6.12.09 - 24. Maratona de Lisboa

Stadtmarathon mit Profil

von Ralf Klink

Wenn eine eher kleine Nation in einer speziellen Sportart überdurchschnittlich viele Olympiasieger, Welt- und Europameister stellt, ist eigentlich fast davon auszugehen, dass es sich dabei im Land fast um so etwas wie einen Volkssport handelt. Die Erfolge norwegischer und schwedischer Skilangläufer kann man dabei genauso als Beleg heran führen wie die Siege und Platzierungen ihrer alpinen Kollegen aus Österreich und der Eidgenossenschaft.

In den Achtzigern und Neunzigern des nun auch bereits wieder vor fast einer Dekade vergangenen Jahrhunderts waren die Langstreckler aus dem gerade einmal zehn Millionen Einwohner zählenden Portugal ebenfalls eine absolute Macht. Medaille um Medaille ging in das kleine Land am Westrand der Iberischen Halbinsel und damit Europas.

Der Name Fernando Mamede ist der heutigen Läufergeneration vermutlich nicht mehr unbedingt ein Begriff. Doch handelt es sich dabei immerhin um einen ehemaligen Weltrekordler über zehntausend Meter. Von 1984 bis 1989 stand seine Marke von 27:13,81, bevor sie vom Mexikaner Arturo Barrios, dem letzten nichtafrikanischen Inhaber der Bestzeit, unterboten wurde.

Als größter Rivale von Mamede galt stets sein Landsmann Carlos Lopes. Es gab sogar das Gerücht, er sei bei seinem Weltrekordlauf von Stockholm nur deshalb so schnell gewesen, um nicht schon wieder hinter Lopes, der im gleichen Rennen ebenfalls unter der alten Bestmarke blieb, ins Ziel zu kommen.

Denn dieser war eben immer dann vorne, wenn es um etwas ging, während Mamede trotz aller vorhandenen Fähigkeiten im entscheidenden Moment meist mit dem Druck nicht klar kam. So stieg er bei den Olympischen Spielen in Los Angeles über zehntausend Meter als Weltrekordler und nach einem klaren Sieg im Vorlauf – so etwas gab es tatsächlich einmal auch auf den Langstrecken – im Finale einfach aus.

Im Estádio Primeiro de Maio finden sich Start und Ziel Ein kleines Zelt reicht für die Kleiderabgabe aus

Carlos Lopes dagegen, für den auch drei Weltmeistertitel im Crosslauf zu Buche stehen, gewann wenige Tage darauf im Marathon das erste portugiesische Gold und wurde damit praktisch zum Nationalhelden. Ein Jahr später holte er sich in Rotterdam mit 2:07:12 auch den Marathonweltrekord, der damals vom internationalen Verband allerdings noch verschämt als „Weltbestzeit” geführt wurde.

Olympia 1984 war nicht das erste Mal, dass Mamede bei Großereignissen scheiterte. Fast bei allen internationalen Meisterschaften, an denen er teilnahm, blieben ihm nur hintere Plätze. Nur eine einzige Bronzemedaille im Cross konnte er während seiner Kariere gewinnen. Über die Rolle des ewigen Verlierers kam er, der neben dem Welt- auch mehrere Europarekorde und etliche Landesbestzeiten lief, am Ende nicht hinaus. Und während Lopes auch ein Vierteljahrhundert nach seiner Goldmedaille in Portugal noch immer populär ist, hat man Mamede eigentlich schon wieder vergessen.

Die Nachfolge der beiden traten dann unter anderem die Zwillinge Dionísio und Domingos Castro an. Meist liefen sie zwar knapp an den Podesträngen vorbei. Nur Domingos gewann einmal WM-Silber. Vor allem wegen ihrer Bahn-Duelle mit Dieter Baumann sind sie aber dennoch auch hierzulande vielen noch in Erinnerung. Und im Gegensatz zum schwäbischen Olympiasieger konnte sich zumindest Domingos auch auf der Marathondistanz sportlich gut in Szene setzen, gewann in Paris und Rotterdam, wo er immerhin eine 2:07:51 erzielte.

Schnellster Portugiese über diese Distanz ist mit 2:06:36 allerdings der immer noch amtierende Europarekordler António Pinto. Auch den Landesrekord über zehntausend Meter hält er, denn mit 27:12,47 war er fünfzehn Jahre nach Mamedes Rekordlauf eine Sekunde schneller. Nur der dopingbelastete, für Belgien startende Mohammed Mourhit steht in der ewigen europäischen Bestenliste noch vor ihm. Dreimal taucht Pintos Name bei der Aufzählung der Siegerliste von London auf, einmal in der des Berlin Marathons. Zudem gewann er auf der Bahn auch noch einen Europameistertitel.

Gleich zwei davon hat Manuela Machado in ihrer Sammlung, dazu auch noch einen bei Welttitelkämpfen. Davor und danach gewann sie noch jeweils WM-Silber, alle im Marathon. Zehn Jahre lang lief sie in wirklich beeindruckender Konstanz bei jedem internationalen Großereignis unter die ersten zehn. Nur eine Olympiamedaille fehlt.

Die hat Fernanda Ribeiro, genau genommen sogar zwei davon. Gold in Atlanta und Bronze in Sydney, jeweils über zehntausend Meter. Auch war sie einmal Welt- und einmal Europameisterin auf ihrer Spezialstrecke und hat außerdem weitere Silber- und Bronzemedaillen von internationalen Titelkämpfen mit nach Hause gebracht. Nur beim Umstieg auf die Straße tat sie sich dann etwas schwerer.

Bekannteste portugiesische Läuferin ist aber wohl nach wie vor Rosa Mota. Zusammen mit der Amerikanerin Joan Benoit und den beiden Norwegerinnen Ingrid Kristiansen und Grete Waitz zählte sie zu jenem Quartett, dass den Frauenmarathon, nachdem er Anfang der Achtziger endlich von den Leichtathletikverbänden als offizielle Disziplin anerkannt worden war, dominierte.

Doch niemand war bei Meisterschaften erfolgreicher als die kleine Portugiesin. Mit einer Welt- und drei aufeinanderfolgenden Europameisterschaften – dank ihrer direkten Nachfolgerin Manuela Machado ging dieser Titel zwei Jahrzehnte lang nur nach Portugal – sowie eine olympische Gold- und einer Bronzemedaille gewann sie wirklich alles, was es im Marathon zu gewinnen gab.

Erst kurz vor dem Start werden die Läufer auf die bis dahin gesperrte Bahn gelassen Etwas eng ist es schon auf der Laufbahn

Zweimal stand sie in Chicago und sogar dreimal beim absoluten Klassiker in Boston auf der obersten Treppchenstufe. Auch Rotterdam und London sowie die beiden Frauenmarathons von Tokyo und Osaka finden sich je einmal in ihrer Erfolgsliste. Und mit ihrer immerhin fast fünfundzwanzig Jahre alten Bestzeit von 2:23:29 – bei einem Rennen, in dem sie hinter Joan Benoit und Ingrid Kristiansen in Chicago sogar nur Dritte wurde – wäre sie auch heute noch absolut konkurrenzfähig.

Angesichte einer solchen Aufzählung sollte man nun wirklich meinen, Laufen sei absolut populär in Portugal und es gäbe eine Vielzahl von Aktiven. Doch weit gefehlt. Sowohl Angebot als auch Nachfrage sind beim Laufsport ganz im Südwesten des Kontinents eher schwach ausgeprägt. Nur wenige Rennen gibt es im Land, wirklich große sind kaum darunter.

Wichtigster – und international auch am meisten beachteter – Wettkampf ist der Frühjahrs-Halbmarathon in der Hauptstadt Lissabon, in dem nicht nur über fünftausend Teilnehmer unterwegs sind sondern auch schon etliche Weltklassezeiten erzielt wurden. Weil der Start auf einer Brücke – dem Ponte 25 de Abril – liegt und es deshalb aufgrund des überschrittenen Maximalgefälles immer ein Problem mit der Anerkennung der Ergebnisse gab, hat man inzwischen für die Eliteathleten einen eigenen Startbereich in der Nähe und auf der Höhe des Ziels.

Auch beim zweiten großen Halbmarathon der Stadt im Oktober wird auf einer Brücke – allerdings einer anderen, dem Ponte Vasco da Gama – gestartet. Zur Unterscheidung nennt er sich „Portugal Halbmarathon“ – oder auf Portugiesisch „Meia Maratona de Portugal“ – und ist von der Qualität her eigentlich genauso stark besetzt wie sein Schwesterlauf. Doch mit seinen zweitausend Teilnehmern können hierzulande über diese Distanz nun wirklich gleich etliche Veranstaltungen locker mithalten.

Und selbst bei intensiver Suche lassen sich im Internet ganze vier Marathons in der Heimat so vieler erfolgreicher Langstreckler entdecken. Einer davon wird sogar noch weit entfernt vom Festland im Atlantik auf Porto Santo, einer der Madeira-Inseln, ausgetragen. Alt ist diese Veranstaltung nun auch nicht unbedingt, denn im Jahr 2009 erlebte sie gerade einmal ihre dritte Auflage.

Kaum älter ist der Marathon von Porto, der zweitgrößten Stadt des Landes. Auch dort begann man recht spät, nämlich 2004 mit der Organisation. Zu einem Großereignis ist der Lauf bisher nicht geworden. Noch immer sind die Teilnehmerzahlen dreistellig, wenn man sich auch inzwischen langsam der Tausendermarke nähert. Eigentlich schon ein gewaltiger Fortschritt, denn nur zwei, drei Jahre zuvor bewegte man sich noch in Regionen, auf die in Deutschland mancher Landschaftsmarathon ohne Probleme kommt, nämlich bei drei- bis vierhundert Läufern.

Die restlichen beiden Marathons werden in und um die Hauptstadt Lissabon ausgetragen. Einen von ihnen, der nach dem Olympiasieger benannte Carlos Lopes Gold Marathon, gibt es ebenfalls erst ein halbes Jahrzehnt. Und obwohl sie sich mit einem nun wirklich prominenten Aushängeschild schmücken kann, kommt die Veranstaltung nicht wirklich auf die Füße. Weder auf einen festen Termin, der im Frühjahr mit seinen wandernden Feiertagen allerdings auch nicht leicht zu finden ist, noch auf eine jedes Jahr gleiche Strecke konnte man sich bisher einstellen.

Und waren es in der Vergangenheit schon nur zwei- bis dreihundert Teilnehmer, ist man 2009 sogar unter die zweihundert gerutscht. Da können auch ein professionelles Auftreten und auf der Internetseite verwendete Sätze, die von „großem Erfolg“ und „längst etablierter Veranstaltung“ verkünden, nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Ganze zahlenmäßig eher auf dem Niveau eines Dorfmarathons bewegt.

Bliebe noch der im Dezember ausgetragene Maratona de Lisboa, der mit nun vierundzwanzig Austragungen als einziger Marathon im Land eine etwas längere Tradition hat. Doch auch dieser Lauf tut sich verglichen mit den Rennen in anderen europäischen Hauptstädten enorm schwer. Nach mehreren Jahren im oberen dreistelligen Bereich übersprang man 2008 gerade so die Grenze von tausend Zieleinläufen.

Wahrlich nicht viel für ein Land, das seine vermutlich größten sportlichen Erfolge auf genau dieser Langstrecke erzielte. So kamen zum Beispiel alle portugiesischen Olympiasieger bisher aus der Leichtathletik. Außerdem ist es ja auch noch so, dass ein nicht unerheblicher Teil der Startnummern an Lauftouristen aus dem Ausland verteilt wurde und wird.

Schließlich gilt Lissabon als absolut sehenswert und wird oft als eine der am schönsten gelegenen Hauptstädte in Europa bezeichnet. Kurz bevor der Tejo, der längste Fluss der Iberischen Halbinsel, in den Atlantik mündet, weitet er sich zu einem großen See, den die Portugiesen Mar da Palha – übersetzt etwa Stroh- oder Strohhalmmeer – nennen.

Die ersten Kilometer führen durch Wohngebiete Von Anfang an geht es ständig bergauf und bergab Auf der Praça Francisco Sá Carneiro erfolgt ein Rechtsschwenk

Doch dann verengt sich der Strom noch einmal und zwängt sich durch einen nur ungefähr zwei Kilometer breiten Engpass. Schon weit vor der Zeitenwende in der Antike erkannten wohl Phönizier und Griechen den Wert dieses riesigen Naturhafens und errichteten deshalb an der Tejomündung eine Handelsniederlassung. Aus dieser sollte sich später Lisboa – wie die Stadt auf Portugiesisch eigentlich heißt – entwickeln.

Jedenfalls liegt die portugiesische Hauptstadt genau dort, wo der Fluss auf dem letzten Abschnitt seines Wegs zum Atlantik noch einmal den schmalen Durchbruch zwischen zwei hügligen Halbinseln zu überwinden hat. Entsprechend wellig ist dann auch das Terrain, auf dem Lissabon errichtet wurde. Den Vergleich mit dem ähnlich gelegenen San Francisco kann man durchaus einmal anstellen.

Zwischen null und zweihundert Metern verteilen sich die Viertel der Stadt in einem stetigen Auf und Ab über der Tejomündung. Oft in engen, zum Teil steilen Gassen. Gelegentlich aber auch mit kleinen und großen Grünflächen, von denen sich immer wieder neue Aussichten auf die Stadt, den Fluss und das Meer eröffnen. Miradores nennt man auf der Iberischen Halbinsel diese in Lissabon ziemlich zahlreichen Panoramapunkte.

Wie von Rom behauptet man auch von der portugiesischen Hauptstadt, sie sei auf sieben Hügeln erbaut. Eine Tatsache, von der die Streckenplaner eines Marathons nun wahrlich vor keine leichte Aufgabe gestellt werden. Im Dilemma zwischen touristisch interessanter und schneller Strecke hatten sich die Organisatoren bisher jedenfalls eher für die zweite Variante entschieden und meist einen reinen Pendelkurs am Tejoufer abgesteckt, bei dem manche Straßen bis zu viermal belaufen wurden.

Zumindest Start und Ziel war bisher allerdings an einem der wichtigsten Plätze Lissabons, aufgebaut. Größere Umgestaltungsarbeiten an dieser Praça do Comércio, von der Innenstadt und Fluss miteinander verbunden werden, brachten die Organisatoren für die vierundzwanzigste Auflage nun aber in erheblichen Zugzwang. Statt auf eine Notlösung zurück zu greifen, entschloss man sich zur Komplettrenovierung.

Und so ist 2009 nicht nur der Zielbereich umgezogen. Die Läufer legen die Distanz auf einer neuen, großen Runde zurück, die sich gerade noch zu einem Drittel mit dem alten Kurs überschneidet. Auch das Marathonzentrum findet sich nun nicht mehr direkt in der Innenstadt sondern fünf Kilometer Luftlinie entfernt im Estádio Primeiro de Maio.

Aber es ist trotzdem problemlos zu erreichen, liegt es doch nur wenige hundert Meter von einer U-Bahn-Station entfernt. Innerhalb kürzester Zeit ist man am in einer Neubausiedlung gelegenen „Stadion des ersten Mai“ angekommen. Das Metrosystem Lissabons ist ziemlich gut ausgebaut und in den letzten Jahren schnell weiter gewachsen. An der nächsten Erweiterung wird schon wieder gewerkelt. In diesem Bereich ist man durchaus auf Höhe der Zeit und blickt in die Zukunft.

Das ist jedoch nicht überall so. Denn in anderen Ecken der Stadt, gerade in den alten Vierteln des Stadtkerns kommt schon oft das Gefühl auf, dass Lissabon und Portugal die besten Jahre längst hinter sich haben. Da bröckelt der Putz – auch, aber eben nicht nur im übertragenden Sinne – an vielen Stellen. So manches wirkt angeschlagen, ramponiert, beschädigt oder baufällig, bedürfte deshalb dringend einmal einer Erneuerung.

Und für einige einst stolze Gebäude ist es sogar schon endgültig zu spät, sie sind bereits völlig in sich zusammengebrochen. „Morbider Charme“ wird das ziemlich positiv verklausuliert in Reiseführern und Werbeprospekten gerne genannt. Man wird den Eindruck nicht los, dass bei solchen Begriffen regelmäßig einer vom anderen abschreibt.

Völlig dahingestellt, ob man es trotz oder gerade wegen des etwas verfallenen Zustandes charmant findet, eines kann Lissabon wohl wirklich. Nämlich Geschichten erzählen. Von guten und von schlechten Tagen. Vor allem aber von einer kurzen Phase, als das unscheinbare Portugal und seine Hauptstadt eine echte Bedeutung hatten, als man aufbrach, um die Welt zu entdecken, zu erforschen, zu erobern.

Portugiesische Seefahrer gelangten im fünfzehnten und frühen sechzehnten Jahrhundert zuerst nach Madeira und zu den Azoren, segelten dann die bis dahin unbekannte Küste Afrikas entlang, kamen dort bis zum Kap der Guten Hoffnung und erreichten auf diesem Weg schließlich Indien. Wenig später waren sie sogar noch weiter bis nach Südostasien vorgedrungen. Auch Brasilien wurde von ihnen entdeckt und in Besitz genommen.

Auch bei Kilometer zehn läuft man wieder einmal bergauf Hauptsächlich modernen Gebäude prägen den Campus der "Cidade Universitária de Lisboa"

Innerhalb weniger Jahrzehnte kam so ein weltweites Handelsnetz und riesiges Kolonialreich zusammen. Nur das Nachbarland Spanien konnte mithalten. Eine vom Papst im Vertrag von Tordesillas bestätigte Linie durch den Atlantik teilte deshalb die Erde zu jener Zeit in einen spanische und einen portugiesische Einflussbereich auf. Man war dank seiner Seeleute zu einem der reichsten Länder Europas, ja sogar zur absoluten Weltmacht aufgestiegen.

Wenig ist davon geblieben. Glück, Erfolg und Bedeutung sind meist ziemlich vergänglich. Inzwischen ist Portugal wieder das kleine, wenig beachtete Land am äußersten südwestlichen Rand von Europa. Doch die Erinnerung an die glorreichen, aber längst vergangenen Tage ist durchaus noch präsent.

An vielen Stellen – in der Benennung von Hotels, Cafés, Restaurants, Straßen, Plätzen oder Bauwerken – begegnet man Entdeckern wie Bertolomeu Dias oder insbesondere Vasco da Gama. Und noch häufiger entdeckt man die „Navegadores“ als Sammelbegriff. Die im ersten Moment naheliegende Übersetzung in „Navigator“ wäre allerdings deutlich zu eng gefasst. Vielmehr meint man damit „die Seefahrer“ ganz allgemein.

Maritimes trifft man auch in der Lissaboner Metro an. Denn die Linien haben im Streckenplan nicht nur Farben sondern auch Symbole. Eine Möwe, ein Kompass und eine Karavelle, jener Schiffstyp, mit dem die Entdeckungsfahrten unternommen wurden, sind drei von ihnen. Nur die der gelben Linie zugeordnete Sonnenblume fällt etwas aus dem Rahmen und weckt ganz andere Assoziationen.

Früher waren die U-Bahn-Strecken sogar nach diesen Symbolen benannt. Die Station „Roma“ in der Nähe des Marathonstartes erreichte man zum Beispiel über die „Linha Caravelas“. Ein System, das man so höchstens noch vom ebenfalls nicht mit Nummern oder Buchstaben sondern mit Namen versehenen Strecken der London Underground kennt.

Durchnummeriert sind die Linien von Lissabon noch immer nicht. Doch inzwischen benutzt man die Farben des Netzplanes auch zur Bezeichnung. Man steigt also in die Linha Azul, die Linha Amarela oder Linha Vermelha, wenn man sein Fahrziel auf dem blauen, gelben oder roten Strich gefunden hat. Und zum Estádio Primeiro de Maio kommt man mit der grün markierten Linha Verde.

Das kann man auch schon ab Freitag tun. Denn bereits zwei Tage vor dem Lauf beginnt die Ausgabe der Startnummern. Bei insgesamt gerade einmal knapp dreitausend Teilnehmern, die sich neben dem Marathon auch noch auf einen auf der zweiten Streckenhälfte stattfindenden Halbmarathon und eine Staffel – dazu kommt noch ein ungefähr fünf Kilometer langer Familienlauf ohne Zeitnahme – verteilen, hätte man das im Normalfall zwar eigentlich nicht unbedingt nötig. Doch andererseits wäre der kleine Kellerraum, in dem man die Unterlagen unter die Läufer bringt, einem Ansturm innerhalb kürzerer Zeit wohl nicht gewachsen.

Die Meldegebühr ist mit im günstigsten Fall fünfzig Euro nicht wirklich preiswert zu nennen. Auch die halbe Distanz fürs halbe Geld ist nicht unbedingt ein Schnäppchen. Da kommt man bei anderen Rennen im Süden Europas gelegentlich durchaus auch etwas besser weg. Selbst unter den Hauptstadtmarathons findet sich Lissabon mit seiner Preisstaffel doch eher am oberen Ende der Skala.

Fast schon normal im internationalen Standard sind die Gegenleistungen. Neben der obligatorischen Medaille im Ziel gibt es noch ein Funktions-T-Shirt im Startbeutel. Und Ausländer sind sogar noch zu einer Pasta-Party am Samstagabend eingeladen. Beim Preisvergleich muss man deshalb berücksichtigen, dass diese Leistungen bei Marathons hierzulande oft zusätzlich zu bezahlen sind.

Nur mit südländischen Ausgehgewohnheiten und dem etwas anderen Lebensrhythmus im Mittelmeerraum lässt sich allerdings erklären, dass die Nudelparty zwischen neunzehn und zweiundzwanzig Uhr angesetzt ist. Wobei Portugal ja streng genommen gar nicht am Mittelmeer, das an der Seestraße von Gibraltar endet, sondern nur am Atlantik liegt. Dennoch wird in der Regel das Land fast selbstverständlich zur mediterranen Region hinzu gerechnet.

Nach zehn Kilometern wechseln die Staffeln zum ersten Mal Im Estádio da Luz spielt Benfica Lissabon

Klimatisch gehört Portugal ganz sicher dazu. Wenn es auch meist nicht so staubtrocken ist, wie im benachbarten Spanien. Doch richtig kalt wird es auch in den Wintermonaten nur selten. Fast nie sinkt in Lissabon das Thermometer in den negativen Bereich ab. Und die Durchschnittswerte im Dezember sind sogar noch zweistellig.

So ist es dann zumindest für mitteleuropäische Verhältnisse durchaus mild, als sich die Läufer am Sonntagmorgen erneut im Stadion einfinden. Doch zeigt sich der Himmel eher grau in grau. Die Sonne hat nicht die geringste Möglichkeit, sich ihren Weg durch die dichten Wolken zu bahnen.

Eine wirklich angenehme Witterung ist für diesen Tag ohnehin nicht angekündigt. Zwar sollen die Temperaturen näher bei zwanzig als bei zehn Grad liegen. Allerdings gepaart mit Regen und zunehmendem Wind. Es wäre nicht das erste Mal, dass es beim Lissaboner Marathon etwas feuchter wird. Schließlich ist das Winterhalbjahr in der Stadt deutlich niederschlagsreicher.

Die Marathonis werden diesmal jedoch mit einem blauen Auge davon kommen. Es bleibt bei gelegentlichem Nieselregen, bis auch die letzten von ihnen im Ziel sind. Erst am späten Nachmittag gehen erste, heftigere Schauer herunter. Und zum Abend hin zeigt sich das Wetter von seiner ungemütlichsten Seite, nur um wenige Stunden später zu belegen, dass es auch ganz anders geht. Denn am Montag werden schon fast wieder frühlingshafte Bedingungen in Lissabon herrschen.

Bunt gemischt ist deshalb auch die textile Ausstattung der Teilnehmer. Vom Netzhemd bis zu langer Hose und Windjacke ist alles vertreten. Nicht benötigte Bekleidung kann man bei der in einem Zelt untergebrachten Taschenaufbewahrung loswerden, um sich dann auf die Suche nach dem Start zu begeben. Denn der ist alles andere als leicht zu identifizieren.

Erst die sich langsam bildende Menschenansammlung vor dem noch immer verschlossenen Haupttor zur Laufbahn zeigt, dass es wohl im Stadion losgehen wird. Da dort nicht nur im dem Ziel sondern auch etwas entfernt unter einem aufblasbaren Bogen eine Chipmatte liegt, gibt es sogar noch ein weiteres Indiz dafür. Aber an dieser Theorie kommen doch wieder leichte Zweifel auf, als auch fünf Minuten vor dem um neun Uhr angesetzten Start es dort keine Bewegung gibt.

Neun Uhr portugiesischer Zeit wohlgemerkt. Denn als einziges Land im Westen des Kontinents gehört Portugal nicht zur mitteleuropäischen Zeitzone. Die Chronometer ticken stattdessen wie auf den britischen Inseln in Greenwich-Time. Und das ist auch durchaus berechtigt. Schließlich liegt man ziemlich genau auf der geographischen Länge von Irland und damit von Großbritannien aus gesehen sogar noch ein ganzes Stück in Richtung Sonnenuntergang.

Sieht man einmal vom weit entfernten isländischen Reykjavik ab, gibt es in Europa nämlich keine westlichere Hauptstadt als Lissabon. Und außer Athen liegt auf dem Festland auch keine andere weiter im Süden. Neben der griechischen Metropole könnte man selbst unter weiter Auslegung der kontinentalen Grenzen nur noch Valletta auf Malta und Nikosia auf Zypern aufzählen, die sich näher am Äquator finden.

Erst kurz vor neun öffnet sich das Tor. Bis dann alle hinein geströmt sind und die Startposition auf der anderen, der Tribünenseite des Stadions eingenommen haben, ist die offizielle Startzeit eigentlich schon vorbei. Mit einer kleinen Verzögerung ertönt die Gasfanfare, die das Feld auf seine große Schleife durch die Stadt entlässt.

Aber nicht gleich geht es aus dem Stadion hinaus. Erst ist eine volle Runde auf der Laufbahn zu absolvieren, dann noch eine halbe. Und wie nicht anders zu erwarten, wenn man versucht auf gerade einmal sechs Spuren à 1,22 Meter fast fünfzehnhundert Starter in Bewegung zu bringen, beißt die Spitze schon in den Schwanz, bevor dieser überhaupt richtig zum Laufen gekommen ist.

Mit einem einfachen Trick versuchen die Organisatoren die Trennung. Helfer bilden mit Flatterbändern eine Kette, die anfangs ganz außen postiert ist, dann aber immer weiter nach innen rückt. Das funktioniert zwar halbwegs. Doch eng wird es natürlich trotzdem auf der Bahn, die schon mit einem der beiden Pulks ausgelastet gewesen wäre. Verbesserungsbedarf besteht da bestimmt. Und spätestens wenn die Teilnehmerzahlen noch etwas zulegen, muss dieser Start definitiv noch einmal überdacht werden.

Eine Wende um einen Kreisel sorgt am Colombo-Einkaufszentrum für Gegenverkehr Das Colombo-Einkaufszentrum ist auch am Sonntag geöffnet Die Verfolger Gleich ein halbes Dutzend Hotelstürme stehen um den Bahnhof Sete Rios

Nachdem man das Stadion hinter sich gelassen hat, biegt man erst einmal nach links in eine jener Siedlungen mit ziemlich gesichtslosen, mehrgeschossigen Wohnblocks ein, die in den letzten Jahrzehnten in immer weiteren Ringen um den eigentlichen Stadtkern gewachsen sind und längst weit über die Grenzen Lissabons hinaus ins Umland reichen. Im Großraum Lisboa lebt inzwischen über ein Fünftel aller Portugiesen.

Doch das eigentliche Stadtgebiet, das sich in einem Viertelkreis mit einem Radius von nicht einmal zehn Kilometern auf einer Seite der Halbinsel erstreckt, verliert beständig Einwohner. Näherte sie sich vor einem Vierteljahrhundert langsam der Million hat sich die Bevölkerungszahl seitdem fast halbiert. Nur noch ungefähr fünfhunderttausend Menschen leben in Lissabon selbst, der Rest dagegen in Vorortgemeinden.

Eine Tendenz, die zu immer größeren Pendlerströmen und regelmäßigem Verkehrschaos führt. Bereits in den Neunzigern veranstaltete ein Fernsehsender während der Hauptverkehrszeit einmal demonstrativ ein Wettrennen zwischen einem Esel und einem hochmotorisierten Sportwagen. Fast wie erwartet gewann damals der Esel. Trotz aller Infrastrukturmaßnahmen hat sich die Situation seitdem nicht wirklich verändert.

Von der Avenida Rio de Janeiro geht es kurz vor Kilometer zwei nach rechts in die Avenida do Brasil. Gleich zwei Namen, die eine Verbindung zur größten ehemaligen portugiesischen Kolonie herstellen. Längst hat diese das ehemalige Mutterland nicht nur bei den Einwohnerzahlen sondern auch in Bezug auf die Wirtschaftskraft weit in den Schatten gestellt. Dass man nun am Wochenende des Lissabon-Marathons ausgerechnet Brasilien und Portugal für die kommende Fußball-WM in eine Gruppe lost, ist eine der wichtigsten Meldungen in den Fernsehnachrichten und Hauptgesprächsstoff bei den Portugiesen.

Hauptsächlich Brasilien mit seinen zweihundert Millionen Menschen ist es auch, das dafür sorgt, dass Portugiesisch zu den zehn meistgesprochenen Sprachen weltweit gehört. Doch nicht nur im größten Land Südamerikas ist es verbreitet. Auch in den afrikanischen Staaten Angola und Mosambik, auf den Kapverden, in Osttimor und dem chinesischen Macao – alles ehemalige portugiesische Besitzungen – wird es verwendet. Portugiesisch ist eine echte Weltsprache.

Geschrieben sieht sie durchaus vergleichbar wie ihre romanischen Verwandten Französisch, Italienisch oder Spanisch aus. Und mit etwas Phantasie kann man sie deshalb durchaus entschlüsseln. Allerdings scheinen dabei doch ab und zu einmal ein paar Buchstaben durcheinander zu kommen. Aus einem „n“ wird da gerne auch einmal ein „m“, weshalb der „Herr“ eben nicht wie im Spanischen „Don“ sondern „Dom“ heißt. Und ein Garten ist ein „Jardim“ und kein „Jardin“ wie bei den Nachbarn.

Genauso muss man sich daran gewöhnen, dass in Wörtern öfter einmal „r“ auftaucht, wenn man eigentlich ein „l“ erwartet hätte. Die Freifläche vor einer Kirche nennt sich auf Portugiesisch zum Beispiel „Praça da Igreja”. Das Gleiche kennt man aus anderen Länder als "Plaza de la Iglesia“ oder auch – noch weiter im Nordosten – als „Place de l’Église“.

Was in schriftlicher Form der Sprache des iberischen Nachbarn Spanien – mit dem man die Phase unter maurischer Herrschaft teilt, weshalb auch etliche aus dem Arabischen stammende Begriffe hat – ziemlich ähnelt, hört sich gesprochen oft völlig anders an. Da wähnt man sich angesichts manchmal wirklich abenteuerlicher Konsonantenkombinationen oft im slawischen Sprachraum. Russisch könnte kaum unverständlicher klingen.

Dass ein „s“ meist wie „sch“ ausgesprochen wird, die Portugiesen ihre Hauptstadt also „Lischboa“ nennen, kann man sogar noch nachvollziehen. Doch der Hang gerade beim schnellen Reden auch die eine oder andere Silbe einmal ganz zu verschlucken und eine Betonung, die in vielen Fällen an ein permanentes Nuscheln erinnert, macht das Verstehen für Ungeübte eigentlich nur selten möglich.

Im Gegensatz zu den spanischen Nachbarn haben die Portugiesen allerdings deutlich weniger Probleme mit Fremdsprachen. Insbesondere Englisch ist weit verbreitet. Was wohl auch ein wenig darauf zurück zu führen ist, dass in Portugal viele Filme in Kino und Fernsehen eben nicht in synchronisierter Form sondern in der Originalsprache mit Untertiteln gezeigt werden. Für die unvermeidlichen, endlosen Telenovelas, ist eine Übersetzung allerdings nicht nötig, stammen diese in der Regel doch ohnehin aus Brasilien.

Nur einige zufällige Zuschauer spenden Beifall Auch an der Moschee von Lissabon führt der Marathon vorbei Pastellfarbige Hauswände nach 17 Kilometern

In Richtung des nur ein halbes Dutzend Kilometer vom eigentlichen Stadtzentrum entfernten und praktisch direkt an Wohngebiete angrenzenden Flughafens führt die Avenida do Brasil. Immer leicht bergauf. Dabei lag der Start schon knappe hundert Meter oberhalb des Meeres. Einen absolut flachen Marathonkurs haben die Organisatoren im Gegensatz zu den vergangenen Jahren diesmal nicht abgesteckt. Das ist jetzt schon klar.

Nachdem man kurz vor dem Aeroporto de Lisboa nach Süden Richtung Innenstadt abgedreht hat, geht es zwar erst einmal wieder bergab. Doch die rund zwei Kilometer lange Gerade auf der breiten Ausfallstraße lässt den nächsten Anstieg schon in der Entfernung sichtbar werden. Fast wie bei einer Achterbahn muss man hinunter in eine Senke, um dann die nächste Kuppe in Angriff zu nehmen.

Auf der Praça Francisco Sá Carneiro mit mehreren markanten Ecktürmen und Kreisel inklusive einem Denkmal in der Mitte kommt der dritte Rechtsschwenk. Und wenig später kann man mit der vierten Rechtskurve in Folge auf die schon bekannte Avenida de Roma einbiegen. Man ist wieder an jener Metro-Station angelangt, an der vorhin etliche auf dem Weg zum Start aus dem Untergrund gekommen waren. Nach sechs Kilometern hat man damit das Stadion ein zweites Mal – diesmal aber in wesentlich größerem Radius – umrundet.

Erneut führt die Straße nicht allzu ruppig aber stetig einen den vielen Hügel Lissabons hinauf. Weiter im Land sind sie zwar nicht ganz so steil wie in der direkt am Tejoufer gelegenen Altstadt, allerdings auch keineswegs niedriger. Als die Avenida de Roma auf der Kuppe an einem Krankenhaus endet, nimmt erneut die „Brasilienstraße“ die Marathonis auf. Doch diesmal folgen sie ihr in genau entgegengesetzte Richtung hinein ins Gelände der Universität von Lissabon.

Die in der „Cidade Universitária de Lisboa“ lernenden zwanzigtausend Studenten machen die Hochschule zu einer der größten Universitäten des Landes. Erst in den letzten Jahrzehnten sind aber die modernen Gebäude auf dem weitläufige Campus, in dem man den nächsten Kilometer absolviert, erbaut. Das ist nicht zu übersehen. Obwohl ansonsten nahezu alles in Portugal auf Lissabon konzentriert ist, findet sich nämlich die älteste und traditionell wichtigste Universität in Coimbra.

Noch offener, länger und weiter einsehbar als ihr Gegenstück in der Anfangsphase ist die aus der „Universitätsstadt“ herausführende Gerade. Und ähnlich profiliert ist die zwischen modernen Wohnhochhäusern hindurch führende Schnellstraße auch. Denn unverkennbar kündigt sich bereits der nächste Hügel am Horizont an.

Diesen Anstieg hat man ungefähr zur Hälfte hinter sich gebracht, da ist mit Kilometer zehn nicht nur die zweite Verpflegungsstelle sondern auch der erste Wechselpunkt für die angetretenen Staffeln erreicht. Einundsiebzig von ihnen werden am Ende im Ziel ankommen. Die schnellste wird gerade einmal 2:19:39 benötigen, die langsamste mehr als doppelt so viel.

Für regelmäßige Beobachter von Stadtmarathons ist es schon eine kleine Überraschung, wer an diesem Punkt von den Einzelstartern als Erster vorbeikommt. Es ist nämlich keineswegs einer der unzähligen Läufer aus „Quénia“, wie man das ostafrikanische Land auf Portugiesisch schreibt. Mit Vasco Azevedo liegt im schwarzkarierten Trikot von Boavista Porto ein Einheimischer in Führung.

Den Briten Mark Dalkins hat er noch als Begleiter im Schlepptau. Ihre Durchgangszeit von 33:18 deutet allerdings – selbst wenn die Strecke bis dahin nicht gerade einfach war – auch schon auf ein Endergebnis von über 2:20 hin. Als Dritter folgt der Ukrainer Oleksiy Rybalchenko zwanzig Sekunden dahinter.

Schon unter den ersten Zwanzig passiert die Russin Yulia Mochalova in 38:23 die Zehn-Kilometer-Marke. Und auch die ebenfalls aus Russland stammende Madina Biktagirova bleibt wenig später knapp unter dem Schnitt von vier Minuten pro Kilometer. Der Rest des Frauenfeldes ist von den beiden bereits deutlich abgehängt.

Die Staffelläufer sorgen auf der menschenleeren Straße zumindest einen kleinen Moment lang für etwas Leben. Ansonsten bleiben die Marathonis für den größten Teil der Distanz allerdings weitgehend unter sich. Zuschauer sind unterwegs fast überall Mangelware. Nur ab und zu wird das Rennen vom Straßenrand beobachtet. Doch meist sind das eher zufällig an die Strecke Geratene wie zum Beispiel die erstaunten Touristen in der Innenstadt.

Um die Praça Marquês de Pombal führt die Strecke herum. Das Denkmal erinnert an den Marquês de Pombal, der Lissabon nach einem schweren Erdbeben wieder aufbaute Am der Praça Marquês de Pombal steht auch des Verlagshaus des "Diario de Noticias" Vom Parque Eduardo VII hat man einen weiten Blick über die Stadt

Eine Konstruktion mit vier große Bogen taucht an der rechten Seite auf. Sie hält das Dach des Estádio da Luz, der Heimspielstätte von Benfica Lissabon. Fünfundsechzigtausend Menschen passen in das größte portugiesische Stadion hinein. Und doch reicht das nicht einmal um die Hälfte der Vereinsmitglieder unterzubringen. Die „Adler“ aus dem Stadtteil Benfica gelten als größter Sportclub weltweit.

Mit rund einhunderttausend Mitgliedern ist Erz- und Lokalrivale Sporting aber auch nicht viel kleiner. Dritter im Bunde der Großen ist der FC Porto. Sowohl in Bezug auf Zuschauerinteresse als auch hinsichtlich des Erfolges ist dieses Trio absolut dominant. Seit Einführung der portugiesischen Fußball-Meisterschaft ging bisher nur ganze zweimal der Titel nicht an eine der drei Mannschaften.

Obwohl oder vielleicht gerade weil Fußball die absolute Nummer eins in Portugal ist und daneben kaum eine andere Sportart auch nur halbwegs bestehen kann, mischen diese Vereine zudem auch in anderen Disziplinen fleißig mit. So können alle drei Clubs im Handball und Basketball ebenfalls schon etliche Titel vorzeigen.

Und natürlich haben alle drei auch eine Leichtathletikabteilung. Selbst wenn Benfica zur Zeit mit Dreispringer Nelson Évora einen Olympiasieger in seinen Reihen aufbietet, hat dabei in der Regel meist Sporting die Nase vorn. Gerade im Laufbereich, denn sowohl Mamede als auch Lopes und die beiden Castro-Zwillinge trugen einst das grüngestreifte Trikot der „Löwen“.

Praktisch direkt neben dem Stadion steht das riesige Centro Comercial Colombo. Bemerkenswert ist sicher, dass man das Einkaufszentrum, das zu den größten in Europa zählt, ausgerechnet nach jenem für Spanien segelnden Italiener benannt hat, dessen Fahrten auch dem Nachbarland zu überseeischen Besitzungen verhalfen. Doch ein Centro Vasco da Gama gibt es natürlich ebenfalls in Lissabon.

Ohnehin herrscht in dieser Beziehung nicht der geringste Mangel in der Hauptstadt. Ein Einkaufsbummel scheint zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen im Land zu gehören. Und zwar auch am Sonntag. Denn im katholischen Portugal – weit über neunzig Prozent der Bevölkerung sind Katholiken – sind die Geschäfte praktisch das gesamte Wochenende über geöffnet. Als die Marathonis das Centro Commercial passieren sind die ersten Kunden schon längst bei ihrer Suche nach Weihnachtsgeschenken. Und erst am späten Abend werden sich die Türen wieder schließen.

Die anschließende komplette Runde um einen Kreisel führt die Läufer gleich noch ein zweites Mal am Konsumtempel vorbei, bevor sie ihren Weg mit einer weiteren Schnellstraßenpassage fortsetzen. Auch diese ist zumindest in eine Fahrtrichtung komplett für den Autoverkehr gesperrt. Selbst wenn in der Summe inklusive Halbdistanz nicht einmal dreitausend Läufer unterwegs sind, haben sie absoluten Vorrang.

In Bezug auf Streckensicherung gibt es praktisch keine Probleme. Größtenteils haben die Marathonis die Straße oder zumindest einige Spuren davon für sich. Dabei können sie auf viel mehr Platz zurückgreifen, als sie eigentlich benötigen würden. Und dort wo sich Fahrzeuge und Läufer tatsächlich doch einmal in die Quere kommen, sorgen Polizei und Ordner für ein einigermaßen geregeltes Miteinander. Aber wirklich viel Verkehr herrscht an diesem Sonntagmorgen ohnehin noch nicht.

Wenig spektakulär und ziemlich austauschbar ist das Wohngebiet, in dem man das erste Drittel der Strecke beendet. Erst der Bahnhof Sete Rios, dessen Gleise man unterquert, und die dahinter aufragenden Hochhaustürme bieten nach gut sechzehn Kilometern wieder etwas optische Abwechslung. Gleich mehr als ein halbes Dutzend Hotels beherbergen sie. So mancher der Marathonis wird vor ein paar Stunden von hier aus aufgebrochen sein.

Nachdem die letzten Kilometer tendenziell eher bergab führten, geht es inzwischen wieder einmal einen Hügel hinauf. Oben angekommen, hat man auch die Mesquita Central de Lisboa die zentrale Moschee von Lissabon mit ihrer großer Kuppel und dem seltsam spiralartig verdrehten Minarett, erreicht.

Selbst wenn die Stadt mehrere Jahrhunderte lang unter Herrschaft der Mauren stand, die im frühen Mittelalter fast die gesamte iberische Halbinsel erobert hatten, ist sie keineswegs ein historisches Überbleibsel aus diese Phase sondern ziemlich neu. Sie wurde unter anderem mit Geld aus den Ölstaaten am Persischen Golf gebaut, die damit auch den eigenen Botschaftsangehörigen eine Gebetsstätte bieten wollten.

Die Avenida da Liberdade ist die Prachtallee der Stadt Auf der Avenida da Liberdade steht auch das Denkmal für den Ersten Weltkrieg Im barocken Palácio Foz befindet sich das Tourismusbüro

Ansonsten gibt es allerdings keine wirklich große moslemische Gemeinde im Land. Türkische oder arabische Arbeitsimmigranten findet man kaum. Schließlich war Portugal selbst jahrelang eine typische Auswanderernation. Hunderttausende gingen zum Geldverdienen in den Norden, insbesondere nach Frankreich. Inzwischen hat sich der Trend zwar ein wenig umgekehrt. Doch die Zuwanderer stammen hauptsächlich aus den ehemaligen afrikanischen Kolonien Guinea-Bissau, Angola, Mosambik oder den Kapverden, sind also mit der portugiesischen Sprache und Kultur bereits vertraut.

Wenig später, man ist inzwischen bei Kilometer achtzehn angekommen, folgt der nächste Rechtschwenk, der die Laufrichtung wieder nach Süden, also in Richtung Innenstadt dreht. Dass man sich der nun tatsächlich nähert, zeigt nicht nur die dichter werdende Bebauung sondern auch die Tatsache, dass inzwischen in nahezu allen Häusern zumindest im Erdgeschoss Geschäfte untergebracht sind.

Ab jetzt gilt es wirklich die Augen offen zu halten. Denn wer den Streckenplan etwas genauer studiert hat, dem ist klar, dass der Marathon dem Zentrum auf den nächsten Kilometern zwar nur einen kurzen ersten und später dann einen noch kürzeren zweiten Besuch abstattet, in diese beiden Stippvisiten aber eine ganze Menge an touristischen Höhepunkten hinein gepackt ist.

Eröffnet wird das Ganze wenig später durch einen Platz mit rund hundert Meter im Durchmesser, auf den sternförmig fünf große Straßen zulaufen. In der Mitte erhebt sich ein Denkmal, von dem die ursprünglich nur Rotunda heißende Praça Marquês de Pombal ihren Namen hat. Es zeigt Sebastião José de Carvalho e Mello, der im achtzehnten Jahrhundert über zwanzig Jahre lang Premierminister Portugals war.

Doch nicht deswegen oder aufgrund seiner Reformen, mit denen er das Land modernisierte und aus zum Teil fast noch mittelalterlichen Verhältnissen herausführte, hat man ihm ein Monument errichtet. Zumal er bei dieser Umgestaltung alles andere als zimperlich mit seinen Gegnern umging und seine Ziele oft mit ziemlicher Gewalt durchsetze. Vielmehr soll die Säule an seine Verdienste nach der größten Katastrophe, die Lissabon in seiner Geschichte getroffen hat, erinnern.

Am Morgen des ersten November, dem Allerheiligentag des Jahres 1755 erschütterte nämlich ein schweres Erdbeben die Stadt. Mehrere Minuten lang gab es heftigste Erdstöße. Der Boden riss an mehreren Stellen meterweit auf. Trotz massiv erscheinender Mauern fielen unzählige Bauwerke wie Kartenhäuser in sich zusammen. Aufgrund der Augenzeugenberichte schätzen Seismologen die Stärke auf ungefähr neun Punkte der berühmt-berüchtigten Richterskala.

Das Unglück nahm weiter seinen Lauf. Denn es brach Feuer aus. Und was nach dem Beben noch übrig war, stand innerhalb kürzester Zeit lichterloh in Flammen. Die Überlebenden versuchten sich zum einigermaßen sicher erscheinenden Hafen zu retten. Doch das erhoffte, vor dem Brand schützende Wasser war zurück gewichen, nur um wenig später mit enormer Wucht zurück zu kehren und als riesige Woge über den gebeutelten Lissabonnern zusammen zu schlagen.

Der Tsunami gab der Stadt damit endgültig den Rest. Praktisch das gesamte Zentrum war vollkommen zerstört. Vom einst stolzen Lissabon war nur noch ein gigantisches Trümmerfeld geblieben. Die genaue Zahl der Opfer dieser Naturkatastrophe ist nie festgestellt worden. Doch Schätzungen gehen von mindestens dreißigtausend aus und enden erst bei einhunderttausend.

In dieser Phase zeigte Sebastião José de Carvalho e Mello – der damals noch nicht Marquês de Pombal war, denn diesen Titel erhielt es erst später – sein Organisationstalent. Er stellte Rettungstrupps und Löscheinheiten zusammen, versuchte so schnell wie möglich Nahrungsmittel und Unterkünfte für die Überlebenden zu beschaffen. Auch dabei war er nicht gerade zimperlich. So ließ er die Armee aufmarschieren, damit niemand aus der Stadt flüchtete und genug Helfer für die Aufräumarbeiten vorhanden waren.

Doch seine Maßnahmen waren erfolgreich. Zumindest der drohende Ausbruch von Seuchen blieb den Menschen durch die schnelle Reaktion erspart. Und ein Jahr nach dem Unglück begann der Wiederaufbau, bei dem nun deutlich mehr Wert auf Erdbebenfestigkeit gelegt wurde. Lissabon schaffte es tatsächlich aus den Trümmern wieder zu erstehen.

Die Praça dos Restauradores erinnert an die Wiedererlangung der Unabhängigkeit Portugals von Spanien Hinter der Art-Deco-Fassade des Éden Cinema befindet sich inzwischen ein Hotel Reich verziert ist das Äußere des Rossio-Bahnhofs

Durch sein gutes Krisenmanagement war Sebastião de Mello zum mächtigsten Mann des Landes geworden. König José I. überließ ihm in der Folge nahezu völlig die Regierung. Denn auch beim Herrscher hatte das Beben deutliche Spuren hinterlassen. Zwar war er zufällig zur Zeit der Erdstöße nicht in seinem völlig zerstörten Palast sondern im weitgehend unbeschädigt davon gekommenen Vorort Belém. Doch anschließend mied er feste Gebäude und zog es vor in einer Zeltstadt vor den Toren der Stadt zu residieren.

Nicht nur beim König hatte das Beben lang andauernde Wirkung. In ganz Europa sorgte die Katastrophe für Diskussionen. Denn sie warf ein großes theologisches und philosophisches Problem auf. Wie konnte ein allmächtiger, gütiger Gott ausgerechnet in dem Moment, in dem die Gläubigen sich an einem hohen christlichen Feiertag zu seinen Ehren in den Kirchen versammelt hatten, so ein Unglück zulassen?

Gerade in den überfüllten Gotteshäusern gab es unter den einstürzenden Decken schließlich besonders viele Opfer. Und insbesondere die unzähligen dort brennenden Kerzen waren es, von denen die anschließenden Feuer ausgelöst wurden. Dass ausgerechnet auch noch das Lissabonner Rotlichtviertel Alfama vom Erdbeben praktisch unbeschädigt blieb, wirkte da nur wie ein zusätzlicher Hohn.

War es am Ende völlig egal, was man tat und glaubte? Hatte all das vielleicht überhaupt keinen Einfluss? Konnte man sich irgendwann nur noch in sein Schicksal ergeben? Was hatte man denn nur verbrochen, um so gestraft zu werden?

Einen Dreiviertelkreis schlägt der Marathon um das Riesenrondell. Anfangs erstreckt sich auf der rechten Seite eine großer Park den Hang hinauf. Der Parque Eduardo VII, der seinen Namen vor gut hundert Jahren beim Besuch des damaligen britischen Königs erhielt, ist mit einer großen Rasenfläche und einigen wenigen in geometrischem Muster geschnittenen Hecken nicht wirklich schön zu nennen.

Dennoch ist er bei den Touristen ziemlich beliebt. Denn von seinem oberen Ende bietet sich – insbesondere in der Abenddämmerung – ein herrlicher Blick über die Stadt und den Tejo, von dessen Ufer sich eine mehrere Kilometer lange, leicht gekippte Ebene bis zum Aussichtspunkt erstreckt.

Ein wenig abseits von der Hauptachse steht dort übrigens auch der Pavilhão Carlos Lopes, ein bereits in den Dreißigern erbauter Sport- und Veranstaltungskomplex, den man später nach dem ersten portugiesischen Olympiasieger umbenannte. Inzwischen denkt man daran, dort ein Sportmuseum einziehen zu lassen.

Die schiefe Ebene findet ihre Fortsetzung hangabwärts in der weiträumigen Avenida da Liberdade, in der man nach der Umrundung des Platzes einbiegt. Kaum schmaler als die Praça selbst ist diese Prachtallee, mit der Ende des neunzehnten Jahrhunderts die Stadt planmäßig erweitert wurde. Dass man sich dabei Pariser Boulevards wie die Champs-Elysées zum Vorbild genommen hat, lässt sich nur schwer verleugnen.

Mit ihren rund neunzig Metern Breite und einer zweistelligen Zahl von Fahrspuren, die zudem von mehreren Baumreihen voneinander getrennt werden, stellt sie ein ziemliches Kontrastprogramm zu den engen, steilen Gassen der nahegelegenen Altstadthügel dar. In leichtem aber konstantem Gefälle führt sie die Marathonis an Kilometer zwanzig vorbei auf den eigentlichen Stadtkern zu.

Ungefähr auf halben Weg wird dabei das Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges passiert, an dem sich Portugal seit 1916 auf Seiten der Briten und Franzosen beteiligte. Aus dem Zweiten hielt sich das Land – ähnlich wie das Nachbarland Spanien – allerdings weitgehend heraus, obwohl das damals herrschende autoritäre Salazar-Regime sehr wohl Sympathien für die deutsch-italienische Seite hegte. Und genau wie die Franco-Diktatur konnte sich das portugiesische Gegenstück deshalb auch bis in die Siebzigerjahre hinein halten.

Doch nicht immer war es in der Vergangenheit mit der iberischen Eintracht wirklich weit her. Davon zeugt sowohl die Avenida da Liberdade wie auch die Praça dos Restauradores, von der die Prachtstraße am unteren Ende abgeschlossen wird. Denn gleich zweimal musste Portugal sich seine Unabhängigkeit von Spanien erkämpfen.

Einmal als im vierzehnten Jahrhundert das portugiesische Königshaus ohne männlichen Nachkommen da stand, das Köngreich Kastilien Ansprüche auf den Thron erhob – eine Tochter des portugiesischen Königs war mit dem kastilischen Herrscher verheiratet – und im Nachbarland einmarschierte, konnten die Eindringlinge relativ schnell wieder zurück gedrängt werden.

Zweihundert Jahre später errang allerdings das inzwischen aus den Königreichen Kastilien und Aragon entstandene Spanien tatsächlich für einige Zeit die Regentschaft über Portugal. Wieder war die heimische Dynastie ohne männliche Erben geblieben. Allerdings gab es längst zahlreiche verwandtschaftliche Verbindungen zu den Habsburgern im Nachbarland.

An der Nordseite des Rossio steht das Teatro Nacional Der Rossio ist die gute Stube von Lissabon Mit dem Elevador de Santa Justa wird der Höhenunterschied in die Oberstadt überwunden

Der spanische Herrscher Philipp II war zum Beispiel über seine Mutter direkter Nachkomme der portugiesischen Königsfamilie und übernahm deshalb 1580 auch diese Krone in Personalunion, womit nicht nur die iberische Halbinsel sondern die beiden dazu gehörenden Weltreiche vereint wurden. So lief die berühmte „Spanische Armada” dann auch mit vielen portugiesischen Schiffen und von einem portugiesischen Hafen – nämlich Lissabon – nach England aus.

Während der erste gemeinsame König die versprochene Autonomie von Portugal beachtete, schränkten sie seine beiden ebenfalls Philipp – bzw. Felipe auf Spanisch und Filipe auf Portugiesisch – heißenden Nachfolger immer mehr ein. Und als Spanien dann noch in den Dreißigjährigen Krieg eingriff und zur Finanzierung immer höhere Steuern erhoben wurden, hatten die Portugiesen endgültig genug von den fremden Herren.

Sie erhoben sich 1640 und ernannten Johann von Braganza aus der mächtigsten Adelsfamilie des Landes zum neuen König. Da die spanischen Kräfte vorerst in einem Konflikt mit Frankreich gebunden und nur wenige Truppen in Portugal stationiert waren, hatten sie Erfolg. Erst Jahre später versuchte Spanien im Guerra da Restauração, dem Rastaurationskrieg, ernsthaft Portugal zurück zu erobern. Mit englischer Hilfe konnten allerdings alle Attacken abgewehrt werden.

Im Jahr 1668 erkannten die Habsburger schließlich die Unabhängigkeit des alten und neuen Nachbarn an. Seitdem sind die Grenzen zwischen beiden Ländern praktisch unverändert. Den „Wiederherstellern“ dieser Selbstständigkeit ist der Platz gewidmet, über den die Marathonis nun laufen.

Recht uneinheitlich ist dessen Bebauung. Direkt nacheinander kommt man erst am barocken Palácio Foz vorbei, der noch aus der Wiederaufbauphase nach dem großen Erdbeben stammt und heute unter anderem ein Tourismusbüro beherbergt, um anschließend das Éden Cinema, hinter dessen Art-Deco-Fassade sich inzwischen nicht mehr ein Kino sondern ein Hotel verbirgt, zu passieren. Zumindest farblich sind die beiden jedoch ganz gut aufeinander abgestimmt. Sind sie doch beide in Rosa gehalten.

Wie gesagt, es gilt die Augen offen zu halten. Denn nur wenige Schritte später kommt – immer noch rechts – schon das nächste faszinierende Gebäude in Sicht. Mittelalterlich wirkt es. Doch hinter seiner reich verzierten Front mit den hufeisenförmigen Eingängen verbirgt sich ein nüchterner Bahnhof.

Einen echten Hauptbahnhof hat Lissabon nicht. Aus verschiedenen Richtungen enden die Züge an mehreren Kopfbahnhöfen am Rande der Innenstadt. Doch nirgendwo stoßen die Gleise weiter ins Zentrum vor als zur Estação do Rossio. Viel von ihnen zu sehen gibt es allerdings keineswegs. Denn gleich hinter der Station verschwinden die Schienen erst einmal in einem Tunnel.

Der Bahnhof liegt an dem kurzen, kaum als Straße zu bezeichnenden Verbindungsstück zwischen der Praça dos Restauradores und der Praça de Dom Pedro IV. So heißt der Platz zumindest offiziell, seit in der Mitte die Statue dieses portugiesischen Königs auf einer Säule steht. Doch jeder nennt ihn nach seinem noch aus dem Mittelalter stammenden alten Namen, der sich auch auf die angrenzende Bahnstation übertrug: Rossio.

Der Rossio ist die gute Stube der Stadt, hektischer Verkehrsknoten – auch die unter dem Platz gelegene Metrostation heißt übrigens kurz „Rossio“ – und gemütlicher Treffpunkt in einem. Einheimische und Touristen gleichermaßen zieht es dorthin. Egal ob nur auf einen kurzen Koffeinschub in einem der vielen Straßencafés oder einen abendlichen Besuch des Teatro Nacional, das mit seinen säulenverzierten Eingangsfront die gesamte Nordseite des Platzes einnimmt.

Zwar bleibt der Marathonkurs auf der Straße, die den Rossio komplett umgibt, dennoch läuft man aber auf Kopfsteinpflaster. Das ist in der Altstadt von Lissabon nun wahrlich keine Seltenheit. Ganz im Gegenteil, man begegnet diesem Untergrund fast häufiger als Asphalt. Neben den Hügeln ein weiterer Grund für die Streckenarchitekten das Zentrum eher zu meiden. Bei richtiger Nässe könnte es auf diesem Belag nämlich doch ziemlich glatt werden. Der gelegentliche Nieselregen lässt sich auf diesem kurzen Stück allerdings noch verkraften.

Nicht nur die Straßen sind gepflastert, die Bürgersteige sind es noch viel mehr. Nicht mit dem groben Verbundpflaster, das man hierzulande dafür nutzt. Aus kleinen, oft nur wenige Zentimeter großen Steinen werden dort regelrechte Ziermuster gelegt. Wappen, geometrische Figuren, Blumenornamente, Tiermotive und immer wieder auch Maritimes wie Wellen oder Schiffe.

Die Elétricos de Lisboa, Transportmittel und Besuchermagnet zugleich, rumpeln durch die Gassen der hügligen Viertel Die Rua do Ouro ist eine der Hauptachsen der Unterstadt

Die Pflastermuster sind eine portugiesische Spezialität. Nur in einigen früheren Kolonien Portugals findet man ähnliches. Und sie sind eine langwierige, mühevolle Handarbeit. Denn für die Mosaiken muss praktisch jeder einzelne Stein behauen und in die passende Form gebracht werden. Den Calceteiros, jenen Männern, die diese Motive verlegen, hat man nur ein paar Querstraßen weiter sogar ein Denkmal gesetzt.

Auch der Rossio ist – abgesehen vom Monument in der Mitte und den beiden Springbrunnen an den beiden Längsenden – komplett mit steinernen Wellenlinien bedeckt. Doch dass man nicht allzu weit vom Meer weg ist, merkt man genauso gut daran, dass sich auf dem Platz Möwen beim Krümelsuchen die Arbeit mit den Tauben teilen.

Schon ziemlich früh war er einer der zentralen Plätze Lissabons. Nach dem großen Beben wurde er in exakt rechteckiger Form wieder errichtet. Wie überhaupt die komplette zwischen zwei Hügeln hinein gepresste Baixa, die Unterstadt, in die man jetzt hinein läuft, ein absolut rechtwinkliges Straßenraster hat. Denn sie gehört zu den Vierteln, die nach den Plänen von Pombal systematisch wieder aufgebaut wurde.

Ein Schachbrettmuster wie amerikanische Städte nennt die Baixa Pombalina allerdings keineswegs ihr Eigen, auch wenn oft anderes zu lesen ist. Vielmehr sind es lange Bebauungsstreifen, die sich dadurch ergeben, dass die zum Tejo hin führenden Straßen in viel dichterem Abstand angelegt sind wie die zwischen den seitlichen Hügeln verlaufenden Querstraßen.

Schon in der ersten von ihnen steht eine absolute Besonderheit von Lissabon, der Elevador de Santa Justa. Es handelt sich dabei um einen über vierzig Meter hohen stählernen Turm, in dem sich ein Aufzug verbirgt. Über einen Verbindungssteg in luftiger Höhe kann man nach seiner Benutzung ins oberhalb der Baixa gelegene Viertel Chiado gelangen, ohne Treppen oder steile Gassen bemühen zu müssen.

Noch drei weitere Elevadores gibt es in Lissabon. Doch ist für diese die mit „Aufzug“ zu übersetzende Bezeichnung eigentlich nicht korrekt. Denn beim Elevador da Glória, beim Elevador da Lavra und beim Elevador da Bica handelt es sich eigentlich um kurze Standseilbahnen, die auf ungefähr zwei- bis dreihundert Metern Strecke jeweils knappe fünfzig Höhenmeter überwinden. Und alle drei sind sogar noch ein paar Jährchen älter als der kurz nach der Jahrhundertwende eingeweihte Santa-Justa-Lift.

Dieser bzw. genauer sein Verbindungssteg endet neben dem Convento do Carmo, dem alten Karmeliterkloster, das beim großen Beben ebenfalls schwer beschädigt wurde und größtenteils einstürzte. Wiederaufgebaut wurde die gotische Kirche nie, doch man hat sie auch nicht völlig abgerissen. Man hat die Ruine stattdessen ins Archäologische Museum der Stadt integriert.

Die Grundmauern der Igreja do Carmo stehen noch. Und die übriggebliebenen Trägerbogen, die heute kein Dach mehr zu stützen haben, ragen als – insbesondere vom Rossio gut sichtbares – Gerippe in den Himmel. Auch weiterhin erinnert es an das große Unglück, das da an einem Herbsttag über die Stadt herein gebrochen war.

Man ist auf der Rua do Ouro unterwegs, der Goldstraße. Doch ist auch auf ihr, selbst wenn sie unbestreitbar im absoluten Zentrum der Stadt liegt, bei weitem nicht alles Gold, was glänzt. Selbst auf den Flaniermeilen der Baixa wirkt so manches ziemlich lädiert, wären an der einen oder anderen Stelle dringend Pflegearbeiten nötig. An etlichen Fassaden bröckelt der Putz oder fehlen Kacheln.

Denn viele Häuser sind eben nicht verputzt sondern vollkommen mit Fliesen bedeckt und dadurch gegen die Witterung geschützt. Die sogenannten Azulejos sind neben den Bodenmosaiken eine weitere für Portugal typisches Architekturdetail. Nur im benachbarten Spanien kann man ihnen noch häufiger begegnen. Doch an die portugiesische Verbreitung kommt man auch dort nicht heran.

Dass Kacheln ausgerechnet auf der iberischen Halbinsel so oft verwendet werden, hängt mit der gemeinsamen maurischen Phase in der Geschichte der beiden Länder zusammen. Denn die Azulejos wurden von den moslemischen Eroberern mitgebracht. Selbst wenn sie tatsächlich oft blau also „azul“ sind, hat der Name auch nichts mit der Farbe zu tun sondern ist aus der arabischen Bezeichnung abgeleitet.

Auf der Praça do Comércio sorgt eine spanische Fangruppe für Stimmung Wegen Bauarbeiten werden die Arkaden der Praça do Comércio nur kurz gestreift Am Bahnhof Cais do Sodré beginnt ein langes Begegnungsstück

Doch längst hat man sich vom orientalischen Vorbild gelöst und eine völlig eigenständige Tradition entwickelt. Neben den ursprünglichen Ornamentmustern wurden die Motive immer mehr verfeinert. Großflächige, aus einzelnen handbemalten Kacheln zusammen gesetzte Wandbilder entstanden. Viele davon – zum Beispiel in Kirchen – sind künstlerische hochwertige Gemälde. Und nahezu alles kann man auf Kacheln abbilden. So begegnet man an einigen Punkten in Lissabon an Häuserwänden sogar Stadtplänen, auf denen die Sehenswürdigkeiten des jeweiligen Viertels eingezeichnet sind.

Direkt auf der Goldstraße – es gibt parallel dazu auch noch eine Silberstraße, die Rua da Prata, beide heißen so, weil sich in ihnen nach dem Pombalschen Plan hauptsächlich Gold- und Silberschmiede niederlassen sollten – ist die erste Hälfte des Rennens beendet. Und noch immer führt der Portugiese Vasco Azevedo das Feld an. Auf den bergab führenden Passagen des letzten Teilstücks hat er zugelegt und geht in einer 1:09:32 durch.

Seinen anfänglichen Begleiter hat er längst verloren. Mark Dalkins hat sich weit über eine Minute Rückstand eingefangen und liegt sogar nur noch auf Rang drei. Der Ukrainer Oleksiy Rybalchenko ist inzwischen vorbei gezogen. Doch auch er hat bereits eine knappe Minute auf den führenden Portugiesen verloren.

Fast schon entschieden scheint das Frauenrennen. Denn Yulia Mochalova hat beinahe fünf Minuten auf die Zweite herausgelaufen und wird bei Halbzeit mit 1:20:14 gestoppt. Die bereits Fünfundvierzigjährige Madina Biktagirova, die knapp unter 1:25 diese Stelle passiert, hat den Marathon auf alter Strecke 2003 bereits einmal gewonnen. Und mit Portugiesinnen hat sie ebenfalls Erfahrung. Wurde sie doch bei der EM 1998 in Budapest Vize-Europameisterin hinter Manuela Machado.

Sie alle kommen noch durch, bevor der Start des Halbmarathons erfolgt und sich die Straße füllt. Denn eineinhalb Stunden nachdem die Langstreckler im Stadion losgelaufen sind, werden die Halbdistanzler auf den zweiten Teil des Marathonkurses geschickt. Ziemlich genau gleich groß wie das des Hauptlaufes ist dieses Feld. Zumindest in Lissabon hat der Halbmarathon noch nicht die völlige Oberhand gewonnen.

Rund dreißig Prozent seiner Starter ist aus dem Ausland angereist. Doch ist das noch wenig im Vergleich zum Rennen über die komplette Strecke. Denn dort stammen sogar fast zwei Drittel nicht aus Portugal. Das Interesse an einer eigenen aktiven Teilnahme scheint im – zumindest früher – so erfolgreichen Läuferland im Westen Europas ziemlich gering ausgeprägt zu sein. Der Maratona de Lisboa ist ein typischer Touristenmarathon, bei dem man den Start mit einer Städtereise übers Wochenende verbindet.

Durch ihren Lauf wird allerdings auch eine der größten Touristenattraktionen der Stadt für einige Zeit erheblich behindert. Denn auf der Rua do Ouro schneidet ihr Kurs die Schienen der Straßenbahnlinie 28. Wie die Cable Cars in San Francisco – wieder so eine Verbindung zur Stadt an der amerikanischen Westküste – sind die Elétricos de Lisboa Transportmittel und Besuchermagnet zugleich.

Es sind bei weitem keine achtundzwanzig verschiedenen Linien mehr, die von der Verkehrsgesellschaft Carris bedient werden, sondern nur noch ungefähr ein halbes Dutzend. Aber an der traditionellen Nummerierung hat man festgehalten. Nur die in den flacheren Stadtteilen verlaufenden Strecken werden dabei mit modernen Niederflurwagen angefahren.

Durch die Gassen der hügligeren Viertel rumpeln dagegen Waggons, die sechzig, siebzig oder gar noch mehr Jahre auf dem Buckel haben und genauso gut auch aus einem alten Film stammen könnten. Kämen in diesem Augenblick Stan Laurel und Oliver Hardy mit einem Klavier um die Ecke würde man sich auch nicht mehr wundern. Doch nicht nur die uralten, klapprigen Wagen machen den Reiz der Fahrt aus.

Ein wenig abseits von den Haupttouristenströmen liegt der Rathausplatz Mercado da Ribeira Nova heißt die Markthalle bei Kilometer 22 Direkt unter der Brücke des 25. April gibt es nach 25 Kilometern zu trinken

Auch die Streckenführung ist zum Teil fast schon abenteuerlich. Manchmal sind die Gassen so schmal, dass selbst eine Bahn nur mit Mühe hindurch kommt. Gegenverkehr ist praktisch unmöglich. Und falls sich doch einmal ein Auto in einen solchen Streckenabschnitt verirrt oder gar kurz stehenbleibt, um etwas ein- oder auszuladen, ist das Chaos perfekt. Selbst an einigen etwas breiteren Stellen klappen Ortskundige lieber die Spiegel ihrer dort geparkten Fahrzeuge ein.

Das Profil würde zudem jeder Bergbahn Ehre machen. Die eine oder andere Passage erinnert in ihren Steigungsprozenten tatsächlich an Zahnradbahnen in den Alpen. Ständiges Schaukeln, ruckartiges Anfahren und Abbremsen sowie abrupte Schwenks in plötzlich auftauchenden Kurven sind auch nichts für eher schwache Mägen. Das Ganze hat durchaus etwas von einer großen Achterbahn.

Dass gerade die „28“ dann auch noch an einer ganzen Reihe von Sehenswürdigkeiten direkt vorbei kommt, macht sie endgültig selbst zur Attraktion. Kaum ein Tourist lässt sich die Fahrt entgehen. Und selbst wenn die Wagen in den Hauptzeiten in dichtem Takt über die Gleise rollen, sind sie dennoch oft überfüllt.

Andere öffentliche Verkehrsmittel gibt es in den steilen Gässchen ja auch praktisch nicht. Moderne Straßenbahnzüge hätten auf diesen Strecken keine Chance, kämen um so manche Ecke nie und nimmer herum. Und auch Busse verirren sich nur selten – wenn dann sowieso nur in der Kleinbusversion – ins Straßengewirr der Altstadtviertel. Einige ganz besonders enge Gebiete sind gar mit automatisch versenkbaren Pollern völlig abgesperrt. Nur Anwohner kommen dort mit dem Auto hinein.

Teuer ist die Benutzung der Bahnen nicht. Nachdem man sich einmal für fünfzig Cent Anschaffungspreis eine wiederaufladbare Karte – da hat Lissabon nämlich ein ziemlich modernes System – besorgt hat, kann man diese für weitere 3,70 Euro jeweils volle vierundzwanzig Stunden lang in allen Bussen, Straßenbahnen, Metro- und Nahverkehrszügen im gesamten Stadtgebiet benutzten.

Dennoch gibt es genug „Kunden“, meist Jugendliche, die sich jeglichen Fahrpreis sparen und immer wieder einmal einfach außen auf den Waggons mitfahren. Eine Methode, die hierzulande wohl die sofortige Unterbrechung der Fahrt, eine völlige Streckensperrung und eine Untersuchung durch die Polizei nach sich ziehen würde, in Lissabon aber irgendwie fast zur Folklore gehört.

Ohnehin gibt es da so manches, was deutsche Sicherheitsexperten sofort in die Nähe eines Herzinfarktes bringen könnte. Alleine schon die Stromversorgung der Altstadt durch offen an den Häusern und über die Straße hängende Kabel wirkt alles andere als vertrauenerweckend. Aber irgendwie scheint es dennoch meist ohne größere Unfälle abzugehen.

Die gar nicht einmal so schmale, aber durch die fünf- bis sechsstöckige Bebauung doch recht düster wirkende Rua do Ouro wird ein wenig heller. Man läuft auf die weite Praça do Comércio zu. Doch wirklich auf den weitläufigen Platz, an dem bis im vorigen Jahr der Marathon begann und endete, kommt man eigentlich nicht. Der ist wegen der Umbauarbeiten nämlich praktisch vollständig von einem Bauzaun umgeben.

Nur eine Ecke der Praça berührt die Strecke kurz, bevor man mit einer Rechtskurve, an der eine kleine Gruppe sangesfreudiger spanischer Fans wohl die beste Stimmung aller während des gesamten Rennens am Rand stehenden Zuschauer hat, wieder in der nächsten Straße verschwindet. Um die hohen Arkadengänge, die den Platz umgeben, zu bemerken, reicht die Zeit aber definitiv.

Auch der „Handelsplatz“ wurde nach der Zerstörung durch das Erdbeben komplett neu konzipiert und aufgebaut. Früher stand an dieser Stelle einmal ein königlicher Palast, warum er im Volksmund heute noch „Terreiro do Paço“ – auf Deutsch ungefähr „Palastgelände“ – genannt wird. Und genau wie beim Rossio nutzt man für den U-Bahnhof ebenfalls den alten Namen.

Nun erstreckt sich dort eine weite offene Fläche mit fast zweihundert Metern Seitenlänge, die zum Tejoufer hin unbebaut ist und damit zu jener Zeit, als man sich ihr noch zumeist mit dem Schiff näherte, so etwas wie den monumentalen Empfangsbereich der Stadt darstellte. Auf den anderen drei Seiten des Platzes ließ Pombal Gebäude für Behörden und Ministerien errichten, zwischen denen man nun hindurch läuft.

Auf der Brücke des 25. April beginnt der Frühlingshalbmarathon von Lissabon. Die Brücke überspannt die Tejo-Mündung an der engsten Stelle Wahrzeichen Lissabons: der Torre de Belém ... ... und das Entdeckerdenkmal

Wesentlich kleiner ist die Praça do Município, die kurz darauf auf der rechten Seite auftaucht. Obwohl eigentlich nur ein paar Schritte von den zwischen Rossio und Praça do Comércio verlaufenden Hauptachsen der Baixa entfernt, liegt der Rathausplatz dennoch etwas abseits der Touristenströme und fast ein wenig versteckt. Deshalb ist er auch deutlich weniger belebt. Immerhin wurde auf diesem eher unscheinbaren Platz die portugiesische Republik ausgerufen.

Am Mercado da Ribeira Nova, einer großen Markthalle, beginnt ein insgesamt etwa acht Kilometer langes Begegnungsstück und endet die Innenstadtpassage. Gegenüber liegt der Bahnhof Cais do Sodré einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der Stadt. Denn neben einer Regionalbahn- und einer Metrostation verkehren auf der Straße, auf der die Marathonis aus dem Zentrum hinaus laufen, Busse und Straßenbahnen. Und außerdem gibt es da eben auch noch die Anlegestelle für die Tejofähren, eben die Sodré-Kais.

Breit ist die Strecke nun wieder. Und damit ziemlich anfällig für den immer stärker werdende Wind, gegen den man sich nun vier Kilometer lang stemmen muss. Ausgerechnet auf dem flachsten Teil der ganzen Strecke, dort wo man endlich einmal gleichmäßig laufen könnte, packt er die Marathonis voll von vorne und zieht ihnen weitere Kraft aus den Beinen.

Auch ist die Aneinanderreihung von Sehenswürdigkeiten erst einmal beendet. Doch schon auf große Entfernung kündigt sich eines der inzwischen wichtigsten Wahrzeichen Lissabons an. Denn der Ponte 25 de Abril ist mit seinen fast zweihundert Meter hohen Brückentürmen und bei zwei Kilometer Länge nun wirklich nicht zu übersehen.

An der engsten Stelle der Tejo-Mündung überspannt sie den Fluss und stellt eine Verbindung zu den südlich gelegenen Vororten her, die vor ihrer Eröffnung nur mit Fähren an die Hauptstadt angebunden waren. Neben der Lage erinnert die Brücke auch in Farbe und Form im ersten Moment ein wenig an die Golden Gate Bridge in – wo wohl – San Francisco.

Doch insgesamt ist das Lissabonner Gegenstück in den Ausmaßen fast überall etwas kleiner ausgefallen. Bei genauem Vergleich stellt man auch durchaus bauliche Unterschiede fest. Und zwar nicht nur die monumentale Christusstatue am Südufer, die dank eines noch höheren Betonsockels die Brückenpylonen noch überragt und die man in dieser Form dann doch eher in Rio de Janeiro erwartet hätte. Natürlich ist der „Cristo Rei“ einer der besten Aussichtspunkte auf die Stadt. Ein Jahrzehnt älter als die Brücke ist er übrigens auch, war also zuerst da.

Früher hieß diese nach dem bei der Eröffnung noch uneingeschränkten Machthaber „Ponte Salazar“. Doch nachdem die Nelkenrevolution im Jahr 1974 das nach dem Tod Salazars immer mehr ins Wanken geratene Regime des „Estado Novo“ relativ unblutig hinweg gefegt worden war, bekam sie ihren neuen Namen nach dem Tag des Umsturzes.

Ausgerechnet das Militär, das ansonsten doch eher autoritäre Systeme stützt, war es, das die Nachfolger des Diktators, der fast vier Jahrzehnte Portugal regierte, verjagte. Junge Offiziere hatten genug von einem Regime, das seine Bevölkerung unterdrückte und bewusst unwissend hielt. Denn rund ein Drittel der Portugiesen konnte auch in den Siebzigerjahren nicht Lesen und Schreiben.

Die langen Kolonialkriege in Angola und Mosambik, wo auch lange nachdem die Briten und Franzosen ihre afrikanischen Territorien in die Unabhängigkeit entlassen hatten, noch immer von Portugal herrschten, verschlangen zudem die Hälfte des Staatshaushalts und waren eigentlich nicht zu gewinnen. Sie ließen das Fass dann endgültig überlaufen.

Innerhalb von nur wenigen Stunden war der Aufstand – der seinen Namen von den Nelken hat, mit denen die Lissabonner die rebellierenden Soldaten begrüßten – ein voller Erfolg. Die alte Herrscherkaste dankte ab und ging ins Exil. Angola und Mosambik wurden ein Jahr später selbstständig. Und nur ein Dutzend Jahre danach war Portugal bereits Mitglied der EU. Übrigens das Stadion mit Start und Ziel des Marathons trägt seinen Namen, weil dort wenige Tage nach dem Umsturz am ersten Mai der positive Ausgang gefeiert wurde.

Wirklich aufgearbeitet hat man in Portugal – genau wie im Nachbarland Spanien – die Diktatur allerdings nicht, um keine alten Gräben neu auf zu reißen. Und noch immer ist Salazar in bestimmten Kreisen populär. Ausgerechnet er wurde zum Beispiel in einer Fernsehsendung zum bedeutendsten Portugiesen aller Zeiten gewählt. Dass beim amerikanischen Gegenstück Ronald Reagan gewann, zeig aber wohl, wie wenig aussagekräftig solche Umfragen sind.

Sowohl Autos als auch – im Untergeschoss – Züge rollen über die Brücke des 25. April hinweg. Und einmal im Jahr ist sie eben auch der Startplatz für den Lissabon Halbmarathon. Beim Marathon muss man aber nicht auf sie hinauf, was immerhin weitere achtzig Höhenmeter bedeutet hätte. Man darf unter ihr hindurch laufen.

Nach 32 Kilometern kommt man zum zweiten mal an der Praça do Comércio vorbei In den Gebäuden rund um die Praça do Comércio sind Behörden und Ministerien untergebracht Das Hieronymus-Kloster - in einer typisch portugiesischen Sonderform der Spätgotik am Übergang zur Renaissance

Direkt unterhalb der Brücke ist die fünfte Verpflegungsstelle aufgebaut. Nur alle fünf Kilometer gibt es – so wie in der internationalen Wettkampfordnung geregelt – etwas zu Trinken. Allerdings werden Wasser und Elektrolytgetränke in Flaschen gereicht, so dass man wirklich genug Zeit für eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme hat.

In Richtung des Vorortes Belém führt die Strecke nach Westen. Dort weit abseits des Stadtzentrums findet man das eigentliche, wohl bekannteste und unverwechselbare Wahrzeichen Lissabons, den Torre de Belém. Als Leucht- und Verteidigungsturm überwacht das Anfang des sechzehnten Jahrhunderts errichtete Bauwerk die Einfahrt in die Tejo-Mündung.

Wie eine kleine Wasserburg liegt er im Wasser, ist nur über einen Steg und eine Zugbrücke erreichbar. Erbaut ist er – wie das nur einen kleinen Spaziergang entfernte Hieronymus-Kloster – in einer typisch portugiesischen Sonderform der Spätgotik am Übergang zur Renaissance. Unter anderem gingen dabei einige maurische Elemente ein. Vor allem aber zeichnet sie sich durch die intensive Verwendung von maritimen Motiven als Zierelementen aus. So gibt es zum Beispiel oft Ornamente aus Schiffstauen oder Knoten.

Diese Architekturform, von der in Lissabon selbst wegen des Erdbebens praktisch nichts mehr zu sehen ist, wird Manuelinischer Stil genannt. Denn ihre Blütezeit überschneidet sich mit der fast dreißigjährigen Herrschaft von Manuel dem Ersten. Einem König, dem die Geschichtsschreibung den Beinamen „der Glückliche“ verpasst hat.

Während seiner Regentschaft erreichten portugiesische Seefahrer Arabien, Indien, Malaysia, Indonesien, China sowie Brasilien und gründeten dort ihre Niederlassungen. Unter König Manuel entstand das portugiesische Weltreich und das Land erlebte seine vielleicht größte Blüte. Doch ob er deshalb wirklich „glücklich“ war?

Den vom angeblich so glücklichen König in Auftrag gegebenen Turm bekommen die Marathonis nicht zu Gesicht, selbst wenn das Logo der Veranstaltung zwei Läufer vor ihm zeigt. Denn zwischen Kilometer sechsundzwanzig und siebenundzwanzig wird gewendet, noch bevor Belém wirklich erreicht ist.

Richtig böse ist angesichts des auch weiterhin heftigen Westwindes darüber aber wohl kaum jemand. Bis zum Torre, der ohnehin direkt am Ufer von der parallel verlaufenden Eisenbahn abgeschnitten gewesen wäre, hätte man noch zwei Kilometer weiter gemusst. Auch das Mosteiro dos Jerónimos, das genau wie der Turm auf der Weltkulturerbeliste auftaucht und beim Beben von 1755 glimpflich davon kam, ist da noch weit entfernt.

Und ein anderes bekanntes, auch in Belém zu findendes Wahrzeichen Lissabons liegt ebenso ein Stück hinter dem Umkehrpunkt und bleibt deshalb außerhalb des Blickfeldes. Das Entdeckerdenkmal wurde unter Salazar gebaut, um die große Zeit Portugals und die „Heldentaten“ der Entdecker zu verherrlichen.

Mehr als fünfzig Meter ragt das Padrão dos Descobrimentos in den Himmel. Es soll in seiner Form an die Karavellen erinnern, mit denen die portugiesischen Seeleute immer weiter in unbekannte Regionen vordrangen. Die wichtigsten Personen aus dieser Zeit sind auf dem Monument in Überlebensgröße abgebildet. Ganz vorne auf dem Bug steht aber Heinrich der Seefahrer, mit dem die Epoche der großen Erkundungsfahrten begann und der schon bald darauf hoch verehrt wurde. Und noch immer ist er ziemlich populär im Land.

Entgegen einer weit verbreiteten Meinung war er nie König von Portugal. Heinrich stand zu weit hinten in der Reihe, kam nie zum Zug und blieb zeitlebens Prinz. Die Krone trugen in diesen Jahren sein Vater, sein Bruder und dann sein Neffe. Und große Entdeckungen machte er auch keine. Denn wirklich zur See fuhr er ebenfalls nie. Einzig zwei kurze Feldzüge im Süden – die versuchte Eroberung von Ceuta und Tanger – brachten ihn in fremde Regionen.

Doch er initiierte und finanzierte eben etliche Fahrten. Er ließ Schiffe bauen, die gewonnenen Erkenntnisse sammeln und auswerten, um sie zu immer weiteren Verbesserungen von Navigation und Kartographie einzusetzen. Zu Lebzeiten von Henrique o Navegador gelang es den Portugiesen, die afrikanische Küste bis kurz vor den Äquator zu erkundeten. Keine zwei Generationen später begann bereits die Regierungszeit des „glücklichen“ Manuel.

Meist wird er als jener Mann mit dem traurigen Blick dargestellt, den man auf einem Altarbild mit der königlichen Familie als Heinrich ausgemacht haben will. Eine Identifizierung, der einige Historiker vehement widersprechen. Doch vielleicht passt es einfach zu gut, wenn man auch bei einem der Nationalhelden jene emotionale Stimmung erkennen kann, die von den Portugiesen selbst für einen Teil ihres eigenen Charakters gehalten wird. Ein Gefühl, auf das sie sogar regelrecht stolz sind. Saudade.

Ab Kilometer 38 muss man zum Ziel fast hundert Meter nach oben klettern Auf einer Schnellstraße wird der letzte Rennabschnitt absolviert

Unübersetzbar ist dieses Wort, das sich vom lateinischen „solitas“ ableitet. Doch es bedeutet viel mehr als „Einsamkeit“, zumal es für diesen Inhalt ja auch das Portugiesische „solidão“ gibt. In Saudade schwingt Melancholie, Schwermut, Fatalismus, Sehnsucht, Heim- und gleichzeitig Fernweh, ja sogar so etwas wie Weltschmerz mit. Am ehesten vergleichen kann man es vielleicht noch mit dem „Blues“, den man im amerikanischen Sprachgebrauch nicht nur singen und spielen sondern auch haben kann.

Für Saudade gibt es ebenfalls eine musikalische Entsprechung. Doch heißt diese anders, nämlich Fado. Diese typisch portugiesische Form des Liedes entstand im vorletzten Jahrhundert in den Vierteln der Lissabonner Altstadt. Und noch heute ist die Stadt – neben Coimbra – eines der wichtigsten Zentren dieser Musikrichtung. Zwar ist der Fado vor allem durch ausgewanderte Portugiesen auch in die Welt getragen worden. Wirklich durchgesetzt hat er sich aber nur in Portugal. Vermutlich fehlt anderen eben oft einfach das Gefühl von Saudade.

An kollektiver schwerer Depression leidet das Volk der Portugiesen allerdings trotzdem nicht. Dazu ist man doch zu sehr Südländer. Jedenfalls ist in portugiesischen Fußballstadien – zumindest bei den Zuschauermagneten FC Porto, bei Benfica und Sporting – die Stimmung kaum anders als in den sonstigen Mittelmeerländern.

Nachdem man die Brücke zum zweiten Mal unterlaufen hat und kurz bevor man die Innenstadt wieder erreicht, liegt erneut eine Zwischenzeitenmatte auf der Straße. Bei Kilometer dreißig hat Vasco Azevedo seinen Vorsprung weiter vergrößert, liegt nun bereits rund neunzig Sekunden vor dem Ukrainer Rybalchenko.

Mark Dalkins muss seinem hohen Anfangstempo inzwischen Tribut zollen, hat schon über zwei Minuten Rückstand auf den Zweiten und fast vier auf den führenden Portugiesen. Doch noch immer besitzt er einen einigermaßen beruhigenden Vorsprung von mehr als drei Minuten auf den zweiten Portugiesen Gil Ferreira.

Bei den Damen müsste Yulia Mochalova sogar schon vollkommen einbrechen, sollte sie die nun schon fast acht Minuten, die sie vor Madina Biktagirova liegt, noch einmal einbüßen. Alle anderen haben mit dem Ausgang des Rennens ohnehin nicht mehr das Geringste zu tun. Bevor Veronica Correia als dritte Frau vorbei kommt, vergeht nach Biktagirova mehr als eine volle Viertelstunde.

Erneut geht es an der Praça do Comércio vorbei, diesmal jedoch auf der Tejoseite. Das Begegnungsstück ist abgeschlossen. Und da auch die Eisenbahnlinie, von der die Marathonis die ganze Zeit begleitet wurden, im Kopfbahnhof Cais do Sodré endet, läuft man nun sogar direkt am Flussufer.

Von dort ist der monumentale Bogen, der die Mitte der gegenüberliegenden Seite der Praça einnimmt wesentlich besser zu erkennen als vorhin. Unter dem Arco Triunfal beginnt die Rua Augusta, die sich bis zum Rossio erstreckende zentrale Fußgängerzone. Der Platz selbst allerdings bleibt auch aus dieser Richtung hinter Bauzäunen verborgen.

Hoch oben, mehr als hundert Meter über der Baixa erkennt man das mittelalterlich wirkende Castelo de São Jorge, die Burg von Lissabon. Doch bei weitem nicht alles am und im Sankt-Georgs-Kastell ist tatsächlich so alt. Denn die alte Festungsanlage mit ihren trutzigen Mauern bekam beim großen Erdbeben ebenfalls einen fast vernichtenden Schlag ab. Viel mehr als eine Ruine war nicht mehr übrig.

Das Salazar-Regime baute das Castelo dann „zum Ruhme Portugals“ wieder auf. Doch von einer authentischen Rekonstruktion kann keine Rede sein, denn an die historischen Pläne hielt man sich dabei nicht unbedingt. Manchmal ließ man auch der Phantasie einfach freien Lauf. Das eine oder andere in der heutigen Burg ist dann auch eher so geraten, wie man es im Mittelalter aus irgendwelchen Historienfilmen kennt. Dennoch ist das Castelo wirklich sehenswert. Insbesondere auch weil man von dort oben praktisch einen Rundumblick über die gesamte Stadt hat.

Auf der Schnellstraße kommt "Die Einsamkeit des Langstreckenläufers" gut zur Geltung Die Schnellstraße wird für die Läufer freigehalten Auch auf dem letzten Kilometer geht es noch einmal bergauf

Mit dem Passieren des Bahnhofs Santa Apolónia, in dem die meisten Fernzüge ankommen, der also fast so etwas wie der heimliche Hauptbahnhof Lissabons ist, endet einen Kilometer später auch der zweite Besuch im Stadtzentrum. Der Rest der Strecke ist nun weitaus weniger interessant und abwechslungsreich.

Weiterhin läuft man mehr oder weniger direkt am Tejo entlang. Doch dort auf der rechten Seite prägen nun Hafenanlagen, Containerlagerplätze und Fabrikgebäude das Bild. Die linke, die „Bergseite“ ist mit den dort langsam wieder auftauchenden Vorortsiedlungen auch nicht mehr wirklich sehenswert. Ganz langsam schlägt man dabei einen weiten Linksbogen und bewegt sich schließlich nicht mehr ost- sondern nordwärts.

Noch immer ist man dabei praktisch auch auf Meereshöhe. Selbst die Brücke kurz vor Kilometer fünfunddreißig leitet nicht den Anstieg zum Ziel ein. Denn der ist ja definitiv noch fällig. Aber direkt nach der unangenehmen Rampe senkt sich die Straße wieder und verläuft noch fast drei weitere Kilometer weit einsehbar immer geradeaus durch die Industrielandschaft. Erst ein Kreisel kurz vor dem Schild mit der „38“ bringt die Läufer vom Tejo weg in die Hügel.

Viel hätte nun nicht mehr gefehlt und man wäre im Expo-Gelände von 1998 gewesen. Dort hat man auch nach der Weltausstellung fleißig weiter gewerkelt und auf einem ziemlich herunter gekommenen Hafengelände ein komplett neues Stadtviertel nach oben gezogen, das mit seiner hochmodernen, zum Teil futuristischen Architektur einen völligen Kontrast zur – wie heißt es doch in den Reiseführern so schön – „morbiden“ Altstadt Lissabons darstellt. Die portugiesische Hauptstadt ist vielfältiger, als man anfangs denkt.

Rund einhundert Meter gilt es jetzt innerhalb von vier Kilometern zu bewältigen. Und zwar nicht gleichmäßig sondern stufig und auch noch von gelegentlichen Gegengefällen unterbrochen. Der Lissabon Marathon zeigt erneut Profil, diesmal wieder im topographischen Sinne. So mancher lässt sich an den steilsten Anstiegen gehen und geht.

Und gerade auf dieser Passage besteht die Strecke erneut aus mehrspurigen Schnellstraßen, auf denen sich das weit auseinander gezogene Läuferfeld völlig verliert. Über diese Pisten könnte man durchaus zehn- oder zwanzigmal so viele Teilnehmer schicken, die sich nun dem Ziel entgegen arbeiten. Zumindest das letzte Stück wird dann aber, nachdem man in die zum Stadion führende Seitenstraße eingebogen ist, doch noch einmal flach. Nur noch eine halbe und nicht wie beim Start eineinhalb Runden steht den Läufern dort bevor.

Es ist wie erwartet das karierte Trikot von Vasco Azevedo, das man als erstes im Stadion sieht. Eine 2:20:42 zeigt die Uhr über ihm, als er die Ziellinie überquert. Doch bis zum Schluss kann sich der Portugiese seines Sieges nicht sicher sein. Denn Oleksiy Rybalchenko hält den Abstand auf dem Schlussabschnitt konstant und verliert den Führenden auf den weiten Straßen nie aus dem Auge. Aufholen kann der Ukrainer allerdings auch nicht und so wird er in 2:22:16 völlig ungefährdet Zweiter.

Mark Dalkins bricht nämlich ordentlich ein und muss am Ende wirklich froh sein, überhaupt noch den dritten Platz retten zu können. Bis auf sieben Sekunden nähert sich der 2:30:32 benötigende Gil Ferreira noch dem Briten. Einen Kilometer weiter und die Reihenfolge hätte höchstwahrscheinlich anders ausgesehen. So aber darf er aus den Händen von der beim Lissabon Marathon anwesenden Lauflegende Rosa Mota den Ehrenpreis für Platz drei in Empfang nehmen.

Zumindest das letzte Stück Straße vor dem Ziel ist eben Auf der Laufbahn des Estádio Primeiro de Maio endet der Marathon

Da ist es bei den Frauen doch wesentlich klarer, fast schon langweilig. Mit 2:40:45 läuft Yulia Mochalova schließlich fast eine Viertelstunde auf die Altmeisterin Madina Biktagirova heraus, für die 2:54:08 gestoppt werden. Und bis Veronica Correia als Dritte ins Stadion kommt vergehen weiter fünfundzwanzig Minuten. Erst nach 3:20:14 bleibt für sie die Uhr stehen.

Insgesamt 1153 Namen umfasst die Marathonliste. Auf der für die halb so lange Distanz sind 1161 verzeichnet. Sylvain Durand aus Frankreich heißt dort der Sieger. Mit 1:13:43 – die beiden Ersten beim Marathon waren nebenbei bemerkt auf der gleichen Strecke deutlich schneller – hat er fast exakt eine Minute vor seinem 1:14:47 benötigenden Landsmann Jean Noel Greneche. Der einheimische Pedro Gomes wird bei diesem kleinen Berglauf – schließlich liegt das Ziel für die Halbmarathonläufer deutlich oberhalb des Starts – in 1:16:24 Dritter.

International ist auch das Podium bei den Damen. Hier gewinnt nach 1:26:54 die Deutsche Nicole Boehm, während Platz zwei durch Keiko Katsuyama (1:30:53) vier Minuten später ins ferne Japan geht. Zumindest der dritte Rang bleibt durch Maria Lucas, für die 1:32:22 registriert werden, im Land.

Der große ausländische Anteil und der geringe Zuspruch aus dem vermeintlichen Läuferland Portugal ist sicher einer der kleinen Schwachpunkte des Lissabonner Marathons, bedingt er doch auch insgesamt geringes Interesse an der Veranstaltung in der Stadt selbst. Allerdings ist man was Zuschauer angeht aus dem deutschsprachigen Raum auch ziemlich verwöhnt. Bei weitem nicht überall genießt Marathon diese Beachtung.

Andererseits hat man die Bedeutung des Laufes für Lissabon an einigen entscheidenden Stellen wohl erkannt. Schließlich bringt der Lauf auch abseits der Hauptsaison noch einmal Besucher. Was Organisation, Versorgung und Absperrung während des Rennens angeht, ist man jedenfalls durchaus auf dem Standard wesentlich größerer internationaler Marathons.

Noch hat Lissabon deshalb Möglichkeiten für weiteres Wachstum. Dazu wäre es aber wohl besser, wenn man nicht wieder zur alten eher tristen Pendelstrecke zurück kehrt, sondern den neuen Kurs beibehält, der gleich in mehrfacher Hinsicht das Profil von Lissabon besser vorführt, selbst wenn die dabei zusammenkommenden zwei- bis dreihundert Höhenmeter einem Landschaftsmarathon alle Ehre machen würden.

Gerade mit ein paar kleinen Änderungen insbesondere im Schlussabschnitt, für den es durchaus belebtere Alternativen gäbe, die zudem den Anstieg auf dem Rückweg wesentlich gleichmäßiger verteilen würden, hat und hätte der Lissabonner Marathon nämlich ziemliches Potential. Auch und gerade in touristischer Hinsicht. Doch vielleicht kämen dann ja auch irgendwann die Portugiesen auf den Geschmack und Marathonlaufen wäre im Land wirklich so populär, wie man angesichts all der Erfolge portugiesischer Athleten erwarten könnte.

Bericht und Fotos von Ralf Klink

Ergebnisse und Infos unter www.lisbon-marathon.com

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