25. Long Tom Marathon Sabie - Lydenburg (31.3.12)

Freud und Leid auf dem Weg nach Lydenburg

von Ralf Klink

Samstag 31.03.2012, 6:15 Uhr - Main Road, Sabie
Das Donnern eines Kanonenschusses hat das Warten beendet. Nun ist das Rennen endlich eröffnet. Fast siebenhundert Sportler traben auf der breiten Hauptstraße des etwa dreihundert Kilometer nordöstlich der Metropole Johannesburg in der südafrikanischen Provinz Mpumalanga und außerdem ziemlich exakt tausend Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Städtchens Sabie langsam an, um sich auf den langen und bergigen Weg nach Lydenburg zu begeben.

Das Hochland der Provinz Mpumalanga ist Austragungsort des Long Tom Marathons

Rückblende: Montag 31.05.2010, 13:30 - Port Edward
Der blonde Kioskbesitzer im gut einhundert Kilometer südwestlich von Durban gelegenen Küstenstädtchen findet Gelegenheit, sich zu seiner Kundschaft auf die Bank zu setzen und ein kleines Schwätzchen zu halten. Klar kenne er den Comrades, erzählt er, während einige Meter entfernt die Wellen des Indischen Ozeans an den Sandstrand plätschern. Immerhin sei er in Pietermaritzburg aufgewachsen.

Doch auch der ältere Gast, der sich praktisch eine Zigarette nach der anderen ansteckt und wohl schon etwas länger auf der Sitzgruppe Platz genommen hat, nickt anerkennend und erkundigt sich nach den Spuren, die knapp neunzig Kilometer - die Distanz hat er natürlich genau wie die diesjährige Laufrichtung im Kopf - in den Beinen der Neuankömmlinge hinterlassen haben. Im Gegensatz zu ihm macht der Chef des Hauses mit seinen breiten Schultern und dem muskulären Oberkörper sehr wohl einen ziemlich sportlichen Eindruck. Bei Langstreckenrennen im Seekajak würde er mitfahren. Die gingen manchmal über durchaus ähnliche Distanzen wie der Comrades.

Ein Läufer, nein, ein richtiger Läufer sei er keiner. Das längste, was er bisher unter die Füße genommen habe, wäre nur der "Long Tom" von Sabie nach Lydenburg gewesen. Für diejenigen Leser, die sich in der südafrikanischen Laufszene nicht so auskennen - was wohl so ziemlich alle sein dürften - sei nur gesagt, dass dabei eine Distanz von 56 Kilometern über eine 2150 Meter hohe Passstraße zu bewältigen ist. Die Maßstäbe am Kap sind manchmal eben etwas anders.

Viele hundert Meter tief ist der Blyde River Canyon mit der Felsformation der "Three Rondavels", den "Drei Rundhütten" (links)

Rückblende: Freitag 27.05.2011, 14:00 Uhr - Durban Exhibition Centre
Der Helfer am Stand des Kapstädter Two Oceans Marathons verteilt eifrig Prospekte seiner Veranstaltung an die durch die Comrades-Messe schlendernden Läufer. Nicht allzu weit entfernt davon haben diese an einem anderen Tisch bereits einen Infozettel mit den wichtigsten Angaben zum Long Tom Marathon in die Hand gedrückt bekommen.

Ein Blick auf die Termine der zwei jeweils sechsundfünfzig Kilometer langen Rennen lässt unwillkürlich eine Idee entstehen. Für den Long Tom steht da nämlich "31 March 2012". Und auf den Unterlagen des Two Oceans kann man "Date of Race. Easter Saturday, 7 April 2012" lesen. Genau sieben Tage würden die beiden also trennen.

Zwar findet der eine Lauf weit im Nordosten des Landes statt und der andere in dessen südwestlichster Ecke. Doch wären die achtzehnhundert Kilometer, die zwischen den beiden Veranstaltungsorten liegen, ohne übermäßigen Stress durchaus in einer Woche zu überbrücken.

Also im nächsten Jahr wieder nach Südafrika? Es ist erst einmal nur ein eher vager Gedanke. Aber die ersten Überlegungen über einen weiteren Lauftrip ans Kap haben in diesem Augenblick trotzdem schon begonnen.

Immer wieder finden sich am Canyon spektakuläre Aussichtspunkte

Februar 2012 - Goddelau, Deutschland
Es hat ziemlich lange gedauert, bis die Internetseite des Long Tom Marathons aktualisiert war, und noch länger, bevor endlich eine Möglichkeit zur Online-Voranmeldung bestand. Während sich in Europa die Organisatoren beeilen, sofort nach dem gerade durchgeführten Rennen im Netz für die nächste Auflage zu werben, muss man bei südafrikanischen Veranstaltungen meist deutlich mehr Geduld haben.

Am Kap verlaufen nämlich solche Dinge in der Regel eher kurzfristig. Alleine dass man schon ein Dreivierteljahr im Voraus den Termin bekannt gibt und mit der Werbung beginnt, wie es die Macher des Laufes von Sabie nach Lydenburg auf der Comrades-Messe getan haben, ist da schon eine ziemliche Ausnahme.

Nun nicht einmal zwei Monate vor dem Start, ist die Verbindung zum südafrikanischen Portal "www.enteronline.co.za", das für viele Rennen die Abwicklung der Voranmeldungen übernimmt, aber doch frei geschaltet. Zu einem Zeitpunkt, an dem anderswo die Annahme von Meldungen beinahe schon wieder beendet wäre.

Dabei war die endgültige Entscheidung, den möglichen Ultra-Doppelpack tatsächlich in Angriff zu nehmen, schon im vergangenen Herbst gefallen. Die Reise ist längst durchgeplant und der Flug, der Mietwagen sowie die Quartiere bereits seit einiger Zeit gebucht. Der noch fehlende Mosaikstein "Anmeldung Long Tom Marathon" lässt sich jetzt aber ergänzen. Mit einem letzten Mausklick ist die Sache abgeschlossen. Südafrika kann kommen.

Mit seiner Ausdehnung und Tiefe zählt der Blyde River Canyon zu den größten in Afrika und sogar weltweit

Freitag 30.03.2012, 16:00 Uhr - Lydenburg High School
An den Längsseiten der schon etwas in die Jahre gekommenen Turnhalle der Schule von Lydenburg stehen zwei Reihen Tische. An ihnen kann man sich die Startnummern für den am Folgetag startenden Long Tom Marathon abholen. Doch wirklich großer Andrang herrscht an diesem Nachmittag nicht.

Und das obwohl es neben dem Ultra zudem auch noch die Möglichkeiten gibt, einen Halbmarathon sowie einen fünf Kilometer langen "Fun Run" zu absolvieren, und am nächsten Tag insgesamt rund zweitausend Teilnehmer erwartet werden. So gehen die zahlreichen Helfer an der "registration" weitgehend stressfrei den ihnen zugeteilten Aufgaben nach.

Je eine Front der Halle ist für Vor- und Nachmelder vorgesehen. Denn wie meist in Südafrika kann man sich auch in Lydenburg mit der Entscheidung zu einer Teilnahme bis wenige Stunden vor dem Start Zeit lassen, ohne dafür tiefer in die Tasche greifen zu müssen. Nicht einmal auf das anschließend an der Bühne auf der Stirnseite verteilte Veranstaltungs-T-Shirt aus Funktionsfasern muss man dabei verzichten.

Dabei fallen die Startgebühren mit hundertfünfzig Rand - umgerechnet nicht einmal fünfzehn Euro - auf der längsten Strecke sowieso ziemlich gemäßigt aus. Beim Halben ist man bereits mit der Zahlung von hundert südafrikanischen Währungseinheiten gemeldet. Für den Fun Run sind gerade einmal zwanzig davon fällig.

Wobei man allerdings zugeben sollte, dass bei den beiden auf Punkt-zu-Punkt-Kursen ausgetragenen längeren Rennen für den obligatorischen Bustransfer noch einmal zusätzliche dreißig Rand zu berappen sind. Warum man diese jedoch extra angibt und nicht gleich in die Meldegebühren integriert, bleibt ein wenig rätselhaft. Denn die Aussage auf dem Infoblatt ist eindeutig. "No bus ticket, no race".

In der schon etwas in die Jahre gekommenen Schulturnhalle von Lydenburg werden die Startunterlagen verteilt

Samstag 31.03.2012, 6:05 Uhr - Main Road, Sabie
Das Lied vom "final countdown", das der für die musikalische Untermalung zuständige Helfer eigentlich passend für diesen Moment ausgesucht hatte, ist längst verklungen. Aber herunter gezählt worden ist trotzdem nicht. Dabei war die offizielle Startzeit bereits für sechs Uhr angesetzt. Doch vor und in der Tankstelle, neben der man den Startbogen aufgebaut hat, stehen die angehenden Ultraläufer noch immer ziemlich zwanglos herum.

Gerade eben ist ein weiterer Bus vom Zielort Lydenburg angekommen. Und die Ausgestiegenen müssen nun erst einmal ihre letzten Vorbereitungen beenden. So ganz bekommt man es zwar nicht mit, denn die Durchsagen sind diesbezüglich nicht wirklich ergiebig, doch noch fehlt der letzte der Gelenkbusse, die zum morgendlichen Transport der Läufer eingesetzt werden. Der mehr als fünfzig Kilometer lange, kurvige Weg über den Pass hat dann doch etwas länger gedauert als geplant. Also gilt es erst einmal weiter zu warten.

Aber von Hektik oder Nervosität ist unter den Umstehenden nichts zu spüren. Und Aufregung oder gar Ärger darüber, dass es nicht losgeht und man kaum Informationen bekommt, lässt sich schon überhaupt nicht bemerken. In Europa hätte zu diesem Zeitpunkt vermutlich längst ein lautes Murren begonnen. Auf der Main Road von Sabie plaudert man dagegen einfach noch ein bisschen weiter mit dem Nachbarn. Die südafrikanische Laufszene sieht das halt alles wesentlich entspannter.

Doch in einem Land, in dem man ohnehin meist ein Verhältnis zur Zeit besitzt, das mindestens als "mediterran" zu bezeichnen ist, kann das auch kaum verwundern. Vieles passiert halt auf den letzten Drücker. Oder eben auch ein bisschen später. Und ein in deutsche Ohren nach "sofort" klingendes "just now" meint nach einheimischem Verständnis vielmehr "demnächst irgendwann einmal".

Rund vierzig Kilometer vom Startort Sabie entfernt lädt das alte Goldgräberstädtchen Pilgrim's Rest zum Besuch ein

Samstag 31.03.2012, 13:50 Uhr - Sportgelände der Lydenburg High School
Gerade eben hat der Sprecher, der im Zielbereich die ankommenden Läufer begrüßt, die Durchsage gemacht, dass der letzte Bus zurück nach Sabie um zwei Uhr losfahren würde. Das wäre schon nach dem offiziellen Zeitplan genau mit dem - exakt acht Stunden nach dem Start angesetzten - Zielschluss.

Doch ist man in Sabie ja mit einer Viertelstunde Verspätung auf die Reise gegangen. Wer also das vorgegebene Limit beinahe voll ausnutzen muss, um die Strecke zu bewältigen, hätte nicht mehr die geringste Chance, ihn zu erreichen. Die augenblickliche Nachfrage des an exakt eingehaltene Fährpläne gewöhnten deutschen Gastes ergibt dann allerdings etwas ganz anderes.

Natürlich würde man warten bis der sogenannte Cut-Off erreicht sei und auch danach noch einige Minuten zugeben, erklärt der Ansager unter der Hand. Wenn er jedoch verkündet hätte, dass die Abfahrt erst um halb drei sei, würde es am Ende wohl eher drei Uhr werden, bis es wirklich losginge. Schließlich kenne er seine Pappenheimer. So wäre eben ein bisschen Druck aufgebaut, um die Leute nicht gar zu sehr zum Trödeln zu verleiten.

Samstag 31.03.2012, 5:15 Uhr - Sabie Town Hall
Nicht in der Schule wie in der Ausschreibung ursprünglich angegeben sondern in der Stadthalle werden die Startnummern an jene vorgemeldeten Läufer verteilt, die sie am Vortag nicht im Lydenburg in Empfang genommen haben. Ein großes Problem stellt die Verlegung nicht dar. Einen Lageplan gibt es schließlich in den - wie meist in Südafrika - eher spärlich ausgefallenen Unterlagen genauso wenig wie eine sorgfältige Ausschilderung am Renntag.

Irgendwo im Zentrum des kleinen Städtchens muss es losgehen. Soweit ist es klar. Wer dort einen Parkplatz gefunden hat, fragt sich danach halt einfach weiter durch. Es schwirren schließlich bereits genug Läufer und auch einige Helfer in der erst langsam beginnenden Dämmerung herum. Jedenfalls haben praktisch alle, denen man begegnet, irgendwie mit dem Rennen zu tun. Denn wer sonst wäre um diese Uhrzeit bereit auf den Beinen.

Das System funktioniert. Und niemand regt sich auf, weil irgendetwas nicht zu einhundert Prozent perfekt ist, wie man es in der europäischen Heimat oft erleben kann. Die Messlatte liegt diesbezüglich deutlich niedriger. Hauptsache während des Rennens selbst funktioniert alles. Das Drumherum, das gerade hierzulande manchmal fast zum Hauptereignis aufgeblasen wird, spielt eine völlig untergeordnete Rolle.

Wenn man einige dieser mittelgroßen Läufe in Südafrika mit ihrer lockeren und entspannten Atmosphäre erleben durfte, kommt man über kurz oder lang ins nachdenken, ob nicht eventuell einige Veranstaltungen in Deutschland - insbesondere aus rein sportlichem Blickwinkel - längst vollkommen überorganisiert sind. Manchmal könnte weniger auch mehr sein.

Als letzter Termin für die Abholung wird in der Ausschreibung übrigens die Startzeit von sechs Uhr genannt. Und wenn man sich die Zahl der Umschläge ansieht, die sich kaum ein Dreiviertelstunde bevor es losgehen soll, noch in den Kartons befindet, kann man durchaus den Eindruck gewinnen, dass einige diese Frist fast bis zum Ende ausnützen werden.

God's Window heißt der Aussichtspunkt, an dem das Hochland mit einer rund siebenhundert Meter hohen Klippe ins sogenannte Lowfeld abbricht

Samstag 31.03.2012, 2:00 Uhr - Sabie
Ein heftiger Donnerschlag hat den vor dem anstehenden Rennen ohnehin ziemlich unruhigen Schlaf erst einmal beendet. Und draußen blitzt und kracht es weiter. Auf das Dach der übers Wochenende angemieteten hölzernen Ferienhütte prasselt heftiger Regen. Ein schweres Gewitter scheint sich im Kessel, in dem Sabie liegt, regelrecht verfangen zu haben.

Zwar sind weder die Talwände so steil noch die umgebenden Berge so hoch wie in den Alpen, doch befindet man sich eben dennoch in einem deutlich über zweitausend Meter aufragendem Gebirge. Und wenn schon in der Ebene nicht mit solchen Wetterbedingungen zu spaßen ist, wie soll das erst bei der Passage eines weitgehend offenen und deckungslosen Passes werden? Ob der Lauf in ein paar Stunden überhaupt gestartet werden kann? Die Gedanken fangen an zu kreisen. An erneutes Einschlafen ist erst einmal nicht zu denken.

Samstag 31.03.2012, 5:25 Uhr - Sabie Town Hall
Ein wenig Schlaf ist dann tatsächlich doch noch abgefallen. Und davon, dass Blitz und Donner sich noch wenige Stunden zuvor so bedrohlich über dem Städtchen breit gemacht hatten, ist nichts mehr zu bemerken. Ganz langsam füllen sich die Parkplätze rund um das kleine Einkaufszentrum in der Ortsmitte und anschließend auch die Town Hall.

Die Stadthalle dient hauptsächlich noch kulturellen Zwecken. Denn nach einer zum Jahrtausendwechsel durchgeführten Gebietsreform, bei der man in Südafrika neue, ähnlich großflächig wie in Skandinavien geschnittene Gemeinden bildete, hat Sabie als eigenständige politische und administrative Einheit endgültig aufgehört zu existieren.

Nun ist man wie auch der Zielort Lydenburg Bestandteil der Thaba Chweu Local Municipality. Und diese umfasst - ohne dabei im nationalen Maßstab übermäßig aus dem Rahmen zu fallen - beinahe sechstausend Quadratkilometer und damit mehr als die doppelte Fläche des Saarlandes. Allerdings besteht die Bevölkerung der Großgemeinde aus nicht einmal hunderttausend Menschen. Sabie selbst hat kaum sechstausend Einwohner. Lydenburg auf der anderen Seite des Passes ist nur unwesentlich größer.

Kaffee, Kekse und Alkoholika werden den Läufern vor dem Start im Ortszentrum von Sabie angeboten

Samstag 31.03.2012, 5:30 Uhr - Sabie Town Hall
An der Wand, die der Ausgabe der Startnummern gegenüber liegt, ist eine Tischreihe aufgebaut. Darauf stehen etliche Becher. Wer von den Teilnehmern möchte, kann sich dort nämlich noch schnell eine Kaffee oder ein paar Kekse abholen. Das ist zwar nichts für die Freunde italienischer Kaffeevariationen, denn dieser wird dabei nur aus löslichem Pulver und heißen Wasser angerührt. Aber zu dieser frühen Uhrzeit kann ein kleiner Koffeinstoß nicht wirklich schaden.

Ob man das gleiche allerdings von einem anderen Produkt sagen kann, dass der Helfer am Tisch den Läufern anbietet, darüber kann man zumindest diskutieren. Denn mit blumigen Worten preist er eine Flasche mit deutschem Kräuterlikör an. Ein Schluck Jägermeister würde vor dem Start jeden noch so aufgeregten Magen beruhigen. Viele Abnehmer findet er aber nicht. Die meisten sind anscheinend ziemlich vernünftig. Aber vielleicht liegt es ja auch nur daran, dass kaum jemand nervös ist.

Freitag 30.03.2012, 15:20 Uhr - Long Tom Cannon
Auf einer der Kuppen zwischen Sabie und Lydenburg ist eine Kanone postiert. Hoch über dem Tal könnte sie von dieser exponierten Position aus eine ziemlich große Fläche mit ihren Granaten bestreichen. Doch militärisch hat sie nicht mehr die geringste Funktion. Sie ist nicht einmal einsatzbereit. Es handelt sich vielmehr nur um eine Nachbildung. Ein großer Parkplatz und Gebäude mit Café und Verkaufsstand liefern den letzten Beleg, dass es sich bei ihr nur noch um eine besondere Attraktion handelt.

Vor dem Geschütz lichtet sich ein halbes Dutzend sportlich aussehende Personen gegenseitig ab. Und das hat vermutlich nicht nur mit "normalem" touristischem Interesse zu tun. Denn diese Kanone hat dem Pass, den sie höchstwahrscheinlich morgen zu Fuß überqueren werden, den Namen gegeben. Und sie ziert eben auch das Logo der Veranstaltung.

Offiziell trug das Original die Bezeichnung "155 mm Creusot". Doch die Briten nannten sie wegen ihres auffällig langen Rohres "Long Tom". Allerdings gehörte sie keineswegs zur Ausrüstung der Armee des Vereinigten Königreiches, sondern wurde vielmehr in einem blutigen Konflikt gegen sie eingesetzt. Auch am Pass der nun ihren Namen trägt.

Die bis dahin niederländische Kolonie am Kap der Guten Hoffnung war Anfang des neunzehnten Jahrhunderts an Großbritannien abgetreten worden. Die dort ansässigen Siedler, kamen so ohne gefragt zu werden unter neue Oberhoheit. Einige Jahrzehnte darauf zogen diese mit den neuen Herren immer unzufriedeneren sogenannten Buren in großen Wagentrecks - abgeleitet vom niederländischen Wort "trekken" für "ziehen" - weiter ins Hinterland, um sich dort fern der Briten neu niederzulassen.

Sie bildeten dort anfangs mehrere kleine Freistaaten, aus denen schließlich der Oranje-Vrijstaat und die meist kurz als "Transvaal" bezeichnete Zuid-Afrikaansche Republiek im Nordosten des heutigen Südafrika entstanden. Der Westen gehörte als "Cape Colony" genau wie Natal im Südosten dagegen längst zum expandierenden britischen Empire. Dieser Ausweitung auf ganz Süd- und Ostafrika standen die beiden Burenrepubliken natürlich im Weg.

Ein ersten Versuch der Annexion Transvaals durch die Briten führte 1880 zum ersten Krieg, in dem die Südafrikanische Republik mit für die damalige militärische Praxis völlig unkonventionellen Taktiken - kleine, bewegliche und mit Khakibekleidung gut getarnte Scharfschützen-Verbände operierten gegen die in geschlossenen Formationen aufmarschierenden Rotröcke - ihre Unabhängigkeit noch einmal verteidigen konnte.

Die Long Tom Kanone aus dem Burenkrieg hat dem Pass seinen Namen gegeben Goldfunde wie die in Pilgrim's Rest waren für den Ausbruch des Konfliktes mitverantwortlich

Im Vergleich zum knapp zwanzig Jahre später folgenden, deutlich heftigeren Aufeinadertreffen handelte es sich jedoch um kaum mehr als kleinere Scharmützel. Ausgerechnet in der Gegend der heutigen Johannesburg unweit der Transvaal-Hauptstadt Pretoria wurde nämlich in den Achtzigerjahren größere Goldfunde gemacht. Und eine Vielzahl von Glücksrittern strömte bald darauf in den Burenstaat.

Schnell waren diese "Uitlanders" gegenüber den einige Jahrzehnten früher angekommenen Buren in der Überzahl. Die Spannungen wuchsen, da ihnen jede Mitsprache verweigert wurde. Das Empire stellte sich nicht ohne imperialistische Hintergedanken auf die Seite der zu großen Teilen britischen Neuankömmlinge. Und Ende des vorletzten Jahrhunderts schaukelte sich der Konflikt über Mobilmachungen und Ultimaten schließlich zum offenen Krieg hoch.

Vollkommen friedliche und unschuldige Opfer des britischen Expansionsstrebens waren die Buren dabei allerdings keineswegs. Einer der Gründe für den "Großen Treck" war nämlich unter anderem die Abschaffung der Sklaverei durch das Königreich, mit der sich die Siedler nicht abfinden wollten. Und auch in den späteren Konflikten spielte immer auch der Umgang mit der aus burischer Sicht völlig rechtlosen schwarzen Bevölkerungsmehrheit eine Rolle.

Die anfangs nicht nur bezüglich der Ortskenntnis sondern auch zahlenmäßig überlegenen Verbände der beiden Burenrepubliken erzielten schnell erste Erfolge. Mehrere britische Einheiten wurden eingekesselt und zum Teil vernichtend geschlagen. Der zweite Burenkrieg schien den gleich Ausgang zu nehmen wie der erste.

Doch noch einmal wollte sich das mächtige Empire nicht von den zusammen gewürfelten Siedlermilizen vorführen lassen. In seiner Ehre getroffen wurden vom britischen Militär immer mehr Truppen nach Südafrika verlegt. Zudem mobilisierte man Kontingente aus Kanada, Australien, Neuseeland und sogar aus Britisch-Indien.

Bald waren die Buren vollkommen in der Minderzahl und wurden immer weiter zurück gedrängt. Nur neun Monate nach Beginn der Kampfhandlungen waren Mitte des Jahres 1900 die größten Teile des Oranje-Freistaates und Transvaals inklusive der beiden Hauptstädte Bloemfontein und Pretoria erobert.

Die im offenen Gefecht gegen die inzwischen auf ein Verhältnis von fast eins zu zehn angewachsene Übermacht ziemlich chancenlosen Buren gingen zu einer Guerilla-Taktik über und attackierten in kleinen Kommandos die britischen Nachschublinien. Insbesondere die für die Versorgung so wichtigen Eisenbahnen waren bedroht. Und so mussten diese mit einer großen Zahl von Soldaten aufwändig geschützt werden. Noch heute kann man bei der Fahrt durch Südafrika an einigen Bahnbrücken Wachtürme aus dieser Zeit entdecken.

In Pilgrim's Rest kann man das Gefühl bekommen, hundert Jahre in der Zeit zurück versetzt worden zu sein

Das Empire reagierte mit einer Politik der verbrannten Erde. Die Farmen von Buren, die sich noch nicht ergeben hatten und weiter kämpften, wurden angezündet. Ihre Familien wurden in "Concentration Camps" interniert. Auf burischer Seite kamen wegen der dort herrschenden Zustände deshalb auch dreimal so viele Zivilisten ums Leben wie Frontsoldaten, nämlich mehr als fünfundzwanzigtausend.

Die vier aus französischer Produktion stammenden Creusot-Geschütze, die kurz vor Ausbruch des Krieges von Transvaal gekauft worden waren, existierten da schon längst nicht mehr. Nachdem die mit ihnen erworbene Munition komplett verschossen worden war, hatten die Buren sie zerstört, um sie nicht dem Gegner in die Hände fallen zu lassen.

Erst nach zwei weiteren Jahren kapitulierten die letzten Guerilla-Einheiten. Mit dem Frieden von Vereeniging wurden die Burenrepubliken im Jahr 1902 ins Empire eingegliedert. Der Name des Unterzeichnungsortes ist dabei durchaus passend, bedeutet er doch, wie man sich mit ein bisschen Fantasie unschwer denken kann, nichts anderes als "Vereinigung".

Den Buren wurde darin begrenzte Selbstverwaltung und die britische Staatsbürgerschaft zugesichert. Auch wurde ihre aus dem Niederländisch entstanden Sprache Afrikaans als offizielle Amtssprache anerkannt. Nur einige Jahre später wurde der neu gegründeten Südafrikanischen Union ähnlich wie Kanada, Australien oder Neuseeland zudem der Status eines selbst regierten Dominions zugesprochen. Und gleich mehrere der Burengenerale dienten diesem Staat in der Folgezeit als Regierungschef.

Wie unterschiedlich dieser Krieg in Südafrika zum Teil noch immer gesehen wird, zeigen allerdings die Namen, die man ihm gibt. Denn während man im Englischen ähnlich wie im Deutschen vom "Second Boer War" spricht, heißt er auf Afrikaans "Tweede Vryheidsoorlog". Und das bedeutet übersetzt eben "Zweiter Freiheitskrieg".

Samstag 31.03.2012, 5:45 Uhr - vor Sabie Town Hall
Das Englisch, das der Läufer im insbesondere für südafrikanische Verhältnisse ziemlich schlichten Trikot der Randburg Harriers spricht, klingt nicht so als ob es seine Muttersprache wäre. Wie die Mehrzahl der europäisch stämmigen Südafrikaner hat Willem Potgieter vielmehr zuerst Afrikaans gelernt und benutzt das Englische nur zur Verständigung mit Angehörigen anderer Sprachgruppen.

Während rund um Johannesburg - also ausgerechnet im Herzland der früheren Burenrepublik Transvaal - noch recht viele Englisch-Muttersprachler zu Hause sind, dominiert in den ländlichen Gebieten auch weiterhin eindeutig Afrikaans. So gesehen entspricht Potgieter nicht ganz der Statistik. Denn bei Randburg handelt es sich um einen Vorort der südafrikanischen Metropole.

Er suche den "baggage drop", die Abgabestelle für das Gepäck, erklärt er und deutet auf seinen Rucksack. Nun, damit ist er nicht alleine. Denn eigentlich sollte er gerade die gleiche Frage gestellt bekommen. An der Anmeldung lagen reißfeste Bänder aus, wie man sie zum Beispiel benutzt, um den Eintritt zu einer Veranstaltung zu kontrollieren. Immer im Doppelpack und zur Sicherheit jeweils mit einer kleinen Nummer versehen.

Mit einem konnte man seine zum Ziel zu transportierende Tasche kennzeichnen. Das dazu passende Gegenstück war dann wohl für das Handgelenk gedacht, um im Zweifelsfall am Ziel die Zahlenkombination vergleichen zu können. Doch die meisten Läufer haben ohnehin gleich ihren Namen und die Startnummer auf die an den Gepäckstücken befestigten Bändchen geschrieben.

Jetzt müsste man nur noch den Bus oder Lastwagen finden, mit dem diese nach Lydenburg gebracht werden. Vor der Town Hall steht er jedenfalls nicht. Und in der Seitenstraße, in der man sich gerade begegnet ist, findet man ihn genauso wenig. Vereint geht die Suche weiter.

Nicht nur Großtiere machen die so völlig andere Fauna Südafrikas aus Tief haben sich viele Flüsse in das Gestein der Mpumalanga-Drakensberge hinein geschnitten

Samstag 31.03.2012, 16:00 Uhr - Ortsmitte Sabie
Der letzte der Pendelbusse, die nach dem Rennen den Rücktransport nach Sabie übernommen haben, ist am Parkplatz im Ortszentrum angekommen. Rund zehn Stunden, nachdem sie unweit dieser Stelle aufgebrochen sind, machen sich die Läufer nun auf die letzten Meter zurück zu ihren Fahrzeugen. Bei den meisten sind die Bewegungen allerdings längst nicht mehr so geschmeidig wie am frühen Morgen.

Nichts ist mehr von einem Ultramarathon zu entdecken, der angeblich in diesem Städtchen begonnen haben soll. Das Leben nimmt seinen üblichen Gang. Es ist ein ganz normaler Samstag. Und viele derjenigen, die nicht direkt mit dem Rennen zu tun hatten, dürften vermutlich nicht einmal bemerkt haben, dass es überhaupt stattgefunden hat.Dabei handelt es sich doch um "one of South Africa's most popular road races".

Zumindest behauptet das der Veranstalter auf seiner Internetseite. Die stets deutlich unterhalb der Vierstelligkeit bleibenden Teilnehmerzahlen sind für diese Aussage jedoch nicht unbedingt ein Beleg. Zumal neben Comrades und Two Oceans schließlich noch einige andere Ultraläufe in Südafrika diese Marke recht deutlich überbieten. Doch fallen eben praktisch alle Kritiken, die man zum Long Tom Marathon finden kann, ziemlich positiv aus.

Samstag 31.03.2012, 5:55 Uhr - Main Road, Sabie
Der "baggage drop" ist gefunden. Dieser sei direkt am Start, war sich ein ebenfalls mit einer Sporttasche beladener Teilnehmer ziemlich sicher. Und tatsächlich steht dort neben der Tankstelle ein schon ziemlich voll beladener "Bakkie", der allerdings von den Umstehenden dennoch eifrig weiter mit Gepäckstücken gefüllt wird. Denn eine Alternative ist nicht zu sehen.

Unter "Bakkie" versteht man am Kap jenen Autotyp, den man in Nordamerika "Pick-Up" nennt. Und diese mit einer Pritsche versehenen Geländewagen sind in Südafrika extrem beliebt. Nicht nur auf dem Land sondern auch in den Städten. Auf der Ladefläche wird dabei auch keineswegs nur Material transportiert.

Es ist völlig normal, dass dort auch Menschen Platz nehmen. So mancher Handwerker oder Farmer bringt auf diese Art schon einmal seine komplette Mannschaft zum gewünschten Einsatzort. Und für den Familienausflug packt man gelegentlich durchaus auch die Kinder samt Hund nach hinten an die frische Luft. Das alleine könnte dem sicherheitsfanatischen Europäer schon den Panikschweiß auf die Stirn treiben.

Doch wenn man beobachtet, wie viele dann bei mehr als hundert Kilometern pro Stunde nicht etwa tief geduckt im Windschatten sitzen sondern auch noch stehen und interessiert übers Führerhaus nach vorne blicken, will man als ausländischer Tourist manchmal seinen Augen kaum noch trauen. Für Einheimische ist das dagegen völlig normal. Der Bakkie ist am Kap einfach das perfekte Allzweckfahrzeug.

An den Bourke's Luck Potholes kann man die enge Schlucht des oberen Blyde River auf mehreren Brücken überqueren

Samstag 31.03.2012, 6:25 Uhr - R532, Ortsausgang Sabie
Den hochaufgeschossenen Läufer im Trikot der Randburg Harriers kennt man bereits. Jetzt trippelt Willem Potgieter behutsam die Steigung hinauf. Nur wenige hundert Meter war die Strecke flach geblieben. Schon als die Bebauung am Straßenrand weniger wurde, hatte es angefangen leicht bergauf zu gehen. Und nun, nachdem man auch die am Ortsende eine Schleife ziehende Bahnlinie überwunden hat, zeigt die Strecke gleich einmal, was man von ihr erwarten darf. Immerhin fallen die ersten Rampen noch nicht allzu heftig aus.

Potgieter tut gut daran, vorsichtig an die Sache heran zu gehen. Denn der Mittzwanziger läuft seinen allerersten Ultra. Den leichtesten hat er sich für seine Premiere nun wahrlich nicht ausgesucht. Als großes Ziel gibt er allerdings den Comrades Anfang Juni an. Qualifiziert habe er sich bereits mit einem Marathon vor einigen Wochen. Doch nun wolle er sich doch einmal langsam an die Distanz heran tasten. Der Long Tom Marathon sei als Vorbereitungslauf jedenfalls ganz sicher keine schlechte Wahl.

Samstag 31.03.2012, 6:45 Uhr - R532
In der Streckenbeschreibung, die man auf der Internetseite des Long Tom Marathons finden kann, lässt sich nachlesen, dass wenn man "fortunate enough" sei, sich schon nach wenigen Kilometern Anstieg hoch über den Morgennebeln im Tal bewegen würde. Und trotz - oder vielleicht auch wegen - der heftigen Gewitter der letzten Stunden haben die Läufer der Jubiläumsausgabe ein wenig dieses Glück.

Es ist zwar keine geschlossene Wolkendecke, der "ocean of mist", von dem die "route description" spricht. Dennoch herrscht eine faszinierende Atmosphäre. Die Strahlen der noch tief stehenden, sich aber langsam aus der Deckung hervor wagenden Sonne tauchen die Straße und die sie umgebenden Kuppen in ein warmes Licht. Unter dem Teilnehmerfeld wabern langsam aufsteigende Nebelbänke durch die Seitentäler.

Gleich zum Auftakt hält der Long Tom Marathon also schon einiges von dem bereit, was man sich von ihm versprochen hat. Denn selbst wenn die Strecke zu hundert Prozent auf Asphalt verläuft, bietet sie eben doch hauptsächlich Naturerlebnis. Denn mit dem Hinauslaufen aus Sabie hat man nach etwa einem Rennkilometer den bewohnten Bereich hinter sich gelassen. Und bis zum Ziel in Lydenburg wird man auf keine weitere Ortschaft treffen.

Schon nach kurzer Zeit hat man Sabie hinter sich gelassen und läuft unter den warmen Strahlen der noch tief stehenden Sonne über den im Tal liegenden Nebelbänken, eine faszinierende Atmosphäre

Samstag 31.03.2012, 6:55 Uhr - R37 am Mauchsberg
Am höchsten Punkt der Passstraße haben sich inzwischen über achthundert Läufer versammelt. Denn für sieben Uhr ist der Start des Halbmarathons angesetzt. Und dieser wird vom Scheitelpunkt der Ultrastrecke hinunter nach Lydenburg führen. Rund achthundert Höhenmeter gehen dabei verloren. Bestzeitentauglich ist dieser Kurs also definitiv nicht.

Ob es einzig und allein daran liegt, dass das Rennen zahlenmäßig nur unwesentlich besser besetzt ist als der Ultra, ist allerdings doch eher zu bezweifeln. Zwar zieht auch in Südafrika bei Mehrfachangeboten die kürzere Distanz oft ein paar Teilnehmer mehr an, aber alleine die Fixierung der nationalen Laufbewegung auf den Comrades sorgt schon dafür, dass die Gewichtungen der einzelnen Distanzen in solchen Fällen bei weitem nicht so ungesund ausfällt wie hierzulande.

Samstag 31.03.2012, 7:05 Uhr - R532
In einem engen Halbkreis lehnt sich die auch weiterhin konstant ansteigende Straße an den ziemlich markanten, spitz zulaufenden Hügel, die man schon länger im Blickfeld hatte. Entfernt erinnert er an einen chinesischen Kegelhut. "Kopje" heißt in Südafrika diese am Kap immer wieder einmal anzutreffende Geländeform, was in Afrikaans übersetzt ungefähr "Köpfchen" bedeutet.

Als der von einem Sendemast überragte Hügel nach seiner Umrundung wieder deutlicher erkennbar wird - ein wenig über die Schulter muss man dabei aber schon sehen - taucht nach gerade einmal sieben zurückgelegten Kilometern die zweite Verpflegungsstelle vor den Läufern auf. Zwanzig weitere werden in zum Schluss sogar noch etwas dichter werdenden Abständen folgen.

Wie bei südafrikanischen Rennen meist üblich gibt es dort Cola in Bechern und Wasser in kleinen Plastiktütchen, den sogenannten "Sachets". In Europa haben sich diese "Säckchen" - wie die aus dem Französischen stammende, aber international inzwischen übliche Bezeichnung wortwörtlich lautet - nur für Ketchup oder Shampoos durchgesetzt. Höchstens einmal mit pappigen Gels gefüllt kann man ihnen hierzulande im Laufbereich begegnen. Am Kap werden hingegen auch Flüssigkeiten darin abgepackt.

Und man ist geneigt zu sagen "leider" haben Veranstalter in anderen Ländern diesen Ansatz nicht übernommen. Gegenüber Plastik- oder Pappbechern hat man nämlich gleich mehrere Vorteile. Die Helfer können die Sachets zum einen gleich im Dutzend in den Händen halten und an die Vorbeikommenden verteilen. Nachschenken ist nicht nötig, ein neuer Griff in die Kiste reicht. Andererseits sind sie von den Läufern auch problemlos in der Bewegung zu greifen und ohne großes Abstoppen mitzunehmen.

Immer bergan führen die ersten Kilometer in die Berge hinein

Alles zusammen sorgt auf jeden Fall für deutlich weniger Durcheinander an den Versorgungstischen. Hat man den Dreh erst einmal heraus, wie man mit den Zähnen nur eine kleine Ecke abreißt, geht beim Auslutschen zudem kaum ein Tropfen verloren. Und für das Hinterfeld ist es mit Sicherheit auch deutlich angenehmer über einige am Boden klebende Tütchen zu laufen als durch einen Berg von zerknitterten und zerbrochenen Bechern.

Es ist vermutlich ein eher sinnloses Plädoyer für die Sachets. Dass europäische Veranstalter auf diese Plastiktütchen umsteigen, ist kaum zu erwarten. Zu ungewohnt wären sie für die hiesigen Läufer. Zu kompliziert wäre wohl ihre Beschaffung. Aber die lange südafrikanische Lauftradition hat sehr wohl für Ideen gesorgt, die man vielleicht doch auch anderswo einmal ausprobieren könnte.

Freitag 30.03.2012, 13:30 Uhr - Ortsausgang Graskop
Eigentlich hat man das Örtchen Graskop bereits wieder verlassen. Und auf der bergab führenden Straße wird das Auto auch ohne dass man das Gaspedal weiter nach unten drückt von ganz alleine ein wenig schneller. Dumm nur, dass auch weiterhin ein Schild mit einer "60" vorgibt die in Südafrika übliche Höchstgeschwindigkeit für geschlossenen Ortschaften nicht zu überschreiten. Und noch dümmer, dass unten kurz vor einer Kurve zwei Polizisten mit einem Lasergerät stehen. Beim entsetzten Blick auf den Tacho zeigt dieser rund zehn Kilometer zu viel an.

Und schon winkt einer der beiden auch das gerade erwischte Fahrzeug an den Straßenrand. "Speeding" also "rasen" ist am Kap weit verbreitet, wie überhaupt bei der Einhaltung von Verkehrsregeln eher südländische Maßstäbe angelegt werden. Einen Südafrikaner, der für Fußgänger an einem Zebrastreifen anhält, erlebt man zum Beispiel extrem selten. Oder genauer gesagt eigentlich nie.

Immer wieder einmal sieht man bei der Fahrt über Land dann auch mobile Kontrollen der Verkehrspolizei wie diejenige, von der die beiden deutschen Touristen gerade erwischt worden sind. Durchaus nicht unfreundlich fragt der Beamte, ob dem durchaus schuldbewussten Fahrer klar sei, warum er gerade angehalten worden sei. "Natürlich" lautet die zerknirschte Antwort.

Er müsse jetzt einen Strafzettel ausstellen, den man dann beim nächsten Polizeirevier zu bezahlen hätte, erklärt der Gesetzeshüter weiter. Und fragt zum Ausfüllen des Formulars nach dem Führererschein. Mit dem seltsamen Plastikkärtchen aus Europa, das er daraufhin erhält, kann er dann allerdings nicht unbedingt etwas anfangen.

Also erkundigt er sich lieber erst einmal, wo man denn eigentlich hin wolle. Und versteht das nach deutschem Leseverständnis mit einem langem "i" ausgesprochene "Sabiiii" im ersten Moment ebenfalls nicht. "Wohin bitte?" Dann dämmert es. Ach, nach "Sabbi" soll es gehen. Dann sei das aber die völlig falsche Straße. Wann man ihr folgen würde, käme man höchstens zum Kruger Park. Da hätte man in Graskop wohl den entscheidenden Abzweig zum fünfundzwanzig Kilometer entfernten Städtchen verpasst.

Die Auskunft auf die nächste Frage nach dem Grund des Aufenthaltes in Sabie, lässt seine Augen plötzlich leuchten. Denn kaum hat er "Long Tom Marathon" gehört, wird augenblicklich auch der bisher weiterhin mit der Laserpistole beschäftiget Kollege herbei gerufen. "Du, die beiden laufen morgen mit". Es klingt fast schon nach Begeisterung. Ob einer von ihnen denn auch dabei sei? Nein, nein, aber sie seien zur Verkehrsregelung eingesetzt, um die Passstraße am nächsten Tag weitgehend autofrei zu halten.

Spätestens jetzt ist das Eis endgültig gebrochen. Und der Beamte ringt sich zu einer unbürokratischen Entscheidung durch. "I don't wanna waste your time". Bevor er jetzt umständlich Zeile für Zeile ausfüllt und die Lauftouristen zum Bezahlen zurück in die Polizeistation von Graskop schickt, notiert er lieber nur den Namen, lässt er sich das Bußgeld gegen eine Unterschrift auf dem Strafzettel lieber direkt geben und übernimmt alle übrigen Formalitäten später in aller Ruhe selbst.

Die Gebühr fällt mit hundert Rand - also weniger als zehn Euro - für europäische Verhältnisse zudem nicht einmal allzu hoch aus. Es ist ein akzeptabler Preis. Denn zum einen wäre wohl der eine oder andere Liter Benzin vom Tank in den Motor geflossen, bevor man gemerkt hätte, dass man die falsche Richtung eingeschlagen hat. Und zum anderen kennt man jetzt eben auch die richtige Aussprache von "Sabie".

Ein fröhliches "good luck for tommorrow" beendet das so unerwartet verlaufene Gespräch. Zum Abschied winken die beiden das vorsichtig drehende Fahrzeug auch noch aus der Haltebucht heraus zurück auf die Straße in Richtung Graskop. Südafrika ist eben doch ein wenig anders.

Wellblechdächern wie in Pilgrim's Rest sind absolut typisch für südafrikanischen Pionierhäuser

Samstag 31.03.2012, 7:20 Uhr - Einmündung R532 und R37
Verkehrsschilder kündigen die Einmündung der gerade belaufenen R532 in die von Lydenburg zur Mpumalanga-Hauptstadt Nelspruit führende R37 an. Nicht nur an den beiden Endpunkten der Strecke muss also der Verkehr gestoppt werden. Auch an dieser Gabelung ist eine Kontrolle nötig, um die für die ersten Stunden des Rennens versprochene Komplettsperrung zu gewährleisten.

Erst ab zwölf Uhr also sechs Stunden nach dem geplanten Start soll der Pass wieder für Autos geöffnet werden. Und weitgehend werden die Läufer in dieser Zeit die Straße auch tatsächlich für sich alleine haben. Nur selten wird einmal ein Fahrzeug vorbei kommen, das dann aber entweder mit der Veranstaltung zu tun hat oder aber einem Anlieger gehört, der einzig und allein über eine von der Hauptstraße abzweigende Schotterpiste zu seinem Grund und Boden gelangen kann.

Noch steht auf der Tafel an der Kreuzung "Lydenburg" zu lesen. Doch kann sich das demnächst durchaus ändern. Denn offiziell heißt das Städtchen jetzt "Mashishing", was angeblich "langes, grünes Gras" bedeutet. Und auch diese Bezeichnung, die sich allerdings noch nicht durchgesetzt hat, kann man gelegentlich lesen.

Die beiden unterschiedlichen Namen, die im Extremfall an Kreuzungen durchaus abwechselnd auftauchen können, machen die Orientierung für Ortsfremde nicht unbedingt einfacher. Zumal diese Situation keineswegs eine Seltenheit ist. Eine ganze Reihe von Orten ist in den letzten Jahren nämlich von der ANC-Regierung umbenannt worden. Und je nachdem, wann die Karte gedruckt wurde, die man zur Hand hat, ist dort die alte "burische" oder die neue "schwarze" Benennung verzeichnet.

Oft handelt es sich dabei um Namen, die auf Voortrekker-Führer oder Apartheid-Politiker zurück gehen. So heißt das nach Hendrik Potgieter benannte "Potgietersrus" inzwischen "Mokopane". Und die Stadt, die früher den Namen "Verwoerdburg" trug, wird nun als "Centurion" geführt. Warum allerdings ausgerechnet Lydenburg, dessen erster Wortteil sich tatsächlich mit "Leiden" ins Deutsche übersetzen lässt, in diese Kategorie fallen sollte, erschließt sich nicht ganz.

Nur an einigen Aussichtspunkten führen kurze Fußwege durch die ziemlich dünn besiedelte Berglandschaft

Samstag 31.03.2012, 7:21 Uhr - Einmündung R532 und R37
Die beiden Läufer mit der Kanone auf dem blau-gelben Trikot sprechen ein extrem hartes, gelegentlich nur schwer verständliches Englisch. Das ist nicht unbedingt verwunderlich, schließlich befindet man sich in einer typischen Afrikaans-Region. Sie kämen aus Lydenburg berichten Rudolph de Wet und Grant Roode und ihr Verein hätte die Long Tom nicht nur im Logo sondern würde auch so heißen.

An der Ausrichtung des gleichnamigen Rennens wäre der Club allerdings inzwischen nicht mehr beteiligt. Das hätte nun ein eigens dafür gebildetes Komitee übernommen. Fast klingt es ein wenig enttäuscht, so als ob man den Verein aus der Organisation hinaus gedrängt hätte. "Vielleicht in ein paar Jahren wieder". Aus dem Infoblatt, das an der Startnummernausgabe auslag, konnte man zwischen den Zeilen schließlich durchaus heraus lesen, dass die Veranstaltung finanziell nicht unbedingt aus dem Vollen schöpfen kann.

Den Start bei ihrem Heimrennen lassen sich die beiden natürlich dennoch nicht nehmen. Schon zum sechzehnten Mal sei er nun dabei, berichtet de Wet nicht ganz ohne Stolz. In der südafrikanischen Laufszene, in der die Konstanz eine deutlich höhere Bedeutung hat als anderswo, ist das wesentlich wichtiger als Bestzeiten.

Ein halbes Dutzend sogenannter Permanents-Aufnäher mit der ewigen festen Startnummer, die man erhält, wenn man einen Lauf zehnmal absolviert hat - ziert die Rückseite seines Laufhemdes in einem großen Kreis um die Lizenznummer, die jeder Läufer eines südafrikanischen Vereins Jahr für Jahr erhält und bei jedem Rennen zu tragen hat. Viele nähen die Stoffnummer deshalb ebenfalls gleich auf.

Selbstverständlich hat de Wet auch eine Permanent vom Comrades Marathon. Doch im Gegensatz zu dem meisten anderen Trikotrücken, bei denen diese alleine oder im Paar mit dem Gegenstück vom Two Oceans ganz oben zu finden ist, hat er einen anderen "Patch" direkt unter dem Saum befestigt. Es ist das Logo der Blue Bulls, einer professionellen Rugby-Mannschaft aus Pretoria. "This is my team", verkündet de Wet im Tonfall eines absoluten Fans.

Selbst wenn es beim Long Tom Marathon anfangs unentwegt bergauf geht, die Zeit sich ab und zu einmal umzudrehen und die Ausblicke zu genießen, sollte man sich nehmen

Freitag 30.03.2012, 16:05 Uhr - Lydenburg High School
Neben der normalen, auf der Vorderseite anzubringenden Startnummer befindet sich noch ein weiteres Papierstück im soeben erhaltenen Umschlag. Und dieses zeigt zwar auch eine Zahl, aber in einer ganz anderen Ziffernkombination. Es ist die "temporary licence", die jeder benötigt, der nicht Mitglied eines einheimischen Laufclubs ist. Bei der Anmeldung musste man entweder diesen angeben oder eben diese Tageslizenz anfordern.

Für sie werden beim Long Tom Marathon noch einmal zwanzig zusätzliche Rand fällig, was die Gesamtkosten bei Ausländern oder Nichtvereinsangehörigen auf zweihundert Rand anhebt. Und wie bei den Jahreslizenzen der Südafrikaner soll auch sie auf dem Rücken angebracht werden. Während hierzulande nur bei Meisterschaften gelegentlich einmal zwei - dann allerdings identische - Nummern verteilt werden, ist man am Kap dieses System absolut gewöhnt.

Samstag 31.03.2012, 7:30 Uhr - R37
Die Straße ist deutlich flacher geworden und führt nun sogar wieder leicht bergab. Die beiden Läufer mit Long Tom Logo erzählen über ihre Erfahrungen mit den Wetterverhältnissen am Pass während der vergangenen Rennen, als sie von den Bedenken während des nächtlichen Gewitters hören. Von zwischen ihnen einschlagenden Blitzen können sie zwar nicht berichten, doch eine Austragung habe von der ersten bis zur letzten Minute in strömendem Regen stattgefunden.

Insbesondere Rudolph de Wet hat mit seinen fünfzehn Long Tom Marathons in den Beinen natürlich einen breiten Schatz an Anekdoten parat. Einmal sei er an einem Verpflegungspunkt voll mit einem Helfer zusammen geknallt, weil der Nebel am Berg so dicht war, dass man nur wenige Meter weit habe sehen können.

Grant Roode schiebt nach, dass in einem anderen Jahr, der Wind einmal so über die Hochfläche gepfiffen haben, dass sich durch den Wind-Chill-Effekt die gefühlten Temperaturen unter den Nullpunkt abgesenkt hätten. Aber es hätte auch schon Rennen mit drückender Hitze gegeben, bei denen man nur von einer Wasserstelle zur nächsten gedacht habe.

Das Wetter in den Mpumalanga-Drakensbergen halte eben alle denkbaren Varianten parat und könne sich zudem sehr schnell ändern. "Wie fast überall in den Bergen", ließe sich da nur hinzufügen. Die Bedingungen zur Jubiläumsausgabe sind unter diesen Voraussetzungen nicht nur nach Meinung der beiden Lydenburger fast optimal.

Immer höher klettert die Passstraße über die Täler empor

Freitag 30.03.2012, 15:10 Uhr - R37
Vor einer roten Ampel stauen sich mehrere Autos. Es ist keineswegs eine Kreuzung, wegen der sie anhalten müssen. Vielmehr handelt es sich um eine Baustelle, an der die Straße nur einseitig befahrbar ist. Ein Stück von ihr ist nämlich - vermutlich nach einem starken Regenguss - den Hang hinunter gerutscht. Nun befindet sich dort, wo eigentlich der Verkehr über die zweite Spur rollen sollte, eine ziemlich unschön aussehende Abbruchkante.

Im Vergleich zu den übrigen Baustellen im Land ist der kaum hundert Meter lange beschädigte Abschnitt kaum der Rede wert. Ansonsten ziehen sie sich über viele Kilometer. Und da im abseits der städtischen Zentren extrem dünn besiedelten und verkehrstechnisch erschlossenen Südafrika Ausweichrouten absolute Mangelware sind, wird man dann mit Tafeln neben den meist von mehreren Arbeitern "bewachten" Ampelanlagen gelegentlich auch schon einmal auf Wartezeiten von eine Viertelstunde oder mehr eingestellt.

Nicht selten treten diese einspurig befahrbaren Abschnitte sogar in einer regelrechten Serie auf, wenn fünfzig oder hundert Kilometer - im Hinterland der absolut normale Abstand zwischen zwei Siedlungen - in einem Rutsch neu asphaltiert werden. Schnell hat man in solchen Fällen dann ein bis zwei Stunden auf die eigentlich erwartete Fahrzeit drauf gepackt.

Dagegen ist dieser abgerutschte Hang eigentlich vernachlässigbar. Seine Befestigung dürfte, so wie der anscheinend von einem überdimensionalen Raubtiermaul abgebissene Asphalt aussieht, allerdings dennoch ziemlich aufwendig werden.

Samstag 31.03.2012, 7:40 Uhr - R37
An die Phasen der Ampel müssen sich die Läufer natürlich nicht halten. Sie ist sogar ausgeschaltet. Der Posten, der um diese Stunde Dienst hat, findet so genug Zeit das vorbei eilende Feld mit aufmunternden Worten zu begrüßen. Das orientiert sich auch brav links der Hütchen, mit denen die brüchige Passage abgesichert ist. Längst ist es schließlich in viele kleine Grüppchen zerfallen, die auf der sicheren Hangseite mehr als genug Platz haben.

Im hellblauen Trikot der Carnival City Road Runners durchläuft Amos Rangata die Baustelle. Er ist ein absolutes und unübersehbares Original der südafrikanischen Szene. Denn bei allen Veranstaltungen ist er mit einer großen gelben Fahne mit dem Logo seines Lieblingsfußballclubs Kaizer Chiefs aus Soweto unterwegs. Auf dem Kopf trägt er dazu stets den passenden gelben Bauarbeiterhelm. Ein - wie seit den Weltmeisterschaften auch in Europa bekannt - in Südafrika fast unverzichtbares Fan-Utensil.

Die gute Laune, die er in diesem Moment ausstrahlt, könnte sich aber eventuell ändern, wenn man ihn auf den Tabellenstand des vermutlich mit Abstand beliebtesten Fußballclubs des Landes ansprechen würde. Denn beim Kampf um die Meisterschaft ist dieser in der aktuellen Saison bereits deutlich abgeschlagen. Den Titel werden wohl ausgerechnet der ebenfalls in Soweto beheimateten Erzrivalen Orlando Pirates und die Mamelodi Sundowns aus Pretoria unter sich ausmachen.

Zahlreiche Wasserfälle und Kaskaden lassen sich in der Region bewundern

Samstag 31.03.2012, 8:04 Uhr - Sportgelände der Lydenburg High School
Sicher ist es ein Bergabkurs, der vom Start bis zum Ziel rund achthundert Meter an Höhe verliert, und damit definitiv in keiner Bestenliste etwas zu suchen hat. Doch auch diesen Halbmarathon muss man erst einmal in 63:55 hinter sich bringen, wie es Brighton Chipere vom Team Mr Price soeben getan hat. Diese Firma, die in Südafrika ein dichtes Netz an Bekleidungsläden betreibt, unterhält auch einen der wichtigsten Profirennställe für die Rennen im Land.

Neben einheimischen Athleten hat man dabei hauptsächlich Sportler aus den Nachbarländern Zimbabwe oder Lesotho unter Vertrag. Aber auch einige europäische oder nordamerikanische Athleten werden insbesondere für die wichtigsten Wettkämpfe in die entsprechenden Farben gesteckt. So laufen die Nurgalieva-Zwillingsschwestern, die in den letzten Jahren die Siege bei diesen Veranstaltungen meist unter sich ausmachten bei ihrem Start am Kap im Rot der Textilkette.

Vielleicht größter diesbezüglicher Konkurrent ist das Nedbank, Läufer in den grünen Oberteilen des Finanzinstituts werden dann auch glatt die drei nächsten Plätze belegen. Innerhalb einer Minute kommen Collin Parura (64:14), Marshall Jaji (64:43) und Ntuthuko Maseko (65:07) praktisch in Sichtweite zum Sieger auf das Sportgelände. Erst Oupa Maseko als Fünfter wird dann mit 69:34 schon einen deutlichen Rückstand haben, aber immer noch unter siebzig Minuten bleiben.

Samstag 31.03.2012, 8:05 Uhr - R37
Deutlich zu früh taucht ein Schild mit der Aufschrift "Lydenburg 40" am Straßenrand auf. Denn noch ist nicht einmal Kilometer fünfzehn erreicht. Doch abgesehen von den ganz allgemeinen Problemen, eine Distanz in der Realität zu bestimmen - auch wenn die meisten Menschen glauben, das könne doch nicht so kompliziert sein, lässt sich nämlich theoretisch zeigen, dass dieser Wert gar nicht exakt zu ermitteln ist - sind südafrikanische Entfernungsangaben noch mit etwas mehr Vorsicht zu genießen.

Da kann man nämlich zwischen zwei Schildern an der Straße innerhalb weniger Minuten Fahrt durchaus schon einmal volle zwanzig Kilometer verlieren. Der umgekehrte Fall, bei dem der eigene Tacho eine deutlich größere zurück gelegte Entfernung anzeigt als die Markierungen, ist natürlich ebenfalls denkbar.

Noch immer führt das Asphaltband weitgehend eben und meist sogar leicht bergab dahin. Allerdings ist am Ende der langen Gerade bereits die nächste Steigung zu erkennen, mit der das Ende der kleinen Erholungsphase erreicht ist. Durch die genau auf sie zu führende Straße wirkt sie zwar eventuell noch ein bisschen bedrohlicher als sie es in Wahrheit ist. Doch auch bei objektiverer Betrachtung wird es von nun an wieder deutlich kräftezehrender weiter gehen.

Bald hat sich das siebenhundertköpfige Läuferfeld weit auseinander gezogen, einsam wird es im Mittelfeld allerdings nie Rudolph de Wet und Grant Roode (in der Mitte) haben den Long Tom nicht nur als Logo auf dem Trikot, ihr Verein aus Lydenburg ist auch nach der Kanone benannt

Samstag 31.03.2012, 8:15 Uhr - R37
Statt die wärmenden Sonnenstahlen zu genießen, müssen sich die Läufer auf einmal mit über den Berg und mitten durchs Feld ziehenden Nebelschwaden abfinden. So ganz unrecht hatte Rudolph de Wet also nicht mit seinen Erzählungen. Aber angesichts der Befürchtungen das heftige Gewitter der Nacht könnte auch tagsüber seine Forstsetzung finden, stellt das dann doch eher eine Lappalie dar.

Eine Randnotiz wert ist das Wetterphänomen allerdings auf jeden Fall. Schon alleine wegen der faszinierenden Beobachtungen, die man machen kann, wenn die Ultramarathonis, ein Stück weiter vorne, an denen man sich doch gerade noch orientiert hat, urplötzlich im Nebel verschwunden sind, nur um wenige hundert Meter später, nachdem man selbst die nahezu blickdichte Wand durchquert hat, wieder aufzutauchen.

Samstag 31.03.2012, 8:25 Uhr - R37
Der Läufer im roten Trikot lässt seinen Blick über das immer tiefer unten liegende Tal schweifen. Das sei schon eine wirklich phantastische Strecke meint Vusumuzi Chiloane. Erstaunt ist er allerdings keineswegs darüber, denn er kennt die Gegend ziemlich gut. Schließlich stammt er aus dem nur etwa fünfzig Kilometer vom Startort Sabie entfernten White River und startet für den dortigen Club "Legogote Villagers".

Und das von der Größe her mit Sabie und Lydenburg vergleichbare Städtchen liegt wie diese im Bereich der Mpumalanga-Drakensberge, die als eine der eindrucksvollsten Landschaften Südafrikas gelten. Zwar ragen sie nicht ganz so hoch und dramatisch auf wie ihre südlichen Namensvettern in KwaZulu-Natal. Doch Höhen von deutlich über zweitausend Meter werden von ihnen trotzdem beileibe nicht nur am Long Tom Pass erreicht.

Bis zu tausend Meter stürzt das Gebirge zum ganz im Osten Südafrikas gelegenen Tiefland mit dem berühmten Krüger National Park ab. Und insbesondere rund um den riesigen Blyde River Canyon ein Stück nördlich finden sich immer wieder spektakuläre Aussichtspunkte. Nicht umsonst hat die Provinzverwaltung die entlang des Abbruchs entlang führende Straße als "Panorama Route" ausgeschildert. Auch deren Verlängerung über den Long Tom Pass ist entsprechend markiert.

Schroffe Felsformationen und die zumindest für südafrikanische Verhältnisse recht ergiebigen Niederschläge sorgen in der Region zudem für zahlreiche Wasserfälle. Immer wieder stößt man insbesondere auf den Straßen rund um Sabie auf Schilder, die den Weg zu einer weiteren eindrucksvollen Kaskade markieren. Manche Flüsse der Umgebung haben zudem an einigen Stellen tiefe Strudeltöpfe heraus gebildet. Die Natur hat im mittleren Mpumalanga ihrer Fantasie jedenfalls ziemlich freien Lauf gelassen.

An den Bourke's Luck Potholes haben Wasser und Geröll beeindruckende Strudeltöpfe geschaffen

Samstag 31.03.2012, 8:27 Uhr - Sportgelände der Lydenburg High School
Soeben ist nach 1:27:03 mit Nontokozo Dlamini die Fünfte im Frauenhalbmarathon ins Ziel gekommen. Auch ihre Trikotfarbe ist das hellgrün der Nedbank, die in der Laufszene nicht nur als Sponsor für Eliteathleten sondern auch in der Breite aktiv ist. So unterhält man in praktisch jeder Provinz den einen oder mehrere Clubs für Läufer jeder Leistungsklasse.

Und wer auf der Suche nach Terminen in Südafrika ist kommt nur schwer um die Internetseite www.runnersguide.co.za herum, deren Kopfzeile unverkennbar das Logo der Bank ziert. Auch der bei vielen Veranstaltungen im Land verteilte gedruckte Laufkalender wird von ihr finanziert. Und beim Comrades ist man einer der wichtigsten Sponsoren. Die zu dessen fünfundachtzigstem Jubiläum 2010 verteilte, natürlich grüne Laufmütze ist bei südafrikanischen Rennen auch weiterhin die mit Abstand häufigste Kopfbedeckung.

Dennoch legt man natürlich auch Wert auf Siege. Und so dürfte es die Verantwortlichen durchaus ärgern, dass auch bei den Damen der erste Platz im Halbmarathon knapp an Mr Price gegangen war. Durchaus beachtliche 1:15:35 hatte Muchaneta Gwata aus Zimbabwe hingelegt. Doch sie hatte diese Zeit auch hinlegen müssen, denn die Nedbank-Athletin Lizzy Chokore war ihr nur mit zehn Sekunden Rückstand auf den Fersen.

Bis mit Linah Mhlongo (1:25:20) und Winele Mnisi (1:25:58) die nächsten beiden Plätze besetzt waren, mussten die Zeitnehmer dann aber doch zehn Minuten warten. Wenig überraschend ist in Südafrika die Dichte im Frauenbereich ebenfalls deutlich geringer.

Samstag 31.03.2012, 8:50 Uhr - R37 bei Devil's Knuckles
Vusumuzi Chiloane hat das mitgeführte Mobiltelefon - den so Englisch klingenden Begriff "Handy" versteht außerhalb des deutschen Sprachraumes niemand - heraus gekramt, weil es geklingelt hat. Und nun plappert er munter in einer Sprache drauf los, die für einen Besucher aus dem fernen Europa absolut nicht zuzuordnen ist.

Das Telefonieren fällt in dem nach einer Felsformation benannten Streckenabschnitt nicht unbedingt schwer, schließlich geht es wieder einmal spürbar bergan. Und spätestens ab dem Mittelfeld wird diese Stelle von den meisten - schon allein um die Kräfte für die noch kommenden Kilometer und Höhenmeter ein wenig einzuteilen - marschierend bewältigt.

Welche der insgesamt elf verschiedenen Nationalsprachen das denn gewesen sein? Der Tipp "Ndebele" - eine eher im Nordosten des Landes beheimatete Ethnie - liegt jedenfalls daneben. Nein, nein antwortet Chiloane. Es sei Swazi gewesen, das ebenfalls in der Region, hauptsächlich aber im benachbarten Swaziland benutzt wird.

Eigentlich wäre die Eigenbezeichnung für die Sprache "SiSwati" gewesen. Doch der Einfachheit halber belässt man es meist beim Nennen der Volksgruppe. Auch die nach dem Ende der Apartheid neu gebildete Provinz "Mpumalanga" trägt einen Namen aus dem SiSwati. Recht passend für einen östlichen Landesteil bedeutet er nichts anderes als "Ort, an dem die Sonne aufgeht."

Die Zahl der SiSwati-Sprecher in Südafrika ist allerdings im Vergleich zu einigen anderen Sprachen eher überschaubar. Sie beläuft sich nur auf ungefähr eine Million, während zum Beispiel isiZulu rund zehnmal so vielen Menschen als Muttersprache dient. Wegen der vielen Radiosendungen in Zulu könnten es zudem viele andere zum Teil verstehen, erklärt Chiloane. Wer neben Englisch deshalb ein bisschen Zulu beherrsche, käme in Südafrika nun wirklich nahezu überall problemlos durch.

Kopje nennt man in Südafrika die an einen chinesischen Kegelhut erinnernde Bergform, unterhalb eines ihrer Vertreter ist die zweite von zweiundzwanzig Verpflegungsstellen aufgebaut

Samstag 31.03.2012, 8:55 Uhr - R37 vor Long Tom Cannon
Natürlich kennt Vusumuzi Chiloane die Kanone auf der Anhöhe, der man gerade entgegen marschiert. Schließlich ist er schon etliche Male über diesen Pass hinweg und damit an ihr vorbei gefahren. Doch wirklich intensiver damit beschäftigt, was sie dort oben überhaupt soll, habe er sich noch nicht.

Sicher habe er schon einiges vom Burenkrieg gehört - er als Angehöriger des Swazi-Volkes nennt ihn ganz neutral "Anglo-Boer-War" - aber, dass dieses alte Geschütz damit in Verbindung stehe, sei ihm nicht unbedingt klar gewesen. Und dass diese Position der letzte Einsatzort der Long Toms im Gefecht gewesen sei, schon gar nicht.

Eine Diskussion über Kriege, Frieden und politische Umwälzungen schließt sich an. Der Zusammenbruch des Ostblocks in Europa ist das Thema. Und auch der dramatische Wandel, den Südafrika vor gerade einmal zwei Jahrzehnten erlebt hat.

Wer sich Fernsehbilder aus jener Zeit ansieht, in der sich die lange aufgestaute Wut über das Apartheidregime in Gewalt entlud und die verschiedenen Bevölkerungsgruppen kurz davor standen, in einem Bürgerkrieg aufeinander loszugehen, kann sich nur wundern, wie friedlich und halbwegs harmonisch der Übergang am Ende dann doch vonstatten ging und sich das Zusammenleben trotz der selbstverständlich existierenden großen sozialen Kluft inzwischen gestaltet.

Samstag 31.03.2012, 9:00 Uhr - R37 bei Long Tom Cannon
Ziemlich genau mit der Halbmarathonmarke wird der erste Höhepunkt der Strecke erreicht. Und zwar nicht nur wegen der markanten Landmarke der Long Tom Kanone sondern tatsächlich auch im Profil. Denn hinter dem Geschütz, das dem Pass den Namen gegeben hat, führt die Straße erst einmal länger und spürbar bergab. Rund hundert der gerade erst so mühsam gewonnenen Höhenmeter gehen dabei gleich wieder verloren.

Aus Gehern werden auf einmal wieder Läufer. Und die Zwischenzeiten, die man an den sorgsam am Straßenrand markierten, aber aufgrund ihrer Form - ein Sponsor, eine Immobilienmaklerfirma,
hat Gestelle bereit gestellt, an denen sonst Tafeln mit der Aufschrift "for sale" baumeln - nicht immer gut sichtbaren Kilometerschildern, nimmt sind mit einem Schlag gleich um mehrere Minuten schneller.

Irgendwann zwingt der Berg zum Marschieren, doch dadurch bleibt auch Zeit, die Landschaft zu bewundern

Samstag 31.03.2012, 9:10 Uhr - R37 vor Misty Mountain
Es überrascht irgendwie überhaupt nicht, als Vusumuzi Chiloane beim flotten Bergablaufen erwähnt, dass er sich mit dem Long Tom Marathon auf den Comrades vorbereiten will. Bereits zweimal sei er in den letzten Jahren beim für die südafrikanische Laufszene so wichtigen Rennen dabei gewesen. Nun wäre er zum dritten Mal gemeldet.

Beide Male kam er erst kurz vor dem Cut-off von zwölf Stunden ins Ziel. Allerdings laufe er auch erst seit drei Jahren. Lange gewartet hat Chiloane nach seinem Einstieg also nicht mit dem Herangehen an die ganz langen Distanzen. Eine am Kap, wo der Comrades Marathon einfach alles überstrahlt, keineswegs unübliche Karriere.

"Weshalb bleibst du eigentlich nicht bis zum Comrades?" Nun ja, bis dahin wären es doch noch mehr als zwei Monate. Und dem Arbeitgeber würde das vielleicht nicht ganz so gut gefallen. Dieses Jahr also sicher nicht, aber irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft stünde er sicher wieder auf der Liste, bekommt Chiloane zu hören. Eine Antwort, die ihm durchaus gefällt.

Vor der kleinen, mitten im Nirgendwo gelegenen Hotelsiedlung mit Namen "Misty Mountain" ist die nächste Verpflegungsstelle aufgebaut. Statt einzelner Zimmer in einem einzigen großen Haus kann man dort wie an vielen Orten in Südafrika sogenannte "Chalets" anmieten. Allerdings fallen diese Häuschen und Hütten dann doch meist deutlich kleiner aus als die gleichnamigen Ferienhäuser in den Alpen.

Am eigentlich in einer Senke liegenden "Nebelberg" endet das so angenehm zu laufende Gefälle. Und direkt dahinter beginnt - wie man aufgrund der wieder in einer langen Gerade verlaufenden Straße schon lange im Voraus sehen konnte - augenblicklich der Gegenanstieg. Wirklich flach ist kaum ein Meter dieser in vieler Hinsicht heraus ragenden Strecke.

Nach etwa zehn Kilometern erlaubt eine Bergabpassage wieder deutlich zügigeres Laufen

Samstag 31.03.2012, 9:35 Uhr - R37 hinter Misty Mountain
Colin White ist angesichts der vor ihm aufragenden Steigung in den Gehschritt gefallen. In einem weiten Innenbogen zieht sich die Straße vorbei an einem Waldgebiet, dem man unzweifelhaft ansieht, dass es nicht natürlichen Ursprungs ist - rund um Sabie liegen die größten forstwirtschaftlich genutzten Flächen Südafrikas - ohne erkennbares Flachstück den Hang hinauf. Rund zehn Kilometer wird die Strecke von nun an praktisch ohne Unterbrechung bergan führen.

Er startet für die "Wanderers" aus Johannesburg - mit mehr als hundertzwanzigjähriger Geschichte einer der ältesten Sportvereine Südafrikas - und wohnt inzwischen auch in der wichtigsten Wirtschaftsmetropole des Landes. Doch ursprünglich stamme er aus Pietermaritzburg in KwaZulu-Natal. Ein Name, bei dem Läufer am Kap sofort die Ohren spitzten. Schließlich wird dort jedes Jahr der Comrades Marathon entweder gestartet oder beendet.

Allerdings gibt White fast schon ein wenig beschämt zu, dass er bisher noch nie bei diesem bedeutendsten Ultralauf weltweit dabei war. Er habe während des Rennens, das praktisch vor seiner Haustür stattfand, nicht einmal zugesehen. Das Laufen sei für ihn zu dieser Zeit ziemlich uninteressant gewesen. Erst in Johannesburg habe er dann seine Begeisterung für diese Sportart entdeckt.

In diesem Jahr will Colin White das Versäumte nun aber endlich nachholen. Die Meldung für den Comrades ist längst abgeschickt. Das war allerdings auch nötig. Schließlich ist der Lauf wie immer bereits seit dem vergangenen Herbst vollkommen ausgebucht. Genau wie so viele andere, die in Sabie an die Linie getreten sind, will er - man ahnt es beinahe schon - mit dem Long Tom Marathon jetzt ein markantes Ausrufezeichen in seinem Vorbereitungsprogramm auf den Saisonhöhepunkt setzen.

Beim Bergaufgehen bleibt ein wenig Zeit zum gegenseitiges Fotografieren Amos Rangata, stets mit Fahne und Helm des Fußballklubs Kaizer Chiefs unterwegs, ist ein echtes Original der südafrikanischen Laufszene Der regelmäßige Wechsel aus Laufen und Gehen wird irgendwann zum normalen Rhythmus

Samstag 31.03.2012, 9:40 Uhr - R37 hinter Misty Mountain
Die Straße verschwindet mit einer weiten, stetig bergan führenden Rechtskurve in einem Eukalyptuswäldchen. Colin White führt das Gespräch beim gemeinsamen Marschieren weiter. Eigentlich sei er auch für den Two Oceans gemeldet gewesen, berichtet der Neu-Johannesburger, als er vom geplanten Start bei diesem zweiten Ultra innerhalb einer Woche erfährt. Und schon zweimal hätte er die sechsundfünfzig Kilometer in Kapstadt bewältigt.

Doch wegen einer Verletzung habe er diesmal im vorgegebenen Zeitraum von September bis März keine Qualifikationsnorm erbringen können. Wer nicht mindestens einen Marathon in weniger als fünf Stunden bewältigt hat, erhält nämlich keine Startberechtigung. Da sein Quartier am Kap der Guten Hoffnung längst gebucht sei, denkt White nun darüber nach, ob er vielleicht noch irgendwo eine Halbmarathon-Startnummer her bekommen könnte.

Beim Long Tom darf man dagegen wie fast überall auch ohne Vorleistung antreten. Also hat der Dreißigjährige auf das Rennen über den Pass in Mpumalanga umgeschwenkt. Und wenn er ihn in weniger als sieben Stunden bewältigt, hätte er sich zudem auch seine noch fehlende Zulassung für den Comrades endgültig gesichert. Schließlich muss man in Whites alter Heimat ja ebenfalls eine "qualifying time" angeben.

Wirklich näher kommt das Ziel trotz der schon bewältigten Strecke und Höhenmeter erst einmal nicht

Samstag 31.03.2012, 9:50 Uhr - R37 am Fuß der Staircase
"Komm, wir traben mal wieder an". Colin White versucht sich und seinen Begleiter auf einem etwas flacheren Abschnitt der Steigung zu motivieren. Leicht ist das zwar nicht gerade. Denn natürlich geht es immer noch sichtlich bergauf. Doch bevor es in dem nicht ganz unpassend "Treppe" genannten richtig steil wird, kann man ja noch einmal versuchen, im Laufschritt ein bisschen Zeit gut zu machen.

Als Zwischenziel hat White fürs erste ein Verkehrschild festgelegt, das in zwei- bis dreihundert Metern Distanz zu entdecken war. Und prompt wird genau in dem Moment, in dem man es erreicht hat, auch wieder marschiert. Wenn man das Verfahren allerdings ein paar Mal wiederholt, kommt man spürbar voran, ohne sich gar zu sehr zu verausgaben. Vermutlich weder schön noch glorreich aber bei einer solchen Strecke eben doch recht zweckmäßig.

Samstag 31.03.2012, 9:58 Uhr - Sportgelände der Lydenburg High School
Leboko Noto biegt auf die Zielgerade von Lydenburg ein. Während die meisten Läufer sich noch im Anstieg zum höchsten Punkt der Passstraße befinden, hat er die sechsundfünfzig Kilometer bereits hinter sich gebracht. Es ist nicht sein erster Erfolg beim Long Tom Marathon. Schon mehrfach war er ganz vorne. Zuletzt stand Noto im Jahr 2007 ganz oben. Bei den letzten drei Austragungen landete er jeweils auf Platz drei.

Während er dabei das Trikot von Mr Price trug, gewinnt er die Jubiläumsauflage im hellgrün des Nedbank Running Clubs, zu dem der Einundvierzigjährige inzwischen gewechselt ist. Den neuen Sponsor wird es freuen. Während sich die rote Konkurrenz mit den Halbmarathonsiegern schmückt, geht der Ultra in 3:43:41 an eine Athleten in den "colours" des Finanzinstitutes.

Mit Sipho Ncube, der 3:56:58 erzielen wird, stellt man dazu auch noch den Dritten. Dazwischen schiebt sich mit 3:47:10 Rufus Photo aus der Stadt, die früher Pietersburg hieß und im Zuge der nationalen Umbenennungswelle jetzt den Namen Polokwane trägt. Mit Judas Ntuli (3:58:49) und dem - zumindest aus europäischer Sicht - mit ziemlich ungewöhnlichen Vornamen ausgestatteten Surprise Mokofane (3:59:22) werden noch zwei weitere Läufer unter vier Stunden bleiben.

Innerhalb weniger Minuten ist man von strahlendem Sonnenschein mitten in eine Nebelbank hinein gelaufen

Samstag 31.03.2012, 10:05 Uhr - R37 in der Staircase
Der Blick von Colin White geht nach oben. Und wirklich zufrieden sehen seine Gesichtszüge dabei keineswegs aus. Denn ein- bis zweihundert Meter höher am Berg lassen sich immer wieder einmal Teile des Asphaltbandes erkennen, das diesen Hang in etlichen Kurven und Kehren überwindet. "Müssen wir da rauf?" Die Frage ist eher rhetorisch zu verstehen. Denn die sich dort langsam bewegenden bunten Punkte geben bereits eine eindeutige Antwort.

Dabei ist der erste Teil dieses letzten, längsten und schwersten Anstieges hinauf zum Scheitelpunkt schon bewältigt. Doch in diesem Abschnitt gewinnt man eben innerhalb kürzester Zeit deutlich an Höhe. Um dreihundert Meter zu überwinden, benötigt die Passstraße nur wenig mehr als vier Kilometer. Und längst befindet man sich zudem in Bereichen, in denen anderswo Höhentrainingslager abgehalten werden. Die Luft ist also ziemlich dünn.

So heftig habe er sich diese Steigung nun doch nicht vorgestellt, gesteht White. Zwar seien er und ein paar Sportfreunde die Straße auf dem Weg zu ihrem Quartier in Sabie bereits am Vortag in umgekehrter Richtung gefahren. Da sie aber erst am späten Abend angekommen wären, hätten sie die Strecke bisher nur im Dunkeln erlebt. Nun würde er erstmals wirklich sehen, wie hoch es da noch hinauf ginge.

Die Long Tom Kanone ist auch topographisch der erste Höhepunkt der mit Steigungen gespickten Strecke

Samstag 31.03.2012, 10:10 Uhr - R37 in der Staircase
Noch einmal holt der Namensgeber des Rennens die Läufer ein. Denn am Straßenrand ist auf einem jener braunen Schilder, die überall auf der Welt Sehenswürdigkeiten ankündigen, "Long Tom shell hole" zu lesen. Mit dem Auto sollte man dieser Beschilderung allerdings auf keinen Fall folgen. Denn die Spitze des Pfeils zeigt genau auf eine Felswand.

Dort ist also das Einschussloch der Granate - auch diese Bedeutung hat "shell" nämlich - zu finden. Doch sieht man eben - wie ja eigentlich zu erwarten war - nicht viel mehr als eine Aushöhlung im Gestein. Man kann es als Mosaiksteinchen der südafrikanischen Geschichte zur Kenntnis nehmen, bestaunen muss man es aber nicht unbedingt.

Samstag 31.03.2012, 10:14 Uhr - R37 in der Staircase
Ein wenig leidet man auf der Straße nach "Leidenburg" inzwischen schon. Denn der Anstieg will einfach nicht aufhören. Nach jeder Kurve, hinter der man auf ein leichtes Abflachen der Strecke gehofft hatte, geht es genauso steil wie davor weiter. Zumindest kann man nicht den kompletten Anstieg einsehen, um nicht noch weiter demoralisiert zu werden.

Das nächste braune Schild, das in einer Haarnadelkurve hinunter ins Tal zeigt sorgt für ziemliches Erstaunen. "Old Harbour Road" steht da nämlich. Und darunter zusätzlich auf Afrikaans auch noch "Ou Hawepad". Doch befindet man sich gerade mitten im Gebirge auf etwa zweitausend Meter über dem selbst in Luftlinie noch mehrere hundert Kilometer entfernten Meer. Einen Hafen gibt es in dieser Gegend nun wirklich weit und breit nicht.

Colin White kennt die Antwort auf das Rätsel. Es handele sich um die frühere Straße nach Maputo in Mozambique, das diesem Teil des Landes deutlich näher sei als alle südafrikanischen Hafenstädte, erklärt er. Selbst Johannesburg und Pretoria wären zum Teil über diesen Weg versorgt worden.

Insbesondere für die Zeit vor dem Einsatz der Long Tom Kanone erscheint das sogar ziemlich logisch. Und vielleicht waren die Geschütze sogar genau über diesen Weg nach Südafrika gekommen. Schließlich beherrschten die Briten die gesamte Küstenlinie Südafrikas während die beiden Burenrepubliken Binnenländer ohne Zugang zum Ozean waren. Und das Empire dürfte während der schon schwelenden Krise kaum Interesse an Waffenlieferungen für den Rivalen gehabt haben.

Hinter dem Geschütz geht es erst einmal ein ganzes Stück bergab, doch bald beginnt schon der nächste Anstieg

Samstag 31.03.2012, 10:15 Uhr - R37 in der Staircase
Jetzt ist auch Colin White ratlos. "Die Geut" steht nur wenige Schritte später auf der nächsten Tafel. Und diesmal fehlt die englische Übersetzung. Ein wenig Afrikaans beherrsche er schon, meint White. Aber in diesem Fall sei er völlig überfragt. Er habe nicht die geringste Ahnung, was der Begriff bedeuten solle.

Spätere Recherche zeigt, dass er sich ungefähr mit "die Rinne" übersetzen lässt. Und das ist eigentlich nicht die schlechteste Umschreibung für jenen engen und ziemlich steilen Einschnitt, der da auf der linken Seite der Straße hinunter ins Tal strebt. Wirklich schroff ist das Gelände allerdings nur in solchen einzelnen Felsformationen. Ansonsten haben sich die runden Hügel einfach nur in immer größere Höhen aufgeschaukelt. So wie man sich in Europa ein Hochgebirge vorstellt, sieht es in Mpumalanga jedenfalls nicht aus.

Samstag 31.03.2012, 15:20 Uhr - R37 in der Staircase
Beim Blick aus dem Fenster des Gelenkbusses, der sich mühsam um eine der engsten Kurven der Passstraße quält, hat jemand eine Horde Paviane entdeckt, die sich ausgerechnet in diesem extrem steilen Gelände verteilt hat. Jetzt werden sie von Dutzenden von auf der richtigen Seite sitzenden Läufern beobachtet.

Völlig ungewöhnlich sind diese "Baboons" keineswegs. Gerade wenn die Straße etwas höher ansteigt muss man hinter jeder Biegung damit rechnen, dass sie plötzlich sogar mitten auf dem Asphalt sitzen. Doch sind sie auch nicht so häufig, dass man nun gelangweilt wegsehen würde, wenn sie irgendwo auftauchen.

Dass man ihnen nicht während des Rennens begegnet ist, dürfte aber kaum jemanden im Bus nicht erleichtern. Die weit über einen Meter langen und bis zu dreißig Kilogramm schweren Tiere sind nämlich keineswegs nur harmlose Äffchen. Mit ihren mehrere Zentimeter langen Eckzähnen, die genauso groß wie die von Löwen ausfallen, können sie auch Menschen erhebliche Verletzungen zufügen.

Doch manchen im Bus wird auch erst in diesem Moment klar, wie viel Höhe, sie in dieser Passage tatsächlich überwunden haben, als sie zu den Bärenpavianen hinaus blicken. Denn die zur Bewältigung des Höhenunterschiedes in Serpentinen verlaufende Straße ist gleich mehrfach und auf verschiedenen Ebenen noch ziemlich weit unten sichtbar.

In Serpentinen beginnt sich die Straße immer weiter nach oben zu winden

Samstag 31.03.2012, 10:30 Uhr - R37 hinter der Staircase
Die letzte der engen Kehren ist bewältigt und das Asphaltband legt sich nun wieder in einem langgezogenen, weit einsehbaren Bogen an den Hang. Die Wälder sind mit zunehmender Höhe mehr und mehr Grasland gewichen, das mit verschiedensten Farbschattierungen zwischen verbrannt wirkendem Gelb und sattem Grün aufwartet. Auch in die andere Richtung versperrt nun keine Kuppe mehr die Sicht und so ist es wenig verwunderlich, dass an dieser Stelle ein "View Point", ein "Uitsigpunt" ausgeschildert ist.

Weit zurück ins Tal reicht der Blick über grüne Hügel und man glaubt in der Ferne den Startort Sabie erahnen zu können. Hundert Meter unterhalb lassen sich in einer der schon bewältigten Serpentinen weitere Läufer entdecken, die diesen Anstieg noch vor sich haben. Nirgendwo sonst beim Long Tom Marathon gibt die Strecke solche spektakulären Aussichten auf den Straßenverlauf her.

Da die Steigungsprozente in diesem Augenblick gerade ein wenig kleiner ausfallen, schlägt Colin White wieder einmal ein Laufintervall bis zu einem Verkehrsschild vor. "Bis dort vorne" deutet er mit dem Finger an. Die Motivationsmethode funktioniert auch nach einer längeren Gehphase noch und zu zweit trabt man an.

Doch an der schon kurz darauf passierten nächsten Tafel, trippelt White noch immer bergan. Dieses Schild habe er doch gar nicht gemeint, sondern das in der leichten Kurve weiter vorne, die noch lange nicht erreicht ist. Ein Missverständnis, das dazu führt, dass er erst einmal alleine weiter laufen darf. So viel leiden, um auch die nächsten mehreren hundert Meter in seinem Tempo mitzugehen, muss man auf dem Weg nach Lydenburg dann doch nicht.

Kurvig ist die Strecke in diesem Abschnitt definitiv

Samstag 31.03.2012, 10:50 Uhr - R37 bei Hops Hollow
Der Läufer im roten Dress von White River ist begeistert vom Ausblick, der sich ihm bietet. Das sei schon ein wirklich spektakulärer Kurs stellt Vusumuzi Chiloane fest und erntet dafür nicht den geringsten Widerspruch. Noch immer windet sich die Straße am Hang entlang dem höchsten Punkt entgegen. Und immer mehr Kuppen tauchen im Blickfeld der Läufer auf.

Zeit, ein bisschen die Aussicht zu genießen, haben die meisten. Denn auch weiterhin besteht die bevorzugte Fortbewegung aus nur von einigen Laufpassagen unterbrochenem längeren Gehen. Die Steigung alleine wäre mit frischen Beinen eine durchaus zu bewältigendes Aufgabe. Doch in Kombination mit den schon bewältigten Streckenmetern und Anstiegen sowie der Höhenlage wird sie zu einem weitaus größerem Problem.

Immerhin hat Vusumuzi Chiloane noch genug Kraft, beide Hände nach oben zu nehmen, um mit erhobenen Zeigefingern zu signalisieren, dass er trotz aller Anstrengung zuversichtlich auf den noch kommenden Streckenabschnitt geht.

Samstag 31.03.2012, 11:05 Uhr - R37 am Mauchsberg
Er wäre "happy when I see the sign Mauchsberg" hatte Colin White im Anstieg gemeint. Denn der höchste Punkt der Straße ist nach dem deutschen Afrikaforscher Karl Mauch benannt, der die Region im neunzehnten Jahrhundert eingehend erforscht hatte. Nun ist das Schild am Straßenrand tatsächlich aufgetaucht und daneben eine weiteres, dass den "hoogste punt van pad" ankündigt.

White ist nach fünfunddreißig absolvierten Kilometern oben angekommen. Doch einen Pass stellt man sich irgendwie anders vor. Denn von noch wesentlich höheren Bergen, zwischen denen es einen niedrigeren Durchlass gibt, ist nichts zu sehen. Viel höher als auf diese weite, steinige Hochfläche, geht es auch neben der Straße nirgendwo hinauf.

Ein kalter Wind pfeift über die wellige Ebene. Und schon seit einiger Zeit bedecken Wolken den Himmel. Noch ist das nicht allzu unangenehm. Die Temperaturen bewegen sich wohl noch immer im zweistelligen Bereich. Und ein wenig Kühlung kann nach dem langen Anstieg vielleicht gar nicht schaden. Doch den Helfern am direkt neben den Schildern aufgebauten Verpflegungsstand werden die Wasserbeutel nicht unbedingt aus den Händen gerissen.

Doch auch nachdem man die Kehren hinter sich gelassen hat, ist der höchste Punkt noch lange nicht erreicht Vusumuzi Chiloane hat nach über dreißig Kilometern noch viel Spaß und Zuversicht

Samstag 31.03.2012, 11:10 Uhr - R37 hinter Mauchsberg
Innerhalb eines Kilometers sind rund fünfzig Höhenmeter verloren gegangen. Die Straße hat in eine Senke hinunter geführt, in der es schon wieder zu Trinken gibt. Zum Ende wird das Netz der Versorgungsposten noch einmal deutlich dichter. Viel weiter als zwei Kilometer muss man nicht mehr laufen, um den nächsten zu erreichen.

Schon die Verwendung des Wortes "Senke" zeigt, dass die Läufer mit der Überquerung des Mauchsbergs noch lange nicht die letzte Steigung bewältigt haben. Bereits von oben konnte man in dem weit einsehbaren Gelände jenseits des Gefälles den im direkten Anschluss dahinter folgenden Anstieg erkennen.

Samstag 31.03.2012, 11:19 Uhr - Sportgelände der Lydenburg High School
"Soll Mr Price sich doch über die Halbmarathon-Siege freuen", werden sich die Verantwortlichen bei Nedbank vielleicht später denken, "die wichtigeren Erfolge gehen an uns". Denn Jennifer Koech, die nach 5:04:26 als Führende im Frauenrennen das Sportgelände erreicht, trägt ebenfalls die Farben des Bankteams. Vier Minuten beträgt ihr Vorsprung vor Stephanie Hurry vom Rand Athletic Club, die mit 5:08:30 Platz zwei belegen wird.

Auf Rang drei wird dann ein für die Südafrikaner ziemlich ungewohntes Team auftauchen. Hinter Gillian Corleys Namen und der Zeit 5:12:27 wird nämlich "Peace Corps" stehen, eine amerikanische Entwicklungshilfe-Organisation, die junge Freiwillige ins Ausland schickt, um deren Horizont zu erweitern. Mehr als zwanzig dieser Amerikaner sind beim Long Tom dabei, die meisten allerdings nur auf der Halbmarathondistanz.

Mit Prisilla Mamba-Dlamini vom Toyota-Team in 5:14:52 und der ebenfalls für die Nedbank startenden Caroline Yetman in 5:19:51 werden die nächsten Plätze dann aber wieder an Südafrikaner gehen.

Colin White sieht das Schild "Mauchsberg" und ist froh den Scheitelpunkt erreicht zu haben Bis auf 2150 ist man an der höchsten Stelle der Passstraße hinauf geklettert Doch nach einem "echten" Pass sieht die weite Hochfläche nicht aus

Samstag 31.03.2012, 11:20 Uhr - R37, Potato Farms
Unter "Potato Farms" firmiert der Abschnitt hinter der kaum niedriger als der Mauchsberg ausgefallenen Kuppe im Streckenplan. Und tatsächlich scheint die landwirtschaftliche Nutzung der Lydenburger Seite des Passes deutlich ausgeprägter zu sein. Weite Nadelwälder wie rund um Sabie sieht man dagegen kaum noch. Höchstens einige Büsche und kleine Baumgruppen lassen sich am Straßenrand entdecken.

Noch immer ist man oberhalb der Zweitausend-Meter-Marke, aber diesmal führt die Straße deutlich länger bergab als nach dem höchsten Punkt. Und selbst wenn Lydenburg noch nicht zu sehen ist. kann man anhand der Geländeformen langsam auch vermuten, wo das Rennen in rund siebzehn Kilometern zu Ende gehen wird.

Samstag 31.03.2012, 11:40 Uhr - R37
Das anfangs eher leichte Gefälle hat in seinen Prozentzahlen deutlich zugelegt, als es auf die Marathonmarke zugeht. Mit viel Schwung kann man es in Angriff nehmen, denn so steil, dass man auf ihr bremsen müsste, ist diese Passage andererseits auch nicht. Rund vier Kilometer führt die Straße ununterbrochen bergab und verliert dabei fast dreihundert Meter an Höhe. Aber weiterhin bewegt man sich auf knapp neunzehnhundert Metern, also über fünfhundert Meter oberhalb des Zielortes.

Auf den Kilometern hinter dem Mauchsberg geht es noch ein ganzes Stück auf und ab

Samstag 31.03.2012, 12:05 Uhr - R37
Noch einmal wird das Gefälle unterbrochen. Zwischen den Kilometermarken mit den Aufschriften "43" und "44" beginnt erneut eine Gegensteigung - abgesehen von einer Eisenbahnunterführung in Lydenburg wird es wirklich die letzte sein - und bricht den gerade so schön gefundenen Rhythmus. Ein weiteres Mal werden die meisten der Läufer von ihr zurück ins Wandertempo gezwungen.

Auf der Kuppe sind die Luftballons einer weiteren Verpflegungsstelle sichtbar und geben als nächstes Zwischenziel dann doch einen kleinen Motivationsschub. Schon unten am Fuß des Anstiegs konnte man Getränke fassen. Nur eineinhalb Kilometer aber mehrere Dutzend Höhenmeter liegen zwischen den beiden.

Samstag 31.03.2012, 12:15 Uhr - R37 vor Lydenburg
Bei den Ballons, an denen die Läufer begeistert empfangen werden, hat sich zum ersten Mal ein Blick auf das Tal von Lydenburg aufgetan. Und nun beginnt auch tatsächlich der schon seit längerem erwartete Abstieg. Noch gut zehn Kilometer fehlen für die zu bewältigenden sechsundfünfzig und nun sind es wieder fast sechshundert Höhenmeter, die man nach unten muss.

Das Gefälle ist in seiner Neigung also durchaus mit dem berühmt-berüchtigten Fields Hill beim Comrades zu vergleichen, der beim diesjährigen Down Run wieder zwanzig Kilometer vor dem Ziel und bergab bewältigt werden muss. Nur ist es eben mehr als doppelt so lang. Wenn das keine gute Vorbereitung ist.

Als die Straße sich zu neigen beginnt, heißt es Schwung holen für den nun vermeintlich einfachen Endspurt. Das letzte Stück nach Lydenburg müsste bei diesem Profil doch eigentlich eine reine Freude sein.

Erst in der Nähe der Marathonmarke beginnt das erste längere Gefälle

Samstag 31.03.2012, 12:25 Uhr - R37 vor Lydenburg
Schon seit einiger Zeit ist die Straße nicht mehr vollkommen gesperrt. Inzwischen hat der Verkehr auch deutlich zugenommen. Die meisten Fahrer nehmen viel Rücksicht auf die Läufer, die sich nun am rechten Straßenrand halten, um die entgegen kommenden Autos zu bemerken. Doch der eine oder andere Fahrzeuglenker tritt auch fast wie gewohnt auf das Gaspedal. Und den Luftzug der passierenden vollbeladenen Lastwagen spürt man ziemlich deutlich.

Er sei zwar inzwischen schon ein wenig müde, aber nicht etwa die Muskulatur würde ihm im Moment am meisten weh tun, meint Colin White. Der leichte Rucksack, den er nun schon seit über sechs Stunden über die Strecke trägt, würde inzwischen heftig an Schultern und Nacken scheuern. Zwar sei er das Laufen mit Gepäck gewöhnt, doch trage er dabei in der Regel eben ein T-Shirt. Mit Trägerhemd habe der Rucksack viel mehr Hautkontakt. Jeder leidet nach Lydenburg eben ein wenig anders.

Eigentlich habe er ihn gar nicht unbedingt gebraucht. Denn natürlich sei die Versorgung unterwegs ausgezeichnet. Flüssigkeit hat er auch gar nicht dabei. Hauptsächlich wäre es ihm um einige Mineraltabletten wegen der befürchteten Krämpfe gegangen. Noch läuft er allerdings ziemlich rund und zügig den Berg hinunter.

Was die Ausrüstung angeht ist White beim Long Tom Marathon eher die Ausnahme. Während hierzulande einige selbst zu kürzeren Straßenläufen mit einer Ausstattung antreten, als ginge es darum eine tagelange Expedition durch die Wildnis zu überstehen, läuft man in Südafrika meist noch ohne viel zusätzlichen Schnickschnack. Trinkfläschchen sieht man jedenfalls ebenso selten an Gurten baumeln wie das halbe bis ganze Dutzend Gel-Päckchen, mit denen man anderswo zu so einem Rennen aufbrechen würde.

Dass es bei Kilometer 44 noch einmal heftig bergauf geht, ermöglicht den einen oder anderen ziemlich originellen Schnappschuss

Samstag 31.03.2012, 12:30 Uhr - R37 vor Lydenburg
Langsam werden die Beine schwer, während das immer wieder einmal vor einem in der weiten Talsohle auftauchende Lydenburg einfach nicht näher kommen will. Das anfangs so angenehme Bergauflaufen beginnt jetzt auch zu schmerzen. Erste leichte Krämpfe durchzucken die müden Muskeln. Eine weitere Gehpause lässt sich irgendwann nicht mehr umgehen.

Ein Läufer mit einen an eine Schärpe erinnernden weinroten Diagonalstreifen auf dem Trikot kommt vorbei und motiviert zum erneuten Antraben. Wenn man einige Male in Südafrika unterwegs war, fängt man langsam an die verschiedenen Muster der Laufhemden zu kennen. Zumindest die der wichtigsten Vereine. Und diese "colours" gehören eindeutig zum Rand Athletic Club aus Johannesburg, einem der größten im Land.

Buti Ngwenya, der dieses Trikot trägt, versucht ein wenig aufzumuntern. Seine Erfahrung - und die hat er mit neunzehn Comrades Marathons nun sicherlich - zeige, dass man mit einer Taktik alleine nur selten bei einem Ultralauf bestehen könne. Man sollte immer einen Plan B haben. Und wenn dieser nicht funktionieren würde, müsse eben Plan C hervor geholt werden. Die Antwort, dass bereits längst Plan D oder E erreicht sei, entlockt ihm ein lautes Lachen.

Freitag 30.03.2012, 16:40 Uhr - R37 bei Lydenburg
Das Gewitter, das schon seit dem Verlassen der Lydenburg High Scholl dicke Tropfen vom Himmel hat fallen lassen, ist noch einmal deutlich heftiger geworden. Nur langsam schieben sich die meisten Fahrzeuge durch den Wolkenbruch die ersten Kehren hinter Lydenburg hinauf in Richtung Sabie. Heftiger Wind erzeugt das Gefühl, das Wasser käme wirklich von allen Seiten.

An einer der bereits im Aufbau begriffenen Verpflegungsstellen versuchen sich die Helfer so gut es geht unter dem schon stehenden Pavillon zu drängen und ihn gleichzeitig festzuhalten, damit er nicht vom Sturm in die weite Landschaft getragen wird. Auch an den nächsten Posten, die man auf der Rückfahrt zum Startort passiert, kämpfen die Freiwilligen zum Teil völlig durchnässt mit den widrigen Bedingungen.

So wie eigentlich geplant können die Vorbereitungen an diesem Freitag definitiv nicht von statten gehen. Eine Menge Improvisation ist gefragt. Und man muss die Leute, die sich bei diesem Wetter abmühen, um die Durchführung des Laufes am Folgetag sicher zu stellen, für ihren nicht selbstverständlichen Einsatz fast schon bewundern. Gerade bei einer solchen Gelegenheit und im trockenen Auto wird das wieder ziemlich deutlich.

Das "Danke" für die Helfer sollte unter diesen Voraussetzungen also beim Long Tom Marathon auf jeden Fall noch ein wenig öfter und lautstärker ausgesprochen werden als sonst.

Colin White lacht zwar, doch im Abstieg nach Lydenburg hat er erhebliche Probleme durch seinen Rucksack Bei einem Ultra sollte man immer Plan B und C parat haben, lautet der Rat von Buti Ngwenya Viele Kilometer lang führt die Straße in stetigem Gefälle durch offenes Gelände dem schon in der Ferne sichtbaren Lydenburg entgegen

Samstag 31.03.2012, 12:45 Uhr - R 37 vor Lydenburg
Die ersten Häuser von Lydenburg, die man doch schon so lange anvisiert hat, kommen endlich näher. Auf der einen Seite erhebt sich ein Gewerbegebiet mit einem Einkaufszentrum, wie es fast überall auf der Welt an einem Ortstrand zu finden sein könnte. Gegenüber wächst eine größere Neubausiedlung mit Einheitshäusern aus dem Boden.

So sehr man diesen Moment auf den letzten Kilometern herbei gesehnt hat, es ist doch ein gewaltiger Bruch als man nach mehr als fünfzig Kilometern mitten durch die südafrikanische Landschaft nun wieder bewohntes Gelände erreicht. Und noch ist man ja auch nicht am Ziel. Der Weg nach Lydenburg mag nun zu Ende sein, der Weg durch Lydenburg steht noch bevor.

Samstag 31.03.2012, 12:50 Uhr - Lydenburg, Voortrekker Street
Am Kreisel, der die Zufahrt zum gerade passierten Gewerbegebiet bildet, herrscht reger Verkehr. Spätestens jetzt ist es mit dem "single file running", dem Hintereinanderlaufen am Straßenrand, das die Ausschreibung von den Teilnehmern fordert, nicht mehr getan. Mit Hütchen ist eine Spur für die Läufer abgesperrt und die Polizei sichert die Zufahrt zudem sorgfältig ab.

Auch jenseits des Kreisverkehrs und der dahinter aufgebauten Verpflegungsstelle trennt eine lange Reihe orangefarbener Pylonen die Laufstrecke von den auf der Straße doch recht zahlreich rollenden Autos ab. Sie ist übrigens - wie Hauptstraßen in vielen anderen Städtchen in Südafrika auch - nach den Voortrekkern benannt, jenen burischen Pionieren, die als erste von der Kapkolonie ins Hinterland aufgebrochen waren.

Bevor man das Ziel an der Lydenburger Schule erreicht, muss man noch eine Schleife durch ein Wohngebiet absolvieren

Samstag 31.03.2012, 12:51 Uhr - Sportgelände der Lydenburg High School
Bei seinem allerersten Ultra hat sich Willem Potgieter ziemlich gut geschlagen. Die Uhr zeigt 6:36:10, als er im Ziel an der Lydenburg High School ankommt. Das reicht für einen Platz ziemlich genau in der Mitte des Feldes. Sein vorsichtiges Herantasten an die langen Distanzen hat also ausgezeichnet funktioniert.

Samstag 31.03.2012, 12:55 Uhr - Lydenburg, Voortrekker Street
Marco McKenzie hat ebenfalls angefangen zu gehen und marschiert nun neben dem Lauftouristen aus Deutschland her. Gerade eben ist er mit einer kleinen Gruppe von hinten heran gekommen. Doch obwohl sich in ihr neben ihm noch zwei weitere Läufer im leuchtenden Gelb-Rot des Athletics Club Eersterust befinden, lässt er sie nun ziehen.

Schon einige Male ist man sich kurz auf der bereits zurück gelegten Strecke begegnet, hat sich gegenseitig überholt, ohne dabei groß miteinander zu reden. Doch diesmal sucht er das Gespräch. Er hat die Aufschrift auf dem Trikot seines neuen Begleiters als aus Deutschland stammend identifiziert und damit gleich einen Ansatzpunkt.

Schließlich war er vor gar nicht allzu langer Zeit selbst in diesem Land. Beruflich, nicht etwa zum laufen. Im letzten Winter hatte ihn seine Firma nach Frankfurt geschickt. Und so entwickelt er durchaus ein gewisses Verständnis für die Klage über die inzwischen herrschende Wärme, die den meisten anderen Südafrikanern nur ein Kopfschütteln entlockt hätte.

Marco stammt zwar aus Pretoria, wo es in den Wintermonaten der Südhalbkugel nachts sehr wohl auch einmal in die Nähe des Gefrierpunktes oder gelegentlich sogar darunter gehen kann. Doch mit dem deutschen Dezember sei das überhaupt kein Vergleich. Denn während es in Südafrika wenigstens tagsüber sonnig und einigermaßen angenehm sei, werde es in Europa im Winter ja weder richtig hell noch irgendwie wärmer.

Doch von den Weihnachtsmärkten in Deutschland schwärmt er trotzdem. Gleich mehrfach sei er während seines Aufenthaltes dort gewesen. Und neben Frankfurt habe er sich auch Heidelberg und Mainz einmal angesehen. Den Ratschlag, bei der nächsten Dienstreise doch einmal den Laufkalender mit zu berücksichtigen, schließlich gäbe es in allen drei Städten interessante Veranstaltungen, nimmt er mit einem ziemlich breiten Grinsen zur Kenntnis.

Das weiträumige Sportgelände bietet ausreichen Platz für Zielaufbauten und Versorgung

Samstag 31.03.2012, 13:05 Uhr - Lydenburg, De Beer Street
Nebeneinander bahnen sich zwei Läufer langsam ihren Weg durch Lydenburg. Denn noch immer leistet Marco McKenzie dem europäischen Besucher Gesellschaft. Manchmal handelt es sich bei dem Duo allerdings dann doch eher um Wanderer. Denn immer wieder einmal wird der längst ziemlich schleppende Laufschritt durch kürzere Geheinlagen unterbrochen.

Inzwischen hat man die Hauptstraße verlassen und ist in ein Wohngebiet eingebogen. Eigentlich haben die Läufer die Lydenburg High School, in der sich das Ziel befindet, längst passiert. Doch steuert man diese nicht auf dem kürzesten Weg an sondern dreht noch eine Art Ehrenrunde, um die zur Gesamtdistanz fehlenden Kilometer heraus zu schinden. Erst einige Querstraßen weiter durfte man nach rechts schwenken.

Und nun läuft man prompt wieder am direkt zur Schule führenden Abzweig vorbei, um noch einen weiteren Häuserblock mitzunehmen. Eine Läuferin, die diese Zufahrt wohl noch vom Vortag kannte und einfach abbiegen wollte, um endlich ins Ziel zu kommen, wird durch den an dieser Ecke stehenden Ordner zwar ziemlich freundlich, aber dennoch bestimmt zurückgepfiffen und auf den noch einmal mindestens einen halben Kilometer bringenden Zusatzschlenker gebeten.

Sie entschuldigt sich zwar für ihre Unaufmerksamkeit, denn der eifrig mit der Fahne wedelnde Helfer war wirklich nur wenige Schritte von ihr entfernt. Doch Verständnis kann man auf jeden Fall haben. Nach einer so langen und beschwerlichen Strecke hat dieses Kreiseln schon irgendwie etwas von Schikane.

Wie fast immer in Südafrika führen die letzten Meter über den Rasen eines Sportplatzes

Samstag 31.03.2012, 13:09 Uhr - Sportgelände der Lydenburg High School
Colin White hat seine Qualifikation in der Tasche. Nach 6:53:28 hat er gerade eben die Ziellinie passiert. Und ist damit sechseinhalb Minuten unter dem vorgegebenen Limit geblieben. Für sechsundfünfzig Kilometer hat die Comrades Marathon Association - der über eben diese Distanz führende Two Oceans Marathon macht's möglich - nämlich eine eigene Kategorie mit Mindestnorm und Zeitenstaffelung für Einteilung in die einzelnen Startblöcke eingeführt.

Auch in den Bestenlisten der südafrikanischen Laufvereine wird diese Distanz genau wie die Eintragung "Comrades" geführt. Denn außer den beiden schon genannten finden sich noch einige weitere Rennen dieser Länge in den Kalendern. Alleine deshalb dürfte der Long Tom Marathon, der unbestreitbar zu den schwersten zählt, jedoch dort eher selten als Veranstaltung neben dem Clubrekord verzeichnet sein.

Samstag 31.03.2012, 13:10 Uhr - Lydenburg, Buhrmann Street
Der Mann mit der Aufschrift "ACE" auf dem bunten Trikot lässt sich nicht beirren. Auch die mehrmalige Aufforderung, doch endlich sein eigenes Rennen zu machen und nicht so viel Rücksicht auf seinen schwächelnden Zufallsbegleiter zu nehmen, prallt von ihm ab. Es gehe ihm selbst nicht so gut, erwidert Marco McKenzie darauf regelmäßig. Doch angesichts der Art, mit der er immer zum Antraben und Weiterlaufen motiviert, wirkt das nur bedingt glaubwürdig.

Eigentlich sei er ja Radfahrer. Aber Laufen sei eben "more social". Da käme man viel eher mit den anderen Sportlern in Kontakt. So etwas wie diese nun schon eine Viertelstunde dauernde Unterhaltung ginge doch auf dem Fahrrad gar nicht, meint McKenzie. Und damit hat er wohl vollkommen recht. Vermutlich gibt es ohnehin wenige Länder auf der Welt, in denen man während eines Rennens schneller in ein Gespräch verwickelt ist, als Südafrika.

Ein Triathlon würde ihn natürlich einmal reizen, erzählt der Radfahrer und Läufer McKenzie. Doch erst einmal will er beim Comrades antreten. Dafür wäre - eine nun wirklich inzwischen bekannte Aussage - der Long Tom ein ziemlich gutes Training. Schon im vergangen Jahr hat er diesen wichtigsten und größten Ultralauf bewältigt. In zwei Monaten geht es für Marco in der Gegenrichtung um die Back-to-back-Medaille.

Sieben Minuten vor dem Zielschluss hat auch der einundsiebzigjährige Kurt Wollenweber den Long Tom bewältigt Spaß kann man auch nach sechsundfünfzig Kilometern und fast zweitausend erkletterten Höhenmetern haben

Den Comrades-Spirit hat er auf jeden Fall bereits längst vollkommen verinnerlicht. Denn auch weiterhin weicht er dem Gast aus Europa keinen Zentimeter von der Seite. Und immerhin gibt McKenzie in einem Nebensatz dann doch zu, dass ihm diese Begegnung wesentlich wichtiger sei als eine um ein oder zwei Minuten schnellere Zeit.

Die Kilometermarkierung taucht mit der "55" am Straßenrand auf. Auf Vorschlag des ACE-Sportlers trifft man die Vereinbarung, nun auf keinen Fall mehr in den Gehschritt zu verfallen.

Samstag 31.03.2012, 13:16 Uhr - Sportgelände der Lydenburg High School
Viel schneller als erwartet ist das Sportgelände erreicht. Selbst wenn - wie am Kap vollkommen üblich - noch zwei- bis dreihundert Meter auf dem Rasen zu bewältigen sind, fällt der letzte Kilometer m Vergleich zu den anderen deutlich zu kurz aus. Im Mittelstreckentempo, wie es die Uhr behauptet, hat man ihn jedenfalls sicher nicht bewältigt. Sämtliche Hochrechnungen über die Endzeit auf dem letzten doch ziemlich zähen Abschnitt durch Lydenburg waren also verkehrt.

Bei sieben Stunden und einer Minute bleiben die Uhren stehen. Wenn man das vorher geahnt hätte, vielleicht wäre ja doch noch eine "6" als erste Ziffer drin gewesen. Die Vorhaltungen "wärst du doch losgelaufen, dann hätte es wenigstens für dich gereicht", beantwortet Marco McKenzie mit seinem anscheinend liebsten Gesichtsausdruck, dem längst bekannten fröhlichen Grinsen. Nein, nein, genau so wäre das schon gut gewesen, gibt er zu verstehen und macht sich auf dem Weg zum Getränkestand.

Samstag 31.03.2012, 14:07 Uhr - Sportgelände der Lydenburg High School
Noch acht Minuten hat Kurt Wollenweber bis zum Zielschluss Zeit, als er auf die Zielgerade einbiegt. Der einundsiebzigjährige Deutsche hatte von Anfang an damit gerechnet, dass es eng werden würde. Denn einen Altersbonus gibt es nicht. Ganz egal, welches Geburtsdatum man hat, jedem bleiben genau acht Stunden minus eine Sekunde zur Bewältigung der Strecke.

Und vielleicht hat der seit rund drei Jahrzehnten in der Laufszene aktive Routinier deshalb gerade seine letzte Chance genutzt, eine Medaille vom Long Tom Marathon zu gewinnen. Denn natürlich wird es mit zunehmendem Lebensalter immer schwerer, seine Leistung zu halten. Nach 7:52:31 bleibt die Uhr für den Gast aus Europa stehen. Das könnte man also mit Fug und Recht als eine gute Renneinteilung bezeichnen.

Wie schnell es allerdings auch in fortgeschrittenerem Alter über die sechsundfünfzig Kilometer am Long Tom Pass gehen kann, hat fast auf die Sekunde genau drei Stunden zuvor Frans Moraba gezeigt. Denn mit wirklich erstaunlichen 4:52:27 gewinnt er die Altersklasse "Grandmasters" der über Sechzigjährigen.

Mit kindlicher Unterstützung fallen die letzten Meter deutlich leichter

Nur in Zehnerabständen wird in Südafrika unterteilt, beginnend mit den "Veterans" ab vierzig. Als "Masters" bezeichnet man dagegen im Gegensatz zum nordamerikanischen - und inzwischen gelegentlich auch deutschen - Sprachgebrauch die Läufer zwischen fünfzig und neunundfünfzig. Und als höchste Altersklasse gibt es manchmal dann noch die "Grand-Grandmasters" jenseits der Siebzig.

Dienstag 10.04.2012, 19:00 Uhr - Storms River
Es hat ein wenig länger gedauert, bis die Ergebnisliste im Netz war. Während hierzulande das Geschrei oft schon ausbricht, wenn deren Veröffentlichung nicht spätestens am Tag nach dem Lauf im Internet zu finden ist, lebt man in Südafrika durchaus mit Fristen von ein bis zwei Wochen. Ältere Läufer aus dem vordigitalen Zeitalter werden sich auch durchaus noch an ähnliche Wartezeiten erinnern können, als die Ergebnisse noch gedruckt und mit der Post versendet wurden.

Die Bed-and-Breakfast-Unterkunft in der kleinen, touristisch dominierten Siedlung Storms River direkt neben dem Tsitsikamma Nationalpark an der Südküste bietet - im Gegensatz zu vielen anderen Ländern eher noch eine Seltenheit am Kap - einen kostenlosen Netz-Zugang. So kann man wieder einmal überprüfen, ob die Liste nun endlich zu durchforsten ist.

Jetzt ist sie es. Doch die Erwartungen werden dennoch ziemlich enttäuscht. Denn neben den beiden selbstgestoppten Zeiten steht keineswegs der eigene Name und die Altersklassen-Platzierung sondern nichts als ein "Unknown". Dabei musste man doch bei der Voranmeldung nicht nur all diese Informationen angeben. Und die Starnummern wurden sogar namentlich ausgegeben.

Des Rätsels Lösung ist das Auswerteverfahren. Denn unten an der Startnummer war ein Abriss befestigt, den man im Ziel abzugeben hatte. Der vielleicht doch ein wenig zu naive Gedanke, die darauf zu findenden Felder für Name, Verein und Alter seien nicht so wichtig und nur eine Art doppelte Sicherheit für einen Systemausfall, stellt sich als ziemlich trügerisch heraus.

Denn niemand hat im Ziel während des Einlaufes die Startnummern notiert. Diese dient nur als Berechtigung, am Rennen teil zu nehmen, nicht aber zu dessen Auswertung. Die Ergebnisse werden einzig und allein anhand der eingesammelten und aufgereihten Zettel erstellt. Das erklärt auch, warum sich sowohl in Lydenburg wie auch in Sabie nach dem Empfang des Umschlages viele erst einmal zum Schreiben an die in der Halle aufgestellten Tische begeben hatten.

Einfach, zweckmäßig und ohne großes Brimborium ist der Zieleinlauf beim Long Tom Marathon

Es ist ein Verfahren, das den in der Heimat - wieder werden sich die langgedienten Haudegen noch erinnern - vor mehr als zwei Jahrzehnten üblichen, anstelle einer der damals eher seltenen Nummern verteilten, vom Läufer selbst auszufüllenden und im Ziel auf einen Dorn aufgespießten Pappkärtchen ähnelt.

Es sind Erfahrungen, die man machen muss, wenn man sich in andere Länder mit anderen Laufkulturen begibt. Manchmal geht dabei auch etwas schief. Doch sind es diese gelegentlich so vollkommen anderen Erfahrungen, die solche Reisen so interessant machen. Und man lernt ja aus Fehlern. Noch einmal wird dieser Lapsus sicher nicht passieren.

Samstag 31.03.2012, 14:15 Uhr - Sportgelände der Lydenburg High School
Das Donnern der kleinen Kanone, die das Rennen eröffnet hat, beendet es auch. Genau acht Stunden nach dem Start wird das Ziel geschlossen. Wer bis zu diesem Zeitpunkt die Linie nicht überschritten hat - selbst wenn dazu nur wenige Meter fehlen - dem bleibt die Medaille und der Eintrag in die Ergebnisliste versagt. Beim Long Tom Marathon endet diese bei 7:59:53.

Dieser rigorose "Cut-Off" ist typisch für fast alle südafrikanische Rennen und gehört nicht nur bei den beiden Großen Comrades und Two Oceans zum Ritual, ja zum Kult. Ein Kult, der neben dem Erfolg durchaus ebenso das Scheitern beinhaltet. Auch in Lydenburg trotteln noch Minuten nach dem Krachen des Schusses einige chancenlose Nachzügler über das Sportgelände dem Ziel entgegen.

Man kann das sicher "gnadenlos" nennen. Schließlich haben auch sie die sechsundfünfzig Kilometer hinter sich gebracht. Lydenburg ist in diesem Augenblick sicherlich eine Stadt der Leiden. Doch ist das Zeitlimit, sind die Regeln eben von Anfang an bekannt. Und jedem, der an den Start geht, ist klar, auf was er sich einlässt. Die Medaille eines Marathons oder Ultras bekommt man in Südafrika nicht aus Gnade und Barmherzigkeit. Man muss sie sich durch Leistung verdienen.

Marco McKenzie (mitte mit rotem T-Shirt) und seine Vereinskollegen vom Athletics Club Eersterust feiern gleich nach dem Zieleinlauf ihren Erfolg … ... andere müssen erst einmal tief durchatmen

Samstag 31.03.2012, 13:25 Uhr - Sportgelände der Lydenburg High School
Der Long Tom Marathon sei schon "real hard work" gewesen berichtet der sichtlich abgekämpfte Vusumuzi Chiloane im Zielraum. Er hat sich nach seinem "harten Arbeitstag" auf einer Bank nieder gelassen und zeigt erst einmal wenig Ambitionen, sich wieder von ihr zu erheben. Auf den letzten Kilometern hat er dann doch noch ziemlich Federn gelassen und die Marke von sieben Stunden am Ende knapp verfehlt.

Aber für den dritten Comrades Marathon dürfte er trotzdem etwas besser gerüstet sein als für seine ersten beiden Starts. Denn schwerer als die Strecke, die er gerade hinter sich gebracht hat, sei der Weg von Pietermaritzburg nach Durban auch nicht, ist sich Chiloane sicher. Er erntet weder für die Bemerkung von der "harten Arbeit" noch für die bezüglich des Schwierigkeitsgrades ernsthaften Widerspruch.

Während des in diesem Jahr wieder anstehenden Down-Runs wird er sogar deutlich weniger Höhenmeter erklettern müssen als beim Long Tom. Und für die in der Distanz zum Comrades noch fehlenden gut dreißig Kilometer bleiben ihm noch beinahe fünf weitere Stunden Zeit. Das müsste eigentlich diesmal locker reichen, ohne in Gefahr zu kommen am Cut-Off zu scheitern.

So ist Chiloane dann bei aller Erschöpfung und Müdigkeit eigentlich recht zufrieden und spricht von einem ziemlich guten Training. Die Leiden auf dem Weg nach Lydenburg sollen sich in zwei Monaten auszahlen. Allein ist Vusumuzi Chiloane mit dieser Ansicht keineswegs.

Denn die statistisch zwar nicht repräsentative, aber dennoch vermutlich ziemlich aussagekräftige Sammlung von Momentaufnahmen zeigt, dass - nimmt man einmal die beiden deutschen Gästen aus - kaum einer, der an diesem Tag den Pass überquert hat, in Pietermaritzburg nicht am Start sein wird.

Ziemlich entspannt und eigentlich typisch südafrikanisch ist die Atmosphäre im Zielbereich

Samstag 31.03.2012, 14:16 Uhr - Sportgelände der Lydenburg High School
"Das tue ich mir nicht noch einmal an". Die Aussage ist klar und deutlich. Und sie ist direkt nach dem Rennen auf dem Sportgelände ziemlich oft zu hören gewesen. So mancher hat nach diesem doch durchaus anspruchsvollen Lauf erst einmal genug vom Long Tom Pass. Es sind auch keineswegs nur Südafrikaner, die sie verlauten lassen.

Der Satz des athletischen Kioskbesitzer aus Port Edward, dass er kein richtiger Läufer sei, weil er bisher "nur" den Long Tom, nicht aber den Comrades mitgemacht habe, erscheint in diesem Moment noch einmal in einem ganz andern Licht. Denn wer diesen Pass in weniger als acht Stunden bewältigen will, muss auf jeden Fall mehr als nur ein bisschen laufen können. Die Maßstäbe am Kap sind manchmal eben wirklich etwas anders.

Rückblende: Sonntag 30.05.2010, 18:15 Uhr - Durban, vor Hotel Albany
Setofolo Thekiso, die Schildkröte aus dem Goldfields-Team, fragt nach, wie es denn gewesen wäre. Die Antwort "viel, viel schwerer als erwartet" kann er gerade noch akzeptieren. Das im Hinblick auf die schmerzenden Beine geäußerte "nie wieder" will er aber absolut nicht hören. "Hey man, this is Comrades".

Viele würden nach dem Rennen erst einmal so reden. Doch nach ein paar Tagen hätten die meisten diese Meinung schon wieder revidiert. Im nächsten Jahr ginge es doch bergauf. Das sei etwas vollkommen anderes. Fast alle kämen schließlich zum Comrades zurück, viele immer und immer wieder. Es gäbe ihn wirklich, den "Spirit of Comrades".

Setofolo hat natürlich Recht. Nachdem der Muskelkater abgeklungen ist, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Eigentlich hätte es seiner flammenden Rede auch gar nicht bedurft. Die Gedanken an einen weiteren Start wären wohl auch ohne diese Ansprache von ganz alleine gekommen.

Die Mac Mac Falls (links) und die Lisbon Falls gehören zu den vielen sehenswerten Wasserfällen rund um Sabie

April 2012 - Goddelau, Deutschland
Die Erfahrung hat gezeigt, dass trotz der ursprünglich so ablehnenden Haltung dem ersten Comrades Marathon direkt ein zweiter gefolgt war. Und schon beginnen sich auch die in der ersten Erschöpfung gesagten Sätze zum Long Tom Marathon zu relativieren. Denn neben einigen Leiden gab es unterwegs ja ziemlich viele schöne Erlebnisse, mit der südafrikanischen Natur und mit südafrikanischen Läufern.

Sicher steht der Ultramarathon zwischen Sabie und Lydenburg erst einmal nicht mehr ganz oben auf der Liste. Alleine Südafrika hat viel zu viele interessante Läufe, die man vielleicht auch einmal mitmachen könnte. Vom Rest der Welt ganz zu schweigen. Aber wenn er sich irgendwann wieder mit einem anderen Rennen in der Sammlung noch fehlenden kombinieren ließe….. Wieso denn eigentlich nicht?

Teil 2: Laufen in Südafrika 2012 - Two Oceans Marathon Kapstadt HIER

Teil 3: Laufen in Südafrika 2012 - Slow Mag Marathon Benoni HIER

Bericht und Fotos von Ralf Klink

Ergebnisse und Infos www.longtominfo.co.za

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