17.04.11 - 34. Madrid Marathon

Es ist Madrid

von Ralf Klink

"Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien". Es ist nicht bekannt, ob sich Fußballer Andreas Möller noch heute für diesen Satz, der ihm während eines Interviews herausrutschte, verflucht oder ob er mit einer Portion Selbstironie inzwischen darüber lachen kann. Denn während der Kicker Möller schon längst ein wenig in Vergessenheit geraten ist, hat einer der Klassiker unter den Fußballersprüchen überdauert und ist heute noch in aller Munde. Er fällt jedenfalls fast immer, wenn man sich über die spanische Metropole unterhält.

Zur Verteidigung des guten "Andi" sollte man allerdings davon ausgehen, dass er sich auch damals über die geographische Lage Madrids sehr wohl im Klaren und die Bemerkung eher der schlechten Sauerstoffversorgung von Gedächtnis oder Sprachzentrum nach einer intensiven sportlichen Belastung geschuldet war. Wer als Läufer schon einmal bemerkt hat, was man im Zielkanal gelegentlich für einen Blödsinn redet, wird das durchaus nachvollziehen können.

Doch irgendwie ist die Aussage schon ein wenig bezeichnend. Denn die Hauptstadt Spaniens, die "capital nacional" genießt zumindest im deutschsprachigen Raum bei weitem nicht das Ansehen und den Stellenwert wie andere große europäische Metropolen. Insbesondere die durchaus in manchem vergleichbaren London, Paris oder Rom könnte man hier nennen. Dabei müsste Madrid eigentlich doch in der gleichen Weltstadt-Liga mitspielen.

Mehr als drei Millionen Menschen innerhalb der wie stets in solchen Fällen eher willkürlich definierten Gemeindegrenzen, insgesamt rund sechs Millionen im gesamten Ballungszentrum inklusive der praktisch mit der Stadt verwachsenen Vororte, lassen es in der EU-Rangliste hinter London und Paris auf Rang drei landen. Wie der Zufall so spielt, erreicht übrigens - abhängig von der Definition - manchmal auch der Großraum Mailand eine ähnliche Zahl.

Der wohl schönste Platz Madrids ist die rundherum geschlossenen bebaute Plaza Mayor mit ihren Laubengängen Die Puerta de Alcalá ist das größte der früheren Stadttore und eines der Wahrzeichen der Stadt Einst das Hauptpostamt, jetzt das Rathaus, der Palacio de Comunicaciones, davor der Cibelesbrunnen

Schon alleine deshalb finden sich in Madrid unzählige kulturelle Einrichtungen. Etliche Museen, Bibliotheken und Sammlungen, Theater und Akademien drängen sich alleine auf den wenigen Quadratkilometern des eigentlichen Stadtkernes. Viele von ihnen sind - wie es sich für einen Hauptstadt gehört - mit dem Zusatz "nacional" versehen. Manches trägt sogar den stolzen Titel "real", also "königlich".

Das hat man zwar anderswo ebenfalls. Allerdings wurde von Madrid aus eben mehrere Jahrhunderte lang ein Weltreich regiert, "in dem die Sonne nicht unterging". Ein Staat, der neben Besitzungen in halb Europa praktisch ganz Süd- und Mittelamerika sowie die Philippinen und eine Vielzahl weitere Inseln in Ostasien und im Pazifik umfasste. Entsprechend monumental fallen die Bauwerke aus jener Zeit dann größtenteils auch aus.

Kaum weniger pompös kommen jedoch die Konzernzentralen der zahlreichen großen Firmen daher, die in der Stadt ihren Sitz haben. Ob historisch oder modern, Kultur oder Kommerz, zu entdecken gibt es von allem etwas in Madrid. Und mehr als genug für einen mehrtägigen Städtetrip wäre es auf jeden Fall.

Dass sie dennoch nicht die gleiche Rolle im Interesse ausländischer Touristen spielt, hat vielleicht damit zu tun, dass ihr ein wenig die wirklich unverkennbaren Wahrzeichen fehlen. London, das ist Tower Bridge und Big Ben. Paris hat Eiffelturm und Arc de Triomphe. Rom bedeutet Kolosseum und Petersdom. Und mit Berlin verbindet man nicht nur im In- sondern auch im Ausland das Brandenburger Tor.

Ja, selbst die ewige Nummer zwei im spanischen Königreich, das katalanische Barcelona kann mit der noch immer im Bau befindlichen Kirche Sagrada Familia ein Bauwerk vorzeigen, das sich auf den ersten Blick eindeutig zuordnen lässt. Doch welches Bild hat man zu Madrid im Kopf? Welche Sehenswürdigkeit könnte man aus dem Stehgreif nennen? Da fällt den meisten die Antwort dann wohl wirklich schwer.

"Es Madrid" - übersetzt etwa "das ist Madrid" - den sicher völlig anders gemeinten Werbespruch der Tourismusmanager kann man also durchaus auch als Erklärung unter einem der vielen sehenswerten Fotos aus jener Stadt interpretieren, dessen Motiv man trotzdem einfach nicht in die passende Schublade einsortieren kann.

In leicht abgewandelter Form wird dieser Satz auch von den Organisatoren des Madrider Marathons genutzt, gehen diese doch überall mit einem "No es un Maratón más, es Madrid" auf Läuferfang. Ihrer Meinung nach ist ihr Lauf also keineswegs nur "irgendein weiterer Marathon". Nein, "es ist Madrid".

Das ist zwar am Ende wohl auch nicht von wesentlich weniger Selbstbewusstsein - oder sollte man schon sagen "Überheblichkeit" - geprägt als die Aussagen jener überraschend vielen Veranstalter, die ihren jeweiligen Lauf als den "schönsten" und "besten" des Landes, des Kontinents oder gar der Welt beschreiben. Aber ein wenig kreativer, eleganter und charmanter als die anderen plumpen Sprüche ist es dann vielleicht doch.

Dem Nationaldichter Miguel de Cervantes und seinem Helden Don Quichote hat man an der Plaza de España ein riesiges Denkmal gesetzt … ... in der Calle de Alcala haben sich dagegen zahlreiche Banken mit ihren Palästen aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende verewigt

Und "irgendein weiterer Marathon" ist der Lauf tatsächlich nicht unbedingt. Denn unter anderem hat er mit inzwischen vierunddreißig Austragungen die längste Geschichte aller in Spanien über diese Distanz existierenden Veranstaltungen. Nur wenige der großen europäischen Stadtmarathons sind noch - dann allerdings nur unwesentlich - älter.

Nicht wirklich groß ist der Vorsprung der Hauptstadt in dieser Rangliste allerdings. Denn beim ewigen Rivalen Barcelona feierte man ebenfalls im Jahr 1978 sowie genau genommen sogar ein paar Wochen früher Premiere und muss nur deshalb auf die Führungsposition verzichten, weil der dortige Marathon zwischendurch einmal ausfiel.

Dafür sind die Katalanen allerdings zuletzt mit ihren Teilnehmerzahlen am Rennen von Madrid vorbei gezogen und haben dabei nun sogar die Fünfstelligkeit erreicht. In der Hauptstadt haben sich die Werte dagegen seit vielen Jahren konstant zwischen acht- und neuntausend Läufern eingependelt, womit man angesichts der zwischen beiden Metropolen in praktisch jeder Beziehung herrschenden Konkurrenz wohl eher nicht ganz zufrieden sein dürfte.

Noch deutlich verschobener sind die Maßstäbe, wenn man die Veranstaltungen in den von Einwohnerzahlen und Bedeutung ähnlichen Städten London, Paris oder Berlin dagegen hält, die jeweils deutlich über dreißigtausend Menschen an die Startlinie bringen. Selbst Städte wie Dublin und Stockholm oder auch Hamburg können mit Werten klar jenseits der zehntausend eindeutig mehr bieten. Und selbst Frankfurt hat diese Marke ja seit einigen Jahren im Visier und hängt damit Madrid regelmäßig ab.

Bezüglich des Marathons spielt die spanische Hauptstadt demnach ebenfalls nicht in der obersten Liga mit. Andererseits gehört man mit solchen Werten allerdings nun auch nicht gerade zu den Kleinen sondern wird weiterhin konstant unter den dreißig über diese Distanz weltweit teilnehmerstärksten Rennen geführt.

Und in der eher von amerikanischen und japanischen Veranstaltungen dominierten Liste liegt aus Europa neben den schon erwähnten ansonsten nur noch - das angesichts seiner touristischen Attraktivität sein Potential auch eher nicht voll ausschöpfende - Rom mit rund zwölftausend Marathonis wirklich eindeutig vor der Millionenmetropole im Zentrum Españas.

Dass die Organisatoren aus Barcelona inzwischen in der Gunst der Läufergemeinde einen leichten Vorsprung besitzen, hat aber vermutlich auch ein wenig mit dem dortigen Termin zu tun. Denn Anfang März, wenn in der katalanischen Metropole über zweiundvierzig Kilometer gestartet wird, liegt der große Rest von Europa - zumindest der nördlich des Mittelmeerraums - bezüglich anderer Marathons praktisch noch im Tiefschlaf.

Wer mit der Saison ein bisschen früher anfangen will, hat eine eher überschaubare Auswahl - und diese auch hauptsächlich im um diese Zeit schon etwas wärmeren Süden. Barcelona, wo man sich auch abseits des Rennens ein paar schöne Tage machen kann, zählt dabei sicher zu den absoluten Top-Adressen der Lauftouristen aus dem Ausland.

Und selbst ohne in ganz großen Sammlerehrgeiz auszubrechen und Woche für Woche an die Startlinie zu treten, lässt sich danach im Frühjahr durchaus locker noch ein Marathon einplanen. Ob sich die Katalanen deshalb wirklich einen Gefallen tun, wenn sie wie für 2012 angekündigt mit ihrer Veranstaltung von Anfang März drei Wochen nach hinten zum Ende dieses Monats wechseln, wird sich erst noch zeigen müssen.

In Madrid dagegen findet der Lauf in der Regel am letzten Aprilsontag statt, zu einem Zeitpunkt also, in dem auch in den Heimatländern der internationalen Kundschaft weiter im Norden die Saison schon auf Hochtouren in Bewegung gekommen ist und er deshalb wohl einfach ein bisschen zu spät liegt. Dass man in diesem Jahr wegen des mit dem Osterfest kollidierenden Stammtermins eine Woche im Kalender nach vorne wandert, bringt keine echte Erleichterung.

Zwar fällt man nun diesmal nicht wie sonst immer mit dem Rennen in Hamburg zusammen, das aus dem gleichen Grund in den Mai wandert. Doch dafür wird am gleichen Tag wie in Madrid unter anderem auch noch in London, Wien und Zürich gelaufen. Einen Tag darauf, am traditionellen dritten Aprilmontag werden zudem in Boston - genauer gesagt im kleinen Startörtchen Hopkinton - fast fünfundzwanzigtausend Menschen zum klassischsten all jener Wettbewerbe antreten.

Immer wieder trifft man auch auf das moderne Madrid, wie an den Torres de Colón ... ... an den beiden Torres Puerta de Europa, den schiefen Türmen der Stadt ... ... oder am Torre Espacio, einem der über zweihundert Meter hohen Cuatro Torres

Die Aufmerksamkeit, die man bei Medien und potentiellen Teilnehmern im Ausland ernten kann, ist also eher gering. Zumal am Wochenende davor auch noch Paris und Rotterdam sowie - mit immerhin mehr als siebentausend Startern - das englische Brighton ihre im internationalen Marathonzirkus ebenfalls nicht gerade unwichtigen Veranstaltungen ausgetragen hatten. Nebenbei bemerkt, an diesem Tag stand in noch einer Stadt ein Lauf an, in Mailand nämlich.

Nicht ganz unbeteiligt an der Terminwahl ist jedoch die geographische Lage Madrids. Denn während alle anderen großen Städte des Landes am Meer oder zumindest in Meeresnähe liegen und eine entsprechend milde maritime Witterung besitzen, kann es in der Hauptstadt während der Wintermonate empfindlich kalt werden.

Nicht nur, dass sich die Stadt mitten im Land und fernab jeder Küste befindet, sie hat auch eine Höhe von rund sechshundert Metern. Wohl kaum eine andere europäische Metropole ist ähnlich hoch gelegen. So fällt das Madrider Klima durchaus eher kontinental aus. Und zwischen November und Februar muss deshalb jederzeit auch einmal mit Frost gerechnet werden.

Während praktisch alle übrigen bedeutenden spanischen Marathons genau in diesem Zeitraum ausgetragen werden - San Sebastian, Zaragoza und erstmals 2011 auch Valencia im November, Sevilla im Februar, Barcelona bisher Anfang März sowie Malaga und Castellón sogar im Dezember - ist das für die capital nacional unter diesen Voraussetzungen keine wirkliche Alternative.

Auf der anderen Seite ist jedoch der April als Austragungstermin schon ziemlich spät gewählt. Denn selbst wenn die Durchschnittstemperaturen in diesem Monat nur bei etwa fünfzehn Grad liegen, besteht natürlich durchaus die Möglichkeit, dass es auch deutlich wärmer wird. Denn wenn sich die spanische Sonne im Frühling erst einmal richtig durchgesetzt hat, kann sie schon ziemliche Kraft entfalten.

Auch Mitte April 2012 können sich weder die Madrider - oder auch "Madrilenen" nach der spanischen Bezeichnung "madrileños" - noch deren auswärtigen Besucher über das Wetter beklagen. Zumindest dann, wenn sie hauptsächlich die Stadt genießen und nicht etwa Marathon laufen wollen.

Denn bei Temperaturen zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Grad spielt sich das Leben längst wieder zu großen Teilen im Freien ab. Die Straßencafés sind spätestens ab den Mittagstunden permanent gut gefüllt. In den Fußgängerzonen und auf den Boulevards wird flaniert. Und auch in den Parks ist praktisch keine Bank unbesetzt. Es scheint fast so, als ob Madrid nach langem Winterschlaf wieder zu neuem Leben erweckt wurde.

Aber nicht nur die Gäste aus dem hohen Norden sind deshalb gut beraten eine Sonnenschutzcreme mit erhöhtem Lichtschutzfaktor aufzulegen. Sogar für die Einheimischen wäre sie angesichts kaum vorhandener Schönwetterwölkchen, einem deshalb vom strahlend blauen Himmel ziemlich kräftig herunter brennenden Zentralgestirn und der nur bedingt vorhandenen Vorbräune vermutlich ebenfalls meist angebracht.

Vom anstehenden Marathon merkt man dagegen im Stadtbild relativ wenig. Die in solchen Fällen ansonsten durchaus auffallenden größeren Gruppen sportlich, oft auch einheitlich gekleideter Lauftouristen gehen wegen ihrer auf Gesamteinwohner- und Besucherzahl gesehen eher geringen Menge im allgemeinen Trubel jedenfalls ziemlich unter.

Plakate, die für die kommende Veranstaltung werben, entdeckt man ebenfalls keine. Und von bereits im Vorfeld getätigten Aufbauten oder Absperrungen ist schon gar nichts zu sehen. Nur bei ganz scharfer Beobachtungsgabe, stößt man auf dem Asphalt der Madrider Straßen gelegentlich einmal auf eine gestrichelte blaue Linie, die den Streckenverlauf anzeigen könnte. Doch selbst dabei muss man genau aufpassen, um nicht einem Trugschluss zu unterliegen, stellen solche Linien in Spanien doch oft auch einfach nur simple Parkmarkierungen dar.

Praktisch direkt an die Innenstadt grenzt der über einen Quadratkilometer große Retiro-Park, die grüne Lunge Madrids und das Ziel des Marathons Beim Bau des Assuan-Staudammes zog der Templo de Debod von Ägypten nach Madrid um

Zumindest in einigen Stationen der Madrider U-Bahn läuft auf den dortigen Bildschirmen ab und zu ein kurzes Vorschaufilmchen. Doch taucht die blau-rote Raute der Metro ja auch unter den Logos der wichtigsten Sponsoren des "Maratón Popular der Madrid" - oder wie man gerne einmal abkürzt, des "MAPOMA" - auf.

Sowohl für die Madrileños wie auch für Besucher stellt deren dichtes Netz wohl die schnellste und beste Art der Fortbewegung dar. Ein Dutzend größtenteils unterirdisch verlaufender Linien, dazu in den Vororten noch einige straßenbahnähnliche Ergänzungen erschließen praktisch das gesamte Stadtgebiet und insbesondere alle touristisch interessanten Ziele.

Nicht nur schnell ist sie sondern zudem auch noch ziemlich sauber. Und vor allen Dingen ist eine Metrofahrt auch ziemlich günstig. Für einen Euro bekommt man eine Einzelfahrkarte, mit der man - hat man erst einmal die automatischen Zugangsbarrieren, die sich von diesem mit einem Magnetstreifen versehenen Kärtchen öffnen lassen hinter sich gelassen - beliebig oft umsteigen und damit den gesamten innerstädtischen Linienplan abfahren kann.

Nur der Transfer zum ebenfalls von der U-Bahn angesteuerten Flughafen Barajas ist mit einem weiteren Euro Aufschlag versehen. Doch gelangt man selbst damit natürlich kaum an jene Preise heran, die man in hiesigen Verkehrsverbünden schon für das allerbilligste Ticket auf einer Kurzstrecke berappen muss. Dass die Züge der Metro de Madrid deshalb in den Stoßzeiten manchmal auch ziemlich voll werden können, ist die Kehrseite der Medaille.

Jedenfalls kann man vom etwa ein Dutzend Kilometer außerhalb liegenden Flughafen - nach London, Paris und Frankfurt eines der wichtigsten europäischen Luftdrehkreuze mit Verbindungen in nahezu alle größeren Städte - innerhalb nicht einmal einer halben Stunde für ziemlich wenig Geld, wenn auch in der Regel nicht ohne Umsteigen ins Stadtzentrum gelangen.

Schlechte Erreichbarkeit kann also kaum als Argument dafür vorgebracht werden, dass Madrid im internationalen Städtetourismus keine wirklich überragende Rolle spielt. Zwar dauert der Flug aus Mitteleuropa dann doch ungefähr zwei Stunden. Nimmt man allerdings alles zusammen, geht die Anreise ins Zentrum der spanischen Hauptstadt jedenfalls nicht wirklich langsamer vonstatten als in andere Metropolen.

Kurze Wege, die das trotz einer Vielzahl von Sehenswürdigkeiten relativ kompakte Madrid eigentlich auszeichnen, sind für den Marathon dagegen nicht unbedingt typisch.

Für die Startnummernausgabe muss man sich jedenfalls in ein kleines, einige Kilometer außerhalb des Stadtkerns gelegenes Ausstellungsgelände - ein weit größeres, die eigentliche "Feria de Madrid" befindet sich in der Nähe des Flughafens - begeben. Selbst von den beiden nächsten Metrostationen sind dorthin noch einige hundert Meter zu Fuß zurück zu legen.

Im "Pabellón de la Pipa", dem nach seinem gekrümmten Grundriss benannten "Pfeifenpavillon", der in Wahrheit dann doch eher eine nüchterne Messehalle ist, werden die Unterlagen verteilt. Von Donnerstag an hat die "Expomaratón" geöffnet. Aber erst ab Freitagmittag füllen sich die Gänge zwischen den Ständen langsam etwas besser. Der zusätzliche Tag ist vielleicht dann doch eher dem Anspruch, ein großer internationaler Marathon zu sein, als dem wirklichen Bedarf geschuldet.

Allerdings gilt es nicht nur, die Nummern für rund neuntausend Marathonis bereit zu halten. In durchaus ähnlicher Größenordnung, nämlich bei ungefähr fünftausend bewegt sich auch die Zahl der Teilnehmer, die sich für den gleichzeitig ausgetragenen Wettbewerb über zehn Kilometer in die Starterliste eingeschrieben haben.

Schon die Ausgabestellen für die Umschläge mit den "dorsales" sind wie kaum anders zu erwarten für beide Distanzen zwar benachbart aber eben unterschiedlich. Doch auch danach werden die Läufer angehalten je nach gewählter Streckenlänge einer anderen im auf dem Hallenboden frisch verlegten Teppich eingelassenen farbigen Linie zu folgen.

Denn hinter den zwei separaten Toren mit Kontrolle für den in der Startnummer integrierten Chip werden eben auch an verschiedenen Schaltern verschiedenfarbige Funktionshemden verteilt. Jene in orange sind für die Läufer auf den zehn Kilometern. Die Langstreckler erhalten dagegen eines, dessen Farbe man wohl am besten irgendwo zwischen gelb und grün einsortieren könnte. Durch die Aushändigung bereits vor dem Rennen werden beide Varianten auf der Strecke dann durchaus häufiger zu sehen sein.

Das T-Shirt ist - was insbesondere im Mittelmeerraum fast schon als selbstverständlich gilt - wie einige andere Leistungen im Startgeld bereits enthaltenen. Dieses erscheint für einen großen Stadtmarathon mit fünfundvierzig Euro im internationalen Vergleich zudem auch ziemlich gemäßigt. Gerade in Spanien fallen die Veranstaltungen in dieser Hinsicht jedenfalls absolut nicht als Preistreiber auf.

Auch die Nudelparty ist für die Teilnehmer kostenlos. Dafür muss man sich dann aber auch in eine lange Schlange vor dem anderen, dem geschwungenen Teil des Pfeifenpavillons, der mit einer improvisierten Zwischenwand von der Marathonmesse abgetrennt ist, einreihen und steht am Ende meist länger an, als die Mahlzeit dann tatsächlich dauert.

In der bereits recht warmen Aprilsonne führt das allerdings kaum zu echten Problemen und erlaubt zudem das eine oder andere längere Schwätzchen. Von der gerade im Straßenverkehr manchmal zu beobachtenden südländischen Hektik lässt sich kaum etwas bemerken. Brav wird in fast schon britischer Manier gewartet, bis man nachrücken kann.

Die folgende eher lieb- und lustlose Massenabfertigung vom Plastikteller lässt es dann zwar fast zweifelhaft erscheinen, ob sie der Mühe wert war, stellt aber wohl tatsächlich den Standard bei großen Laufveranstaltungen dar. Zumindest hierzulande eher unüblich ist jedoch, dass die Pasta bereits relativ früh, nämlich zwischen dreizehn und sechzehn Uhr, auf die Tabletts der Läufer geschaufelt wird.

Ausgerechnet in España, wo doch insbesondere im Hochsommer das Leben erst spät am Abend wirklich beginnt und nach dem Mittag - also genau zur Nudelpartyzeit - erst einmal die Siesta ansteht, erscheint das ziemlich seltsam. Doch so ungewöhnlich ist diese Ansetzung andererseits dann doch wieder nicht, sondern ganz im Gegenteil beim Blick auf andere spanischen Marathons eigentlich sogar der absolute Normalfall im Land.

Auch an der Plaza de las Cortes steht ein Denkmal für Cervantes, gegenüber erhebt sich der Congreso de los Diputados, das Abgeordnetenhaus des spanischen Parlaments

Dafür hat man für den Sonntag die aus Mitteleuropa wohlbekannte Startzeit von neun Uhr festgelegt. Man nimmt es zur Kenntnis. Und prompt setzt wenig später das Nachdenken ein. Denn wenn es später mehr als zwanzig Grad vom blauen Himmel brennen soll, hätte man doch eigentlich auch ein wenig früher anfangen können.

Doch zum einen ist diese Wetterlage im April zwar nicht völlig unüblich, aber keineswegs garantiert. Es gab auch schon Auflagen des Maratón de Madrid, bei denen es in Strömen regnete oder die Temperaturen gerade so die Zweistelligkeit erreichten. Unter diesen Bedingungen ist man dann über jede Minute froh, die es dem Quecksilber ermöglichen könnte noch einige Teilstriche nach oben zu klettern.

Vor allem aber gehört man in Spanien zwar zu Mitteleuropäischen Zeitzone, hat aber eine geographische Lage, die eigentlich längst die im Vereinigten Königreich benutzte Greenwich Time verlangen würde. Madrid selbst befindet sich sogar schon ein ganzes Stück westlich des durch London verlaufenden Nullmeridians.

Die ohnehin zum Sonnenstand eigentlich schon ziemlich falsch gehenden Uhren stimmen durch die jährliche Umstellung auf Sommerzeit erst recht nicht mit den am Himmel zu machenden Beobachtungen überein. So ist es zum Marathonstart um neun Uhr in Madrid noch keine zwei Stunden hell. Und die Sonne erreicht zwischen Ende März und Ende Oktober erst gegen etwa 14:15 ihren südlichsten und gleichzeitig höchsten Stand.

Eine Dreiviertelstunde danach, nach sechs Stunden Laufzeit wird das Ziel bereits geschlossen. Der vermeintliche Lauf in der Mittagshitze geht dieser also eigentlich ganz gut aus dem Weg. Übrigens wird in der drei Grad östlicheren, zugegebenermaßen aber auch deutlich nördlicheren britischen Hauptstadt - und zwar genau in jenem Vorort Greenwich - das Rennen am gleichen Tag erst um 9:45 gestartet, was aufgrund der Zeitverschiebung also fast zwei Stunden später ist.

Fand sich die Marathonmesse noch ein wenig außerhalb der Innenstadt, könnte die Aufstellungszone nur noch wenig zentraler liegen. Sie beginnt nämlich an der Plaza de Cibeles, einem der bekanntesten Plätze Madrids, um den herum sich zudem noch etliche wichtige Sehenswürdigkeiten gruppieren.

Und gleich zwei davon haben sogar absoluten Wiedererkennungswert und zieren deshalb unzählige Postkarten, die aus der spanischen Hauptstadt in die Welt geschickt werden. Zum einen wäre da jener Brunnen, von dem die Plaza ihren Namen hat, die Fuente de Cibeles, mit der Statue der im Deutschen "Kybele" genannten griechischen Göttin in der Mitte.

Nun sind Springbrunnen trotz des in Spanien keineswegs herrschenden Wasserüberschusses in Madrid alles andere als eine Seltenheit. Kaum ein größerer Platz oder Verkehrskreisel kommt ohne eine Fontäne aus. Die von zwei Löwen gezogene Kutsche hat allerdings schon eine gewisse Einzigartigkeit und deshalb den Aufstieg zu einem der Wahrzeichen der Stadt geschafft.

Die spanische Vorliebe für plätscherndes Wasser rührt vielleicht noch aus der Zeit der maurischen Herrschaft über den Südwesten Europas. Denn auch und gerade die ursprünglich aus einer noch wesentlich trockeneren Region stammenden moslemischen Eroberer pflegten in ihren Gärten mit ausgeklügelten Bewässerungssystemen Teiche, Springbrunnen und Kaskaden anzulegen, um so den Kontrast zum kahlen Umland noch zu verstärken.

Und schließlich geht Madrid ja ebenfalls auf eine maurische Gründung zurück. Zwar war die Gegend schon zuvor besiedelt, wie Ausgrabungen zeigen. Doch erst mit dem Bau einer Alcazaba, einer arabischen Festung im neunten Jahrhundert lässt sich die Geschichte der Stadt über historischen Quellen eindeutig belegen. Um diese Burg entstand dann eine "Magerit" oder "Madschrit" genannte Siedlung.

Vor dem der Palacio de Comunicaciones beginnt die Startzone des Madrider Marathons

Zweihundert Jahre später, nämlich 1083 wurde Madrid im Zuge der langsam in Fahrt kommenden Reconquista, der christlichen Rückeroberung der iberischen Halbinsel kastilisch. Doch bis jenes lange Zeit kaum mehr als ein Provinznest darstellende Städtchen, das sich durch kaum mehr als seine zentrale Lage auszeichnete, zur Residenz der spanischen Könige wurde, sollten weitere fünf Jahrhunderte vergehen.

Erst Philipp II - unter dessen Herrschaft das spanische Weltreich aufgrund der Tatsache, dass er in Personalunion auch König von Portugal war, seine größte Ausdehnung erreichte, andererseits mit der Vernichtung der Armada im Kampf gegen die Briten auch dessen Niedergang einsetzte - verlegte den Regierungssitz von Toledo nach Madrid. Er selbst zog allerdings den knapp fünfzig Kilometer entfernte Real Sitio de San Lorenzo de El Escorial, gleichzeitig sowohl Schloss als auch Kloster vor.

Die im Vergleich zu den anderen europäischen Metropolen Paris oder London relativ kurze Zeit als Hauptstadt - mit dem "ewigen" Rom kann man sich in dieser Hinsicht ohnehin nicht messen - bedeutet natürlich auch, dass sich selbst in den ältesten Vierteln Madrids kaum Bauwerke entdecken lassen, die vor der späten Renaissance oder dem frühen Barock entstanden.

Noch wesentlich jüngeren Datums ist das markanteste Gebäude an der Plaza de Cibeles, der Palacio de Comunicaciones. Erst gut einhundert Jahre hat dieser in einer fast schon als "Zuckerbäckerstil" zu bezeichnenden Architektur errichtete Bau mit der aufgrund seiner Monumentalität gar nicht einmal unpassenden Bezeichnung "Palast" auf dem Buckel.

Auch der zweite Teil des Namens, dessen intuitive Übersetzung ins Deutsche tatsächlich zutrifft, ist vollkommen zu recht gewählt, handelt es sich bei dem Bau doch um das frühere Hauptpostamt Madrids. Seit einigen Jahren dient es jedoch als Rathaus und Sitz der Stadtverwaltung. Unabhängig von seiner Nutzung ist es allerdings ziemlich unverwechselbar und ebenfalls ein "símbolo" für die spanische Metropole.

Von der Plaza aus in fast exakt nördlicher Richtung verläuft der Paseo de Recoletos, der als Vorbereitungs- und Aufstellungszone für den Marathon dient. Nach Süden schließt sich der wesentlich bekanntere Paseo del Prado an, neben dem sich nur wenige hundert Meter entfernt das gleichnamige weltbekannte Kunstmuseum findet.

Auf der "Wiesenpromenade" - "Prado" heißt übersetzt nämlich nichts anderes als "Wiese", womit die hierzulande oft übliche Kurzform für das "Museo del Prado" dann wohl doch eher sinnentstellend ist - braust an normalen Tagen genau wie auf dem nach einem Mönchsorden benannten Nachbarn im Norden der Verkehr. Denn die beiden stellen die wichtigste Nord-Süd-Verbindung durch das Zentrum Madrids dar.

Allerdings sind diese breiten Boulevards auch erstaunlich grün, werden von Bäumen gesäumt und besitzen jeweils einen breiten, parkähnlichen Fußgängerbereich in der Mitte. Dessen Bänke und Rasenflächen bieten sich also regelrecht als Umkleidekabine für die vieltausendköpfige Läuferschar an, die sich am Sonntagmorgen langsam an der Plaza de Cibeles einfindet.

An deren Nordseite, dort wo der vollständig gesperrte Paseo de Recoletos beginnt, stehen schließlich die Lastwagen für die Kleiderbeutel. In einer durchaus interessanten Variante des üblichen Verfahrens werden sie nach Endziffern abgegeben und sortiert. Das führt zwar keineswegs zu weniger Gedrängel als üblich, hat aber durchaus Vorteile, wenn man - wie in Madrid wohl der Fall - die Startnummern aufsteigend anhand der gemeldeten Vorleistungen vergibt.

Vom neuen Rathaus, das gleichzeitig ja die alte Post ist, werden sie zum Ziel gebracht. Dieses ist allerdings nicht einmal zwei Kilometer vom Start entfernt. Eine echte Punkt-zu-Punkt-Strecke besitzt der Maratón de Madrid also keineswegs. Und anderswo erlebt man angesichts solch geringer Entfernungen durchaus auch einmal, dass sich die Veranstalter den aufwendigen Transport sparen und das Gepäck einfach irgendwo in der Mitte deponieren lassen.

Immer wieder begegnet man in Madrid Verkehrskreisel mit Springbrunnen in der Mitte Eine Arkadenreihe begrenzt die Nuevos Ministerios, die eigentlich nicht mehr ganz so neuen Ministerien

Am anderen Ende des nur einige hundert Meter langen Paseo ist vor der Biblioteca Nacional de España das Gerüst mit der Aufschrift "Salida" aufgebaut. Davor und dahinter gibt es zwar ein paar Absperrungen, doch weiter hinten ist der Startbereich von allen Seiten frei zugänglich - zumindest dort, wo nicht Bäume, Büsche oder Wälle in den Grünanlagen den Weg versperren.

Zwar sollen wenigstens die Teilnehmer der beiden unterschiedlichen Distanzen voneinander getrennt werden, die Marathonis sich links und die Kurzstreckler rechts einsortieren. Doch ein Blick auf die T-Shirt-Farben belegt, dass auch das nicht wirklich eingehalten wird. Und eigentlich ist es auch völlig überflüssig. Denn direkt nach der Linie werden beide Felder sowieso wieder zusammen geführt und absolvieren dann die ersten vier Kilometer auf exakt der gleichen Strecke.

Die Einordnung in den jeweils passenden Leistungsbereich lässt sich einzig und alleine an den neben der Straße aufgebauten Tafeln mit den Endzeiten ungefähr vornehmen. Einzelne Blöcke, die man bei einer solchen Größenordnung erwarten könnte, sind jedenfalls nicht abgesteckt. Und Zugangskontrollen existieren schon überhaupt keine. Jeder sortiert sich dort ein, wo er es für richtig hält. Dennoch verläuft der Start relativ geordnet. Und sechs oder sieben Minuten nach neun Uhr sind alle der mehr als zwölftausend Läufer tatsächlich unterwegs.

Schon nach wenigen Metern schlägt der Kurs - der "Recorrido", wie es auf Spanisch heißt - einen Haken, je nachdem auf welcher Seite in der Startaufstellung man sich einsortiert hat nach links oder rechts. Er führt nämlich hinaus auf die weite Plaza de Colón, die als Gegenstück zur Plaza de Cibeles den Paseo am anderen Ende begrenzt.

In der Mitte dieses Kolumbusplatzes und des auf ihm angelegten Kreisverkehrs erhebt sich - wie nicht anders zu erwarten natürlich noch von einem Springbrunnen umgeben - eine etwa zwanzig Meter hohe Säule mit dem Namensgeber auf der Spitze. Diese muss nun erst einmal halb umrundet werden.

Die Statue steht allerdings noch nicht lange an dieser Stelle. Bevor man aus der Kreuzung einen Kreisel machte, befand sie sich nämlich am Rand der Plaza neben der Nationalbibliothek. Am seltsamsten dabei ist jedoch, dass sie damit doch nur an ihre alte Heimat zurück kehren durfte. Denn bei der vorletzten Umgestaltung des Platzes musste sie dessen Zentrum verlassen und wurde an der Seite neu aufgestellt.

Doch ist das in der spanischen Hauptstadt keineswegs so ungewöhnlich. Wie alle großen Metropolen verändert sie sich ständig. Immer wird irgendwo gewerkelt. Altes verschwindet, Neues entsteht. Und manchmal tauchen Dinge eben auch an andern Orten wieder auf. Für die Capital nacional gibt es sogar einen einprägsamen Spruch, der genau das ausdrücken soll. Er lautet: "Madrid wird schön, wenn es fertig ist".

Passend dazu ragen auf der Platzecke, die der aus dem neunzehnten Jahrhundert stammenden Bibliothek diagonal gegenüber liegt, die Torres Colón mehr als einhundert Meter in den Himmel. Eigentlich sind es Zwillingstürme. Aber durch eine gemeinsame ziemlich auffällige Dachkonstruktion, die entfernt an einen elektrischen Stecker erinnert, wirken sie eigentlich wie ein einziges Gebäude. Darüber, ob es geschmackvoll oder geschmacklos aussieht, kann man sicher streiten. Auffällig ist es aber auf jeden Fall.

Hinter Kolumbusstatue, -springbrunnen und -türmen nimmt der Paseo de la Castellana, der seine beiden älteren, aber auch kürzeren Vettern weiter südlich um mehr als fünf Kilometer bis in die Außenbereiche Madrids verlängert, das Feld auf. Entlang dieses an manchen Stellen über hundert Meter breiten Boulevards wuchsen Büro- und Geschäftsgebäude in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter aus der Stadt hinaus.

Gerade im unteren Teil, der den ersten Marathonkilometer beherbergt, verbinden sich jedoch alt und neu zu einem manchmal ziemlich bunten und uneinheitlichen Gemisch. Wirklich viel davon sieht man aber eigentlich nicht. Denn zwischen den Mittelspuren für den Durchgangsverkehr, auf denen die Läufer unterwegs sind, und der Bebauung liegen zu beiden Seiten erst einmal die Baumreihen einer Allee, die ihrerseits noch von weiteren Fahrspuren für die Anlieger abgelöst werden.

Das Laub der Bäume gibt zusätzlichen Schatten gegen die ohnehin noch ziemlich tief stehende Sonne an diesem angenehm kühlen, aber nicht zu kalten Morgen. Selbst wenn sie später natürlich weiter nach oben steigen und damit für größere Wärme sorgen wird, nimmt ihr zwischendurch auch immer wieder einmal eine Wolke etwas von ihrer Kraft. Jedenfalls fallen die Witterungsbedingungen im Vergleich zu den Vortagen sogar halbwegs läuferfreundlich aus.

Nicht nur auf der Karte ist der in dieser Anfangsphase durchlaufene Teil des Paseo de la Castellana "unten". Er ist es auch topologisch. Denn von einem zum anderen Ende steigt die Straße rund achtzig Meter an. Und da der Marathonkurs sich ziemlich lange an ihm orientiert, ist relativ klar, dass dessen Profil keineswegs völlig eben aussehen wird.

Zwischen höchstem und tiefstem Punkt der Strecke liegen ganz im Gegenteil rund einhundertfünfzig Meter. Und rechnet man alle Steigungen zusammen dürfte die Summe wohl sogar dreihundert oder mehr Meter betragen. Nein leicht ist dieser Recorrido nun wahrlich nicht. Es ist aber eben auch kein beliebiger Stadtmarathon, den man da unter die Füße genommen hat. Nein, es ist Madrid.

Die Stadt wird zwar allgemein als "auf eine Hochebene liegend" beschrieben. Doch ist diese sogenannte Meseta, die mehr oder weniger das gesamte Zentrum Spaniens - und damit ziemlich genau jene Regionen, die man als Kastilien bezeichnet - einnimmt, keineswegs völlig flach sondern durchaus recht wellig.

Madrid wurde deshalb ähnlich wie Rom auf Hügeln errichtet. Es sind zwar keine sieben, sondern wohl deutlich mehr. Doch ist das ja eigentlich auch in der italienischen Hauptstadt so. Die ominöse Zahl sieben, die inzwischen auch von anderen Städten hervor gezaubert wird, um sich interessant zu machen, lässt sich in Bella Italia jedenfalls höchstens mit der frühen Geschichte, nicht jedoch mit der aktuellen Realität begründen.

Vorbei am AZCA-Viertel mit seiner Ansammlung von Hochhäusern führt die Strecke bei Kilometer drei Im Estadio Santiago Bernabéu findet am Vorabend des Marathons das erste von vier Duellen zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona statt An der Plaza de Castilla mit ihren schiefen Türmen verlässt der Kurs endgültig den Paseo de la Castellana Im ansonsten eher unspektakulären Abschnitt zwischen Kilometer fünf und zehn ist der Palacio de Pastrana eine der wenigen optischen Abwechslungen

Unweit von Madrid teilt das von West nach Ost verlaufende Kastilische Scheidegebirge die zwischen fünf- und achthundert Meter hohe Meseta in zwei Hälften. Es trennt damit ebenfalls das relativ früh schon wieder christlich beherrschte Altkastilien, die heutige Region Castilla y León, vom erst später zurück eroberten Neukastilien, in dem auch die spanische Hauptstadt liegt.

In der Sierra de Guadarrama und der Sierra de Gredos erreicht diese Kette Höhen von zweieinhalbtausend Metern und mehr. Nicht nur in den bekannten Pyrenäen und in der andalusischen Sierra Nevada geht es auf der iberischen Halbinsel also ziemlich weit nach oben. Und die Madrileños haben ihr eigenes Hochgebirge damit praktisch vor der Haustür. Von einigen etwas erhöhten Stellen der Stadt kann man die im Norden aufragenden und noch mit deutlich erkennbaren Schneeflecken gesprenkelten Berge auch ziemlich gut sehen.

Bei weitem nicht so steil ist natürlich der Anstieg auf dem Paseo de la Castellana. Eigentlich lässt er sich sogar kaum bemerken. Nicht nur die direkt nach dem Start natürlich noch ziemlich frischen Beine und die relative Gleichmäßigkeit der nur wenige Prozent betragenden Steigung sind dafür verantwortlich. Auch optisch kann man auf den langen Geraden des Paseo mit seinen wenigen, nur ganz vorsichtigen Richtungswechseln eigentlich nicht richtig erfassen.

Einem leichten Linksschwenk nach dem ersten Kilometer folgt so bei Kilometer zwei ein genauso leichter Rechtsbogen. Und selbstverständlich ist die Kreuzung, an der sich der ohnehin schon recht großräumig angelegte Boulevard dazu auf die Fläche eines Stadioninnenraumes verbreitert, auch wieder mit einem Springbrunnen versehen. Man ist schließlich in Madrid.

Waren es bisher hauptsächlich Bürogebäude und Hotels aus den letzten Jahrzehnten, die sich entlang der "Promenade der Kastilierin" gruppierten, erhebt sich nun auf einem kleinen Hügel ein von einer hohen Kuppel gekrönter weit ausladender Bau aus dem neunzehnten Jahrhundert. In ihm befindet sich das Museo Nacional de Ciencias Naturales.

Noch wesentlich wuchtiger ist allerdings der Komplex schräg gegenüber des Museums für Naturkunde. Es sind die in den Dreißiger- und Vierzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts entstandenen Nuevos Ministerios. Es mag vielleicht auch am Architekturstil jener Zeit liegen, doch irgendwo können diese inzwischen nicht mehr ganz so "neuen Ministerien", nur unschwer verleugnen, dass sie während der Franco-Diktatur fertig gestellt wurden. Ähnlichen Monumentalbauten begegnet man schließlich auch in Italien oder Deutschland.

Fünfhundert Meter lang ist der durch eine Arkadenreihe von der Straße abgetrennte durchgehende Häuserblock, in dem tatsächlich noch immer mehrere Ministerien beheimatet sind. Dennoch werden diese keineswegs hermetisch abgeschirmt, der Innenhof hinter den Bogengängen ist zu gewissen Zeiten für die Allgemeinheit vollkommen offen zugänglich. Bei militärischen Einrichtungen, auf die man in Madrid auch an etlichen Ecken stoßen kann, ist man da selbst bezüglich Fotos allerdings deutlich empfindlicher.

Zwar ist auch in España der Beamtenapparat natürlich alles andere als klein. Und neben den Nuevos Ministerios gibt es inzwischen am Paseo de la Castellana einige weitere Bürogebäude deutlich jüngeren Datums, die ebenfalls mit Ministerien belegt sind. Doch nicht alle Ressorts des spanischen Königreiches sind in solchen Neubauten untergebracht. Oder zumindest sind sie es nicht vollständig.

Denn immer wieder trifft man beim Stadtbummel mitten im Zentrum auf historische Gebäude und alte Paläste, bei denen nicht nur die davor postierte Wache der Guardia Civil - einer wie die französische Gendarmerie oder die italienischen Carabinieri nicht dem Innen- sondern dem Verteidigungsminister unterstehenden Polizeieinheit - sondern auch die am Haus angebrachte Tafel belegt, dass dort eine Behörde Españas ihren Sitz hat.

Aber nicht nur die Stadt Madrid und der spanische Staat haben überall ihre Dienststellen verteilt. Es gibt nämlich auch noch die Comunidad de Madrid, hinter der sich - um ein schnell entstandenes Missverständnis gleich wieder auszuräumen - keineswegs eine "Kommune" im Sinne einer "Gemeinde" des deutschen Sprachraumes verbirgt. Eine passende Übersetzung wäre eher "Gemeinschaft", entspricht diese Verwaltungseinheit doch ungefähr einem Bundesland in Deutschland und Österreich oder einem Kanton der Schweiz.

Die Gran Via, der in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts errichtete Prachtboulevard Madrids wird bei Kilometer achtzehn durchlaufen

Auch wenn sie genauso heißt wie die Stadt selbst hat die Comunidad de Madrid einen wesentlich größeren Umfang und ist deshalb kein Stadtstaat wie Berlin oder Hamburg, wo der Bürgermeister gleichzeitig auch den Rang eines Ministerpräsidenten hat. Halb so groß wie Schleswig-Holstein oder Thüringen aber immerhin mit der vierfachen Fläche des Saarlandes umfasst die autonome Gemeinschaft Madrid nicht nur die Vororte und den Speckgürtel der Stadt sondern reicht bis zur einsamen Sierra de Guadarrama, in der sogar die Einrichtung eines Nationalparks geplant wird.

Direkt hinter den Nuevos Ministerios, an denen übrigens die U-Bahn-Linie vom Flughafen endet und die deshalb praktisch allen Besuchern, zumindest von unten bekannt sind, weil sie dort ja umsteigen mussten, beginnt gleich der nächste größere Baukomplex. Mit AZCA wird er im Normalfall abgekürzt. Das "Asociación Mixta de Compensación de la Manzana A de la Zona Comercial de la Avenida del Generalísimo", aus dem man diese Buchstabenkombination irgendwie heraus gezaubert hat, kann sich sowieso niemand behalten.

Es ist gleichzeitig sowohl ein Büroviertel wie auch ein Einkaufszentrum. Und neben dem obligatorischen Warenhaus der Kette "El Corte Inglés", die sich auf diesem Sektor in Spanien praktisch ein Monopol gesichert hat, sowie etlichen weiteren Geschäften finden sich in ihm auch einige der höchsten Wolkenkratzer der Stadt, die - wie könnte es anders sein - hauptsächlich von Banken belegt sind.

Eröffnet wird der Reigen dieser "Rascacielos" vom direkt an der Straße stehenden Torre del Banco de Bilbao. Ein wenig zurück gesetzt werkelt man zudem fleißig an einem Neubau, der den bei Renovierungsarbeiten komplett ausgebrannten Torre Windsor ersetzen soll. Kurz darauf ist auch der sich etwas hinter anderen Gebäuden versteckende Torre Picasso passiert. Er war mit seinen 157 Metern eine Zeit lang nicht nur in Madrid sondern sogar in ganz Spanien Höhenrekordhalter. Beide Bestmarken hat er jedoch inzwischen abgeben müssen.

Und nach einem halben Kilometer bildet der Torre Europa den Abschluss dieses Hochausensembles. Im Gegensatz zu seinen rechteckig nüchternen, fast schon klobigen Nachbartürmen besitzt dessen geschwungene und aus jeder Blickrichtung ein wenig anders aussehende Fassade architektonisch sogar durchaus einen gewissen Reiz.

Nachdem nun viele Minuten lang der linke Teil des Straßenzuges interessant war, während es rechts hinter der weiter parallel verlaufenden Grünanlage höchstens ziemlich austauschbare Wohnblocks zu sehen gegeben hätte, gilt es jetzt sich auf die andere Seite zu orientieren. Denn dort steht ein wenig zurück versetzt und einen gesamten Block einnehmend das legendäre Estadio Santiago Bernabéu, die Heimspielstätte des noch viel legendäreren Fußballclubs Real Madrid.

Hierzulande sind die großen Sportarenen meist irgendwo außerhalb zu finden, mit viel Freiraum rundherum, einer guten Verkehrsanbindung und unzähligen Parkplätzen. Dieses Stadion, das nach dem Präsidenten benannt ist, der es errichten ließ, scheint dagegen tatsächlich beinahe mitten im Stadtzentrum zu liegen. Als vor etlichen Jahrzehnten mit dem Bau begonnen wurde, hatte Madrid jedoch bei Weitem noch nicht die heutige Ausdehnung. Erst später wuchs die Metropole an das inzwischen ebenfalls viele Male umgestaltete Stadion heran.

Noch am Vorabend des Marathons hatte das erste von vier innerhalb von gerade einmal achtzehn Tagen anstehenden Spielen zwischen Real und dem Erzrivalen FC Barcelona stattgefunden. "El Clásico" nennt man in Spanien - und inzwischen auch im Rest Europas - ein solches Duell jener beiden Mannschaften, die mit schöner Regelmäßigkeit die spanischen Titel unter sich aufteilen und beide auch international zu den erfolgreichsten Vereinen überhaupt gehören.

An der Plaza del Callao mit dem gleichnamigen Kinopalast biegt der Kurs von der breiten Gran Via in die schmalen Gassen der Fußgängerzone ein

Doch geht die Rivalität weit über das sportliche hinaus. Selbst die Konkurrenz zwischen der Hauptstadt und der zweiten Metropole im Land reicht als Erklärung nicht aus. Die Gründe gehen weit ins Politische hinein. Denn während der jahrzentelangen Diktatur General Francos versuchte man ziemlich rabiat einen zentralistischen Einheitsstaat zu schaffen. Die kulturellen und sprachlichen Eigenheiten Kataloniens, Galiciens und des Baskenlandes wurden gnadenlos unterdrückt.

So entwickelte sich der FC Barcelona nach und nach von einem reinen Sportverein zum Sinnbild für die Eigenständigkeit und den Wiederstandswillen der Katalanen. Der "königliche" - und von Franco selbst auch favorisierte - Club aus der Hauptstadt Madrid wurde dagegen zum Symbol für das verhasste Regime. Und jeder Sieg war ein Erfolg im Kampf um Selbstständigkeit.

Mit der Demokratisierung Spaniens und der relativ weitgehenden Autonomie Kataloniens hat sich diese politische Interpretation der Aufeinandertreffen beider Teams zwar etwas abgeschwächt. Doch auch mehr als dreißig Jahre nach dem Ende der franquistischen Epoche hallt noch einiges davon nach und das Land ist regelrecht zwischen Anhängern der Blancos aus Madrid und der Azulgranas aus Barcelona gespalten.

Eigentlich war das samstägliche Duell in der spanischen Liga das unbedeutendste der sich über drei verschiedene Wettbewerbe erstreckenden Serie. Barcelona war die Meisterschaft schon vor der Partie kaum noch zu nehmen. Und nach einem unspektakulären 1:1, bei dem für beide Tore auch noch Elfmeter benötigt wurden, hatten sich selbst die letzten Titelträume für Real endgültig erledigt.

Welche Brisanz aber selbst einem solchen Spiel in Spanien zugestanden wird, kann man unter anderem daran erkennen, dass sogar die Abfahrt der Mannschaften von ihren jeweiligen Hotels zum Stadion von einem Lokalsender im Fernsehen live übertragen wurde und ein Hubschrauber aufstieg, um den Bus mit der Kamera zu verfolgen. Was ist dagegen schon ein Marathon? Man ist schließlich in Madrid.

Die täglich erscheinende Sportzeitung Marca bringt am Montag immerhin alle Ergebnisse des Rennens in einem Sonderteil. Doch dafür fällt der Bericht über die Veranstaltung ziemlich dürftig aus. Selbst wenn sogar der gleichzeitig stattfindende Marathon in London seinen kleinen Artikel bekommt, geht dabei die von Mary Keitany bei den Frauen erzielte 2:19:18 schon wieder unter. Über ein Dutzend Seiten beschäftigen sich dagegen alleine mit dem Thema Real gegen Barça.

Hinter dem Stadion verabschiedet sich der Kurs erst einmal vom Paseo de la Castellana und biegt in die an der Nordtribüne entlang verlaufende Straße ein. Doch schon vor dem Abbiegen bitten Transparente die Marathonis sich eher links zu halten.Wer über zehn Kilometer gemeldet hat soll dagegen rechts bleiben. Denn zweihundert Meter später steht an der Rückseite des Estadio Bernabéu die Streckenteilung an.

Während der Recorrido des Marathons schnell wieder nach Norden abdreht, setzten die Kurzstreckler ihre - für Läufer eher ungewöhnliche, nämlich äußere - Stadionrunde erst einmal weiter fort, um mit Kilometer vier den Heimweg anzutreten. Wenig später werden sie nach einer Wendeschleife wieder auf dem ihnen schon bekannten Boulevard angekommen sein um ihm dann in entgegengesetzter Richtung zurück zum Start zu folgen.

Mit dem schon erwähnten Abstand zum Ziel ergeben sich so zehn zwar nicht unbedingt eintönige aber auch keineswegs wirklich bemerkenswerte Kilometer. Und besonders schnell ist die Strecke mit ihren ungefähr hundert zu bewältigenden Höhenmetern ebenfalls nicht. Der Zehner ist - egal ob in Madrid oder nicht - tatsächlich einfach nur ein weiterer Zehner.

Die Zeiten, die an der Spitze gelaufen werden, sind deshalb zwar durchaus beachtlich, aber eben dennoch nicht absolut überragend. In einem spannenden Dreikampf siegt bei den Frauen schließlich Sara Moreira aus dem Nachbarland Portugal, die für die Strecke 32:33 benötigt. Erst auf der zweiten Hälfte kann sie sich dann doch noch ein wenig von der Äthiopierin Frehiwat Goshu und der Marokkanerin Fatima Ayachi absetzen, die lange mit ihr mithalten können. Dahinter kann schließlich Goshu in 32:48 zu 32:56 Platz zwei für sich erobern.

Auch wenn im Männerrennen bei Halbzeit die Führungsgruppe nicht mehr ganz so geballt daher kommt, sondern schon erste kleine Lücken klaffen, bleibt es auch dort bis zum Schluss eng. Der nach fünf Kilometer führende Kenianer Joseph Kipkosgei Bwambok kann seine Position zwar bis ins Ziel verteidigen und in 28:59 den Vorsprung sogar deutlich ausbauen.

Und auch Jesus España Cobo aus Spanien, der zur Hälfte als Vierter schon einige Sekunden zurück lag, behauptet in 29:49 diese Position. Doch dazwischen werden die Plätze noch einmal getauscht. Denn der zwischenzeitliche Dritte Rafael Iglesias Borego kann sich nach 29:12 noch einmal einen Rang nach vorne schieben und damit einen wesentlich bekannteren Namen verdrängen.

Aushängeschild der Veranstaltung ist nämlich der subcampeón olímpico - also der Olympische Silbermedaillengewinner - des denkwürdigen Marathons von Athen Meb Keflezighi. In 29:26 läuft der Amerikaner mit eritreischen Wurzeln, der zudem auch den Sieg in New York 2009 in seiner Erfolgsliste stehen hat, schließlich ins Ziel ein. Damit - wohlgemerkt als Vorzeigeathlet - tritt er die Nachfolge von Haile Gebrselassie an, der sich im Jahr zuvor allerdings auch als Sieger in die Annalen eintrug.

Für einen Start eines der beiden beim Marathon reichen die finanziellen Mittel der Madrileños allerdings nicht aus. Da setzt man wie andere Veranstaltungen hinter den absoluten Platzhirschen auf eine größere Gruppe Afrikaner der zweiten Leistungsreihe, die zwar ebenfalls für Weltklassezeiten gut sein könnten, deren Namen aber dennoch maximal den absoluten Insidern bekannt sein dürften.

Fast zwanzig von ihnen finden sich in der Kopfgruppe, die nach einem kurzen Schlenker in die angrenzenden Wohngebiete noch vor Kilometer fünf wieder auf den Paseo de la Castellana zurück gekehrt ist. Nur der Ukrainer Vasily Matvichuk am Ende der Meute, die noch bevor die Uhr auf sechzehn Minuten springen kann komplett über die Zwischenzeitenmatte gerauscht ist, hält das kleine europäische Fähnchen noch hoch.

Ein kaum anderes Bild bietet sich bei den Frauen, auch wenn der Pulk dort nur etwa halb so groß ist. In gut neunzehn Minuten gehen acht Kenianerinnen und Äthiopierinnen bei Kilometer fünf durch. Dahinter bleibt Yailen Garcia Dome aus Kuba immerhin noch der Sichtkontakt zu den Frauen aus dem ostafrikanischen Hochland.

Die Puerta del Sol ist nicht nur einer der wichtigsten und belebtesten Plätze der Stadt sondern auch Nullpunkt des spanischen Straßensystems

Bis dagegen die schnellste Spanierin Irene Martín Alvarez vorbei kommt, vergehen schon zu diesem frühen Zeitpunk mehr als zwei Minuten. Doch im Männerfeld ist die Lücke zu den besten Einheimischen Miguel Angel Jimenez Parejo, Oscar Sanchez Perez und Francisco Javier Martínez Garcia auch nicht viel kleiner.

Von der einstigen Marathongroßmacht Spanien, die in den Neunzigern internationale Medaillen fast schon in Serie gewann, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Der Abstand zur absoluten Weltspitze scheint immer weiter zu werden. Da geht es den Iberern inzwischen kaum anders als den meisten anderen Europäern.

Bezeichnend ist, dass der inzwischen fast vierzigjährige Vizeeuropameister Chema Martínez, der im Jahr 2008 die afrikanische Siegesserie beim Madrid Marathon einmal unterbrechen konnte, noch immer als der größte Hoffnungsträger auf dieser Distanz gilt. Sein sechzehnter Platz mit 2:15:25 in London - rund elf Minuten oder umgerechnet knappe vier Kilometer hinter Sieger Emmanuel Mutai - ist der Zeitung Marca jedenfalls sehr wohl eine Meldung wert.

Mit dem Einschwenken auf den breiten Paseo - diesmal auf der Seitenspur, wie im Programmheft mit dem Vermerk "lateral" in der Straßenauflistung gekennzeichnet - tauchen vor den Marathonis zwei seltsam zueinander geneigte Hochhäuser auf. Die beiden 1996 fertig gestellten schiefen Türme der Stadt werden offiziell als "Puerta de Europa" - also als "Europator" - bezeichnet. In der Bevölkerung sind sie allerdings eher - nach dem Bauherren Kuwait Investment Office - unter "Torres Kio" bekannt. Längst sind auch sie zu einem unverkennbaren Wahrzeichen Madrids geworden.

Da sie entsprechend geplant wurden, haben sie mit fünfzehn Grad natürlich eine deutlich stärkere Neigung als ihr zufällig entstandenes Gegenstück im italienischen Pisa, der nicht einmal vier Grad Schieflage besitzt. Die Telefongesellschaft, die in ihrer Plakatwerbung für europaweite Gespräche ein Foto mit der Spitze eines der Torres Kio über den schiefen Turm von Pisa legt, muss also schon ordentlich mit der Perspektive tricksen.

Aus Sicht der Läufer zwischen den beiden Zwillingstürmen, in Wahrheit aber in der Mitte jener Plaza de Castilla, an deren nördlichen Ende die Torres aufragen, steht auch ein Obelisk, der zusammen mit einem noch zur Zeit des Franquismus errichteten pompösen Denkmal auf der Südseite das ganze Ensemble aus dieser Richtung fast ein wenig überladen wirken lässt.

Die als letztes ergänzte Säule wurde von der Caja Madrid, der ältesten spanischen Sparkasse, anlässlich ihrer Dreihundertjahrfeier der Stadt Madrid geschenkt. Auch an einem der beiden Torres prangt ihr Logo, ein sitzender grüner Bär, das man schon zwei Kilometer zuvor am Torre Europa entdecken konnte. Dass ausgerechnet beim MAPOMA mit Ibercaja die Konkurrenz aus Aragonien als Sponsor auftritt, verwundert angesichts dieser Präsenz dann doch.

Der Bär, allerdings ein stehender und kein sitzender, ist auch das Wappentier von Madrid. Womit es mit der spanischen neben Bern und Berlin, die ihren Bären ja sogar im Namen tragen, noch eine dritte europäische Hauptstadt gibt, die dieses heraldische Symbol führt. In Madrid muss er sich diese Rolle jedoch mit einem Madroño teilen, an dem er sich aufrichtet. Als "Erdbeerbaum" wird diese Pflanze im Deutschen aufgrund der Ähnlichkeit der Früchte bezeichnet. Eine wirkliche botanische Verwandtschaft zwischen beiden besteht aber nicht.

Auch die Fahne der Stadt führt dieses Wappen auf einem weinroten Grund. Und natürlich wird der Bär in etlichen Logos - nicht nur dem der Sparkasse - ebenfalls recht gerne verwendet. Die Flagge der Comunidad dagegen zeigt sieben Sterne in zwei Reihen auf einem deutlich helleren rot. Und auch diese Sterne sieht man, wenn man genau aufpasst, beim Bummel durch Madrid an vielen Ecken. Zudem zieren sie das Medaillenband des Marathons.

Durch das Europator hindurch dürfen die Marathonis allerdings nicht laufen. An der Plaza de Castilla, deren Name sich nun tatsächlich auf die Region Kastilien und nicht wie beim Paseo auf eine seiner Bürgerinnen bezieht, biegt der Recorrido nämlich nach rechts ab und verlässt den Boulevard erneut, diesmal aber wirklich endgültig.

Die Calle Mayor, eine der Hauptachsen der Madrider Altstadt bringt die Läufer von der Puerta del Sol zu Kathedrale und Schloss

In der Vergangenheit war die Strecke auch schon einmal weiter geradeaus verlaufen, um einen Kilometer weiter nördlich noch am jüngsten Madrider Wahrzeichen vorbei zu führen. Auf dem ehemaligen Trainingsgelände von Real Madrid ragen nämlich seit 2008 die vier höchsten Gebäude von Madrid und ganz Spanien in den Himmel. Jedes von ihnen hat zudem eine völlig andere Architektur und damit einen ganz eigenen Charakter.

Ganz einfach "Cuatro Torres", also "Vier Türme" heißt diese Wolkenkratzerversammlung. Warum darauf dann aber noch der englische Zusatz "Business Area" folgen muss und die Abkürzung - irgendwoher kennt man das doch schon - deshalb "CTBA" lautet, können wohl nur die Planer selbst erklären.

Schon beim Anflug auf den Aeropuerto Madrid-Barajas stellen sie eine unübersehbare Landmarke dar. Doch direkt hinter ihnen wird schon wieder gebaut. Dort ist nämlich ein neues Konferenzzentrum am Entstehen, das selbstverständlich ebenfalls ziemlich imposant ausfallen soll. "Madrid wird schön, wenn es fertig ist". So ganz unrichtig ist dieser Spruch wohl wirklich nicht.

Den absoluten Spitzenreiter im Quartett der Türme mit seinen ziemlich genau zweihundertfünfzig Meter und dem an einen Griff erinnernden oberen Abschluss hat übrigens ebenfalls die schon erwähnte Caja Madrid in Beschlag, die damit in jeder der Hochhausgruppen am Paseo de la Castellana vertreten ist und gleich in drei der acht höchsten Gebäude der Stadt residiert.

Nachdem die Passage der neuesten Madrider Sehenswürdigkeiten diesmal also ausfällt, sind die nächsten Kilometer im Stadtteil Chamartin nicht wirklich interessant. In mehreren Schlenkern verläuft der Kurs durch Wohngebiete, die anfangs allerdings eher locker bebaut und manchmal ziemlich grün sind. Einziger kleiner optischer Leckerbissen auf diesem Abschnitt ist noch der Palacio de los Duques de Pastrana, der in dieser größtenteils modernen Bebauung um ihn herum allerdings fast ein wenig verloren wirkt.

So bleibt ein wenig Zeit, sich im Marathonfeld ein wenig umzusehen. Neben den aktuellen T-Shirts, das mit dem Druck "Madrid, con pasión" auf der Rückseite wohl verkünden sollen, dass man mit Leidenschaft durch diese Stadt rennt ist, sieht man auch das hellblaue des Vorjahres, das mit "Corre Madrid, corre mejor" betont, dass man in der spanischen Metropole einfach besser läuft.

Richtig originell ist allerdings der Schriftzug mit dem etwas modifizierten Motto "No es un maraton mas, es el primero" - ins Deutsche übersetzt etwa "Es ist nicht etwa ein weiterer Marathon, es ist der allererste" - den eine Handvoll von Marathonneulingen bei ihrer Premiere über die Straßen der Stadt trägt.

Und eine ganz in schwarz gekleidete Gruppe der BRIPAC - das Kürzel für die Brigada de Infantería Ligera Paracaidista, die spanischen Fallschirmjäger - läuft nicht nur während der Anfangsphase im Verband zusammen sondern führt auch noch die Fahne der Einheit mit. Später wird sich ihr Zusammenhalt aber doch ein wenig lockern und die meisten von ihnen als Einzelkämpfer - und zwar gleich im doppelten Wortsinn - ins Ziel kommen.

Auf der langen Gerade der Avenida de Pio XII haben die Marathonis längst wieder in südliche Richtung eingeschwenkt und nähern sich langsam der Marke von zehn Kilometern. Viel getan hat sich an der Spitze auch bis dorthin noch nicht. Weiterhin tummelt sich mehr als ein Dutzend Ostafrikaner in der Kopfgruppe.

Allerdings hat man - wohl auch geländebedingt, denn der höchste Punkt ist bereits überwunden - zusätzliche Fahrt aufgenommen und den zweiten Fünf-Kilometer-Abschnitt in fast exakt fünfzehn Minuten absolviert. Und außerdem sind Kenianer und Äthiopier nun auch endgültig unter sich, denn der Ukrainer Vasily Matvichuk ist neben drei, vier anderen aus der hetzenden Meute heraus gefallen.

Adelspaläste aus dem sechszehnten und siebzehnten Jahrhundert säumen den unteren Teil der Calle Mayor

Die afrkanischen Frauen sind hinter dem ihnen zugeteilten Tempomacher immerhin noch zu siebt. Mit klar über sechsunddreißig Minuten ist ihre Durchgangszeit allerdings doch deutlich schwächer einzuschätzen als jene blanke einunddreißig, bei der ihre männlichen Kollegen die zweite Matte passieren.

Die Avenida, der man über zwei Kilometer lang folgt und die deutlich weniger beeindruckt, als man es angesichts dieses vornehmen Namens erwarten könnte, zeigt mit ihrem welligen Verlauf nun schon wesentlich deutlicher, dass das "Perfil" des "Recorrido" alles andere als einfach ist. Eine deutlich erkennbare Senke mit anschließendem Gegenanstieg gibt jedenfalls die Möglichkeit das Feld ziemlich weit einzusehen.

Knapp zwei Kilometer, eine Spitzkehre und einen Kreisel mit der obligatorischen Fuente später tauchen dann wieder die schon bekannten Hochhäuser des AZCA - bleiben wir der Einfachheit halber auch weiterhin besser bei der Abkürzung - vor den Läufern auf, mit denen die nördliche Schleife endgültig abgeschlossen wird.

Was auf dem Streckenplan wie eine Querung der Laufstrecke aussieht, die schon darüber nachdenken lässt, ob da die Allerschnellsten nicht doch in den Schwanz des Feldes hinein knallen könnten, entpuppt sich als Überführung, mit der die beiden etwas höher gelegenen Viertel zu beiden Seiten des weiten Paseo ohne jegliche Auffahrtsrampe verbunden sind und bei der deshalb natürlich keinerlei Probleme bezüglich unerwarteter Begegnungen bestehen.

In der spanischen Hauptstadt ist das überhaupt nicht ungewöhnlich. An etlichen Stellen überspannen Brücken ganze Straßenzüge. Und nicht alle Wege, die man sich bei einem oberflächlichen Blick in der Karte zusammengesucht hat, sind auch wirklich existent. Manches was man als "cruce" oder "glorieta" - als Kreuzung oder Kreisel - interpretiert hat, ist in der Realität nämlich eine "puente" ohne jede Querverbindung.

Dazu kommen etliche Tunnels, in denen Straßen eine Zeit lang verschwinden, um anderswo wie aus dem Nichts wieder aufzutauchen. Gerade auf den Hauptachsen wie der Kastilierinnen-Promanade ist der Durchgangsverkehr an den größeren Plätzen oft in eine zweite Ebene abgesenkt und nur, wer die Richtung ändern will, bleibt am Tageslicht. In dieser Metropole muss man manchmal dreidimensional denken. Es ist eben Madrid.

In leichtem Zickzack nähert man sich vorbei an einem riesigen Sportzentrum für die verschiedensten Disziplinen wieder dem Stadtzentrum, was schon alleine daran erkennbar wird, dass die Häuser dichter zusammen rücken und inzwischen durchgängige Fronten bilden. Auch die Straßen selbst werden enger, was für die Atmosphäre nicht unbedingt schädlich ist.

Denn so können die nicht unbedingt in riesigen Scharen an die Strecke geeilten Zuschauer nun immerhin eine gewisse positive Wirkung entfalten. Auf den breiten Boulevards der Anfangsphase hatten sie sich - wenn sie denn dort überhaupt in nennenswerter Zahl vorhanden waren - schließlich ziemlich verloren.

Der Publikumszuspruch ist an einigen Brennpunkten in der Innenstadt zwar durchaus gut, ansonsten jedoch für internationale Stadtmarathons eher durchschnittlich. Immerhin haben aber anscheinend wohl nicht nur Freunde und Familienangehörige sondern auch etliche Anwohner den Weg an die Strecke gefunden.

Allerdings muss man immer wieder feststellen, dass man in dieser Hinsicht bei deutschen Veranstaltungen oft ziemlich verwöhnt wird, während im Ausland meist maximal freundliches Interesse aber keine überschäumende Begeisterung herrscht. Und manchmal kann man - gerade im Süden - als Marathoni sogar froh sein überhaupt geduldet zu werden.

Diesbezüglich gibt es in Madrid allerdings eher weniger Probleme, selbst wenn die Gesichter der Autofahrer, die später in den durch die für den Marathon nötigen Straßensperrungen hängen bleiben werden und sich durch ungewohnte Umleitungen quälen müssen, manchmal doch recht genervt sind. Dank des wirklich gut ausgebauten U- und S-Bahn-Netzes gibt es aber zumindest in der Stadt selbst ausreichend Alternativen.

Rund um die historische Plaza de la Villa stehen neben dem alten Rathaus auch noch einige der ältesten Gebäude der Stadt

Auch wenn sie für den auswärtigen Besucher noch immer quirlig genug erscheint, ist die Metropole an diesem Wochenende ohnehin etwas weniger dicht bevölkert als sonst. Denn die Woche vor Ostern ist in Spanien traditionell Urlaubszeit und Millionen Iberer sind an diesem Wochenende bereits unterwegs in Richtung Strand und Meer.

Doch es gibt auch noch andere Reiseziele in dieser "Semana Santa". Denn überall in Spanien jedoch insbesondere in den südlichen Landesteilen finden während der "heiligen Woche" Prozessionen statt. Jede Stadt hat dabei ihre eigenen Traditionen. Doch meist werden dabei sogenannte Pasos, zum Teil riesige Bilder oder Skulpturen von genau für diesen Zweck gegründeten Bruderschaften auf einem festgelegten Weg durch die Straßen getragen. Die Teilnehmer sind dabei in der Regel mit den typischen spitzen Kapuzen verhüllt.

In manchen Städten wie zum Beispiel in Sevilla ziehen sich die am Palmsonntag beginnenden Feierlichkeiten mit ständig neuen Umzügen über die ganze Woche. Und natürlich stellen diese, obwohl sie keineswegs entstanden sind um auswärtige Besucher anzulocken, längst auch in touristischer Hinsicht eine große Attraktion dar.

Doch in Madrid finden in der Semana Santa und an diesem "Domingo de Ramos" - was wörtlich übersetzt "Zweigsonntag" bedeutet - ebenfalls Prozessionen statt. Zum Teil werden dafür sogar die Kirchentreppen mit Rampen überbaut, um es den Trägern überhaupt zu ermöglichen, ihre Figuren irgendwie ins Freie zu bringen. Dem Marathon kommt der an diesem Tag durch die Innenstadt führende Zug jedoch nicht in die Quere, denn er beginnt erst am Abend.

Inzwischen haben die Marathonis mit Kilometer fünfzehn auch die dritte große Verpflegungsstelle erreicht. Die Madrileños halten sich wie meist im Süden an den vom Leichtathletikverband eigentlich vorgegebenen Rhythmus von fünf Kilometern. Doch da an den jeweils dazwischen liegenden Erfrischungspunkten ebenfalls Wasser in kleinen Flaschen ausgegeben wird und man so in ziemlich kurzen Abständen Flüssigkeit nachtanken kann, ist die Versorgung selbst bei den herrschenden warmen Temperaturen durchaus ausreichend.

Die Elektrolytgetränke, die es an den "Avituallamientos" ebenfalls gibt, werden aber in Bechern ausgeschenkt. Allerdings mühen sich die Helfer oft ziemlich verzweifelt mit deren Füllen nachzukommen. Sie versuchen nämlich in der Regel die Flüssigkeit umständlich durch den Saugverschluss der vom Sponsor angelieferten Flaschen heraus zu spritzen. Die eigentlich naheliegende Idee, einfach den ganzen Deckel abzuschrauben, hat im Eifer des Gefechtes anscheinend niemand. Doch jetzt ein spöttisches "es ist eben Madrid" nachzuschieben, würde wohl nur einem Barceloní einfallen.

Ansonsten kann man allerdings wirklich nicht über die Organisation klagen. Selbst die fallengelassenen Becher und Flaschen werden hinter den Verpflegungsständen sofort wieder aufgelesen. Dazu hat man dort jeweils einige jener in grellen grün und gelb gekleideten Garten- und Müllarbeiter postiert, die auch sonst im Stadtbild nahezu allgegenwärtig sind.

An der Spitze des Rennens ist zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht das geringste passiert. Ein weiterhin fünfzehnköpfiger nur um den später aussteigenden Eritreer Abraham Tadesse ergänzter kenianisch-äthiopischer Pulk macht weiter Tempo und hat die letzten fünf Kilometer in weniger als fünfzehn Minuten zurück gelegt.

Auch die noch sieben Läuferinnen umfassende Führungsgruppe bei den Frauen mit Shuru Diriba Dulumu, Woldegebriel Teamo Shumye, Workhenesh Tola und Desta Girma Tadesse aus Äthiopien sowie Pauline Wangui, Rose Jepchumba und Hellen Kimutai aus Kenia hat nach etwas verschleppten Anfangskilometern nun einen Gang zugelegt und spult die Fünf-Kilometer-Abschnitte in etwa siebzehneinhalb Minuten ab.

Die zuletzt nur in südlicher und westlicher Richtung verlaufende Strecke hat für einen Moment nach Osten abgedreht und auch aus der belaufenen Straße ist wieder eine etwas breitere und schattenspendende Allee geworden. Vorbei am obligatorischen Springbrunnen kommt man nun wirklich in jene "Barrios" genannten Viertel, über die in den Reiseführern geschrieben wird.

An der nächsten Fuente nimmt man dann auch die gewohnte Südausrichtung wieder auf und biegt für den nächsten Kilometer in die in den meisten dieser Bücher als Einkaufsparadies und Modemeile bezeichnete Calle de Fuencarral. Nirgendwo in der Stadt soll es schrägere, alternativere und ausgeflipptere Geschäfte geben, doch gleich nebenan haben sich inzwischen eben auch Nobelboutiquen breit gemacht, die sie langsam verdrängen. Zeit für einen Schaufensterbummel haben die Marathonis aber in diesem Moment ohnehin eher nicht.

Ein ziemliches Kontrastprogramm folgt nur wenige Schritte später, als der Kurs aus der engen, an manchen Stellen fast als Gasse zu bezeichnenden Calle de Fuencarral urplötzlich auf die Gran Via einbiegt. Denn diese ist nun wirklich die absolute Prachtstraße Madrids. Mit fast geschlossener Art-Deco-Bebauung zieht sie sich über einen Kilometer diagonal durchs Stadtzentrum.

Angelehnt an die großen Boulevards anderer Metropolen wurde sie zwischen 1910 und 1930 komplett neu geplant und mitten durch ein dafür abgerissenes Wohngebiet gelegt. Einzig auf einige Kirchen nahm man Rücksicht, so dass die Straße nicht etwa schnurgerade verläuft sondern zwischendurch mehrere markante Knicke besitzt.

Direkt neben dem Edificio Telefónica - jenem mit 89 Metern auch weiterhin höchsten Gebäude an der Gran Via, das als erster echter Wolkenkratzer Europas gilt und bis vor kurzem der Hauptsitz der größten spanischen Telefongesellschaft war - und damit ziemlich genau in der Mitte ist man auf diese vorgestoßen.

Das noch bekanntere und auf vielen Fotos zu sehende Edificio Metrópolis, das mit seiner auffälligen Dachkonstruktion und der deren Spitze krönenden Victoria-Statue die schmale Spitze besetzt, an der sich Calle de Alcalá und Gran Via voneinander trennen, werden die Marathonis während ihres Rennens deshalb nicht zu Gesicht bekommen.

Zwischen dem Palacio Real, dem Stadtpalast des spanischen König und dem Opernhaus Teatro Real erstrecken sich die Grünanlagen der Plaza del Oriente

Doch auch so ist die Straße - und insbesondere ihr gerade belaufener zentraler Teil - mit ihren geschwungen und verschnörkelten Häuserfronten nun wirklich eindrucksvoll genug. Selbst die allseits bekannte amerikanische Frikadellenbrater-Kette, deren Läden ansonsten überall auf der Welt ziemlich gleich aussehen kommt auf der Gran Via deutlich stilvoller daher als üblich.

Nur einige hundert Meter folgt die Strecke dem Prachtboulevard, Dann taucht sie an der Plaza del Callao mit ihrem auffälligen und gleichnamigen Kinopalast aus den Zwanzigern in eine Gasse der zentralen Fußgängerzone Madrids ein, die jedoch direkt zum nächsten Glanzpunkt des nun wirklich mitten durch die touristische Kernzone führenden Marathons hinüber bringt.

"Puerta del Sol" steht auf den wie überall in der Altstadt an den Häuserwänden anstelle von normalen Straßenschildern angebrachten Motivkacheln. Für jede Calle und jede Plaza sind diese auf der iberischen Halbinsel so beliebten Azulejos ganz individuell gestaltet und zeigen neben dem Schriftzug auch jeweils ein Bildmotiv, das zur Bezeichnung passt. Alleine diese unzähligen Details können einen Bummel durch Madrid schon enorm interessant machen.

Von einem "Sonnentor" kann man jedoch auf dem gesamten Platz, auf den die Marathonis zwischen nun wirklich dicht an dicht stehenden Zuschauern hinaus gelaufen sind, nicht das Geringste sehen. Der in den Anfangszeiten der Stadt hier gelegene östlichste und deshalb mit einer Sonne verzierte - denn an ihm war die aufgehende Sonne zuerst zu sehen - Zugang ist längst verschwunden.

Dafür erstreckt sich an dieser Stelle nun eine halbkreisförmige Plaza, auf der sich neben einem Denkmal für den spanischen König Karl III sowie den unverzichtbaren beiden Springbrunnen auch eine Statue des sich zum Erdbeerbaum streckenden Madrider Bären findet. Vor allem "Oso y el Madroño" sind natürlich ständig auch von Fotografen umlagert.

Unter der Puerta del Sol kreuzen sich auf mehreren Ebenen ein halbes Dutzend U- und S-Bahn-Linien, was sie zu einem der wichtigsten Verkehrsknoten im Stadtzentrum macht. Kaum ein Platz in Madrid ist belebter und fast ständig herrscht auf ihm Trubel. Aber genau deshalb ist er auch nicht unbedingt gemütlich und seinen Kaffee trinkt man dann doch lieber anderswo.

Auffälligstes Gebäude am Sonnentor ist die "Casa de Correos" mit ihrem Glockenturm, auf den die Marathonis beim Verlassen der Fußgängerzone zusteuern und den sie später auch als Motiv auf der Medaille mit nach hause nehmen werden. Dieses "Posthaus", in das inzwischen die Regierung der Comunidad de Madrid eingezogen ist, spielt nicht nur in der Silvesternacht eine wichtige Rolle, wenn von ihm aus mit Hilfe eine Live-Übertragung im Fernsehen für ganz Spanien das neue Jahr eingeläutet wird.

Fast genau achtzig Jahre vor dem vierunddreißigsten Madrider Marathon am 14. April 1931 wurde von seinem Balkon aus auch die - allerdings nicht allzu lange lebende - spanische Republik ausgerufen. Wenig verwunderlich, dass anlässlich dieses Jahrestages am Donnerstag vor dem Rennen an der Puerta del Sol eine Gedenkfeier stattfand.

Wer von den ausländischen Lauftouristen an diesem Tag über die Plaza spaziert war, wird sich deshalb vermutlich auch über die vielen Menschen mit den seltsamen Fahnen gewundert haben, die dort zu sehen waren. Statt des allseits bekannten und heute üblichen rot-gelb-rot war der untere Streifen der Flagge der Republik nämlich purpurn, was zu einer doch ziemlich gewöhnungsbedürftigen Farbkombination führt.

Zwar ist der spanische König Juan Carlos, der mit dem Ende des Franco-Regimes die Demokratisierung einleitete, spätestens seit er wenige Jahre danach mit einer energischen Fernsehansprache, in der er der Armee unmissverständlich befahl in den Kasernen zu bleiben, einen Putschversuch beendete, in großen Teilen der Bevölkerung vollkommen unumstritten. Doch selbstverständlich gibt es trotzdem auch den einen oder anderen Befürworter einer republikanischen Staatsform.

Für die Marathonläufer liegt an der Puerta del Sol zwar ungefähr Kilometer achtzehn, aber für das System der spanischen Nationalstraßen ist genau vor der Casa de Correos Kilometer Null. In den Boden hat man eine natürlich ebenfalls viel fotografierte Plakette eingelassen, die den Punkt markiert von dem die Entfernungen auf den von hier aus in alle Richtungen hinaus ins Land verlaufenden Straßen berechnet werden.

Erst Ende des zwanzigsten Jahrhunderts wurde nach über hundert Jahren Bauzeit die Kathedrale von Madrid vollendet An der Plaza de España endet der Ausflug des Marathonkurses ins Zentrum der Stadt fürs Erste Hinter der Halbmarathonmarke wird die Strecke im Parque del Oueste ziemlich grün

Rund um die Plaza sind das zwar eigentlich zuerst einmal hauptsächlich kleine Gässchen oder gar Fußgängerzonen, doch bevor die Zeit des Autos begann, waren sie vollends ausreichend. Und betrachtet man sie auf der Karte und sucht ihrer Verlängerung, stellt man fest, dass aus einigen von ihnen tatsächlich immer größere Straßenzüge und schließlich wichtige Überlandverbindungen werden.

Eine der größeren Straßen, die von der Purta del Sol abgeht, und eine der wenigen, auf der an normalen Tagen überhaupt noch der Verkehr - wenn auch wegen einer Einbahnstraßenregelung nur in eine Richtung - rollt, ist die Calle Mayor, auf die der Marathonkurs nun einschwenkt. Die "Hauptstraße", wie die Übersetzung kurz und knapp lautet, gehört wie die Gran Via zu den wichtigsten touristischen Achsen Madrids, ist jedoch wesentlich älter, dafür aber auch um einiges schmäler.

Gleich eine ganze Reihe wichtiger Sehenswürdigkeiten finden sich auf ihr oder in ihrer direkten Umgebung. Als erstes wäre da die Plaza Mayor zu nennen, über die der Marathon zwar nicht hinweg führt, die aber nur wenige Meter entfernt liegt. Von der Strecke aus sehen - und wenn dann auch nur für einen kurzen Moment - kann man sie allerdings nur, wenn man die genauen Ecken kennt, an denen man den Kopf zur Seite drehen müsste.

Der zur Zeit der Habsburger Herrscher angelegte rechteckige Platz, dessen Größe die eines Fußballfeldes locker übertrifft, hat nämlich eine einheitliche Rundumbebauung inklusive Arkaden und ist nur über wenige Tordurchbrüche zu erreichen. Gerade deswegen wird er aber wohl mit Recht als der Harmonischste und Schönste in ganz Madrid gepriesen.

Ein wenig stellt er mit seinen Cafés, Restaurants und kleinen Geschäften schon den Gegenpart zur quirligen Purta del Sol dar. Auf der Plaza Mayor ist zwar auch viel Leben, scharen sich Touristengruppen um ihre Reiseführer, bieten Maler ihre Bilder an, bemühen sich Gaukler um die Aufmerksamkeit des Publikums. Aber es geht dennoch deutlich geruhsamer zu.

Die Plaza de la Villa ist dagegen kein Platz, auf dem man es sich gemütlich machen kann. Bei ihm schauen die auswärtigen Besucher höchsten einmal kurz vorbei, um ihn sich anzusehen. Und Einheimische machen sich eher rar. Denn das direkt neben der Calle Mayor gelegene Plätzchen ist nicht von Straßencafés sondern vom früheren Rathaus und einigen weiteren kleinen Stadtpalästen aus dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert umgeben.

Schon der Name des Platzes, der zu einer Zeit endgültig bebaut wurde, als die Hauptstadtrolle Madrid gerade erst übertragen worden war, hat etwas Bezeichnendes. "Villa" meint im Spanischen nämlich eher ein Städtchen oder einen Marktflecken. Eine richtige, eine große Stadt würde man dagegen als "Ciudad" bezeichnen.

Auch im weiteren, nicht mehr allzu langen Verlauf der Calle Mayor bestimmen Kirchen und Stadtpaläste aus Renaissance und Barock das Bild. Doch die werden - wohl auch angesichts des Überangebotes an Sehenswerten auf den letzten beiden Kilometern - von den Marathonis deutlich weniger beachtet als die an der Straße aufgebaute Dusche. Es ist zwar nicht unerträglich heiß aber durchaus warm, da kann ein wenig Kühlung nicht schaden.

Doch noch immer geht es Schlag auf Schlag. Denn am Ende der Hauptstraße wartet zuerst einmal die Kathedrale von Madrid auf die Passage der Läufer. Auch wenn sie auf den ersten Blick schon etwas älter wirkt, wurde die "Catedral de Santa María la Real de la Almudena de Madrid", wie sie mit vollem Namen heißt, nach über hundertjähriger Bauzeit erst vor einigen Jahren nämlich 1993 endgültig fertig gestellt und von Papst Johannes Paul II persönlich eingeweiht.

An der Puerta de San Vicente kommt der Marathonkurs nach 25 Kilometern am Flüsschen Manzanares an … … mit Schloss und Kathedrale im Rücken kann man auf der Brücke kurz darauf wieder einmal Flüssigkeit nachtanken

Mit dem Rechtschwenk an der Bischofskirche bekommt man als nächsten Höhepunkt und Zwischenziel nun auch noch das Königsschloss, den Palacio Real präsentiert, der sich die Anhöhe über dem Fluss Manzanares mit der Kathedrale teilt. Der Palast steht an der gleichen, strategisch günstigen Stelle, an der die arabischen Eroberer ihre erste Befestigung errichteten.

Während man jedoch anderswo diese maurischen Burgen und Paläste auch nach der christlichen Rückeroberung oft als Kern der Anlage bestehen ließ und sie im Laufe der Jahre einfach nur im jeweiligen Baustil der Zeit stetig erweiterte, ist das Madrider Schloss notgedrungenermaßen ein kompletter Neubau aus dem achtzehnten Jahrhundert.

Denn der alte Alcazár, den die Habsburger sehr wohl noch benutzt hatten, brannte ausgerechnet an Weihnachten 1734 völlig aus. Phillip V und sein Nachfolger Karl III - der in Madrid aufgrund seiner regen Bautätigkeit als "bester Bürgermeister der Stadt" gilt und dessen Denkmal an der Puerta del Sol steht - aus dem nach Ende der Habsburgischen Erblinie auf den spanischen Thron gekommene Haus der Bourbonen ließen ihn im barocken Stil wieder aufbauen.

Der Palast beeindruckt nicht nur durch seine Größe sondern auch und vor allem durch seine Lage. Von der Westseite her ist er hoch über dem Flusstal sowieso schon aus größerer Entfernung zu erkennen. Doch auch nördlich schließt sich mit einem Park erst einmal eine Freifläche an, die den Blick nicht verstellt. Im Süden ist zwischen Kathedrale und Schlosshof zumindest ein kleiner Platz angelegt. Und nimmt man beide zusammen als ein Ensemble, stellt sich auch aus dieser Himmelsrichtung erst einmal nichts in den Weg, was die Sicht stören könnte.

Im Osten des Palacio macht dann die weitläufige Plaza de Oriente auch auf der letzten Seite ein weitgehend freien Zugang zu ihm möglich. Irgendwo zwischen weiträumigen Platz und kleinem Park müsste man dieses weitere Schmuckstück in der Madrilenischen Juwelensammlung wohl einordnen.

Mit Baumreihen und in geometrische Formen geschnittenen Hecken sowie dazwischen Parkbänken und - man würde es kaum vermuten - Springbrunnen lädt auch diese Plaza, an der sich dem Schloss genau gegenüber auch das "Teatro Real", das Opernhaus der Stadt befindet, zum längeren Verweilen ein. Es ist halt Madrid.

Es hätte der absolute Höhepunkt der Stadtbesichtigung im Schnellverfahren und Laufschritt werden können und sollen. Auf dem Streckenplan führt die Linie direkt am Palast vorbei. Doch wieder einmal spielt dieser dem einfach noch nicht an die Dreidimensionalität Madrids gewöhnten Besucher einen kleinen Streich.

Denn selbst wenn die Marathonstrecke in der Vergangenheit tatsächlich auch schon über den Platz und direkt an der langen Front des Palacios vorbei verlief, diesmal führt sie unter ihm hindurch. Vor der Plaza de Oriente beginnt nämlich ein Tunnel, in dem die Marathonis verschwinden müssen, um dann erst hinter dem königlichen Schloss endlich wieder ans Tageslicht zu kommen.

Mit dem Sitz des spanischen Senats, dem Oberhaus des spanischen Parlaments - wie sein Gegenstück für den Congreso de los Diputados auf der anderen Seite des Altstadtkerns ein alter Palacio mit einem ziemlich modernen Anbau - wird die Reihe der Sehenswürdigkeiten noch ein wenig fortgesetzt, bevor sie sich an der Plaza de España langsam wirklich dem Ende nähert.

Dieser großräumige Platz - er könnte nun wirklich mit Grasflächen und vielen Bäumen auch als Park durchgehen - bildet den Übergang zwischen dem alten Madrid mit seinen verwinkelten Gassen und den wesentlich geometrischer angelegten neuen Vierteln. Von nun an werden auch wieder ganz normale Schilder und keine bunt verzierten Azulejos die Straßen benennen.

Zwei über einhundert Meter hohe Wolkenkratzer aus den Fünfzigern, der "Edificio España" und der "Torre de Madrid", die nacheinander höchstes Gebäude der Stadt waren, umgeben den Platz. Doch sein Hauptanziehungspunkt ist das Cervantes-Denkmal in der Mitte. Zu Füßen des spanischen Nationaldichters reiten dort Don Quijote auf seiner Rosinante und Sancho Pansa auf seinem Esel durch eine virtuelle Mancha, jene weite Ebene, die der südlich von Madrid gelegenen Comunidad Castilla-La Mancha, den zweiten Teil ihres Namens verschafft hat.

An der markanten Metrostation "Lago" gilt es eine kurze aber heftige Rampe hinauf zu klettern Nach 34 Kilometern wird der Manzanares und seine wieder zur Promenade umgestalteten Ufer ein zweites Mal überquert … … einen Kilometer später kann man einen weiteren Blick auf die Kathedrale werfen, diesmal von unten

Den nun wirklich endgültig letzten optischen Leckerbissen, bevor man erst einmal durchschnaufen und die Eindrücke verarbeiten kann, ist der Templo de Debod schräg gegenüber der Plaza España. Ursprünglich stand dieser Tempel im ägyptischen Niltal, doch war er mit dem Bau des Assuan-Staudammes wie viele andere Kunstschätze von der Überflutung bedroht.

Spanien half dabei diese - insbesondere den bekannten Tempel von Abu Simbel - vor dem endgültigen Untergang zu bewahren und erhielt dafür von der Regierung Ägyptens den ebenfalls fein säuberlich in Einzelteile zerlegten kleinen Templo de Debod als Geschenk. Im Madrider Parque de la Mantaña wurden diese Stücke dann direkt neben einem der schönsten Aussichtspunkte der Stadt wieder zusammengesetzt.

Ganz langsam und angesichts der schnellen Abfolge von Interessantem neben der Strecke fast unmerklich hat man sich inzwischen schon der Halbmarathonmarke genähert. Sie befindet sich auf einer Passage, während der man im Stadtviertel Argüelles die eine Straße hin und die Parallelstraße gleich wieder zurück läuft, um noch einen zusätzlichen Kilometer zu schinden.

Die Spitzengruppe, die an diesem Punkt vorbei eilt, ist inzwischen auf zwölf Läufer geschrumpft. Die meisten Tempomacher haben ihre Schuldigkeit getan und sich verabschiedet. Das Dutzend, das jetzt noch vorne dabei ist, hat nahezu ausschließlich auch die Absicht durchzulaufen. Bei ziemlich flotten 1:04:35 lösen die Matten für den afrikanischen Schnellzug aus. Nur zum Vergleich sei erwähnt, dass für den deutschen Halbmarathontitel 2011 eine 1:04:16 genügte.

Zwei Hände voll Kenianern - die Namen David Toniok Cherono, Thomson Cherogony, Moses Arusei, Michael Kamugu Chege, Francis Kiprop, Jonathan Kipkorir Kosgei, Matthew Bungei, Alex Kirui, Francis Kibiwot sowie Amos Maiyo werden wohl wirklich nur absoluten Fachleuten etwas sagen - stehen dabei mit Gamal Belal Salem und Mitku Suboka Tulu gerade einmal zwei Äthiopier gegenüber.

Auch die sieben schnellen Damen aus Ostafrika hängen noch dicht zusammen. Mit einer Zwischenzeit von 1:15:32 dürfte es allerdings mit einem Endergebnis unter 2:30 bereits ganz schön eng werden. Selbst wenn auch bei den Frauen immer mehr Läuferinnen aus Kenia und Äthiopien in internationalen Rennen mitmischen, ist die Leistungsdichte bei weitem noch nicht so hoch wie unter ihren männlichen Kollegen, bei denen selbst Zeiten von 2:07 längst zur Dutzendware geworden sind.

Hinter dem Schlenker durch Argüelles senkt sich der Kurs recht abrupt und ohne großen Übergang hinunter in den Parque del Queste, dem Westpark. Dass auf dem Kreisel, der den Autoverkehr am Parkeingang ein bisschen verteilt, natürlich auch wieder ein großer Springbrunnen plätschert, müsste eigentlich schon gar nicht mehr erwähnt werden. Es ist eben Madrid.

Nach dem Innenstadtpart wird nun jedenfalls der eher naturnahe Teil des Kurses folgen. Madrid ist nämlich durchaus grüne Stadt mit vielen Parks in direkter Nähe des Zentrums. Unweit der Parque del Queste erstreckt sich zum Beispiel direkt unterhalb des Schlosses der Campo de Moro, der seinen Namen "Maurenfeld" von einer Belagerung der erst wenige Jahrzehnte zuvor von den Christen eroberten Burg im Jahre 1109 hat.

Im Osten der Innenstadt findet sich neben dem Botanischen Garten vor allem der weit über einen Quadratkilometer große "Parque del Buen Retiro", dem nicht nur bei ausländischen Gästen das "buen" meist abhanden kommt und der deshalb einfach zum "Rückzugspark" - oder noch kürzer zu "El Retiro", also "dem Rückzug" - wird.

Doch ist er tatsächlich ein ziemlich großes Rückzugsgebiet für Städter auf der Suche nach ein bisschen Natur, nahezu zu jeder Tageszeit bevölkert von Spaziergängern, Joggern und Radfahrern. Ihn werden die Marathonis später noch zu Gesicht bekommen, die Zehn-Kilometer-Läufer haben es schon. Denn für beide Rennen befindet sich dort das Ziel.

Insgesamt führt fast ein Viertel der Strecke durchs Grüne, was dem Anspruch "Stadtmarathon" ein wenig zu widersprechen scheint. Doch ganz so ungewöhnlich ist es am Ende dann auch wieder nicht. In Florenz, Wien oder München und sogar in der Weltstadt Paris mit ihrem weit über dreißigtausend Teilnehmer anziehenden Megamarathon werden schließlich ebenfalls größere Abschnitte durch Parks gelaufen.

Mit dem größtenteils leicht abfallenden Abschnitt im Parque del Oueste nähert man sich auch dem tiefer gelegen Teil des Kurses. Schon die lange Gerade, die - nachdem man den Park wieder verlassen hat - noch einmal durch ein Wohngebiet zurück zum am Fuße des Schlosses gelegenen Bahnhof Príncipe Pío führt, befindet sich nur noch unwesentlich über dem Niveau des Manzanares. Und dessen Ufer markiert den niedrigsten Punkt im Perfil des Recorrido.

Gegenüber der Estación de Príncipe Pío, in der einige Vorortlinien beginnen und sich zudem mehrere U-Bahn-Strecken begegnen, die aber eben auch deshalb von so vielen Menschen frequentiert wird, weil ein nicht mehr benötigter Trakt zu einem sich über mehrere Stockwerke erstreckenden Einkaufszentrum umgestaltet wurde, steht auf der Glorieta de San Vicente das gleichnamige Tor.

Es ist nicht das Original aus dem achzehnten Jahrhundert, das in der Mitte des Kreisels aufragt. Dieses musste schon hundert Jahre nach seiner Errichtung der Umgestaltung dieser Gegend aufgrund des sich entwickelnden Verkehrs weichen. Doch vor einiger Zeit hat man nun wieder eine Nachbildung an der ursprünglichen Stelle positioniert. So ist das halt in Madrid manchmal. Und fertig wird die Stadt wohl nie.

Diese Puerta de San Vicente markiert ziemlich exakt Kilometer fünfundzwanzig des Marathons. Noch immer hängen dort in Männer- und Frauenspitze zwei ziemlich starke Gruppen zusammen. Und außer den Zwischenzeiten von 1:16:26 und 1:29:44 gibt es eigentlich nur zu vermelden, dass mit Jonathan Kipkorir Kosgei nun auch der letzte Hase seine Arbeit verrichtet hat und dass Rose Jepchumba langsam aber sicher den Anschluss verliert.

Aus den Dudelsäcken tönt "Chariots of fire", da ist die Gänsehaut fast garantiert Im auffälligen Bau des Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía wird Moderne Kunst gezeigt Das wuchtige Gebäude gegenüber des Museum beherbergt das Landwirtschaftministerium

Mit Schloss und Kathedrale im Rücken und der nächsten Verpflegungstelle auf der anderen Seite der Brücke vor sich geht es über den nicht unbedingt breiten Manzanares. Madrid habe nicht einmal einen Fluss, um sich darin zu ertränken, spottet man über ihn, der sicher nicht mit Seine oder gar Themse zu vergleichen ist und zudem auch noch am eigentlichen Zentrum der Stadt vorbei führt.

Doch inzwischen ist er wieder verstärkt zum Anziehungspunkt für Einheimische und Auswärtige geworden. Denn in einem echten Großprojekt hat man seine Ufer komplett umgestaltet und die am Manzanares entlang führende Schnellstraße praktisch überall unter die Erde verlegt. In den frei gewordenen Flächen sind Grünanlagen und Promenaden entstanden, die sich zu einem viele Kilometer langen Park verbinden. Mehrere neue Fußgängerbrücken wurden ebenfalls geschlagen.

Die Madrileños haben ihren Fluss, der lange nur als Verkehrstrasse diente, inzwischen wieder nahezu vollständig zurück erhalten. Nur in den Anlagen wird noch an einigen Stellen gewerkelt. Und bis aus den frisch gesetzten Jungpflanzen überall richtige Bäume geworden sind, werden wohl noch ein Jahre ins Land gehen. Doch Madrid wird auch dort sicher schön, wenn es einmal fertig ist.

Jenseits der Brücke findet sich der aus einem Säulenhalbkreis bestehende Eingang zu einer weiteren Grünfläche der Stadt. "Casa de Campo" wird sie genannt, was ein ziemlich ungewöhnlicher Name für einen Park ist, bedeutet es doch übersetzt ungefähr "Landhaus". Er stammt von einem kleinen Jagdschlösschen, das sich in diesem siebzehn Quadratkilometer großen Gebiet befand.

Auch der Begriff "Park" ist ein wenig missverständlich, denn im Gegensatz zu den gepflegten, oft sogar regelrecht durchkomponierten Anlagen, die man in anderen der Madrider Parques finden kann, ist das Areal weitgehend naturbelassen und besteht - wie es sich für ein ehemaliges Jagdrevier gehört - größtenteils aus Wäldern und Wiesen. Kaum einen Kilometer entfernt vom königlichen Palast kann man als passionierter Geländeläufer bereits die schönsten Trampelpfade finden.

Der Marathon wählt auf seinem langen Weg durch die grüne Lunge Madrids allerdings eine asphaltierten Route, selbst wenn diese an einigen Stellen mit einer richtigen Straße nicht mehr wirklich viel zu tun hat sondern maximal den Charakter eines Radweges besitzt. Rund sechs Kilometer lang ist die Schleife, die in der Casa de Campo zu absolvieren ist.

Sie hat allerdings keineswegs die Form eines großen Bogens sondern besteht vielmehr aus einem langen Schlauch, auf dem man die Läufer, die in der Gegenrichtung unterwegs sind zwischendurch sogar manchmal zu Gesicht bekommt. Nur am unweit des Parkeinganges gelegenen kleinen See schlägt die Strecke einen Haken, um die Wasserfläche weitgehend zu umrunden.

In der Casa de Campo, praktisch in Sichtweite des Stadtzentrum befand sich während des Spanischen Bürgerkriegs in den Dreißigern ein heftig umkämpftes Schlachtfeld. Die Madrid beherrschenden Republikaner konnten dabei den ersten Versuch der Erstürmung durch die Nationalisten Francos abwehren, was eine fast dreijährige Belagerung der Metropole zur Folge hatte. Mit ihrem Fall am 28. März 1939 war der blutige Krieg, der mehr als eine halbe Million Menschen das Leben kostete, praktisch beendet.

Ein etwas anderes "Schlachtfeld" hatte zwei Tage vor dem Rennen aber auch ein Teil der Madrider Jugend in der Casa de Campo hinterlassen. Nach einer sogenannten "Botellón", bei der sich etliche Tausend aus selbst mitgebrachten in Flaschen - auf Spanisch "botella", daher auch der Name für das damit veranstaltete Gelage - praktisch mit Vorsatz betrunken hatten, war der Park so sehr mit Müll übersäht, dass die Aufräumarbeiten den ganzen Samstag andauerten.

An der weiten Plaza del Emperador Carlos V sind mehr als 39 Kilometer geschafft Auch der Hintereingang des Landwirtschaftministerium ist durchaus imposant Das Jerónimos-Viertel zwischen Stadtkern und Retiro-Park ist eine der besten Wohnadressen Madrids

Die Marathonis bemerken während ihres Rennens zwar nichts mehr davon. Die Grünkollonen der Stadt haben ganze Arbeit geleistet. Doch musste dafür zum Teil sogar schweres Gerät in Form von Baggern eingesetzt werde. Das Ergebnis der ziemlich ausgeuferten Feier beschäftigt neben allen Zeitungen jedenfalls nicht nur die lokalen sondern sogar die nationalen Fernsehsender.

Auch die Casa de Campo bringt noch lange keine Vorentscheidung im Rennen. Nur ganz langsam lichten sich die Reihen. Mitku Suboka Tulu ist zwar zusammen mit Michael Kamugu Chege und Amos Maiyo aus der Kopfgruppe heraus gefallen, so dass sich nun Gamal Belal Salem als einziger Äthiopier gegen die Kenianer stemmt. Und auch Matthew Bungei beginnt langsam den Anschluss zu verlieren.

Doch noch immer liegen sieben Athleten ziemlich dicht an der Spitze zusammen und haben dabei noch immer die Marke von 2:10 im Visier. Dahinter hält der fast von Beginn an praktisch alleine laufende Ukrainer Vasily Matvichuk als bester Europäer den Rückstand mit zweieinhalb Minuten in einem einigermaßen erträglichen Rahmen.

Aus dem von Shuru Diriba Dulumu, Woldegebriel Teamo Shumye, Workhenesh Tola, Desta Girma Tadesse Pauline Wangui und Hellen Kimutai gebildeten Sextett hat sich ebenfalls noch keine der Läuferinnen lösen können. Nur die inzwischen über eine Minute zurück liegende Rose Jepchumba hat sich endgültig aus dem Kampf um die Treppchenplätze verabschiedet.

Die lange und ohne große Höhenunterschiede verlaufende Schleife durch die Casa de Campo endet kurz vor dem Kilometerschild mit der Zweiunddreißig. Aus einer letzten herrlichen Allee wird nach einem scharfen Rechtsknick urplötzlich eine heftige und zudem auch noch voll in der Sonne liegende Rampe.

Wer zum Abholen der Startnummern den Weg über die gerade passierte Metrostation "Lago" - man befindet sich nämlich wieder in der Nähe des Sees - gewählt hatte, konnte jedoch bereits ahnen, was da nun kommt. Denn das Ausstellungsgelände, neben dem man den Park wieder verlassen soll, liegt ein ganzes Stück oberhalb.

Zwar neigt sich die Strecke nach dem Erreichen der einst als Hauptausfallstraße angelegten, inzwischen aber verkehrsberuhigten Avenida de Portugal bald wieder dem Fluss entgegen. Doch die wenigen hundert Meter lange, in ihrem steilsten Abschnitt aber wohl zweistellige Prozente erreichende Steigung reicht als Rhythmusbrecher gerade in einer so späten Rennphase selbstverständlich trotzdem voll und ganz aus.

Für den nächsten Kilometer orientiert sich die Strecke am Manzanares. Doch abgesehen von der Kreuzung an der Puente de Segovia - über diese älteste Brücke der Stadt spottet man wegen ihrer Ausmaße gerne "ziemlich viel Brücke für ziemlich wenig Fluss" - bekommt man ihn eigentlich nicht zu Gesicht, da zuerst die Abdeckungen der unter die Erde verlegten Schnellstraße und danach eine Reihe Häuserblocks den Blick versperrt.

Die Sicht wird erst wieder freier, als der Kurs nach links abdreht, um nun den Fluss tatsächlich zum zweiten Mal zu überqueren. Gegenüber liegt direkt am Ufer das zweite große Fußballstadion Madrids, das Estadio Vincente Calderon. In ihm absolviert der Lokalrivale von Real, der Club Atlético de Madrid seine Heimspiele.

Doch schon alleine der gegenüber dem Estadio Santiago Bernabeu deutlich baufälligere Eindruck zeigt, dass bei Atlético die Gelder nicht ganz so locker sitzen wie bei den Blancos aus dem Norden der Stadt. Und die direkt unter der Haupttribüne hindurch führende Uferschnellstraße tut ein Übriges zum ziemlich ungewöhnlichen Gesamtbild.

Auf der anderen Seite des Manzanares macht sich die Strecke sofort wieder auf den Rückweg zur Puente de Segovia, an der nun schon ein Stück hinter der fünfunddreißigsten Kilometertafel der Anstieg zurück zum immerhin ungefähr siebzig Meter höher gelegene Ziel im Parque del Buen Retiro beginnt.

Schnurgerade läuft man auf der Calle de Alfonso XII fast einen Kilometer entlang des Retiro-Parks der Puerta de Alcalá entgegen

Und während - selbst wenn jetzt auch Hellen Kimutai langsam kämpfen muss, um den Anschluss zu halten - die Frauen noch immer zu sechst sind, geht die Männerspitze doch schon deutlich zerrupfter in die letzten Kilometer. Nur noch Moses Arusei, Francis Kibiwot, Thomson Cherogony und David Toniok Cherono laufen vorne zusammen. Francis Kiprop, Gamal Belal Salem und Alex Kirui kommen dahinter mit Abständen zwischen fünf und zehn Sekunden jeweils einzeln vorbei. Alle anderen, die das noch immer auf 2:10 hinaus laufende Tempo lange mitgehen konnten, sind nun schon um ein bis zwei Minuten abgeschlagen.

Vor den Marathonis ist nun wieder die Kathedrale erkennbar. Doch befindet sie sich etliche Meter oberhalb auf dem an dieser Stelle relativ steil abfallenden Plateau. Würde man auf der gerade belaufenen Calle de Segovia bleiben müsste dieser Höhenunterschied innerhalb kürzester Zeit überwunden werden.

Aber die Streckenplaner haben einen anderen als den direkten Weg gewählt, denn der Marathon schlägt stattdessen einen weiten Halbkreis um die gesamte Innenstadt. Die zu bewältigenden Höhenmeter werden damit zwar nicht weniger. Doch die Steigung fällt so ziemlich moderat und - ungewöhnlich für das eigentlich recht wellige Madrid - auch extrem gleichmäßig aus. Dass dafür natürlich der Kurs optisch auch deutlich weniger interessant gerät, als wenn er noch einmal quer durchs Zentrum führen würde, lässt sich in diesem Zusammenhang durchaus verschmerzen.

Die Helfer, die für den mobilen Verteilungsservice für Vaseline, Kälte- und Wärmespray eingeteilt und deshalb auf Rollschuhen ständig im Feld unterwegs sind, haben auch so inzwischen genug zu tun. Einen mit Fahrrädern auf der Strecke patrollierenden Sanitätsdienst hat man ebenfalls organisiert. Auch in dieser Hinsicht kann man über die Planung und Durchführung der Veranstaltung also nicht die geringste Klage führen.

Vier Kilometer vor dem Ziel intoniert eine kleine Kapelle mit der spanischen Variante des Dudelsacks die Titelmelodie von Chariots of Fire, jenes musikalische Motiv - das selbst wenn es eigentlich aus einem Film über zwei Sprinter stammt - wohl wie kein anderes für die weltweite Lauf- und Marathonbewegung steht und auch heute noch gerne zur Untermalung von Startszenen benutzt wird. Durch die ungewöhnliche Instrumentierung der ohnehin schon Emotionen weckenden Klänge ist eine leichte Gänsehaut trotz zwanzig Grad Außentemperatur in diesem Moment kaum zu vermeiden.

Auch wenn es durchaus viele Teilnehmer gibt, die darauf eigentlich gar keinen Wert legen, muss man trotzdem feststellen, dass die musikalische Untermalung im Vergleich zu anderen Stadtmarathons nicht übermäßig üppig ausfällt. Nur ein gutes halbes Dutzend Kapellen und Bands spielt unterwegs am Streckenrand.

Das wird sich wohl im Jahr 2012 ändern müssen, wenn der Lauf von Madrid als erste europäische Veranstaltung in die in den USA extrem erfolgreichen Serie der Rock'n Roll Marathons einsteigt. Man darf sich schon allerdings fragen, ob deren doch ziemlich amerikanisches Konzept so einfach auf die noch deutlich leistungsorientierte spanische Szene zu übertragen sein wird. Aber vielleicht hofft man ja mit diesem Schritt auch nur auf mehr ausländische Lauftouristen, um dem Rivalen aus Barcelona wieder den Rang abzulaufen.

Vorbei an der Iglesia de San Manuel y San Benito muss man auch auf dem letzten Kilometer noch einmal ein wenig klettern

Der fast vier Kilometer lange Halbkreis endet am Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, jenem nach der spanischen Königin benannten Museum für moderne Kunst, für das man einem zuvor zwei Jahrhundert lang als Krankenhaus dienenden Gebäude einen futuristischen Anbau mit einem riesigen überdachten Innenhof beigefügt hat. Das dem Namen nach bekannteste ausgestellte Bild dürfte vermutlich Picassos "Guernica" sein, das nach der Bombardierung der baskischen Stadt im Bürgerkrieg entstand.

Dahinter weitet sich der Boulevardring zur - natürlich mit einem Springbrunnen besetzten - Plaza del Emperador Carlos V, die ihren Namen nach den gleichzeitig den spanischen Königs- wie den deutschen Kaisertitel tragenden und hierzulande als Karl V bekannten Habsburger hat, von dem angeblich höchstpersönlich der Spruch mit der über seinen Reich nicht untergehenden Sonne stammen soll.

Die gegenüber liegende Seite, auf die das Läuferfeld nun zusteuert, nimmt der wuchtige Bau des Landwirtschaftsministeriums ein. Rechts ist zudem ein wenig abgesenkt die Estación de Atocha, der größte Fernbahnhof Madrids zu erkennen. Nachdem das alte Jugendstilgebäude nicht mehr ausreichte, wurde ihm eine moderne neue Station mit deutlich mehr Gleise und Bahnsteigen vorgelagert. In die alte nun ungenutzten Halle zog dagegen ein tropischer Garten ein, unter dessen Palmen man auf seinen Zug warten kann. Um originelle Ideen ist man in Madrid jedenfalls nie verlegen.

Kaum hat man die Vorderfront des Ministerio de Agricultura passiert, knickt die Strecke einerseits nach links ab und andererseits noch einmal deutlich nach oben. Zweihundert Meter später ist man am Hintereingang des Gebäudes und gleichzeitig mindestens zwei oder drei Stockwerke weiter oben angekommen. Man hat mit dem Überwinden dieser Steigung auch den Retiro-Park erreicht, allerdings genau an der falschen, der südwestlichen Ecke. Noch immer sind nämlich zum Ziel im Nordosten zwei Kilometer zurück zu legen.

Weder die lange gleichmäßige noch die kurze ruppige Steigung haben bei den Frauen für eine Entscheidung sorgen können. Die vier Äthiopierinnen haben nun zwar mit Hellen Kimutai auch die letzte Konkurrentin aus dem Nachbarland ein Stück hinter sich gelassen, doch noch immer laufen sie Seite an Seite. Auf Rang sieben und acht hat sich dagegen die erste Verschiebung seit der Anfangsphase ergeben, denn die Kubanerin Yailen Garcia Dome hat die einbrechende Rose Jepchumba inzwischen eingesammelt.

Da sind die Lücken bei den Herren schon deutlich größer. An der Spitze hat Moses Arusei zwar gerade einmal drei Sekunden Vorsprung. Doch Thomson Cherogony ist der einzige verbliebene Verfolger. Francis Kibiwot und Francis Kiprop liegen als Dritter und Vierter dagegen schon eine halbe Minute zurück. Und der noch an der Puente de Segovia mit in der Kopfgruppe liegende David Toniok Cherono hat sich inzwischen weit über eine Minute eingehandelt und ist sogar hinter den Äthiopier Gamal Belal Salem auf Platz sechs zurück gefallen.

Doch nicht nur er ist langsamer geworden, insgesamt ist das bis zum Beginn des Anstiegs extrem hohe Tempo ein wenig gefallen. Eine volle Minute geht auf diesem Abschnitt verloren und die erhoffte Zeit unter 2:10 ist inzwischen in weite Ferne gerückt. Die bisher bei 2:11:27 stehende Streckenbestmarke kommt nun allerdings wirklich bedenklich ins Wackeln.

Den vorletzten Kilometer führt die Strecke schnurgerade immer am Parque del Buen Retiro entlang. Gleich an mehreren prunkvollen Eingangsportalen kommt man dabei vorbei. Die Häuser auf der anderen Straßenseite sind dazu durchaus passend, gehört doch dieses am Park beginnende und am Paseo del Prado endende Jerónimos-Viertel zu den besten Wohnadressen Madrids.

Bevor hinter dem prächtigen Eingangstor der Abschluss im Parque del Retiro ansteht … … führt der Kurs direkt an der Puerta de Alcalá, die auch das Logo des Madrider Marathons ziert

Das nur langsam näher kommende Ende der Gerade wird von der ebenfalls unter dem "besten Bürgermeister" Karl III errichteten, klassizistischen Puerte de Alcalá eingenommen. Sie ist das größte und auffälligste der verbliebenen Stadttore. Mit ihren fünf Bögen ist sie nicht nur ein weiteres Wahrzeichen Madrids sondern findet sich als Hintergrund für mehrere Läufer auch auf dem Marathonlogo.

Die Hoffnung, dass der am Tor beginnende Schlusskilometer einigermaßen flach verlaufen könnte, trügt. Der Retiro-Park hat nämlich eine leichte Hanglage, was bedeutet, dass der östliche Teil, in dem das ersehnte Gerüst mit der Aufschrift "Meta" steht, einige Meter höher liegt. Noch einmal muss man also in einer allerdings nicht übermäßig steilen Steigung ein wenig klettern. Doch war das ja fast zu erwarten. Es ist eben nicht einfach nur irgendein Stadtmarathon, es ist Madrid.

Die Calle de Alcalá, auf der es nun leicht aber stetig bergauf geht, startet an der Puerta del Sol noch relativ schmal, wird bis zum Rathaus und dem Cibeles-Brunnen - denn dort kommt sie ebenfalls vorbei - schon deutlich breiter und hat jenseits der Puerte de Alcalá so viele Fahrspuren, dass auf einigen von ihnen trotz des Rennens der Autoverkehr rollt. Gerade im letzten Teil sind nämlich bei weitem nicht alle belaufenen Straßen vollkommen für den Marathon gesperrt.

Doch nicht nur Autos und gelegentlich Marathonläufer benutzen die Calle de Alcalá, man kann auf ihr - so unwahrscheinlich es auch mitten in der Stadt klingen mag - manchmal auch Schafherden begegnen. Die Straße ist nämlich ein uralter Viehweg und noch immer besteht das aus dem Mittelalter stammende Recht, dass über sie die Herden auf dem Weg von der Sommer- zur Winterweide durchgetrieben werden dürfen. Es wird gelegentlich sogar tatsächlich genutzt, dann allerdings hauptsächlich zu Demonstrationszwecken.

Zumindest die abschließenden Meter im Parque sind dann aber wirklich eben. Und nachdem es an vielen Stellen doch eher einsam war, säumt je näher man dem Ziel kommt, dann doch immer mehr Publikum den Parkweg. So entsteht wenigsten am Ziel der angemessene Beifall für die - von der Marca vielleicht doch etwas zu großspurig als "héroes" bezeichneten - achteinhalbtausend über die Linie laufenden Marathonis.

Wer als Zuschauer schon beim Einlauf der schnellsten am Ziel steht, sieht insbesondere bei den Damen einen wirklich ziemlich spannenden Ausgang. Denn die schon ein Jahr zuvor erfolgreiche Desta Girma Tadesse holt sich in 2:35:28 den Sieg mit gerade einmal zwei Sekunden Vorsprung vor Woldegebriel Teamo Shumye. Und weitere fünf Sekunden später ist durch Workhenesh Tola das rein äthiopisch besetzte Treppchen schon komplett. Für Shuru Diriba Dulumu bleibt nach 2:35:48 nur der undankbare vierte Platz.

Die lange Gegenwehr leistende Hellen Kimutai läuft als beste Kenianerin mit 2:36:20 ins Ziel, Pauline Wangui folgt in 2:38:05. Richtig Federn lassen muss dagegen Rose Jepchumba, die bei ihrer 2:44:02 nur auf den letzten beiden Kilometern noch über eine Minute auf die 2:41:58 erzielenden Kubanerin Yailen Garcia Dome verliert. Als beste Einheimische kommt Irene Martín Alvarez als Zehnte nach 2:59:38 knapp unter die Drei-Stunden-Marke.

War bei den Damen das Podest nur von Äthiopierinnen besetzt, machen beim Herrenrennen die Kenianer die ersten drei Plätze unter sich aus. Moses Arusei hat zwar seine Position halten können und läuft im neuen Streckenrekord von 2:10:58 über die Ziellinie. Doch muss er wirklich alles geben, denn Thomson Cherogony sitzt ihm mit 2:11:03 bis zum Schluss weiter im Genick.

Rang drei sichert sich nach 2:11:50 dann Francis Kiprop. Der andere Francis mit Nachnamen Kibiwot muss dagegen wieder den eigentlich schon eine halbe Minute zurück liegenden Gamal Belal Salem passieren lassen. Mit 2:12:27 wird der Äthiopier gestoppt. Kibiwot rettet sich in 2:13:08 gerade noch eine Sekunde vor David Toniok Cherono ins Ziel.

Selbst wenn es im Ziel ähnlich aussieht wie anderswo auch, hat der Lauf in der spanischen Hauptstadt durchaus seinen eigenen Charakter - ganz unrecht haben die Werbetexter am Ende dann wohl doch nicht: "Es ist nicht einfach nur ein weiterer Marathon, es ist Madrid"

Alex Kirui (2:14:50), Mitku Suboka Tulu (2:15.17) und Amos Maiyo (2:15:44) folgen auf den nächsten Plätzen, bevor sich Vasily Matvichuk, der kurz vor dem Ziel Michael Kamugu Chege abfangen kann, mit 2:16:21 noch unter die ersten Zehn läuft. Hinter Didimo Sanchez Mendoza aus Venezuela wird der Madrileño Oscar Sanchez Perez nach 2:29:23 als Vierzehnter und bester Spanier bejubelt.

Für ihn gilt bei seinem Heimlauf sicher das Motto "No es um maraton mas, es Madrid". Doch auch für ausländische Lauftouristen hat er sehr wohl seinen Reiz. Wegen des Marathons muss man zwar nicht nach Madrid, da ist er wirklich nur ein "maraton mas" im weltweiten Stadtlaufzirkus. Solide organisiert, mit einer durchaus abwechslungsreichen Streckenführung, aber eben keine Veranstaltung, die in die absolute Weltklasse einzuordnen ist.

Doch man kann den Werbespruch vielleicht auch ein wenig anders interpretieren. Denn wegen Madrid selbst sollte man durchaus einmal nach Madrid reisen. Als Stadt spielt man nämlich sehr wohl in der obersten Liga der großen Metropolen. Und wenn man einmal dort war, wird man sie sicher auch nicht mehr auf der Stiefelhalbinsel suchen und schon gar nicht mit Mailand verwechseln.

Das gilt natürlich auch für Andi Möller, der wenige Monate nach seinem fast schon legendären Ausspruch übrigens tatsächlich in Italien landete. Allerdings nicht in Mailand sondern bei Juventus Turin.

Bericht und Fotos von Ralf Klink

Ergebnisse und Infos www.maratonmadrid.org

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