29. Loskop Marathon - RSA - (12.4.2014)

Auf welligen Geraden quer durch Veld

von Ralf Klink

Es sieht ersten Moment wie ein simpler Rechtschreibfehler aus. Denn im Deutschen - das hat man schließlich schon in der Grundschule gelernt - schreibt sich "Feld" doch mit einem "F" am Anfang. Mit der Titelzeile ist allerdings etwas völlig anderes gemeint. Und in diesem Fall stellt das "V" dann auch keineswegs einen groben Schnitzer dar, sondern ist der absolut richtige Buchstabe am richtigen Ort.

Es wird in der Folge nämlich um Südafrika gehen, wo man einen ganz speziellen Landschaftstyp mit dem Begriff "Veld" bezeichnet. Sprachgeschichtlich hat dieses zwar den gleichen Ursprung. Denn das Wort stammt aus dem Afrikaans, jener aus dem Niederländischen entstandenen und damit eng mit dem Deutschen verwandten Sprache der Buren. Doch über die Jahrhunderte haben sich die Bedeutungen ziemlich weit auseinander entwickelt.

Eine Ferienanlage am landschaftlich herrlich gelegenen Loskop-Stausee ist das Ziel eines der größten Ultraläufe Südafrikas, des fünfzig Kilometer lange Loskop Marathon
Nichts für reine Asphalt-Cowboys:
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Ein Südafrikaner bezeichnet mit seinem "Veld" nämlich gerade nicht eine in irgendeiner Form urbar gemachte Fläche sondern das genaue Gegenteil, also kaum kultiviertes Land bis hin zur Wildnis. Der Ausdruck umfasst jedoch weder Gebirge noch Waldgebiete und kommt damit dem ursprünglichen Sinn des Wortes - gemeint ist nämlich "offenes Land" - sogar erheblich näher als das deutsche Gegenstück. Jedenfalls wird mit dieser Vokabel am Kap ungefähr jenes Terrain beschrieben, das in Australien "Outback", in Südamerika "Pampa", in Nordamerika "Prärie" und in Asien "Steppe" genannt würde. Dabei gibt es bei genauerer Betrachtung sogar mehrere verschiedene Varianten von "Veld". Alle finden sich zwar in der östlichen Landeshälfte und gehen dort auch meist ziemlich fließend ineinander über. In ihren speziellen Ausprägungen lassen sie sich allerdings trotzdem recht gut unterscheiden.

Rund ein Viertel der Fläche Südafrikas nimmt jenes "Highveld" ein, das seinen ungewöhnlichen, aus je einer Silbe Englisch und Afrikaans zusammen gesetzten Namen vollkommen zu Recht trägt. Denn über das zentrale Hochplateau, auf dem sich unter anderem die Großstädte Johannesburg, Pretoria und Bloemfontein finden, bewegt man sich praktisch ununterbrochen in einer Höhe zwischen zwölfhundert und achtzehnhundert Metern.

Das ursprünglich praktisch ausschließlich grasbewachsene Hochland ist inzwischen häufig mit weiten Getreidefeldern - diesmal ist natürlich die deutsche Deutung des Wortes ausschlaggebend - bedeckt und bildet deswegen auch die "Kornkammer" des Landes. Die sich im Südwesten anschließende Halbwüste "Karoo" ist dagegen weit weniger fruchtbar. Gerade noch extensive Viehhaltung ist dort möglich.

Gestartet wird der Lauf im Städtchen Middelburg, das abgesehen von der Polizeistation und der "Witkerk" allerdings nur wenige historische Bauten hat

Nicht unbedingt besser für Landwirtschaft geeignet sind im Süden des Highvelds die bis zu dreitausend Meter hohen Gebirgsketten der Drakensberge an der Grenze zum komplett von Südafrika umschlossenen, aber trotzdem vollkommen unabhängigen Königreichs Lesotho. Und im Nordwesten bildet die im Vergleich zur Karoo sogar noch wesentlich trockenere "Kalahari" den Nachbarn des Plateaus.

Zwischen dem Highveld und den Wüstenregionen wird manchmal, aber nicht immer eine Zone namens "Middleveld" definiert, die sich jedoch weniger durch eine komplett andere Vegetation als durch eine etwas geringere Höhenlage auf der leicht nach Westen gekippten Ebene auszeichnet. Dennoch kommt man auch dabei meist in den Bereich der Tausend-Meter-Marke, über der ein Großteil des Territoriums von Südafrika liegt.

Ursache dafür ist eine geologische Formation, die sich halbkreisförmig um das gesamte südliche Afrika legt und "Große Randstufe" - oder auf Englisch "Great Escarpment" - genannt wird. Sie lässt ein relativ schmales Küstentiefland ziemlich abrupt ansteigen. Dahinter beginnt das weitaus höhere, aber in der Regel nur noch leicht wellige Binnenland, auf dem man auch das Highveld finden kann.

Insbesondere im Osten ist diese Stufe sogar für Laien recht leicht zu erkennen. Denn dort fällt das Gelände wirklich steil ab. Höhendifferenzen von fünfhundert bis tausend Metern innerhalb weniger Kilometer sind dabei vollkommen normal. Wie Perlen an der Schnur reihen sich spektakuläre Aussichtpunkte auf. In diesem Bereich lässt sich die Grenze des Highveldes eigentlich ziemlich exakt definieren.

Unterhalb des Abbruches beginnt nämlich das deutlich wärmere und feuchtere Buschland des "Lowveld", dessen südafrikanischer Teil etwa zur Hälfte vom weltweit bekannten Krüger Nationalpark eingenommen wird. Das zumindest im Sommer fast tropische Klima und das etliche - in dieser Region eher träge - Nebenflüsse umfassende System des Limpopo machen es dann auch zum Brutgebiet für Moskitos. Es ist deswegen die praktisch einzige Zone des Landes mit einem erhöhten Malariarisiko.

Das unterscheidet das "Lowveld" dann auch wieder vom "Bushveld", das im Norden den Kreis abschließt. Denn in dieser Himmelsrichtung fallen die Übergänge der einzelnen Höhenstufen weit weniger dramatisch aus. Auch die einzelnen Landschaftsformen lassen sich deswegen viel schlechter scharf voneinander abgrenzen. Unterscheiden kann man die Dornenbüsche und niedrigen Bäume des Bushveld dafür vom offenen Grasland des Highveld umso besser.

Mpumalanga im Osten Südafrikas hat sowohl Anteil am High- als auch am Lowveld. Denn das "Great Escarpment" zieht sich von Nord nach Süd mitten durch diese Provinz. Und ganz im Norden reichen zudem auch noch einiges Ausläufer des Bushveld in diesen - neben dem westlich benachbarten Gauteng mit den beiden Metropolen Johannesburg und Pretoria - flächenmäßig zweitkleinsten Landesteil hinein.

Kurz vor Sonnenaufgang wird das mehrere tausend Läufer umfassende Feld unter einem glutroten Himmel auf die Reise geschickt

Noch in der hochgelegen Hälfte und dort sogar ziemlich zentral liegt die Stadt Middelburg, deren eher überschaubarem Zentrum man die immerhin fast neunzigtausend Einwohner kaum ansieht. Mit Kapstadt oder Durban kann man es natürlich nicht vergleichen. Doch findet ausgerechnet in diesem eher verschlafenen Ort ein Lauf statt, der sich in den letzten Jahren zum vielleicht beliebtesten Ultrarennen hinten dem Two Oceans Marathon und dem Comrades Marathon, die ja bekanntlich in den genannten Metropolen veranstaltetet werden, entwickelt hat. "Forever Loskop Marathon" heißt diese Veranstaltung, wobei der mittlere Teil der Bezeichnung auf den Zielpunkt zurück zu führen ist, den "Loskop Dam".

Im mit natürlichen Seen alles andere als reich bestückten Südafrika umfasst das - in seiner Verwandtschaft zum deutschen "Damm" eigentlich leicht zu erkennende - Wörtchen "Dam" allerdings nicht nur die Staumauer sondern auch die durch sie entstandene Wasserfläche. Der knapp fünfzig Kilometer nördlich von Middelburg gelegene See ist Zielpunkt des auf einem Punkt-zu-Punkt-Kurs ausgetragenen Rennens. Genauer gesagt das am Ufer gelegene "Forever Resort Loskopdam", womit auch gleich ein weiterer Teil des Namens erklärt wäre. Gemeint ist damit eine Ferienanlage mit Ferienhäusern und Campingplatz, wie man sie in Südafrika gerade in Nationalparks, Wildreservaten und Naturschutzgebieten - auch das Gebiet rund um den Loskop Dam ist als "Nature Reserve" klassifiziert - häufiger findet.

Weit enger als in Europa oder Nordamerika meist üblich hat man sich dabei an einen Sponsor gebunden. Denn bei "Forever Resorts" handelt es sich um eine Gruppe, die rund zwei Dutzend solcher Anlagen im ganzen Land betreibt. Selbst der Adler des Firmenlogos wurde völlig identisch auch als Symbol für den Lauf übernommen. Falls die Geldgeber irgendwann einmal das Interesse verlieren sollte, würde es wohl mit ziemlicher Sicherheit auch das Ende des Laufes bedeuten, da es logistisch kaum eine Alternative für den Aufbau des Zielbereiches gibt.

Wie in Südafrika durchaus nicht ungewöhnlich stellen die Organisatoren des Loskop Marathons im Namen zudem nicht unbedingt heraus, dass ihre Wettkampfstrecke eigentlich länger als die zweiundvierzig Kilometer ist, die man hinter einer solchen Bezeichnung eigentlich erwarten würde. Doch im ultrabegeisterten Südafrika sind die nicht einmal acht Kilometer Überlänge des Fünfzigers ohnehin nicht wirklich der Rede wert.

Schließlich können Organisatoren ultralanger Läufe von fünfstelligen Teilnehmerzahlen wie bei Comrades und Two Oceans überall sonst auf der Welt nur träumen. Und ganz abgesehen davon, dass in Südafrika nahezu jedes Wochenende mehrere mit diesen Klassikern zumindest von der Distanz vergleichbare Rennen die Kalender füllen, stoßen noch einige weitere von ihnen in Regionen von zwei-, drei- oder viertausend Meldungen vor.

Nur ganz kurz hält sich die Strecke in Middelburg auf… … schon nach wenigen Kilometern läuft man ins "Highveld" genannte Grasland hinaus

Beim Loskop Marathon lässt man zum Beispiel inzwischen gar nicht mehr als viertausend Sportler zu, obwohl die Zahl der Interessenten vermutlich um einiges höher wäre. Immerhin liegen die Rekordteilnehmerzahlen aus den Auflagen um die Jahrtausendwende um fast zweitausend Läufer über diesem Wert. Doch damit brachte man den Zielbereich im Loskop Resort eben auch an die absolute Kapazitätsgrenze. Also hat man die Anzahl der Meldungen für den Ultra nun deutlich limitiert.

Doch mit einem vor einigen Jahren neu eingeführten Halbmarathon, der fast ausschließlich durch das Naturschutzgebiet führt und deswegen den plakativen Name "Wild Challenge" erhalten hat, bewegt man sich trotz der auch dort geltenden Obergrenze von fünfzehnhundert Startern dennoch weiterhin in einem Bereich, mit dem die vorhandenen logistischen Möglichkeiten nahezu vollständig ausgereizt werden.

Deswegen ist nicht nur die Zahl der Läufer gedeckelt. Auch für die Zuschauer im Ziel gibt es Beschränkungen. Einzig und allein mit einer Eintrittskarte lässt sich nämlich das von einem Zaun umgebene "Forever Resort" betreten. Und in jedem an der Startnummernausgabe verteilten Umschlag finden sich genau drei von ihnen, die dann an Familienangehörige oder Freunde weitergegeben werden können.

Selbst wenn die Limits noch nicht erreicht sind, müssen die Meldungen jedoch spätestens einen Monat vor dem Start eingegangen sein. Ganz weit oben auf der Internetseite der Veranstaltung ist schließlich ein "pre-entries only, no entries will be accepted on race day" zu lesen. Und noch eine weitere Regel ist dort vermerkt. Sie lautet "no race number switches / transfers / changes allowed after entries close". Es sind Worte, die nach dem Rennen noch einmal eine erhebliche Bedeutung haben werden.

Gleich nach dem Verlassen des Städtchens muss der erste Hügel erklettert werden

Viel schwerer als das Ende der Anmeldephase zu entdecken, wird es dann allerdings, heraus zu finden, wann sie denn überhaupt beginnt. Denn obwohl schon ein Dreivierteljahr im Voraus neben dem Marathontermin auch fast alles andere Informationen im Netz nachzulesen sind, fehlt dieses Datum dort völlig. Und selbst im Dezember hat man es noch immer nicht ergänzt. Auf schriftliche Nachfrage kommt vom mitveranstaltenden "Middelburg Marathon Club" die E-Mail "Loskop 2014 entries open online on the 1 January".

Bis man sich dann wirklich anmelden kann, dauert es dann sogar noch einige Tage länger. Am Kap pflegt man bezüglich Termintreue schließlich oft eine eher südländisch laxe Einstellung. Doch was aus europäischer Sicht extrem ungewöhnlich scheint, dass nämlich das Meldeportal für eine läuferische Großveranstaltung gerade einmal drei Monate vor dem Start eingerichtet wird, ist in Südafrika keineswegs eine Seltenheit sondern eher der Regelfall. Manchmal sind bei kleineren Rennen sogar die Termine zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal endgültig fixiert.

Für langfristige Planungen ist dies natürlich alles andere als ideal - insbesondere für aus Europa anreisende Lauftouristen. Doch lässt sich gerade in den letzten Jahren feststellen, dass immer mehr kleinere Läufe am Kap über eine eigene Internetseite verfügen. Hierzulande ist es eigentlich kaum noch vorstellbar, doch diese Informationsmöglichkeit beschränkte sich noch vor weit weniger als einem Jahrzehnt auf einige wenige ganz großen Rennen wie den Comrades und den Two Oceans.

Aber auch der Loskop Marathon ist seit längerem im weltweiten Netz vertreten. Vom - ohnehin nicht wirklich übermäßigen - internationalen Interesse an diesen beiden Leuchttürmen der südafrikanischen Laufszene ist man in Middelburg allerdings ziemlich weit entfernt. Dass dort die Einheimischen nahezu völlig unter sich bleiben, lässt sich schon alleine an der Startgebühr erkennen. Denn diese beträgt zweihundertzwanzig Rand, was bei einem zugegebenermaßen zur Zeit ziemlich günstigen Wechselkurs gerade einmal ungefähr fünfzehn Euro entspricht.

Nur zum Vergleich sei gesagt, dass man eine Woche später beim Two Oceans Marathon in Kapstadt als Südafrikaner zwar sogar noch zwanzig Rand weniger als am Loskop Dam bezahlt, als "international runner" allerdings neunhundert Rand für eine Teilnahme in Rechnung gestellt bekommt. Und beim Comrades Marathon zwischen Durban und Pietermaritzburg müssen Sportler aus Übersee sogar einen doppelt so hohen Betrag auf den Tisch legen.

An eine solche Staffelung ist beim Loskop Marathon schon mangels vorhandenen Potentials überhaupt nicht zu denken. Die Zahl der Starter ohne südafrikanischen Pass beläuft sich selbst bei optimistischsten Schätzungen auf maximal zwei oder drei Dutzend. Nimmt man davon noch jene Läufer aus, die als ausländische Staatsbürger in Südafrika leben, reichen wohl zwei Hände zum Abzählen locker aus. Und davon kommen zudem viele aus Nachbarländern wie Namibia oder Botswana. Ein europäischer Gast ist ein absoluter Exot.

Jede der mehr als zwanzig Verpflegungsstellen wird von einer anderen Firma oder Organisation betreut und gestaltet, der Baumaschinenhersteller "Bell Equipment" hat zur Begrüßung der Läufer zum Beispiel zwei weithin sichtbare Lastwagen aufgefahren

Für das aus hiesiger Sicht ziemlich bescheidene Startgeld wird man am Ziel neben dem Loskop-Stausee neben der Medaille auch noch ein Langarm-T-Shirt bekommen. Die Busfahrt zum Startort kostet allerdings sechzig zusätzliche Rand, die bereits bei der Meldung mit zu entrichten sind. Zur Wahl steht dabei entweder die Variante vor dem wie fast immer in Südafrika ziemlich früh, nämlich um sechs Uhr angesetzten Start. Man kann sich aber auch nach dem Einlauf wieder zurück bringen lassen.

So steht dann gleich am Anfang die Entscheidung an, wo man denn übernachten möchte. Für Halbmarathonläufer ist die Sache eigentlich recht klar. Für sie wäre eine Unterkunft in Middelburg eindeutig die schlechtere Alternative. Schließlich spielt sich ihr Rennen ausschließlich am Stausee ab, in dessen Umgebung es neben dem Loskop Resort noch einige weitere vergleichbare Feriencamps gibt, die zum Teil ebenfalls zur Forever-Kette gehören.

Auch wer den Ultra läuft, dazu allerdings mit einem etwas größerem Anhang anreist, ist sicher gut beraten, sein Quartier im Zielbereich aufzuschlagen, weil angesichts der Zugangsbeschränkungen ansonsten ein Teil des Anfeuerungsteams dort gar nicht hinein käme. Dafür muss man dann aber wegen des Transports zum Start noch eine weitere Stunde früher, also wirklich mitten in der Nacht aufstehen. Schließlich fahren die ersten Busse bereits um vier Uhr.

Für Alleinreisende oder nur aus Läufern bestehende Gruppen ist dagegen Middelburg sicher die erste Wahl. Doch ist das Angebot der Beherbergungsbetriebe in einer Stadt, die nicht unbedingt zu den touristischen Brennpunkten des Landes zählt, eher überschaubar. Wirklich große Hotels fehlen völlig. Und die nicht einmal zwei Dutzend privat geführten "Guest Houses" beschränken sich meist auf einstellige Zimmerzahlen.

Ganz wichtig ist dabei allerdings, dass man beim Buchen aufpasst und auch jenes Middelburg erwischt, in dem das Rennen tatsächlich stattfindet. Denn neben der genauso heißenden Hauptstadt der niederländischen Provinz Zeeland gibt es auch Südafrika noch eine weitere Ortschaft dieses Namens. Und diese findet sich fast tausend Kilometer entfernt sowohl mitten in der Karoo als auch in der Mitte zwischen Johannesburg und Kapstadt. Und auch auf dem Weg von Bloemfontein nach Port Elizabeth ist im "falschen" Middelburg ungefähr Halbzeit.

Das "richtige" Middelburg wurde seinerseits ursprünglich als "Nasareth" gegründet und erst umbenannt, als in den Siebzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts im östlich gelegenen Lydenburg Gold entdeckt wurde. Denn nun bildete das Städtchen den Mittelpunkt einer vielbefahrenen Straße zwischen dem Schürfgebiet und Pretoria, das zu jener Zeit die Hauptstadt einer unabhängigen Burenrepublik namens "Transvaal" war. Einer weiteren Umbenennung ist Middelburg im Gegensatz zu vielen anderen Städten in Südafrika bisher allerdings entgangen.

Ziemlich bunt sind die südafrikanischen Starterfelder aufgrund der extrem individuell gestalteten Vereinstrikots, gestandene Männer mit Figuren von Rugbyspielern in rosa Leibchen (links) sieht man außer am Kap wohl eher selten, beim Florida Running Club ist dieses Dress dagegen Standard

Nach dem Ende der Apartheid bekam eine ganze Reihe von Orten - insbesondere natürlich solche, die nach Burenführern benannt waren - durch die sowohl national wie auch lokal fast überall vom ANC dominierten Parlamente und Regierungen neue "schwarze" Namen. Das kann dann für internationale Besucher aufgrund älterer, bezüglich der Bezeichnungen nicht mehr absolut aktuelle Karten oder der in vielen Fällen sogar unterschiedlichen Ausschilderung für die eigentlich gleiche Stadt durchaus schon einmal zu leichten Orientierungsproblemen führen.

Auch in Mpumalanga lassen sich dafür einige Beispiele finden. So soll die Hauptstadt seit einigen Jahren nicht mehr "Nelspruit" sondern "Mbombela" genannt werden. Auch das bereits erwähnte "Lydenburg" heißt nun offiziell "Mashishing". Und aus der nur etwa dreißig Kilometer von Middelburg entfernte Nachbarstadt "Witbank" ist "eMalahleni" geworden. Dies ist allerdings die einzige Umbenennung, die sich auch wirklich durchgesetzt hat. Ansonsten werden die neu eingeführten Bezeichnungen meist nur selten benutzt und oft regelrecht ignoriert.

Die Unterlagen für beide Wettbewerbe werden an den jeweiligen Startorten verteilt. Beim Halbmarathon erhalten die Läufer diese am Eingang zum Loskop Dam Nature Reserve. Die Startnummern für den Ultra gibt es dagegen in Middelburg an den "municipal offices", also der Gemeindeverwaltung. Geöffnet sind die Ausgabestellen sowohl am Freitag ab zwölf Uhr mittags als auch am Morgen des Rennens ab halb fünf.

Für die Helfer fällt die Nacht also häufig sogar noch kürzer aus als für die Teilnehmer selbst. Doch in Südafrika, wo fast alle Laufveranstaltungen zu Uhrzeiten beginnen, die in Europa eigentlich undenkbar wären, ist dies völlig normal und niemand beschwert sich darüber. Erst kurz, bevor das Feld auf die Strecke geschickt wird, werden die letzten noch nicht abgeholten Umschläge wieder eingepackt.

Trotz vierstelliger Starterzahlen erinnert nicht nur dies sondern das gesamte Umfeld eher an einen kleinen Volkslauf irgendwo auf dem Dorf als an die zu "Events" aufgeblasenen Veranstaltungen ähnlicher Größe hierzulande. Am Kap scheint dieses Brimborium jedenfalls nicht unbedingt nötig zu sein, um die Massen anzulocken. Dort hat sich sowohl durch die räumliche als auch durch die jahrelange politische Isolation eine völlig andere Laufkultur heraus gebildet als im Rest der Welt.

Viel nüchterner als auf dem Parkdeck in Middelburg kann die Startnummernausgabe einer großen Laufveranstaltung wohl kaum ausfallen Den Streckenrekord zwischen der Stadt und dem Loskop-Stausee hält mit Josiah Thugwane sogar ein Marathon-Olympiasieger

Viel schmuckloser und nüchterner als das Parkdeck des Behördenzentrums von Middelburg kann ein Wettkampfzentrum jedenfalls wohl wirklich kaum noch ausfallen. Ein paar Tische zur Ausgabe der Unterlagen, über denen die jeweils bedienten Nummernkreise einfach an die Betonstreben der Dachkonstruktion geklebt sind, ein Tisch, an dem man sich neben der einen oder anderen Information im Zweifelsfall auch noch einmal seine Zahlenkombination erfragen kann, sind so ziemlich alles, was man dort vorfindet.

Wirklich bemerkenswert ist allerdings eine daneben aufgehängte Tafel, auf der man die Streckenrekorde für die Hauptklasse und die in Südafrika "veterans" genannte Altersklasse über vierzig verzeichnet hat. Denn einer der Namen, den man dort lesen kann, ist Laufinteressierten auch weit weg von Kap vielleicht noch ein Begriff. Im Jahr 2005 hat nämlich ein gewisser "Josiah Thugwane" die Bestmarke auf 2:44:03 geschraubt. Und dieser Sportler war neun Jahre zuvor bei den Spielen von in Atlanta nicht weniger als Olympiasieger im Marathon geworden.

Noch einen weiteren Tisch gibt es im kleinen Parkhaus. Dort werden die Gepäckanhänger für den Transport von "tog bags" - ein eigentlich nur in Südafrika gebräuchlicher Begriff für Kleidersäcke - verteilt. Die Tasche muss am nächsten Morgen dann übrigens jeder selbst mitbringen. Auch das ist es am Kap absolut üblich. Sogar bei den Großveranstaltungen wie dem Comrades setzten südafrikanische Organisatoren keine einheitlichen Kleiderbeutel ein, wie man sie von anderen großen Marathons kennt.

Und so landet dann am Morgen des Rennens dann auch eine bunte Mischung aus Rucksäcken, Sporttaschen und Plastiktüten auf der Pritsche des Lastwagens, der sie zum Ziel bringen wird. Dass dieser weder Dach noch Plane besitzt, macht den Rat "use a plastic inner for your tog bag, just in case it rains" auf der Internetseite durchaus verständlich. Außerdem werden die Taschen später im Zielraum hinter den Helfern, die für ihre Rückgabe verantwortlich sind, dann auch noch einfach auf der offenen Wiese liegen.

Der Laster steht praktisch direkt neben der Startlinie, die sich etwa zweihundert Meter von der Nummernausgabe auf der anderen Seite des Bürogebäudes befindet. Die Läufer, die sich am noch recht dunklen Morgen dort einfinden, haben zwar während des Rennen eine relativ lange Strecke vor sich, rund um das Wettkampfzentrum in Middelburg ist der Loskop Ultra-Marathon allerdings eindeutig eine Veranstaltung der kurzen Wege.

Direkt gegenüber des Parkdecks, das natürlich weder freitags noch samstags benutzt werden kann, befindet sich zum Beispiel eine große Wiese, die man für das Abstellen von Autos reserviert hat. Selbst in den großen südafrikanischen Zentren ist der öffentliche Nahverkehr eher schwach entwickelt. Das Eisenbahnnetz ist eher weitmaschig geknüpft. U-Bahn-Systeme existieren weder in Johannesburg oder Pretoria noch in Kapstadt oder Durban. Und auch mit Bussen sind dort längst nicht alle auf eine enorme Fläche verstreute Vororte zu erreichen.

Die dritte Verpflegungsstelle am Ende der zweiten großen Steigung hat die größte Oppositionspartei Südafrikas, die "Democratic Alliance" übernommen

Die Hauptlast des Personentransportes tragen überall im Land gerade für die ärmeren Township-Bewohner deswegen Minibus-Sammeltaxis, die häufig ziemlich überladen sind und deren Fahrer wegen ihres oft alles andere als vorsichtigen Stils nicht unbedingt den besten Ruf genießen. Und das will angesichts der ohnehin eher "mediterranen" Einstellung südafrikanischer Fahrzeuglenker zum Einhalten von Verkehrsregeln durchaus etwas heißen.

In Städten wie Middelburg gibt es für kürzere bis mittlere Entfernungen ohnehin keine anderen Alternativen. Nur in die wichtigsten Metropolen fahren immerhin noch Fernbusse. So hat jeder, der es sich leisten kann, ein eigenes Auto. Dieses wird dann ähnlich wie in Nordamerika auch nahezu für jeden nur denkbaren Weg benutzt. Bedenkt man noch die extrem frühen Startzeiten gibt es bei Laufveranstaltungen in Südafrika fast keine andere Möglichkeit zum Erreichen der Wettkampstätte.

"Secure and free parking" bieten die Organisatoren auf der Freifläche für alle Teilnehmer an. Und das ist am Kap durchaus ein gutes Argument. So sehr man der hierzulande manchmal verbreiteten Meinung widersprechen muss, Südafrika sei ein extrem gefährliches Reiseland, in dem es überall drunter und drüber ginge, verschweigen darf man allerdings auch nicht, dass es gerade in den Großstädten durchaus Probleme mit einer im Vergleich zu Europa deutlich erhöhten Kriminalitätsrate gibt.

Und da deswegen niemand sein Fahrzeug viele Stunden lang unbewacht abstellen will, gibt es eigentlich überall Parkwächter. Manchmal - zum Beispiel an Einkaufszentren - werden damit Sicherheitsdienste beauftragt. Oft allerdings begegnet man gerade in den Zentren kleinerer Städtchen aber auch selbsternannten "car guards" in gelben oder orangen Leuchtwesten. Es sind Arbeitslose, die halboffiziell beim Ein- oder Ausparken helfen und während der Abwesenheit der Besitzer das Auto im Auge behalten, wofür sie meistens ein paar Rand Trinkgeld bekommen.

Abgesehen von zwei wegen der Breite der Straße nebeneinander aufgestellten Startbogen lässt sich auch in der Parallelstraße kaum bemerken, dass an dieser Stelle wenig später eine Großveranstaltung mit mehreren tausend Teilnehmern beginnen soll. Es gibt keine Absperrgitter oder irgendwelche Werbebanden. Doch neben ein paar Angehörigen und Helfern ist ja auch niemand anwesend, für die man mit solchen Aufbauten beeindrucken könnte.

Und von einer Einteilung in zeitlich gestaffelte Blöcke ist schon gar nichts zu sehen. Das Feld sortiert sich von ganz alleine. Nur die aus der Masse heraus ragenden Fähnchen der Tempomacher geben dabei ein bisschen Orientierung. Neben den sieben Stunden, die den - wie in Südafrika üblich auf die Sekunde genau eingehaltenen - Zielschluss bilden, ist dabei für die Läufer vor allem die Marke von sechs Stunden interessant. Denn mit deren Unterbieten hat man eine Qualifikation für den Comrades Marathon in der Tasche.

Nur selten wird die weite Hochebene von kleinen Baumgruppen unterbrochen

Die beiden Platzhirsche der südafrikanischen Laufszene verlangen nämlich eine "qualifying time", bevor man auch wirklich eine Startnummer erhält. Das kann ein Marathon in fünf Stunden oder aber eine noch längere Distanz mit einer entsprechenden Staffelung der zu erreichenden Leistungen sein. Für den nur eine Woche später stattfindenden Two Oceans Marathon ist die Einreichungsperiode jedoch bereits abgelaufen.

Für den erst Anfang Juni stattfindenden Comrades werden die Loskop-Ergebnisse aber noch anerkannt. Und für so manchen im Feld ist das Rennen praktisch die letzte Chance, um trotz einer bereits im Herbst abgegebenen Meldung - die achtzehntausend zur Verfügung stehenden Startplätze sind eigentlich jedes Jahr vor Ende der Frist ausgebucht, so dass man sich frühzeitig entscheiden muss - nicht mit einem "did not qualify" in den Listen aufzutauchen.

Sehen kann man die an einer langen Stange angebrachten Wimpel über die Köpfe hinweg auch deswegen gut, weil inzwischen doch langsam die Morgendämmerung einsetzt. Nicht einmal eine Viertelstunde nach dem Startsignal wird schließlich die Sonne aufgehen. Fast scheint es als habe man sich dabei am Namen der Provinz orientiert. Denn "Mpumalanga" bedeutet in SiSwati ungefähr "Ort, an dem die Sonne aufgeht".

Diese Sprache wird hauptsächlich in dieser Provinz und dem benachbarten Kleinstaat Swasiland gesprochen. Obwohl sie zu den insgesamt elf Nationalsprachen Südafrikas zählt, liegt der Anteil der Muttersprachler an der Gesamtbevölkerung bei weit weniger als fünf Prozent. In Mpumalanga ist dagegen immerhin fast ein Drittel aller Einwohner mit SiSwati groß geworden, was die Einordnung als "official language" wieder deutlich logischer erscheinen lässt.

Ebenfalls in diese Kategorie fallen "isiZulu" und "isiXhosa" - die beiden häufigsten Sprachen in Südafrika - sowie "isiNdebele", die alle drei eng mit SiSwati verwandt sind. Ähnlich wie zum Beispiel bei den skandinavischen Sprachen gibt es zwischen ihnen eine weitgehende gegenseitige Verständlichkeit, so dass einige Linguisten sie eher als Dialekte einordnen, denen nur eine einheitliche Dachsprache fehlt. Doch steht dem eben auch das Selbstverständnis der einzelnen Volksgruppen mit völlig unterschiedlichen kulturellen Traditionen entgegen.

An der Siedlung Doornkop steht ein fast ununterbrochenes Publikumsspalier am Straßenrand

Der schwarze Bevölkerungsanteil - immerhin mehr als drei Viertel aller Einwohner des Landes - ist weit weniger einheitlich, als man es aus der Ferne vermutet. Und nicht nur wegen der verschiedenen Hautfarben ist Südafrika ein echter Vielvölkerstaat. So gehören zum Beispiel die anderen indigenen Sprachen, die neben den ursprünglich aus Europa mitgebrachten Englisch und Afrikaans offiziellen Status genießen, zu ganz anderen Gruppen als isiZulu und isiXhosa.

Da die Startaufstellung fast exakt in Richtung Osten zeigt, blickt die versammelte Läuferschar genau in jenen glutroten Streifen, der sich am Horizont in den wenigen Lücken zwischen den noch recht dichten Wolken heraus gebildet hat. Die Vorhersagen für den Rest des Tages sind trotz einiger leichter Schauer am Vorabend allerdings durchaus freundlich. Die Meteorologen verkünden, dass es während des Wettkampfes trocken bleiben wird und man später sogar die Sonne genießen kann.

Auch die zwar zweistelligen, aber eben doch nicht allzu weit über der Zehn-Grad-Marke liegenden Temperaturen sollen noch etwa steigen. Allerdings ist bei Werten um zwanzig Grad auch nicht mit einer Hitzeschlacht zu rechnen. Die Bedingungen klingen in den Ohren eines Europäers fast ideal. Für viele der aus dem Sommer der Südhalbkugel kommenden Einheimischen sind diese aber frisch genug, um doch lieber das eine oder andere lange Kleidungsstück auszuwählen.

Und noch weitaus mehr tragen für die Anfangskilometer T-Shirts oder dünne Jacken, die später umgebunden oder an einer der vielen Verpflegungsstellen zurück gelassen werden. Doch spätestens darunter haben praktisch alle jene bunten Clubtrikots übergeworfen, die eines der schon bei der ersten Begegnung augenfälligsten Merkmale der südafrikanischen Langstreckenszene darstellen.

Während nicht nur hierzulande sondern auch fast überall sonst auf der Welt im Laufsport die Vereinsstrukturen extrem bröckeln oder sogar schon längst in sich zusammen gestürzt sind, jeder für sich alleine oder maximal in kleinen und kleinsten Grüppchen trainiert, gibt es am Kap schließlich noch immer ziemlich rege und zum Teil riesige Laufclubs. Mehrere hundert Sportler sind dabei völlig normal. Selbst mit vierstelligen Mitgliederzahlen - die Rede ist wohlgemerkt von Aktiven in einer einzigen Sportart - kann so manche Truppe aufwarten.

So bringt alleine der "Irene Road Running Club" aus Pretoria beim Loskop Ultra mehr als einhundert Teilnehmer ins Ziel. Für den "Benoni Northerns Athletices Club" lassen sich über siebzig Einträge finden. Noch häufiger tauchen unter anderem die "Eskom Gijimas" auf. Doch verbirgt sich dahinter der Betriebssportclub des wichtigsten südafrikanischen Stromversorgers, der über das ganze Land verteilt verschiedene Trainingsgruppen hat.

Hinter Doornkop verschwindet die Straße allerdings schnell wieder in der Einsamkeit der weiten Landschaft

Außer der völlig anderen Tradition spielt dabei sicher auch eine Rolle, dass Einheimische für den Start bei großen Wettkämpfen wie dem Comrades und dem Two Oceans unbedingt eine Vereinsmitgliedschaft benötigen. Und auch sonst wird für die Teilnahme an Laufwettbewerben eine jährlich vom Club im jeweiligen Regionalverband zu beantragende Lizenz verlangt. Diese wird dann als große Nummer aus Stoff ausgeliefert und auf der Rückseite der Trikots befestigt. Viele Läufer vernähen sie dort sogar dauerhaft.

Wer keine besitzt, aber trotzdem mitlaufen möchte, muss bei Rennen neben dem normalen Startgeld zusätzlich die Gebühr für eine "temporary licence" - beim Loskop Marathon sind es fünfundzwanzig Rand - bezahlen. Dafür findet man dann im Umschlag neben der auf dem Bauch zu tragenden Startnummer noch einen zweite mit einer völlig anderen Zahlenkombination und dem Symbol des Leichtathletikverbandes anstelle des Veranstaltungslogos für den Rücken.

Was hierzulande im Laufbereich vermutlich einen gewaltigen Aufschrei des Entsetzens auslösen würde, stellt im Triathlon dagegen eigentlich nichts Besonderes dar. Denn dort ist in vergleichbaren Konstellationen eine sogenannte "Tageslizenz" seit vielen Jahren obligatorisch. Und in Skandinavien hat "Norges Friidrettsforbund" trotz heftigem Gegenwind aus der Laufszene für alle Nichtvereinsmitglieder gerade erst eine ähnliche Regelung eingeführt.

In Südafrika wird dieses System ohnehin praktisch überall und ohne jeden Widerspruch akzeptiert. Vermutlich hauptsächlich, weil man es gar nicht anders kennt. Aber wohl auch, weil als Ausrichter am Kap weiterhin praktisch weiterhin ausschließlich Vereine auftreten und keine nur an Gewinn interessierten Eventagenturen mitmischen, die sich bei ihren Veranstaltung herzlich wenig um den sonstigen Sportbetrieb der Verbände scheren.

Doch auch die Trikots selbst sind eben weit von dem entfernt, was man anderswo zu sehen bekommt. Denn statt monochromen Hemden in den Standardfarben Rot, Blau, Grün und Schwarz, die sich ansonsten höchstens noch durch die Symbole der Hersteller voneinander unterscheiden, wie sie hiesige Leichtathletikvereine tragen, hat jeder südafrikanische Club ein ganz eigenes, meist sogar ziemlich unverwechselbares Design, das man in der Regel über Jahrzehnte nahezu unverändert beibehält.

Neben beinahe sämtlichen nur denkbaren Varianten, in denen man Streifen auf ein Stück Stoff bringen kann, begegnet man dabei manchmal auch Kombinationen, die greller oder schräger kaum sein könnten. Der in Rot, Gelb und Blau längsgestreifte Dress des "Chappies Running Club" erinnert zum Beispiel im ersten Augenblick viel eher an ein Clownskostüm für den Karneval als an Sportbekleidung.

Zwischen riesigen Maisfeldern und endlosen Wiesen zieht sich die Straße kilometerlang schnurgerade durch die Landschaft

Dazu kommen dann auch noch Farbtöne zum Einsatz, die hierzulande wohl kaum jemand für ein Lauftrikot in Betracht ziehen würde - und wenn dann höchstens für kurze Zeit, bis sie wieder aus der Mode sind, und nicht über viele, viele Jahre wie in Südafrika. Das Türkis von Irene erkennt man ziemlich schnell schon aus großer Entfernung, selbst wenn es auf einem ganz anderen Kontinent begegnet.

Und gestanden Männer mit Figuren von Rugby-Spielern sieht man hierzulande eher selten in rosa Leibchen auf einer Marathonstrecke. Am Kap sind sie dagegen durchaus öfter anzutreffen. Nämlich dann, wenn sie für den "Florida Running Club" - die Bezeichnung bezieht sich auf einen Vorort von Johannesburg und nicht auf den gleichnamigen Staat im Süden der USA - ins Rennen gegangen sind.

Wie weltweit üblich gibt ein Ansager am Start bekannt, wie viel Zeit noch zum Start verbleibt. Doch dann macht er etwas typisch Südafrikanisches. Er stimmt nämlich "Shosholoza" an, jenen auf Minen- und Bahnarbeiter zurück gehenden dumpfen Wechselgesang, der durch seine häufige Verwendung in Sportstadien inzwischen beinahe so etwas wie eine inoffizielle zweite Nationalhymne geworden ist.

Wer einmal die Atmosphäre kurz vor den noch in der Dunkelheit stattfindenden Starts von Comrades oder Two Oceans erlebt hat, wenn tausende Läufer die aus den Boxen kommende Melodie mitsingen, wird wohl schon beim Gedanken daran eine leichte Gänsehaut bekommen. Doch diesmal scheitert der Versuch fast schon kläglich. Ohne die Rhythmusvorgabe vom Band stimmen einfach zu wenige im passenden Moment mit ein. Mit einer leichten Enttäuschung im Gepäck geht es deswegen Punkt sechs Uhr auf die Strecke.

Nur etwa zweihundert Meter hinter den Startbögen schwenkt diese nach links und steuert vom südlich des Zentrums gelegenen Behördenzentrum auf den Stadtkern zu. Schnurgerade schneidet der Kurs durch diese im Schachbrettmuster angelegte, kaum einen Quadratkilometer und in jeder Richtung nur wenige Straßenblöcke umfassende Zone hindurch. Dort bündeln sich nahezu alle Geschäfte der Stadt. Ringsherum schließen sich dagegen reine Wohngebiete an, in denen kaum eines der Häuser überhaupt ein zweites Stockwerk besitzt.

Die lange Zeit leicht ansteigende Strecke beginnt vor der Halbzeitmarke, die sich dieses Mal selbstverständlich erst bei Kilometer fünfundzwanzig befindet, spürbar zu fallen

Wirklich sehenswert ist eigentlich weder das eine noch das andere. Aus der ohnehin nur hundertfünfzig Jahre umfassenden Geschichte des Städtchens ist nicht allzu viel an historischer Bausubstanz übrig geblieben. Das vielleicht noch auffälligste Gebäude ist die "Gereformeerde Kerk". Die immerhin schon Ende des neunzehnten Jahrhunderts erbaute, wegen ihres hellen Anstriches auch "Witkerk" genannte Kirche der reformierten Gemeinde bekommt man während des Rennens jedoch nicht zu sehen.

Die wichtigsten Kreuzungen im Stadtzentrum sind von Verkehrspolizisten abgesichert. Dass auf Autos und Sicherheitswesten allerdings "Steve Tshwete Traffic" zu lesen ist, erstaunt ziemlich. Der Gedanke, dass man die Aufgabe der Verkehrslenkung eventuell privatisiert habe könnte, ist aber natürlich völlig irrig. Vielmehr gehört die Stadt Middelburg zu einer administrativen Einheit namens "Steve Tshwete Local Municipality".

Ähnlich wie in Skandinavien sind südafrikanische Gemeinden nämlich weit größer geschnitten als ihre Gegenstücke hierzulande und entsprechen in ihren Ausdehnungen eher einem deutschen Landkreis oder gar Regierungsbezirk. Die "Steve Tshwete Local Municipality" liegt diesbezüglich eigentlich nur im Mittelfeld und übertrifft hinsichtlich ihrer Quadratkilometerzahl trotzdem sogar das Saarland deutlich. Die größten Kommunen in der menschenleeren Provinz "Northern Cape" liegen flächenmäßig sogar vor Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg.

Rund hundert Kilometer beträgt die Nord-Süd-Ausdehnung der Gemeinde, die ihren Sitz im - auch in diesem Fall stimmt der Name - praktisch genau in der Mitte gelegenen Middelburg hat. Fast fünfzig Kilometer sind es von Ost nach West. Und so wird man während des gesamten Ultrarennens die Kommune nicht verlassen. Man läuft vielmehr nur von ihrem Zentrum bis fast zu ihrem nördlichsten Punkt.

Dennoch ist die Bezeichnung der "municipality" natürlich ziemlich ungewöhnlich, denn es handelt sich dabei tatsächlich um einen Personennamen. Auch nach der Verwaltungsreform, in denen diese Einheiten gebildet wurden, haben sich die Damen und Herren des "South African Geographical Names Council" bei deren Benennung weiter ausgetobt. Doch auch bei den kommunalen Neugliederungen, die einige Bundesländer hierzulande durchgezogen haben, waren der Phantasie ja diesbezüglich kaum Grenzen gesetzt.

Jedenfalls heißt nur etwa ein Fünftel aller südafrikanischen Gemeinden überhaupt noch so wie ihr Verwaltungssitz. Johannesburg und Kapstadt sind darunter. Durban gehört dagegen zur "eThekwini Metropolitan Municipality". Pretoria ist Bestandteil der "City of Tshwane". Statt "Bloemfontein" taucht in offiziellen Dokumenten die "Mangaung Metropolitan Municipality" auf. Und aus Port Elizabeth hat man noch zu Lebzeiten des Nationalhelden "Nelson Mandela Bay" gemacht.

Um die Fähnchen des Tempomachers für eine Endzeit unter sechs Stunden haben sich etliche Läufer versammelt, schließlich wäre damit die Comrades-Qualifikation geschafft Shirley Dhlamini sieht nach dreißig Kilometern eigentlich noch recht locker aus, sie selbst sieht es aber völlig anders, denn…"my legs tell an other story"

Auch andere frühere Anti-Apartheid-Kämpfer und ANC-Politiker wurden als Namenspatron für "municipalities" oder die ihnen übergeordneten "districts" heran gezogen. Gerade in Mpumalanga hat man sich damit hervor getan. Fast die Hälfte aller Kommunen ist dort nach Personen benannt. Steve Tshwete zum Beispiel war zusammen mit Mandela viele Jahre auf Robben Island inhaftiert und nach der "transition" später dann Sport- und Innenminister der neuen Regierung.

Gerade aus der Ferne nicht unbedingt nachvollziehbar ist allerdings, dass nur wenige Jahre nach seinem Tod bereits eine Gemeinde nach ihm benannt wird. Doch vielleicht kann man es mit einem gewissen Nachholbedarf der schwarzen Bevölkerungsmehrheit erklären. Viele südafrikanische Orte heißen schließlich auch nach Führern der verschiedenen europäischen Einwanderungs- und Besiedlungswellen.

Die Reihe beginnt schon mit der zweitältesten Stadt des Landes. Denn Stellenbosch hat seinen Namen vom Kommandeur der niederländischen Niederlassung Simon van der Stel. Eineinhalb Jahrhunderte später wurde Durban nach dem Gouverneur der inzwischen von den Briten übernommen Kapkolonie Benjamin D'Urban benannt. Und Pretoria wurde von einem Burenführer namens Pretorius gegründet. Die Liste ließe sich noch ziemlich lange fortsetzen.

Nun stehen also auch "Steve Tshwete" auf den Warnwesten der Polizisten, die in Middelburg die Laufstrecke vom Verkehr freihalten. Doch nicht nur in Middelburg selbst sondern auf ihrer kompletten Länge ist die Straße für den Marathon vollständig gesperrt. Das ist zum einen in Südafrika keineswegs immer üblich und zum anderen umso erstaunlicher, weil der Kurs praktisch nur in über eine "national route" führt, von denen es im Land nicht einmal zwei Dutzend gibt.

Eine - zumindest nominell ist sie das - bedeutende überregionale Verkehrsachse wird so für viele Stunden lahm gelegt. Allerdings hört sich das schlimmer an als es in Wahrheit ist. Denn Südafrika ist trotz seiner mehr fünfzig Millionen Einwohner für mitteleuropäische Verhältnisse ein ziemlich weites Land. Denn es erstreckt sich immerhin auch über ein Territorium, das so groß ist wie Deutschland, Österreich, die Schweiz, Frankreich und die Benelux-Staaten zusammen. Auf diesem Gebiet leben in Europa jedoch fast viermal so viele Menschen.

Dazu ist die südafrikanische Bevölkerung noch ziemlich ungleich verteilt. Während sich nämlich die Besiedlung um die großen städtischen Zentren wie Johannesburg, Durban und Kapstadt extrem ballt, kann man in entlegenen Gegenden wie der Karoo oder der Kalahari durchaus schon einmal ein- bis zweihundert Kilometer bis zur nächsten Ortschaft - und damit zum Beispiel auch der nächsten Tankstelle - unterwegs sein.

Nach vielen Bergabkilometern wird das Gelände im vierten Fünftel der Strecke wieder deutlich welliger

Obwohl sich der Westen Mpumalangas bezüglich der Einwohnerdichte im Landesvergleich sogar eher noch im mittleren Bereich befindet, fährt man auch knapp hundert Kilometer von Middelburg nach Norden, bevor man mit Groblersdal überhaupt wieder eine größere Ansiedlung erreicht. Und da es dorthin sogar eine zweite, nur gut vierzig Kilometer längere Ausweichroute gibt, lässt sich die "N11" tatsächlich ohne übermäßig große Folgen sperren.

Noch sind die Läufer aber nicht auf die "national route" eingebogen. Denn nach der ersten schnellen Neunzig-Grad-Kurve führt die Strecke erst einmal zwei Kilometer auf einer parallel zu ihr laufenden Straße geradeaus und verliert dabei eine ganze Reihe von Höhenmetern. Kurz bevor man endgültig die Senke erreicht hat, durch die der "Klein Olifantsrivier" am Städtchen vorbei fließt, dreht man dann ein zweites Mal nach links.

Und nach einem weiteren knappen halben Kilometer schwenkt das Feld endgültig auf jene Überlandstraße, die es von nun an bis zum Abbiegen in die Einfahrt des Loskop Ressorts nicht mehr verlassen wird. Wenig später lässt man dann auch die letzten Häuser der Kernstadt von Middelburg hinter sich und taucht in eine kleine Allee ein, unter deren Bäumen bereits der erste Getränkeposten auf die Läufer wartet.

Am Kap ist bei längeren Läufen wegen der oft relativ hohen Temperaturen ein Rhythmus von etwa drei Kilometern zwischen den Verpflegungsstellen üblich. Und auch beim Loskop Marathon halten die Organisatoren diesen anfangs ein. Später wird man die einzelnen Versorgungspunkte sogar noch dichter aneinander rücken lassen, so dass man am Ende weit mehr als zwanzig von ihnen passiert hat. Selbst beim Halbmarathon besteht achtmal die Gelegenheit, Getränke zu fassen.

Nicht wirklich spektakulär sondern eher schmal ist der "kleine Elefantenfluss", der in Südafrika noch eine ganze Reihe von Namensvettern - dann allerdings meist ohne den minimierenden Zusatz - hat, wie sich bei einer Reise durchs Land aufgrund der an den Brücken aufgestellten Schilder schnell bemerken lässt. In einen dieser Olifantsrivier wird der kleine Cousin später auch münden. Und da dieser seinerseits wieder den Loskop-Stausee speist, könnte mit ein wenig Flapsigkeit durchaus behaupten, dass man dieses Wasser später noch einmal wiedersehen wird.

In der Übergangszone zwischen Highveld und Bushveld tauchen ringsherum immer häufiger kleine Bäume und Dornenbüsche auf

Kreativ sind die fast immer von burischen Siedlern vorgenommenen Benennungen der südafrikanischen Wasserläufe wahrlich nicht immer. Denn auch "Elands-" und "Krokodilflüsse" entdeckt man zuhauf. Und "mooi" und "groot" - Afrikaans für "schön" und "groß" - oder "swart" und "wit" sind ebenfalls mehrere "riviers". Während man im Englischen daraus dann eigentlich immer einen "river" macht, werden Tiere und beschreibenden Adjektive praktisch nie übersetzt. Es entsteht also wieder eine Mischform, allerdings diesmal genau umgedreht wie beim "Highveld".

In dieses läuft man nun langsam hinaus. Nach dem Überqueren des Flüsschens steigt die Straße nämlich gleich wieder an und steuert auf die wellige Hochebene zu, die sich im Norden von Middelburg erstreckt. Das Städtchen selbst bleibt in der Senke zurück. Und auch ein letztes Wohngebiet, das sich parallel der Straße den Hang hinauf zieht, wird durch einen ziemlich breiten, parkähnlichen Grünstreifen auf Distanz gehalten.

"Kanonkop" heißen Hügel und Stadtviertel - ein Name, der während des zweiten Burenkrieges entstanden ist, in dem die Briten zwischen 1899 und 1902 die beiden unabhängigen Burenstaaten "Transvaal" - offiziell eigentlich "Zuid-Afrikaansche Republiek" genannt - und "Oranje-Vrystaat" eroberten. Große Kämpfe fanden am "Kanonenkopf" zwar nicht statt. Doch Middelburg bekam im Verlauf der Auseinandersetzungen trotzdem traurige Berühmtheit. Denn in der Stadt hatten die Briten eines ihrer berüchtigten "concetration camps" eingerichtet.

Die von den britischen Generälen anfangs klar unterschätzen burischen Milizeinheiten, konnten in der ersten Phase des Krieges dank ihrer Beweglichkeit und Geländekenntnis sowie unorthodoxer, an keiner Militärakademie gelehrter Taktiken einige Erfolge erzielen. Doch als immer weitere Truppen aus allen Ecken des Empire nach Südafrika geschickt wurden, hatten sie irgendwann gegen den zahlenmäßig weit überlegenen Gegner im offenen Gefecht keine Chance mehr. Eine Stadt nach der anderen wurde von den Invasoren eingenommen.

Also verlegte man sich auf einen Guerillakrieg, bei dem kleine Kommandotrupps immer wieder Überfälle auf die Nachschublinien verübten, um dann wieder in den Weiten des Landes zu verschwinden. Die Briten reagierten mit einer Strategie der verbrannten Erde. Die Farmen der burischen Kämpfer wurden angezündet, ihre Frauen und Kinder in Lagern interniert. Alleine in Middelburg gab es dabei mehr als tausend Todesfälle wegen Krankheiten und Mangelernährung.

Schließlich wurde der Widerstand nach und nach gebrochen. Und mit dem 1902 geschlossenen Frieden von Vereeniging wurden die Burenrepubliken als "Transvaal Colony" und "Orange River Colony" ins britische Weltreich eingegliedert. Einige Jahre später wurden sie mit den schon länger zum Empire gehörenden Besitzungen "Cape Colony" und "Natal Colony" zur "Union of South Africa" zusammen gefasst.

Während der Steigung hinauf zum Bugger's Hill müssen auf zwei Kilometern rund einhundert Höhenmeter überwunden werden

Nicht wirklich steil, aber stetig geht es den Hügel hinauf. Rund fünfzig Meter sind innerhalb von gut zwei Kilometern dabei zu erklettern. Insgesamt führt der Kurs des Loskop Marathons zwar deutlich bergab, denn das Ziel liegt beinahe fünfhundert Meter tiefer als der Start. Doch unter "leicht" lässt es sich trotzdem keineswegs einsortieren. Schließlich addieren sich die Gegensteigungen eben auch auf mehrere hundert Höhenmeter.

Oben auf der Kuppe bilden zwei knallgelbe Lastwagen mit hochgekippten Ladenfläche links und rechts der Straße ein regelrechtes Portal für die Läufer. Sie gehören dem Baumaschinenhersteller "Bell Equipment", der für die Betreuung der zweiten Verpflegungsstelle bei Kilometer sechs zuständig ist. Gerade bei größeren Veranstaltungen ist es am Kap keineswegs unüblich, dass nicht nur die Betreuung sondern auch die Ausgestaltung der einzelnen Posten komplett von Firmen oder Organisationen übernommen wird.

Neben der durchaus vorhandenen und nicht an am Streckenrand sondern auch abseits der eigentlichen Rennen immer wieder einmal zu bemerkenden Begeisterung der Südafrikaner für den Langstreckenlauf, hat dieser Einsatz selbstverständlich mit Reklame für das eigene Unternehmen zu tun. Je auffälliger dabei die Dekoration ist, umso eher wird man registriert und bleibt den Läufern nach dem Zieleinlauf im Gedächtnis.

So kommt dann auch jede Versorgungspunkt ein wenig anders daher. Und an einigen haben sich die Betreuungsmannschaften wirklich mit besonders viel Eifer an die Arbeit gemacht, selbst wenn sich die eine oder andere Idee dann doch wiederholt. Denn "3Q Concrete" hat bei Kilometer siebenundzwanzig neben den eigenen Tischen ebenfalls seine Betonmischlaster auf beiden Seiten der Straße postiert. Und zwei Kilometer zuvor an der Halbzeitmarke stehen Kleibusse der Hochdruckschläuche herstellenden Firma "Kutting Mpumalanga" den Läufern Spalier.

In kleine Beutel - sogenannte Sachets - abgepacktes Wasser und Cola aus Bechern sind dabei wie eigentlich bei allen südafrikanischen Laufveranstaltungen an allen Posten Standard. Zwischen Middelburg und dem Loskop Dam gibt es dazu gelegentlich Elektrolytgetränke. Und da einige der betreuenden Gruppe ihre Aufgabe durchaus individuell interpretieren, stößt man auch noch auf die eine oder andere Flüssigkeit - zum Beispiel eine von den Helfern lautstark mit "Club Soda" angepriesene Limonade.

Feste Nahrung haben ebenfalls einige Stände im Angebot. Und auch hierbei sind der Phantasie recht wenige Grenzen gesetzt. Neben dem weltweit üblichen Obst geht es in Südafrika jedoch sonst meist deutlich rustikaler zu als bei europäischen oder nordamerikanischen Stadtmarathons, wo als Alternative häufig klebrige Gels und Riegel das Bild bestimmen. Die trägt am Kap zwar auch der eine oder andere mit sich herum. Doch setzt man außerdem eben auf eigentlich simple, aus hiesiger Sicht aber ziemlich exotische Dinge wie gekochte und gesalzene Kartoffeln.

Auf der Kuppe von Bugger's Hill schneidet die Straße durch einen Hohlweg hindurch

Selbst die beiden ganz großen Rennen im Land nutzen hauptsächlich diese gegenüber den mit Hochglanzreklame beworbenen vermeintlichen Spezialprodukten so unglaublich profane Variante der Wettkampfernährung. Und Zweiflern sei gesagt, tausende Läufer kommen damit tatsächlich problemlos über die knapp neunzig Kilometer des Comrades. Dass zu den "potatoes" aber beim Loskop Marathon einmal auch frisch gerillte Würstchen gereicht werden, ist dann allerdings doch eine absolute Ausnahme.

Immer weiter führt die Straße hinaus in die offene Landschaft, in der jede Baumgruppe oder und jede Farm bereits eine Abwechslung darstellt, die zum Teil mehrere Kilometer weit zu sehen ist. Der Kontrast zum ziemlich industriell geprägten, wenig ansehnlichen Umfeld im Süden von Middelburg, wo neben sich mehreren Kohle-, Platin- und Kupferminen auch ein größeres Stahlwerk befindet, ist schon immens.

Hinter der Kuppe taucht die in diesem Abschnitt praktisch schnurgerade N11 in eine weitere Senke ab, in der die Läufer das Niveau, auf dem sie mit der Überquerung des "Klein Olifantsrivier" aufgebrochen waren, sogar noch unterschreiten. Doch auf der gegenüber liegenden Seite lässt sich schon der Hang erkennen, den die mit ihren insgesamt gerade einmal zwei Fahrspuren gar nicht so bedeutend aussehende Hauptverkehrsachse als nächstes in Angriff nehmen wird.

Auch am Ende dieses fast noch steileren Anstieges, bei dem man innerhalb eines Kilometers sechzig bis siebzig Höhenmeter überwindet, wartet wieder eine Verpflegungsstelle. Und die wird von der "DA" betreut. Diese "Democratic Alliance" ist allerdings - wie sich bereits angesichts der Langform des Namens vermuten lässt - keineswegs eine Firma oder ein Verein sondern eine politische Partei.

Deren lokale Mitglieder haben die Helferrolle der beim Loskop Marathon zwar nicht zum ersten Mal übernommen, doch es trifft sich natürlich trotzdem gut, dass dreieinhalb Wochen später sowohl ein neues nationales Parlament als auch alle Volksvertreter in den einzelnen Provinzen gewählt werden. Südafrika ist also mitten im Wahlkampf. Überall im Land hängen unzählige Plakate an Verkehrsschildern und Laternenmasten, die mit ihren einfachen Parolen fast noch platter wirken als ihre hiesige Verwandtschaft.

Noch einmal beruhigt sich das Streckenprofil zu einem ziemlich ebenen Kilometer … … dann leitet nach einer letzten kleinen Welle die Tafel mit der Aufschrift "Kranspoort Pass einen regelrechten Absturz ein

Bei diesen "elections" wird sich die "DA" endgültig als größte Oppositionspartei etablieren und ihren Stimmenanteil um fast fünf Prozentpunkte steigern können. Dass dabei allerdings dennoch nur gut zweiundzwanzig Prozent ein Kreuzchen hinter ihrem Namen machen wird, ist in der erdrückenden Übermacht der alten und neuen Regierungspartei ANC begründet, die trotz einiger Rückgänge noch immer zweiundsechzig Prozent aller "votes" auf sich vereinigen könne wird.

Dieser Zulauf zum "African National Congress" hat weniger mit dem aktuellen Erscheinungsbild seiner Führung als vielmehr mit seinen Leistungen in der Vergangenheit zu tun. Denn in einer schon längere Zeit gefestigten Demokratie in Europa hätte ein Präsident mit einer solchen Bilanz wie Jacob Zuma wohl eine vernichtende Wahlniederlage erlitten und wäre mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt worden. Schließlich landete der ANC zuletzt hauptsächlich mit Skandalen und weniger mit irgendwelchen Erfolgsmeldungen in den Schlagzeilen.

"Korruption", "Patronage" und "Vetternwirtschaft" lauten die Vorwürfe fast immer. Es ist genau jene Arroganz der Macht, die sich häufig bei extrem langer, unangefochtener Herrschaft einer einzigen Partei heraus bildet. ANC-Funktionäre besetzten nach einer nun immerhin schon zwei Jahrzehnte dauernden ununterbrochenen Regierungszeit fast alle öffentlichen Ämter. Und wer einen von ihnen kennt, bekommt als Unternehmer oft weitaus eher einen staatlichen Auftrag oder gelegentlich auch einmal eine Sozialwohnung, die man gar nicht nötig hätte.

Aufgrund dieser um sich greifenden Selbstbedienungsmentalität ist Südafrika während des letzten Jahrzehnts in den entsprechenden Ranglisten deutlich nach hinten zurück gefallen. Und auch wenn man mit einem Platz, der sich im weltweiten Vergleich irgendwo im Mittelfeld befindet, für afrikanische Verhältnisse eigentlich sogar noch recht gut liegt, musste man die Führungsrolle auf dem Kontinent diesbezüglich längst an den als demokratisches Musterland geltenden Nachbarn Botswana abgeben.

Auch Zuma selbst ist an den Skandalen eifrig beteiligt. Für den Umbau seines privaten Wohnsitzes in Nkadla wurden zum Beispiel fast zweihundertfünfzig Millionen Rand aus der Staatskasse verwendet. Angeblich waren diese sicherheitsrelevant. Wieso dabei die Kühe des Hobby-Rinderzüchters ganz nebenbei einen nagelneuen und hochmodernen Stall bekamen, blieb allerdings ziemlich rätselhaft. Den ebenfalls neuen Swimming-Pool konnte man, als der Druck größer wurde, immerhin gerade noch offiziell zum Löschwasserteich umwidmen.

Die wirtschaftlichen Eckdaten sind ebenfalls eher bescheiden. Offiziell gelten ein Viertel aller Südafrikaner als arbeitslos, die meisten von ihnen Schwarze. Unter der Hand werden noch weit höhere Werte genannt. Trotz vieler Wohnungsbauprogramme, ist die Zahl der Menschen, die in sogenannten "informal settlements" unter haarsträubenden Bedingungen in winzigen Wellblech- und Bretterbuden leben, seit Ende der Apartheid kaum kleiner geworden.

Innerhalb von nur gut zwei Kilometern rauscht man auf der sich zwischen rostroten Felswänden hindurch windenden Straße rund zweihundert Meter hinunter ins Tal

Und auch viele der staatlichen Schulen in den Townships sind zwanzig Jahren weiterhin in einem ziemlich erbärmlichen Zustand. Die dort unterrichteten Kinder im Berufsleben werden später kaum gegen die Absolventen weitaus besser ausgestatteter Privatschulen bestehen können. Sie werden wie ihre Eltern wohl als maximal angelernte Arbeiter auf einer Farm, in einer Fabrik oder einem Bergwerk enden. Die Chancen für den wirtschaftlichen Aufstieg und die allgemeine Angleichung der Lebensverhältnisse sind auch für diese Generation eher gering.

Doch gerade diese nun erstmals wahlberechtigten "born frees" - so genannt, weil das System der Rassentrennung vor ihrer Geburt endete - interessieren sich wenig für Politik. Nur etwa ein Drittel von ihnen hat sich im Vorfeld überhaupt für die Stimmabgabe registrieren lassen. Und die Älteren wählen aus Verbundenheit weiter den ANC, dem sie noch immer zu Gute halten, ihnen dieses Recht überhaupt erst beschafft zu haben.

Auch weiterhin werden im Wahlkampf, der in Südafrika noch deutlich ruppiger abläuft als hierzulande, gerade von Zuma gern alte revolutionäre Phrasen hervor geholt und trotz einer nun zwanzigjährigen Regierungszeit der "ruling party" die Schuld für alle Probleme auf die Apartheid geschoben. Selbst die rassistische Karte wird - nun mit umgekehrtem Vorzeichen - dabei gerne gespielt. Sogar einheimische Kommentatoren bezeichnen Zuma gelegentlich als "Anti-Mandela", als einen, der im Gegensatz zum ersten schwarzen Präsidenten eher spaltet als versöhnt.

Noch viel aggressiver treten, die "Economic Freedom Fighters" des früheren ANC-Jugendliga-Chefs Julius Malema auf. Einst ein Verbündeter von Zuma beim parteiinternen Sturz des als weitaus gemäßigter geltenden Mandela-Nachfolgers Thabo Mbeki, überwarf er sich später mit dem neuen Präsidenten, der ihm noch immer nicht radikal genug war und gründete kurz vor der Wahl seine eigene Partei.

Sein Programm fordert massive Verstaatlichungen und Enteignungen, was bei den einigen der chancenlosen Township-Bewohner durchaus gut ankommt. Dass er sich an der Politik Robert Mugabes orientieren will und diesen als Visionär und sein Vorbild lobt, obwohl der Präsident von Zimbabwe in seiner jahrzehntelangen Regentschaft das Nachbarland wirtschaftlich praktisch vollkommen zugrunde gerichtet hat, liegt genau auf dieser Linie.

Am Ende der Schlucht wird es wieder eben und fast fünf Kilometer verläuft die Strecke ohne echte Kurve durch einen tektonischen Graben

Das persönliche Finanzgebaren dieses selbsternannten "Retters der Armen", der sich nicht Parteivorsitzender sondern "Commander-in-Chief" der EFF bezeichnet, ist dagegen mehr als zweifelhaft. Abgesehen davon, dass er einen Hang zu teuren italienischen Schuhen, deutschen Nobelkarossen und Luxusuhren aus der Schweiz hat, laufen auch gegen ihn mehrere Verfahren wegen Korruption, Betrug, Steuervergehen und weiterer seltsamer Geldgeschäfte. Das ficht jene sechs Prozent Enttäuschten, die ihm ihre Stimme geben werden, allerdings nicht an.

Für diese ist die marktwirtschaftlich orientierte DA natürlich überhaupt keine Alternative. Dabei hat die "Demokratische Allianz" in der Provinz Western Cape, wo sie fünf Jahre zuvor erstmals den ANC von der Regierung verdrängen konnte, der alle ansonsten anderen Landesteile dominiert, durchaus ordentliche Arbeit gemacht. Die Region rund um Kapstadt gilt seitdem als die am besten geführte Provinz. Sie hat den solidesten Haushalt, die geringste Korruption, die besten Schulen und im Gegensatz zum Rest des Landes auch leicht steigende Beschäftigungsraten.

Aber der DA hängt weiterhin das ihr vom ANC nur zu gerne gegebenes Etikett an, eine Partei der "Blankes" zu sein, Und die Tatsache, dass diese von der mit dem Berliner Millieu-Zeichner verwandten Helen Zille - der Premierministerin von Westkap - geführt wird, scheint dies nur zu bestätigen. Auch dass Western Cape ausgerechnet die einzige Provinz ist, in der nicht "blacks" sondern meist Afrikaans sprechende "coloureds" mit sowohl afrikanischen als auch europäischen Vorfahren die Mehrheit der Bevölkerung stellen, passt genauso in dieses Schema.

Ein Blick in die Reihen der Freiwilligen am Verpflegungstand zeigt, dass dies zwar keineswegs so ist. Die präsentieren sich bezüglich der Hautfarben nämlich ähnlich bunt gemischt wie das Läuferfeld selbst. Doch bei vielen verfängt diese allzu simple Rhetorik weiterhin. Und für die meisten Schwarzen gerade auf dem Land ist die größte Oppositionspartei deswegen noch immer nicht wählbar. So wird der ANC mindestens fünf weitere Jahre an der Macht bleiben. Und die Erwartung, dass sich etwas am Durchwursteln der letzten Wahlperiode ändert, ist eher gering.

Der Schwung der Anfangsjahre unter dem Übervater Mandela hat sich längst verflüchtigt. Erste Beobachter äußern gar Bedenken, ob die fest etablierte Funktionärskaste überhaupt noch bereit sein wird, eine irgendwann vielleicht doch einmal drohende Wahlniederlage zu akzeptieren. Aber eine lebendige Zivilgesellschaft, eine weitgehend freie Presse und unabhängige Gerichte lassen zumindest derzeit noch hoffen, dass Südafrika nicht wie viele andere Länder des Kontinents endet.

Das "Kranspoort Vakansiedorp" hat sich besonders viel Mühe beim Schmücken seiner Verpflegungsstelle gegeben

Diesmal senkt sich die Straße nach dem Erreichen der ersten Kuppe mit der Getränkestelle nicht erneut ab, sondern steigt weiter - nun allerdings deutlich sanfter - an. Zwischen weitem Grasland und einigen dazwischen angelegten, ebenfalls großflächigen Feldern zieht sich ein schmales Asphaltband immer geradeaus durch typische Highveld-Landschaft. Über ihr hängen noch etliche Wolken, durch die sich die noch nicht lange am Himmel stehende Sonne erst ihren Weg bahnen muss.

Ein Schild am Straßenrand markiert etwa einen Kilometer später den Abzweig zur "Botshabelo Mission". Diese vom Deutschen Alexander Merensky in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gegründete Missionsstation ist praktisch komplett erhalten und inzwischen ein Freilichtmuseum. Direkt nebenan gibt es zudem ein kleines Dorf der Ndebele - eine Volksgruppe, die zwar nur zwei bis drei Prozent der südafrikanischen Einwohner stellt, aber wegen der bunten geometrischen Muster, mit denen sie traditionell Häuser und Wände verzieren, ziemlich bekannt.

Der Weg, der zum einige Kilometer abseits der N11 gelegenen Häusergruppe führt, hat allerdings wenig mit dem zu tun, was man hierzulande unter Straße versteht. Es ist nämlich nicht mehr als eine staubige Schotterpiste. Und auch sonst ist in praktisch allen - ohnehin nur etwa zwei Hände voll - Fällen, in denen zwischen Middelburg und dem Loskop Dam eine Tafel neben dem Asphalt eine Einmündung anzeigt, nicht mehr als eine "dirt road" zu sehen.

Da der Kurs auch in der Folge keinerlei Anstalten macht, sich irgendwo wirklich in die Kurve zu legen und zudem mit nur ganz leichten Zwischenwellen stetig sanft nach oben führt, so dass man von einer der mit großen Fahnen angezeigten Kilometermarken oft schon die nächste am Horizont entdecken kann, wäre das Prädikat "abwechslungsreich" vielleicht nicht wirklich passend für ihn. Ziemlich typisch für diese Region des Landes ist die Laufstrecke aber eindeutig.

Rund ein Drittel der Gesamtdistanz haben die Marathonis bereits zurückgelegt, als sie erstmals seit langem wieder einmal erkennbar die Richtung ändern. Das ist zwar keine scharfe Kurve sondern eher ein weit geschwungener Bogen von maximal dreißig Winkelgraden. Doch da nur wenige Minuten später noch einmal eine ähnliche Straßenkrümmung folgt, könnte ganz Empfindlichen nach rund zehn Kilometer langem Geradeauslaufen fast schon schwindelig werden.

Hinter der zweiten Biegung endet die nur von Verpflegungsstellen unterbrochene Einsamkeit der Langstreckenläufer in der offenen Landschaft. Denn auf den nächsten beiden Kilometern führt die Strecke an der Siedlung Doornkop entlang. Die weit verstreute Ortschaft besteht aus - gerade für mitteleuropäische Augen wirklich erschreckend ärmlich wirkenden - Behausungen schwarzer Land- und Gelegenheitsarbeiter.

An der Brücke über den Kranspoortspruit beginnt bei Kilometer sechsundvierzig der letzte große Anstieg

Doch lassen diese es sich trotzdem nicht nehmen, den vorbei kommenden Marathonis lautstark zuzujubeln. Auf einem längeren Abschnitt der Strecke steht ein dichtes, nahezu ununterbrochenes Publikumsspalier am Straßenrand, das eine Atmosphäre entstehen lässt, die selbst bei jenen einheimischen Teilnehmern, die diese Stelle schon öfter passiert haben, immer wieder für "goose bumps" sorgt, wie eine Läuferin in diesem Moment freimütig bekennt. Die Begeisterung für den Laufsport zieht sich wirklich durch alle sozialen Schichten des Landes.

Wenn man den Blick durch das Feld schweifen lässt, ist dies auch bei den Aktiven klar zu erkennen. Denn nicht nur hinsichtlich der Hautfarbe ist dort ein ziemlich breiter Querschnitt der Bevölkerung vertreten, selbst wenn dabei die helleren im Verhältnis zu den Gesamtzahlen deutlich überproportional repräsentiert sind. Die Frauenquote ist mit ziemlich genau einem Viertel ebenfalls höher als bei jedem hiesigen Marathon. In den jüngeren Altersklassen geht sogar rund ein Drittel aller Meldungen auf das Konto weiblicher Teilnehmer.

Im Gegensatz zu den meisten Ultras im deutschsprachigen Raum sind diese unteren Kategorien ohnehin quantitativ weitaus besser besetzt. Das größte Kontingent stellt allerdings auch am Kap jene Generation der Vierzig- bis Fünfzigjährigen, die längst fast überall auf der Welt die Start- und Ergebnislisten dominiert. Und noch etwas fällt auf. Bei weitem nicht alle, die da zwischen Middelburg und dem Loskop Dam unterwegs sind, haben einen Körperbau, wie man ihn eigentlich auf einer solchen Distanz erwarten würde.

Bestes Beispiel ist ein Grüppchen aus fünf Ultramarathonis - drei Frauen und zwei Männer - in für südafrikanische Verhältnisse ziemlich unspektakulären roten Trikots. Allesamt besitzen sie nämlich alles andere als Läuferfiguren sondern sind eher breit gebaut. Die "Pentagon Pistols" seien ein Laufclub aus Bloemfontein, berichtet Morne Burger, der selbst unter seinen keineswegs schmächtigen Sportfreunden noch als besonders bullig auffällt.

Er habe gedacht, sie hätten schon eine lange Anreise gehabt, doch aus "Germany" zum Loskop Marathon zu kommen, sei dann wohl doch noch eine deutlich weitere Distanz, gibt es zu verstehen, als er seine Frage nach der Herkunft des ihm unbekannten Trikots beantwortet bekommt. Obwohl er diese Sätze in absolut fließendem Englisch spricht, lässt die Art, wie er es sagt, unschwer erkennen, dass Burger von seinen Eltern ursprünglich Afrikaans gelernt hat.

Eigentlich kann das auch nicht weiter erstaunen, denn seine Heimatstadt ist eine der Hochburgen dieser Sprache. Doch auch in Middelburg und Umgebung, die genau wie der Vrystaat eher ländlich geprägt sind, nimmt sie ähnlich wie in ganz Mpumalanga eine relativ dominierende Rolle ein. Deswegen bekommt man im Läuferfeld beim Gespräch der Einheimischen untereinander weitaus häufiger Afrikaans als Englisch zu hören.

Von der Gruppe der "Pentagon Pistols" aus Bloemfontein hat eigentlich niemand eine Läuferfigur, Morne Burger (ganz rechts) fällt aber trotzdem als besonders bullig auf

Obwohl die Sprache der einstigen Kolonialherren sich in Südafrika sowohl in der Wirtschaft als auch zur allgemeinen Verständigung der vielen verschiedenen Gruppen untereinander weitgehend durchgesetzt hat, sind weniger als zehn Prozent der Bevölkerung wirklich Muttersprachler. Und diese sind vor allen in den großen Metropolen wie Johannesburg und Durban anzutreffen. Die burischstämmigen Farmer im Highveld und der Karoo reden dagegen mit ihren Familien und Freunden weiterhin Afrikaans.

So wird man dann auch als Europäer in Middelburg meist erst einmal auf Afrikaans angesprochen. Schließlich machen nicht allzu viele Touristen aus Übersee im Städtchen Station und die meisten Menschen gehen deswegen davon einfach aus, einen Einheimischen vor sich zu haben. Nach der Erklärung, praktisch kein Wort verstanden zu haben und der Bitte, ob man das Gespräch nicht lieber in Englisch fortsetzen könnte, wechseln allerdings die meisten problemlos in diese Sprache hinüber. Mehrsprachigkeit ist in Südafrika eher die Regel als die Ausnahme.

Der breitschultrige Mann aus Bloemfontein ist an einem Gespräch durchaus interessiert. Schließlich zieht sich die Straße hinter Doornkop mit leicht geänderter Richtung wieder schnurgerade durch Grasland und Maisfelder. Er lässt sich zum Beispiel die geplante Reiseroute des Gastes aus Übersee erklären. Und er erkundigt sich auch, wie denn die Laufszene in Europa so aussehen würde. Wie viele seiner Landsleute ist Burger erstaunt, dass Ultrarennen mit Teilnehmerzahlen und Medienpräsens wie in Südafrika anderswo eigentlich undenkbar sind.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Auto und der Straßenseite. In Deutschland würde man doch rechts fahren. Da müsse es doch furchtbar kompliziert sein, in Südafrika auf einmal alles anders herum machen zu müssen. Dass die Umstellung wegen der gleichen Anordnung der Pedale nach ein paar Ausflügen in Länder mit Linksverkehr eigentlich nicht mehr das geringste Problem darstellt und man sich bereits nach wenigen Minuten an alles gewöhnt habe, kann er nicht so ganz nachvollziehen.

Seit der Verpflegungsstelle der Democratic Alliance hat man nicht nur mehr als zehn Kilometer hinter sich gebracht, so dass man sich inzwischen der Halbmarathonmarke nähert, sondern auch weitere hundert Höhenmeter überwunden. Und noch immer lässt sich bei genauem Hinsehen eine leichte Steigung bemerken. Wie lange es noch hinauf gehen wird, kann Morne Burger nicht sagen, denn auch er ist zum ersten Mal beim Loskop Marathon, den er als Vorbereitung für seinen achten Comrades Marathon sieht.

Zwischen Kilometer sechsundvierzig und achtundvierzig muss man noch einmal mehr als hundert Meter hinauf

Es ist dann aber gar nicht mehr so weit bis zum höchsten Punkt der Stecke. Denn nach ungefähr zweiundzwanzig Kilometern taucht einige Meter rechts der Straße der ominöse "Post Office Tower" auf. Diese Bezeichnung ist im Profil nämlich für den Scheitelpunkt angegeben. Trotz des wohlklingenden Namens handelt es sich eigentlich nur um einen simplen und eher unscheinbaren Sendemast, den man ohne diese spezielle Rolle ansonsten wohl gar nicht registriert hätte.

Auch die Anhöhe selbst ließe sich durchaus übersehen. Denn ähnlich sanft wie man zu ihr hinauf gelaufen war, geht es dahinter auch anfangs wieder hinunter. Ziemlich genau eine englische Meile befindet man sich jetzt über dem Meeresspiegel, also in einer Höhe, auf der in den Alpen Wintersportorte wie Davos oder Zermatt liegen. Doch nach Gebirge sieht diese nur ganz leicht gewellte Hochfläche wahrlich nicht aus.

Erst ganz langsam nimmt das Gefälle ein wenig an Fahrt auf. Während man für den Verlust der ersten zwanzig Höhenmeter hinter der Kuppe noch einen vollen Kilometer benötigt, reicht dazu in der Nähe der Halbzeitmarke, die sich dieses Mal selbstverständlich erst bei Kilometer fünfundzwanzig befindet, schon weniger als die Länge einer Stadionrunde. Diese Prozentwerte bemerkt man dann auch nicht mehr nur alleine in den sich nun wieder deutlich lockerer anfühlenden Beinen. Längst sind sie auch optisch deutlich zu erkennen.

Doch befindet man sich in diesem Moment noch immer oberhalb des Ausgangsniveaus bei den "municipal offices" von Middelburg. Was im Umkehrschluss heißt, dass es bis zum Ziel noch rund fünfhundert Meter bergab gehen wird. Legt man nur nüchterne Zahlen des Höhenprofils zugrunde, scheint die kommende Rennhälfte deutlich leichter zu sein als die bereits bewältigte. Aber neben der mit der Länge der Distanz natürlich zunehmenden Ermüdung sind auch die Temperaturen inzwischen in Bereiche gestiegen, die durchaus den einen oder anderen Schweißtropfen kosten.

Während den meisten Ultramarathonis die zweite Halbzeit ihres Laufes also noch bevor steht, ist weiter nördlich am Loskop Dam die Frage nach den Siegern des Halbmarathons bereits geklärt. Denn obwohl auch auf dieser Strecke einige hundert Höhenmeter in Abschnitten mit so interessanten Bezeichnungen wie "Kudu Ridge", "Rhino Hill", "Buffalo Plateau" oder "Giraffe Neck" zu bewältigen sind, absolviert Retsepile Khotle von den Scaw Harriers aus Marshalltown, einem Vorort von Johannesburg die einundzwanzig Kilometer in 1:10:29.

Als Zweiter hat Amos Thanjekwaho in 1:11:32 die Distanz hinter sich gebracht. Nur unwesentlich später kommt nach 1:11:49 Tebogo Pulasa aus Polokwane, der Hauptstadt der Nordprovinz Limpopo, auf Rang drei. Auch der aus der Region stammende John Thipe (1:12:51), Ntuthuko Maseko (1:13:25) und der aufgrund seines Namens unschwer als Kenianer zu identifizierende, aber in Johannesburg ansässige Abraham Kipketer (1:14:48) bleiben unter fünfundsiebzig Minuten.

Fast alle, die im mittleren und hinteren Läuferfeld die bisherige Distanz noch ohne Gehpausen überstanden hatten, müssen spätestens an Varaday's Hill die Segel streichen und mit dem Marschieren beginnen

Weit weniger stark und dicht sind die Leistungen im Frauenfeld. Mehr als zwanzig Minuten hinter dem Herrensieger erreicht die für den Laufclub der südafrikanischen Eisenbahngesellschaft "Transnet" startende Paulina Phaho in 1:32:35 die Ziellinie. Bis Nkeke Gift Ramabele nach 1:34:30 als Nächste folgt, sind fast zwei Minuten vergangen. Und nur Mari-Louise Romijn schafft mit 1:38:36 noch eine zweistellige Minutenzahl.

An den Prämien kann es nicht gelegen haben. Denn die sind für Frauen und Männer gleich. Immerhin dreitausend Rand, also etwas mehr als zweihundert Euro, gibt es für die Erstplatzierten. Für Rang fünf werden immerhin noch fünfhundert Rand ausgeschüttet. All dies ist problemlos auf der Internetseite nachzulesen. Und auch bei den meisten anderen Rennen in Südafrika werden die Preisgelder ganz offen in der Ausschreibung angegeben und nicht wie hierzulande nur unter der Hand mitgeteilt.

Beim Fünfziger wird noch deutlich mehr ausgeschüttet. Denn zehntausend Rand für die Sieger und zweitausend für den Fünften sind verglichen mit dem, was es im Rest der Welt bei Ultraläufen zu verdienen gibt, und unter Berücksichtigung der deutlich höheren Kaufkraft ein wirklich schönes Sümmchen. Nimmt man aber die dreihundertfünfzigtausend Rand, die beim Comrades Marathon für die Ersten ausgelobt sind, oder die zweihundertfünfzigtausend beim Two Oceans als Maßstab, verschieben sich die Verhältnisse noch einmal deutlich.

Zwei Kilometer nach der Halbzeitmarke sind den Läufern noch weitere einhundert Höhenmeter abhanden gekommen. Und noch immer fällt die Straße. Doch ganz langsam verändert sich die Umgebung. Die lange Zeit so weite, nur sanft geschwungene Hochebene hat inzwischen ein erheblich stärkeres Relief erhalten und zerfällt in einzelne Hügel. Sogar Felsen unterschiedlichster Größe lassen sich nun häufiger an den Seiten entdecken. Dazwischen sucht sich die Strecke einen Weg, ohne dabei allerdings wirklich von Konzept der langen Geraden abzuweichen.

Die erste wirkliche Biegung seit dem Erreichen von Doornkop lässt die bisher eine leicht nordöstliche Tendenz besitzende N11 wieder genau nach Norden abdrehen. Doch nicht dies ist die eigentlich große Veränderung. Zwar nimmt das Gefälle hinter dem Bogen anfangs sogar noch zu. Doch steuert man - bisher vom nun umkurvten Hügel verdeckt - damit auch in eine Bodenwelle hinein, an deren anderen Ende das Asphaltband unverkennbar wieder den Hang hinauf zieht.

Ein kleiner, aber steiler Bergrücken drängt direkt an die künstliche Wasserfläche heran und lässt der Straße keine andere Wahl, als ihn mit Hilfe einer lang gestreckten S-Kurve auf der Rückseite zu umgehen

Erstmals nach rund sieben Kilometern, auf denen man praktisch ununterbrochen ein wenig zusätzliche Unterstützung durch die Schwerkraft hatte, führt der Kurs also wieder nach oben. Wirklich nennenswert ist der Anstieg eigentlich nicht. Eher sanft geht es ein bis zwei Dutzend Höhenmeter hinauf. Aber nachdem nun bereits fast drei Fünftel der Distanz zurück gelegt sind, nutzen viele ihn trotzdem für eine kleine Gehpause.

Ehrenrührig ist dies in Südafrika beinahe noch weniger als sonst auf der Welt. Beim alles überstrahlenden Comrades Marathon hat man während der mehr als zwölf Stunden dauernden Live-Übertragung schließlich auch schon den einen oder anderen Sieger und Platzierten beim Marschieren beobachten können. Und für den großen Rest der Starter gehören auf den knapp neunzig Kilometern solche Wandereinlagen von vorne herein zur Taktik. Insbesondere in den "busses" der Tempomacher werden sie planmäßig eingelegt.

So findet dann auch niemand etwas dabei, während "kürzerer" Vorbereitungsrennen wie dem Loskop Marathon ähnlich vorzugehen. Möglichkeiten, um an Steigungen die Gangart zu wechseln, lassen sich dabei meist problemlos finden. Praktisch kaum ein Kurs bei einer südafrikanischen Veranstaltung fällt nämlich so bretteben aus, wie man es hierzulande gewohnt ist. Ob dies nur an der eher welligen Topographie des Landes liegt oder ob dabei nicht doch auch das Vorbild der Strecke zwischen Durban und Pietermaritzburg eine Rolle spielt, sei einmal dahin gestellt.

Shirley Dhlamini marschiert allerdings nicht sondern trippelt weiter im Laufschritt bergan. Das knallige Rot und Gelb im Trikot des "Athletics Club Eersterust" - doppeldeutig als "ACE" abgekürzt - verrät, dass die Läuferin aus der Region von Pretoria stammt Denn Eersterust ist eines der "suburbs" des südafrikanischen Regierungssitzes. Auf die Bemerkung, die Art, wie sie die Steigung hinauf ziehen würde, sähe noch ziemlich frisch und locker aus, kann sie allerdings nur laut lachen. "My legs tell an other story".

Die Kappe, die sei auf dem Kopf trägt, zeigt jenes schwarz-gelbe Logo mit dem griechischen Götterboten Hermes, das praktisch jeder südafrikanische Läufer dem Comrades Marathon zuordnen kann. Natürlich ist sie nicht die Einzige im Feld, die so ganz subtil anzeigt, ein "real runner" - als solcher gilt man am Kap nämlich erst mit mindestens einer Comrades-Medaille im Schrank - zu sein. Würde man bei einem beliebigen Rennen in Südafrika eine Rangliste der Kopfbedeckungen erstellen, lägen wohl stets die aus Durban mitgebrachten Schirmmützen vorne.

Das Auf und Ab setzt sich fort. Doch die nächste Welle ist sowohl wesentlich länger als auch mit dreißig bis vierzig zu überwindenden Metern etwas höher. Schnurgerade senkt sich die Straße und führt danach genauso schnurgerade den Hang hinauf. So lässt sich von Kilometer dreißig dann bei genauerem Hinsehen auch gleich sein Nachfolger mit der Nummer einunddreißig entdecken. Denn während die eine Zahlenkombination noch im Gefälle kurz hinter der Kuppe auf dem Asphalt gemalt ist, steht im Gegenanstieg bereits die nächste Markierungsflagge.

Auf der nächsten Kuppe wartet etwas ziemlich Überraschendes auf die längst an die beinahe endlos wirkenden Geraden gewöhnten Läufer. Denn ein Verkehrsschild am Rand warnt davor, dass die Straße sich nun deutlich stärker winden wird. Die danach folgenden Kurven sind am Ende aber nicht im Entferntesten so extrem, wie die Tafel vermuten lässt. Diese ist vermutlich doch hauptsächlich wegen der zurückliegenden Linienführung und dem rasanten Fahrstil der Südafrikaner aufgestellt worden.

Allerdings orientiert sich das Asphaltband tatsächlich nun für zwei bis drei Kilometer an einem Tal, in dem ein kleiner Bach mal etwas näher, mal etwas ferner die Marathonis begleitet. Da man dabei mit der Fließrichtung des Wassers unterwegs ist, gehen zudem weitere Höhenmeter verloren. Nur noch dreizehnhundert Meter und damit immerhin dreihundert Meter weniger als am höchsten Punkt des Kurses sind im Streckenprofil inzwischen vermerkt.

Langsam, aber stetig hat sich die Vegetation um die Läufer verändert. Denn das Grasland, das in der ersten Rennhälfte noch weit und offen daher kam, ist längst von Büschen und niedrigen Bäumen durchsetzt. Man hat den Übergangsbereich zwischen Highveld und Bushveld erreicht. Noch hat manchmal die eine und manchmal die andere Landschaftsform ein wenig die Nase vorne. Doch mit jedem Meter, den sich die Straße tiefer hinab senkt, schlägt das Pendel stärker zugunsten der Dornensträucher aus.

Schon deswegen lässt sich dieses Gelände im Gegensatz zum freien Highveld nur schlecht landwirtschaftlich nutzen. Dass der Boden zudem eher steinig ist, kommt als Erschwernis genauso dazu wie die inzwischen oft recht schroffen topographischen Übergänge. Was sich als Ackerland allerdings nicht unbedingt eignet und für Viehhaltung kaum bessere Voraussetzungen bietet, kann immerhin noch als Wildreservat genutzt werden.

Da längst bekannt ist, dass man auch dann gutes Geld verdienen kann, wenn man Touristen die Beobachtung von Großkatzen, Antilopen, Giraffen oder Zebras ermöglicht, gibt es bei weitem nicht nur vom Staat oder den Provinzen verwaltete Schutzgebiete. Etliche private Landbesitzer in ganz Südafrika haben ihre Flächen ebenfalls zu "game reserves" umgestaltet. Gleich mehrere Zufahrten zu mitten in der Wildnis errichteten Lodges zweigen deswegen in diesem Streckenabschnitt und in der Folge nun seitlich ab.

Liz Nienaber und Manie du Toit unterhalten sich wie viele Teilnehmer auf Afrikaans miteinander

Ein letztes Mal kommt der "Kranspoortspruit" heißende Bach der Straße nahe, dann dreht er nach rechts ab, während das Asphaltband nach links schwenkt. Was die Läufer von dieser Kurve aus sehen können, ist nicht unbedingt aufbauend. Denn in einem weiten Bogen zieht sich die Strecke einen Hügel hinauf, der auf etwa zwei Kilometern Länge beinahe hundert der zuvor abhanden gekommenen Höhenmeter wieder zurück bringt.

Während es an den Wellen zuvor im Feld noch durchaus unterschiedliche Entscheidungen zum Thema "Laufen oder Gehen" gab, sorgt "Bugger's Hill" zumindest mit seinen steileren Abschnitten in dieser Hinsicht doch für ein relativ klares Meinungsbild unter den Marathonis. Dass Liz Nienaber und ihr Begleiter Manie du Toit ebenfalls den Berg hinauf marschieren, ist unter diesen Voraussetzungen also nicht weiter verwunderlich.

Und genauso wenig überraschen kann, dass sich die beiden dabei auf Afrikaans miteinander reden und dem zur Gruppe hinzu Gestoßenen ebenfalls in dieser Sprache einbeziehen wollen. Ein mühsam zusammen gestammeltes "ik ben van Duitsland" wird mit einem "en waar is jou vlag" gekontert, das sich durch die zwar anders geschriebene, aber gar nicht so viel anders ausgesprochene englische Analogie sogar verstehen lässt.

Schließlich ist es für Südafrikaner beinahe selbstverständlich, für einen Auslandsstart eine kleine Nationalflagge auf ihre ohnehin so typischen Trikots zu nähen. Oder sie treten am besten gleich in einem Laufdress an, bei dem sowohl die Hose als auch das Oberteil komplett von jenem mit allen nur denkbaren anderen Farben umgebenen grünen "Y" eingenommen wird, das die südafrikanische Fahne unverwechselbar macht.

Danach wird die Unterhaltung dann aber doch auf Englisch fortgesetzt. Denn die nicht nur leicht falsche sondern zudem auch eher niederländische Herkunftsbeschreibung hätte die beiden Einheimischen wohl auch ohne das schnell noch nachgeschobene "ik spreek geen Afrikaans" überzeugt, dass zur besseren Verständigung mit dem Gast aus Europa ein Sprachwechsel dringend angeraten ist.

Korrekt wäre ein "ek is uit Duitsland, ek praat geen Afrikaans nie" gewesen, an dem man gleich zwei Eigenheiten dieser einzigen nicht in Europa entstandenen Sprache der germanischen Familie erkennen kann. Denn zum einen taucht in diesem Satz mit der Kombination von "geen" und "nie" - also "kein" und "nicht" - auch jene doppelte Verneinung auf, an der sich Texte in Afrikaans auch ohne echte Kenntnisse darin relativ leicht erkennen und vom Niederländischen unterscheiden lassen.

Auf der Kuppe von Varaday's Hill öffnet sich ein herrliches Panorama, für das sich die Mühen des Anstieges wirklich lohnen

Jeder verneinte Satz oder Halbsatz endet nämlich stets mit einem weiteren "nie". Und das gilt nicht nur in Verbindung mit Worten wie "niks", das man nur laut lesen muss, um es zu verstehen, oder "geen". Selbst ein "nicht" verlangt nach einem weiteren "nicht" zum Abschluss. So kann man zum Beispiel in Hotels und Restaurants gelegentlich - in Südafrika gelten ähnlich strenge Rauchverbote wie in Europa - ein Schild mit der Aufschrift "Dankie dat u nie rook nie" entdecken.

Die Konstruktion erinnert ein wenig an die aus dem Französischen bekannte Kombination von "ne" und "pas". Und tatsächlich gibt es im Afrikaans auch einige Einflüsse der französischen Sprache, denn neben Niederländern fanden sich bereits in den ersten Siedlergenerationen auch zahlreiche Hugenotten aus Frankreich. Noch heute lässt sich dies relativ leicht an vielen südafrikanischen Personennamen erkennen.

Das "du Toit" von Manie ist nur eines der vielen Bespiele. Noch viel öfter begegnet man in Südafrika Menschen, die "Joubert" heißen. Auch "Blignaut", "de Villiers", "du Plessis", "Fourie" und "Marais" lassen sich gleich mehrfach in der Ergebnisliste des Loskop Marathons entdecken. Und zudem sind dort sogar neben eindeutig niederländisch klingenden Nachnamen zuhauf Vornamen wie "Pierre", "Jacques" und "Francois" verzeichnet.

Als zweite Afrikaans-Besonderheit werden im Gegensatz Deutsch und Niederländisch die Verbformen für unterschiedliche Personen nicht gebeugt. Statt "ich bin, du bist, er ist, wir sind…" heißt es "ek is, jy is, hy is, ons is ….", was das Erlernen wie bei den skandinavischen Sprachen, wo es das gleiche Phänomen gibt, deutlich vereinfacht. Und da es analog zum englischen "the" auch nur einen Artikel gibt, macht zumindest die Grammatik nicht allzu viel Mühe. Allerdings muss man sich erst einmal daran gewöhne, dass es neben "die vrou" auch "die man" heißt.

Halb im Spaß, aber unterschwellig vielleicht doch auch ein bisschen im Ernst beschweren sich Elizabeth "Liz" Nienaber und Manie du Toit darüber, dass sie nun ausgerechnet beim Marschieren aufgenommen werden. Obwohl die beiden schon länger zusammen unterwegs sind und auch noch einige Zeit nebeneinander her laufen werden, gehören sie keineswegs dem gleichen Club an. Sie kommen nicht einmal aus der gleichen Gegend.

Denn während das Weinrot von du Toit ihn als Mitglied des "Ermelo Marathon Club" aus dem gleichnamigen Städtchen hundert Kilometer im Süden Middelburgs kennzeichnet, läuft Liz Nienaber für dem "Hartbeespoort Marathon Club". Und diese Ortschaft liegt von Start und Ziel etwa zweihundert Kilometer entfernt in einer ganz anderen Himmelsrichtung - nämlich dem Westen - unweit von Pretoria.

Als "Pforte der Kuhantilopen" lässt sich ihr Name ungefähr ins Deutsche übersetzen. Denn diese von den burischen Farmern einst fast ausgerottet, inzwischen aber in südafrikanischen Reservaten wieder relativ häufig zu beobachtende Tierart wird wegen der herzförmig gebogenen Hörner nicht nur auf Afrikaans sondern auch auf Englisch als "hartebeest" bezeichnet. Mit "Pforte" ist dabei natürlich ein Gebirgspass gemeint.

Zumindest bei Läufern ist Hartbeespoort im ganzen Land bekannt. Auch dort wird nämlich ein Ultrarennen mit mehreren tausend Teilnehmern ausgerichtet. "Om die Dam" heißt es. Und die Bezeichnung ist dabei durchaus Programm. Schließlich umrundet man während des ebenfalls fünfzig Kilometer langen Laufes den Hartbeespoort Dam, der etwa ähnlich groß ist wie der Loskop-See. Da man dort mit dem Versicherungskonzern "Old Mutual" seit langem den gleichen Hauptsponsor hat wie der Two Oceans, scheint diese Veranstaltung vorerst nicht gefährdet.

Doch Nienaber und du Toit berichten davon, dass eine ganze Reihe von Läufen inzwischen Schwierigkeiten haben, genügend Geldgeber zu finden. Und einige sind deswegen sogar aus den Kalendern verschwunden. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist der Long Tom Marathon zwischen Sabie und Lydenburg, der nach fünfundzwanzig Auflagen nun schon zum zweiten Mal in Folge wegen Finanzierungsproblemen ausfallen musste.

Die zwei erzählen zudem vom letztjährigen Comrades Marathon, bei dem es so heiß gewesen sei wie lange nicht mehr. Rund ein Viertel der Starter sei ausgestiegen oder am Zeitlimit gescheitert. Und statt der üblichen dreihundert hätten die Sanitäter achthundert Fälle zu versorgen gehabt. Selbst die bereit gehaltenen Plätze in den vorgesehen Krankenhäusern hätten nicht ausgereicht, so dass von den Rettungsfahrzeugen einige zusätzliche Hospitäler angefahren werden mussten, die eigentlich für die Versorgung der Läufer gar nicht eingeplant gewesen wären.

Allerdings seien sie beide - wenn auch mit vielen Gehpausen - ganz gut ins Ziel gekommen. Liz Nienaber zum achten Mal, Manie du Toit - der übrigens auch eine Comrades-Schirmmütze auf dem Kopf hat - schon zum neunten Mal. Und da er genau wie seine Mitläuferin auch in diesem Jahr wieder in der Startliste steht, könnte er nach dem Zieleinlauf im Kricketstadion von Durban seine ewige Nummer in Empfang nehmen, die man nach zehn erfolgreichen beendeten Rennen erhält.

Mit viel Schwung geht es die letzten beiden Kilometer dem Ziel entgegen

Auf der Kuppe von Bugger's Hill schneidet die Straße nach etwas mehr als sechsunddreißig bewältigten Kilometern durch eine Art Hohlweg hindurch. Und nach einem kurzen Gefälle beruhigt sich das Streckenprofil noch einmal zu einem ziemlich ebenen Kilometer. Dann leitet nach einer letzten kleinen Welle die Tafel mit der Aufschrift "Kranspoort Pass" - wieder eine der keineswegs seltenen aus zwei Sprachen kombinierten Benennungen - einen regelrechten Absturz ein.

Denn die Strecke verschwindet in einer relativ engen und steilen Schlucht. Und innerhalb von nur gut zwei Kilometern rauscht man auf der sich zwischen rostroten Felswänden hindurch windenden Straße rund zweihundert Meter hinunter ins Tal. Der Übergang war zwar schleichend und hat sich über eine längere Distanz hingezogen, doch der Kontrast zur weiten Hochfläche des Highveld könnte dennoch kaum größer ausfallen.

Blickt man in die manchmal doch ziemlich gequälten Gesichter ringsherum, stellt diese Passage längst nicht mehr für jeden der Teilnehmer eine echte Erholung dar. Aber angesichts der bereits zurück gelegten Distanz - ziemlich genau am Ende des Gefälles flattert die Fahne mit der "40" - ist dies auch absolut verständlich. Viele sind deswegen keineswegs böse darüber, als der Streckenverlauf am Ausgang der "Kloof", wie man eine solche Bergeinschnitt auf Afrikaans nennt, wieder flacher wird.

Die Straße schwenkt - nun auf weniger als elfhundert Metern über dem Meer - in ein jetzt wieder deutlich weiteres Tal hinein, das an beiden Seiten von etwa zweihundert Meter höher aufragenden Bergen eingerahmt wird. Weil nicht nur das Asphaltband sondern auch die Geländeformation selbst dabei schnurgerade verläuft und sich auch die Gegenrichtung in genau der gleichen Art fortsetzt, liegt die Vermutung nahe, dass man in einer geologischen Bruchzone gelandet ist.

Zwar konnte aufgrund der vielen Kurven auf den letzten Kilometern die Orientierung ein wenig verloren gehen. Doch die inzwischen immer häufiger durch die Wolken brechende Sonne zeigt, dass man spätestens mit dem Verlassen der Schlucht auch die Laufrichtung erheblich verändert hat. Denn nun scheint sie nicht mehr von rechts vorne sondern von rechts hinten auf die Läufer. Und da sie sich um diese Uhrzeit langsam ihrem Höchststand im Norden - schließlich ist man ja auf der Südhalbkugel - nähert, muss man ziemlich genau nach Westen unterwegs sein.

Bei jener Markierung mit der "42", an der sich außerhalb von in Südafrika praktisch alle großen Laufveranstaltungen endgültig ihrem Ende nähern, hat man noch nicht einmal die Hälfte dieser Geraden hinter sich gebracht. Denn fast fünf Kilometer verläuft sie ohne echte Kurve durch den tektonischen Graben. Das Grasland ist längst völlig verschwunden. Im Tal und auf den Kuppen ringsherum prägen Büsche und Bäume mit deutlich dunkleren Grüntonen das Bild. Man ist nun endgültig in der Bushveld-Zone angekommen.

Neben den in Südafrika üblichen und eine "60" zeigenden Aufnähern mit der Altersklasse gibt es noch ein viel besseres Indiz dafür, dass Philip Potgieter und Colin Thomas wahrlich keine blutigen Anfänger mehr sind. Denn bei beiden einträchtig nebeneinander her laufenden Senioren ist die Rückseite des Trikots mit einem bunten Muster aus vielen weiteren Textilfetzen bestückt, die eine von einem stilisierten Kranz umgebene Zahl und den Namen einer Laufveranstaltung zeigen.

Wer ein Rennen nämlich zehnmal innerhalb des Zeitlimits beendet hat, erhält am Kap nicht nur eine lebenslange Startnummer sondern auch jeweils einen dazu gehörenden "Patch", auf dem diese vermerkt ist. Und es ist keineswegs unüblich diese dann auf dem Laufdresses zu befestigen. Etliche Läufer tragen beim Loskop Marathon einen oder mehrere davon über die Strecke. So bunt wie "Pottie" Potgieter und Colin Thomas ist ansonsten aber dann doch kaum jemand unterwegs.

Stilprägend war auch in dieser Hinsicht der Comrades Marathon mit seinem "Green Number Club", der auf ein Wortspiel mit dem Begriff "Evergreen" zurückgeht. Denn die ewigen Startnummern sind traditionell grün unterlegt. Natürlich haben die beiden Routiniers eine entsprechende Auszeichnung. Für den Two Oceans ist das Gegenstück dagegen blau. Längst ist daraus ein regelrechter Kult entstanden. Und sowohl in Durban als auch in Kapstadt sind auf den entsprechenden Listen über die Jahrzehnte viele tausend Namen zusammen gekommen.

Beim Loskop Marathon hat man zwar bisher nicht ganz so viele ewige Nummern verteilt. Die "472", mit der Colin Thomas unterwegs ist, und die "847", die man bei "Pottie" Potgieter nicht nur auf dem Bauch sondern in kleinerer Version auch auf dem Rücken entdeckt, geben allerdings doch ein ungefähres Maß dafür, dass die Zahl der Wiederholungstäter so klein dann auch wieder nicht sein kann. Und nach dem Rennen werden dann an die Jubiläumsläufer "permanents" ausgegeben, die längst ebenfalls vierstellig sind.

Noch etwas mehr als fünf Kilometer sind zurückzulegen, als es nicht nur auf sondern auch neben der Strecke wieder ziemlich bunt wird. Denn die Betreuung der drittletzten Verpflegungsstelle hat das "Kranspoort Vakansiedorp" übernommen. Und die Mitarbeiter dieser Ferienanlage haben sich besonders viel Mühe mit der Dekoration ihres Postens gegeben. Da begrüßt unter anderem ein buntes Männchen aus Luftballons die Läufer. Und auch die elektrischen Wägelchen des zum Gelände gehörenden Golfplatzes stehen ihnen - ebenfalls bunt geschmückt - Spalier.

Die "permanents" auf ihren Rücken zeigen, dass "Pottie" Potgieter und Colin Thomas alles andere als blutige Anfänger sind

Von dem praktisch direkt neben der Resort-Einfahrt gelegenen Getränkestand lässt sich in der Ferne bereits der Loskop-Stausee erkennen, dem sich die Straße danach noch etwas weiter entgegen zu senken scheint. Die vorsichtig geäußerte, aus dem nur oberflächlichen Betrachten des Höhenprofils entstandene Annahme, jetzt wäre das Schlimmste wohl überstanden und man würde langsam auf die Zielgerade kommen, wird von den mit meist besserer Streckenkenntnis ausgestatteten Marathonis ringsherum mit einem Grinsen quittiert.

Und nachdem der Blick einem ausgestreckten Arm nach rechts gefolgt ist, wird auch der Grund dafür klar. Denn rund einhundert Meter weiter oben ist eine Straße im Hang zu erkennen. Das Unangenehmste und Erschreckendste an dieser Beobachtung allerdings ist, dass sich dort eine lange Kette von Menschen zu bewegen scheint. Als letzte Herausforderung wartet nämlich kurz vor dem Ziel noch "Varaday's Hill" auf die Läufer.

Eigentlich hat man den See schon in Griffweite, als bei Kilometer sechsundvierzig hinter der Brücke über den Kranspoortspruit - der Bach, den man schon einmal weiter oben kennenlernen durfte und der sich einen anderen Weg hinunter ins Tal gesucht hat - der Aufstieg beginnt. Ein kleiner, aber steiler Bergrücken drängt in diesem Bereich direkt an die künstliche Wasserfläche heran und lässt der N11 keine andere Wahl, als ihn mit Hilfe einer lang gestreckten S-Kurve auf der Rückseite zu umgehen.

Nicht einmal zwei Kilometer benötigt die Strecke, um den dreistelligen Höhenunterschied bis zur Kuppe zu überwinden. Und fast alle, die im mittleren und hinteren Läuferfeld die bisherige Distanz noch ohne Gehpausen überstanden hatte, müssen spätestens jetzt die Segel streichen und mit dem Marschieren beginnen. Und wenn man ohnehin schon am Wandern ist, stört es auch nicht weiter ein bisschen miteinander zu reden.

David van Veenhuyzen und Bennie Buys haben die Herkunft der Trikot-Aufschrift identifiziert und begrüßen ihren weit angereisten Mitläufer mit einem "Willkommen in South Africa" deswegen dann auch gleich auf Deutsch. Ihr Dress wird dagegen von einer rot-blaue Zickzacklinie geziert. Und die eher winzig geratene Aufschrift "Wingate" darüber lässt vermuten, dass diese wohl ein stilisiertes "W" darstellen soll. Wirklich geographisch zuordnen lässt sich der Name für einen Europäer allerdings kaum. Aus Pretoria kämen sie, lautet die Antwort auf eine Nachfrage.

David van Veenhuyzen und Bennie Buys vom Laufclub aus Wingate Park legen Wert auf ein Foto mit dem Gast aus Übersee

Tatsächlich gehört Wingate Park - so der komplette Name - zu den vielen "suburbs" der Metropole. Praktisch jeder dieser Vororte hat einen eigenen Laufclub. Alleine in Gauteng - der kleinsten, aber eben mit mehr als zwölf Millionen Einwohnern auch am stärksten besiedelten Provinz - sind es mehrere hundert. Wohl auch deswegen ist sie gleich unter drei verschiedene Landesverbände von "Athletics South Africa" aufgeteilt. Während "Gauteng North" für Pretoria und seine Vororte zuständig ist, gehört Johannesburg zu "Central Gauteng Athletics".

Nur noch etwas mehr als zwei Kilometer fehlen zur Gesamtdistanz, als man jenen Sattel zwischen beiden Bergen erreicht, an dem auch die letzte große Steigung des Rennens bewältigt ist. Doch für die Mühen der letzten Minuten wird man wahrlich belohnt. Von der Höhe eröffnet sich den Läufern nämlich ein ziemlich beeindruckendes Panorama. Weit unten schimmert der Stausee in der Sonne, ringsherum ragen zwei- bis dreihundert Meter höhere Kuppen auf.

Aus Wanderern werden von diesem Augenblick an wieder Läufer. Das nahe Ziel bewirkt in Verbindung mit dem Gefälle wahre Wunder bei der Regeneration zuvor ziemlich müder Beine. Mit viel Schwung geht es den Berg hinunter. Selbst die kleine, ohnehin eher niedrige Welle, die sich kurz vor dem Einbiegen ins Forever Resort noch einmal in den Weg stellt, lässt sich unter diesen Umständen problemlos durchdrücken.

Fünfhundert Meter vor dem Ziel endet der Weg über die langen Geraden der N11. Nach links schwenkt die Strecke in das Feriendorf hinein. Und kurz darauf wird aus dem Asphalt am Boden ein Pflaster aus Backsteinen. Doch da die Anlage in den Hang jedoch hinein gebaut ist und die Oberfläche des Loskop Dam noch etliche Höhenmeter entfernt ist, kann man es über diesen Belag weiter rollen lassen.

Genau in diesem Moment ertönt ein Ruf, den man fast zehntausend Kilometer entfernt von zuhause nicht unbedingt erwarten würde. Wer sollte schließlich ausgerechnet in Südafrika diesen Vornamen kennen und zuordnen können. Während bei Comrades und Two Oceans auch das inzwischen international längst übliche System mit dem auf die Startnummer gedruckten Namen verwendet wird, zeigt diese am Loskop Marathon schließlich nichts als eine Zahlenkombination und das Sponsorenlogo.

Doch ist es tatsächlich ein alter Bekannter, der da gerade versucht hat Kontakt herzustellen. Fast exakt zwei Jahre zuvor hatte sich Marco McKenzie nämlich beim Long Tom Marathon auf den letzten Kilometer als ziemlich treuer Begleiter gezeigt. Und vierzehn Tage später war man sich in Benoni schon wieder bei einem Rennen begegnet. Nun läuft man sich zum dritten Mal über den Weg. Selbstverständlich wird unter diesen Umständen dann das zur Gesamtdistanz noch fehlende Prozent der Strecke durch das Loskop Resort gemeinsam zurückgelegt.

Die abschließenden fünfhundert Meter führen auf Pflasterbelag durch das Loskop Dam Resort

Marco tritt ebenfalls für die rot-gelben "Asse" aus Eersterust an. Und obwohl er ursprünglich aus dem Lager der Radfahrer kommt und erst seit wenigen Jahren zusätzlich auch noch Läufer ist, hat er das in diesen Kreisen so beliebte Jammern über den eigenen Trainingsstand schon durchaus gut verinnerlicht. Er sei ja überhaupt nicht in Form, ist da nämlich ziemlich schnell nach der Begrüßung zu hören.

Dass das jemand sagt, der gerade eben zu Fuß keineswegs einfache fünfzig Kilometer in deutlich weniger als sechs Stunden bewältigt hat, lässt sich vermutlich selbst jenen Hobbysportlern, die glauben sich schon für einen Halbmarathon in zweieinhalb Stunden wie Helden feiern lassen zu können, wirklich nur noch schwer vermitteln. Und dass die Aussage, dies sei der erste Ultra seit zwölf Monaten, fast ein wenig schuldbewusst klingt, ist ohne Kenntnis der Gepflogenheiten der Laufszene am Kap schon gar nicht mehr nachvollziehbar.

Deswegen wolle er auch den Comrades nicht laufen, gibt Marco eine für Südafrika nicht unbedingt typische Terminplanung bekannt. Schon im letzten Jahr habe er auf einen Start verzichtet und stünde noch immer bei "gerade einmal" zwei Medaillen von der wichtigsten Laufveranstaltung des Landes. Da 2015 allerdings die neunzigste Auflage des Klassikers anstehen würde, spiele er schon mit dem Gedanken, dann wieder dabei zu sein, um seine Sammlung ein wenig zu erweitern.

Nächstes Ziel sein aber erst einmal ein hundertfünfzig Kilometer langes Radrennen kreuz und quer durch die Berge von Mpumalange, das im Juli - also mitten im südafrikanischen Winter - stattfinden würde. Bei diesem wäre unter anderen auch jener Long Tom Pass zu bewältigen, den man zwei Jahre zuvor bereit zu Fuß bezwungen hatte. Dass der dortige Ultramarathon nun bereits zweimal ausgefallen sei, bedauert Marco allerdings sehr. Sollte es einen neuen Sponsor geben, wäre er sofort wieder dabei.

Kaum hat man die Anlage durch das wie ein Haus mit Reetdach angelegte Portal betreten, stehen neben der Strecke die ersten Zelte und Pavillons der verschiedenen Vereine, in denen sich die Mitglieder dann nach dem Rennen versammeln. Grill-Geruch liegt in der Luft. Schließlich ist ein "braai" - was auf Afrikaans so viel wie "braten" bedeutet - eine der Lieblingsbeschäftigungen der Südafrikaner. Und aus den Kühlboxen wird dazu das eine oder andere Bier herausgeholt.

Was in Europa, wo ja in der Regel die Veranstalter selbst die Bewirtung übernehmen, nahezu undenkbar wäre, ist in Südafrika nicht nur völlig normal sondern sogar der absolute Standard. Die Zielgelände werden in der Regel von vorne herein so gewählt, dass für die einzelnen Clubs ausreichend Platz zum Aufbauen bleibt. Und fast jeder von ihnen hat dann auch nicht nur eigene Zelte in den Vereinsfarben sondern zusätzlich Autoanhänger, in denen diese verstaut und transportiert werden können.

Kurz vor dem Ziel kommt es noch zu einer überraschenden Begegnung mit einem ziemlich guten Bekannten, Marco McKenzie (in der Mitte beim Dehnen nach dem Lauf) war schon zweimal zuvor bei südafrikanischen Rennen ein angenehmer Gesprächspartner

Sogar bei den ganz großen Veranstaltungen wie Two Oceans und Comrades wird von den Organisatoren entsprechender Raum unweit der Ziellinie zur Verfügung gestellt. Allerdings muss man sich dort zumindest vorher anmelden, um einen Platz ergattern zu können. Nur zum Vergleich stelle man sich einfach einmal vor, im Tiergarten stünden direkt neben dem Ziel des Berlin Marathons Dutzende oder gar Hunderte von Pavillons, vor denen Würstchen und Steaks gebrutzelt würden.

Das große Zelt, das hinter der - nach einigen Kurven auf dem Resort-Gelände dann doch recht überraschend auftauchenden - Ziellinie auf die Läufer wartet, ist allerdings von den Organisatoren aufgebaut. Neben einem Verpflegungsbeutel erhält man darin auch das T-Shirt. Aufgrund seines extrem auffälligen Designs in Lila und Grün wird man es nicht nur im Zielbereich sondern zu späterer Stunde auch am Startort Middelburg kaum übersehen können. Dass die Variante für die Teilnehmer des Halbmarathons eine völlig andere Farbe hat, macht es ideell noch wertvoller.

Doch ist diese unterschiedliche Gestaltung gleichzeitig auch irgendwie ziemlich typisch für die südafrikanische Einstellung zum Laufen über lange Distanzen. Zwar zeigt man auch Kap seine T-Shirt-Trophäen ebenfalls recht gerne in der Öffentlichkeit. Doch sollte man sie eben auf jeden Fall ehrlich erworben haben. Kaum jemand käme auf den Gedanken, mit der Aufschrift "Marathon xy" auf dem Trikot herum zu laufen, wenn man dort in Wahrheit nur einen kurzen Staffeleinsatz absolviert hat. Das kann man hierzulande durchaus auch anders beobachten.

Für die meisten, die am Loskop Dam ins Ziel laufen, zählt neben der persönlichen Leistung die Belohnung mit Medaille und T-Shirt natürlich am meisten. Doch die Frage nach den Erstplatzierten ist diesmal etwas mehr als eine kleine Randnotiz, sondern führt in der Ferienanlage noch zur einen oder anderen heißen Diskussion. Denn bei der neunundzwanzigsten Auflage des Loskop Marathon ist trotz eines gemeinsamen Starts die Frauensiegerin diesmal schneller gekürt als der schnellste Mann.

Nach vielen langen Geraden im Veld wird es im Feriendorf noch einmal richtig kurvig

Sisay Arsedi heißt sie und kommt - man höre und staune - aus Äthiopien. Ganz langsam versucht auch der eine oder andere Läufer aus dem ostafrikanischen Hochland sich an den nicht gerade schlecht gefüllten Preisgeldtöpfen der Ultrarennen in Südafrika schadlos zu halten. In Vorjahr war mit Jennifer Koech beim Loskop Marathon zum Beispiel auch schon eine Kenianerin erfolgreich.

Die in 3:17:11 siegreiche Sisay Arsedi ist allerdings nicht von einem europäischen Manager nach Middelburg beordert worden sondern steckt im grünen Trikot des lokalen Nedbank-Teams. Wie der zum gleichen Konzern gehörende Versicherer Old Mutual gehört die Bank zu den größten Sponsoren im Laufbereich. Doch neben verschiedenen breitensportlichen Laufgruppen unterhält man eben auch eine Art "Rennstall", dem zwar hauptsächlich, aber nicht nur einheimische Athleten angehören.

Neben weiteren ohnehin in Südafrika "stationierten" Profiläufern - die kenianische Vorgängerin der Ersten trat ebenfalls in diesen Farben an - werden gerade bei den ganz großen Veranstaltungen auch gerne einmal absolute Spitzenleute aus dem Ausland als Werbeträger verpflichtet. Einige andere Unternehmen verfahren allerdings genauso. So lesen sich bei Comrades oder Two Oceans die Vereinsbezeichnungen auf den vorderen Rängen manchmal eher wie die Auszüge aus einem Firmenverzeichnis.

So trägt Riana van Niekerk, die als dreifache Loskop-Siegerin im Vorfeld zu den Favoritinnen gezählt wurde und am Ende mit 3:33:12 relativ deutlich abgeschlagen Dritte wird, den Namen der Supermarktkette "Boxer" auf ihrem Trikot durch High- und Bushveld. Auch die Zweite Yolande Maclean - ebenfalls bereits zweimal beim Loskop Marathon ganz oben auf dem Treppchen - war jahrelang für Firmenteams unterwegs. Diesmal erzielt sie ihre 3:23:15 aber wie ein Freizeitläufer mit einer Tageslizenz.

Doch warum ist denn der Name des Herrensiegers zu jenem Zeitpunkt noch fraglich? Schließlich haben vor der ersten Frau doch schon mehr als zwei Dutzend Männer den Zielstrich überquert. Allerdings tagt zu diesem Zeitpunkt längst die Jury. Denn so klar auch ist, welche Startnummer der schnellste Läufer getragen hatte, seine Identität stellt ein Problem dar. Denn jene "4339" hat man im Computer "Ludwick Mamabolo" zugeordnet.

Doch bei dem Athleten, der sie auf der Brust befestigt hat, handelt es sich mitnichten um den Comrades-Gewinner von 2012. Vielmehr läuft in Wahrheit Raymond Phaladi nach einem - wie ihm die Offiziellen später sehr wohl bestätigen - taktisch hervorragend eingeteilten Rennen in 2:48:44 mit der Nummer seines Trainingspartners beim Nedbank-Club als Erster im Forever Loskop Resort ein.

In der weiträumigen Urlaubsanlage ist genug Platz für die mitgebrachten Zelte der Laufclubs

Nun sei allerdings wieder an die oben erwähnten Regeln "pre-entries only" und "no race number switches / transfers / changes allowed after entries close" erinnert, die auch der ursprünglich Zweitplatzierte Zongamele Dyubeni kennt. Und da er ebenfalls für den Banken-Rennstall mit dem grünen Trikot startet, sind ihm zudem die beiden genannten Athleten ziemlich gut bekannt. Entsprechend protestiert der nach 2:50:22 einlaufende Sportler dann beim Wettkampfgericht, als der Name "Mamabolo" ganz oben auf den ersten Zwischenergebnisliste auftaucht.

Angesichts der ziemlich eindeutigen "race rules" wird diesem Einspruch stattgegeben und Dyubeni offiziell zum Sieger erklärt. Dass er sich mit dieser Aktion bei seinem Vereinskameraden wohl nicht gerade beliebt gemacht hat, dürfte keine Frage sein. Doch wenn die vorgegebenen Regeln nicht tatsächlich für alle gelten, kann man sie sich ansonsten gleich schenken. Später wird sogar der südafrikanische Leichtathletikverband eine genauere Untersuchung des Vorfalles und gegebenenfalls eine Bestrafung der Schuldigen ankündigen.

So rutscht Joseph Mphuti, der nach 2:52:26 im roten Trikot des Toyota-Teams als Nächster die Linie überquert hatte, ebenfalls einen Platz nach oben und wird später für Rang zwei geehrt. Und Rufus Photo - nur vermeintlich wie "Foto", in Wahrheit aber "P-hoto" ausgesprochen - von den Pietersburg Road Runners kommt mit seiner 2:52:39 durch die Disqualifikation des Konkurrenten überhaupt erst aufs Treppchen.

Dass der Läufer aus der inzwischen offiziell gar nicht mehr "Pietersburg" sondern "Polokwane" heißenden Stadt, dabei zweitausend Rand mehr im Geldbeutel hat, ist für ihn sicher nicht uninteressant. Die Summe verblasst allerdings gegenüber jenen stolzen fünfzigtausend Rand, die er knapp zwei Monate später als Fünfter des Comrades Marathons bekommen wird. Übrigens wird im gleichen Rennen ein gewisser "Ludwick Mamabolo" - und zwar der richtige - Zweiter werden.

Nach dem Zieleinlauf macht man es sich dann auch erst einmal auf dem Rasen gemütlich
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Wie man sich auch zum Ausgang dieser Angelegenheit stellt, ob man die Middelburger dafür schelten möchte, dass der sportlich Beste am Ende nicht der Sieger ist, oder doch lieber für ihre Konsequenz bei der Einhaltung der Regeln auch gegenüber Eliteläufern lobt, sie bleibt ziemlich unerfreulich und wirft irgendwie ein schlechtes Licht auf eine Veranstaltung, die ansonsten nur positive Schlagzeilen verdient hätte.

Wer ihn einmal mitgemacht hat, kann durchaus nachvollziehen, weshalb dieser vielleicht nicht unbedingt absolut spektakuläre, aber eben dennoch enorm eindrucksvolle Landschaftslauf zu den beliebtesten Rennen des Landes gerechnet wird. Schließlich führt er praktisch mitten durch das südafrikanische Kernland und bietet einen ziemlich guten Eindruck von gleich zwei typischen Vegetationsformen.

Als Europäer kann man zudem die immer wieder unglaublich faszinierende, weil so völlig anders aufgebaute Laufszene am Kap erleben. Langen Geraden durchs Veld müssen - das ist die interessante Lehre nach fünfzig Kilometern - deswegen dann auch keineswegs eintönig oder langweilig sein.

Bericht und Fotos von Ralf Klink

Info & Ergebnisse www.loskopmarathon.co.za

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