30.8.09 - Longford Marathon (Irland)

In der Mitte der grünen Insel

von Ralf Klink

Fragt man einmal bei anderen herum, was ihnen denn so zu Irland einfällt, wird man sicher einige ziemlich unterschiedliche Antworten bekommen. Die können von „grüne Insel“ bis „rote Haare“, von „Kelten“ bis „Katholiken“, von „boomende Wirtschaft“ bis „Folk-Musik“, von „Nordirlandkonflikt“ bis „Kerry-Butter“ reichen. „Pub“ und „Billigflieger“ – oder in Marken ausgedrückt „Guinness“ und „Ryanair“ – dürfte höchstwahrscheinlich auch noch dazu gehören.

„Sport“ ist aber eigentlich nie darunter. Denn als große Sportnation kennt man das kleine Volk der Iren nun wirklich nicht unbedingt. Das Argument, für ein nur wenige Millionen Köpfe zählendes Volk sei das aber auch gar nicht so einfach, wiederlegen die in der gleichen Größenordnung angesiedelten skandinavischen Nationen als – zugegeben recht extremes – Gegenbeispiel zumindest etwas.

Auch die ohnehin schon nicht einfache Frage nach berühmten Iren wird selten eine Persönlichkeit aus dem Bereich der Körperertüchtigung zu Tage fördern. Da fallen vielleicht nach einigem Nachdenken noch Musiker oder Musikgruppen, die je nach persönlichem Geschmack Dubliners oder U2, Enya oder Sinead O’Connor heißen. Oder Schauspieler wie Liam Neeson oder Pierce Brosnan. Und bei den aus früheren Tagen bekannten Darstellern Maureen O'Hara und Peter O'Toole erahnt man aufgrund ihrer Namen nicht nur eine irische Herkunft, die Vermutung trifft auch vollkommen zu.

Eventuell kommen in gewissen, sich kulturinteressiert gebenden Kreisen auch Autoren wie James Joyce, George Bernard Shaw, Oscar Wilde, Samuel Beckett oder William Butler Yeats auf die Liste. Schriftsteller, von denen man auch außerhalb ihrer echten Leserschaft doch schon einmal gehört haben könnte.

Jonathan Swift, der vermutlich für breite Schichten bekannteste unter ihnen – doch wem ist denn überhaupt bewusst, dass Swift ein während des achtzehnten Jahrhunderts in Dublin lebender Ire war – wird dagegen hauptsächlich als Kinderbuchschreiber wahrgenommen. Das entbehrt allerdings nicht einer gewissen Ironie, ist doch „Gullivers Reisen“ keineswegs ein Abenteuerbuch für die Jugend sondern eine bitterböse Gesellschaftssatire. Aber um die Andeutungen des Autors zu verstehen und die Parallelen zu entdecken, hätte man über das Gelesene auch einmal genauer nachdenken und es hinterfragen müssen. Und wer tut das schon?

Laufgründer Liam Fenelon beendet seinen zweihundertsten Marathon, an jedem Laternenpfahl gratulieren Freunde und Bekannte Liam Fenelon zu seinem Jubiläum Und immer wieder begegnet man Schildern, die daran erinnern links zu fahren

Im Ausland bekannte irische Sportler sind jedenfalls eher Mangelware. Selbst wenn man ein paar populäre Athleten von der grünen Insel aufzählt, erntet man in der Regel nur ein Schulterzucken. Aus dem Stehgreif berühmte irische Läufer zu nennen, ist fast noch schwerer. Dem Ruf, die Heimat vieler Langstreckler zu sein, ist Irland in letzter Zeit jedenfalls ziemlich aus dem Weg gegangen. Aber welches europäische Land ist das in Zeiten völliger afrikanischer Dominanz auf Tartanbahn, Crosslauf-Wiesen und Stadtmarathon-Asphalt denn nicht?

Doch ganz so ist es mit der fehlenden irischen Lauftradition nun auch wieder nicht. Selbst auf die Gefahr hin, auch in diesem Fällen eventuell Schulterzucken zu erzeugen, nennen wir doch einfach einmal ein paar Namen aus dem letzten Vierteljahrhundert. Wie wäre es mit John Treacy, Catherina McKiernan oder Eamon Coghlan? Immerhin ein ehemaliger Crossweltmeister und Olympiamedaillen-Gewinner im Marathon, eine Siegerin des Berlin und London Marathons und ein früher Weltmeister über 5000 Meter. Doch zumindest an Sonia O’Sullivan wird sich der eine oder andere vielleicht doch noch erinnern.

Auch die irische Laufszene ist so klein dann doch nicht. Der Dublin Marathon, der nun immerhin schon drei Jahrzehnte auf dem Buckel hat, kann inzwischen über zehntausend Teilnehmer registrieren. Seit einigen Jahren veranstaltet man auch in Cork, der zweitgrößte Stadt der Republik Irland, einen Stadtmarathon, der zahlenmäßig ebenfalls in vierstellige Regionen vorstößt.

Ende März oder Anfang April lockt der Connemara Marathon mit einer Streckenführung durch die gleichnamige raue und einsame Landschaft im irischen Westen. Ein weiterer Lauf über die klassische Distanz feiert im Jahr 2009 auf der nicht weniger spektakulären Halbinsel Dingle etwas weiter im Süden seine Premiere.

Und Belfast und Newry in Nordosten der grünen Insel haben ebenfalls ihren eigenen Marathon. Doch mit ihrer Aufnahme in die Liste begibt man sich schon auf das Gebiet und das Glatteis der hohen Politik. Denn sie finden zwar – wenn man den rein geografischen Ansatz betrachtet – sehr wohl in Irland, jedoch nicht in der Republik Irland statt.

Beide Städte gehören vielmehr zum Vereinigten Königreich von Queen Elizabeth. Und das soll es nach dem Wunsch der Hälfte der Bevölkerung der Region auch tunlichst so bleiben. Die andere Hälfte hätte jedoch gerne genauso entschieden den Anschluss an den Süden.

In Longford kennt man diesen Streit nicht. Denn dieses Städtchen ist eindeutig in der Republik gelegen. Ziemlich genau in der Mitte zwischen der Westküste am Atlantik und der Ostküste an der Irischen See, ziemlich genau in der Mitte zwischen nördlichstem und südlichstem Punkt der Insel, kann man es auf der Karte entdecken. Und auch Longford nennt einen Marathon sein eigen.

Zu verdanken ist dies einem begeisterten Läufer, der zwar nicht zu den schnellsten gehört, auch wenn er auf eine – heutzutage durchaus als ziemlich gut geltende – Bestzeit von 3:09 zurück blicken kann. Dafür ist Liam Fenelon aber ein ziemlich beständiger und ausdauernder Vertreter seiner Gattung. Seit einem Vierteljahrhundert läuft er Marathon. Und als er sich vor sieben Jahren seinem einhundertsten näherte, kam er auf den Gedanken, den in seiner Heimatstadt zu feiern.

Doch dazu musste erst einmal eine Veranstaltung aus der Taufe gehoben werden. Fenelon organisierte den ersten Longford Marathon und absolvierte sein Jubiläum tatsächlich zu Hause. Liam hat in den Folgejahren weiter Marathon um Marathon gesammelt, um beim achten von ihm mit ausgerichteten Lauf nun schon die zweihundert voll zu machen. Und inzwischen hat sich das Ganze längst fest etabliert, ist mit insgesamt fast eintausend Teilnehmern aus dem irischen Laufkalender kaum noch wegzudenken.

Nur etwa ein Viertel von ihnen läuft allerdings die volle Distanz. Der Rest begnügt sich mit dem Halbmarathon oder teilt sich die Strecke als Staffel untereinander auf. Sogar ein paar Rollstuhlfahrer gehen an den Start. Als erstes werden jedoch um neun Uhr rund zwei Dutzend Walker auf die Reise geschickt.

Abzweige der Strecke sind auf Augenhöhe mit großen Pfeilen markiert In der Turnhalle des St. Mel's College werden die Startnummern verteilt Für die Anfahrt zur Startnummernausgabe gibt es Schilder mit dem aufgedruckten Sponsor

Bis ihnen der Rest des Feldes im Laufschritt hinterher eilt, vergehen dann aber noch zwei weitere Stunden. In Longford wird ein auch für Langschläfer geeigneter Marathon ausgetragen. Dass das eigentliche Rennen so spät beginnt, ist sicher ein wenig darin begründet, dem Ärger mit der in Irland doch ziemlich einflussreichen katholischen Kirche zu entgehen, die sich ansonsten wohl über die Behinderung des sonntäglichen Gottesdienstbesuches beschweren würde.

Bei einer Startzeit von elf Uhr können die Teilnehmer aber auch praktisch aus nahezu jeder Ecke der Insel noch am Wettkampftag anreisen. Denn nur gute vierhundert Kilometer liegen zwischen dem nördlichsten und südlichsten Punkt Irlands, maximal zweihundertfünfzig zwischen westlichem und östlichem Ende. Die Fläche der irischen Republik entspricht dabei ziemlich genau der Größe Bayerns. Nimmt man für den Vergleich noch Thüringen mit dazu, kommt man ungefähr zum Ausmaß des gesamten Eilandes inklusive des nordirischen Teils.

Longford liegt wie gesagt fast exakt in der Mitte und ist deshalb innerhalb weniger Stunden von jeder Ecke der Insel zu erreichen. Doch ganz so schnell, wie man erwarten könnte, geht es dann auch wieder nicht. Denn das irische Straßennetz ist mit dem deutschen nur bedingt zu vergleichen. Autobahnen sind eher selten und existieren hauptsächlich um Dublin herum. Selbst wenn durchaus rege an deren Ausbau gewerkelt wird, wachsen sie nur langsam in den Rest des Landes hinaus.

Überhaupt sind eigentlich alle wichtigen, gut ausgebauten Straßen auf die Hauptstadt ausgerichtet. Sternförmig streben die mit dem Buchstaben „N“ und einstelligen Nummern gekennzeichneten Routen ins Land hinaus. Und fast immer, wenn man an einer größeren Kreuzung auf die Ausschilderung blickt, wird man dort „Dublin“ lesen können. In Irland führen entgegen dem bekannten Sprichwort nicht alle Wege nach Rom, sie scheinen nach Dublin zu führen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Hauptstadt eben nicht – wie man es vielleicht erwarten würde – relativ zentral liegt, sondern sich direkt an der Ostküste findet. Ganz so ungewöhnlich ist das zwar nun aber auch wieder nicht. London, Kopenhagen oder Oslo haben schließlich ebenfalls im von ihnen aus regierten Staat eine ziemliche Randposition. Und auch die geographische Lage von Berlin in Deutschland ist alles andere als mittig. Für Verkehr in Irland, der nicht Dublin als Ausgangsort oder Ziel hat, bedeutet das aber aufgrund oft fehlender Querverbindungen doch so manchen Umweg. Oder als Alternative das zeitaufwendige Zickzack über Nebenstraßen.

Seiner zentralen Position hat es Longford jedoch zu verdanken, dass sich gleich mehrere wichtige Strecken in der Stadt oder zumindest in ihrer Nähe begegnen. Hier zweigt die N5 genannte Route von den N4 ab, mit der sie bisher zusammen verlief, um unterschiedliche Ziele an der Westküste anzusteuern. Während die nach Sligo führende N4 inzwischen um das Städtchen herumgeführt wird, sucht sich die in Westport endende Strecke – wie in Irland nach wie vor nicht unüblich – ihren Weg mitten durch das Zentrum von Longford. Und noch eine dritte Nationalstraße, die N63 nach Galway, begibt sich aus der Innenstadt in Richtung Atlantik.

Entsprechend ist das Verkehrsgewimmel, das die Marathonteilnehmer am Samstag in den nicht unbedingt breiten Gassen von Longford begrüßt. Denn schon lange vor dem Lauf gibt es in der Stadt ein entsprechendes Rahmenprogramm. Nicht nur die Startnummern werden den ganzen Tag über im St. Mel's College ausgegeben. Auch zu einer Nudelparty und sogar zu einem Frühstückslauf hat sich Liam Fenelon bei seiner Teilnahme an großen internationalen Marathons anregen lassen.

Die vier Rollstuhlfahrer bekommen eine Minute Vorsprung Die wehmütigen Melodien der Longford Pipe Band passen zum trüben Wetter

Das alles gibt es für 45 Euro Startgeld. Ein T-Shirt, das wahlweise lang- oder kurzärmlig ausgegeben wird, und eine Medaille im Ziel gehören auch noch zum Paket. Doch wirklich günstig ist der Start in Longford trotzdem nicht unbedingt. Da bewegt man sich schon in den oberen Regionen vergleichbarer Veranstaltungen, zumal der Halbmarathon mit 40 Euro auch kaum preiswerter kommt.

Zu den wirklich billigsten Reisezielen gehört Irland jedoch ohnehin nicht. Man hat sich in einem der früheren Armenhäuser Europas längst auf einem durchaus auch hierzulande üblichen Preisniveau eingefunden. Aufgrund des auch in Irland eingeführten Euro ist das sogar ziemlich einfach nachzuvollziehen. Besonders beim Einkauf im Supermarkt wird das schnell klar. Denn in den gleichen aus Deutschland eingefallenen Handelsketten kosten die gleichen Produkte sogar noch ein bisschen mehr als zu Hause.

Doch so zuvorkommend, wie die Helfer in der Turnhalle der katholischen Jungenschule sich verhalten, gibt es wenigstens erst einmal nicht den geringsten Grund an der Bezeichnung „The friendly marathon in the heart of Ireland”, die das T-Shirt ziert, zu zweifeln. Einfach nur schnell abgefertigt wie einer Massenveranstaltung wird man keineswegs. Für ein paar zusätzliche Worte ist immer noch Zeit. Und manchmal wird daraus auch schnell ein kleines Schwätzchen. Den Ruf besonders maulfaul zu sein, haben die Iren ja nun auch wirklich nicht unbedingt.

Beliebtes Thema ist dabei selbstverständlich das Wetter. Vielleicht nirgendwo sonst in Europa – sieht man einmal von Großbritannien und vielleicht noch Skandinavien ab – wird häufiger darüber debattiert. All diesen Ländern gemeinsam ist, dass sie ziemlich exponiert dem Golfstrom begegnen und damit ziemlich viel der durch ihn produzierten Wolken abbekommen. Und abgesehen vom doch schon recht abgelegen Island ragt kein Teil Europas weiter nach Westen als die irische Atlantikküste.

Das Ergebnis ist wenig überraschend und vielen auch durchaus bekannt. Jedenfalls definitiv dann, wenn sie schon einmal auf der grünen Insel zu Besuch waren. Irland zählt zu den feuchtesten Regionen des Kontinents. Doppelt bis dreimal so viel Niederschlag wie in Deutschland wird im Durchschnitt jährlich registriert. Und an der Westküste gibt es Ortschaften, in denen es bis zu dreihundert Tage im Jahr regnet.

Trüb, trüber, am trübsten erscheint der Himmel dann oft. An Grautönen gibt es in Irland nun wahrlich keinen Mangel. Und nicht nur ohnehin schon zur Melancholie neigenden Menschen kann dieses Wetter ordentlich aufs Gemüt schlagen. Vermutlich liegt die Tatsache, dass viele irische Lieder ziemlich schwermütig daher kommen, auch darin begründet. Ein anderer Teil der Musik, die man als typisch irisch bezeichnet, sind allerdings recht fröhliche Trinklieder. Doch vielleicht gibt es ja da ebenfalls einen Zusammenhang mit den dunklen Wolken.

Andererseits werden in Irland dann aber auch fast genauso viele Tage mit Sonnenschein notiert. Doch liegt das keineswegs daran, dass – selbst wenn im ländlichen Irland noch einiges langsamer läuft als in hektischen deutschen Großstädten – das irische Jahr irgendwie verlängert wäre. Vielmehr ist der Regen selten wirklich von langer Dauer. Oft reißt die Wolkendecke relativ schnell wieder auf und lässt das grün der Wiesen dann nur noch grüner erscheinen.

Der Spruch, dass man, wenn einem das Wetter nicht gefällt, man nur ein paar Minuten warten müsse, wird zwar auch für andere Gegenden benutzt, doch für Irland hat er sicher seine Berechtigung. Als „Land der Regenbogen“ wird die grüne Insel gelegentlich auch bezeichnet. Und um einen solchen sehen zu können, muss man eben auch den Regen ertragen.

Ein kurzer Moment des Sonnenscheins kann in solchen Fällen genügen, um die ganze Welt auf einmal ganz anders zu sehen. Wie man danach mit dem dann noch trostloser wirkenden Rest klar kommt, ist dann wieder eine ganz andere Frage. Vermutlich bleibt nicht anderes übrig, als auch dem Schlechten ein paar gute Seiten abzugewinnen oder sie zumindest zu suchen.

Halbmarathonsiegerin Pauline Curley am Start Vor dem Start werden noch ein paar kurze Begrüßungsreden geschwungen Mit der 209 Marathonsieger Sergiu Ciobanu kurz vor dem Start

Doch einstellen muss man sich darauf. Ohne entsprechende wetterfeste Kleidung sollte man auch im Sommer jedenfalls nicht nach Irland aufbrechen. Und auf keinen Fall darf man sich von den Bildern in den Tourismusprospekten und Reiseführern täuschen lassen. So sonnenbeschienen wie auf diesen Fotos wird man die dort abgebildeten Dinge eher selten zu Gesicht bekommen.

Große Hitze darf man sowieso nicht erwarten. Nur in ganz seltenen Fällen klettert das Quecksilber überhaupt einmal über die Marke von dreißig Grad. Doch dafür gibt es halt auch während der kalten Jahreszeit praktisch keinen Frost. Ein typisches, ziemlich gemäßigtes See-Klima mit milden Wintern und kühlen Sommern, in denen selbst Ende August und angesichts einer Startzeit von elf Uhr nicht ernsthaft mit einem Hitzemarathon gerechnet werden muss.

War der Samstag schon irisch durchwachsen mit Schauern und kurzen sonnigen Abschnitten, sind die Vorhersagen für den Renntag eher noch bescheidener. „Durchzug einer Schlechtwetterfront“ kündigen die Wetterkundler an. Dazu Temperaturen zwischen fünfzehn und maximal zwanzig Grad. Doch wenn man recht bedenkt, ist das zum Laufen sogar beinahe besser als strahlender Sonnenschein.

Es ist sogar noch trocken, als sich am Sonntag die ersten Läufer langsam im Zentrum des kleinen Städtchens einfinden, das mit seinen etwas über zehntausend Bewohnern auch der Hauptort des gleichnamigen Countys ist. Sechsundzwanzig dieser Verwaltungseinheit gibt es in der Republik Irland. Und nur drei von ihnen sind noch kleiner.

Das Wort „County“ wird für Irland noch immer gerne mit „Grafschaft“ übersetzt. Historisch gesehen mag das vielleicht sogar richtig sein. Doch ist das Land seit einem Dreivierteljahrhundert Republik und Adelstitel sind offiziell abgeschafft. Von der Funktion her entsprechen sie in etwa den deutschen Landkreisen, womit es also eigentlich einen deutlich besseren Begriff gäbe. Selbst „Bezirk“ wäre in diesem Zusammenhang wesentlich passender. Oder man lässt das Übersetzen einfach ganz, denn für nordamerikanische Countys – es gibt sie sowohl in den USA wie auch in Kanada – käme man doch wohl kaum auf den Gedanken „Grafschaft“ zu benutzen.

Mitten auf der Hauptstraße ist auf einer Spur die Zielgasse mit hohen Gittern abgesperrt. Dahinter türmen sich schon Paletten voller Getränkeflaschen und die Medaillen liegen auf großen Haufen bereit. Die Startzone kann man dagegen nur anhand der am Straßenrand zusammengerollten Chipmatte erahnen. Denn noch eine halbe Stunde, bevor es losgehen soll, rollt der Verkehr durch den frei gebliebenen Bereich.

Erst kurz vor elf wird die Straße dann wirklich völlig dicht gemacht, um die Startaufstellung zu ermöglichen. Wohl auch, um die dadurch entstehenden Behinderungen so gering wie möglich zu halten, werden alle Rennen – einmal abgesehen von den Walkern, die zu diesem Zeitpunkt schon knapp zwei Stunden unterwegs sind – gemeinsam gestartet. Nur die vier Rollstuhlfahrer bekommen eine Minute Vorsprung.

Vorher werden von einem neben dem Start parkenden Lastwagen herunter noch ein paar kurze Begrüßungsreden geschwungen. Und Liam Fenelon wird nach oben gebeten, um für seinen Jubiläumsmarathon geehrt zu werden. Eigentlich ist das ja etwas voreilig. Doch es ist wohl kaum zu erwarten, dass der Gründer der Veranstaltung ausgerechnet bei diesem Lauf nicht ins Ziel kommen sollte.

Alle Ansprachen erfolgen in Englisch. Dabei ist das eigentlich nur die zweite Sprache des Landes. Denn laut Verfassung der Republik Irland ist „die Hauptamtssprache“ vielmehr das der keltischen Sprachfamilie angehörende Irische, da es „die nationale Sprache ist“. Doch nur ein gutes Drittel der Iren kann sie überhaupt verstehen. Und fast alle von ihnen haben sie nicht als Mutter- sondern wie eine Fremdsprache erlernt.

Kleine, bunte Häuser kleben in der Innenstadt ganz eng aneinander Überragt wird Longford von der Kathedrale Insbesondere die Pubs sind mit Blumen verziert

Keine hunderttausend benutzen das oft auch „Gälisch“ genannte Irisch wirklich täglich. Das ist vor allem Dingen im sogenannten „Gaeltacht“ so. Diese vor allem ganz im Westen der Insel gelegenen Gegenden sind inzwischen fast so etwas wie Schutzgebiete für die immer mehr vom Verschwinden bedrohte Sprache. Denn dort ist im offiziellen Umgang nur Irisch zugelassen. Allerdings sind auch diese Regionen paradoxerweise seit der Unabhängigkeit von „Éire“, wie Irland in der ursprünglichen Landessprache genannt wird, immer kleiner geworden.

Die Sprache der früheren Herren hat sich im formal „Poblacht na hÉireann“ genannten Staat längst völlig durchgesetzt. Nur noch ein paar Worte wie zum Beispiel „Taoiseach“ für den Premierminister und „Dáil Éireann“ für das irische Parlament sind wirklich überall in Gebrauch. Die wörtlichen Übersetzungen lauten übrigens „Anführer“ und „Versammlung Irlands“. Ansonsten beschränkt sich die Alltagsnutzung des Irischen höchstens noch auf ein paar eingestreute Brocken in Festreden.

Doch ein wenig gewöhnungsbedürftig ist in Irland auch die Nutzung des Englischen. Nicht jeder gesprochene Satz ist gleich im ersten Moment verständlich. Denn natürlich hat sich im Lauf der Zeit ein ganz spezieller irischer Dialekt entwickelt, dessen Unterschiede zum britischen Englisch man besonders dann extrem gut bemerken kann, wenn man von einem Interview in einem irischen Fernsehkanal zu den Nachrichten der in Irland ebenfalls zu empfangenden BBC hinüber wechselt. Für th-geplagte Deutsche ist dabei besonders sympathisch, dass dieser Laut auch bei Iren oft nach einem „d“ oder „t“ klingt.

Der Starter des Longford Marathons Liam Hennessy ist nicht nur Namensvetter des Gründers sondern außerdem auch noch der Chef von Athletics Ireland, dem irischen Leichtathletikverband. Bei uns wäre es wohl nur schwer vorstellbar, dass DLV-Präsident Clemens Prokop höchstpersönlich für einen – wenigstens aus deutscher Sicht – doch eher kleinen Marathon das Startsignal geben würde. Das ist übrigens kein Schuss sondern ein Pfiff aus der Trillerpfeife, die Hennessy um den Hals hängen hat.

Nur kurz ist die Startgerade. Schon nach wenigen Schritten geht es in einem ziemlich spitzen Winkel nach rechts. Obwohl ansonsten auf einer einzigen großen Schleife ausgetragen, beginnt das Rennen erst einmal mit einer ungefähr zwei Kilometer langen Ehrenrunde durch die Stadt. Wobei „Runde“ genaugenommen der falsche Ausdruck ist, denn eigentlich handelt es sich nur um ein großes Dreieck.

Irgendwie genau dem Bild, das man von einer Kleinstadt in Éire im Kopf hat, entsprechen diese ersten Meter. Kleine, maximal zweistöckige Häuser kleben in einer geschlossenen Front ganz eng aneinander. Unterscheiden kann man sie dennoch ziemlich gut voneinander. Denn jedes ist in einer anderen, zum Teil ziemlich knalligen Farbe gestrichen. Da die Eingänge und Schaufenster zudem meist noch in einem anderen Ton abgesetzt und etliche Gebäude – insbesondere die Pubs darunter – mit Blumen verziert sind, kommen irische Städtchen meist außerordentlich bunt daher.

Überragt wird die Straße und mit ihr ganz Longford durch die Kathedrale. Denn obwohl nun wirklich nicht unbedingt groß ist die Stadt der Bischofssitz der „Roman Catholic Diocese of Ardagh and Clonmacnoise“. In wenigen europäischen Ländern ist der katholische Glaube so fest verwurzelt wie in Irland. Immerhin neun von zehn Einwohnern gehören der Kirche an.

Zwar nicht de jure aber de facto war der Katholizismus die Staatsreligion der irischen Republik, Maßgeblich bestimmte er gesetzliche Regelungen mit. Doch langsam geht der kirchliche Einfluss auch auf der grünen Insel zurück. Immer weniger gut gefüllt sind die Gotteshäuser, immer schwerer lässt sich Nachwuchs finden. Und eine Ehescheidung ist gegen den erklärten Willen der Kirche seit 1996 auch in Irland erlaubt.

Auch bei der zweiten Startpassage ist die Longford Pipe Band musikalisch aktiv Durch die Innenstadt mit den kleinen, bunten Häusern und blumenverzierten Pubs

Benannt hat man die Kathedrale wie die in ihrer Nähe liegende Schule, in der man die Startunterlagen bekam, nach St. Mel, dem ersten Bischoff von Ardagh und einem der vielen irischen Heiligen. Der bekannteste von ihnen ist sicher St. Patrick oder – wie er auf Irisch heißt – Pádraig. Schon im fünften Jahrhundert brachte er das Christentum auf die Insel. Nicht ohne Stolz behaupten die Iren von sich, als eines der ersten Völker überhaupt und vor allem nicht mit dem Schwert missioniert worden zu sein.

Schnell bildeten sich auch Klostersiedlungen wie das im Namen der Longforder Diözese genannte und Luftlinie etwa fünfzig Kilometer südlich liegende Clonmacnoise, von denen man überall in Irland noch beeindruckende Ruinen besichtigen kann. Und von hier aus brachen irischen Missionare dann wieder auf, um auf dem Kontinent – unter anderem auch in Deutschland – ihren Glauben weiter zu verbreiten.

Der zweite Rechtsschwenk lässt den Marathonkurs in ein Wohngebiet einbiegen. Und nach dem dritten ist man wieder bei der Straße angekommen, auf der es vor Kurzem los ging. Über die Eisenbahnbrücke am Bahnhof steuert das schon deutlich auseinandergezogene Feld wieder den Startbereich an.

Dass Longford überhaupt einen Bahnhof hat, ist in Irland fast schon besonders erwähnenswert. Das Schienennetz der Insel ist nämlich ziemlich dünn ausgeprägt. Im ähnlich großen Bayern gibt es jedenfalls fast dreimal soviel Eisenbahnkilometer wie in Éire. Und fast noch stärker als die Straßen sind die Bahnlinien zentral auf Dublin ausgerichtet. So stellen die Busse von Bus Éireann dann auch die wesentlich wichtigere Überlandverbindung dar.

Auch die Spurweite ist ungewöhnlich und nirgendwo sonst in Europa gebräuchlich. Denn die irischen Gleise sind mit einem größeren Abstand verlegt als die übliche mitteleuropäische Normalspur. Selbst im ansonsten gegenüber dem Kontinent doch ziemlich separatistischen Großbritannien wird diese verwendet. Durchgehende Züge in andere Länder – zum Beispiel über eine Fährverbindung, wie sie von Deutschland nach Skandinavien existiert – sind deshalb von Irland aus nicht möglich.

Fast genau mit dem Start hat es – wie im Vorfeld schon angedroht – zu regnen begonnen. Das wird auch während des gesamten Rennens so bleiben. Manchmal etwas heftiger, manchmal auch nur als ein ganz leichtes Nieseln. Aber die Sonne bleibt an diesem Tag vollständig hinter den Wolken. Und irische Regenbögen gibt es deshalb unterwegs auch keine zu sehen.

Zur in diesem Moment doch eher trüben Stimmung passen die wehmütigen Melodien der Longford Pipe Band nahezu ideal. Schon beim Start hatten sie ihre Dudelsäcke klagen lassen. Und auch bei der zweiten Passage ist die kleine Gruppe noch musikalisch aktiv.

Eigentlich haben sie jedoch die falschen Instrumente in den Händen. Denn in der irischen Musik benutzt man in der Regel nicht die klassischen Highland Pipes, deren beachtliche Lautstärke praktisch nur im Freien zu ertragen ist. Hier spielt man die kleineren Uilleann Pipes, die im Gegensatz zu ihrem bekannteren Vettern nicht mit dem Mund sondern durch einen mit dem Ellenbogen – nichts anderes bedeutet Uilleann nämlich auf Deutsch – bedienten Blasebalg mit Luft versorgt werden.

Damit kann man dann auch in geschlossenen Räumen Musik machen. Und das tun die Iren recht gerne. In praktisch keiner Ortschaft gibt es nicht mindestens einen Pub, in dem ab und zu kleine Konzerte gegeben werden. Neben den Uilleann Pipes werden dabei in unterschiedlichen Kombinationen auch Fiddles, Tin Whistles und Bodhráns – Fiedeln, kleine Blechflöten und Trommeln – verwendet.

Am Gerichtsgebäude vorbei geht es aus der Stadt hinaus Am Longford Arms Hotel schwenkt man nach links weg Auf der Strecke stehende Ordner teilen die Felder von Halb- und Vollmarathon

Das klassischste Instrument Irlands ist aber wohl die Harfe. Sie ziert nicht nur das Wappen des Landes sondern auch alle irischen Euro-Münzen. Und die schon erwähnte Billigfluglinie mit der aggressiven Werbung und den gelegentlich doch etwas zweifelhaften Geschäftsmethoden führt sie ebenfalls im Logo. Neben dem Kleeblatt, mit dem der heilige Patrick der Legende nach versucht hat, den damals noch heidnischen Iren die Dreifaltigkeit näher zu bringen, ist die Harfe das Symbol für die Insel. Und zwar schon seit Hunderten von Jahren.

Damit hängt auch die Tradition der keltischen Barden – die Figur des Troubadix aus den Asterix-Comics ist wohl hinreichend bekannt – zusammen. Als Sänger, Dichter und Geschichtenerzähler hatten sie eine wichtige Funktion an den Höfen der irischen Fürsten. Dass sie und ihre Schulen später von den über die Insel herrschenden Engländern verboten wurden, hat ihnen rückblickend nur noch größere Popularität verschafft.

Ein Volk von Sängern sind die Iren sicher geblieben. Doch ob die sieben Erfolge beim Schlager-Grand-Prix der Eurovision genau wegen oder nur trotz dieser Tatsache erzielt werden konnten, darüber kann man sicher trefflich streiten. Jedenfalls hat kein anderes Land den europäischen Gesangswettbewerb so oft gewonnen wie Éire.

Nach dem zweiten Passieren der Startlinie geht es nicht gleich wieder rechts ab sondern ein Stück auf der Hauptstraße weiter geradeaus bis zum Longford Arms Hotel. Und dort schwenkt man diesmal nach links weg auf die aus der Stadt hinaus führende N5 ein. Nur zwei Kreuzungen später teilen auf der Strecke stehende Ordner die beiden Felder von Halb- und Vollmarathon auch schon voneinander. Diese freiwilligen Helfer werden in Longford übrigens nicht wie vielerorts sonst im englischen Sprachraum als „Marshalls“ sondern deutlich freundlicher als „Stewards“ bezeichnet.

Noch zweimal werden die Halbmarathonis später auf den Kurs der Langstreckler einschwenken. Doch vorher müssen sie erst einmal in einer Zusatzschleife einen großen Haken schlagen, so dass selbst die Schnellsten gerade noch den Schwanz des Marathonfeldes erwischen. Und das zweite Zusammentreffen der Strecken geschieht dann auf dem Schlussabschnitt, wo deshalb die Verhältnisse der möglichen Begegnungen auch eher umgekehrt sind.

Viel schneller als gedacht sind die Außenbereiche erreicht. Wie viele irischen Städte dieser Größenordnung hat Longford einen dicht bebauten Kern entlang der Hauptstraße und verläuft sich dann ohne wirklich klar erkennbare Grenzen in die Landschaft hinaus. Selbst die Bahnlinie bringt keinen sauberen Schnitt. Denn auch nachdem man nun schon zum dritten Mal ihre Gleise gequert hat, gibt es am Straßenrand gelegentlich etwas Bebauung.

Nur einen Steinwurf von der Laufstrecke entfernt liegt zum Beispiel der Flancare Park, das Heimstadion des Longford Town F.C. Inzwischen spielt der Kleinstadtverein wieder in der zweiten Liga, die seltsamerweise in Irland „First Division“ heißt. Doch einige Jahre konnte sich der Club sogar in der ersten irischen Klasse, der „Premier Division“ halten. Und 2003 und 2004 – damals am Tag vor dem Dublin Marathon – gewann man sogar den irischen Pokal.

Auch international war man einige Male in der Qualifikation für den Europacup am Ball. Doch scheiterte man stets bereits in der ersten Runde. Einmal auch am FC Vaduz aus der „Fußballgroßmacht“ Liechtenstein. Sicher ein Beleg für das nicht wirklich hohe Niveau der irischen Liga, in der noch immer größtenteils Halbprofis aktiv sind. Wer von den irischen Kickern besser ist und sportlich mehr erreichen will, geht in der Regel nach England.

Ohnehin ist der beliebteste Fußballverein auf der grünen Insel höchstwahrscheinlich ausgerechnet Celtic Glasgow. Doch schließlich wurde dieser Club auch von auf das größere Eiland ausgewanderten Iren gegründet und führt stolz das Kleeblatt im Wappen. Die grüngestreiften Trikots des „keltischen“ Klubs dominieren jedenfalls im Angebote der Sportgeschäfte über alle anderen bunten Hemden der Konkurrenz.

Auf breitem Seitenstreifen läuft man in Richtung Westen Gaelic Footballer Niall Kilcrann mit seinen "Leibwächtern", die nach sechs Meilen den Shannon überqueren

Nicht allzu weit vom Stadion entfernt haben die Marathonis auch ihre erste Wasserstelle erreicht. Deren Anzahl ist zwar sogar deutlich zweistellig, womit man gerade zum Rennende hin eigentlich alle zwei bis drei Kilometer zu trinken bekommt, zumal ein paar offensichtlich private Versorgungstische das Netz noch verdichten. Doch die meisten Verpflegungsposten sind eben auch wirklich nur mit Wasser bestückt. Elektrolytgetränke hat im Schnitt höchstens jeder dritte im Angebot. Und auf Obst oder Riegel muss man, falls man nicht selbst vorgesorgt hat, sogar ganz verzichten.

Auch die nächste Streckenmarkierung ist passiert. Und die zeigt drei Meilen an. Dabei sind die Iren schon vor einiger Zeit komplett auf das metrische System umgestiegen. Und selbst die Straßenbeschilderung ist inzwischen – sowohl bezüglich Tempolimits wie auch im Hinblick auf Distanzen – komplett auf Kilometer umgestellt. Allerdings kann man gelegentlich noch auf Informationstafeln am Rand lesen, dass die Höchstgeschwindigkeiten eben nicht mehr in Meilen pro Stunde angegeben sind.

Vielleicht auch gerade deshalb, weil die Meile in Großbritannien zu den dort zäh verteidigten „imperialen Maßen“ gerechnet wird, haben sich die Iren für die in Kontinentaleuropa üblichen Einheiten entschieden. Da wo es geht, grenzt man sich nämlich schon ganz gerne von der früheren Kolonialmacht ab. Irland gehört ja auch – mit Ausnahme des aus dem Bund ausgeschlossenen Zimbabwe – als einziger in die Unabhängigkeit entlassener Bestandteil der früheren britischen Empire nicht zum Commonwealth.

Aber in den Köpfen dauert die Umstellung eben doch etwas länger. Und die mythische Zahl für Marathonläufer ist in Irland darum auch nicht 42,195. Dort wird noch immer die 26,2 hochgehalten. Und so paradox das auf den ersten Blick auch aussehen mag, einen echten Unterschied macht das im Endeffekt trotzdem nicht.

Ganz egal ob man lieber in Kilometern oder in Meilen denken möchte, gleich mehrere davon geht es immer geradeaus auf dem breiten Seitenstreifen der N5 in Richtung Westen. Auf der rechten Seite, um dem in Irland links fließenden Verkehr entgegen zu laufen. In dieser Beziehung hält man sich sehr wohl an die britischen Gewohnheiten.

So ganz traut man der Sache dann aber doch nicht. Oder die zunehmend größer werdende Zahl der an Rechtsverkehr gewöhnten Touristen aus Kontinentaleuropa und Nordamerika hat einfach schon zu viel Schaden angerichtet. Denn immer wieder begegnet man Schildern am Straßenrand, die in mehreren Sprachen daran erinnern, doch bitteschön links zu fahren. „Drive on left“, „Conduire à gauche“, „Links fahren“ kann man dort lesen. Ja, selbst im Mietwagen ist ein Aufkleber auf dem Armaturenbrett der das Ganze sogar noch in drei weiteren Sprachen verkündet.

Auch wenn man auf einer der wichtigsten Ost-West-Verbindungen des Landes unterwegs ist, wirklich unangenehm ist es nicht. Der Verkehr hält sich ziemlich in Grenzen. Und der Seitenstreifen ist von der Breite her eigentlich eine vollwertige Spur, so dass es auch kein Problem darstellt, einmal in Zweier- oder Dreierreihen nebeneinander zu laufen. Die Rollis haben aber dennoch ihre Radbegleiter dabei.

Radfahrer? Irland? Da war doch etwas? Richtig, es gibt doch ein paar international erfolgreiche irische Sportler. Stephen Roche zum Beispiel. Einer der beiden – der andere ist selbstverständlich Eddy Merckx – Radrennfahrer, die in einem Jahr die Tour der France, den Giro d’Italia und die Weltmeisterschaft gewinnen konnten. Oder Sean Kelly, der zur gleichen Zeit bei etlichen der wichtigsten Eintagesklassikern siegte. Wie lange das allerdings schon wieder her ist, belegt die Tatsache, dass inzwischen Nicolas Roche, der Sohn von Stephen, im Trikot des irischen Meisters über Europas Straßen rollt.

Tarmonbarry heißt das kleine Dörfchen auf der anderen Seite des Shannon Das Sträßchen, dem die Läufer folgen, ist für Irland charakteristisch, direkt neben der Fahrbahn wird es durch Hecken begrenzt Immer wieder stößt man auf verstreute Wohnhäuser

Es regnet noch immer, es schüttet manchmal sogar regelrecht. Zwar lässt sich die Behauptung nicht auf die Schnelle nachprüfen, doch selbst die regengewohnten Einheimischen sprechen davon, dass dieser Sommer wohl noch etwas nasser gewesen sei als üblich und es langsam wirklich genug wäre. Ein Blick auf die zum Teil eher wie Reisfelder aussehenden Wiesen am Straßenrand scheint diese Aussage zu bestätigen. Ihren Humor haben die Iren dennoch nicht verloren. Da schwärmt doch tatsächlich einer von einem “beautiful Irish summer day”.

Die Straße ist inzwischen längst im offenen Gelände angekommen. Nur noch ab und zu taucht einmal ein Haus auf. Obwohl das County Longford zu den kleinsten des Landes gehört, liegt es in der Bevölkerungsdichte noch unter dem irischen Durchschnitt. Denn man ist nicht nur flächenmäßig der viertkleinste Bezirk, auch nur ein County – das benachbarte Leitrim – hat noch weniger Einwohner. Keine vierzigtausend Menschen verteilen sich auf über tausend Quadratkilometer.

Das war vor nicht einmal zweihundert Jahren völlig anders. Denn zu dieser Zeit lebten dreimal so viel Iren in dieser Gegend. Und statt heute gut vier Millionen – bzw. unter Einbeziehung Nordirlands knappen sechs Millionen – hatte die grüne Insel damals weit mehr als doppelt so viele Bewohner. Kaum eine Region war zu jener Zeit dichter besiedelt.

Heute hat sich die Sache völlig umgekehrt. Denn abgesehen von Nord- und Osteuropa vermelden nur wenige Staaten des Kontinents weniger Personen pro Flächeneinheit. Selbst bei Einbeziehung der Weiten des europäischen Teils Russland liegen die Werte für Éire noch immer unter dem Gesamtdurchschnitt. Und nimmt man wieder den Vergleich zum wie bekannt ja gleich großen Bayern zu Hilfe, wird der Unterschied ziemlich deutlich. Denn im größten deutschen Bundesland leben über zwölf Millionen Bürger, also rund dreimal so viel wie in Irland.

Durch die britische Herrschaft über die Insel, die den meisten irischen Bauern nur die Rolle als Kleinpächter unter englischen Großgrundbesitzern ermöglichte, war Irland lange Zeit ein Auswanderungsland. Um der bitteren Armut in der Heimat zu entkommen, versuchten viele Iren sich eine neue Existenz in den britischen Kolonien aufzubauen.

Überall im einstigen Empire – egal ob in Nordamerika, Australien oder Neuseeland – gibt es deshalb einen großen Bevölkerungsanteil irischer Herkunft. Es ist sogar so, dass dort wesentlich mehr Menschen irischer Abstammung leben als in Irland selbst. Nicht nur wegen des selbst irisch stämmige Regisseurs John Ford ist der sture und trinkfeste Ire ja eines der beliebtesten Nebenmotive in Westernfilmen.

Doch auch außerhalb des früheren britischen Weltreiches trifft man auf irische Namen. Jahrhundertelang war es in Europa nämlich üblich in Irland Söldner anzuwerben. In vielen Kriegen insbesondere des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts kämpften auf beiden Konfliktseiten irische Regimenter, oft auch gegeneinander. Insbesondere in Frankreich gab es größere Einheiten von der Insel.

Viele Iren blieben nach dem Ende ihrer Dienstzeit dann hängen. Vor hundertfünfzig Jahren hieß zum Beispiel ein französischer General und späterer Präsident Patrice de Mac-Mahon. Und im fernen Chile führte fünfzig Jahre zuvor ein gewisser Bernardo O’Higgins das Land in die Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Spanien.

Der größte Einbruch in der Bevölkerung Irlands kam jedoch in den Jahren 1845 bis 1850, als eine Kartoffelkrankheit für mehrere Missernten hintereinander sorgte. Und diese Frucht war – weil billig und einfach anzubauen – das Hauptnahrungsmittel der irischen Kleinbauern. Das von ihnen ebenfalls angebaute Getreide musste dagegen größtenteils als Pachtzins an den englischen Großgrundbesitzer abgeliefert werden.

Hauptsächlich aus Weiden besteht die Landschaft

Die schweren Ernteausfälle weiteten sich schnell zu einer regelrechten Hungersnot aus, der nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen einer halben und einer ganzen Million Menschen aufgrund von Mangelernährung und Krankheiten zum Opfer fielen. Zwischen ein und zwei Million Iren flüchtete außerdem innerhalb weniger Jahre vor dem Elend in andere Länder. Das Wort „Famine“ bedeutet im Englischen zwar ganz allgemein „Hungersnot“, doch in Irland wird damit eigentlich nur genau diese Periode bezeichnet.

Das Verhalten der englischen Regierung in jener Zeit kann man kaum noch „zynisch“ nennen, „verbrecherisch“ wäre der vielleicht passendere Ausdruck. Denn aufgrund der herrschenden Ideologie des „laissez-faire“ unternahm man gar nichts, sondern ließ alles einfach laufen. Obwohl auf dem Land die Leute in Massen verhungerten, wurden anfangs sogar mehr Nahrungsmittel aus Irland exportiert als nach Irland eingeführt. Schließlich wollten die Eigentümer ja auch weiterhin Profit machen.

Erst als die notleidenden Menschen nicht mehr in der Lage waren, für die englischen Herren weiter zu arbeiten, wurden staatliche Suppenküchen eingerichtet, in denen man bald die Hälfte der Bevölkerung ernähren musste. Doch nachdem die Ernten wieder ein klein bisschen besser wurden, stellte man diese Unterstützung sofort wieder ein.

Die Armut blieb, doch die Einwohnerzahlen waren innerhalb nicht einmal eines Jahrzehnts um ein Drittel abgesunken. Extreme Auswüchse eines Wirtschaftsliberalismus in reinster Form. Und ein Grund für die Spannungen, die zwischen Iren und Briten zumindest unterschwellig noch immer existieren. Egoismus, Kälte und Rücksichtslosigkeit hinterlassen eben bleibende, tiefe Spuren. Insbesondere dann, wenn man an ihrer Stelle eigentlich Unterstützung, Verständnis und Mitgefühl erwartet hat.

Auch in der Folge verließen zahlreiche Iren ihre Heimat. Noch bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts sanken die Einwohnerzahlen immer weiter ab. Selbst die traditionell hohe Geburtenrate konnte die Abwanderung nicht ausgleichen. Weniger als drei Millionen Menschen lebten zu diesem Zeitpunkt noch in der Republik. Erst als es in den letzten Jahrzehnten – nicht zuletzt aufgrund des Beitritts zur EU im Jahr 1973 und den damit verbundenen Fördermitteln – auch mit der irischen Wirtschaft aufwärts ging, kehrte sich der Trend um. Inzwischen wächst die Bevölkerung wieder. Und es ziehen mehr Leute nach Irland als die Insel verlassen.

Nahezu eben sind Land und Straße in diesem Abschnitt. Abgesehen von einigen kleine Wellen im zweiten Teil der Distanz wird das auch so bleiben. Auch wenn die Strecke rund um Longford deshalb nicht wirklich eine Hochgeschwindigkeitspiste ist, dürften kaum mehr als zwanzig oder dreißig Meter zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Punkt liegen.

Wirklich typisch für Irland ist das allerdings keineswegs. Denn selbst wenn es manchen Vorstellungen ein wenig widersprechen mag, ist die Insel durchaus ziemlich bergig. Der Vergleich mit einer großen Schüssel ist vielleicht doch etwas zu oberflächlich, aber ein bisschen ist schon dran. Denn um eine nur von leichten Hügeln durchzogene Ebene im Landesinneren legt sich ein fast durchgängiger Ring bis knapp über tausend Meter aufragenden Berge.

Und zum Teil sind diese Gebirge von schon fast skandinavischer Karg- und Rauheit. Einsame, kahle, nur von zähen Gräsern bewachsene Hochflächen, durch die der harte Wind pfeift. Ausgedehnte, schützende Wälder, wie man sie in Deutschland in ähnlichen Höhenlagen vorfindet, sucht man meist vergeblich.

Überall im katholischen Irland begegnet man Kirchen In der Nähe der Halbzeitmarke nimmt die Bebauung langsam wieder zu Eine aus Feldsteinen gemauerte Bogenbrücke führt über den Shannon

Doch davon gibt es in Irland ohnehin ziemlich wenige. Die einst vorhandenen wurden größtenteils abgeholzt, um zusätzliches Weideland zu gewinnen. Auch wenn man bei der Fahrt durchs Land durchaus einmal einem Wäldchen begegnet, rollt man doch stets schnell wieder zwischen grünen Wiesen entlang. Weniger als ein Zehntel der Insel ist mit Bäumen bedeckt. Im deutschsprachigen Raum ist dagegen rund ein Drittel der Fläche bewaldet. Und nur sehr langsam greifen die Maßnahmen zur Aufforstung.

Im Westen und Südwesten des Landes gehen die Höhenzüge zudem praktisch direkt in den Atlantik über und formen an manchen Stellen dramatische Steilküsten. Nahezu senkrecht stürzen zum Beispiel die Cliffs of Moher zweihundert Meter tief zum Meer hin ab. Und etwas weiter im Norden wachsen die Slieve League genannten Berge zwar nicht ganz so steil aber dafür rund sechshundert Meter hoch aus dem Wasser des Ozeans. Man muss schon nach Norwegen blicken, um in Europa noch spektakulärere und höhere Klippen zu entdecken.

Zwischen diesem gebirgigen Rahmen windet sich der Shannon als längster irischer Fluss von Nord nach Süd und sucht nach einer Öffnung, durch die er das Meer erreichen kann. Wie flach das von ihm durchquerte Landesinnere ist, wird auch deutlich, wenn man den Höhenunterschied kennt, den er auf seinem ungefähr vierhundert Kilometer langen Weg von der Quelle zur Mündung überwindet. Das sind nämlich gerade einmal sechsundsiebzig Meter.

Ein Stück hinter der sechsten Meile machen die Marathonis seine Bekanntschaft. Sie überqueren ihn sogar. Doch größere Steigungen müssen dabei nicht überwunden werden. Eine richtige Brückenrampe gibt es eigentlich nicht. Mehr oder weniger eben verläuft die Straße ans andere Ufer. Denn große Schiffe kommen hier nicht durch.

Obwohl der Fluss früher durchaus eine wichtige Bedeutung als Transportweg hatte, dient er heute hauptsächlich Freizeitkapitänen als Revier. Das liegt zum einen an seinem Verlauf, der sich in Nord-Süd-Richtung quer zu allen Verkehrsrouten und völlig abseits aller wichtigen städtischen Zentren befindet. Und zum anderen an seiner Wassertiefe, die an manchen Stellen weniger als einen Meter beträgt. Immerhin lässt sich ein Teil der Brücke für den Fall der Fälle nach oben klappen.

Tarmonbarry heißt das kleine Dörfchen auf der anderen Seite des Shannon. Einige hundert Einwohner, dazu gleich mehrere Pubs direkt an der Hauptstraße. Und zudem der erste Wechselpunkt für die Staffeln. Vier Läufer gehören dazu. Doch gleichlang sind die Strecken nicht. Abgelöst wird in den drei durchlaufenen Ortschaften.

Dort sind dann auch die Zuschauerschwerpunkte. Falls man bei einigen Handvoll Rennbegleitern, die zum Teil auch noch mit dem Auto ihren Läufern hinterher fahren, wirklich von Schwerpunkten sprechen will. Ansonsten nimmt die Bevölkerung höchstens wohlwollend Notiz vom Marathon. Einige stehen immerhin am Zaun und betrachten sich eine Zeit lang das Geschehen. Und in ein paar Fällen wird man an der Strecke auch noch Anwohnern begegnen, die sich eine Bank oder Stühle dazu hingestellt haben.

Doch natürlich ist ein Lauf über die – dann auch noch recht kleinen – Dörfer in Bezug auf Partystimmung nicht mit einem Stadtmarathon zu vergleichen. Nur im Start- und Zielbereich, an dem man ja immerhin dreimal vorbei kommt, ist tatsächlich etwas mehr los. Doch dafür ist das Interesse der wenigen Betrachter ehrlich. Und ein paar persönliche Worte zur Anfeuerung oder Aufmunterung bewirken oft mehr als lautes Gekreische und hämmernde Musik aus den Boxen.

Die aus Feldsteinen gemauerte Bogenbrücke führt über den Shannon Die Zahl der Wasserstelle ist deutlich zweistellig

Mit dem Überqueren der Brücke hat man nicht nur die Flussseite sondern auch das County gewechselt. Statt in Longford läuft man nun im ebenfalls nach seiner Hauptstadt benannten County Roscommon. Und sogar die Provinz ist eine andere. Davon hat Irland vier, die in ihren Ausdehnungen ungefähr den vier frühen Königreichen entsprechen, die es einst auf der Insel gab.

Für die Verwaltung haben sie eigentlich keine Bedeutung. Zwischen dem Gesamtstaat und den Countys gibt es politisch keine Einheit mehr. Doch nahezu alles wird erst einmal nach Provinz und erst dann nach County aufgelistet. Im Sport sind sie ebenfalls nach wie vor ziemlich wichtig. Es gibt in praktisch allen Sportarten Provinzmeisterschaften. Und in der Celtic League – einer professionellen Rugby-Liga – spielen neben Teams aus Edinburgh und Glasgow sowie vier Mannschaften aus Wales auch die Vertretungen der vier irischen Provinzen.

Von Leinster im Osten ist man nach Connacht im Westen hinein gelaufen. Die südwestliche Ecke der Insel nimmt Muster ein. Und den nördlichen Teil deckt Ulster ab. Wobei man gleich mit dem weitverbreiteten Missverständnis aufräumen muss, dass Ulster mit Nordirland gleich zu setzen wäre. Das ist nämlich keineswegs so.

Von den ursprünglich neun Countys der Provinz bilden nur sechs diesen hauptsächlich durch den – im Englischen als „troubles“ bezeichneten – Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten bekannten Teil des Vereinigten Königreichs. Cavan, Donegal und Monaghan blieben dagegen, als die Insel 1922 geteilt wurde, beim irischen Freistaat.

Dem Vorausgegangen war ein längeres Ringen um die Unabhängigkeit von der britischen Krone. Zuerst einmal auf friedlichem Weg versuchten die Iren Ende des neunzehnten Jahrhunderts ihre im Mittelalter verlorene Selbstständigkeit wieder zu erlangen. Das eigentlich schon fertige Gesetz, mit dem eine eigene irische Regierung innerhalb des Königreichs eingeführt werden sollte, wurde allerdings wegen des gerade ausgebrochen Ersten Weltkriegs nicht umgesetzt.

Ostern 1916 versuchten die Iren dann mit einem bewaffneten Aufstand, die Briten zu vertreiben. Die schlecht vorbereitete Aktion, bei der in Dublin zentrale Punkte besetzt werden sollten, wurde allerdings schnell niedergeschlagen. Über tausend Opfer forderten die Kämpfe im Stadtzentrum insgesamt. Irische Aufständische, britische Soldaten und auch völlig Unbeteiligte, die durch Zufall in die Geschichte hinein geraten waren. Etliche der Anführer kamen danach in Haft, über ein Dutzend von ihnen wurde hingerichtet.

Die Besetzung des Hauptpostamtes, das als Hauptquartier diente und als längstes – ganze fünf Tage – verteidigt werden konnte, wird trotz seines völligen Scheiterns allerdings heute oft verklärt und ist fast so etwas wie der Gründungsmythos der Republik Irland. Und die Rebellen gelten als Helden, deren Opfergang die Bevölkerung erst wachgerüttelt und damit die Loslösung von Großbritannien ermöglicht hätte.

Bei der nächsten Unterhauswahl 1918 gewannen die irischen Nationalisten fast alle Sitze auf der grünen Insel. Anschließend weigerten sie sich – wie im Vorfeld bereits angekündigt – nach London zu gehen, sondern formierten sich als Dáil Éireann, als irisches Parlament, und erklärten einseitig die Unabhängigkeit. Unter Éamon de Valera, den man zwar nach dem Osteraufstand ebenfalls zum Tode verurteilt hatte, der seiner Hinrichtung aber entging, weil er in den USA geboren und damit auch amerikanischer Staatsbürger war, entstand eine von den Briten nicht anerkannte irische Parallelregierung.

Die kleine Häusergruppe auf der anderen Seite heißt Knockmacrory Gelegentlich haben sich Anwohner ein paar Stühle an die Strecke gestellt Selbst Iren würden das schmale Asphaltband bei Meile 18 kaum noch als richtige Straße bezeichnen, es ist die wohl schönste Passage der gesamten Strecke

Die folgende Phase wird zwar in der Geschichtsschreibung meist als Anglo-Irischer Krieg oder Irish War of Independence bezeichnet. Doch waren die Auseinandersetzungen der Jahre 1919 bis 1921 eher ein Guerillakampf mit Anschlägen und Gegenanschlägen als ein offenes militärisches Aufeinandertreffen. Auch die Iren taten sich dabei nicht durch das Nutzen von Samthandschuhen hervor. Der Übergang vom Opfer zum Täter ist oft ziemlich fließend

Auch wenn man heute das Kürzel IRA hierzulande eigentlich nur mit einer Terrorgruppe in Verbindung bringt, meint man in Irland mit „Irish Republican Army“ eher den Freiwilligenverband, der mit ständigen Überfällen auf militärische Ziele, die Briten schließlich an den Gesprächstisch brachte. Die nordirische Organisation beruft sich jedoch selbstverständlich auf den gleichnamigen Vorgänger. Und wirklich unterschiedlich sind die Methoden bei nüchterner Betrachtung dann auch gar nicht.

Nach zähen Verhandlungen kam man schließlich überein, Irland eine ähnliche Rolle zuzugestehen wie Kanada, Australien, Neuseeland und Südafrika. Als sogenanntes Dominion sollte man zwar unter dem Dach des Königreiches bleiben, jedoch einen weitgehend eigenen Staat bilden. Die weitergehenden Forderungen nach der Errichtung einer irischen Republik wurden vorerst nicht erfüllt. Doch der erste Schritt zur Unabhängigkeit war gemacht. Und in den nächsten Jahrzehnten löste sich Irland immer weiter von Großbritannien.

Auf die sechs nordöstlichen Grafschaften mussten die Iren im Anglo-Irischen Vertrag verzichten. Die dortige protestantische Mehrheit wollte vom neu entstandenen Freistaat nichts wissen. Paradoxerweise waren die sogenannten Unionisten genau deshalb dort so stark, weil die Region sich lange Zeit besonders widerspenstig gegenüber der englischen Herrschaft gezeigt hatte. Deshalb wurden dort vor allem im siebzehnten Jahrhundert verstärkt Kolonisten aus Großbritannien angesiedelt.

Erst durch diese „Ulster Plantation“ war die Basis zum Nordirlandkonflikt gelegt. Denn im Gegensatz zu früheren englischen Siedlern gingen die „Pflanzer“ nicht in der irischen Bevölkerung auf, sondern bildeten als eigenständige Gemeinschaft mit protestantischer und britischer Identität die neue Oberschicht. Die Auseinandersetzungen drehen sich deshalb bei weitem nicht nur um die Religion, auf die sie im Ausland oft reduziert werden. Sie haben vielmehr ethnische, soziale und politische Aspekte. Und wie bei nahezu allen Konflikten wird das Zerwürfnis ohne Verständnis für und von der anderen Seite kaum lösbar sein.

Im Sport kann man sich trotz aller Spannungen dennoch irgendwie zusammen raufen. Nicht nur in Nordirland selbst, auch über die Grenze hinaus. Denn das Team von Ulster Rugby in der Celtic League bezieht seine Unterstützung zum Beispiel sowohl aus den zum Königreich wie auch aus den zur Republik gehörenden Countys. Es gibt im Rugby sogar einen gemeinsamen Verband und eine einzige Nationalmannschaft, die unter dem Zeichen des Kleeblatts beide Teile der Insel zusammen vertritt.

Gerade hat man dabei den Six Nations Cup der führenden europäischen Rugby-Nationen gewonnen, an dem außer Irland und den drei britischen Teams noch Frankreich und Italien beteiligt sind. Den Iren gelang dabei ein glatter Durchmarsch. Sie siegten bei all ihren fünf Spielen. Es gibt also durchaus erfolgreiche irische Athleten. Nur betreiben sie Sportarten, die man hierzulande nicht wahrnimmt.

Die Hälfte des Schlussabschnitte gehört in die Kategorie "landschaftlich schön" Über den Läufer schlagen die Bäume zusammen und bilden regelrecht einen grünen Tunnel

Ein wenig unübersichtlich sind die Sportstrukturen der grünen Insel schon. Denn im Gegensatz zum Rugby existieren beim Fußball ja sehr wohl zwei Verbände, zwei getrennte Ligen und zwei Nationalteams. Andererseits spielt der Club Derry City, aus der nordirischen, jedoch mehrheitlich katholischen Stadt, die von den Unionisten „Londonderry“ genannt wird, in der Premier League der Republik mit.

Probleme mit dem Grenzübertritt hat man dabei nicht. Kontrollen gibt es zwischen dem Norden und dem Süden nämlich keine. Doch genau dieses „Common Travel Area“ verhindert den Beitritt der Republik zum Schengener Abkommen. Denn will man die Grenzen nach Nordirland offen halten kann man das nur gemeinsam mit den – gegenüber der Aufgabe jeglicher Souveränitätsrechte bekanntlich äußerst skeptischen – Briten.

Und bisher haben sich die Iren in dieser Hinsicht für ihre Landsleute im Norden und gegen Europa entschieden. Angesichts ihrer ungewöhnlichen, wechselvollen Geschichte und den daraus entstandenen Gegebenheiten vollführt die Republik einen ständigen Eiertanz zwischen extremer Abgrenzung und besonderer Nähe zum großen Nachbarn. Von strengen Einreisekontrollen für Touristen vom Kontinent kann auf der grünen Insel allerdings auch nicht wirklich die Rede sein.

Nur noch wenige hundert Meter bleiben die Marathonis auf der anderen Seite des Shannon auf der N5, dann biegen sie nach rechts in ein Seitensträßchen ein. Verstreute Wohnhäuser begleiten sie aber noch ein ganzes Stück an Meile sieben vorbei. Auch Tarmonbarry tröpfelt regelrecht in die das Dörfchen umgebende Landschaft hinaus

Noch einmal zweigt die Strecke nach rechts ab. Es ist eine jener eigentlich typisch irischen Einmündungen, an denen sich irgendwo im Gelände mehrere der mit einem „R“ gekennzeichneten Regionalstraßen treffen. Ein Schilderbaum zeigt die Nummern und ein paar Dorfnamen an. Doch absolut verlassen sollte man sich nicht darauf. Ein zusätzlicher Blick auf die Karte ist an solchen Ecken durchaus ratsam.

Gelegentlich braucht man in dem nicht immer übersichtlichen Gewirr sogar fast detektivische Fähigkeiten, um den richtigen Weg zu entdecken. Manchmal sind die Richtungspfeile so zugewachsen, dass man sie erst im letzten Moment – oder auch einmal gar nicht – erkennt. Oder sie sind geknickt, verbogen oder verdreht und deuten in Richtungen, in die nun wirklich überhaupt keine Straße führt.

Und klar und deutlich kann man die Beschilderung nun auch nicht gerade nennen. Denn alle Schilder sind gleich doppelt beschriftet. Oben mit ein wenig schnörkeliger und kursiver Schrift in Irisch, darunter steht mit nüchternen geraden Druckbuchstaben – allerdings meist ein wenig größer – der Name des Ortes noch einmal auf Englisch.

Als wäre das bei einem kurzen Blick nicht schon verwirrend genug, lesen sich viele der Bezeichnungen dann auch noch ziemlich ähnlich. Während man im Deutschen Begriffe wie „-bach“, „-tal“, oder „-berg“ hinten an den Namen anfügt, werden sie im Irischen in der Regel vorangestellt. So wimmelt es dann auch von Dörfern und Städten, die mit „Bally-“, „Drum-“ oder „Kill-“ beginnen. Eigentlich schreibt man das in der offiziellen Landessprache „Béal“, „Droim“ und „Cill“ und meint damit eine als Namensgeber dienende Flussmündung, eine Hügelkette oder eine Kirche.

Der blinde Paul Watts mit Begleitläufer John Dawson Da sind sie wieder, der Gaelic Footballer Niall Kilcrann mit seinen "Leibwächtern" auf der Umgehungsstraße Auf der Umgehungsstraße läuft man auf Longford zu

Wenn man nun allerdings glaubt, wenigstens Longford sei eine aus dem Englischen stammende Bezeichnung, ist man auf dem Holzweg. Mit einer „lange Furt“ hat das nichts zu tun. Ursprung sind vielmehr die irischen Worte „long“ für Schiff und „phoirt“ für Hafen oder Dock. Damit bezieht man sich auf ein Lager der im Mittelalter immer wieder die Insel plündernden Wikinger. „An Longfort“ steht heute als keltische Variante auf den Schildern. Eigentlich kann man das recht deutlich identifizieren. Jedenfalls besser als das „Baile Átha Cliath“, unter dem stets – und anfangs völlig überraschend – „Dublin“ auftaucht.

Auch das Sträßchen, dem die Läufer nun auf dem zweiten Streckenviertel folgen werden, ist eigentlich für Irland charakteristisch. Denn an die Straßen der Insel muss man sich erst einmal gewöhnen. Eng sind sie, unübersichtlich und kurvig. Die Regionalstraßen sowieso, aber manchmal sogar die nationalen Routen. Einige sind kaum breiter als deutsche Feldwege und oft ist auch der Belag kaum besser.

Dazu werden sie nahezu überall direkt neben der Fahrbahn durch Hecken und die für Irland so typischen Feldsteinmauern begrenzt, was seitliches Ausweichen kaum möglich macht und einem bei der Begegnung mit einem Lastwagen schon einmal den Notschweiß auf die Stirn treiben kann. Die Sicht verbessern diese meterhohen dichten grünen Wände ebenfalls nicht gerade. Manchmal sind gerade einmal fünfzig Meter bis zur nächsten Kurve einsehbar.

Und angesichts der Tatsache, dass immer wieder einmal auch jene Schafe, deren Weiden die Hecken eigentlich abgrenzen sollen, sich nicht an die Vorgaben halten und auf der Fahrbahn herumstolzieren, wirkt es gelegentlich fast schon wie ein Hohn, wenn beim Erreichen eines Dorfes ein Schild mit einer „50“ den Verkehr auf die innerörtliche Höchstgeschwindigkeit herunter bremsen soll. Denn oft kann man auf diesen Strecken ein solches Tempo eigentlich gar nicht erreichen, ohne Kopf und Kragen zu riskieren, geschweige denn überschreiten.

Selbst zu Sehenswürdigkeiten, die in anderen Ländern mit bustauglichen Pisten angesteuert würden, kurbelt man sich in Irland zum Teil auf kleinen Gässchen. Doch hat man sich erst einmal an diese Art des Fahrens gewöhnt, kann die langsamere Art des Vorankommens, bei der man weitaus mehr Eindrücke sammelt als beim Vorbeirasen auf irgendwelchen Autobahnen, durchaus Spaß machen.

Die Straße hinüber nach Roosky, dem nördlichsten Punkt des Marathonkurses, ist dann allerdings doch nicht ganz so extrem wie die ausgeprägtesten Vertreter dieser Gattung. Ein wenig breiter, ein wenig gerader als die wilden Achterbahnen, die sich in den Bergen durch eine solche Straßenführungen ergeben, verläuft sie ohne größere Höhenunterschiede durch die Shannon-Ebene.

In der Nähe der Halbzeitmarke nimmt die Bebauung langsam wieder zu. Man hat die Außenbezirke von Roosky erreicht. Allerdings ist ein solches Wort bei einem Dörfchen mit wenigen hundert Einwohnern vielleicht doch fast schon zu vermessen. Und wenig später biegen die Marathonis dann auch in den eigentlichen Ortskern ein. Entlang der Hauptstraße verläuft der Kurs und die meisten der weit verstreuten Marathonläufer nutzen den Bürgersteig, um den nun doch wieder gelegentlich auftauchenden Autos aus dem Weg zu gehen.

Wer genau hinsieht, dem fällt auf, dass an einigen Häusern oder Zäunen blau-gelbe Fahnen und Fähnchen aufgehängt sind. Die irischen Countys haben zwar keine offiziellen Flaggen, doch haben sie ihre jeweils eigenen Farben. Sie orientieren sich an den Trikots der Regional- Mannschaften in den sogenannten gälischen Sportarten. Die Gaelic Athletic Association, deren Verband, hat sie für die Vergleiche zwischen den Countys festgelegt. Und sie haben sich landesweit durchgesetzt.

Direkt am Stadteingang ist die fünfundzwanzigste Meile beendet An den Eingängen von Longford erinnern große Tafeln an den Marathon

Irische Disziplinen sind zum Beispiel Gaelic Football, ein praktisch nur auf der Insel bekanntes Spiel, das Elemente von Fußball, Handball und Rugby verbindet. Oder Hurling, das entfernt an Hockey erinnert, bei dem man den Ball mit eher einer Keule ähnelndem Schläger durch die Luft drischt. Da es bei beiden Spielen doch ziemlich rustikal zugeht, gibt es für die Damen auch entschärfte Versionen.

In etlichen Vereinen werden diese Sportarten betrieben. Und das Fernsehen – insbesondere natürlich das gälischsprachige, das außer ein paar Dokumentationen sonst ja kaum Sendematerial hat – überträgt viele Begegnungen live. Sportbegeistert sind die Iren vielleicht doch. Nur betreiben sie eben manchmal Disziplinen, von denen man außerhalb ihres Landes noch nie gehört hat.

Der Grund für den Fahnen-Schmuck ist die gerade stattfindende nationale Meisterschaft im Gaelic Football. Neben den Countys der Republik nehmen selbstverständlich auch Teams aus dem Norden teil. Und sogar Mannschaften von ausgewanderten Iren aus London und New York haben noch immer Startberechtigung, sind aber natürlich chancenlos. Das Finale gehört zu den wichtigsten Sportereignissen im Land und wird im Croke Park von Dublin, dem mit einem Fassungsvermögen von über achtzigtausend Zuschauern größten irischen Stadion, ausgespielt.

Doch obwohl man damit zu den führenden Sportarenen in Europa gehört, fand erst 2007 das erste Fußballspiel darin statt. Denn die GAA ist nicht nur ein Sportverband, sondern hat durchaus auch eine politische Seite. Lange wurde sie von irischen Nationalisten dominiert. Und die hatten im Regelwerk festgelegt, dass nur gälische und keine ausländischen – gemeint waren eigentlich hauptsächlich die englischen Sportarten Fußball, Rugby und Cricket – Disziplinen auf ihren Anlagen stattfinden dürften. Bis in die Siebziger war sogar jedes Mitglied, das beim Betreiben eines nichtirischen Sports ertappt wurde, vom sofortigen Ausschluss bedroht.

Erst als das für Rugby- und Fußballmatches benutze Stadion an der Lansdowne Road komplett umgebaut wurde und den Nationalteams damit keine Spielstätte zur Verfügung gestanden hätte, ließ sich der gälische Verband nach langen Diskussionen erweichen. Doch abgeschafft ist die Regel nicht, man hat sie nur kurzzeitig ausgesetzt. Mit der Fertigstellung der neuen Arena wird der Croke Park für die Kicker wieder tabu sein.

Auch Niall Kilcrann spielt Gaelic Football. Und er versucht sich am Longford Marathon. Damit er dabei nicht alleine ist, sondern ständig Gesellschaft hat, sind vier seiner Teamkameraden zudem als Staffel gemeldet. In ihren Trikots von den Kilglass Gaels treten sie an. Und dank eigenes Begleitfahrzeugs sind sie nicht einmal auf die offiziellen Wechselstellen angewiesen. So hat Niall dann gelegentlich nicht nur den gerade eingesetzten Staffelläufer als Gesprächspartner bei sich, sondern ein ganzes Quartett aus gelb gekleideten „Leibwächtern“ um sich herum.

Kurz vor dem Ende fängt man sich auf einem aufgeweichten Pfad noch dreckige Schuhe ein Mehrere "Stewards" helfen den ankommenden Läufern über die Straße Die letzte Meile wird ausnahmsweise links gelaufen

Der gute Niall wird die Hilfe und Unterstützung seiner Freunde noch gut gebrauchen können. Denn nachdem er bei Halbzeit noch in weniger als zwei Stunden durchgeht, wird er sich am Ende haarscharf – nämlich ganze drei Sekunden – unter fünf Stunden ins Ziel quälen. Seine Kameraden werden ihm dabei ganz alleine den Vortritt lassen und mit etwas Rückstand über die Linie laufen. Dass inzwischen die erste Ziffer der Uhr umgesprungen sein wird, ist ihnen genauso egal wie ihr letzter Platz in der Staffelwertung. Nicht immer sind Sekunden das wichtigste.

Drüben auf der anderen Seite des nun wieder zu überquerenden Shannon wäre auch für die gälischen Fußballer die zweite Wechselzone. Eine aus Feldsteinen gemauerte Bogenbrücke führt dorthin. Das ist alles andere als eine Seltenheit. Die meisten Flussüberführungen in Irland sehen noch so aus. Altehrwürdig wirkende Bauwerke, die noch nicht von modernen Zweckbauten verdrängt wurden. Und immer wieder beliebte Fotomotive für Touristen.

Von ähnlichem Typ, jedoch etwas kleiner sind und meist nur mit einem Bogen versehen auch die One Lane Bridges, die auf den Nebenstraßen die vielen Bäche und Gräben überqueren, von denen die nicht nur grüne sondern eben auch nasse Insel durchzogen ist. Spätestens an diesen Engstellen, ist dann endgültig Warten auf den Gegenverkehr angesagt.

Wo die Shannon-Brücke endet, ist nicht mehr Roosky. Die kleine Häusergruppe heißt Knockmacrory. Denn der Fluss ist auch an dieser Stelle Countygrenze. Allerdings liegt auf der anderen Seite auch erst einmal nicht Longford, wie eigentlich zu erwarten wäre, sondern Leitrim, der dritte vom Lauf berührte Bezirk. Den wird man jedoch recht zügig wieder verlassen. Schließlich wechselt man in der Nähe des Dreiländerecks ans gegenüberliegende Ufer.

Nicht allzu weit entfernt stoßen auch drei Provinzen aufeinander. Leitrim ist wie Roscommon Teil des westlichen Connacht. Doch keine zwanzig Kilometer nordöstlich grenzt das wirklich ziemlich zentral gelegene Longford auch an County Cavan. Und das gehört wie schon erwähnt obwohl Bestandteil der Republik ja zu Ulster, dessen komplette Wiedereingliederung in einen irischen Gesamtstaat lange Bestandteil der irischen Verfassung war. Erst mit dem Karfreitagsabkommen zur Beilegung des Nordirlandkonflikts wurde der Passus, dass die ganze Insel „ein Staatsgebiet“ sei, gestrichen.

Auch wegen der Abtrennung der nördlichen sechs Countys war es nach der Unterzeichnung des Anglo-Irischer Vertrages in den Jahren 1922 und 1923 zu einem Bürgerkrieg zwischen zwei Fraktionen der Unabhängigkeitsbewegung gekommen, der am Ende mehr Opfer fordern sollte als der Kampf um die Loslösung von Großbritannien. Die radikalen Republikaner und extremen Nationalisten störten sich auch daran, dass der britische König aufgrund der Übereinkunft nach wie vor Staatsoberhaupt und Irland damit Bestandteil des Empire bleiben sollte.

Nachdem das Abkommen mit knapper Mehrheit vom Dáil Éireann angenommen worden war, verließen die Vertragsgegner angeführt von Éamon de Valera das irische Parlament. Sie erklärten die Vereinbarung und die sich darauf berufende neue Regierung nicht anzuerkennen. Bald darauf kam es zu ersten bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den allgemein als „pro-treaty“ und „anti-treaty“ bezeichneten Seiten.

Die letzte Meile wird ausnahmsweise links gelaufen Feldsteinmauern sind typisch für Irland

Besonders bitter erscheint, dass die Hauptpersonen de Valera und Michael Collins, während des Unabhängigkeitskrieges einmal gute Freunde waren. Nachdem die erste Gespräche mit den Briten, an denen de Valera teilnahm, keine Ergebnisse gebracht hatte, wurde zu den offiziellen Verhandlungen eine Delegation unter Arthur Griffith und Michael Collins geschickt.

Vermutungen, dass de Valera davon ausging, mit seine Maximalforderungen nicht durchzukommen und er deshalb andere vorschickte, sind immer wieder geäußert worden. Collins dürfte sich jedenfalls ziemlich ausgenutzt, missbraucht und betrogen gefühlt haben, als de Valera den von ihm ausgehandelten und unterschriebenen Vertrag anschließend so vehement bekämpfte.

Doch ahnte er wohl auch, was noch kommen würde. Angeblich hätte er, als einer seiner britischen Verhandlungspartner anmerkte, mit dem Vertrag habe Collins vielleicht sein politisches Todesurteil unterschrieben, geantwortet, dass das vermutlich eher sein reales Todesurteil sei. Nur neun Monate später wurde Michael Collins in einem Hinterhalt von Vertragsgegnern erschossen.

Beide Konfliktparteien gingen mit äußerster Brutalität vor. Der Bürgerkrieg wurde zu einer Serie von Gräueltaten. Morde an Politikern der Gegenseite waren an der Tagesordnung. Gefangene wurden oft ohne Gerichtverhandlung einfach hingerichtet. Auch mit britischer Unterstützung durch Waffenlieferungen erkämpfte sich die Regierung des neuen Freistaates jedoch bald die Oberhand. Und nach einem Dreivierteljahr beendeten die letzten radikalen Republikaner das sinnlose Blutvergießen.

Tiefe Narben blieben und bestimmten lange Zeit die irische Politik. Und noch heute stellt sich deshalb die Parteienlandschaft ein wenig anders dar als in den meisten anderen europäischen Ländern. Denn nicht das übliche Rechts-Links-Schema dominiert auf der grünen Insel. Ideologische Unterschiede zwischen den beiden größten Parteien Fianna Fáil und Fine Gael gibt es eigentlich keine. Beide stehen eher im konservativen Lager. Was sie unterscheidet ist vielmehr die Tradition, die sich eben auf Vertragsgegner und Vertragsbefürworter zurückführen lässt.

Eamon de Valera übernahm 1932 mit der von ihm gegründeten Fianna Fáil – was übersetzt ungefähr „Soldaten des Schicksals“ bedeutet – die Regierung. Bis 1948 behielt er das Amt des Taoiseach, übernahm es später noch zwei weitere Male und wurde anschließend für vierzehn Jahre Präsident der Republik Irland.

In dieser Zeit führte er das Land Schritt für Schritt zur vollen Unabhängigkeit. Im Jahr 1949 wurde Irland endgültig zur Republik. Ganz im Sinne von Collins, der nach der Vertragsunterzeichnung von der „Freiheit zum Erreichen der völligen Freiheit“ gesprochen hatte. Später ließ sich de Valera auch einmal zu der Bemerkung herab, dass die Übereinkunft vielleicht doch gar nicht so schlecht und eine Hilfe gewesen wäre. Für Michael Collins kam diese Erkenntnis zu spät.

Direkt hinter der Brücke schwenkt der Marathonkurs wieder nach Süden und folgt dem Shannon flussabwärts. Die belaufene Straße führt im Gegensatz dazu allerdings erst einmal ein wenig aufwärts. Die zweite Hälfte der Strecke ist zwar nicht wirklich bergig, aber der eine oder andere irische Hügel muss nun schon erklommen werden. Doch vielleicht spürt man die mit zunehmender Distanz auch einfach nur mehr.

Die letzte Meile Der Kirchturm gehört zur St. John's Church

Nach wenigen hundert Metern lenkt ein „Steward“ das Feld jedoch gleich wieder in einen kleinen Weg hinein. Und die nächsten vier Meilen sind die wohl schönste Passage der gesamten Strecke. Selbst die an einiges gewohnten Iren würden das schmale Asphaltband, das sich da zwischen Hecken, Wiesen und kleinen Wäldchen hindurch windet, kaum noch als richtige Straße bezeichnen. Auch wenn es sogar noch das eine oder andere Haus gibt, das man über diese Piste anfahren muss, zwei Autos bekommt man auf ihr an den meisten Stellen definitiv nicht mehr aneinander vorbei.

Richtig idyllisch sind diese Kilometer. Manchmal schlagen die Bäume hoch über den Läufer zusammen und bilden regelrecht einen grünen Tunnel. Oder es öffnen sich kurze Blicke hinüber zum Shannon, der sich an dieser Stelle langsam zum Lough Forbes weitet. Immer wieder bildet der träge in der Ebene dahin fließende Strom nämlich kleine und größere Seen. Lough Forbes gehört eher noch zu den kleineren.

Doch Lough Ree südlich von Longford ist eine der größten Wasserflächen der Insel. Und auch dort gibt es wie an vielen anderen Seen – der bekannteste von ihnen ist natürlich Loch Ness – Berichte über ein See-Ungeheuer.

Die Ähnlichkeit dieser anscheinend überall verbreiteten Mythen ist schon frappierend. Ob sich irgendwelche schlechte Erinnerungen aus grauer Vorzeit so ins Gedächtnis der Menschen eingebrannt haben, dass sie durch solche Geschichten immer wieder einmal nach oben gespült werden? Oder ob es Ungeheuer am Ende vielleicht doch gibt?

Dem schönsten Abschnitt folgt der unangenehmste Teil des Kurses. Denn nach dem Einbiegen auf die N4 bei Meile neunzehn, wird aus der Ruhe und Stille des schmalen Feldweges die Hektik einer viel befahrenen Straße. Es mag vielleicht nur am starken Kontrast liegen, doch irgendwie scheint der Verkehr diesmal dichter zu sein als auf der N5 im ersten Teil des Marathons.

Wieder geht es einen Seitenstreifen entlang. Nur an den wenigen Einmündungen achten Streckenposten auf die Läufer. Regelmäßig aufgestellte Schilder mit der Aufschrift “Race in Progress” sollen ansonsten die Autofahrer zur Vorsicht und Rücksichtnahme anhalten, was auch einigermaßen problemlos funktioniert. Polizei sieht man unterwegs dagegen fast keine. Hauptsächlich in den Ortschaften und insbesondere in Longford selbst regeln sie ein wenig das Zusammenspiel zwischen Marathonis und Fahrzeugen.

„Garda“ heißt die Polizei in Irland. Auch „Gardaí“, was übersetzt „die Polizisten“ bedeutet, wird als Bezeichnung in der Umgangssprache oft verwendet. Das englische „Police“ benutzt man dagegen eigentlich nie. Denn „Garda“ ist einer jener seltenen Begriffe aus dem Irischen, die sich bei allen Iren durchgesetzt haben, ganz egal ob sie der Sprache ansonsten mächtig sind oder nicht.

Wie die Streifenpolizisten beim ungeliebten großen Nachbarn sind die irischen Beamten – bis auf wenige Ausnahmen zum Beispiel in den Kriminalabteilungen – völlig unbewaffnet. Man setzt mehr auf moralische Autorität. Höchstens ein Schlagstock ist üblich. Welch ein Unterschied zu ihren amerikanischen Kollegen, deren martialische Ausrüstung manchmal eher an Soldaten einer Spezialeinheit erinnert.

Rund drei Meilen, also ungefähr fünf Kilometer folgt man der Hauptstraße. Erst Newtown Forbes, die nächste und letzte Ortschaft, die man bei Meile 22 erreicht, darf man dann wieder auf einem jener schon bekannten Seitensträßchen verlassen. Hier ist auch die dritte und letzte Wechselmarke, so dass trotz des weiterhin aus dunklen Wolken herunter kommenden Regens zumindest ein bisschen Leben an der Strecke herrscht. Die Schlussetappe ist also mit gerade einmal sieben Kilometern die mit Abstand kürzeste. Auf ihr können die Staffeln ihre „Sprinter“ einsetzen.

"Stay inside the cones" ruft der Streckenposten Die Abzweige der Strecke sind auf Augenhöhe mit großen Pfeilen markiert Angesichts des Verkehrs scheint es ratsam, auf der abgesperrten Spur zu bleiben

Wenig später stößt auch der Halbmarathonkurs erneut auf die Marathonstrecke. Die letzten knapp drei Meilen werden von beiden Läuferfeldern zwar nicht gemeinsam sondern eher nacheinander, aber immerhin auf den gleichen Straßen absolviert. Ungefähr die Hälfte davon gehört noch einmal in die Kategorie „landschaftlich schön“, „sehenswert“ und vor allen Dingen „typisch irisch“.

Doch erneut wird man zur Hauptstraße geleitet. Und diesmal ist es eigentlich nicht mehr ganz nachzuvollziehen, warum das so sein muss. Denn wie ein kurzer Blick in die Karte zeigt hätte man die Stadt genauso gut auf anderen Wegen erreichen können. Zugegebenermaßen ein wenig durch die Hintertür, aber bestimmt auch nicht unattraktiver als auf der ziemlich neuen Umgehungsstraße N4.

Die ist – wie ein Schild noch verkündet – zum Teil auch mit EU-Mitteln finanziert. Irland hat definitiv von der Europäischen Union profitiert, sich durch die Mitgliedschaft innerhalb weniger Jahrzehnte von einem Agrarland zu einem Hochtechnologie-Standort gemausert. Umso unverständlicher ist, dass schon mehrfach europäische Abkommen in Volksabstimmungen abgelehnt wurden. Auch der sogenannte Lissabon-Vertrag wurde von den Iren zurück gewiesen.

Eine Mischung aus Desinformation und unterschiedlichsten Ängsten, die durch eine antieuropäische Initiative noch weiter geschürt wurden, war dafür mit verantwortlich. Natürlich wären in vielen anderen Ländern Abstimmungen entsprechend ausgegangen. Auch der Euro und das Schengener Abkommen, die von den Deutschen heute mehrheitlich begrüßt werden, hätten vor ihrer Einführung in der Wahlkabine bei uns schließlich keine Chance gehabt. Doch man kann sich dennoch fragen, warum manches so schnell vergessen wird und ob Undank nicht sogar ein Teil des menschlichen Charakters ist.

Im Oktober steht eine weitere Abstimmung an. Ein zweiter Versuch mit einem leicht veränderten Wortlaut, in dem Irland unter anderem auch in Zukunft ein EU-Kommissar garantiert wird. Erneut prallen auf der grünen Insel „pro-treaty“ und „anti-treaty“ heftig aufeinander. Diesmal allerdings friedlich. Trotz der gleichen Begriffe ist der Ausbruch eines neuen Bürgerkrieges vermutlich kaum zu befürchten.

Direkt am großen Kreisel am Stadteingang ist die – wie üblich mit großem bunten Schild und Ziffer auf dem Asphalt markierte – fünfundzwanzigste Meile beendet. Für die Autofahrer gibt es an dieser Stelle nicht nur Schilder sondern sogar eine große Leuchttafel, auf der ein “Longford Marathon in Progress“ blinkt. Das ist nun wirklich nicht mehr zu übersehen.

Schon ein Stück vor dem Kreisel endet der Seitenstreifen Also muss man direkt neben der Leuchttafel einige Meter über einen Trampelpfad im Gras laufen. Angesichts des Dauerregens ist der natürlich nicht nur aufgeweicht sondern auch ein wenig matschig. Kurz vor dem Ende fängt man sich auf dem ansonsten vollständig über Asphalt verlaufenden Marathon nun also doch noch dreckige Schuhe ein.

Mehrere Stewards helfen den ankommenden Läufern über die in die Stadt hinein führende Straße. Die letzte Meile wird ausnahmsweise links gelaufen. Immer kleiner werden die Kreisel, die sich in Irland ziemlicher Beliebtheit erfreuen und denen man überall begegnet, wo Platz genug für sie ist. Dem großen an der Umgehung folgt ein mittelgroßer am Stadteingang. Der dritte besteht dann nur noch aus einer kleinen Erhöhung des Asphalts an einer ansonsten fast normalen Kreuzung.

An großen Schildern gibt es beim Longford Marathon keinen Mangel. An den Eingängen erinnern große Tafeln an den Lauf, im Zentrum tun kleinere das Gleiche. Die Abzweige der Strecke sind nicht nur am Boden sondern auch auf Augenhöhe mit großen Pfeilen markiert. Und auch für die Anfahrt zur Startnummernausgabe gibt es die entsprechenden Tafeln. Den Sponsor der Beschilderung hat man übrigens gleich mit dazu gedruckt.

Am Ende wieder die kleinen, bunten Häuser in der Innenstadt

Doch was da etwa einen Kilometer vor dem Ziel an Lesematerial auf die Läufer zukommt ist auch für Longford noch einmal eine Steigerung. An jedem Laternenpfahl ist ein neues Schild aufgehängt. Darauf gratulieren Freunde, Bekannte, Organisationen Liam Fenelon zu seinem zweihundertsten Marathon. Zurecht, denn selbstverständlich kommt der Vater der Longforder Veranstaltung durch. Nach 5:28 hat er seinen Jubiläumslauf beendet.

Fenelon trägt dabei das Trikot des britischen 100 Marathon Clubs. Der sieht sich – auch so eine Besonderheit im britisch-irischen Sportverkehr – laut Satzung nämlich sehr wohl auch für Irland zuständig. Etliche blau-gelben Hemden der Marathonsammler sieht man auf der Strecke. Auch T-Shirts des Dublin-Marathons kann man vorher, nachher und auch unterwegs natürlich häufiger entdecken.

Und noch ein anderer Marathon scheint hoch präsent zu sein. Es ist Boston. Und das ist vermutlich nicht nur in der riesigen Tradition des Bostoner Laufes begründet, sondern auch darin, dass Boston als eine der „irischsten“ Städte der USA gilt. Nicht umsonst heißt ja auch das in grünen Trikots antretende Basketball-Team der Hauptstadt von Massachusetts „Boston Celtics“.

Man läuft direkt auf einen Kirchturm zu. Doch gehört er nicht zur Kathedrale. Es ist die St John's Church, die der anglikanischen Church of Ireland gehört. Trotz der überwältigenden Mehrheit an Katholiken im Land haben auch die Protestanten zumindest in jeder größeren Stadt ihr eigenes repräsentatives Gotteshaus.

Eine kurze Links-Rechts-Kombination bringt die Marathonis endgültig auf die Zielgerade. „Stay inside the cones“ ruft der Streckenposten. Und angesichts des sich durch die Stadt quälenden Verkehrs scheint es tatsächlich ratsam, auf der durch Hütchen und später auch Gitter abgesperrten Spur zu bleiben. Die Tatsache, dass er noch erwähnt, es seien nur noch „500 yards“ zu laufen, belegt erneut, dass die metrischen Maße den Iren noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen sind.

Auch für den Zieleinlauf ist wie beim Start schon bemerkt nur eine Spur reserviert, während auf der anderen längst wieder die Autos rollen. Doch zumindest auf den letzten Metern stehen die Zuschauer dennoch links und rechts der Absperrungen. Als erstes können sie – fast könnte man sagen wie üblich – einen Kenianer bejubeln. Denn Joseph Boit gewinnt den Halbmarathon in 1:14:02.

Aber ganz so wie bei vielen anderen Rennen ist es dann doch nicht. Zum einen trägt Boit nämlich die Farben des irischen Clubs Clonliffe Harriers. Und zum anderen ist sein Erfolg alles andere als überlegen. Lorcan Cronin folgt ihm mit 1:14:17 nur eine Viertelminute später. Und auch Ciaran Kennedy ist nach 1:15:55 noch keineswegs deutlich abgeschlagen.

Schon als Gesamtelfte läuft mit Pauline Curley die frischgebackene Senioren-Weltmeisterin im Marathon über die Chipmatte. Nach 1:20:04 bleiben die Uhren für sie stehen. Doch immerhin ist die Vierzigjährige, die schon ihren vierten Sieg beim Longforder Halbmarathon landet, ja auch Olympiateilnehmerin in Peking gewesen. Susan Mikecz in 1:26:57 und Regina Casey in 1:27:53 als Zweite und Dritte sind jedenfalls völlig chancenlos.

Gemeinsamer Zieleinlauf einer Staffel auf den letzten mit Gittern abgesperrten Metern Der Zielkanal befindet sich auf der Hauptstraße Auf Samtstühlen kann man es sich bequem machen

Ziemlich international lesen sich die Ergebnisse beim Marathon. Moldawien vor Polen, Portugal und Russland. Doch wieder ist die Sache nicht so wie man auf den ersten Blick denken sollte. Denn die Vereine, die zu den aus diesen Ländern stammenden Läufern gehören, heißen Clonliffe Harriers, Eagle AC Cork, Sperrin Harriers sowie Clonmel AC. Und alle lassen sich auf der grünen Insel finden. Auch die irische Bevölkerung wird internationaler und besteht keineswegs nur noch aus rothaarigen Iren. Nebenbei bemerkt: Statistisch lässt sich keinerlei außergewöhnliche Häufung dieser Haarfarbe in Irland belegen. Das Ganze ist nichts anderes als ein Vorurteil.

Sergiu Ciobanu, der in überzeugenden 2:25:26 die lange Distanz für sich entscheidet, hat jedenfalls schon im Vorjahr im gleichen Trikot in Longford gewonnen. Und Wieslaw Sosnowski, der nach 2:35:45 auf Rang zwei einläuft, ist sein Vorgänger. Auch Delfim Pimentel und Vasiliy Neumerzhitskiy nach 2:40:32 bzw. 2:43:49 sowie der 2:46:12 benötigende Garry Payne kommen mit Zeiten ins Ziel, die bei Veranstaltungen ähnlicher Größenordnung im deutschsprachigen Raum meist zum Sieg reichen würden.

Dass mit Lucy Brennan (2:53:41) und Helena Crossan (2:56:53), der Dritten der Europameisterschaften über 100 km, zwei Läuferinnen unter drei Stunden bleiben, passt da durchaus ins Bild. Die Dritte Annabelle Latz hat bei einer 3:14:30 dann aber doch schon einen ziemlich deutlichen Rückstand. Allerdings macht sie auch das Podest im Frauenrennen international. Schließlich stammt sie – obwohl inzwischen ebenfalls in Irland ansässig – aus Neuseeland.

Mit 227 Zieleinläufen beim Marathon und 501 beim Halbmarathon bleibt man zwar etwas unter den Vorjahreszahlen, kann aber im Großen und Ganzen das Niveau halten. Die von Liam Fenelon ins Leben gerufene Veranstaltung hat auch bei dessen Jubiläum ihre Daseinsberechtigung durchaus belegt. Ein wenig muss man schließlich auch die geringe Bevölkerungsdichte berücksichtigen. Denn hochgerechnet auf die bayerischen Einwohnerzahlen würde man ja glatt beim Dreifachen landen.

Man muss nur ein wenig genauer hinschauen, dann entdeckt man, dass Irland vielleicht doch eine Sportnation ist. Eigentlich sogar eine Läufernation. Na ja, zumindest ein bisschen. Auf Rang 49 der Halbmarathonweltrangliste taucht zum Beispiel hinter 38 von Kenianern, acht von Äthiopiern erzielten Zeiten sowie einigen Läufern aus Marokko, Uganda und Tansania als bester Nichtafrikaner der Ire Martin Fagan mit einer 1:00:57 auf. Selbst unter den ersten 100 Namen auf der Liste bleibt er der einzige Europäer, nur einige wenige US-Amerikaner und Japaner leisten ihm noch Gesellschaft. Der beste Straßenläufer des Kontinents ein Ire? Eine ganz neue Erkenntnis.

Doch eigentlich ist wesentlich wichtiger, dass es auch jenseits der Elite in Irland durchaus Interessantes zu entdecken gibt. Und selbst wenn es vielleicht an der einen oder anderen Ecke noch ein wenig Verbesserungsbedarf gibt, gehört da durchaus auch der „freundliche Marathon“ mitten auf der grünen Insel dazu, den es auch ohne Jubiläum des Gründers wohl auch im nächsten Jahr wieder geben wird.

Bericht und Fotos von Ralf Klink

Ergebnisse und Infos unter www.longfordmarathon.com

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