28.10.17 - Ecotrail Funchal - Madeira

Urbanes Trailrunning durch die Metropolen und ihre unmittelbare Peripherie

von Stefan Schlett

Porto Santo, 33° Nord, 16° West. Blauer Himmel, 9 Kilometer Sandstrand, ein Dutzend Berge zwischen 200 und 500 Metern Höhe, die leicht zu besteigen sind. Das erkannte schon Christoph Kolumbus, der hier einige Jahre lebte und 1479 Dona Filipa de Perestrelo e Moniz heiratete, die Tochter des damaligen Gouverneurs der Insel.

Der richtige Ort, um sich von den knochenbrecherischen Kursen des "Ecotrail Funchal-Madeira Island" zu erholen. Die portugiesische Insel ist ein Juwel im Atlantik und gehört zu Madeira, das 50 km weiter südwestlich liegt. Porto Santo, zu Deutsch "Heiliger Hafen", war die erste Entdeckung im Atlantischen Ozean. Sie war ein sicherer Hafen für Seefahrer, die vor Unwettern Schutz suchten. Heute ist Porto Santo für seine Besucher ein Zufluchtsort zur Entspannung und Erholung. Nur 11 km lang und 6 km Breit ticken die Uhren hier weitaus gemächlicher als auf der Hauptinsel.

 

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Urbanes Trailrunning durch die Metropolen und ihre unmittelbare Peripherie
(Foto links: © Paulo Abreu - Foto rechts: © Joao M. Faria)
Nichts für reine Asphalt-Cowboys:
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Das Label Ecotrail steht für urbanes Trailrunning durch die Metropolen und ihre unmittelbare Peripherie, deren Strecken die kulturellen und natürlichen Highlights der Region berühren. Neben dem Ultratrail als Hauptlauf bieten verschiedene Unterdistanzen, Paarläufe, Nordic Walking- und Wanderkategorien einen Spielplatz für alle Bewegungsenthusiasten.

Ecotrail ist keine plakative Bezeichnung. Es wird penibel auf eine umweltfreundliche Durchführung des Events geachtet. So beinhaltet das Starterpaket ein Metroticket für die Anreise zum Start. Die Läufe sind halbautonom mit nur wenigen Verpflegungsstellen und zur Müllvermeidung muss jeder Teilnehmer neben der vorgeschriebenen Pflichtausrüstung einen Becher mitführen.

 

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Als der "Les Trailers de Paris", ein Verein der für das Traillaufen wirbt und es fördert, im Jahre 2008 dieses neue Format ins Leben rief, war das geradezu eine Revolution. Der "Ecotrail de Paris" schlug in der Laufszene ein wie eine Bombe und wurde schlagartig zu einem Erfolgsrezept mit jährlichen Zuwachsraten. Mit dem Zielbanner auf der 1. Plattform des Eiffelturms präsentierte man zugleich wohl eine der spektakulärsten Zielarenen weltweit. Bei der 8. Austragung im März 2015, die 12.000 Teilnehmer generierte, wurde zugleich eine spektakuläre Premiere lanciert: Der erste Treppenlauf auf den Eiffelturm! 60 Auserwählte aus 15 Ländern wurden von den Sicherheitsorganen genehmigt und durften im Minutentakt die Eiserne Lady mit ihren 1665 Stufen und 279 Höhenmetern in Angriff nehmen.

Madeira (Foto: © Francisco Correia) Funchal

Mittlerweile wird der Ecotrail erfolgreich ins Ausland exportiert. Im Franchise-System konnte der Verein weitere europäische Metropolen für dieses neue Wettkampfformat gewinnen. Seit 6 Jahren gibt es den "Ecotrail de Bruxelles" in Belgien, 2015 kamen Oslo und im Jahr darauf Madrid dazu. 2017 gab es gleich zwei Premieren in Stockholm und Reykjavik. Im Oktober 2015 wanderte die Marke nach Funchal auf die portugiesische Insel Madeira.

Das 950 km südwestlich von Lissabon und 730 km westlich der marokkanischen Küste gelegene Eiland wurde im Jahre 1419 von seinem Entdecker Goncalves Zarco wegen ihres Waldreichtums Holzinsel genannt (Übersetzung von Ilha da Madeira).

 

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Zum Archipel gehören noch Porto Santo (5400 Einwohner), sowie die zwei unbewohnten Inselgruppen Ilhas Desertas und Ilhas Selvagens. Madeira ist eine 740 Quadratkilometer große gebirgige Vulkaninsel mit tiefen Schluchten, Steilküsten, Felsbuchten und Bergplateaus. Manche Küstenabschnitte und Bergschluchten sind so unzugänglich, dass sie nur auf abenteuerlichen Pfaden zu Fuß erreicht werden können. Ein idealer Spielplatz also für Trailläufer.

(Foto: © Ian Corless)

Mit dem MIUT (Madeira Island Ultra Trail), dem Ultra Skymarathon Madeira, dem Trail of Camara de Lobos, sowie einigen kleineren Events hat dieser boomende Trendsport bereits seit einigen Jahren Fuß gefasst auf der Insel mit ihren 267.000 Einwohnern.

Der Ecotrail Funchal-Madeira mit seinem Fokus auf urbanes Trailrunning ist eine gute Ergänzung zu dem bestehenden Angebot. Bei den meisten Veranstaltungen gibt es Qualifikationspunkte für den UTMB (Ultra Trail du Mont Blanc), so dass die Madeirenser genügend Punkte sammeln können, ohne ihre Insel verlassen zu müssen. Madeira ist das La Reunion (französische Insel im Indischen Ozean, Pionier im Trailrunning) des Atlantiks. Wie dort gibt es so gut wie nichts Flaches. Es geht entweder hoch oder runter. Und das brutalst! Der Neigungswinkel ist selbst für versierte Trailläufer Schwindel erregend.

 

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Für die Läufer der alten Schule gibt es in der Hauptstadt Funchal mit dem "Maratona do Funchal" auch einen klassischen Marathon, der mit Hilfe eines mehrmals zu durchlaufenden Wendepunktkurses entlang der Küste relativ flach gehalten wird.

Start 6 Uhr (Fotos 2: © Joao M. Faria)

Patricio Fernandes, der für Diario de Noticias, eine der größten Tageszeitungen Portugals arbeitet, stellte zusammen mit seinem Arbeitgeber vor zwei Jahren die Premiere des Ecotrail auf die Beine. Mit 582 Anmeldungen aus 13 Ländern für die drei angebotenen Strecken zeigte man sich sehr zufrieden. Die 3. Austragung wurde auf vier Laufstrecken erweitert und generierte 656 Teilnehmer, davon 190 ausländische Gäste aus 16 Ländern.

Der Ultra über 81 km und knackige 5200 Höhenmeter startet morgens um sechs im Zentrum von Funchal. Die Hauptstadt der autonomen Region Madeira liegt in einer großen Bucht an der Südküste und zieht sich steil über mehrere hundert Höhenmeter die Berghänge hinauf. Dementsprechend wird nach dem Start erstmal Höhe gemacht und sogleich der Pico do Arieiro erobert, der mit 1818 m als dritthöchster Berg der Insel direkt über Funchal thront und quasi noch zum Stadtgebiet gehört.

 

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1800 Höhenmeter auf nur 29 km Distanz ist schon mal eine Hausnummer. Durch die Höhe der Insel werden eine Reihe Klimazonen durchquert. In Funchal am Meer beträgt die durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge 639 mm, während die Wetterstation am Pico do Arieiro das dreifache misst!

Es folgt ein regelrechter Absturz nach Ribeira Grande am Stadtrand von Funchal in 345 m Höhe. Bei Bardo, auf der Hälfte dieses langen Abstiegs, stoßen die 44 km-Läufer dazu, deren Profil 3200 Höhenmeter aufweist. Diese haben sich gerade eingelaufen, während für die Ultras in Ribeira Grande, wo die "Favelas" von Funchal erreicht werden, Halbzeit ist. Hier wohnt dicht gedrängt das einfache Volk, deren Häuser durch ultrasteile halbe Meter breite Treppengalerien getrennt sind, auf denen sich die Läufer nun schwerfällig in die Höhe wuchten. Näher dran an den Madeirensern geht nicht. Der Blick fällt in Höfe, Kleingärten und Wohnstuben, ganze Familien mit Hund und Katze feuern die verrückten "Raider" an.

(Foto: © Joao M. Faria)

Abermals werden die Läufer in die wilde, feuchte und meist von Nebel durchdrungene Bergwelt oberhalb von Funchal entlassen. 1000 Höhenmeter sind entlang der Levada Negra am Rande einer tief eingeschnittenen Schlucht zu überwinden.

Levadas sind Bewässerungskanäle die aderähnlich die Insel überziehen und sich insgesamt auf eine Länge von 2000 Kilometern summieren. Direkt an den Becken verläuft in der Regel ein schmaler Pfad. Hinzu kommt ein riesiges Netz gut markierter Wanderwege.

 

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Hier können Wander- und Trekkingtouristen glatt eine Weltreise unternehmen! Levadawanderungen sind DIE Spezialität von Madeira und neuerdings auch ein gefundenes Fressen für die Trailrunningszene. Die Levadas wurden ab dem 15. Jahrhundert geschaffen, kurz nach dem Eintreffen der ersten portugiesischen Siedler, um Wasser aus dem regenreichen Norden in den trockeneren Süden zu bringen. Bis heute führen sie sowohl Trinkwasser, wie auch Wasser für die Felder in tieferen Lagen. Mittlerweile sind auch die 27 km-Läufer dabei, die verhältnismäßig bescheidene 1200 Höhenmeter zu bewältigen haben.

(Foto:: © Paulo Abreu (Foto: © Joao M. Faria)

Nach diesem 15 km langen Ausflug in die schroffe, alpin anmutende Bergwelt und einem weiteren Absturz über 1200 Höhenmeter tauchen die Athleten dann endgültig in die aufregende urbane Trailwelt von Funchal ein. Von hier startet auch der 15 km lange "Schnuppertrail" mit 300 zu bewältigenden Höhenmetern, der mit 293 Läufern die meisten Teilnehmer generierte. Jetzt gibt's Trailrunning á la Carte. Große Bananenplantagen, Weinfelder und Gemüsegärten werden auf und neben kilometerlangen städtischen Levadas durchquert. Dazwischen immer wieder steile Treppengalerien und enge Häuserschluchten. Die Kanäle sind oft nur mit brüchigen Betonplatten abgedeckt und zwingen zu teils halsbrecherischen Hindernisläufen, bis endgültig der Atlantik erreicht ist. Hier sorgt die vier Kilometer lange Marine Promenade für den abschließenden Höhepunkt des Traillaufabenteuers. Sanft plätschern die Wellen an den tiefschwarzen felsigen Lavastrand, ein Tunnel wird durchlaufen, Meeresschwimmbecken passiert und unzählige Blumengärten durchquert. Herrlich! Das ist Benzin für die doch schon arg gebeutelten Knochen.

Die Siegerin Jasmin Nunige aus der Schweiz
(Foto: © Ian Corless)
Der Sieger Felix Weber aus Deutschland (Foto: © Joao M. Faria)

Die Tagessiege werden von ausländischen Gästen dominiert: Felix Weber aus Braunschweig stampft die 81 km und 5200 Höhenmeter in 9:15:14 h in den Boden, mit einem satten Vorsprung auf den Portugiesen Renato Andrade, der 9:33:33 h benötigt. Die Siegerin kommt aus Schweden: Linda Bengtsson erreicht bereits auf dem 8. Gesamtplatz eine Zeit von 12:18:23 h. Den leicht verlängerten Marathon gewinnt der Portugiese Tiago Aires in 4:33:28 h, aber schon auf dem 4. Platz taucht die Schweizer Ultraqueen Jasmin Nunige in 5:18:01 h als Damensiegerin auf. Die 27 km-Kategorie holen sich die Franzosen Fabien Antolinos in 2:23:59 h bei den Männern und Marie Paturel in 3:11:13 bei den Frauen. Als nach 17:57 h kurz vor Mitternacht der letzte Ultraläufer vor der 500 Jahre alten Kathedrale Sé ins Ziel läuft, ist der 3. Ecotrail Funchal-Madeira im Kasten. Letzte Amtshandlung ist dann die Siegerehrung am Sonntagmittag, mit üppigem Festmahl, Freibier und Rotwein.

Bei Startgeldern von 20 - 60 Euro (je nach Wahl der Distanz und bis 4 Monate vor Rennbeginn, danach wird es signifikant teurer) ein echtes Schnäppchen! Die nächste Austragung findet Ende Oktober 2018 statt. Infos dazu sind bei www.ecotrailmadeira.com zu finden. Einen Überblick zur gesamten Ecotrail-Familie gibt es auf www.ecotrail-events.com. Die nächsten Premieren finden in Lissabon (18.2.18), Florenz (3.3.18) und Genf (2.6.18) statt.

Porto Santo
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Der Charakter des Ecotrail Madeira unterscheidet sich erheblich von den Rennen auf dem europäischen Festland, die im Einzugsbereich großer Hauptstädte ausgetragen werden. Funchal mit seinen 111.000 Einwohnern ist wilder und rustikaler, der Kurs technisch anspruchsvoller und eine Kombination von Citytrails und Bergwildnis. Madeira, das mit den Azoren, den Kanaren und den Kapverden zu den Makaronesischen Inseln gehört hat das ganze Jahr ein mildes subtropisches Klima mit Temperaturen zwischen 18 und 24 Grad Celsius. Der Ecotrail bietet die ideale Möglichkeit zu einem sportlichen Kurzurlaub am Ende der Saison. Die Blumeninsel Madeira ist nur knapp 4 Flugstunden von Deutschland entfernt und hat selbst im Winter noch 10 - 11 Stunden Tageslicht. Dabei scheint die Vielfalt des Archipels grenzenlos: Vom weiten Goldstrand der Insel Porto Santo (15 Flugminuten bzw. 2 ½ Stunden mit dem Schiff von Madeira entfernt, tägliche Verbindungen) über Lavaschwimmbäder und mächtige Berge vulkanischen Ursprungs bis hin zum Hochmoor von Paul da Serra gibt es zahlreiche Landschaften zu erkunden. Ausführliche touristische Informationen finden sich auf www.visitmadeira.de.

Bericht von Stefan Schlett
Fotos von Ian Corless, Joao M. Faria, Paulo Abreu, Francisco Correia und Stefan Schlett

Infos: www.ecotrail-events.com - www.ecotrailmadeira.com

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