglikanischen Kathedrale und dem "Federation Square" ist vermutlich das touristischte Zentrum des Stadt, die Marathonstrecke schwenkt dort nach rechts über den Fluss

Zudem gibt es noch etliche weitere dieser "blue ensigns". Alle australischen Bundesstaaten haben zum Beispiel ähnliche Fahnen. Nur sind die Sterne dort durch andere Symbole oder Wappen ersetzt. Einzig die beiden Territorien - also das Northern und das Capital Territory - haben ein anderes Design gewählt. Auch die Falklandinseln, die Cayman Islands oder die Jungferninseln führen wie einige weitere britische Überseebesitzungen eine vergleichbare Flagge. Gerade wenn der Wind nicht richtig weht, lässt sich so kaum erkennen, was denn da am Mast hängt.

Und den Anhänger einer "new flag" liefert diese längere Liste noch ein weiteres Argument. Denn ihnen ist die Anwesenheit der britischen Fahne in der eigenen ein ziemlicher Dorn im Auge. Lässt diese ihrer Meinung nach doch vermuten, dass auch Australien nicht wirklich selbständig sondern wie die übrigen genannten Beispiele weiterhin in irgendeiner Form vom Vereinigten Königreich abhängig sei.

Den Status eines sogenannten "Dominions" im britischen Empire, bei dem das ferne London noch immer ein gewisses Mitspracherecht besaß, hat das Land aber längst hinter sich gelassen. Seit 1931 bestimmen ganz alleine die australischen Parlamentarier über die Gesetze des Landes. Und auch der bis in die Achtziger bestehende Vorbehalt hinsichtlich Verfassungsänderungen hat jetzt keine Gültigkeit mehr. Man ist eine absolut souveräne Nation und die einzige offizielle Verbindung mit Großbritannien ist die gemeinsame Königin.

Da australische Athleten traditionell Trikots in Gelb und Grün tragen, passt die Flagge zudem bei Sportereignissen farblich nicht im Entferntesten zum Erscheinungsbild des eigenen Teams. So ist es nur bedingt erstaunlich, dass in den Stadien längst viel häufiger eine grüne Fahne mit einem gelben Känguru geschwenkt wird: In Kampfhaltung und ausgestattet mit Boxhandschuhen scheint das Beuteltier es mit jedem Gegner, der sich ihm in den Weg stellt, aufnehmen zu wollen.

Das "boxing kangooroo", das in der heute verwendeten Form erstmals 1983 auftauchte als die Australier den Americas Cup gewannen, hat inzwischen fast einen halboffiziellen Status, als "Australia's sporting flag". Und irgendwie ist auch diese für doch mit recht viel Selbstironie ausgestattete Figur ein weiteres Indiz für die meist eher lockere und entspannte Art der Australier. Selbst wenn das wehrhafte Känguru auch immer mal wieder in die Diskussion um eine neue Flagge geworfen wird, hätte es im Falle der Fälle dann auch keine Chance bei der Wahl.

Die vermutlich einzige vergleichbare Fahne, nämlich das schwarze Tuch mit dem Silberfarn, das die Neuseeländer im Bereich des Sports meist vorziehen, kommt da doch noch ein wenig gediegener daher. Und deswegen ist es in der Diskussion auf der anderen Seite der Tasman-See ein durchaus ernsthafter Mitbewerber, mit dem sich die Kiwis vielleicht sogar schneller anfreunden könnten als mit jedem Neuvorschlag, der ansonsten noch auftaucht.

Als Vorbild wird von den Reformern in beiden Ländern jedenfalls gerne Kanada genannt, wo man in den Sechzigern ebenfalls einen "ensign" - allerdings einen mit roter Grundfarbe - nach ähnlich langer und zäher Debatte mit genau den gleichen Argumenten wie in Australien und Neuseeland schließlich durch das Ahornblatt ersetzt. Und dieses ist bekanntlich inzwischen nicht nur von allen Kanadiern akzeptiert sondern zum wohl wichtigsten nationalen Symbol aufgestiegen.

Trotz ihres leicht gespaltenen Verhältnisses zur eigenen Fahne wird von den Australiern allerdings ziemlich gerne beflaggt. Kaum ein öffentliches Gebäude ohne volle Fahnenmasten. Und damit sind keineswegs nur staatliche Behörden oder Rathäuser, Polizei- oder Feuerwehrstationen gemeint, auch Museen oder Theater machen zum Beispiel eifrig mit. Allerdings taucht die Nationalflagge dabei selten alleine auf sondern hat meist zwei Begleiter.

Einer davon besteht aus einem schwarzen und einem roten Längstreifen mit einem gelben Kreis in der Mitte. Diese Fahne steht für die Aborigines, also die Ureinwohner des australischen Kontinents, die den Wissenschaftlern noch immer viele Rätsel aufgeben. Denn weder der Zeitpunkt noch die Art der Besiedlung ist wirklich klar. Da zwischen Australien und Asien in frühgeschichtlicher Zeit keine durchgehende Landbrücke bestand, müssten sie nämlich mit - vor Zehntausenden von Jahren eigentlich unbekannten - hochseetauglichen Booten übergesetzt sein.

Weit uneinheitlicher als man aus der Ferne vermuten würde, präsentierten sich die verschiedenen Gruppen der Aborigines ursprünglich. Sie zerfielen in mehr als ein Dutzend den jeweiligen Naturräumen - vom Regenwald bis zur Wüste - angepasste Kulturen. Gemeinsam hatte sie jedoch, dass sich die Menschen durch Jagen, Fischen und Sammeln ernährten und in keiner einzigen davon Ackerbau betrieben wurde. Dazu benutzten sie mehrere hundert unterschiedliche Sprachen, von denen allerdings nicht mehr allzu viele existieren und weitergegeben werden.

Doch hängt fast immer auch noch eine zweite Fahne neben den australischen. Sie zeigt zwei schmale grüne Längsstreifen oben und unten sowie einen breiten blauen Streifen in der Mitte, der zudem ein Symbol trägt, das sich mit ganz viel Phantasie als stilisierter Kopfschmuck interpretieren lässt. Denn neben den Aborigines gibt es auf australischem Staatsgebiet noch eine zweite indigene Bevölkerungsgruppe, die "Torres Strait Islanders".

Diese lebten ursprünglich nur auf den Inseln, die sich über die kaum zweihundert Kilometer breite Torres-Straße zwischen Australien und Neuguinea verteilen, sowie der äußersten Nordspitze Queenslands. Sowohl bezüglich ihrer Herkunft wie auch ihrer Kultur unterscheiden sie sich erheblich von den Aborigines. Vielmehr gehören sie zu den Melanesiern, die im Westpazifik neben Neuguinea unter anderem auch noch die Inselgruppen der Salomonen und Neukaledoniens bewohnen.

Im Gegensatz zu jener knappen halben Million Australier, die ganz oder zum Teil von Aborigines abstammt, können zwar gerade einmal fünfzigtausend Menschen im Land ihre Wurzeln auf die Torres-Strait-Insulaner zurück führen. Doch wegen dieser klaren Unterscheidungskriterien werden diese beiden Gruppen inzwischen nicht mehr in einen Topf geworfen. Zur Umschreibung nutzt man deswegen dann auch den einigermaßen neutralen Begriff "indigenous people".

Obwohl sich die Einstellung von Staat und Bevölkerung zu den "indigenen Völkern" in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert hat, finden sich noch immer überdurchschnittlich viele von ihnen am unteren Ende der sozialen Skala wieder und leben in ärmlichen Verhältnissen. Die Arbeitslosenquote ist wesentlich höher, der Bildungsstand dagegen spürbar geringer als bei der Gesamtbevölkerung.

Die Wahrscheinlichkeit an Herz-Kreislauf-Problemen oder Diabetes zu erkranken, ist deutlich erhöht. Alkoholismus stellt ebenfalls in vielen Fällen ein Problem dar. Deswegen lässt sich für Ureinwohner eine signifikant kürzere Lebenserwartung errechnen. Und auch in den Gefängnissen Australiens sind sie statistisch deutlich überrepräsentiert.

Selbst wenn es zum Beispiel mit Cathy Freeman, die in Sydney Olympiasiegerin im Langsprint über vierhundert Meter wurde, oder Evonne Goolagong, die viermal die Australian Open und zweimal Wimbledon gewann, einige herausragende Ausnahmen gibt, findet man im Bereich des Sports dagegen verglichen mit ihrem immerhin etwa drei Prozent betragenden Bevölkerungsanteil eher wenige Aborigines oder Torres Strait Islanders.

Im Ausdauerbereich - also weder im Langstreckenlauf, noch im Triathlon oder Radsport, wo die Aussies ja ebenfalls oft vorne mitmischen - lässt sich eigentlich gar kein bekannter Name finden. Auch aus diesem Grund schenkten die Medien dem "Indigenous Marathon Project", bei dem Sportler mit entsprechender Abstammung seit einigen Jahren auf einen Lauf über diese Strecke vorbereitet werden, schnell eine ziemliche Aufmerksamkeit.

Mit der St. Paul's Cathedral im Rücken geht es am anderen Ufer erst am Arts Centre Melbourne und gleich darauf an der National Gallery of Victoria vorbei

Neben dem Umsetzen der ganz individuellen Ziele der aus allen Landesteilen ausgewählten Teilnehmer geht es dabei insbesondere darum, lokale Vorbilder zu schaffen und andere Mitglieder der "indigenous communities" zur Nachahmung anzuregen. Bei allen vorhandenen Unterschieden lassen sich dabei durchaus auch einige Parallelen zur Aktion "0 auf 42" entdecken, die hierzulande dem Marathon einen deutlichen Schub verpasste.

Mindestens genauso wichtig für das öffentliche Interesse am Projekt - und auch der Sponsoren, die es finanzieren - dürfte allerdings sein, dass es von einer australischen Lauflegende ins Leben gerufen wurde. Denn Robert de Castella war nicht nur 1983 in Helsinki der allererste Weltmeister im Marathon, er stand auch bei den Commonwealth Spielen zweimal ganz oben auf dem Treppchen. Und zudem hielt er einige Zeit den - damals noch inoffiziellen - Weltrekord über diese Distanz. Im Jahr seines WM-Erfolges wählte man ihn sogar zum "Australian of the year".

"Deek" - so sein Spitzname - ist in Australien auch drei Jahrzehnte nach seinen großen Erfolgen noch immer eine Institution in Sachen Marathon und ein begehrter Gesprächspartner. So darf er zum Beispiel den Hörern einer Sportsendung im Radioprogramm von ABC in einem langen Interview seine mit dem einen oder anderen Superlativ garnierte Sicht zum in Berlin gerade erzielten neuen Weltrekord erläutern.

Denn dieser ist auf der anderen Seite der Welt sehr wohl ein Thema, das im Interesse und der Reihenfolge der Erwähnung zwar doch ein wenig hinter Australien Football oder Rugby zurück steht, aber trotzdem sogar in den Hauptfernsehnachrichten eine - durch die Zeitverschiebung ziemlich aktuelle - Meldung wert ist. Ob das hierzulande bei einer irgendwo im Ausland erzielten Bestmarke ähnlich wäre, darf man wohl eher bezweifeln.

Im Normalfall starten die Läufer des Marathonprojektes nicht bei einem Lauf im eigenen Land sondern werden - ein weiterer, ganz besonderer Anreiz - zu den ganz großen Rennen nach Übersee gebracht. Auch in diesem Punkt gibt es also eine Übereinstimmung mit der damaligen deutschen Fernsehserie. New York oder Boston heißen die Ziele. Doch diesmal richten sich auch in Melbourne schon im Vorfeld etliche Kameras auf eine Aborigine-Sportlerin.

Emma Cameron sollte nämlich ursprünglich beim nach dem Sturm Sandy abgesagten New York Marathon 2012 starten, war dann im Frühjahr bei jenem von einem Bombenanschlag überschatteten Boston Marathon dabei und wurde dort nach der Explosion kurz vor dem Ziel abgefangen. Die "offene Rechnung" der zur vollen Distanz noch fehlenden Meter will sie nun in Melbourne endlich begleichen.

Natürlich ist das für die Medien eine nahezu perfekte Geschichte. Diesmal kommt sie im dritten Anlauf auch tatsächlich zu einem glücklichen Ende. Denn die Läuferin aus Darwin im Northern Territory überquert nach 4:49 die Ziellinie im Cricket-Stadion von Melbourne, wo sie von ihrem Trainer und Förderer Rob de Castella empfangen wird.

Noch eine zweite australische Marathongröße ist in der Hauptstadt von Victoria anwesend. Und Steve Moneghetti, der hierzulande Älteren insbesondere durch seinen Sieg beim legendären, weil wenige Tage vor der Wiedervereinigung erstmals durchs Brandenburger Tor führenden Berlin Marathon 1990 noch ein Begriff sein dürfte, beschränkt sich nicht nur aufs Zuschauen sondern zeigt, dass er sportlich weiterhin einiges zu leisten vermag.

Denn der ebenfalls einst mit Commonwealth-Gold bedachte Moneghetti landet über zehn Kilometer hinter Mitchel Brown (30:29), Benjamin Ashkettle (30:33) und Matthew Bayley (31:15) in 31:27 auf Platz vier im Gesamteinlauf. Auch wenn er damit den M50-Weltrekord der in Fünf-Jahres-Schritten eingeteilten Altersklassen verpasst, ist zumindest niemals zuvor ein Einundfünfzigjähriger schneller über diese Distanz gelaufen.

Bei den Frauen, die mit 4812 Zieleinläufen gegenüber nur 3342 Männern auf dieser Strecke die klare Mehrheit und fast sechzig Prozent der Teilnehmer stellen, siegt Bridey Delaney in 34:11 mit exakt einer Minute Vorsprung vor Kaila McKnight. Auf Platz drei landet nach 35:55 Anna Thompson. Neben einer quantitativen Überlegenheit sind also auch die Leistungen im weiblichen Teil des Feldes mindestens gleichwertig.

Eine dritte australische Lauflegende ist zwar nicht anwesend, doch lässt sich ebenfalls eine enge Verbindung zu Melbourne und seinem Cricket Ground herstellen. Ron Clarke stammt nämlich nicht nur aus der Stadt. Er war es auch, der als neunzehnjähriger Nachwuchsathlet auserkoren wurde, bei den Spielen von 1956 als Schlussläufer die Olympische Flamme ins Stadion zu tragen und das Feuer zu entzünden.

Schlecht war diese Wahl nicht unbedingt. Denn obwohl Clarke nie eine Goldmedaille bei einer großen internationalen Meisterschaft gewann, war er rund ein Jahrzehnt lang einer der besten Bahnlangstreckler der Welt. Mehr als ein Dutzend Weltrekorde erzielte er während seiner Karriere. Und am 14. Juli 1965 unterbot Clarke im Bislet-Stadion von Oslo mit 27:39,4 als erster Mensch über zehntausend Meter achtundzwanzig Minuten, womit er die alte, von ihm selbst gehaltene Bestmarke regelrecht pulverisierte und um über eine halbe Minute drückte.

Während der kleinen "Völkerwanderung", mit der die angehenden Marathonis und deren Begleiter vom Stadion zum Startbereich herüber gekommen sind, hat sich auch die Sonne über den Horizont gewagt. Und obwohl sich einige Wolken am Himmel aufhalten, schafft sie es immer wieder zwischen diesen hindurch zu schauen. Noch ist von der angedrohten Regenfront nichts zu spüren. Und eigentlich hätte es der Streckensprecher gar nicht nötig, über die guten Laufbedingungen zu reden. Man würde es wohl ohne ihn genauso bemerken.

Laut und deutlich sind seine Ansagen auch im mittleren und hinteren Feld zu verstehen, was man durchaus einmal erwähnen kann, weil das bei Veranstaltungen dieser Größenordnung längst nicht immer so ist. Immer wieder betont er dabei, dass man gleich am "biggest Marathon in Australia" teilnehmen werde. Schließlich wären achttausend Teilnehmer gemeldet. Es sei sogar der größte der überhaupt jemals in Australien stattgefunden hätte, denn der Rekordwert des Vorjahres wäre noch einmal um etliche hundert übertroffen worden.

Legt man die üblichen Nichtantritts- und Ausstiegsquote zugrunde, erscheinen diese Zahlen angesichts der späteren 6820 Zieleinläufe sogar ziemlich realistisch und dürften - wenn überhaupt - höchstens noch ein bisschen nach oben aufgerundet sein. In Sydney waren drei Wochen zuvor dagegen nicht einmal halb so viele Sportler - nämlich nur 3390 - über die zweiundvierzig Kilometer gelaufen.

Als er allerdings noch einen Superlativ oben drauf packt und vom "biggest Marathon ever in the Southern hemisphere" spricht, nimmt er den Mund vielleicht dann doch ein bisschen zu voll. Unter ganz streng gezogenen Voraussetzungen mag diese Aussage vielleicht sogar stimmen. Aber noch am gleichen Tag wird auch im argentinischen Buenos Aires ein Rennen veranstaltet, mit dem sich Melbourne zuletzt ziemlich genau auf einem Niveau bewegte.

Der Lauf am Rio de la Plata wirbt sogar mit fast der gleichen Aussage vom "größten Marathon der Südhalbkugel" für sich. Und tatsächlich sind die Zahlen aus dem Bundessaat Victoria, die immerhin einen neuen Teilnehmerrekord bedeuten, nur wenige Stunden später schon wieder übertroffen. Denn in Argentinien wird die Siebtausendermarke nicht nur gekratzt sondern auch geknackt.

Hinter der Gallerie schließt das "Victorian College of the Arts" den Kunstbezirk ab, und schon nach wenig mehr als zwei Kilometern hat die Marathonstrecke das Stadtzentrum bereits hinter sich gelassen Auf einer langen Schleife im Albert Park läuft man anfangs wieder auf die Wolkenkratzer zu

Allerdings gibt es ja auf dieser Seite des Äquators außerdem noch Südafrika. Dort kann man - selbst wenn man den Begriff "Marathon", wie es die Kapbewohner tun, ein wenig weiter ziehen muss - noch ganz andere Werte präsentieren. Mehr als sieben- oder auch achttausend Läufer konnte man beim Two Oceans Marathon von Kapstadt schon viele Male im Ziel begrüßen. Und die hatten dabei sogar sechsundfünfzig Kilometer zurück gelegt.

Doch das noch größere Rennen ist trotz seiner fast neunzig Kilometer der Comrades Marathon, bei dem die Zahlen seit einem Vierteljahrhundert nahezu immer fünfstellig sind. Die Australier stellen dort regelmäßig eines der stärksten Kontingente. So kann man dann auch in der Startaufstellung von Melbourne einige T-Shirts oder Kappen dieses Klassikers zwischen Pietermaritzburg und Durban entdecken. Und viele von deren Trägern können sich nach den Behauptungen des Sprechers das Schmunzeln nicht ganz verkneifen.

Einige Minuten vor dem Start werden die Ansagen allerdings unterbrochen und eine Sängerin übernimmt das Mikrofon, um die Nationalhymne anzustimmen. Genau wie beim "Star-Spangled Banner" oder "O Canada" in Nordamerika üblich wird diese down under ebenfalls ohne jede Musikbegleitung intoniert, während alle Umstehenden einfach nur andächtig zuhören. Das eher ruhige und getragene "Advance Australia Fair", das erst in den Siebzigern durch ein Referendum zur offiziellen Hymne bestimmt wurde, ist dafür aber auch wirklich gut geeignet.

Mit dem "Australia fair", das da vorwärts schreiten und sich weiter entwickeln soll, ist übrigens nicht etwa eine Nation gemeint, die sich anständig, korrekt und regelkonform - also in dem Sinne, in dem "fair" als Lehnwort ins Deutsche übernommen wurde - verhält. Die Bedeutungen des Begriffes sind nämlich weitaus umfangreicher und leicht verwirrend. "Markt" oder "Messe" würde zum Beispiel auch eine nicht völlig sinnlose, allerdings nicht zu einer Nationalhymne passende Interpretation liefern. In diesem Fall wäre also wohl doch eher "schön" die passende Übersetzung.

Als er die Lautsprecher dann wieder für sich hat, schiebt der Ansager noch schnell eine Warnung an die Läufer in den ersten Startreihen hinterher. "The gun is loud, very loud". Man solle sich darauf einstellen und nicht allzu sehr erschrecken. Tatsächlich ist der Knall am Ende des Countdown keineswegs leise, aber unter "rekordverdächtig" kann man ihn im Gegensatz zu vielem anderem an diesem Tag dann doch nicht einsortieren. Da lassen sich im weltweiten Marathonzirkus eindeutig noch ohrenbetäubendere Startschüsse finden.

Kaum haben sich die Läufer anschließend in Bewegung gesetzt, geht es für sie auch schon in einen langestreckten Linksbogen hinein, der es den am Start aufgebauten Fernsehkameras praktisch unmöglich macht, das ganze Starterfeld mit einer einzigen Einstellung zu erfassen. Doch die Straße ist breit genug, um die Masse gut in Bewegung zu bringen. Und abgesehen von einigen Nachzüglern, die eventuell den Anmarschweg zum Start ein wenig unterschätzt haben, sind praktisch alle Teilnehmer in nicht einmal fünf Minuten über die Linie gegangen.

Durch die leichte Kurve läuft man schnell ziemlich genau auf das Stadtzentrum zu. Eine stattliche Versammlung von Hochhäusern baut sich vor dem Marathonfeld auf, die durch die im Rücken der Läufer stehende Sonne auch noch in ein ganz besonderes Licht getaucht werden. Über fünfzig Gebäude übertreffen in Melbourne die Marke von einhundert Metern, mehr als ein halbes Dutzend reicht sogar über zweihundert Meter hinauf.

Auch in anderen Metropolen Australiens baut man gerne nach oben. Nicht nur Melbourne und Sydney sondern auch Brisbane, Perth oder die Gold Coast - wo überraschend der höchste australische Wolkenkratzer steht - besitzen eine beachtliche Skyline. Es wirkt wie ein Widerspruch in sich, dass ausgerechnet in einem Land mit einer der geringsten Bevölkerungsdichten weltweit gleichzeitig bezogen auf die Einwohnerzahl so viele Hochhäuser stehen wie fast nirgendwo sonst.

Zwischen den beiden Bauvarianten "in die Höhe" oder "in die Breite" scheint es im Gegensatz zu Europa allerdings kaum einen Mittelweg zu geben. Denn genau wie in Nordamerika breiten sich auch in Australien schon wenige Kilometer von den Stadtzentren entfernt nahezu endlose Siedlungen von Einfamilienhäusern aus, die dafür sorgen, dass Melbourne mit seinen Vororten trotzt ähnlich vieler Bewohner rund doppelt so viel Fläche belegt wie Berlin, Potsdam und ihr Umland.

Wenn alle im Bau befindlichen oder geplanten Hochhäuser fertig gestellt sind, könnten sich die genannten Zahlen für "high rises" in Melbourne innerhalb der nächsten zehn Jahre sogar noch einmal verdoppeln. Beim Bummel durch die Stadt stößt man ständig auf große Baustellen. Und zwischen den schon bestehenden Gebäuden ragen Dutzende von Kränen in den Himmel, mit denen an etlichen neuen Wolkenkratzern gleichzeitig gewerkelt wird. Überall scheint irgendwie gebaut zu werden.

So wirkt Melbourne, als sei es keineswegs fertig sondern noch mitten im Werden. Insbesondere im Westen des eigentlichen Central Business District hat sich die Stadt in letzter Zeit dramatisch verändert. Und sie verändert sich weiter. Denn die Hafenanlagen, die sich dort bis vor zwei Jahrzehnten befanden, sind inzwischen abgerissen und an vielen Stellen bereits durch neue Büro- und Wohnhochhäuser ersetzt. Weitere Teile der "Docklands" sind aber noch im Prozess der Umgestaltung.

Das Zentrum von Melbourne wächst so im Westen langsam dem Wasser entgegen. Und die Stadt gewinnt dadurch eindeutig an Attraktivität. Denn selbst wenn bestimmt der eine oder andere diese Ansammlung von Neubauten als steril empfinden dürfte, bieten sie bei genauerem Hinsehen eine Fülle von Spielarten moderner Architektur. Und die verschiedenen Hafenbecken des sich in diesem Bereich noch einmal deutlich weitenden Yarra River öffnen das Areal optisch und bieten ständig neue faszinierende Perspektiven.

Neu ist die Idee freigewordene Hafenflächen durch ein komplett neues Viertel zu ersetzen natürlich keineswegs. Das Beispiel Sydney wurde ja schon genannt. In Hamburg wird zurzeit gerade mit der "HafenCity" eine vergleichbare und ähnlich große Fläche wie in Melbourne umgestaltet. Und in London, wo man ebenfalls von den "Docklands" spricht, hatte das Projekt noch eine ganz andere Größenordnung.

Die Parkstraße wird jedes Jahr zur Formel-Eins-Rennstrecke umgebaut und entlang der Boxengasse werden mit einem Begegnungsabschnitt zwei Kilometer für die Distanz heraus geschunden

Bemerkenswert ist übrigens auch, dass in den Docklands von Melbourne nur gut drei Kilometer vom Cricket Ground entfernt mit dem im Jahr 2000 eröffneten "Etihad Stadium" noch eine weitere riesige Sportarena direkt neben der Innenstadt steht. Immerhin auch noch mehr als fünfzigtausend Zuschauer kann dieses ebenfalls ovale Stadion aufnehmen. Und so kann es während der regulären AFL-Saison durchaus schon einmal häufiger vorkommen, dass auf beiden Seiten des Zentrums fast gleichzeitig zehntausende von Football-Fans ihren Idolen zujubeln.

Am entgegen gesetzten Ende des "CBD" wartet auf die Läufer schon nach wenigen hundert Metern ein erster kleiner Anstieg. Um die Hochhäuser des Zentrums zu erreichen, müssen nämlich gleich wieder jene Bahngleise in umgekehrter Richtung überquert werden, die sich auf dem Marsch zur Aufstellungszone schon einmal in den Weg gelegt hatten. So früh im Rennen stellt die eher sanfte Brückenrampe allerdings wahrlich kein Problem dar und wird von vielen in der Euphorie der Startphase vermutlich gar nicht richtig registriert.

"Batman Avenue" heißt die Straße, auf der man diesen ersten Abschnitt zurück legt. Benannt ist sie - entgegen der ersten Idee, die man beim Hören des Namens augenblicklich im Kopf hat - natürlich keineswegs nach einem Comic-Helden. John Batman war vielmehr unter den ersten Europäern, die sich in der Gegend von Melbourne ansiedelten, weshalb er als einer der Gründerväter der Stadt gilt.

Bekannt ist er vor allem aber für "Batman's Treaty", den er 1835 angeblich mit einigen Stammesältesten der in der Region ansässigen Aborigines aushandelte. Dieses Abkommen, in dem man - wie so oft beim Aufeinandertreffen von europäischen Siedlern mit Ureinwohnern im Rest der Welt - Landrechte gegen einige Decken und Metallgegenstände tauschte, halten Historiker nämlich für überhaupt den einzigen Vertrag, der diesbezüglich in Australien je geschlossen wurde.

Allerdings ist ziemlich zweifelhaft, ob die Aborigines überhaupt wirklich verstanden, was man da von ihnen wollte. Schon aufgrund der Verständigungsprobleme - die von Batman mitgebrachten Dolmetscher brachten angesichts der vielen völlig verschiedenen Sprachen ziemlich wenig - scheint dies eher unwahrscheinlich. Und die unterschiedlichen Kulturen von Ureinwohnern und Neuankömmlingen - verbundenen mit einer völlig anderen Einstellung zum Eigentum an Grund und Boden - sprechen ebenfalls dagegen.

Ohnehin erklärte der Gouverneur von New South Wales den Kontrakt kurz darauf für ungültig. Denn ganz Australien gehöre der britischen Krone und die Aborigines hätten darauf nicht den geringsten Anspruch, könnten also auch keinen an neu ankommende Siedler abgeben. Diese Rechtsauffassung, bei der man davon ausging, dass der gesamte Kontinent bis zur Besiedlung durch die Europäer Niemandsland gewesen sei und die Ureinwohner keinerlei Landrechte besäßen, wurde übrigens erst 1992 vom obersten australischen Gerichtshof gekippt.

Jenseits der Schienen tauchen die Marathonis nicht in die sich vor ihnen öffnende Hochhausschlucht ein sondern schwenken sofort nach links auf die parallel zur Bahn verlaufende Flinders Street - benannt nach Matthew Flinders, der als Erster den Kontinent komplett umfahren und maßgeblich für die Etablierung des Namens "Australia" gesorgt hatte. Auch Port Phillip erreichte er bei seiner Forschungsreise. Allerdings war unabhängig davon kurz zuvor bereits John Murray mit seinem Schiff in die Bucht hinein gesegelt und gilt deswegen als deren Entdecker.

James Cook dagegen hat die Südküste des von ihm für die britische Krone in Besitz genommenen Kontinents und damit auch die Bucht von Melbourne nie gesehen. Dass ein australischer Geschäftsmann und Kunstmäzen dennoch das von dessen Eltern - allerdings erst viele Jahre nach Cooks Geburt - errichtete Häuschen ersteigerte und nach einer Zerlegung in Einzelteile in einem der Parks der Stadt wieder aufbaute, erscheint darum eigentlich ziemlich unlogisch.

Eine Touristenattraktion ist "Cook's Cottage" trotzdem geworden. Da stört es am Ende dann auch nicht mehr, dass der große Forscher - über den ein Historiker einmal die gerne zitierte Aussage machte, dessen allergrößtes Denkmal sei eine Seekarte des Pazifik, schließlich gehe diese zu großen Teilen auf seine Entdeckungen zurück - mit hoher Wahrscheinlichkeit sowieso nie in diesem Gebäude wohnte.

Der erste Häuserblock, an dem man auf der Flinders Street vorbei läuft, ist eher unspektakulär. Doch an der nächsten Kreuzung zieht ein Gebäude die Blicke auf sich, das im ersten Moment so gar nicht nach Australien passen will. Beim Bau des "Forum Theatre" in den Zwanzigerjahren haben sich die Architekten nämlich ziemlich stark von orientalischen Stilelementen inspirieren lassen.

Die an Minarette erinnernden Türmchen, die mit Ornamenten verzierten Fassaden oder die Hufeisenbögen der Fenster bilden einen erheblichen Kontrast zum hypermodernen Gebäude gegenüber. Der jenseits der Straßen auf einer Plattform über dem Bahnkörper errichtete "Federation Square" präsentiert sich nämlich mit einer Außenseite, bei der sich Verkleidungen aus Glas, Metall und Stein in unterschiedlichsten Kombinationen abwechseln.

Dabei scheint der aus mehreren ineinander verschachtelten Gebäuden bestehende Komplex außerdem noch vollkommen ohne rechte Winkel auskommen zu können. Zur Flinders Street hin ist die Front zwar keineswegs glatt, aber dennoch einigermaßen geschlossen. Auf der Rückseite legen sich die einzelnen, allesamt ziemlich futuristisch aussehenden Bauteile jedoch ringförmig um eine leicht geneigte Plaza.

Mit ihren Treppen und den sie umgebenden Cafés ist diese schon wegen der zentralen Lage einer der beliebtesten Treffpunkte der Stadt. Und dank der an einem der Pavillons, die sich um das offene Ende des Platzes gruppieren, fest installierten Großleinwand versammeln sich zum Beispiel bei wichtigen Sportereignissen auch Tausende von Menschen, um dort die Fernsehübertragung gemeinsam zu erleben.

Nicht nur im Albert Park sondern noch zwei weitere Male muss man auf dem Absatz kehrt machen, um gleich wieder in die Gegenrichtung zu laufen Marathonnovize David Hearne (vorne in rot) ist eigentlich Südafrikaner, lebt aber schon seit vielen Jahren in Australien und arbeitet bei der Feuerwehr von Melbourne

Gleich mehrere Institutionen haben ihren Sitz im Federation Square. Da ist zum einen das "Australian Centre for the Moving Image", das sowohl in Kinos als auch auf Ausstellungsflächen die Vielfalt bewegter Bilder zeigt. Nebenan präsentiert die "National Gallery of Victoria" in einer "Filiale" moderne australische Kunst. Ein kleines Theater ist ebenfalls integriert. Und durch einen frei in einer Ecke der Plaza stehenden gläsernen Eingangsbereich gelangt man in das eine Etage tiefer gelegene "Melbourne Visitor Centre".

Während die multifunktionale Anlage auf der linken Seite der Marathonis einen kompletten Straßenblock für sich beansprucht, lösen rechts zuerst einige etwa aus der gleichen Zeit stammende Wohn- und Geschäftsgebäude das Forum Theatre ab. An der nächsten Kreuzung ragt dann aber mit der anglikanischen "St Paul's Cathedral" bereits das nächste markante Bauwerk in den Himmel.

Von der katholischen St Patrick's Cathedral am Ostrand der Innenstadt wird sie sowohl in der Höhe wie auch in ihren Ausmaßen übertroffen. Diese gilt sogar als der größte Kirchenbau des gesamten Kontinents. Doch liegt St. Paul eben deutlich zentraler und bekommt deswegen von Besuchern auch wesentlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt als ihre Schwester von der anderen Konfession.

Bei genauerem Hinsehen fallen die im Vergleich zum Rest der Kathedrale seltsam rot wirkenden Türme auf. Denn während das Kirchenschiff bereits Ende des vorletzten Jahrhunderts fertig gestellt und eingeweiht war, wurden die drei "spires" erst dreißig Jahre später ergänzt. Da man dafür einen anderen Sandstein verwendete als zuvor, gibt es einen klar erkennbaren farblichen Bruch zwischen der Basis und den Turmspitzen.

Und noch eine dritte Sehenswürdigkeit lässt sich neben der Kathedrale und dem Federation Square an der Kreuzung von Flinders und Swanston Street entdecken. Denn diagonal gegenüber des Kirchenportals befindet sich der von einer Kuppel überragte Haupteingang zur "Flinders Street Station". Das in warmen Gelb- und Rot-Tönen gestrichene Empfangsgebäude zieht sich noch rund zweihundert Meter weiter die Straße hinauf, die dem Bahnhof den Namen gab, um dort mit einem ebenso auffälligen Uhrenturm zu enden.

Mit mehr als hunderttausend Passagieren und bis zu fünfzehnhundert Zügen pro Tag ist Flinders Street die verkehrsreichste Station in Melbourne. Allerdings handelt es sich dabei keineswegs um den Hauptbahnhof der Stadt sondern um einen reinen Pendlerbahnhof ohne echte Fernverbindungen. Züge in die anderen großen Städte verkehren dagegen von der Station Southern Cross, die sich im Westen der Innenstadt neben dem Docklands Stadion findet.

Die "Melbourne Central Station" ist, obwohl es sich angesichts der Bezeichnung durchaus vermuten ließe, dagegen keineswegs der Hauptbahnhof der Stadt sondern nur eine unterirdische Station der Metro. Sie hat ihren Namen nicht einmal wegen ihrer Lage erhalten sondern vom über ihr errichteten "Melbourne Central Shopping Centre". In den ersten Jahren nach ihrer Eröffnung hieß sie dann auch ganz einfach "Museum".

Mit den beiden anderen Bahnhöfen sowie den Stationen "Flagstaff" und "Parliament" ist sie durch den sogenannten "City Loop" verknüpft, der in den Achtzigern eröffnet wurde und ziemlich genau entlang des äußeren Randes des Innenstadt-Straßenrasters - also auch fast immer unter der "City Circle Tram" - verläuft. Vor seiner Errichtung fuhren Züge entweder von Osten in die Flinders Street Station oder von Norden in den Bahnhof Southern Cross ein.

Zwischen beiden verläuft parallel zur gleichnamigen Straße der "Flinders Street Viadukt", der die Innenstadt regelrecht vom Yarra River abschneidet und an vielen Stellen nur noch Platz für eine schmale Uferpromenade lässt. An eine Erweiterung dieser mit zunehmendem Verkehr irgendwann chronisch überlasteten Verbindung der zwei zentralen Bahnhöfe war angesichts der räumlichen Gegebenheiten nicht zu denken. Als Alternative wurde deswegen im Norden und Osten der City ein neuer Tunnel errichtet, der nun einerseits eine zweite Durchfahrtsroute bietet.

Andererseits lässt er sich aber auch als große Wendeschleife benutzten, die von den Zügen in genau der gleichen Richtung verlassen werden kann, aus der sie gekommen waren. Zeitlich aufwendige und vor allem Gleise blockierende Richtungswechsel konnten so entfallen. Obwohl die Strecke von Anfang an vierspurig ausgelegt wurde, kommt man in Stoßzeiten inzwischen schon wieder an Kapazitätsgrenzen. Uns so denkt man bereits über eine Erweiterung um zwei weitere Gleise nach.

Im Gegensatz zu den Straßenbahnen, die auf Gleisen in der weitverbreiteten und im größten Teil von Europa üblichen Normalspur verkehren, sind die normalen Bahnstrecken im Bundesstaat Victoria aus historischen Gründen mit einer um fünfzehn Zentimeter größeren Spurweite verlegt. Die Netze der einzelnen Kolonien entstanden nämlich weitgehend unabhängig voneinander und passen deswegen nicht zusammen.

In New South Wales hatte man nämlich im Gegensatz zu Victoria von Anfang an die im britischen Mutterland übliche Normalspur verwendet, in Queensland und Westaustralien die noch schmalere und damit kostengünstigere Kapspur. Und so gibt es in Australien auch heute noch auf den Hauptstrecken drei verschiedene Varianten, die - meist an den Staatsgrenzen - immer wieder einmal zu Systembrüchen führen.

Zwar hat man sich nun für alle zukünftigen Projekte auf die Normalspur festgelegt. Doch die Umrüstung bereits vorhandener Strecken ist zeit- und kostenaufwendig. Denn nicht nur die Gleise sondern auch das gesamte Rollmaterial müsste ja ersetzt werden. Und für das dicht geknüpfte Metrosystem von Melbourne mit seinen mehreren hunderttausend Pendlern pro Tag dürfte ein Wechsel auch kaum möglich sein, ohne der Stadt längere Zeit ein Verkehrschaos zuzumuten.

Vier Kilometer geht es die Strandpromenade entlang der "Port Phillip Bay" nach Norden und anschließend gleich wieder zurück

Um zumindest zwischen den großen Metropolen noch Verbindungen zu ermöglichen, greift man auf sogenannte Dreischienengleise zurück, die von Bahnen mit zwei verschiedenen Spurweiten benutzt werden können. Auch im Bahnhof Southern Cross gibt es zwei von ihnen, auf denen zweimal am Tag ein Zug nach Sydney startet. Das scheint angesichts von Größe, Bedeutung und Entfernung beider Städte relativ wenig zu sein.

Doch ins ähnlich weite Adelaide gibt es inzwischen sogar nur noch zwei Verbindungen pro Woche. Obwohl die Eisenbahnen rund um die großen Metropolen eine wichtige Rolle spielen, haben sie im Fernverkehr des weiten Landes praktisch keine Bedeutung. Quer durch Australien fahrende Züge wie der "Indian Pacific" von Sydney nach Perth oder der "Ghan" von Adelaide nach Darwin besitzen schon wegen ihrer mehrtägigen Reisezeit einen hauptsächlich touristischen Wert.

Würde man an der St Paul's Cathedral nach rechts in die Swanston Street abbiegen, käme man unter anderem an der "Melbourne Town Hall" und der "State Library of Victoria" vorbei - zwei weitere historische Großbauten, die nun zwischen all den Hochhäusern um sie herum weit weniger monumental als zum Zeitpunkt ihrer Errichtung im vorvorletzten Jahrhundert wirken. Obwohl die Straße nicht wirklich in der Mitte des Innenstadt-Karrees liegt, ist sie eindeutig deren Hauptachse.

Das liegt unter anderem auch an der "Princes Bridge", die linker Hand jenseits der - wegen Flinders Street Station und Federation Square von der Straße aus gar nicht sichtbaren - Bahngleise den Yarra River überquert. Als allererste Brücke über den Fluss hatte sie von Anfang an eine erhebliche verkehrstechnische Bedeutung. Und noch heute führen gleich acht Trambahnlinien - und damit zwei Drittel aller Nord-Süd-Strecken - über sie hinweg.

Fast im Minutentakt rollen deshalb Straßenbahnwaggons unterschiedlicher Baureihen die Swanston Street hinauf und hinunter, so dass die Flinders Street Station zudem der wichtigste Umsteigeknoten der Stadt ist. Die Haltestelle vor dem Bahnhof ist deswegen zu fast jeder Tageszeit mit Menschen gut gefüllt. Oft sind sogar Mitarbeiter auf den Bahnsteigen unterwegs, um im Durcheinander mit Megafonen durchzugeben, welche Tramlinie als nächste einfahren wird.

Und genau an dieser Haltestelle vorbei und über die Brücke führt die Marathonstrecke. Schon nach wenig mehr als einem Kilometer dreht man also dem CBD von Melbourne schon wieder den Rücken zu. Wirklich verlassen muss man das Zentrum allerdings noch nicht. Denn natürlich ist es längst über den Yarra River hinaus gewachsen. Und am Südufer ragen ebenfalls etliche Wolkenkratzer in den Himmel.

Auch das höchste Bauwerk Melbournes steht dort. Erst knapp unter der Marke von dreihundert Meter endet der "Eureka Tower" und wird in seinem Streben nach oben auf dem australischen Kontinent nur von einem "Q1" genannten Wolkenkratzer an der Gold Coast überboten. Allerdings benötigt dieser dafür eine nicht begehbare Metallspitze, so dass sich Melbourne immerhin mit dem höchstgelegenen Stockwerk schmücken kann. Beide Konkurrenten sind übrigens keine Bankentürme sondern "residential buildings", also Wohnhochhäuser.

Bis in der Rangliste der höchsten Bauwerke Australiens zum ersten Mal das Wort "Sydney" auftaucht, hat man - ganz egal, wie man misst - stets schon mehrfach "Melbourne" gelesen, denn auch der "Rialto Tower" übertrifft zum Beispiel in jeder Wertung die Rekordhalter aus New South Wales. Selbst wenn sich die beiden ewigen Rivalen bezüglich der Hochhausdichte wenig nehmen, hat Melbourne zumindest in dieser Kategorie einmal die Nase vorn.

Der Eureka Tower ist aber nicht nur hoch sondern auch architektonisch interessant. Dank der Kreativität seiner Planer kommt er je nach Blickwinkel als schlanke Nadel oder als breiter Block daher. Selbst die eigentlich riesigen goldfarbenen Flächen, die man als Verzierungen in den oberen Geschossen angebracht hat, sind nicht von überall sichtbar. Würde der Turm seine Umgebung nicht klar überragen, wäre es ein echtes Problem zu verstehen, dass es sich bei diesem so verschiedenen wirkenden Wolkenkratzer immer um das gleiche Gebäude handelt.

Auf die zu beiden Seiten des Flusses aufragende Skyline der Stadt hat man dank der öffnenden Wasserfläche von der Princes Bridge einen wirklich herrlichen Blick. Wie so oft sind Hochhaustürme aus einer gewissen Entfernung weitaus besser zu bewundern, als wenn man direkt vor ihnen steht. Und die Brücken und Promenaden entlang der Yarra River zählen eindeutig zu den besten Aussichtspunkten.

Übrigens stellt der Name des Überganges eine tückische Sprachfalle dar. Denn wer diesen beim oberflächlichen Lesen mit "Prinzessinnen-Brücke" übersetzt haben sollte, liegt voll daneben. Das würde nämlich als "princess bridge" mit zwei "s" geschrieben. Vielmehr handelt es sich um eine "Brücke des Prinzen", bei der man irgendwann im Laufe der Jahre - wie auch bei der nahen "Queens Bridge" - den Apostroph verschlampt hat.

Am anderen Ufer erreichen die Läufer den "Arts Precinct" der Stadt, in dem ähnlich wie bei seinem sportlichen Gegenstück etliche Kultureinrichtungen auf engem Raum gebündelt sind. Den südwestlichen Brückenkopf besetzt zum Beispiel der kreisrunde Bau der "Hamer Hall" - eine Konzerthalle mit zweieinhalbtausend Sitzplätzen. Wie das benachbarte "Theatres Building" mit drei verschieden großen Theatersälen gehört es zum vor drei Jahrzehnten eingeweihten "Arts Centre Melbourne".

Auffälligster Bauteil des Komplexes ist ein Stahlrohrgerüst, das sich wie ein zusätzliches Zeltdach über den Theatertrakt wölbt und dann in der Mitte zu einer mehr als hundert Meter hohen Nadel aufschwingt. Von der Brücke aus gesehen hat diese Spitze durchaus eine dominante Position. Doch da rundherum bereits etliche Hochhäuser stehen und weitere nach oben wachsen, spielt das eher grazile Gebilde aus den meisten anderen Perspektiven keine bestimmende Rolle im Stadtpanorama.

Und auch die entfernte Hoffnung, mit dem Arts Centre ein modernes Wahrzeichen zu bekommen, das eventuell irgendwie mit dem - im Inneren eigentlich recht ähnlich zusammengesetzten - Opernhaus von Sydney mithalten könnte, ging nicht ganz in Erfüllung. Höchstens bei den Kulturschaffenden und -interessierten stehen die beiden auf einer Stufe. Ansonsten kennt man das Kunstzentrum außerhalb von Melbourne sogar in Australien selbst eher wenig.

Während auf der Landseite meist Einfamilienhäuser sowie einige noch aus viktorianischer Zeit stammende Bauten die Straße säumen, sind auf der Seeseite Palmen die Begleiter der Marathonis Stephen Fraser (Bildmitte) kann man schon aufgrund seiner bunten Hose mit dem liegenden grünen Y ansehen, dass er ursprünglich aus Südafrika stammt

Direkt daneben erstreckt sich das quaderförmige und scheinbar fensterlose - in Wahrheit gibt es oben unterhalb des überstehenden Flachdachs eine vom Boden kaum sichtbare Fensterreihe - Hauptgebäude der National Gallery of Victoria. Der Name der Sammlung führt dabei immer wieder einmal zu Verwechslungen. Schließlich gibt es in der Hauptstadt Canberra auch eine "National Gallery of Australia".

Und zudem wird regelmäßig darüber diskutiert, ob eine Bezeichnung wie "national" für Victoria als integraler Bestandteil Australiens - und zudem ohne jede separatistischen Ambitionen wie zum Beispiel in Katalonien, Schottland oder Québec, wo man sich tatsächlich als Nation sieht und dem Begriff eine politische Bedeutung zukommt - überhaupt benutzt werden sollte. Allerdings fand die Gründung der "NGV" bereits im Jahr 1861 statt, als Victoria eine eigenständige Kolonie war und die Bildung der australischen Föderation noch volle vier Jahrzehnte in der Zukunft lag.

Obwohl sich die Machtverhältnisse seit dem Zusammenschluss von den in einer losen Föderation verbundenen, aber weitgehend selbstständigen Kolonien inzwischen stärker zur Bundesregierung verschoben haben, sind die australischen Bundesstaaten bezüglich ihrer Eigenständigkeit und ihren Befugnissen allerdings auch eher mit ihren Vettern in den USA als mit deutschen Bundesländern vergleichbar.

Sie werden ja schließlich wie in Nordamerika als "states" bezeichnet, während man, wenn ganz Australien gemeint ist, eigentlich immer vom "Commonwealth" - offizieller Name Australiens ist auch weiterhin "Commonwealth of Australia" - spricht. Durch die ständige Verwendung des Begriffes in den australischen Medien ist eine Verwechslungsgefahr mit dem "Commonwealth of Nations", also jenem losen Zusammenschluss der früheren und aktuellen britischen Besitzungen, den man überall sonst darunter verstehen würde, kaum gegeben.

Und ganz so ungewöhnlich, wie man im ersten Moment glaubt, ist eine solche Doppeldeutigkeit gar nicht. Man muss nur einmal den eigenen Sprachgebrauch hinterfragen. Denn wenn hierzulande das Wort "Bundesrepublik" fällt, ist ja eigentlich auch jedem klar, dass damit die deutsche gemeint sein soll, obwohl es sich eigentlich nur um einen staatsrechtlichen Begriff handelt, den - natürlich in der jeweiligen Übersetzung - noch einige weitere Staaten im offiziellen Namen führen.

Eine andere "nationale" Ausstellung, die man in der Stadt besuchen kann, bezieht ihre Bezeichnung allerdings tatsächlich auf ganz Australien. In einer Tribüne des Melbourne Cricket Ground ist nämlich das "National Sports Museum" untergebracht, in dem man Erinnerungsstücke aus den verschiedensten Disziplinen besichtigen kann. Dass dabei Australian Football und Cricket einen beträchtlichen Raum einnehmen, ist irgendwie nur bedingt überraschend.

Den Abschluss des Kunstbezirkes, der sich auch abseits der Hauptstraße mit weiteren Theatern und Museen in den "Southbank" genannten Stadtteil ausdehnt, bildet das "Victorian College of the Arts". Die noch immer vom Militär belegten "Victoria Barracks" - wie die ältesten Gebäude der Akademie ebenfalls im viktorianischen Zeitalter entstanden - im nächsten Häuserblock, lassen sich jedenfalls eindeutig nicht mehr der Kategorie "Kunst" zuordnen.

Die Straße hat sich ab der Brücke noch einmal geweitet und ist nun zu einer breiten Allee geworden, auf der sich auch zwischen den Spuren gleich mehrere Grünstreifen entlang ziehen. Neben einer separaten Strecke für die Tram in der Mitte sind die Richtungsfahrbahnen ebenfalls noch einmal zweigeteilt, was für Autofahrer durchaus tückisch werden kann. Solange man nur geradeaus möchte, ist es kein Problem. Doch vor Abbiegen muss man eben stets darauf achten, an einem der wenigen Schlupflöcher rechtzeitig auf die richtige Seite der Baumreihe zu gelangen.

Seit dem Yarra River heißt die Straße jetzt auch nicht mehr "Swanston Street" sondern "St. Kilda Road". Benannt ist diese nach einem etwa sechs bis sieben Kilometer südlich gelegenen Nachbarort, zu dem sie einst eine Überlandverbindung herstellte. Längst sind beide jedoch verwachsen und St. Kilda ist zu einem der vielen "suburbs" der Metropole geworden. Die "road" wäre also nach der einzig im Englischen möglichen Unterscheidung streng genommen nun eine "street".

Obwohl die Marathonis in diesem Moment erst zwei Kilometer der Distanz bewältigt haben und sich eigentlich noch mitten im Stadtgebiet befinden, haben sie Melbourne aber tatsächlich bereits verlassen. Denn ab der gerade passierten Kaserne bildet die Straßenmitte die Grenze zwischen der "City of Melbourne" und der "City of Port Phillip". Während die östliche Seite und die angrenzenden Queen Victoria Gardens aus administrativer Sicht noch zur Metropole gehören, sind die westlichen Fahrspuren bereits der dahinter beginnenden Nachbarstadt zugeordnet.

Es mag im ersten Augenblick ziemlich ungewöhnlich erscheinen, doch verwaltungstechnisch ist Melbourne keineswegs eine Vier-Millionen-Metropole sondern nach deutschen Maßstäben nicht einmal eine Großstadt. Im offiziellen Stadtgebiet leben nämlich weniger als die dafür nötigen hunderttausend Menschen. Nur zusammen mit rund dreißig weiteren politisch eigenständigen Gemeinden rundherum wird daraus die zweitgrößte Stadt des Kontinents.

In Sydney ist dies allerdings auch nicht viel anders, selbst wenn man dort in der zentralen "City of Sydney" die Hundertausend-Marke noch überspringen kann. Doch ähnlich wie beim Konkurrenten Melbourne ist die namensgebende Stadt im Zentrum keineswegs die bevölkerungsreichste Verwaltungseinheit des ebenfalls aus weit über dreißig Einzelgemeinden zusammen gesetzten Ballungsraumes.

Im Bereich von St. Kilda Beach, dem beliebtesten Strand der Stadt bekommt die Uferpromenade kurzzeitig den Charakter einer Schnellstraße

Das australische Konzept für "local government areas" ist jedenfalls ein grundsätzlich anderes als hierzulande. Man versucht nämlich bezüglich der Einwohnerzahlen etwa gleich große Gebiete zusammen zu fassen, wodurch sich rund um die größten Metropolen ein ziemlich kleinteiliges Raster mit einzelnen "cities" ergibt, während im Rest des Landes großflächige "shires" - die im Extremfall auch einmal europäische Staaten an Ausdehnung übertreffen können - das Bild bestimmen.

Wem das nun völlig unlogisch und nur schwer nachvollziehbar vorkommt, dem sei geraten, sich einmal mit den ebenfalls oft recht willkürlich gezogenen hiesigen Gemeindegrenzen zu beschäftigen. Denn auch dort lassen sich zuhauf Beispiele finden, bei denen mitten in eigentlich völlig miteinander verwachsenen Städten auf einmal ohne wirklich ersichtlichen Grund ein neues Ortsschild am Straßenrand auftaucht.

Schon wegen der vielen international völlig unterschiedlichen Ansätze zur Verwaltungsgliederung orientieren sich Statistiker beim Vergleichen von Städten ohnehin schon lange nicht mehr an den administrativen sondern einzig und allein an den geographischen Grenzen einer Metropole, also dem geschlossen bebauten und bewohnten Gebiet.

Die Marathonis sind nun jedenfalls nur noch auf der rechten Seite der Straße unterwegs. Das ist zwar genau entgegengesetzt zur ansonsten in Australien üblichen Richtung, denn nach bester britischer Tradition fährt man down under natürlich links. Doch wird so der Straßenbahnverkehr in diesem Abschnitt am wenigsten behindert. Die Mittelspur mit den Gleisen bleibt so schließlich frei. Und während in der Folgezeit immer wieder eine der über die Brücke gebündelten Linien nach links abdreht, muss rechts für längere Zeit keine Schiene mehr gekreuzt werden.

Abgesehen von einem kurzen Links-Rechts-Schlenker führt die St. Kilda Road das Läuferfeld nun mehrere Kilometer lang schnurgerade fast exakt in südlicher Richtung immer weiter aus dem Zentrum hinaus. Der weitaus größte Teil des Melbourne Marathons wird in den suburbs abgewickelt werden. Bedeutende Sehenswürdigkeiten, die in allen Reiseführern notiert wären, sind an ihren Rändern nun eigentlich nicht mehr zu finden.

Doch wenn man den Blick ein wenig wandern lässt, kann man an den modernen Bürogebäuden, die große Teile der Straße säumen, viele interessante Details entdecken. Und immer wieder einmal taucht dazwischen auch ein altes viktorianisches Gebäude auf - wobei dies natürlich ein Begriff ist, in den man mitten im Bundesstaat Victoria durchaus eine doppelte Bedeutung hinein interpretieren könnte.

Plötzlich ertönen von hinten einige deutsche Worte. Stephen Fraser hat den Aufdruck auf dem Trikot entdeckt und identifiziert. Umgekehrt ist es allerdings auch nicht wirklich schwer. auf seine Herkunft zu schließen. Denn unterhalb eines blauen Lauftrikots lassen sich ein paar ziemlich bunte Hosen mit einem liegenden grünen Y erkennen - die Flagge Südafrikas. Ja er stamme tatsächlich aus Kapstadt bestätigt Fraser - inzwischen wieder auf Englisch - die Vermutung. Doch schon seit einigen Jahren würde er in Melbourne leben.

Ein bisschen Deutsch spricht der Mann vom Kap, weil er bis vor kurzem für den Reifenhersteller Continental gearbeitet hat und deswegen jedes Jahr ein paar Mal in dessen Hauptsitz in Hannover zu Gast war. Bei einem dieser Besuche habe er sogar einmal beim dortigen Marathon teilgenommen, allerdings nur auf der Halbdistanz. Jetzt hätte er sich allerdings mit einer eigenen Firma selbstständig gemacht, so dass weitere Deutschlandtrips nur noch auf eigene Rechnung möglich seien.

In Australien wäre es eigentlich nicht viel anders als in seiner alten Heimat. Und damit meint Fraser keineswegs nur das Wetter. Auch die Leute seien genau wie daheim, nämlich zum einen ziemlich sportbegeistert. Aber zum anderen würden sie gerne einmal ein paar Bierchen trinken, schiebt er schmunzelnd hinterher. Tatsächlich trinken die Aussies gern und viel. Allerdings sind die umgesetzten Mengen aufgrund relativ strenger Regeln, häufiger Verkehrskontrollen und vieler Kampagnen zuletzt deutlich rückläufig.

Es mache die Umstellung doch sicher leichter, dass man sich im Sport in Australien - vielleicht einmal abgesehen vom auch für einen Südafrikaner exotischen Australian Football - auch noch weitgehend für die gleichen Disziplinen begeistere, nämlich Cricket und Rugby. Das stimme schon, bestätigt Fraser diese These, aber was man auf dem fünften Kontinent zu sehen bekäme sei "good Cricket and bad Rugby".

Tatsächlich musste sich die unter dem Spitznamen "Wallabies" - eine kleine Känguru-Art - bekannte australische Nationalmannschaft eine Woche vor dem Marathon schon ziemlich lang machen, um beim jährlichen Südhalbkugel-Vier-Nationen-Turnier mit Neuseeland, Südafrika und Argentinien nach zum Teil recht deftigen Packungen gegen die "Springboks" und die "All Blacks" zumindest noch die Südamerikaner hinter sich zu lassen.

Ein wenig dürfte bei dieser Schwäche der Aussies allerdings auch eine Rolle spielen, dass im Gegensatz zu den anderen beteiligten Nationen bei ihnen zu Hause eine andere Rugby-Variante als das weltweit verbreitete "Rugby Union" dominiert. Hierzulande dürfte diese "Rugby League" genannte Spielart höchstwahrscheinlich den wenigsten bekannt sein. Kaum jemand ahnt wohl überhaupt, dass "Rugby" keineswegs eine einzige und einheitliche Sportart ist sondern in verschiedene "codes" zerfällt.

Anders als der lange Zeit als "Gentlemen-Sport" geltende und von Amateuren gespielte "Rugby Union" war das im Norden Englands entstandene "Rugby League" von Anfang die Variante der Arbeiterschicht. Und viel schneller als beim bekannteren Bruder, wo man erst vor etwa zwei Jahrzehnten die Bezahlung von Aktiven offiziell zuließ, entwickelte es sich auf der britischen Insel zum Profisport. Ganz ähnlich ging die Spaltung auch in Australien vonstatten.

Beide Disziplinen unterscheiden sich zum Beispiel in der Zahl der Spieler. Bei Rugby Union laufen fünfzehn Mann auf, bei Rugby League sind es dagegen nur dreizehn. Dafür ist das Feld aber auch kleiner, was für noch mehr Körperkontakte sorgt. Außerdem sind die Regeln zum Beispiel bezüglich des Angriffes auf den Ballführenden ein wenig anders. Rugby League wirkt für den unvoreingenommenen Betrachter beinahe noch etwas ruppiger.

Der Schleife nach Norden schließt sich ein genauso langer Wendepunktabschnitt nach Süden an

Jedenfalls ist die Sportart in Australien ziemlich beliebt. Und so wie zwei Wochen vor dem Marathon das Grand Final im Australian Football den Melbourne Cricket Ground praktisch bis auf den letzten Platz füllte, war sieben Tage später das Olympiastadion in Sydney vollkommen ausverkauft, weil dort mehr als achtzigtausend Menschen das große Finale der "National Rugby League" verfolgen wollten.

Gleich zwei heimische Teams standen sich dort gegenüber, die "Sydney Roosters" aus dem für seinen Strand berühmten Vorort Bondi und die "Manly Sea Eagles" aus dem nördlich des Sydney Harbour gelegenen Manly, das ebenfalls einen bekannten Sandstrand besitzt. Die "Hähne" aus dem Südosten gewannen das wirklich spannende Endspiel, das in den Medien zum "battle of the beaches" hochstilisiert wurde, am Ende mit 26:18.

Wirklich erstaunlich ist ein reines Sydney-Duell im letzten Spiel der Saison nicht unbedingt. Denn bei Rugby League verhält es sich genau umgekehrt wie beim Australian Football. Die Sportart hat ihre absoluten Hochburgen nämlich in New South Wales und Queensland. Und in der Liga stehen sich zehn Mannschaften aus NSW - davon neun aus dem Großraum Sydney - drei aus Queensland, eine aus Canberra und eine aus Melbourne gegenüber.

Dazu kommen dann noch die im neuseeländischen Auckland beheimateten "New Zealand Warriors", die den Namen "National Rugby League" eigentlich Lügen strafen. Da auch in den australischen Teams viele Neuseeländer spielen, sind die Kiwis mehr oder weniger die Einzigen, die den Aussies bei den - international im Gegensatz zum Rugby Union World Cup ansonsten kaum registrierten - Weltmeisterschaften mit schöner Regelmäßigkeit Paroli bieten können.

Auch Stephen Fraser hat nach eigenem Bekunden früher Rugby gespielt und kann das mit seiner noch immer eher stämmigen, breitschultrigen Figur auch kaum verheimlichen. Doch im Läuferland Südafrika und der Stadt des Two Oceans Marathons muss man wohl irgendwann auch die Laufschuhe schnüren. Achtmal hat er den Ultra-Lauf in der früheren Heimat absolviert und auch fünfmal beim Comrades teilgenommen, zweimal wurde dabei allerdings ein "DNF" für ihn notiert.

Jedenfalls hat man so schnell gleich mehrere Themen, mit denen man über die lange Gerade der St. Kilda Road kommen kann, ohne es wirklich zu merken. Man redet über Strecken und Profile, die eigenen Erfahrungen und den ganz speziellen "Comrades Spirit", jene fast selbstlose Unterstützung von Mitläufern, die man wohl wirklich nur in Südafrika findet. Und wie zur Bestätigung bringt Stephen von der nächsten Verpflegungsstelle vollkommen unaufgefordert gleich zwei Bananen mit, um eine davon sofort an seinen neuen Kumpel weiter zu geben.

Weit mehr als ein Dutzend Versorgungsposten sind im Abstand von ungefähr zwei bis drei Kilometern über die Strecke verteilt. Und praktisch alle sind sowohl mit Wasser als auch mit Elektrolytgetränken ausgestattet. Viele haben außerdem auch Bananen oder Orangen im Angebot. Zumindest ist dies theoretisch so. In der Praxis geht der einen oder anderen von ihnen - insbesondere, wenn sie auch von den Halbmarathonis angelaufen werden - irgendwann dann doch das Obst oder die süßen Flüssigkeiten aus.

Inzwischen hat man die St. Kilda Road verlassen und ist nach rechts in die dem Meer entgegen strebende Fitzroy Street eingebogen Doch nur wenige hundert Meter darauf erfolgt der nächste Rechtsschwenk hinein in den Albert Park, in dem mit einer großen Schleife mehr als sieben Streckenkilometer hinzu gewonnen werden. Diese sind alle einzeln ausgeschildert und zwar - was in englischsprachigen Ländern immer wieder einmal erwähnenswert ist - tatsächlich in der Maßeinheit "Kilometer".

Denn während man im britischen Mutterland noch immer an den "imperialen" Meilen festhält, ist die ehemalige Kolonie auf der anderen Seite der Welt längst ins metrische System gewechselt. Distanzen werden nun schon seit mehreren Jahrzehnten in Kilometern angegeben, Lebensmittel kauft man nach Kilogramm und Liter. Und mehr als eine Generation nach der Umstellung sind die neuen Einheiten längst auch in den Köpfen angekommen.

Die Australier waren damit auch wesentlich konsequenter und erfolgreicher als zum Beispiel die Kanadier. Denn dort rechnet man zwar offiziell schon ähnlich lange metrisch, kommt aber dennoch - unter anderem wegen der Nähe zu den USA, die sich fast noch trotziger als die Briten dem ansonsten in der ganzen Welt üblichen Standard verweigern - irgendwie nicht von den alten Maßen los.

Allerdings steht Australien mit der zügigen und störungsarmen "metrication" keineswegs alleine im Commonwealth - in diesem Fall ist wieder der internationale Staatenbund gemeint - da. Denn auch in Neuseeland oder Südafrika hat man den Wechsel längst hinter sich. Es ist ein weiterer kleiner Aspekt, der Bürgern dieser Staaten die Übersiedlung erleichtert. Viel wichtiger sind aber natürlich die gleiche Sprache und ähnliche Kultur. Und so stammen weitaus mehr Bewohner des fünften Kontinents aus diesen beiden Ländern, als man vermuten würde.

Rund eine halbe Million Kiwis lebt in Australien, was bei deutlich weniger als fünf Millionen Staatsangehörigen immerhin mehr als zehn Prozent aller Neuseeländer darstellt. Der bekannteste unter ihnen dürfte wohl der in Wellington geborene, aber in Sydney aufgewachsene Schauspieler Russell Crowe sein. Die Zahl der Australier, die es in umgekehrte Richtung auf die Doppelinsel verschlagen hat, beträgt dagegen nur etwa ein Zehntel dieses Wertes.

Kurzzeitig wird man von der Hauptstraße in eine Grünanlage geleitet. Ein Schlenker dessen Sinn sich nicht vollkommen erschließt

Spezielle Vereinbarungen zwischen den beiden Ländern setzen die ansonsten gültigen Einwanderungsregelungen weitgehend außer Kraft und ermöglichen einen von wenigen Ausnahmen abgesehen freien Personenverkehr. Ohnehin hat man ein besonders Verhältnis zueinander, auch wenn die Neuseeländer einen Beitritt zur australischen Föderation bei deren Gründung abgelehnt hatten. Immer wieder einmal werden die Kiwis von ihren Nachbarn damit geneckt, ob sie denn nicht doch endlich siebter Bundesstaat Australiens werden wollten.

Aber auch Südafrikaner gibt es in erheblicher Zahl in Australien. Stephen Fraser ist keineswegs der Einzige. Vielmehr sind inzwischen beinahe zweihunderttausend "Springboks" aufgrund der politischen Verhältnisse und der hohen Kriminalitätsrate in ihrer Heimat sowie den besseren wirtschaftlichen Aussichten auf den fünften Kontinent gezogen. Und da Fraser mit seiner Hose in den Nationalfarben gut zu erkennen ist, wird er während des Marathons gleich mehrfach von ebenfalls mitlaufenden Landsleuten angesprochen.

Einer von ihnen gesellt sich sogar für einige Zeit zum kleinen Grüppchen hinzu. David Hearne ist mit seinen einunddreißig Jahren deutlich jünger als der neunundvierzigjährige Fraser, aber noch etwas länger - nämlich bereits elf Jahre - im Land und bei der Berufsfeuerwehr von Melbourne beschäftigt, was man dank des Schriftzug des Arbeitgebers auf seinem roten Trikot nicht allzu schwer erkennen kann.

Er stamme ursprünglich aus "PMB" erzählt er auf Nachfrage. Und wenn man die Buchstabenkombination der ebenfalls gerne einmal zu Abkürzungen und Verniedlichungen neigenden Südafrikaner deuten kann, ist man erneut beim Comrades Marathon angekommen. Denn hinter PMB verbirgt sich in ausgeschriebener Form jenes Pietermaritzburg, das je nach Laufrichtung entweder Start- oder Zielort des teilnehmerstärksten Ultralaufes weltweit ist.

Doch obwohl er praktisch an der Strecke aufgewachsen ist und das Rennen in seiner Jugend natürlich regelmäßig verfolgen konnte, hat Hearne den Comrades noch nie in Angriff genommen. Vielmehr würde er in Melbourne seinen ersten Marathon überhaupt bestreiten. So ist er dann auch ganz zufrieden, in einer einigermaßen gleichmäßig laufenden Gruppe routinierterer Läufer mitschwimmen zu können.

Die Marathonstrecke führt immer am Ufer eines Sees entlang und dabei wieder wesentlich näher an die am Horizont aufragenden Hochhäuser der Innenstadt heran. Man hat ohne es wirklich zu merken jenem "Albert Park Circuit" unter den Füßen, auf dem die Formel-Eins-Rennwagen während des "Großen Preises von Australien" immer im Kreis herum rasen. Verglichen mit dem Aufwand, die Parkstraße rundum mit Leitplanken, Auslaufzonen und Tribünen auszustatten, sind die Anstrengungen zur Streckensicherung beim Marathon eigentlich kaum der Rede wert.

Doch auch dafür hat man viele Kilometer Gitter, Hütchen und Baustellen-Absperrungen in der Stadt verteilt. Und an Ordnern herrscht ebenfalls kein Mangel. Praktisch jede auch nur im Entferntesten kritische Einmündung ist von Helfern bewacht. Jenes "thank you marshall", das in Südafrika als Dank an die Freiwilligen üblich ist und dessen Erwähnung bei Stephen Fraser Erinnerung an die Rennen in der alten Heimat hervor ruft, bekommt man in Australien - wie auch sonst fast überall - trotzdem eher selten zu hören.

Mit ihren leuchtend gelben Schutzwesten fallen die Streckenposten durchaus auf. Doch nach wenigen Tagen in Australien ist man an diese knallig-grelle Farbe allerdings gewöhnt. Denn während diese in anderen Ländern ansonsten höchstens einmal in Rad- oder Laufbekleidung Verwendung findet, ist es down under absolut üblich, dass zum Beispiel Bauarbeiter oder Lastwagenfahrer T-Shirts und Hemden im auffälligen Neongelb tragen.

Auch der Rückweg auf der gegenüberliegenden Seite des Albert Park Lake verläuft praktisch ständig in der Nähe der Wasserfläche, die von den Marathonis dabei fast komplett umrundet wird. Die beiden Südafrikaner unterhalten sich während der Schleife über die Unterschiede der Laufszenen in der alten und der neuen Heimat. Denn obwohl Hearne erst vor kurzer Zeit mit den ganz langen Strecken begonnen hat, ist er keineswegs kompletter Neuling und kennt die Verhältnisse am Kap durchaus.

Er sei früher fünf und zehn Kilometer gelaufen, habe aber nach seiner Auswanderung aufgehört und erst jetzt wieder neu begonnen. Später wird er ganz nebenbei erwähnen, dass seine damalige Zehner-Bestzeit mit einer zweiunddreißig begonnen hätte. So ganz passen will die 4:32:16, mit der er nach einem heftigen Einbruch im letzten Streckenteil schließlich in der Ergebnisliste auftauchen wird, dazu nicht. Doch zum einen hat er durch seinen Beruf deutlich an Muskelmasse zugelegt und zum anderen sei seine Vorbereitung auch nicht unbedingt optimal gewesen.

Ganz ähnlich - also eindeutig zu wenig Training - argumentiert auch Stephen Fraser, der in Melbourne die vielen großen Laufclubs vermisst, die er vom Kap her kennt. Unter den zum Teil fünfhundert tausend oder noch mehr Mitgliedern fände man schließlich immer Trainingspartner und Motivationshilfe. In Australien renne man dagegen weitgehend für sich alleine. Tatsächlich trifft man in den großen Städten praktisch rund um die Uhr und in großer Zahl laufende Menschen. Doch mehr als zwei oder drei gemeinsam sind es selten.

So ähnlich die Interessen bezüglich der Sportarten auch sein mögen, so unterschiedlich sind zumindest im Laufbereich die Kulturen zwischen den beiden Ländern. Sicher nimmt Südafrika mit seiner ausgeprägten Vereinsstruktur eine Position ganz auf der einen Seite des Spektrums ein. Doch ist der weitgehend individualisierte Ansatz der Australier ziemlich genau das andere Extrem und sicher eher nordamerikanisch als britisch.

Wer als Tourist zur Mittagzeit oder am frühen Abend aufmerksam durch Parkanlagen in Australien geht, wird immer wieder einzelne Personen oder kleine Gruppen entdecken, die von einem Trainer zu gymnastischen Übungen mit und ohne Geräte, zu Sprints, Treppen- oder Hügelläufen angehalten werden. Es handelt sich dabei keineswegs um ehrenamtliches Engagement sondern fast immer um kommerzielle Fitness-Coaches, die ihre Schützlinge gegen gutes Geld durch die Gegend scheuchen.

Der Weg zurück in die Innenstadt führt über die Fitzroy Street, deren Gefälle man auf dem Hinweg gar nicht bemerkt hatte, die nun aber eine spürbare Steigung hat Auf dem letzten Teil der Strecke, bei dem man noch einmal eine mehrere Kilometer lange Runde in den Anlagen der "Domain Parklands" dreht, beginnt es heftig zu regnen

Und wenn man sich die "normalen" Läufer, denen man dort begegnet, einmal genauer anschaut, fällt außerdem auf, dass viele von ihnen eher am Belastungsanschlag als im lockeren Trab unterwegs sind. Vielleicht gibt es in Australien ja die allgemeine Auffassung, dass ein "workout" schnell, hart und vielleicht auch ein bisschen schmerzhaft sein müsse, um zu wirken. Doch langsame, dafür aber lange Dauerläufe sind hierzulande ja ebenfalls auf dem Rückmarsch.

Der Ausflug in den Albert Park, der nur eine von mehreren großen Grünanlage darstellt, die das Stadtzentrum von Melbourne umgeben, ist mit dem Abschluss der Runde um den See nicht beendet. Noch einmal schwenkt man nämlich auf die zwischendurch verlassene Autorennstrecke ein und schindet mit einem wieder in entgegengesetzte Richtung führenden Wendepunktabschnitt in der Boxengasse zwei weitere Kilometer heraus.

Nachdem man den Park dann schließlich doch an der gleichen Stelle verlassen hat, an dem man auch in ihn hinein gelaufen war, bringt die Fitzroy Street die Läufer in weniger als einem Kilometer hinunter zum Meer. Dieser Abschnitt der Strecke bleibt den Marathonis vorbehalten. Die Halbdistanzler werden später gleich nach der Runde im Albert Park den Rückweg antreten und damit größtenteils hinter dem Hauptfeld der Langstrecke durch schlüpfen, ohne groß mit ihm in Kontakt zu kommen.

Der gewählte Startverschub von einer Stunde sorgt auch dafür, dass die besten Halbmarathonläufer noch knapp vor den ersten Marathonis zurück im Stadion sind. Denn um gegen die 1:01:57 zu bestehen, die der Kenianer Wilfred Murgor auf den Asphalt von Melbourne zaubert, wäre schon ein Weltrekord auf der langen Distanz fällig gewesen. Nie zuvor war jemand beim Melbourne Marathon Festival über einundzwanzig Kilometer schneller unterwegs.

Der ebenfalls aus Kenia stammende Daniel Cheruiyot Yegon folgt in 1:03:34 dann schon mit einem deutlichen Rückstand. Noch einmal zwei Minuten länger braucht der im Sudan geborene, nun aber für Australien startberechtigte Duer Yoa, der nach 1:05:35 als Dritter über die Ziellinie ins Cricket Stadion läuft.

Auch bei den Damen fällt der "race record" - eine Bezeichnung, die gerade bei sich gelegentlich verändernden Kursen gegenüber "Streckenrekord" wohl eigentlich die korrektere Variante wäre. Denn die australische Spitzenathletin Nikki Chapple bleibt mit 01:11:23 weniger als eine Minute über ihrer eigenen Jahresbestmarke, die sie immerhin unter die ersten hundert der Weltrangliste gebracht hat.

Bis Anita Keem in 1:17:56 und Tarli Bird mit 1:18:22 das Treppchen vervollständigen, gehen trotz eigentlich überzeugender Zeiten etliche Minuten ins Land. Wie über zehn Kilometer sind auch beim Halbmarathon die Frauen nicht nur qualitativ auf ähnlichem Niveau unterwegs, sie sind auch quantitativ in der Überzahl. Mit 4951 Zieleinläufen, denen nur 4095 bei den Herren gegenüber stehen, stellen sie nämlich stolze fünfundfünfzig Prozent des Feldes.

Über die gut fünf Kilometer lange Strecke des Einsteigerlaufs sind sogar beinahe zwei Drittel der Teilnehmer weiblich. Selbst ein Verhältnis von sieben zu drei zugunsten der Männer auf der längsten angebotenen Distanz - eine Frauenquote von dreißig Prozent ist für einen Marathon im deutschen Sprachraum auch weiterhin ziemlich utopisch - kann deswegen nicht verhindern, dass insgesamt bei der Veranstaltung in Melbourne mehr Läuferinnen als Läufer dabei sind.

Die zusätzlichen Kilometer für den Marathon bestehen weitgehend aus einer mit zwei weiteren Wendepunkten versehenen Pendelstrecke entlang der Bucht von Port Phillip. Zuerst einmal geht es dabei knappe vier Kilometer in nordwestlicher Richtung die auf der Landseite meist mit Einfamilienhäusern bebaute Uferstraße hinauf, nur um nach einer Hundertachtzig-Grad-Kehre anschließend genau den gleichen Weg jenseits des begrünten Mittelstreifens wieder zurück zu laufen.

Nun ist man allerdings auf der von Palmen gesäumten Seeseite unterwegs und kann immerhin noch einen Blick auf den schmalen Sandstrand werfen, der sich fast die gesamte Promenade entlang zieht. Noch am Vortag war dieser bei strahlendem Sonnenschein gut gefüllt. Jetzt ist selbst von den Wolkenlücken der Anfangsphase nicht mehr viel zu sehen. Und über das Meer lässt sich schon die heran ziehende Regenfront erahnen.

Tatsächlich beginnt es kurz hinter der Halbmarathonmarke, die sich unweit der Stelle befindet, an der einige Zeit zuvor der längere Umweg nach Norden begonnen hatte, ein wenig zu nieseln. Etwa gleichzeitig schiebt sich auch eine Parkanlage zwischen Straße und Strand, so dass die Marathonis doch ein wenig vom Wasser abgedrängt werden und den weit ins Meer hinaus reichenden Pier mit dem kleinen Yachthafen hinter Büschen und Bäumen eher erahnen als wirklich erkennen können.

Stephen Fraser hat eine ganz eigene Ansicht zu dieser gerade überlaufenen "half way mark". Denn bei einem Marathon beginne die zweite Hälfte keineswegs bei einundzwanzig sondern erst bei zweiunddreißig Kilometern. Wenn man ein wenig darüber nachdenkt, hat er damit gar nicht einmal Unrecht. Schließlich wird das Rennen erst ungefähr zu diesem Zeitpunkt wirklich hart. Und zumindest mental muss man für das letzte Viertel der Distanz vermutlich ähnlich viel Aufwand betreiben, wie für den Rest davor.

An der Einmündung der Fitzroy Street teilt sich die Uferpromenade in einen oberen und einen unteren Teil. Die einige Meter höhere Straße führt den klangvollen Namen "The Esplanade", bietet natürlich die bessere Aussicht, dreht jedoch nach dem Passieren einiger Hotels langsam nach Osten ab. Die untere heißt dagegen nicht ganz so imposant "Jacka Boulevard", orientiert sich dafür aber ziemlich bald wieder direkt an der Küstenlinie.

Gleich zweimal kommt man auf der Schleife am Shrine of Remembrance vorbei und auch noch einige andere Denkmäler finden sich in der Parkanlage

Die Marathonstrecke wählt diese Variante und stößt damit zum beliebtesten Strand Melbournes "St Kilda Beach" vor. Deutlich breiter als der schmale Sandstreifen weiter nördlich, aber immer noch stadtnah genug zieht der kaum einen Kilometer lange Badeplatz an schönen Sommertagen zehntausende Besucher an. Dass die Asphaltpiste, auf der man unterwegs ist, für einen Moment fast schon den Charakter einer Schnellstraße hat, kann angesichts des Andranges, den sie in solchen Fällen zu bewältigen hat, dann auch kaum erstaunen.

Doch nicht nur für seinen Strand ist der Vorort bekannt, der erst vor zwei Jahrzehnten mit den zuvor ebenfalls selbstständigen Gemeinden South Melbourne und Port Melbourne - jener Stadtteile, in dem man vier Kilometer zuvor gewendet hatte - zur City of Port Phillip vereinigt wurde. Mit vielen Bars und Restaurants in den dahinter liegenden Straßen zählt er auch zu den beliebtesten Ausgeh-Adressen der Stadt.

Kurz bevor sich die beiden auf unterschiedlichen Ebenen verlaufenden Parallelstraßen endgültig auseinander bewegen, bildet oben am Hang ein großer an der Esplanade stehender Uhrenturm einen auffälligen Blickfang. Dieser "Clock Tower" gehört nicht nur wegen seines Aussehens sondern natürlich auch wegen seiner exponierten Position sicher zu den bekanntesten Landmarken von St. Kilda.

Doch auch das unweit des Strandes auf der anderen Straßenseite stehende "Palais Theatre" hat mit seinem bunten Stilmix einen gewissen Wiedererkennungswert. Der zum Beispiel oft für Konzerte aber auch für Ballettaufführungen genutzte Bau gilt nach dem - etwa zur gleichen Zeit errichteten - Forum Theatre in der Flinders Street als der größte Theatersaal in Melbourne und vermutlich sogar in ganz Australien.

Am typischsten für St. Kilda dürfte allerdings der hinter dem Theater liegende Luna Park sein. Denn in bester angelsächsischer Tradition hat man zu Beginn des letzten Jahrhunderts direkt neben dem Strand einen Vergnügungspark gegründet. Ähnliches lässt sich in vielen britischen Seebädern entdecken. Aber die bekannteste Kombination von Badestrand und Fahrgeschäften ist wohl doch Coney Island in New York.

Inzwischen hat man den Luna Park zwar ein wenig modernisiert. Doch mitten in der Stadt und auf engstem Raum zusammengedrängt, lässt er sich mit neumodischen Themenparks auf der grünen Wiese, die sich ständig mit neusten technischen Attraktionen überbieten müssen, nicht im Entferntesten vergleichen. Dafür versprüht er allerdings - ähnlich wie sein im Schatten der Harbour Bridge von Sydney stehendes ebenfalls Luna Park heißendes Gegenstück - noch ein wenig vom Charme einer längst vergangenen Zeit.

In dieser zentralen Strandzone lässt sich neben einigen Restaurants und Cafés auf der Seeseite das Gebäude der Rettungsschwimmer von St. Kilda entdecken. Selbst wenn es auch anderswo - erinnert sei nur an eine berühmt-berüchtigte amerikanische Fernsehserie - Strandwächter gibt, spielt die Kultur der "Life Saving Clubs" vermutlich nirgendwo eine so große Rolle wie in Australien. Die ursprünglich in Sydney entwickelte Idee hat sich längst über das ganze Land verbreitet.

Rund um den Kontinent bewachen in der Saison viele tausend Ehrenamtliche die Strände. Aus europäischer Sicht sehen die gelb-roten Badekappen, die sie häufig tragen, zwar fast ein wenig albern aus. Doch in Australien genießen die Rettungsschwimmer die sich mit ihren Surfbrettern in die Brandung stürzen, um in Not gerate Badegäste zu retten, ein extrem hohes Ansehen. Und die Wettbewerbe, die von den Clubs untereinander ausgetragen werden, sind nicht nur für die Teilnehmer sondern auch für viele Zuschauer wichtige Ereignisse.

Der Marathon von Melbourne ist dagegen nicht unbedingt ein Publikumsmagnet. Am größten ist das Interesse noch im Stadtzentrum - wobei sich dabei später natürlich auch einige zufällige Zaungäste in die Reihen mischen - und im Zielbereich. Weiter außerhalb haben sich dagegen abgesehen von Familienangehörigen und Freunden der Teilnehmer, denen die Streckenführung mit ihren vielen Schleifen und Wenden durchaus entgegen kommt, nur noch einige Anwohner an die Strecke verirrt.

Durch eine ziemlich clevere Streckenführung wird der Straßenbahnverkehr durch den Marathon praktisch nicht behindert

Die wenigen Anwesenden sorgen zudem nicht unbedingt für eine unvergessliche Stimmung am Streckenrand sondern sind "Zuschauer" im wahrsten Wortsinne. Da schadet es überhaupt nicht, einen ziemlich "kommunikativen" Läufer wie Stephen Fraser an der Seite zu haben. Denn der Südafrikaner findet nicht nur im Läuferfeld immer wieder neue Gesprächspartner, er animiert seinerseits auch regelmäßig eher beteiligungslos am Rand Stehende zum Anfeuern und Jubeln.

Einige Male schafft er es sogar, Schaulustige, Polizisten oder Helfer mit der Frage völlig aus dem Konzept zu bringen, wie ihr Lauf denn bisher gewesen sei. Ganz so ernst sieht der immerhin mit einer Bestzeit von 3:19 ausgestattete, inzwischen aber deutlich langsamere Routinier die Sache nicht mehr, ohne dabei jedoch völlig zum Clown zu mutieren.

Ein Anfeuerungsplakat für "Mummy" lässt das Gespräch auch schnell wieder ernsthaft werden. Denn auf die Bemerkung, dass man die deutsche Kanzlerin zu Hause mit einem ganz ähnlichen Namen belegt, zeigt sich Fraser erstaunlich gut informiert. Die Wahlen im fernen Deutschland und ihr Ergebnis waren zwar in Australien durchaus eine Nachricht in nahezu allen Medien.

Mit der Interpretation des "big election victory for Merkel" taten sich die an ein Mehrheitswahlrecht mit relativ klaren Fronten gewöhnten Aussies aber schon etwas schwerer. Stephen Fraser erkundigt sich dagegen gleich nach den möglichen Koalitionen. Und er kennt das deutsche Wahlsystem gut genug, um das Scheitern der bisher in der Regierung vertretenen "liberals" auf die Fünfprozenthürde zurück zu führen.

In der australischen Politik hat man ebenfalls gerade erst im September eine Neuwahl des Bundesparlamentes hinter sich gebracht. Und im Gegensatz zu Deutschland ist die bisherige Labor-Regierung abgelöst worden. Der frisch ins Amt gekommene Premierminister Tony Abbott von der konservativen "Liberal Party of Australia" macht gerade seine ersten, in seiner Heimat viel beachteten Schritte auf internationalem Parkett.

Allerdings weht ihm aus anderem Grund der Wind schon wieder spürbar ins Gesicht. Denn bei einer genaueren Untersuchung der Spesenabrechnungen von Parlamentariern ist unter anderem heraus gekommen, dass der begeisterte Triathlet in seiner Zeit als Oppositionsführer eine Reise zum Ironman Australia vom Staat erstattet bekommen hatte. Auch ihm ansonsten wohlwollende Kommentatoren tun sich schwer mit dem Argument, es hätte sich dabei hauptsächlich um eine Möglichkeit, mit der Bevölkerung in Kontakt zu kommen, gehandelt.

Eine Ausnahme ist Abbott dabei allerdings nicht. Gleich mehrere andere Abgeordnete deklarierten zum Beispiel ihre Trips zu Hochzeiten von Freunden als Dienstreise und ließen sie sich bezahlen. Und ein für seine Radleidenschaft bekannter Parlamentarier flog ausgerechnet während der Tour de France nach Frankreich, um sich angeblich tagelang über das dortige Radwegenetz zu informieren. Natürlich befeuern solche Auswüchse auch in Australien die Diskussionen über die Vergütungen von Politikern.

Nicht allzu weit hinter dem Luna Park haben erneut die üblichen Einfamilienhäuser die Vorherrschaft am Straßenrand übernommen. Und nachdem die Strandzone an einem weiteren Yachthafen geendet hat, versteckt sich das Meer auch immer wieder einmal hinter Grünanlagen. Auf dem ebenfalls knapp vier Kilometer langen Wendepunktabschnitt kann man also problemlos den Gegenverkehr genauer in Augenschein nehmen, ohne am Streckenrand etwas zu verpassen.

Auffällig sind zum Beispiel die vielen unterschiedlich farbigen Trikots mit einem griechischen Kämpfer auf der Brust. Und deren Träger haben im Gegensatz zum Rest des Feldes anstelle von roten auch gelbe Nummern auf der Brust, die zudem mit einem "S" beginnen. Es handelt sich um "Spartans", wie die Stammgäste der Veranstaltung mit zehn oder mehr Starts beim Melbourne Marathon heißen.

Ein ähnliches System kennt man auch von den "Jubiläumsclubs" hierzulande, die es zum Beispiel bei den Läufen in Berlin, Hamburg oder Frankfurt gibt. Noch viel bedeutender sind "permanents" - ewige Nummern, die man nach zehn erfolgreichen Teilnahmen bekommt - allerdings in der südafrikanischen Laufszene. Doch auch in Australiens Metropole Nummer zwei genießen die "Spartaner" einen gewissen Kultstatus. Mehr als dreitausend Namen zählt die Liste bereits und ist damit ähnlich lang wie die des weitaus größeren Rennens in der deutschen Hauptstadt.

Dabei gibt es in Melbourne auch noch eine fein abgestufte Rangordnung. Denn die verschiedenen Farben der Laufhemden geben an, ob man zehn, fünfzehn, zwanzig, fünfundzwanzig oder noch mehr Marathons in den Beinen hat. Man muss den Code allerdings nicht wirklich durchschauen, denn die Zahl lässt sich auch auf der Rückseite nachlesen. Auf der höchsten Stufe der Leiter - erkenntlich an einem Trikot in den australischen Sportfarben Grün und Gelb - stehen dabei jene immerhin noch zehn Läufer, die nie gefehlt haben und bei allen Austragungen dabei waren.

Nahe der Fünfundzwanzig-Kilometer-Marke - es hat inzwischen wieder aufgehört zu nieseln - macht die Laufstrecke einen kurzen Ausflug in den Park hinein, der im ersten Moment wie eine Wendeschleife wirkt. Doch als man nach wenigen hundert Metern wieder auf der Hauptstraße angekommen ist, geht es keineswegs gleich zurück in Richtung Stadtzentrum. Vielmehr muss man noch einmal ein Stück weiter weg laufen, um dann doch wieder praktisch auf dem Absatz kehrt zu machen.

Wirklich nachvollziehbar ist der Sinn dieses Schlenkers also nicht unbedingt. Einzig die Verpflegungsstelle, die auf dem Parkplatz vor einem weiteren Life Savings Club - hinter der Grünanlage befindet sich nämlich ein weiterer Badestrand namens "Elwood Beach" - aufgebaut ist, ließe sich noch entfernt als Begründung heran ziehen. Der kurze Seitenblick am Gebäude vorbei aufs Meer ist dagegen kaum der Rede wert.

Über die "Princes Bridge" geht es wieder der St. Pauls Cathedral und der Federation Square entgegen

Langsam aber sicher werden Stephen Fraser auf dem Rückweg die Beine schwer. Doch es geht ihm nicht alleine so. Und nachdem man nun schon große Teile des Rennens gemeinsam absolviert und dabei auch über den "Comrades Spirit" philosophiert hat, braucht es keine langen Überlegungen für den Entschluss, auch noch für den Rest der Distanz möglichst zusammen zu bleiben und sich über aufkommende Schwächeperioden hinweg zu helfen. Mit "fading together" klingt das im Englischen irgendwie sogar ganz positiv.

Im Melbourne Cricket Ground sind zur gleichen Zeit die ersten Plätze schon vergeben. Und noch zwei weitere Rekorde können dabei registriert werde. Denn der Kenianer Dominic Ondoro schraubt die alte Bestmarke um mehr als eine Viertelminute auf 2:10:47 herunter. Hinter dem Japaner Yuki Kawauchi, der in 2:11:40 Zweiter wird, folgen mit Dominic Kimwetich (2:11:56), dem Vorjahressieger Jonathan Kipchirchir Chesoo (2:12:54) und Peter Kamais (2:13:51) noch drei Landsleute des Siegers.

Erst dann wird mit dem 2:14:09 laufenden Liam Adams der erste Einheimische im Ziel registriert. Es ist die drittschnellste Zeit eines Australiers im laufenden Jahr. Michael Shelley, der Führende der Rangliste war mit seiner Bestmarke aber auch nur eine Minute schneller. Wie fast alle westlichen Nationen haben auch die Aussies den Kontakt zur fast vollständig aus Ostafrika stammenden Weltspitze weitgehend verloren.

Die Zeiten, in denen Rob de Castella und Steve Moneghetti - übrigens kommen beider Vorfahren zufällig aus dem italienischsprachigen Teil der Schweiz - bei jedem ihrer Starts Kandidaten für den ersten Platz waren, sind längst vorbei. Mit Lee Troop konnte in London 2004 letztmals ein Läufer vom fünften Kontinent knapp unter 2:10 laufen. Danach waren die Jahresbestmarken in der Regel eher im Bereich von 2:12 oder 2:13.

Moneghettis Landesrekord steht dagegen bei einer 2:08:16 aus jenem legendären Berliner Rennen. De Castella konnte einige Jahre zuvor auf dem nicht rekordfähigen Kurs von Boston gar eine 2:07:51 erzielen. Und ein gewisser Derek Clayton blieb bereits 1967 - also vor fast fünfzig Jahren - mit 2:09:36 im japanischen Fukuoka als erster Läufer überhaupt in der Welt unter der Marke 2:10.

Man muss wohl immer wieder solche alten Ergebnisse hervor holen, um die inzwischen so gerne nachgeplapperte These von dem vermeintlichen genetischen Vorteil der Ostafrikaner, der nur ihnen überhaupt solche Zeiten ermöglichen würde und für ihre Überlegenheit auf den langen Strecken verantwortlich sei, an simplen Beispielen zu widerlegen.

Wesentlich konkurrenzfähiger sind da noch die australischen Frauen. Lisa Weightman läuft sich mit 2:26:05, die neue persönliche Bestzeit und Veranstaltungsrekord gleichermaßen sind, jedenfalls vorläufig unter die ersten Fünfzig der Weltrangliste. Sie ist in Melbourne geboren. Doch zuvor tauchte sie in der Siegerliste ihres Heimrennens noch nicht auf. Durchaus bemerkenswert und bezeichnend für die Wertigkeit der Sportarten ist, dass in keiner Meldung über ihren Sieg die Anmerkung fehlt, ihr Vater sei Peter Weightman, ein früherer Australian Football Trainer.

Die Vierunddreißigjährige setzt sich am Ende recht sicher gegen Eunice Kales aus Kenia durch, die mit 2:27:19 über eine Minute zurück liegt. Bis zu Platz drei klafft dann aber eine wirklich enorme Lücke. Denn die Australierin Melanie Panayiotou läuft erst in 2:41:48 über die Linie. Sarah Klein (2:42:53) und Jane Fardell (2:43:40) folgen im Gesamteinlauf und der nationalen Wertung im ungefähren Minutenabstand.

Auf dem Hinweg war es gar nicht aufgefallen, doch vom Albert Park zum Meer waren einige Meter an Höhe verloren gegangen. Nun nach mehr als zwei Dritteln der Distanz machen sie sich in der Gegenrichtung allerdings deutlich bemerkbar. Verglichen mit der Konkurrenz in Sydney ist die Strecke von Melbourne allerdings nicht wirklich wellig sondern weitgehend eben. Mehr als zehn Meter geht es eigentlich selten bergauf oder bergab.

Da zwischendurch eine Verpflegungsstelle planmäßig nur Wasser im Angebot hatte, liegt der letzte offizielle Zuckerstoß auf der leicht steigenden Fitzroy Street nun bereits fast fünf Kilometer zurück. Zum Glück bieten einige Zuschauer den Marathonis Weingummi an. Sie sind vermutlich vom Fach - also selber Läufer oder zumindest Angehörige. Denn im angelsächsischen Raum ist diese Art von Wettkampfverpflegung durchaus verbreitet. Stephen Fraser greift jedenfalls gleich mehrmals zu.

Und er tut dies auch, als kurz hinter der Verpflegungsstelle in der Nähe der Einmündung in die St. Killda Road, jemand wohl eher im Scherz einen Kaffeebecher hinhält. Einweg-Pappbecher für Kaffee wie in Nordamerika, die sich auch hierzulande immer stärker durchsetzen, sind in Australien weit verbreitet. Wie überhaupt so einiges auf dem fünften Kontinent ziemlich amerikanisch wirkt.

Die vorhandene Wegwerfmentalität lässt sich bei Fahrten über Land jedenfalls durchaus ganz gut am Straßenrand erkennen, wo so einiges von dem Verpackungsmaterial der Schnellrestaurants landet. Und bei aller Sportlichkeit auf der einen Seite lässt sich im Straßenbild andererseits auch erkennen, dass ein nicht gerade kleiner Teil der Bevölkerung Übergewicht hat, das manchmal regelrecht in Fettleibigkeit ausartet.

Und auch im Marathonfeld von Melbourne kann man eine Beobachtung machen, die zu den oft - vorsichtig ausgedrückt - ziemlich konservativen Moralvorstellungen der US-Amerikaner zu passen scheint. Denn zumindest bei den Männern trägt man über den Tights - egal in welcher Länge - ziemlich gerne noch eine zusätzliche kurze Laufhose.

Mit dem Einbiegen in die St. Kilda Road nimmt man nach ziemlich genau dreißig Kilometern wieder Kurs auf die Innenstadt. Den langen Schlenker im Albert Park hat man sich auf dem Rückweg geschenkt. Doch ansonsten hat man genau den gleichen Asphalt unter den Füßen wie in der Anfangsphase. Denn diesmal läuft man die lange Gerade auf der linken, also nach australischem Gefühl "richtigen" Seite hinauf. Im Westen der Straßenbahn ist man aber genau deswegen trotzdem wieder.

Von der Brücke kann man ein weiteres Mal den freien Blick über das Stadtpanorama genießen Die Flinders Street Station bildet für die Fotografen einen der unverwechselbarsten Punkte der Strecke

"Halbzeit" lautet die einhellige Meinung als zwei Kilometer später endlich das Schild mit der "32" auftaucht. Doch ein gewisses Grinsen lässt sich dabei natürlich nicht verkneifen. Im Vorbeilaufen nimmt Stephen Fraser eine junge Läuferin an die Hand, die vor ihm eine Gehpause eingelegt hat, und animiert sie durch das kurze Mitziehen zum Weiterlaufen. Nicht nur wegen des unerwarteten Körperkontaktes ist diese im ersten Moment über die schelmische Aktion des Südafrikaners ziemlich erschrocken.

Sie hat vielmehr überhaupt nicht gehört, dass sich ihr jemand nähert. Schließlich hat sie Stöpsel in den Ohren und lässt sich von lauter Musik beschallen. Obwohl die Organisatoren in den Informationen mit der Formulierung "we strongly discourage" ausdrücklich darum bitten, solche Geräte zu Hause zu lassen, kann man diese keineswegs ungefährliche Unsitte, auf der Strecke viele Male beobachten.

Die Läuferin ist eindeutig asiatischer Abstammung, spricht aber Englisch mit einem australischen Akzent. Denn inzwischen haben rund zehn Prozent aller Australier ihre Wurzeln in Asien. Nachdem man bis etwa zur Mitte des vorigen Jahrhunderts praktisch nur europäische Einwanderer ins Land gelassen hatte, sind diese strengen Regeln in den letzten Jahrzehnten immer stärker liberalisiert worden.

Und inzwischen stellen im klassischen Einwanderungsland Australien - rund ein Viertel aller Einwohner ist nicht innerhalb seiner Grenzen geboren - neben den schon erwähnten Kiwis jedes Jahr Chinesen und Inder die stärksten Kontingente. Gerade in den großen Städten präsentiert sich die australische Gesellschaft deshalb längst ziemlich bunt. Die Chinatown im Stadtzentrum von Melbourne gibt es allerdings schon wesentlich länger, nämlich seit den Tagen des Goldrausches vor eineinhalb Jahrhundert.

Auch sonst richtet sich das lang Zeit eigentlich nur nach Europa oder Nordamerika blickende Australien immer stärker auf die asiatischen Nachbarn aus. So wird in den Schulen des Landes immer häufiger Indonesisch als erste oder zumindest zweite Fremdsprache gelehrt. Schließlich liegt das aufstrebende Inselreich Indonesiens praktisch vor der eigenen Haustür und ist zum Beispiel für die Rinderzüchter aus dem Outback der wichtigste Absatzmarkt.

Dass Indonesien inzwischen mit fast zweihundertfünfzig Millionen Menschen in der Rangliste der bevölkerungsreichten Staaten hinter China, Indien und den USA auf Rang vier geklettert ist und zudem auch im weitere dreißig Millionen zählenden Malaysia eine eng verwandte Sprache gesprochen wird, lässt diese Entwicklung jedenfalls keineswegs unlogisch erscheinen.

Immer bedrohlicher sind die Wolken inzwischen geworden und während man sich bei Kilometer dreiunddreißig dem Stadtzentrum wieder näher kommt, öffnen sie endgültig ihre Schleusen. Das ist kein leichter Nieselregen mehr wie auf der Uferpromenade. Diesmal ist es ein wirklich heftiger Guss, der über die Läufer nieder geht und sie innerhalb kürzester Zeit bis zur letzten Faser durchnässt. Da zudem auch noch Wind aufkommt, fühlen sich die zuvor so angenehmen Temperaturen plötzlich ziemlich ungemütlich an.

Die negativen Emotionen werden noch dadurch verstärkt, dass wenig später auf der rechten Seite der Straße Läufer mit Marathonstartnummern auftauchen, die genau in die gleiche Richtung unterwegs sind. "They are running on the right side" ist der mit voller Absicht doppeldeutige Kommentar von Stephen Fraser dazu. Und tatsächlich sind die im Rechtsverkehr Laufenden auf der "besseren" Seite unterwegs, sie haben nämlich schon ungefähr fünf Kilometer mehr zurück gelegt.

Neben den futuristischen Gebäudeteilen des Federation Square geht es noch einmal einige Meter leicht bergan und prompt fängt Antony McGillivray (rechtes Bild in Schwarz), der kurz zuvor leichtfertig "versprochen" hatte, die letzten Kilometer wären "all downhill" noch einmal an zu marschieren

An einem Punkt, an dem man auf dem Hinweg gerade einmal zwei Kilometer hinter sich gebracht hatte, fehlt schließlich auf dem Rückweg noch ein volles Fünftel der Marathondistanz, so dass irgendwo noch ein Schlenker eingebaut sein muss. Und tatsächlich steuert die Strecke zwischen Kunstakademie und Nationalgalerie nicht weiter auf die Brücke zu sondern schwenkt nach links in eine leicht fallende Querstraße hinein.

Auch nachdem man an der nächsten Kreuzung gleich wieder rechts abgebogen ist, geht es tendenziell noch etwas weiter bergab. Und wenig später ist man an einem Tunnel angekommen, der unter dem Arts Centre und auch der St.Kilda Road hindurch führt und die Marathonis tatsächlich zur gegenüber liegende Seite bringt, wo man mit weiteren Schleife dorthin gelangen wird, wo die jenseits der Straßenbahnschiene gesehenen Läufer eben schon waren.

Was psychologisch eine ziemlich harte Nuss darstellt, ist aus verkehrstechnischer Sicht eine fast schon geniale Lösung. Die Auswirkungen des Marathons auf das Tramnetz werden so nämlich praktisch auf null reduziert. Dort wo auf der St. Kilda Road die Gleise gleich an mehreren Stelle nach Osten schwenken, läuft man auf der westlichen Seite der Straße. Doch um das ebenfalls östlich gelegene Stadion zu erreichen, muss man sie irgendwie queren. Durch die Unterführung geht auch dies aber ohne jede Störung des Verkehrs.

Am Tunnelausgang erreicht man die große Parkanlage der "Domain Parklands", die sich aus den für den Laien nicht unbedingt unterscheidbaren Teilen "Alexandra Gardens", "Queen Victoria Gardens" und "Kings Domain" zusammen setzt. Einzig die mit Toren versehenen und nur tagsüber geöffneten "Royal Botanic Gardens", die ebenfalls zur mehrere Quadratkilometer umfassenden Gesamtfläche gehören, lassen sich klar abgrenzen.

Gleich ginge es heftig bergauf warnt Antony McGillivray vor einem Hügel in Park. Er habe einmal versucht ihn zu laufen und sei dabei total eingebrochen. Nun würde er den Anstieg definitiv hinauf wandern. Doch "around the corner" - es geht mit einer Spitzkehre von der breiten aus dem Tunnel heraus kommenden Alexandra Road in eine schmalere Parkstraße hinein - wartet erst einmal nur eine wirklich ziemlich sanfte Steigung, mit der man wieder auf das Niveau der St.Kilda Road gelangt.

Tafeln mit Richtungspfeilen zeigen es an. Die Halbmarathonläufer dürfen anschließend direkt wieder zur Hauptstraße hinaus und dann dem Stadion entgegen laufen. Die Marathonis müssen dagegen noch ein wenig weiter ausholen. Und auf diesem Abschnitt wartet tatsächlich jene deutlich unangenehmere Rampe, von der McGillivray zuvor gesprochen hatte.

Ein wirklicher Berg ist es mit seinen kaum vierzig Metern über Normalnull zwar nicht. Doch dass sich die Streckenplaner den höchsten Punkt bis Kilometer sechsunddreißig aufgehoben haben tut genauso weh, wie die Tatsache, dass man nur einen guten Kilometer zuvor im Tunnel fast wieder auf Meereshöhe hinunter gefallen war.

Oben auf der Kuppe kommt man an einem riesigen Bauwerk vorbei, das an ein antikes Mausoleum erinnert. Und tatsächlich hat es eine ganz ähnliche Bedeutung. Es handelt sich nämlich um ein Denkmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen australischen Soldaten und trägt offiziell den zu seinem Aussehen durchaus passenden, leicht bombastischen Namen "Shrine of Remembrance".

Das aus deutscher Sicht irgendwie überdimensionierte Kriegerdenkmal ist keineswegs ein Einzelfall. In Sydney findet man mit dem ebenfalls dem "World War I" gewidmeten "ANZAC War Memorial" ein Monument ganz ähnlicher Größenordnung. Und das "Australian War Memorial" in Canberra, das alle Toten der australischen Streitkräfte ehrt und an seinen Wänden sogar einzeln auflistet, übersteigt diese noch einmal erheblich.

Verglichen mit den Millionen Deutschen, Franzosen oder Russen, die in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs verbluteten, muten die sechzigtausend australischen Gefallenen eher wenig an. Doch obwohl die Gefechte im fernen Europa stattfanden, standen eben dennoch rund ein Zehntel aller Australier dort im Kampf. Und für die Bildung der Nation war das Expeditionskorps von enormer Bedeutung.

Mit einer Runde in der riesigen Arena des Melbourne Cricket Ground enden alle Wettbewerbe des Marathon Festival

Obwohl bereits im südafrikanischen Burenkrieg australische Einheiten für die britische Krone gekämpft hatte, war dieses "ANZAC" - das "Australian and New Zealand Army Corps" - der erste Großverband der beiden gerade erst in die Selbstverwaltung entlassenen Kolonien. Der 25. April, an dem diese Einheit im Jahr 1915 bei der Landung im türkischen Gallipoli ihren ersten Einsatz hatte, ist - auch und gerade weil man in den folgenden Monaten dort einen extrem hohen Blutzoll bezahlen musste - heute noch ein wichtiger gesetzlicher Feiertag in beiden Ländern.

Nach dem Fehlschlag der Operation und dem Rückzug der Invasionstruppen vom Bosporus, dienten die australischen Soldaten zum einen in französischen und belgischen Schützengräben. Andere kämpften in der arabischen Wüste erneut und diesmal auch deutlich erfolgreicher gegen das Osmanische Reich. Und auch im Zweiten Weltkrieg standen Australier und Neuseeländer wieder gemeinsam auf der britischen Seite im Gefecht, was für das besondere Verhältnis der beiden Nationen eine erhebliche Rolle spielt.

Ganz so schlimm wie es sich anfangs angehört hat, ist der Anstieg hinauf zum Monument zwar nicht. Doch kann auch eine solche Welle zu diesem Zeitpunkt ziemlich weh tun. Und so bekommt Antony McGillivray als man sich auf der anderen Seite beim bergab laufen am Botanischen Garten wieder begegnet, erst einmal zu hören, das sei doch eigentlich nur "a little bump" gewesen. Das anschließend nachgeschobene "when you are fresh" lässt ihn nicht mehr ganz so erstaunt drein blicken.

War der bei aller Anstrengung ebenfalls recht lockere und fröhliche Aussie schon bei seiner Angabe, die Steigung sei direkt um die Ecke, nicht wirklich genau, muss man das "all downhill" das nun komme endgültig in Zweifel ziehen. Zwar folgt nachdem man den Park am hintersten Ende verlassen hat, wirklich erst einmal ein Kilometer mit leichtem Gefälle hinunter zur St. Kilda Road. Doch schon in Richtung Princes Bridge steht eine weitere kleine Welle an.

Und da man den größten Teil des nun noch anstehenden Weges bereits kennt, wird man sich, wenn man zu Anfang genau aufgepasst hat, auch daran erinnern, dass es von der Einmündung der Batman Avenue zur Flinders Street Station einige Meter hinunter ging. Der genau an dieser Stelle in scherzhafter Form mit seinem "all downhill" konfrontierte McGillivray winkt nur ab, lacht und fängt dann wieder an zu marschieren.

Ab der Brücke, auf der man kurz nach dem Start die Bahn überquert hatte, lernt man doch noch einmal Neuland kennen. Denn zurück zum Stadion geht es nicht über die Batman Avenue. Vielmehr läuft man noch ein bisschen weiter, um einen halben Kilometer später nach rechts in eine Straße einzubiegen, die sich nicht so recht entscheiden kann, ob sie Wohnviertel oder Bürogebiet sein will. Wichtig ist allerdings hauptsächlich, dass sie zum Cricketstadion führt.

Unter der Fußgängerbrücke, auf der man zum Start gelangt war, hindurch und am Eingang zur Kleideraufbewahrung vorbei muss man noch laufen. Dann - die Stadiontribüne greift längt wie ein Dach über die Straße aus - geht es links in die Arena hinein, die vom Rasen aus noch viel imposanter wirkt als von außen. Nur der untere Teil der Haupttribüne ist zum Teil gefüllt. Doch auch fast leer hinterlässt das riesige Rund eine wirklich bleibenden Eindruck. Und die Vorstellung, die Ränge seien außerdem noch voll besetzt, ist fast schon erschlagend.

Die komplette Schleife bis zum Ziel ist mit Matten ausgelegt, angesichts des heftigen Regengusses, der zwischendurch auf die Läufer nieder gegangen war, sicher keine schlechte Entscheidung
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Noch fast eine volle Runde ist auf der Spielfläche zu drehen. Auch das erinnert irgendwie stark an Südafrika und den Comrades, da ist man sich schnell einig. Wobei in Durban oder Pietermaritzburg diese zusätzliche Schleife durchaus für Läufer, die sie erst kurz vor dem Zielschluss erreichen, die entscheidenden Meter zu viel sein können. In Melbourne droht zwar kein anspruchsvoller Zielschluss. Doch gar zu langsamen Marathonis wird immerhin angekündigt, im Zweifelsfall am Ende auf die Alternativroute über Fußwege geleitet zu werden.

Die Stadionrunde läuft man nicht über Gras. Die komplette Strecke im Innenraum ist mit mehreren parallelen Mattenreihen ausgelegt, auf die man die herein kommenden Läufer je nach Distanz unterschiedlich leitet. Angesichts des inzwischen immerhin wieder etwas abgeflauten Gusses ist dies von erheblichem Vorteil für alle Beteiligten. Ein Cricketrasen, über den unter diesen Bedingungen etwa sechzigtausend Läuferfüße hinweg geschlurft sind, dürfte anschließend eher wie ein frisch gepflügter Acker aussehen.

Kurz sind die Wege für die Marathonis nach dem Zieleinlauf. Denn nachdem man ihnen die Medaille um den Hals gehängt hat, können sie direkt ebenerdig durch einen weiteren Ausgang zu ihren Kleiderbeuteln im Stadionkeller. Die Treppenstufen hinauf zur Tribüne fühlen sich da schon weit weniger angenehm an. Doch auch wenn es nicht unbedingt elegant aussieht, die Bewunderung der nicht laufenden Zuschauer hat man damit umso sicherer.

Mit einem Tag der Rekorde hat Australiens Metropole Nummer zwei dem Rivalen in Sydney eine Vorgabe gemacht, an der man sich dort vorerst die Zähne ausbeißen dürfte. Zumindest beim Marathon ist Melbourne die klare Nummer eins. Das mag man im fernen Europa kaum registrieren. Und Sydney dürfte auch weiterhin viel eher auf dem Reiseplan laufender Touristen stehen.

Doch muss man Melbourne ja trotzdem nicht vollkommen ignorieren. Dass die Marathons in den zwei größten Städten Australiens mit schöner Regelmäßigkeit genau drei Wochen auseinander liegen, lässt sich ja durchaus auch als Chance begreifen, sie einmal einem direkten Vergleich zu unterziehen.

Bericht und Fotos von Ralf Klink

Info & Ergebnisse www.melbournemarathon.com.au

Zurück zu REISEN + LAUFEN – aktuell im LaufReport HIER

© copyright
Die Verwertung von Texten und Fotos, insbesondere durch Vervielfältigung oder Verbreitung auch in elektronischer Form, ist ohne Zustimmung der LaufReport.de Redaktion (Adresse im IMPRESSUM) unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urhebergesetz nichts anderes ergibt.