5.10.08 - 7. Loch Ness Marathon Inverness

Auge in Auge mit dem Ungeheuer

von Ralf Klink

Nein, natürlich hat – wie bei den sechs Versuchen zuvor – auch beim siebten Loch Ness Marathon niemand jenes Ungeheuer gesehen, das den dadurch wohl berühmtesten britischen See immer mal wieder in die Schlagzeilen bringt. Aber der Versuch mit einer sensationellen Überschrift den Leser erst einmal dazu zu bringen, nach den ersten Worten nicht gleich wieder aufzuhören, scheint ja gelungen zu sein.

Dass solche Zeilen bezeichnenderweise meist dann auftauchen, wenn gerade wieder einmal die Zeit der sauren Gurken angebrochen ist, und sie zudem auch noch in der Regel aus dem fernen London mit seinem umkämpften Boulevardzeitungsmarkt stammen, macht sie nicht wirklich glaubhafter.

Doch natürlich nutzt man diesen Bekanntheitsgrad gerne aus, um ein bisschen Geld mit den – meist hauptsächlich wegen dieses seltsamen, trotz aller gründlichen Untersuchungen aber noch immer nicht genau identifizierten Lebewesens – vorbei kommenden Touristen zu verdienen. Kein Wunder, dass aus dem ursprünglichen "Monster" – wie es auf Englisch, für unsere Ohren fast noch drastischer klingend, heißt – irgendwann einmal das doch eher liebevolle "Nessie" wurde.

Überall in der Nähe des Sees findet sich in den Souvenirgeschäften unzählige Artikel verschiedenster Art mit fast genauso vielen unterschiedlichen, meist jedoch ziemlich drolligen Darstellungen des Ungeheuers. So richtig einig, wie Nessie denn nun aussieht ist man sich jedenfalls nicht. Mal kommt sie als Seeschlange daher, die sich im Wasser auf und ab windet, mal als tapsiger Dinosaurier, manchmal hat sie auch etwas von einem Drachen.

Auge in Auge mit dem Ungeheuer - ob als originelles Logo des Veranstalters oder als aufblasbarer Dinosaurier

Und oft, nein nahezu immer trägt sie etwas Kariertes. Ein Käppchen, einen Schal, Hauptsache kariert. Man soll ja schließlich sehen, wo sie herkommt. Auch hier ist man sich nicht so ganz einig. Denn zu welchem Clan Nessie gehört, ist nicht eindeutig festzustellen. Zu viele verschiedene jener Muster kann man entdecken. Und jede dieser mit Sippe oder Großfamilie nur unzureichend beschriebenen Gruppen besitzt ja ihre ureigene, ganz individuelle Farbkombination.

Wirklich eng miteinander verwandt sind die Mitglieder eines Clans nämlich gar nicht einmal unbedingt. Doch führen sie ihre Herkunft zumindest auf einen gemeinsamen Urvater zurück, was auch ihre Namen wie "MacDonald", "MacLeod", "MacGregor" oder "MacKenzie" belegen. Denn "Mac" bedeutet auf gälisch nichts anderes als "Sohn". Und "Clan" heißt ursprünglich "Kinder" oder "Abkömmlinge".

Viele Jahrhunderte lang, bis in die Neuzeit hinein prägten das Clansystem die Highlands und ihre Geschichte. Die Clanoberhäupter – die "Chiefs" – bestimmten über das Schicksal ihrer "Clansmen". Sie verteilten das gemeinsame Land, oft ein Tal oder eine Insel, zur Bewirtschaftung an die einzelnen Familien. Sie waren Richter bei Streitigkeiten in eigenen Clans und Heerführer bei den Fehden mit den Nachbarclans.

Zwar sind diese gesellschaftlichen Strukturen inzwischen längst verschwunden. Doch die Tartan genannten Karomuster haben überlebt. Und einige von ihnen dürfen eben eigentlich wirklich nur von Mitgliedern des jeweiligen Clans getragen werden, haben den gleichen Sinn wie ein Wappen. Andere gelten für Berufsgruppen, Militäreinheiten, Städte und Regionen. Dicke Bücher sind mit ihnen gefüllt, erklären ihre Bedeutung. Eine Wissenschaft für sich.

Nun Nessie gehört zu keinem Clan. Doch sorgte sie auch erst dann regelmäßig für Verwirrung, als die Sterne der Clans längst vom Firmament verschwunden waren. Das erste Auftreten des Monsters ist allerdings dann doch schon zu einer ganz anderen Zeit dokumentiert.

Denn als sich der irische Missionar St. Columba im sechsten Jahrhundert bemühte, unter den in der Region beheimateten Pikten das Christentum zu verbreiten, tauchte das Ungeheuer aus dem See auf und griff einen Mann an. Mit einem Kreuz trieb der Heilige das Tier ins Wasser zurück, rettete das Leben des Pikten und hatte es aufgrund dieser Geschichte anschließend bei seinen Bekehrungsversuchen deutlich leichter.

Nur ein paar weitere Beobachtungen gab es, bis im letzten Jahrhundert ständig neue Sichtungen bekannt wurden. Die Vermarktung Nessies begann. Aber alle existierenden und als Sensation verkauften Fotos wurden bisher irgendwann doch als Fälschung entlarvt. Und obwohl man den See von vorne bis hinten durchsuchte, wurde man nicht fündig. Wirkliche Ungeheuer findet man in Wahrheit wohl eher irgendwo anders als ausgerechnet im Loch Ness.

Über oder am River Ness entlang mit Castle im Hintergrund

Auch der seit 2002 existierende Marathon nutzt wie selbstverständlich das Monster als Werbemittel. Mit einem wirklich pfiffigen und originellen Logo zum Beispiel, bei dem sich ein Schnürsenkel aus einem Sportschuh erhebt wie eine Seeschlange aus dem Wasser. Dass am Ziel dagegen ein riesiger aufblasbarer Dinosaurier die Marathonis empfängt, zeigt übrigens wieder einmal die Uneinigkeit über die wahre Gestalt des Ungeheuers.

Ohne die Popularität von Nessie hätte man sich wohl kaum in einem halben Jahrzehnt aus einem wenig mehr als lokalen Lauf mit fünfhundert Teilnehmern zu einer internationalen Veranstaltung mit dreimal so viel Startern und Mitgliedschaft im weltweiten Marathon-Verband AIMS entwickeln können. Beim keine fünfzig Kilometer entfernt und einen Monat zuvor ausgetragenen, wesentlich älteren Moray Marathon muss man dagegen schon froh sein, wenn auf der langen Strecke zweihundert Medaillen verteilt werden.

Dazu kommen beim Loch Ness Marathon dann auch noch über zweitausend Läuferinnen und Läufer auf den ebenfalls angebotenen zehn Kilometern. Größenordnungen, mit denen der Zielort Inverness eigentlich schon voll und ganz ausgelastet ist. Denn Inverness ist mit rund vierzigtausend Einwohnern keine Stadt, sondern eher ein Städtchen. Doch hinter den mit deutlichen Abständen die nationalen Rangliste anführenden Glasgow, Edinburgh, Aberdeen und Dundee streitet man sich trotzdem schon mit einigen Gemeinden ähnlicher Größe um den fünften Platz dieser Aufzählung.

Als "Capital of the Highlands" bezeichnet sich Inverness nicht nur in Tourismusprospekten, sondern auch auf den Ortsschildern. Dabei liegt es noch gar nicht wirklich im Hochland sondern eher dort, wo dieses gerade erst beginnt. Doch weder nördlich noch westlich, die Richtungen, in die man in die Berge vorstoßen kann, gibt es in weitem Umkreis irgendwelche Siedlungen ähnlicher Größe.

Und man ist zudem auch der Verwaltungssitz jener ziemlich menschenarmen Region, die etwa ein Drittel der Landesfläche ausmacht, aber gerade einmal vier Prozent seiner insgesamt fünf Millionen Einwohner stellt. Nur zum Vergleich sei angemerkt, dass ganz Belgien fast genau die gleichen Ausmaße hat wie der Administrationsbezirk "Highlands" und zum Beispiel Dänemark und die Niederlande nur unwesentlich größer sind.

Inverness ist jedenfalls weniger eine Gebirgs- als vielmehr eine Hafenstadt. Wie der Name schon besagt, liegt es dort, wo sich der River Ness ins Meer ergießt. Denn der Bestandteil "Inver" bedeutet im hier ursprünglich gesprochenen Gälischen nichts anderes als "Mündung".

Eine nicht allzu seltene Namensvariante, wie die Orte Invergarry, Invergordon oder Invermoriston zeigen, die sich nicht allzu weit entfernt auf der Karte finden lassen. Und Auswanderer nahmen diese Art der Namensgebung auch in alle Ecken des britischen Imperiums mit. Selbst am anderen Ende der Welt, ganz im Süden Neuseelands hat man mit Invercargill eine "Mündungsstadt". Einen dazu passenden Fluss, der dort ins Meer fließen würde, gibt es allerdings nicht.

Das Zielgelände am Vortag Hier kann man schon mal die Preise bewundern

Das keltische Gälisch ist längst vom Englischen weitgehend verdrängt worden und wird fast nur noch auf der im Westen gelegenen Inselgruppe der Hebriden als Umgangssprache benutzt. In geographischen Bezeichnung wie zum Beispiel "Glen", womit ein Tal gemeint ist, hat sie sich allerdings weitgehend erhalten. Und auch jenes "Ben", das Berg bedeutet, ist vielen aufgrund des Ben Nevis, des mit 1344 Meter höchsten Gipfels der britischen Inseln vielleicht ein Begriff.

"Firth" dagegen ist keineswegs keltischer Herkunft, sondern hat vielmehr sprachlich die gleichen germanischen Ursprünge wie die Worte "Förde" oder "Fjord". Und genauso schmal und wenig nach offener See sieht der Moray Firth, jener Meeresarm, in den der River Ness fließt und an dessen westlicher Spitze man die Stadt Inverness finden kann, dann auch aus.

Wirklich zu sehen bekommt man ihn, wenn man sich nicht selbst darum bemüht, als Marathonläufer jedoch nicht. Die Strecke wird zwar auch durch die Stadt führen. Sogar durch deren Kern. Doch ist diese eher am Fluss als am Meer gelegen. Und das Queens Park Stadium, in dem samstags die Startunterlagen ausgegeben werden und in dem sonntags der Zieleinlauf stattfinden wird, hat man auf der dem Land zugewandten Seite von Inverness erbaut.

Mitten auf dem Rasen des Leichtathletikstadions, das von einem Sportpark mit Hallenbad, Eishalle, Fußball-, Rugby- und Hockeyplätzen umgeben ist, hat man eine Zeltstadt errichtet, in der man sich seine Startnummer abholen, beim als einer der Sponsoren auftretenden Laufsportgeschäfte einkaufen und gegen das Eintauschen von zehn britischen Pfund eine Portion Nudeln – und landestypisch auch Kartoffeln – zu sich nehmen kann.

Ein durchaus stolzer Preis, wenn auch der Wechselkurs auf ungefähr drei Pfund zu vier Euro gesunken ist. Überhaupt ist der Loch Ness Marathon nicht unbedingt ein wirklich preiswertes Vergnügen. Für einen "overseas entry" sind immerhin £43 fällig. Und "Übersee" sind aus britischer Sicht eben alle, die nicht von der Insel selbst kommen. Schließlich fährt man ja als Brite auch "nach Europa", wenn man den Ärmelkanal überquert. Aber selbst der Inländer wird noch 38 Pound Sterling los, wenn er sich zum Lauf anmeldet.

Warum die Pastaparty bezahlt werden muss, ist angesichts des Hauptsponsors "Baxters" jedoch nicht ganz nachzuvollziehen. Handelt es sich beim Namensgeber, der seit der Erstauflage des Rennens ununterbrochen dabei ist, doch um einen großen Nahrungsmittelproduzenten, mit Hauptsitz im nahegelegenen Fochabers. Wenigstens scheint man mit einem regionalen Partner aus einem relativ krisensicherem Bereich einen guten Griff gemacht zu haben.

Marathons, bei deren Werbepartnern es sich um Banken handelte, müssen sich nämlich inzwischen zum Teil anderswo umsehen. Der Fortis-Konzern, der für Rotterdam den Namen und das Geld lieferte, gehört ja genauso zu den Opfern der Finanzkrise wie die isländische Glitnir-Bank, die nicht nur den heimischen Reykjavik-Marathon sondern auch die Rennen in Kopenhagen und Oslo unterstützte. Immerhin sind die für die weltweite Marathonszene wichtigsten Institute ING und Standard Chartered, die jeweils bei mindestens einem halben Dutzend Veranstaltungen als Sponsoren auftreten, noch nicht betroffen.

Etwas beengt, die Ankunft am Start mit den Bussen

Wirklich gut tut dem Rasen im Queens Park Stadion der Marathon nicht. Denn es quietsch schon etwas unter den Füßen der mehreren Tausend Läuferinnen und Läufer, die sich am Samstag ihre Startunterlagen abholen. Zwar hat sich am Nachmittag die Sonne zumindest wieder ab und zu den Weg durch die Wolken gebahnt. Doch der Morgen war wirklich ziemlich ungemütlich, grau in grau. Regen, Wind und Temperaturen deutlich unterhalb der Zehn-Grad-Marke.

Ein Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Tür jagen würde, geschweige denn einen Marathon laufen möchte. Kein Wunder, das die Blicke immer mal wieder gegen den Himmel gehen. Und dass die Vorhersage für den nächsten Tag ein wichtiges Gesprächsthema ist.

Wobei sich das auch für einen des Englischen eigentlich recht gut mächtigen Besuchers als durchaus etwas schwierig gestalten kann. Denn die Einheimischen bezeichnen die Sprache, in der sie reden, zwar als Englisch, es klingt allerdings ganz anders. Da sind so einige Laute, die einem echten Engländer einfach nicht über die Lippen gehen würden. Ein rollendes "R" zum Beispiel, das jedem Franken Ehre machen würde. So manches aus dem Gälischen hat sich zumindest in der Aussprache erhalten.

Auch einige hier durchaus gebräuchliche Worte hat man im Schulunterricht nie kennen gelernt. "Wee" zum Beispiel, was "klein" heißt, aber eben doch einen deutlich liebevolleren Beiklang hat als "small" oder "little". Oder "bonnie", das immer dann benutzt wird, wenn "schön", "hübsch" oder "nett" ausgedrückt werden soll.

Noch ein anderer Laut würde jedem, der südlich des Grenzflusses Tweed aufgewachsen ist, augenblicklich die Zunge brechen. Als Deutscher hat man mich dem gehauchten "ch" jedoch keine Mühe. Dass im Norden ausgerechnet "Sassenach" als abwertende Bezeichnung für Engländer gebraucht wird, hängt vielleicht auch damit zusammen, dass diese es gar nicht aussprechen können.

Auch in "Loch" gibt es diesen Laut. Und dieses wieder einmal aus dem Gälischen stammende Wort kann im Deutschen durchaus sogar einmal eine ähnliche Bedeutung haben. Sprachgeschichtlich haben beide jedenfalls den gleichen Ursprung. Es bezeichnet entweder einen See oder in Ausnahmefällen auch einmal einen Meeresarm.

Und gerade Loch Ness ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie dicht beides nicht nur räumlich sondern auch erdgeschichtlich beieinander liegen kann. Denn der kaum zehn Kilometer vom offenen Meer entfernte Süßwassersee war einst selbst Bestandteil des Moray Firth. Erst als sich vor etwa zehntausend Jahren beim Abschmelzen der Gletscher am Ende der letzten Eiszeit das Land aufgrund des nun fehlenden Gewichtes hob, entstand jener kurze vom River Ness durchflossene Streifen, der nun den See und die See voneinander trennt.

Überhaupt ist Loch Ness unverkennbar das Werk von Gletschern. Ein langgezogener See mit über dreißig Kilometern Länge und selbst an seiner breitesten Stelle kaum zwei Kilometer zwischen beiden Ufern. Eingerahmt von drei- bis vierhundert Meter hohen Bergen. Dass hier die Eismasse einen Weg gesucht und auch gefunden haben soll, ist absolut nachvollziehbar.

Zumal ja die Seetiefe, die zwischen zwei- und dreihundert Metern liegen soll, aber noch immer nicht genau festgestellt werden konnte, genau zu der für Fjorde geltenden Faustregel, dass man über und unter Wasser etwa die gleichen Höhen findet, passt. Diese Tiefe macht Loch Ness auch zum größten Süßwasserreservoir der britischen Inseln. In allen Seen der Landesteile England und Wales zusammen genommen ist nicht so viel Flüssigkeit.

Bitte nicht in die Büsche verschwinden Nichtsahnend wartet das Laufvolk auf den Start

Und gerade diese unerforschte Tiefe wird von Nessie-Anhängern immer wieder als Argument hervorgeholt, dass das Ungeheuer tatsächlich existieren könne. Man wisse ja schließlich nicht, was da unten noch so alles zu finden sei. Einige der Sonaruntersuchungen hätten doch im See sehr wohl sich hin und her bewegende Objekte geortet. Könnte dort nicht eine Plesiosaurierpopulation – ein Tier, dessen Aussehen zu vielen Beschreibungen und dem wohl berühmtesten Monsterfoto passen würde – überlebt haben?

Dumm nur, dass die Entstehungsgeschichte in ziemlichem Widerspruch zu dieser Theorie steht. Denn die Urzeitreptilien hätten dann nämlich nicht nur das Aussterben ihrer Verwandten sondern auch die Eiszeiten, in denen statt Wasser ein Gletscher das Loch ausfüllte, überleben müssen. Die Sonarechos waren wohl eher Fischschwärme. Es wimmelt hier ja geradezu von Lachsen, Aalen, Forellen, Hechten und Stören. Wirkliche Ungeheuer findet man in Wahrheit wohl eher irgendwo anders als ausgerechnet im Loch Ness.

Die Ausmaße des Sees würden natürlich aus einer Umrundung nicht nur einen Marathon sondern gleich einen Hunderter werden lassen. Um dennoch möglichst lange dem Ufer zu folgen, ist der Kurs als Punkt-zu-Punkt-Strecke konzipiert. Was in Deutschland, wo man beim Abzählen der Rennen, die wirklich von A nach B führen, kaum die zweite Hand braucht, eine ziemliche Seltenheit ist, findet man im angelsächsischen Raum durchaus häufiger.

So ist es trotz einer Startzeit von zehn Uhr dann auch noch ziemlich düster, als sich die ersten Läufer am Queens Park Stadion einfinden. Den Startunterlagen lag nämlich ein Zettel bei, dass man spätestens um 7:45 vor Ort sein müsse. Punkt acht würden schließlich die Busse zum Start abfahren. Der Warnungszettel wirkt, nur mit ganz wenigen Minuten Verzögerung setzt sich eine Karawane von rund zwanzig "Coaches" tatsächlich in Bewegung.

Draußen prasselt Regen an die Scheiben. Und so manches Läufergesicht wirkt dabei nicht wirklich zufrieden. Es sind nur kurze Schauer. Aber die Wettervorhersage hatte im Gegensatz zu der Unwetterwarnung für den Süden der Insel im Norden nach einer kalten Nacht – dick eingepackt sind die meisten deshalb durchaus – doch einen sonnigen Tag verkündet. Nun scheint es doch eher auf das Schmuddelwetter der Vortags hinaus zu laufen.

Der weite Bogen, den die Buskolonne erst einmal um die Stadt schlägt, erlaubt auch einen Blick auf die mit Puderzucker bedeckten Berge der Northwest Highlands auf der anderen Seite des Moray Firth zu werfen. Richtig hohe sind es zwar nicht, Schnee liegt aber dennoch drauf.

Der eine oder andere von ihnen, wie zum Beispiel der 1046 Meter hohe Ben Wyvis schafft es immerhin über die Tausendergrenze. Dabei ragten sie früher – allerdings ist das auch schon vierhundert Millionen Jahre her – einmal so hoch in den Himmel wie heutzutage der Himalaja. Die Highlands sind Teil des Kaledonischen Gebirges, dass sich bis hinüber zur skandinavischen Halbinsel erstreckt.

Plötzlich bildet sich eine Gasse in der Mitte der wartenden Läuferschar und eine Pipe-Band marschiert mitten durch Startblock

Sie haben sogar der ganzen Gebirgsbildung dieses Erdzeitalters den Namen gegeben. Denn "Caledonia" nannten die Römer das Land jenseits des von ihnen errichteten, nördlich von Glasgow und Edinburgh verlaufenden Antoniuswalls, das sie im Gegensatz zum Rest von Großbritannien – ihre Provinz Britannia – nie unter Kontrolle bringen konnten. Ein Gebiet, das eben hauptsächlich aus den Highlands besteht. Und ein Name der auch heute noch als romantische Umschreibung für sie benutzt wird.

Es gibt weitere poetische Begriffe für jenes Land, das heute nach den später von Irland aus eingewanderten Skoten benannt ist. Allerdings nur in den germanischen Sprachen. Denn im Gälischen heißt es "Alba", was ursprünglich der Name des Königreichs von Kenneth MacAlpin war, der Pikten und Skoten im neunten Jahrhundert unter seiner Herrschaft erstmals vereinte.

Und dann gibt es da ja auch noch "Scotia". Es ist die latinisierte Form und die vom Mittelalter bis zur Neuzeit offiziell gebräuchliche Bezeichnung für jenen Staat, dessen Ende ironischerweise damit eingeläutet wurde, dass einer seiner Könige auch den englischen Thron bestieg.

Noch paradoxer ist die Tatsache, dass James VI als James I von England genau jener Elisabeth nachfolgte, die seine Mutter Maria Stuart hatte hinrichten lassen. Auch wenn beide Kronen offiziell noch hundert Jahre unabhängig voneinander existierten und erst dann wirklich verschmolzen wurden, verschob sich die Macht natürlich immer mehr nach London, ins Zentrum des langsam entstehenden Weltreiches.

Das britische Empire brachte die Namen, in denen jeweils ein klein wenig anderer Unterton mitschwingt – "Caledonia" z.B. eher geographisch, "Alba" fast ein bisschen mystisch verklärt – in weit entfernte Winkel der Erde. Die kanadische Provinz "Nova Scotia" ist dafür genauso ein Beleg, wie die inzwischen französische Inselgruppe "Neukaledonien".

Über eine Stunde rollt die Buskolonne in Richtung Start. Die zweite Hälfte davon auf Schleichwegen, die kaum Platz bieten, um zwei Autos aneinander vorbei zu bugsieren. Mit einem Bus sind diese besseren Feldwege dann endgültig ausgefüllt. Deshalb wird die Karawane dann auch von Motorradfahrern angeführt, die den – allerdings doch eher seltenen – Gegenverkehr rechtzeitig in die gelegentlich vorhandenen Ausweichbuchten leitet.

Kein Wunder, dass man auf pünktliche Abfahrt solchen Wert gelegt hat. Kein Wunder, dass ganz besonders darauf hingewiesen wurde, dass die Busse zu benutzen seien und man nicht mit dem eigenen Auto zum Start fahren solle. Und kein Wunder, dass die Läufer auch gebeten wurden, die Busse schnellstmöglich zu verlassen, um deren sofortige Weiterfahrt zu ermöglichen.

Nach dem Start auf ersten Meile

Denn als der Startbogen endlich in Sicht kommt, befindet man sich nun wirklich "right in the middle of nowhere", mitten im Nirgendwo. In alle Richtungen Wiesenland, das dahinter von kahlen und felsigen Bergkuppen umgeben ist. Die einsamen Highlands beginnen tatsächlich gleich hinter Inverness. Außer einigen Zäunen erinnert hier jedenfalls nichts an eine mögliche menschliche Besiedlung.

Und das Sträßchen ist noch immer so schmal, dass die Busse nicht die geringste Chance haben zu wenden. Sie rollen, nachdem sie ihre menschliche Fracht abgeladen haben, einfach geradeaus, um bei Fort Augustus das andere Ende des Sees zu erreichen und dann über die besser ausgebauten Straße auf der Nordseite zurück nach Inverness zu gelangen.

Die Wolken sind ein wenig aufgerissen und an einigen Stellen zeigen sich erste blaue Flecken. Vielleicht haben die Wetterkundler doch recht. Wie gut es ist, dass es nicht regnet, zeigt ein Blick auf das Startgelände. Unterstellmöglichkeiten sind dort nämlich keine vorhanden. Umkleiden oder ähnliches schon überhaupt nicht. Alles spielt sich unter freiem Himmel ab.

Neben ein paar Tischen, an denen man noch einmal seine Flüssigkeitsvorräte ergänzen kann, sind die wenigen Einfahrten einzig und allein mit einer Reihe der allseits bekannten blauen Häuschen zugestellt. Auch zu deren Besuch wurden die Marathonis auf dem Infoblatt noch einmal ausdrücklich aufgefordert. Man solle Rücksicht auf die Anwohner nehmen und nicht in die Büsche verschwinden. Recht drastisch hieß es da sogar: "Unsoziales Verhalten wird von den Organisatoren nicht toleriert." Sehr viele Menschen leben allerdings nun wirklich nicht in dieser Gegend.

Der Ansager wird nicht müde, die Läufer zu bitten, doch möglichst bald ihre Taschen im bereitgestellten Lastwagen abzugeben, damit dieser die schmale Wettkampfstrecke frei und sich rechtzeitig auf den Weg zum Ziel machen könne. Und dann sollten doch diejenigen, die "unten" seien, auch nach "oben" zum Start kommen. Für die von "oben" dagegen lautet die Formel: "Please come down".

Schon diese Wortwahl zeigt, dass das Startgelände nicht ganz eben ist. Und der Rest der Strecke wird es dann auch nicht sein. Wobei man allerdings tendenziell bergab läuft. Schließlich geht es auf über zweihundert Metern Höhe los. Und das Ziel befindet sich nahezu auf Meeresniveau. Selbst wenn der Kurs aufgrund dieser Vorgaben – gerade bei richtigem Wind – sehr wohl tauglich für Bestzeiten sein könnte, Aufnahme in die Rekordlisten dürften diese nicht finden.

Ein paar Minuten vor zehn haben alle ihre Position in der Startaufstellung gefunden, als sich plötzlich eine Gasse in der Mitte des Sträßchens auftut. Die klagenden Töne von Dudelsäcken sind zu hören. Eine Drum and Pipe Band marschiert von der Hügelkuppe herunter durch die Läuferschar. So also war das "Bagpipes will start you off" gemeint.

Heute gehört das einfach dazu, wird als absolut landestypisch angesehen. Eine ganz, ganz spezielle Art der "Rockmusik". Doch eigentlich dürfte es die Dudelsäcke gar nicht mehr geben, hatte ihr Stündchen schon geschlagen. Eine Zeit lang galten sie sogar als Waffe und waren von den Engländern aufgrund ihrer psychologischen Auswirkungen im Kampf verboten worden.

Nach drei Meilen

Nur wenige Kilometer östlich von Inverness, im Moor von Culloden, wurde das Schicksal des Instrumentes und der ganzen Kultur der Highlands fast besiegelt. Dabei ging es in dieser Schlacht im Jahr 1746 gar nicht einmal um Freiheit oder Unabhängigkeit, wie sie von den Nationalhelden Robert the Bruce und dem als "Braveheart" im Film verewigten William Wallace viele Jahrhunderte zuvor bei Stirling Bridge und Bannockburn gegen die Engländer verteidigt und zurück gewonnen wurde.

Die Clans waren in eine Sache hinein gezogen worden, die sie eigentlich gar nicht wirklich etwas angegangen wäre. Es ging um Erbfolgestreitigkeiten zwischen den Häusern Stuart und Hannover. Und wieder einmal standen die Highlander wie so oft auf der falschen, auf der Verliererseite.

Gut fünfzig Jahre zuvor war der katholische Stuart-König James VII - nach englischer Zählung erst der zweite James – auf Druck des Parlamentes von seinem protestantischen Schwiegersohn Wilhelm von Oranien in der sogenannten Glorious Revolution abgesetzt und vertrieben worden. Nun versuchte sein Enkel Charles Edward – eher unter Bonnie Prince Charlie bekannt – die Macht für seinen Vater und sich zurück zu erobern.

Die meisten – aber nicht alle – Clans schlugen sich dabei auf die Seite des jungen Stuart. In dessen Armee standen aber auch französische und irische Einheiten sowie einige englische Anhänger seiner Dynastie.

Der ebenfalls noch ziemlich junge Prinz Wilhelm August, der dritte Sohn von König Georg II, marschierte auf der Gegenseite neben Engländern und eben jenen königstreuen Hochland-Regimentern zudem mit deutschen Truppen, insbesondere natürlich aus dem ebenfalls von seinem Vater regierten Kurfürstentum Hannover, auf. Das Informationszentrum am Schlachtfeld spricht deshalb auch völlig zurecht stets nur von "Jakobiten" – abgeleitet von "Jacobus", der lateinischen Schreibweise von James – und "Regierungskräften" als Beteiligten.

Das Gefecht dauerte nicht einmal eine Stunde, dann war alles erledigt. Gegen die überlegenen, erfahrenen und abgebrühten Rotröcke hatten die zwar mutigen und leidenschaftlichen, aber wenig kampferprobten Highlander nie eine echte Chance. Zumal die äußeren Umstände sie auch noch vor weitere Probleme stellten. Ein Teil ihrer Angriffswelle blieb zum Beispiel im tiefen, feuchten Boden des Moors regelrecht stecken.

Mehr als ein Viertel der Jakobitenarmee lag auf dem Schlachtfeld, der Rest flüchtete und zerstreute sich in alle Winde. Wilhelm, der Herzog von Cumberland, schlug auf die Verlierer noch weiter drauf, kümmerte sich überhaupt nicht darum, dass die Opfer bereits am Boden lagen, sondern trat auch noch auf ihnen herum. Die Verletzten ließ man teilweise einfach unversorgt weiter leiden. Andere Wehr- und Schutzlose, ja selbst Unbeteiligte wurden einfach niedergemetzelt. Gefangene machte man praktisch keine.

Ein erbarmungsloser Rachefeldzug mit Exekutionen, Verhaftungen und Plünderungen beim auch nur kleinsten Verdacht folgte. Etliche Dörfer wurden niedergebrannt. Nicht nur der Dudelsack auch die traditionelle Tartan-Kleidung wurde verboten. Und sogar die Sprache bekamen die Highlander genommen, ihr Gälisch war nicht mehr erlaubt. Die Hochlandkultur zerbrach in der Zeit nach Culloden.

Bitten und Betteln um Nachsicht und Gnade – selbst von königstreuen Clanchefs – brachte gar nichts. Alle Appelle an Wilhelm blieben ungehört. Die Rotröcke marodierten weiter durchs Hochland. Eine Erbarmungslosigkeit, die Cumberland den Beinamen "Butcher" also "Metzger" oder "Schlachter" einbrachte. Echte Ungeheuer findet man in Wahrheit wohl wirklich eher irgendwo anders als ausgerechnet im Loch Ness.

Nach drei Meilen Nach drei Meilen Gefälle kurz hinter Abzweig nach Foyers bei Meile drei

Dass der Dudelsack dennoch überlebt hat, ist überraschenderweise ausgerechnet dem britischen Militär zu verdanken. Denn als man in der Folgezeit immer mehr Highland-Regimenter aufstellte – stets mit der Vorgabe, dabei bloß keine Soldaten aus rivalisierenden Clans zusammen zu rekrutieren – wurde diesen erlaubt, mit der gewohnten musikalischen Unterstützung ins Gefecht zu ziehen. Erst als im ersten Weltkrieg die Opferzahlen unter den Bagpipern viel zu hoch wurden, beendete man diese Praxis. Die unheimlich demoralisierende Wirkung, die ein Dudelsack haben kann, ist aber geblieben.

Der Zeitplan des Loch Ness Marathons ist wirklich ziemlich exakt. Denn kaum sind die Pipes and Drums vorbei defiliert, geht es auch schon los. Zuerst einmal immer leicht bergab durch die schon bekannten, bergumkränzten Weideflächen. Die Wolken haben inzwischen ihren zähen Widerstand auch größtenteils aufgegeben. Und zumindest bei diesen Bedingungen muss man hier einfach an den Satz "Schottland ist schön" denken, beißt er sich einfach im Kopf fest.

Es gibt sie tatsächlich, die in der Ausschreibung erwähnten Anlieger. Denn ab und zu steht vereinzelt ein Haus ein Stück von der Straße entfernt. Und genauso vereinzelt stehen seine Bewohner auch am Streckenrand. Ein Marathon mit dichtgedrängten Zuschauermassen wird das sicher nicht. Das ist ein absoluter Landschaftslauf, selbst wenn er vollständig über asphaltierte Straßen führt.

Doch die sind zumindest für die ersten zwei Drittel für jeden Verkehr vollkommen gesperrt. Und nur ganz wenige Stichstraßen, erlauben es überhaupt an die Strecke zu kommen. Nicht umsonst wird Zuschauern, die mehrere Beobachtungspunkte unterwegs erreichen wollen, geraten, das Fahrrad zu benutzen.

Nur dort, wo sich gleich mehrere Häuser zu so etwas wie einer winzigen Siedlung zusammenfinden, entdeckt man dann auch kleinere Menschengrüppchen. Whitebridge, wo neben der neuen, von den Marathonis überlaufenen Brücke auch noch eine alte in einem pittoresken Feldsteinbogen den River Fechlin überspannt, nach etwa zwei Kilometern ist so eine Siedlung.

Ein Hotel gibt es ebenfalls hier. Und ein großes Schild weist die Läufer darauf hin, dass man in ihm bei Bedarf die Toiletten aufsuchen darf. Außer im Startbereich sind zwar keine weiteren jener – auch in Großbritannien meist blauen – Häuschen aufgestellt. Doch nicht nur in Whitebridge sondern auch noch an einigen anderen Stellen kann man in Hotels oder öffentlichen Gebäuden das WC aufsuchen.

Als der Kurs die von der Anfahrt bekannte Straße verlässt und nach links abbiegt, sind etwa drei Meilen absolviert. Die Marathondistanz ist am Loch Ness wie überall in Großbritannien 26,2 Meilen lang und auch entsprechend markiert. Unübersehbar sind die Schilder in ihrem neongelb. Es ist die gleiche in Deutschland ziemlich unübliche, höchstens einmal für Sicherheitswesten benutzte Farbe, wie sie viele auch britische Laufjacken und Trikots haben.

Gegensteigung bei Meile vier Starkes Gefälle vor Foyers Anstieg nach Foyers bei Meile fünf

Schon wenige Schritte nach dem Abzweig ist dann auch klar, warum die Busse nicht die Wettkampfstrecke für den Transport der Läufer benutzt haben. Denn ziemlich steil stürzt man da auf einen moosbewachsenen Zauberwald voller wild verdrehter Bäume zu, durch den sich das Sträßchen in nicht unbedingt weiten Kurven windet. Zu steil, zu eng, zu kurvig. Hier hätte man die Buskolonne – wenn überhaupt – dann wohl wirklich nur mit großer Mühe hindurch gebracht.

Wenig später hat sich dann auch der Gedanke an einen stetig bergab führenden Kurs endgültig erledigt. Zwar waren auch schon vor dem Abbiegen ein paar leichte Wellen im Profil, doch obwohl man jetzt eigentlich dem engen Tal des River Foyers flussabwärts folgt, stellen sich da auf einmal einige ziemlich ruppige Rampen in den Weg.

Eine davon wartet auch vor dem kleinen Örtchen, das genau wie der Fluss, an dem es liegt, Foyers heißt. Und noch etwas heißt so. Nämlich der Wasserfall, auf den ein Schild am Straßenrand deutlich hinweist. Immer in Bewegung und doch – im Gegensatz zu den Läufern – stets am gleichen Platz. Den Marathonis bleibt der Blick auf die eindrucksvolle Kaskade, über die das Wasser des River Foyers rund dreißig Meter in die Tiefe stürzt, durch die Bäume leider verwehrt.

Mehr als fünf Meilen hat man bereits hinter sich und vom Loch Ness ist noch immer nichts zu sehen. Schon die zweite Verpflegungsstelle wird inzwischen passiert. Diesmal gibt es Elektrolytgetränke in Trinkbeuteln. Am ersten Versorgungspunkt wurde nur Wasser verteilt, allerdings ebenfalls nicht in Bechern sondern in kleinen Flaschen, was die Flüssigkeitsaufnahme natürlich deutlich erleichtert... ...weiter zum 2. und Schlussteil klick HIER

Bericht und Fotos von Ralf Klink

Infos und Ergebnisse unter www.lochnessmarathon.com

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