23. Lanzarote International Marathon (9.12.12)

Resturlaubsmarathon in warmer Dezembersonne

von Ralf Klink

Wenn es Dezember wird in Europa, nahen neben winterlicher Kälte und Dunkelheit nicht nur Weihnachtsmärkte und hell erleuchtete Fußgängerzonen. Viele Firmen kommen auch auf den Gedanken, ihren Mitarbeitern nahe zu legen, dass sie bis zum Jahresende vielleicht doch schnell noch ein paar Tage Resturlaub nehmen könnten, damit man dafür keine Rückstellungen in die Bilanz bilden muss.

Und abgesehen von jenen, die in der sich dadurch ergebene freien Zeit einfach zu Hause bleiben und sich zum Beispiel mit dem Besorgen von noch fehlenden Geschenken beschäftigen, lassen sich wohl zwei weitere Gruppen von Resturlaubern definieren. Da sind zum einen diejenigen, die gar nicht genug vom Winter bekommen können und die es deshalb in die Berge zum Skifahren zieht. Und dann gibt es etliche, die das genaue Gegenteil bevorzugen, weshalb sie kurz vor Jahresende noch einmal in den meist deutlich wärmeren Süden flüchten.

Während sich für Läufer bei der ersten Alternative eher wenig Startgelegenheiten bieten, lässt sich der Ausflug in die Sonne durchaus mit einem Rennen verbinden. Und dazu muss man keineswegs unbedingt weit entfernte tropische Ziele wie Honolulu oder Singapur ansteuern oder gar in den Sommer der Südhalbkugel ausweichen. Auch in Europa lassen sich mit etwas Suchen noch genug Möglichkeiten finden. Denn rund ums Mittelmeer ist die Marathonsaison in der Adventszeit noch lange nicht beendet.

Fünfhundert und mehr Meter brechen die Berge im Norden der Insel fast senkrecht zum Meer hin ab… … der bekannteste Aussichtspunkt ist dabei der "Mirador del Rio", von dem man einen herrlichen Blick in die Meerenge zwischen Lanzarote und der Nachbarinsel La Graciosa hat

Gerade auf der iberischen Halbinsel stehen noch eine ganze Reihe von Veranstaltungen im Laufkalender. Nicht nur in der portugiesischen Metropole Lissabon sondern auch im andalusischen Málaga kann man zum Beispiel zweiundvierzig Kilometer absolvieren. Im hierzulande eher unbekannten, aber immerhin auch zweihunderttausend Einwohner zählenden Castellón im Norden von Valencia steht ebenfalls ein Marathon auf dem Programm.

Und bis 2011 konnte man auch in Magaluf auf Mallorca beim traditionsreichen "Maratón Costa de Calvià" antreten. Nach fast drei Jahrzehnten beschränkt man sich dort seit diesem Jahr allerdings nur noch auf die Halbdistanz. Mehr als zweihundert Marathonis waren dort ohnehin nie dabei und zuletzt war man in der Beachtung - auch und gerade bei Lauftouristen - zudem immer stärker hinter das jeweils im Oktober nur wenige Kilometer nordöstlich ausgerichtete Rennen von Palma zurück gefallen.

In Costa Teguise, einem der drei großen touristischen Zentren der Insel, reihen sich große Hotelanlagen aneinander … … das kleine, verschlafene Dörfchen Femés im Gebirgszug Los Ajaches stellt dazu einen erheblichen Kontrast dar

Fast genauso lang - nämlich immerhin bis 1990 - reicht auch die Geschichte des Marathons auf Lanzarote zurück, womit man in der eher schmal aufgestellten spanischen Szene zu den fest etablierten Veranstaltungen gehört. Doch unter die größten und wichtigsten Läufen des Landes kann man ihn dennoch nicht einreihen. Denn mehr als zweihundert Teilnehmer kommen auf der langen Distanz dort auch nicht zusammen.

Doch während es bei den Veranstaltungen auf dem Festland zwar unwahrscheinlich, aber zumindest theoretisch möglich ist, bei der Flucht vor Eis und Schnee am Ende doch wieder eher winterliche Bedingungen anzutreffen, hat man auf der Kanareninsel eigentlich eine Garantie, dass man während des Aufenthaltes definitiv keine dicke Jacke benötigen wird. Auch im Dezember liegen die Durchschnittstemperaturen schließlich tagsüber bei rund zwanzig Grad.

Selbst in den ziemlich seltenen wirklich kalten Nächten werden während der Wintermonate an der Quecksilbersäule noch zweistellige Werte abgelesen. Und an echten Frost kann sich auf Lanzarote schon überhaupt niemand erinnern. Umgekehrt schlägt das Pendel aber selbst im Sommer eher selten über die Dreißig-Grad-Marke aus. Es gibt wenige Plätze, an denen das Klima ähnlich konstant und kalkulierbar ist wie auf den Kanaren. Die "Inseln des ewigen Frühlings" tragen ihren Beinamen definitiv nicht zu unrecht.

Für diese Wettersicherheit muss man dann allerdings auch eine etwas längere Anreise in Kauf nehmen. Rund vier Stunden dauert der Flug aus dem deutschsprachigen Raum nach Lanzarote und nimmt damit ungefähr doppelt so viel Zeit in Anspruch als wenn man eines der anderen oben genannten Ziele angesteuert hätte. Denn obwohl die "Islas Canarias" politisch voll und ganz zu Europa gehören, liegen sie geographisch eigentlich Nordafrika viel näher.

Von den östlichsten Inseln des Archipels - Lanzarote und Fuerteventura - sind es nämlich nur etwa hundert Kilometer bis zur marokkanischen Westküste. Der am nächsten gelegene Punkt des Mutterlandes ist dagegen zehnmal so weit entfernt. Natürlich hat es auch mit dieser relative Abgelegenheit zu tun, dass der Marathon nicht gerade von Teilnehmern überrannt wird und man sogar zusammen mit den beiden ebenfalls angebotenen Läufen über zehn und einundzwanzig Kilometer ein ganzes Stück von der Vierstelligkeit entfernt ist.

Während die Lava im Südwesten eine spektakuläre, unter "Los Hervideros" bekannte Steilküste mit mehreren Naturbrücken erzeugt hat ... … hat sich auf der genau gegenüber liegenden Inselseite am Lavafeld "Malpais de la Corona" heller Sand über das dunkle Vulkangestein gelagert

Selbst die Kanarischen Inseln erstrecken sich schließlich über eine Distanz von etlichen hundert Kilometern. Und wer nicht zu den etwa hundertfünfzigtausend Bewohnern von Lanzarote zählt, dem bleibt fast aus diesen Grund praktisch nichts anderes übrig, als sich zumindest für die Nacht vor dem Marathon eine Unterkunft zu besorgen. Nur kurz einmal aus der näheren Umgebung zum Rennen anreisen, geht unter diesen Voraussetzungen einfach nicht.

Übernachtungskapazitäten gibt es auf der Insel aber mehr als genug. Ungefähr genauso groß wie die Zahl der Einwohner soll nämlich auch die Menge der zur Verfügung stehenden Gästebetten sein. Jedes Jahr ziehen weit über eine Million Besucher in sie ein. Anfang Dezember sind längst nicht alle von ihnen belegt. Erst über die Weihnachtstage werden sie sich wieder stärker füllen - und deshalb außerdem auch die Preise spürbar anziehen.

Neben der Tatsache, dass um diese Jahreszeit die Wetterbedingungen am läufergerechtesten sind, dürfte dies durchaus auch zur Terminierung des Marathons kurz vor Weihnachten beigetragen haben. Genauso wenig Zufall ist die maßgebliche Beteiligung eines großen Hotels - des Sands Beach Ressorts - bei der Organisation der Veranstaltung. Auch die Infrastruktur des Rennens findet sich hauptsächlich auf dem Gelände der riesigen Anlage.

Völlig uneigennützig ist das nicht, denn selbstverständlich erhofft sich die Geschäftsleitung auch, eine ganze Reihe der mehreren hundert Zimmer mit entsprechenden Spezialangeboten für Läufer zusätzlich füllen zu können. Wer gleich eine ganze Woche bleibt, muss zum Beispiel kein Startgeld bezahlen. So ist man dann mit der Veranstaltung auch im vorigen Jahr von der Inselhauptstadt Arrecife ins knapp zehn Kilometer nordöstlich gelegene Tourismuszentrum Costa Teguise umgezogen.

Die aktuelle Hauptstadt Arrecife kann mit städtischem Leben und dem einzigen Hochaus der ganzen Insel aufwarten ... … die frühere Hauptstadt Teguise bietet dagegen idyllische, enge und verwinkelte Gassen sowie gleich mehrere alte Kirchen

Über mehrere Quadratkilometer dehnt sich diese Ansammlung von auf dem Reißbrett geplanten Hotels und Apartmentanlagen ohne echtes Zentrum entlang des Meeres aus. Mit einem idyllischen kleinen Hafenörtchen hat das natürlich nicht das Geringste zu tun. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Ferienzielen im Süden ist es auf Lanzarote eben weitgehend gelungen, diese Bauten auf drei große Zusammenballungen zu konzentrieren und nicht gleich die gesamte Küste zuzubetonieren.

Costa Teguise ist sogar noch die kleinste unter ihnen. Doch zieht es sich eben trotzdem rund vier Kilometer die Küste entlang. Und da das Sands Beach Resort praktisch am äußersten Ende der "urbanización" - ein mit einem einfachen "Siedlung" nicht wirklich zutreffend übersetzter Begriff - zu finden ist, sollte man angesichts des großen Angebotes bei der Quartierwahl ein wenig aufpassen. Ansonsten benötigt man am Ende nämlich doch wieder einen fahrbaren Untersatz, um von der eigenen Unterkunft zum Startbereich zu gelangen.

Schon am Freitagnachmittag sind dort die Aufbauarbeiten weitgehend abgeschlossen. Das Zielgerüst steht bereits und sogar einige Stahlrohr-Tribünen hat man daneben am Straßenrand zusammen geschraubt. Ein halbes Dutzend Zelte und Pavillons vor dem Haupteingang des Hotels bildet das Wettkampfzentrum. Die größeren sollen am Renntag unter anderem Taschenaufbewahrung und Massage beherbergen sowie über das ganze Wochenende zur Bewirtung dienen.

Für die Startnummernausgabe reicht dagegen angesichts des eher übersichtlichen Teilnehmerfeldes ein Unterstand der kleineren Sorte. Eigentlich soll an ihm freitags ab sechszehn Uhr die "retirada de dorsales" - die Ausgabe der Startnummern - beginnen. Und schon etliche Minuten vor diesem Zeitpunkt haben sich die ersten Läufer in einer Warteschlange vor dem Pavillon aufgereiht.

Spanisch wird dabei eher selten geredet. Hauptsächlich hört man Sprachen, die Linguisten unter die "germanischen" Gruppe einordnen würden. Es sind nämlich Englisch, Deutsch, Niederländisch und Schwedisch, die dominieren. Nur das Finnische, das man von einigen der Wartenden ebenfalls zu Ohren bekommt, passt aus wissenschaftlicher Sicht nicht ganz in die Kategorie. Doch gehört es eben auch nach Nordeuropa.

Das hängt natürlich zum einen damit zusammen, dass der Anteil der aus der Ferne angereisten Gäste relativ hoch ist. Beim Marathon wird nicht einmal ein Drittel der Starter unter dem Nationenkürzel "ESP" geführt. Auf den beiden anderen Distanzen sind die Spanier zwar knapp in der Überzahl, aber wie viele von ihnen wirklich Einheimische und wie viele vom Festland herüber gekommen sind, um auf der Kanareninsel ebenfalls ein paar Resturlaubstage zu verbringen, lässt sich praktisch nicht erkennen.

Doch wird in der Zusammensetzung der Warteschlange eben auch ein gewisser Mentalitätsunterschied deutlich. Schon lange vor dem eigentlichen Beginn auszuharren, bloß um möglichst unter den Ersten an die Reihe zu kommen, scheint wohl doch eher eine Angewohnheit nördlicher Regionen zu sein. Zumal man realistisch betrachtet zeitlich sogar deutlich besser damit fährt, etwas später aufzutauchen, wenn der erste große Andrang vorbei und die Zahl der Anstehenden kleiner geworden ist.

Nachdem sich die Führungsradfahrer am im Startort Costa Teguise mit Fahnen und Plakaten beworbenen Lanzarote Marathon haben ablichten lassen, starten die Rollstuhlfahrer um neun Uhr als Erste

Ohnehin werden die ersten Nummern erst mit einer Viertelstunde Verspätung unter die Leute gebracht. Denn während einige der Wartenden bereits nervös mit den Hufen zu scharren beginnen, räumen die Helfer zuerst einmal in aller Seelenruhe ein. Längst nicht alles ist schon vorbereitet. Und auf eine Minute kommt es ihnen dabei auch nicht an. Doch auf einer Insel, die hauptsächlich von Urlaubern lebt, muss man hinsichtlich der Zeit vermutlich einfach auch eine andere Einstellung bekommen als inmitten einer hektischen Großstadt.

Dass die Schlange dann nur langsam vorrückt, hat aber weniger mit Trödelei der durchaus eifrigen Frauen und Männer an den Ausgabeschaltern zu tun als vielmehr mit dem ein wenig umständlichen Verfahren. Zuerst einmal ist ein Ausweis mit Foto zur Identifizierung vorzulegen. Danach wird dann erst einmal in den auf die Tischen geklebten Startlisten überprüft, ob die Meldegebühr noch zu zahlen ist.

Denn im Gegensatz zu den meisten anderen Laufveranstaltungen, öffnet sich bei der Registrierung über das Internet - verglichen mit dem bei der Konkurrenz manchmal betriebenen Aufwand ist die Seite sowieso eher dürftig gehalten - keineswegs automatisch ein Zahlungsfenster. Und eine Kontonummer für die Einzahlung über eine Bank, auf die kleinere Läufe manchmal zurückgreifen, um die hohen Kosten für Kreditkartenbuchungen zu sparen, sucht man ebenfalls vergeblich.

Nachdem man das Formular ausgefüllt und den "Senden"-Knopf betätigt hat, passiert gar nichts. Nicht einmal die übliche, automatisch generierte Bestätigungsmail landet im Postfach. Und die langsam aufkommenden Zweifel, ob das mit der Meldung nicht irgendwie schief gegangen sein könnte, verschwinden erst, als einige Wochen vor dem Rennen schließlich doch noch elektronische Post vom "Lanzarote International Marathon" eingeht.

Allerdings ist die "inscripción" ohnehin bis zum Tag vor dem Marathon möglich. Schließlich ist man an jedem zusätzlichen Teilnehmer interessiert und von einem Meldelimit weit entfernt. Nur wären dann eben fünfzig anstelle von fünfunddreißig oder vierzig Euro bei Voranmeldung fällig. Wer seinen Wohnsitz auf Lanzarote hat, bezahlt in jeder Preisstufe jeweils fünf Währungseinheiten weniger. Mit Medaille und T-Shirt bewegen sich die darin erhaltenen Auszeichnungen durchaus im üblichen Rahmen.

Und für die Marathonstrecke ist das Preis-Leistungs-Verhältnis absolut akzeptabel. Dass selbst im günstigsten Fall für den Halbmarathon dreißig und für den Zehner fünfundzwanzig Euro fällig werden, steht dagegen schon wieder auf einem ganz anderen Blatt. Bis zum Rennwochenende steigen die Preise gar auf stolze fünfundvierzig und vierzig Euro. Doch angesichts der für eine Teilnahme sowieso nötigen Reise stellt das Startgeld sicher einen eher kleinen Kostenfaktor dar.

Nach dem Start führt die Strecke erst einmal für eine guten Kilometer mitten durch Costa Teguise

Aber auch wer seine Meldegebühren bereits im Vorfeld entrichtet hat, kommt nicht umhin noch einmal den Geldbeutel zu zücken. Denn für den Chip sind zwanzig Euro Pfand zu hinterlegen. Diese werden fein säuberlich in einen kleinen, mit der Startnummer beschrifteten Umschlag eingetütet und anschließend wieder in einer Kiste im Hintergrund deponiert. Nach dem Lauf wird man genau den gleichen Geldschein wieder zurück bekommen.

Zum Abschluss der Abholprozedur wird der gerade ausgegebene Mess-Chip noch einmal von Mitarbeitern der Zeitnehmerfirma überprüft. Erst wer seinen Namen am Bildschirm gelesen und dazu genickt hat, ist nach mehreren Minuten endgültig entlassen. Man muss wahrlich kein überbezahltes Wirtschaftsberatungsunternehmen monatelang die Abläufe untersuchen lassen, um zu erkennen, dass es im Bedarfsfall dabei sicher noch die eine oder andere Optimierungsmöglichkeit gäbe.

Da der Lanzarote Marathon allerdings nicht gerade von Teilnehmern überrannt wird, besteht eigentlich erst einmal keine Notwendigkeit, den Durchsatz beim Austeilen der Startnummern deutlich zu erhöhen. Die meisten bleiben, nachdem sie ihren Beutel erhalten haben, ohnehin noch einen Moment im großen Nachbarzelt, um sich mit Tapas - jenen kleinen Häppchen, die in Spanien in unzähligen verschiedenen Variationen gereicht werden - zu stärken.

Als die Straße mit dem schönen Namen "Avenida Islas Canarias" nach mehr als einem Kilometer an einer T-Kreuzung endet, schwenkt die Laufstrecke nach links

Das ganze Wochenende über werden diese für kleines Geld verkauft und ersetzen im Vorfeld auch die sonst übliche Nudelparty. Durchaus originell ist die Idee, die verschiedenen angebotenen Alternativen jeweils nach einem großen Laufveranstaltungen zu nennen. So kann man sich dann einen New York, einen Boston oder einen Tokio Marathon zum Essen geben lassen. Manchmal lässt sich dabei der Grund für die Namensgebung sogar erahnen. Warum dann allerdings ausgerechnet Berlin von einer Süßspeise repräsentiert wird, ist nicht wirklich nachvollziehbar.

Während die Rennen der Erwachsenen erst am Sonntag auf dem Programm stehen, hat man für den Samstag eine "carrera infantil" - einen Kinderlauf - angesetzt. Doch mit den in der englischen Variante der Internetseite vielleicht ein wenig zu vollmundig versprochenen "sun soaked streets of Costa Teguise" - den "sonnendurchtränkten Straßen" - ist es dabei nicht gerade optimal bestellt. Es ist zwar nicht kalt, aber der Himmel zeigt sich an diesem Tag doch meist ziemlich bedeckt.

Und obwohl Lanzarote eigentlich die trockenste aller Kanaren ist, fallen sogar einige Tropfen. Die Wintermonate gelten auf den Inseln aber auch als niederschlagsreicher. Mehr als ein leichtes Nieseln ist das allerdings nicht. Schließlich ist die jährliche Wassermenge im Normalfall nicht viel größer als das, was während eines heftigen tropischen Regengusses innerhalb von zwei oder drei Stunden vom Himmel herunter kommen kann. Hierzulande werden in zwölf Monaten jedenfalls überall mindestens die fünf- oder sechsfachen Werte registriert.

Dass Lanzarote diesbezüglich selbst im Vergleich mit seinen nicht gerade mit extremen Niederschlägen aufwartenden Nachbarn noch einmal etwas aus dem Rahmen fällt, hat mit der eher geringen Höhe der Insel zu tun. Die sechshundertsiebzig Meter ihres am weitesten aufragenden Punktes werden einzig im nahe gelegenen Fuerteventura nur knapp überboten. Dort kann man nämlich nur bis auf etwas über achthundert Meter hinaufklettern.

Dagegen können alle anderen mit deutlich größeren Erhebungen aufwarten. So stellen La Gomera und El Hierro den durch den Passatwind meist von Norden heran gebrachten Wolken bereits ungefähr fünfzehnhundert Meter hohe Berge in den Weg. Gran Canaria kratzt auf dem Pico de las Nieves fast schon an der Zweitausendermarke. Und La Palma legt am Roque de los Muchachos sogar fast fünfhundert weitere Meter drauf.

Aber der Teide Teneriffas mit seinen 3718 Metern übertrifft all das noch einmal weit. Kein Berg auf spanischem Territorium ist höher - weder in den Pyrenäen noch in der Sierra Nevada. Zwar haben diese beiden Gebirge ebenfalls eine Reihe von Dreitausendern zu bieten. Doch fehlen selbst dem Mulhacén südlich von Grenada, für den unter ihnen die größte Zahl notiert wird, mehr als zweihundert Meter bis zum Wert des kanarischen Gipfels.

Während die Wolken über Lanzarote sowie das ähnlich wenig Feuchtigkeit abbekommende Fuerteventura meist hinweg ziehen und so für ein halbwüstenartiges Klima sorgen, bleiben sie an den höheren Bergen der anderen Inseln wesentlich häufiger hängen. Sie bringen dort im Norden immer wieder einmal Regen oder zumindest Nebel. So sind die dortigen Hänge dann auch relativ dicht bewachsen.

Der Süden bleibt dagegen im Windschatten der Berge meist wesentlich trockener. "Arid" nennen die Meteorologen solche Bedingungen, in dem wenig überraschend die Vegetation ebenfalls ziemlich dürr daher kommt. Doch damit ist es halt auch deutlich sonniger als auf der gegenüberliegenden Seite. Da ist es wenig verwunderlich, dass sich die meisten Urlaubsorte entlang der südlichen Küste der jeweiligen Insel ausdehnen.

Mit einem weiteren Linksschwenk steuern die Marathonis wenig später auf das nach knapp zwei Kilometern erstmals erreichte Meer zu

Das stellt sich auf Lanzarote keineswegs anders dar. Auch dort findet man nämlich nicht nur Costa Teguise sondern auch die beiden anderen großen Touristenzentren Playa Blanca und Puerto del Carmen im Süden der Insel. Und selbst wenn die Unterschiede weit weniger extrem ausfallen als bei den weiter westlich gelegenen Teilen des Archipels, ist es im Nordosten, wo das Famara-Massiv fünfhundert und mehr Meter meist ziemlich steil zum Meer hin abfällt, am grünsten.

Der Marathontag präsentiert sich wie versprochen dann jedoch wieder deutlich freundlicher. Weit häufiger als am Vortag bricht die Sonne schon am frühen Morgen durch die vorhandenen Wolken. Und da sie bereits kurz nach halb acht erstmals über dem Horizont hinaus gelugt hat - nicht nur angenehme Wärme können die Kanaren im Dezember bieten sondern mit einer Tagesdauer von immer noch zehneinhalb Stunden außerdem auch deutlich mehr Licht - ist es längst hell, als sich der Zielbereich vor dem Hotel zu füllen beginnt.

Denn der erste Start ist für neun Uhr angesetzt. Und zumindest wenn sie vom europäischen Festland angereist sind, können selbst Langschläfer unter den Läufern nur schwerlich über die gewählte Vorgabe meckern. Schließlich gibt es da ja noch die Zeitverschiebung zu berücksichtigen, aufgrund der es dann in der Heimat bereits zehn Uhr wäre. Auch das übrige Spanien ist Lanzarote aus diesem Grund stets eine Stunde voraus. Einzig die Briten und Iren im Feld müssen sich diesbezüglich nicht umstellen.

Wie gewöhnlich haben sie auch verständigungsmäßig eher geringe Probleme. Und das hängt natürlich in nahezu allen Fällen keineswegs mit besonders guten Spanisch-Kenntnissen der Gäste zusammen. Doch auf einer Insel, die zu großen Teilen vom Tourismus lebt, sind Fremdsprachen - und insbesondere Englisch - deutlich weiter verbreitet als im diesbezüglich eher nachlässigen Rest des Landes.

Auch mit Deutsch kann man - wenn auch in geringerem Umfang - vielerorts durchkommen. Und viele Aufschriften - zum Beispiel auf den Erläuterungstafeln an Sehenswürdigkeiten - sind gleich in mehreren Sprachen gehalten. Allerdings handelt es sich dabei häufig auch um eher schräge Texte, die stark nach der Verwendung eines Programmes zur wortwörtlichen Übersetzungen ohne Beachtung des Inhaltes aussehen. Manchmal lassen sie sogar mehr Fragen als Antworten zurück.

Vermutlich müsste das oft gar nicht sein. Denn schließlich haben sich auch einige tausend Deutsche dauerhaft auf der Insel niedergelassen oder verbringen zumindest die milden Winter auf den Kanaren. Nur etwa drei Viertel der Inselbewohner sind überhaupt spanische Staatsbürger. Neben Arbeitsemigranten aus Nordafrika oder Südamerika stammt rund ein Zehntel der aktuellen Bevölkerung dagegen aus Mittel- und Nordeuropa. Die deutsch- oder englischsprachigen Radiosender, die auf den Kanaren existieren, wenden sich natürlich auch an sie.

Die Sprecherin am Marathonstart bemüht sich ebenfalls mit einigen deutschen Sätzen. Doch sind diese fast noch unverständlicher als viele der Aufschriften. Wenn man des Spanischen nun wirklich überhaupt nicht mächtig ist, tut man um größere Missverständnisse zu vermeiden jedenfalls gut daran, sich zumindest an ihre von der Qualität her doch auf deutlich besser ausfallenden englischen oder französischen Durchsagen zu halten.

Über die Playa de las Cucharas hinweg bieten sich imposante Ausblicke auf die vielen Vulkankrater der Insel

Wer zum Beispiel nach den Worten, die "Top-Zeit ist zwei Stunden und fünf Minuten" nach einem Athleten der absoluten Weltklasse Ausschau hält, der in die Nähe der Rekorde von Patrick Makau oder Geoffrey Mutai laufen könnte, hat nicht im Entferntesten verstanden, was die Ansagerin tatsächlich gemeint haben könnte. Denn eigentlich geht es ihr um den Zielschluss genau fünf Stunden nach dem auf 9:05 angesetzten Start der Marathonis.

Doch zum einen ist ihr der korrekte Begriff in diesem Moment wohl nicht eingefallen. Und zum anderen tut sie sich schwer damit, die beiden unterschiedlichen Übersetzungsmöglichkeiten von "horas" ins Deutsche auseinander zu halten. Wie in romanischen Sprachen üblich wird dieses Wort nämlich sowohl für "Stunde" als auch bei Angabe der Uhrzeit verwendet. Bevor man jetzt aber in große Häme verfällt, sollte man vielleicht erst einmal überlegen, ob man selbst in der Lage wäre, die Existenz eines Zeitlimits korrekt in einer Fremdsprache zu formulieren.

Der Zielschluss wird jedenfalls später gnadenlos durchgezogen werden. Wie zum Beispiel auch bei Rennen in Südafrika üblich wird man die letzten verbleibenden Sekunden zur Fünf-Stunden-Marke herunter zählen und kurz danach schon mit dem Abbau beginnen. Das eher kleine Starterfeld verhindert allerdings, dass es zu jenen bei Comrades oder Two Oceans immer wieder zu erlebenden kleinen Dramen kommt, bei denen Läufern nur noch ein einziger Schritt zur Linie gefehlt hätte.

Zwischen Kilometer zwei und vier verläuft die Strecke über die Uferpromenade von Costa Teguise

Wie man auf Lanzarote in einem solchen Härtefall agieren würde, bleibt dahin gestellt. Doch die Ergebnisliste wird diesmal mit einem letzten Eintrag bei 4:59:48 enden. Wer später kommt und nicht ohnehin mangels realistischer Chancen schon unterwegs in ein Begleitfahrzeug gebeten wurde, steht vor verschlossenen Toren. Die Existenz eines so scharfen Zeitlimits würde hierzulande jedenfalls sicher heiße Diskussionen produzieren.

Eine weitere mehrfach wiederholte Ansage der Sprecherin erfolgt zwar auch nicht in wesentlich besserem Deutsch. Aber zumindest lässt sich erahnen, was damit gemeint ist, dass man "bitte immer auf die Rechte laufen" soll. Schließlich werden alle drei Distanzen auf reinen Wendepunktkursen absolviert, auf denen es natürlich zu Gegenverkehr kommt. Da kann gerade für unübersichtlichere Stellen eine Klärung der Laufrichtung im Vorfeld nicht schaden.

Insbesondere aufgrund der mehr als zwei Dutzend Rollstuhlfahrer, die um neun Uhr als Erste auf die Strecke geschickt werden und dann mit relativ hohen Geschwindigkeiten unterwegs sind, ist eine gewisse Vorsicht geboten. Mit einer ganzen Reihe von Paralympics-Teilnehmern - nicht nur aus Europa sondern auch aus Venezuela und Costa Rica - an der Startlinie ist der Wettbewerb der "sillas de ruedas" qualitativ eindeutig am besten besetzt.

Und nirgendwo sonst wird es bei der Verteilung der Plätze später dann auch so eng zugehen. Erst im Endspurt wird sich nämlich der Spanier Roger Puigbo Verdaguer in 1:42:37 gegen Denis Lemeunier aus Frankreich und seinem Landsmann Jordi Madera Jimenez durchsetzen können. Weniger als eine Sekunde liegen die drei Erstplatzierten dabei auseinander.

Der fast schon als "Legende" zu bezeichnende Schweizer Heinz Frei kann da zwar mit 1:44:34 nicht mehr ganz mithalten, ist aber auch im Alter von vierundfünfzig Jahren und nach drei Jahrzehnten in der Weltspitze noch für vordere Ränge gut. Siegerin Jane Egan aus Großbritannien muss sich für ihren Erfolg in 3:06:45 dagegen auf bloße Zielankunft beschränken. Sie ist nämlich die einzige Frau im Rennen.

Fünf Minuten nachdem die Rollis den Startbereich verlassen haben, folgt ihnen der ziemlich überschaubare Pulk der Marathonläufer. Erst um halb elf geht es dann auch im Halbmarathon los. Und als letztes wird um viertel nach elf der Wettbewerb über zehn Kilometer gestartet. Der gewählte Zeitabstand zwischen den Starts wird dafür sorgen, dass die jeweils Schnellsten auf allen drei Distanzen am Ende innerhalb weniger Minuten ins Ziel kommen werden.

Schnell zerfällt das Feld der Marathonis auf der relativ breiten Straße in kleine Grüppchen. In einem lang gezogenen "S" - sein Verlauf entspricht zufällig ziemlich genau der geschwungenen Form der sich in Nordost-Südwest-Richtungen ausdehnenden Insel - zieht dies sich auf dem ersten Kilometer entlang jener großen Hotelanlagen und Ferienhaussiedlungen dahin, die den Großteil von Costa Teguise ausmachen.

Bei El Golfo öffnet sich ein wassergefüllter Vulkankrater direkt zum Meer hin und bietet so ein kaum eine denkbare Farbe auslassendes Bild An den Jameos de Agua hat man in einem alten Lavakanal neben einem Wasserbecken auch ein Restaurant und sogar einen Konzertsaal hinein gebaut

Dazwischen entdeckt man noch eine ganze Reihe von Geschäften, in denen sich die temporären Einwohner dieser weitgehend künstlichen Urlaubswelt mit Souvenirs und Lebensmittel versorgen können. Nur die Palmen, von denen die Läufer an beiden Seiten begleitet werden, sind zwar gepflanzt, aber ansonsten immerhin natürlich gewachsen. Doch die in den Beeten überall am Boden herum liegenden Wasserschläuche zeigen, wie schwer es ist dieses trockene Umfeld zum Grünen zu bringen.

Abgesehen von den Haupteingängen sehen die meisten Bauten relativ ähnlich aus. Das hängt damit zusammen, dass entsprechend der Vorgabe der Inselregierung auf Lanzarote auch größerer Ferienkomplexe möglichst in einen Stil errichtet werden sollten, der dem einheimischer Dörfer entspricht. Diese bestehen in der Regel aus einfachen rechteckigen Häusern mit gekalkten Wänden und zumeist auch Flachdächern. Manchmal sind auch mehrere Elemente so miteinander verschachtelt, als habe man unterschiedlich große Legosteine aufeinander gesetzt.

Einen markanten Farbtupfer bekommen die hellen Mauern der Gebäude allerdings dadurch, dass ihre Türen, Fenster und Geländer in alles andere als dezentem Grün, Blau oder Braun gestrichen sind. Auch das hat man sich in den alten Ortschaften abgeschaut. Nur die Natursteine, die dort an vielen Häuserecken aus dem Putz heraus schauen, lassen sich bei aus den nicht mit der Hand gemauerten sondern einfach aus Fertigbeton hochgezogenen Anlagen nur schwer imitieren.

Die kurze Distanz zu Nordafrika spiegelt sich in diesen "pueblos blancos" natürlich durchaus wider. Es gehört nicht einmal besonders viel Phantasie dazu, um sich ähnliche Dörfer genauso im nahegelegenen Marokko vorstellen zu können. Doch meint man durchaus auch, solche Gebäude schon einmal bei in Mexiko oder dem Südwesten der USA spielenden Western gesehen zu haben. Die oft karge Vegetation der Insel verstärkt diese Eindrücke sogar noch.

Die meisten der Hotels lehnen sich tatsächlich an den heimischen Stil an. Und viele halten sich dabei auch an die Vorgabe, nicht weiter als zwei Stockwerke aufzuragen. Sogar einige die auf den ersten Blick höher zu sein scheinen, bewegen sich bei genauerem Hinsehen noch in der Norm. Sie sind nämlich stufig in den leicht geneigten Hang hinein gebaut und besitzen so tatsächlich nicht mehr als die beiden zulässigen Obergeschosse. In letzter Zeit sind die Regeln allerdings doch etwas aufgeweicht worden, so dass auch in Costa Teguise inzwischen einige höhere Hotels stehen.

Bei den Apartmentanlagen gibt es dagegen diesbezüglich praktisch keine Ausreißer. Doch selbst wenn sie von der Architektur her tatsächlich den kleinen Dörfern der Insel angepasst sind, den einzelnen Häusern darin geht meist jede Individualität ab. In langen Reihen wiederholt sich oft das jeweils gleiche Baumuster. Man muss angesichts dieser Gleichförmigkeit manchmal vermutlich schon ziemlich genau hinsehen, um sicher zu stellen, dass man wirklich den Eingang der eigenen Ferienwohnung erwischt hat.

Nur selten sind die Häuser in Costa Teguise so individuell gestaltet wie am Ortsausgang Der als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme im achtzehnten Jahrhundert errichtete Castillo de San José sitzt etwas oberhalb des Hafens von Arrecife

In diesem eher eintönigen Siedlungsbrei öffnen sich manchmal aber auch größere Freiflächen. Und die durch sie hindurch führenden fein säuberlich angelegten Fußwege belegen, dass es sich bei ihnen wohl um so etwas wie Grünanlagen handeln soll. Doch außer vereinzelt stehenden, natürlich ebenfalls künstlich bewässerten Palmen und Kakteen bestehen sie weitgehend aus blankem Boden So erinnern sie dann auch eher an das überall auf der Insel zu entdeckende Brachland als an die Parks, die man aus Mitteleuropa kennt.

Die Farbe des Untergrundes schwankt dabei zwischen schwarz und rostrot. Und durch das freiere Gesichtsfeld sind am Horizont sogar mehrere Vulkankegel sichtbar. Denn wie alle anderen der Islas Canarias ist Lanzarote vollständig vulkanischen Ursprungs. Zusammen mit dem Nachbarn Fuerteventura, zu dem früher auch eine Landbrücke existierte, tauchte sie vor etwa zwanzig Millionen Jahren sogar als Erste aus dem Ozean auf.

Doch auf keiner anderen der Kanaren haben die Feuerberge auch weiterhin eine solche Präsenz. Während diese fast überall sonst zwar nicht erloschen sind, aber zuletzt weitgehend Ruhe gegeben haben, so dass die Natur einige ihrer Spuren verwischen konnte, sind sie auf der östlichsten Insel des Archipels bis in die jüngste Vergangenheit aktiv.

Noch im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert gab es eine Reihe von heftigen Eruptionen im Nordwesten, bei denen insgesamt mehrere Kubikkilometer - das ist kein Schreibfehler sondern tatsächlich die richtige Maßeinheit - Lava ausgeworfen wurden. Lanzarote bekam durch diese enormen Massen flüssigen Gesteins natürlich noch einmal ein ganz anderes Gesicht, so dass es gleichzeitig die Älteste und Jüngste der Kanaren ist.

Die Fläche steht als "Parque natural de Los Volcanes" und zum Teil auch als "Parque Nacional de Timanfaya" unter Schutz. Insbesondere der Timanfaya-Nationalpark ist auch eine der größten Attraktionen der Insel. Und gerade für Pauschaltouristen, die ansonsten eigentlich kaum aus ihren Ferienzentren heraus kommen, gehört der organisierte Ausflug zu den "Montañas del Fuego" und der dort angebotene Kamelritt durch den schwarzen Vulkansand zum absoluten Pflichtprogramm.

Aber auch die Ausbrüche, die ungefähr dreitausend Jahre zuvor eine größere Fläche im Nordosten Lanzarotes betrafen, sind aus geologischer Sicht kaum mehr als einen Wimpernschlag her. Deshalb ist rund ein Viertel der ganzen Insel von noch ziemlich frischer Lava bedeckt. "Malpais" - "schlechtes Land" - heißen diese Gebiete. Und die mehrere hundert Vulkankegel und -krater, die sich zählen lassen, sorgen dafür, dass man eigentlich immer an das vorhandene Risiko erinnert wird und nebenbei zudem für ein ziemlich abwechslungsreiches Höhenprofil.

Selbst wenn die Laufstrecke sich eigentlich diesen Erhebungen weitgehend fern hält, macht schon der leicht wellige Anfangskilometer klar, dass es während des Rennens keineswegs topfeben zugehen wird. Lang sind die Steigungen dabei zwar selten. Und mehr als zwanzig Meter am Stück gilt es praktisch nie zu erklettern. Doch sind einige dieser kurzen Rampen durchaus unangenehm zu laufen. Und in der Summe sind die Höhenunterschiede auch sicher dreistellig, so dass selbst jener am Start gesuchte Weltklassemann wohl doch ziemliche Probleme mit seiner 2:05 bekäme.

Als die Straße mit dem schönen Namen "Avenida Islas Canarias" nach mehr als einem Kilometer an einer T-Kreuzung endet, schwenkt die Laufstrecke nach links. Wenig später biegt der Kurs erneut links ab und stößt wenige Schritte später zu jener Bucht vor, die man bisher schon unmerklich in großem Bogen umrundet hatte. Obwohl man nie mehr als zweihundert Meter vom Meer entfernt war, hatten zuvor aber Gebäude die Sicht versperrt.

Die in auffälligem Blau-Orange gehaltenen Sonnenschirme zeigen an, wo sich der Strand in ihrem inneren Teil befindet. Denn aufgrund ihres vulkanischen Ursprunges ist die Küstenlinie Lanzarotes relativ fein gegliedert und bietet keineswegs überall Bademöglichkeiten. Vielmehr sind die Ufer meist eher felsig und einzig in geschützten Buchten findet man den gewünschten Sand. Costa Teguise bildet da keine Ausnahme. Nur an drei oder vier Stellen kann man dort in den Ozean eintauchen. Viel häufiger trifft das Land als schroffem Lavagestein aufs Meer.

Über das Meer hinweg fällt der Castillo de San Gabriel ins Auge … … auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht das Rathaus von Arrecife

Doch steigen die Wassertemperaturen vor Lanzarote ohnehin selbst im Sommer nur bis maximal zwei- oder dreiundzwanzig Grad an. Und im Dezember beginnen die Werte in der Regel schon wieder mit einer eins als erster Ziffer. Der Eifer, sich ständig in die nur mäßig warmen Wellen zu stürzen, hält sich bei den meisten Urlaubern, die sich kurz vor Weihnachten auf der Insel aufhalten, also ziemlich in Grenzen.

Die Straße führt auf eine in die Bucht gebaute Mole hinaus. Nach hundert Metern wäre dort zu Füßen einer riesigen Metallskulptur Schluss. Allerdings haben die Streckenarchitekten bei ihren Planungen nicht diese "Muelle de Costa Teguise" sondern vielmehr die lange Uferpromenade im Visier gehabt, auf die man an dieser Stelle stößt und gegenüber einer Kurssetzung auf öffentlichen Straßen natürlich eine Alternative mit deutlich geringerem Absperraufwand bietet.

Zwar ist auch um diese Uhrzeit auf dem "Paseo maritimo" schon der eine oder andere Fußgänger unterwegs. Und während des Rückweges wird er noch deutlich belebter sein. Doch hält sich das Konfliktpotential angesichts einiger hundert Sportler, die sich zudem über einen größeren Zeitraum verteilen, eher in Grenzen. Außerdem haben die Marathonorganisatoren schon im Vorfeld überall mit speziellen Tafeln für die Veranstaltung geworben. Wirklich überraschend kommt sie also auch für Unbeteiligte nicht.

Breit genug für beide Nutzergruppen ist der Weg sowieso. Und wer öfter auf ihm herum spaziert, kennt auch die Begegnung mit Läufern bereits zur Genüge. Schließlich handelt es sich um die mit Abstand beliebteste Trainingstrecke der Feriensiedlung. Weniger als eine Handvoll Ordner an besonders kritischen Stellen sind also vollkommen ausreichend, um die Strecke auf den Kilometern abzusichern, die man auf der Uferpromenade absolviert.

Noch vor dem Schild mit der "2" ist diese nämlich erreicht. Und bis man den Paseo wieder verlässt, hat man zwei weitere von ihnen passiert. Für jeden Kilometer gibt es nämlich eine Markierung. Allerdings lassen die Zwischenzeiten gelegentlich erhebliche Zweifel aufkommen, ob die Abstände zwischen ihnen tatsächlich alle gleich lang sind. Spätestens der Umstand, dass auf den letzten dieser würfelförmigen Kästen Kombinationen wie "8 / 19 / 40" oder "9 / 20 / 41" vermerkt sind, wird dann die Vermutung der nicht wirklich exakten Verteilung über die Strecke bestätigen.

Costa Teguise ist auch hinter Kilometer vier der Marathonstrecke eigentlich noch lange nicht zu Ende. Doch da die Promenade erst einmal nicht weiter an der Küste entlang führt, wechselt der Kurs wieder auf eine Straße hinüber und dreht ein wenig vom Meer weg. Der eigentliche Grund für den Schlenker ist eine große Villa, die direkt am Ufer steht und nun inklusive dem dazu gehörenden Anwesen auf der Landseite umrundet werden muss, was ganz nebenbei eine Reihe weiterer Höhenmeter bringt.

Der nur aus kleineren Beeten bestehende und ansonsten weitgehend gepflasterte Parque Municipal ... … endet an einem Gebäude, in dem die spanische Fernuniversität UNED ihre lokalen Sitz hat

Bei dem Hindernis handelt es sich um die "Residencia real de La Mareta", die in den Siebzigern ursprünglich für den früheren jordanischen König Hussein errichtet und von ihm ein Jahrzehnt später an den spanischen Monarchen Juan Carlos übergeben wurde. Neben Mitgliedern der Familie kommen in der "königlichen Residenz" immer wieder auch einmal Staatsgäste wie Michail Gorbatschow, Václav Havel und Gerhard Schröder unter.

Auch bei der Gestaltung dieses Gebäude hat jener Künstler mitgewirkt, der das heutige Bild von Lanzarote maßgeblich geprägt hat. Sein Name ist César Manrique. Nach vielen Jahren in großen Metropolen wie Madrid und New York kam er Ende der Sechzigerjahre zurück auf seine Heimatinsel. Genau zu jener Zeit begann sich auch der Tourismus auf den Kanaren langsam zu entwickeln.

Im Bestreben, die Schönheit der Insel durch den neuen Wirtschaftszweig nicht zu sehr in Mitleidenschaft ziehen zu lassen, überzeugte Manrique den mit ihm befreundeten Inselpräsidenten Ramírez, die Entwicklung in geregelte Bahnen zu lenken und zum Beispiel bei Neubauten gewisse Regeln einzuhalten - die schon genannten Vorgaben bezüglich lokalen Baustils und nicht mehr als zwei Stockwerken. Zudem wurden alle großen Werbetafeln von den Straßenrändern verbannt.

Doch setzte das Multitalent zudem auch eigene Projekte um, bei denen er versuchte, Natur und Kultur miteinander zu verbinden. Andere Künstler behaupten das ja ebenfalls und nicht immer sind die späteren Ergebnisse für jeden Betrachter überzeugend. Manrique macht da keine Ausnahme. Das von ihm aus ausgedienten Bootstanks gestaltete "Monumento del Campesino" gefällt jedenfalls ganz sicher nicht jedem. Und seine überdimensionalen Windspiele, die auf etlichen Verkehrskreiseln über die Insel verteilt sind, muss man vielleicht ebenfalls nicht unbedingt bestaunen.

Nun sind die Geschmäcker sicher verschieden. Und zudem kann man wohl durchaus darüber diskutieren, ob eine herausragende Landschaft überhaupt noch von Menschen "verschönert" werden muss. Auf Lanzarote hat es César Manrique jedoch geschafft, mit dieser ungewöhnlichen Art von Kunst gleich eine ganze Reihe der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Insel zu gestalten. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass er im Bestreben, die Insel vor den schlimmsten Auswüchsen des Massentourismus zu bewahren, dadurch eher zusätzliche Besucher anlockte.

So ließ er zum Beispiel in einem alten Steinbruch den Jardin de Cactus gestalten, in dem angeblich über tausend verschiedene Arten von Kakteen in allen nur denkbaren Größen und Formen zu bewundern sind. Auch das Restaurant "El Diablo", an dem man zur Besichtigung des hochempfindlichen Ökosystems des Timanfaya-Nationalpark vom eigenen Fahrzeug auf den Bus umsteigen muss, wurde von ihm entworfen.

Vorbei an der zur Festung hinüber führenden Puente de las bolas … … dem zum Infozentrum umgestalteten Musikpavillon im Parque Municipal … … und dem Turm des Gran Hotel zieht sich der Marathonkurs durch Arrecife

Die beiden bekanntesten Werke Manriques sind aber wohl die "Jameos del Agua" und der "Mirador del Rio". Bei den "jameos" - ein Wort, das ursprünglich aus der Sprache der kanarischen Urbevölkerung stammt - handelt es sich um Hohlräume oder Röhren, die dadurch entstanden sind, dass bei einem Vulkanausbruch das Material oben im Kontakt mit der Luft schneller erkaltete, während die noch heiße Lava darunter weiter floss.

In einem besonders großen dieser Tunnel hat Manrique bei der von der Inselregierung beauftragten Umgestaltung zu einem Kulturzentrum einen kompletten Konzertsaal für sechshundert Besucher hinein bauen lassen. Der benachbarte Abschnitt, bei dem die Decke bereits eingebrochen war, wurde mit einem Wasserbecken, dessen helles Blau einen extremen Kontrast zum tiefschwarzen Gestein bildet, und zahlreichen Pflanzen zu einem tropischen Garten umgestaltet.

Am naturbelassensten ist die zweite große Höhle des Röhrensystems mit einem salzwassergefüllten, aber unter dem Meeresspiegel liegenden Teich, in dem sich sonst nur in großen Tiefen vorkommende, blinde Albinokrebse tummeln, und einer kleinen Öffnung in der Decke, durch die ein schummeriges Licht auf das Wasser fällt. In eine weitere Grotte ist zudem ein vermutlich ziemlich einzigartiges Restaurant eingezogen. Nur am Morgen kurz nach der Öffnung ist man dort einigermaßen alleine. Danach werden ganze Busladungen von Besuchern ausgeladen.

Der Mirador del Rio wird kaum weniger häufig angesteuert. Es handelt sich dabei um einen spektakulären Aussichtspunkt an der fast fünfhundert Meter senkrecht abfallenden Nordspitze der Insel. Denn mit "Rio" ist in diesem Fall nicht etwa ein Fluss gemeint sondern die nur einen Kilometer schmale Meerenge zwischen Lanzarote und der kleinen Nachbarinsel La Graciosa.

Durch einen Tunnel gelangt man dort zu einem in den Fels hinein gebautes kleines Café mit Panoramascheiben und von dort hinaus auf die verschiedenen Plattformen. Auf Ecken wurde dabei komplett verzichtet, alle Wände und Decken sind gekrümmt. Doch gerade der Mirador del Rio wäre auch eben ohne Manriques Wirken unglaublich eindrucksvoll. Die wahre Attraktion liegt schließlich weniger in irgendwelchen abgerundeten Räumen als in der dramatischen Landschaft.

Die Umgebung von La Mareta ist dagegen irgendwie weit weniger spektakulär und auch längst nicht so idyllisch, wie man es für einen royalen Feriensitz im ersten Moment erwarten würde. Die Hotels und Ferienwohnungen in der nicht allzu fernen Nachbarschaft sind dabei sogar ein eher kleineres Problem. In Costa Teguise auf Lanzarote ist das Publikum schließlich doch ein wenig anders zusammen gesetzt als am berühmt-berüchtigten "Ballermann" auf Mallorca.

Mit einer Umrundung der Playa del Reducto endet die Passage durch die Hauptstadt … … danach läuft man der am Horizont sichtbaren Bergkette immer am Meer entlang Los Ajaches entgegen

Doch nur wenig mehr als einen Kilometer von der königlichen Villa entfernt ragen von der nächsten Halbinsel die Schornsteine eines Kraftwerkes in den Himmel. Und noch wesentlich näher, eigentlich nur auf der gegenüber liegenden Straßenseite vergammelt hinter einem Zaun, der bereits erste Auflösungserscheinungen zeigt, eine größere Bauruine. Dem Investor dieser neuen Ferienanlage scheint wohl das Geld ausgegangen zu sein.

Es ist längst nicht der einzige solche Fall, dem man bei einer Fahrt über die Insel begegnet. Bei so manchem Projekt sind die Finanzen unübersehbar knapp. Und an weit mehr als einer Ferienwohnung hängen Schilder mit der Aufschrift "se vende" - "zu verkaufen". Der ganz große Boom ist unverkennbar vorüber. Die geplatzte spanische Immobilienblase, die hierzulande nur verbal durch die Nachrichten geistert, bekommt dabei ein ganz reales Gesicht.

Zwischen dem auf seine Fertigstellung wartenden Rohbau und der Zufahrt zur residencia real erreichen die Marathonis den ersten voll ausgestatten Verpflegungstand. Eine Wasserstelle hatten sie zwischen Kilometer zwei und drei ebenfalls schon passiert. Wenig umweltfreundlich - aber durchaus praktisch beim Trinken - wird das Wasser in Plastikflaschen, das Elektrolytgetränk sogar in Dosen ausgegeben. Später gibt es außerdem Bananen und Orangen.

Auch in der Folge werden diese Abstände genau wie der Wechsel zwischen den beiden Typen ungefähr beibehalten. Bis zur Halbmarathonmarke hat man - wie auf der Webseite angekündigt - also achtmal die Möglichkeit zur Getränkeaufnahme gehabt. Und dank der Wendepunktstrecke kann man die gleichen Posten auf dem Rückweg gleich noch einmal ansteuern. Selbst wenn man direkt aus dem mittel- oder nordeuropäischen Winter kommt, sollte das bei Temperaturen um zwanzig Grad absolut ausreichend sein.

Dass allerdings ausgerechnet in der zweiten Hälfte des Rennens einige der Zwischen-Wasserstellen vorzeitig abgebaut sein werden und der hintere Teil des Marathonfeldes sich nur noch im Fünf-Kilometer-Rhythmus versorgen können wird, ist in diesem Zusammenhang gerade angesichts des harten Zeitlimits recht ärgerlich und nicht ganz nachvollziehbar. Die Vermutung, dass man sich bei der Menge der benötigten Getränke angesichts der gegenüber dem Vorjahr deutlich gestiegenen Teilnehmerzahlen ein wenig verkalkuliert hat, liegt aber nahe.

Kurz darauf hat man wieder das Meer erreicht. Diesmal ist es allerdings keine Promenade mehr auf der die Marathonis unterwegs sind sondern eine ganz normale kleine Seitenstraße. Auf ihr findet sich auch die Fünf-Kilometer-Marke, also jener Punkt, an dem die mehr als zweihundert Läufer der kürzesten angebotenen Distanz später wenden werden.

Als erstes wird dies Lanzarote-Lokalmatador Jose Carlos Hernández tun. Doch ist dies eigentlich wenig verwunderlich, handelt es sich bei ihm doch immerhin um einen Olympiateilnehmer im Marathonlauf. Im Sommer war er in London in 2:17:48 als Vierunddreißigster ins Ziel gekommen. Seine Bestzeit von 2:11:57 ist sogar noch um einiges besser. Da scheint die 31:11, mit der er den Zehner gewinnt, nicht ganz zu passen.

Doch angesichts eines Vorsprunges von über einer Minute auf den 32:31 laufenden Iren Daire Bermingham gibt es für Hernández eigentlich überhaupt keine Veranlassung noch stärker auf die Tube zu drücken. Dritter wird in 32:50 mit Javier Gacía Gómez ein weiterer Spanier. Bei den Frauen holt sich die Belgierin Sofie Goos nach 38:12 den Sieg. Ansonsten bleibt nur noch Tamara Sanfabio Rodríguez in 39:24 unter der Vierzig-Minuten-Grenze. Azucena Lara auf Rang drei ist dagegen mit 44:02 schon deutlich zurück.

Hinter Arrecife gibt die Strecke wieder Blicke auf die wenige Kilometer entfernt im Landesinneren empor ragenden, immerhin vier- bis fünfhundert Meter hohe Vulkankegel frei

Die Straße, die sich nach dem Abbiegen zuerst noch ein Stück oberhalb einer kleinen Badebucht gehalten hatte, senkt sich fast auf Meereshöhe ab. Was in der Anfangsphase nur als ein willkommenes, aber eher leichtes Gefälle erscheint, wird sich in umgekehrter Richtung fünf Kilometer vor dem Ziel dann auf einmal wie eine zwar kurze, jedoch ziemlich heftige Rampe anfühlen. Unten angekommen ist die freie Sicht auf den Ozean schon wieder vorbei.

Ein halbes Dutzend Ferienhäuser blockiert - zum Teil ein wenig hinter üppigem Grün versteckt - den Ausblick. Auch sie sind im lokalen Stil mit seinen dicken, hellen Mauern und flachen Dächern gehalten. Doch im Gegensatz zu den gleichförmigen Großanlagen bieten sie bei genauerer Betrachtung trotzdem eine Menge Individualität. Der Kontrast zum riesigen Hotelkomplex, der sich - wohlgemerkt ohne Einhaltung der früheren Höhenvorgaben - den Hang auf der anderen Straßenseite hinauf zieht, könnte jedenfalls kaum größer sein.

Als man wenig später nach links in ein kleines Sträßchen abbiegt, um mit einem Schlenker dem inzwischen wieder erkennbaren Küstenverlauf rund um eine kleine Halbinsel zu folgen, taucht man im winzigen Dörfchen Las Caletas kurzzeitig sogar in wirklich gewachsene Strukturen ein. Zwischen Wohnhäusern und Kaimauer führt die Strecke praktisch direkt auf jenes Industriegebiet, das man zuvor schon immer wieder einmal in der Ferne erblicken konnte.

Hindurch muss man nicht, die inzwischen erreichte Verbindungsstraße zur Inselhauptstadt Arrecife führt an den optisch natürlich nicht gerade ansprechenden Hafen- und Werksgeländen vorbei. Trotzdem ist dieser Abschnitt der Strecke der wohl unattraktivste während des ganzen Rennens. Denn selbst wenn man den Blick zur anderen Seite wendet, entdeckt man dort nichts anderes als auf seine Bebauung wartendes Brachland.

Der Asphalt der Piste ist grob und rau. Er erinnert damit nicht nur ein bisschen an die Lavafelder, deren oft recht scharfkantige Steine ziemlich schmerzhaft sein können, wenn man mit ihnen unfreiwillig in Berührung kommt. Auch an vielen anderen Stellen der Insel hat der Straßenbelag eine ähnliche Konsistenz, so dass man sich als Nichteinheimischer gelegentlich große Sorgen um die Reifen der zur Inselerkundung gerne genutzten Mietwagen macht.

Die Straße selbst ist nur halbseitig für die Läufer reserviert. Rechts daneben rollt der Verkehr - allerdings nur aus Costa Teguise heraus. Diese Einbahnstraßen-Regelung ist jedoch kein Problem, da in einigen hundert Metern Entfernung noch eine deutlich besser ausgebaute Verbindung existiert, die sowieso den meisten Verkehr aufnimmt. Und überall dort, wo man auf öffentlichen Straßen unterwegs ist, gibt es auch eine mustergültige Absperrung durch Polizisten und Streckenposten.

Welcher Einheit die Sicherheitskräfte angehören, lässt sich für Uneingeweihte auf den ersten Blick jedoch nicht erkennen. Denn die Konstellation auf Lanzarote ist - spätestens seit die Regierung der Kanaren mir der "Policía Canaria" eine eigene Polizeitruppe ins Leben gerufen hat - in dieser Hinsicht fast noch komplizierter als in den meisten anderen Regionen Spaniens.

Neben der "Guardia Civil", die wie die französische Gendarmerie oder die italienischen Carabinieri einen halbmilitärischen Status hat, und dem landesweit tätigen "Cuerpo Nacional de Policía" gibt es nämlich auch noch die "Policía Local" der jeweiligen Gemeinde. So entdeckt man während eine Aufenthaltes auf der Insel dann auch völlig unterschiedlich lackierte Polizeifahrzeuge mit ganz verschiedenen Aufschriften. Und natürlich gibt es auch bei den Zuständigkeiten die eine oder andere Überlappung.

Das Umrunden eines Kreisels sowie das kurze Berühren des zentralen Verkehrsknotens an der Umgehungsstraße rund um die Inselhauptstadt sind die größte Abwechslung auf den beiden wenig beeindruckenden und mit einigen weiteren Wellen gespickten Kilometern, die es bis zum Stadtrand von Arrecife zu überbrücken gilt. Doch gleich an den ersten Gebäuden zweigt die Laufstrecke wieder nach links ab und hat wenig später am Hafen erneut das Meer erreicht.

Vor dem drittplatzierten Finnen Tomi Halme … … und Marco Diehl auf Rang zwei … … gewinnt der britische Triathlet Stephen Bayliss den Marathon

Auf halber Höhe führt die Laufstrecke oberhalb von "Puerto de Los Mármoles" und "Puerto Naos" am Hang entlang. Die beiden mit langen Piers künstlich angelegten Becken ergänzen den natürlichen Schutz, den der Anlegeplatz durch die vor seiner Küste liegende vulkanische Schwelle hat, die der Stadt den Namen gab. Denn "Arrecife" bedeutet übersetzt nichts anderes als "Riff". In der Umgebung des relativ modernen Containerterminals wirkt der "Castillo de San José", mit dem das Gelände von oben bewacht wird, beinahe schon ein wenig deplatziert.

Doch die kleine Befestigung ist längst nicht so alt, wie man aufgrund ihrer trutzigen Mauern vermuten könnte. Denn sie stammt keineswegs aus dem Mittelalter oder der Renaissance. Vielmehr wurde sie als eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme errichtet, nachdem die Vulkanausbrüche im achtzehnten Jahrhundert die Lebensgrundlage vieler Einwohner zerstört hatte. Ganz neu ist die Idee von staatlich subventionierter Beschäftigung also nicht.

Der Castillo kann aber auch eigentlich gar nicht so alt sein. Denn die schon in der Antike bekannten Kanaren waren nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches bald in Vergessenheit geraten. Die mit den nordafrikanischen Berbern verwandten Ureinwohner blieben so ziemlich lange völlig unbehelligt. Nachdem zwischenzeitlich bereits arabische Schiffe wieder den Archipel erreicht hatten, stießen durch den Genuesen Lancelotto Malocello erst im zwölften Jahrhundert die Europäer erneut auf Lanzarote.

Es sind unterschiedliche Varianten für die Geschichte dieser Wiederentdeckung im Umlauf. Nach einigen von ihnen soll Malocello sogar bis zu zwei Jahrzehnte auf der Insel verbracht haben. Jedenfalls geht ihre Bezeichnung höchstwahrscheinlich auf die lateinische Variante des Vornamens jenes Kapitäns zurück. In spätmittelalterlichen Karten ist nämlich im Westen von Afrika die "Insula de Lanzarotus Marocelus" eingezeichnet.

Doch erst beinahe hundert Jahre später, nämlich 1402 nahm der hochverschuldete und auf der Flucht vor seinen Gläubigern auf die iberische Halbinsel gekommene normannische Adelige Jean de Béthencourt Lanzarote tatsächlich für die kastilische Krone in Besitz. Zwei Jahre später hatte er dann auch Fuerteventura unterworfen, wo die nach ihm benannte Stadt Betancuria gegründet wurde.

Bis allerdings 1496 mit Teneriffa auch die letzte Kanareninsel endgültig für Spanien - das inzwischen durch die Hochzeit der "Reyes Católicos" Isabella und Ferdinand aus den Königreichen Kastilien und Aragon entstanden war - erobert werden konnte, sollte noch fast ein Jahrhundert vergehen. Zu dieser Zeit segelten spanische Schiffe über die von Christoph Kolumbus gefundene Route bereits zu den ersten Kolonien in der Karibik.

Playa Honda ist die dritte größere Ortschaft, die der Marathon passiert Bella Bayliss, die Ehefrau des Herrensiegers gewinnt bei den Damen mit großem Vorsprung

Mit der Geschichte der Eroberung hat das Castillo de San José jedenfalls nichts zu tun. Als es erbaut wurde, waren die Inseln längst befriedet. Und auch die Piratenüberfälle, gegen die es vorgeblich schütze sollte, blieben aus. Außer als Munitionsdepot erfüllte es nie eine echte militärische Funktion. Inzwischen ist dort das Museum für zeitgenössische Kunst eingezogen. Dass auch bei seiner Gestaltung der allgegenwärtige César Manrique mitgewirkt hat, überrascht kaum.

Hinter dem kleinen Kastell verliert die Strecke schnell an Höhe. Und bis man bei den rund um den Hafen errichteten Lagerhallen angekommen ist, bewegt man sich schon fast wieder auf Meeresniveau. Nicht immer ist das Wasser in der Folge jedoch sichtbar. Manchmal versteckt es sich auch hinter den Gebäuden. Doch stets ist es nicht allzu weit entfernt.

Nach rund zehn absolvierten Kilometern taucht dann auch auf der rechten Seite der Straße eine Wasserfläche auf. "Charco de San Ginés" wird sie genannt, was durchaus ein wenig despektierlich ist. Denn "charco" lässt sich nicht nur als "kleiner Teich" oder "Pfuhl" sondern auch mit "Pfütze" übersetzen. In Wahrheit handelt es sich aber um eine Meeresbucht, die nur durch einen schmalen Kanal mit dem offenen Meer verbunden ist und unzähligen auf ihr herum dümpelnden, bunten Fischerbooten als Liegeplatz dienen.

Mehrere Brücken überspannen das Becken. Und dass deren Geländer genau wie die Fenster und Türen fast aller umliegenden Gebäude in einem einheitlichen Blauton gestrichen sind, macht den Charco für Fotografen nur noch attraktiver. Eine Promenade führt mehr als einen Kilometer lang rundherum. Die sich durch die Brücken ergebenden Streckenvarianten sind dabei sogar auf an mehreren Stellen angebrachten Tafeln erläutert und mit ihren jeweiligen Längen angegeben.

In diesem Fall richtet sich das zwar eher an Spaziergänger als an Wanderer. Doch selbst wenn Lanzarote diesbezüglich natürlich nicht mit La Palma mithalten kann, das im kanarischen Archipel als erste Anlaufstelle für jene Naturliebhaber und Individualtouristen gilt, die gerne eine Insel zu Fuß erkunden möchten, versucht man sich auch auf Lanzarote ein wenig in diese Richtung zu orientieren.

Mehr als zwei Kilometer lang verläuft die Strecke zwischen Flughafenzaun und Strand

Wer genau hinsieht entdeckt immer wieder einmal markierte Wanderrouten. Und das Aussehen der Schilderbäume mit den Richtungspfeilen lässt vermuten, dass sie größtenteils noch nicht allzu lange an ihrem jeweiligen Platz stehen. Vom dichten Netz, das man zum Beispiel aus den Alpen kennt, ist man dabei zwar noch ein ganzes Stück entfernt, doch man gibt sich deutlich erkennbar Mühe.

Manchmal gehört durchaus ein wenig pfadfinderisches Gespür dazu, um einem Weg, der kaum den Charakter eines Trampelpfades besitzt, weiter zu folgen. Aber wie eigentlich immer, wenn man nicht nur mit einem fahrbaren Untersatz von einem Aussichtsparkplatz zum nächsten steuert, erhält man dabei eben auch ganz andere Eindrücke von der Landschaft und wird mit Aussichten belohnt, die den meisten anderen vorenthalten bleiben.

Auch die Läufer umrunden den Charco zumindest halb, allerdings nicht auf dem Fußweg sondern in etwas größerem Bogen und von einer palmenbestandenen Grünanlage getrennt auf der Straße. Für die Marathonis sind damit die Hälfte des Hinweges und das erste Viertel der Gesamtdistanz abgeschlossen. Die Läufer auf der halb so langen Strecke werden selbstverständlich später an genau der gleichen Stelle ihren Wendepunkt haben.

Mit knapp zweihundertfünfzig Teilnehmern im Ziel ist diese Distanz quantitativ am besten besetzt. Und Víctor Manuel Del Corral Morales und Iñigo González Rodríguez legen an der Spitze auch ein hohes Tempo vor. Am Ende wird der vom Sands Beach Resort gesponserte Triathlet Del Corral Morales in 1:14:06 mit einer Sekunde vor seinem Landsmann gewertet werden.

Doch danach nimmt die Qualität schnell ab. Denn nur noch der drittplatzierte Brite Nico Ward wird mit 1:16:43 unter achtzig Minuten bleiben. Schon als Zehnte im Gesamteinlauf wird die Frauensiegerin und Lokalmatadorin Aroa Merino nach 1:26:37 die Ziellinie überqueren. Ihr zweiter Nachname "Betancort" legt die Vermutung nahe, dass sie sogar mütterlicherseits mit dem Eroberer der Insel verwandt sein könnte. Im spanischen Benennungssystem ist es schließlich üblich, den Familiennamen der Mutter als weiteren "apellido" hinten anzufügen.

Dass unter "nombre", was man intuitiv als "Name" übersetzt, dagegen der Vorname verstanden wird, führt beim Ausfüllen einer spanischen Marathonanmeldung durchaus zu Verwirrung und manchem Missverständnis. Da in vielen anderen Ländern dieses System nicht verstanden und oft nur einer der beiden Namen - im Extremfall nicht einmal immer der gleiche - angegeben wird, gestaltet sich die Identifikation von Athleten aus dem spanischen Sprachraum gelegentlich ähnlich schwierig wie bei den ebenfalls oft mit Doppelnamen ausgestatten Kenianern.

Yvonne Schäfer läuft bei den Frauen auf Platz drei Juha Manner ist einer der vielen Finnen am Marathonstart Susan Hagevoort aus den Niederlanden wird Zweite Frau

Zwar wird dann wieder nur der erste Nachname des Vaters an die nächste Generation weiter gegeben. Doch bei der Verkürzung auf nur einen "appelido" ist er auch in Spanien keineswegs immer der Ausgewählte. Der Maler Pablo Ruiz Picasso ist sicher eines der bekanntesten Gegenbeispiele. Der frühere Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero ein weiteres. Obwohl er überall in der Welt unter "Zapatero" bekannt ist, heißen seine Kinder eben trotzdem "Rodríguez Espinosa" mit Nachnamen.

Während die Siegerin den Eroberer im Namen trägt, will es der Zufall, dass die 1:32:15 laufende Dritte Pili Ramos Guanche die andere Seite der Inselgeschichte aufs Treppchen bringt. Ihr Zweitname "Guanche" ist nämlich ein häufig benutzter Begriff für die kanarische Urbevölkerung. Eigentlich nur eine Eigenbezeichnung für die Bewohner der größten Insel des Archipels - übersetzt ungefähr "Mensch von Teneriffa" - wurde er später auf alle anderen Gruppen übertragen. Zwischen die beiden Einheimischen schiebt sich mit 1:29:12 die aus Irland angereiste Geraldine O'Shea.

Bei der Überquerung des Kanals der vom Meer in den Charco de San Ginés hinein führt, fällt über das Meer hinweg schon der Castillo de San Gabriel auf, der ein Stück vom Ufer entfernt auf einem kleinen Inselchen sitzt. Während man die inzwischen von einer breiten Promenade gesäumte Uferstraße weiter entlang läuft, wird auch die Kombination aus Damm und Brücke erkennbar, die es mit dem Land verbindet.

Obwohl dem Castillo de San José durchaus ähnelnd ist die kleine, nur etwa zwanzig auf zwanzig Meter messende Festung rund zweihundert Jahre älter. Es stammt nämlich aus dem späten sechszehnten Jahrhundert. Und im Gegensatz zu seinem weiter östlich gelegenen Gegenstück war es auch mehrfach bei Überfällen nordafrikanischer Piraten im Einsatz. Einmal wurde es dabei gleich am Anfang sogar vollständig nieder gebrannt.

Damit ging es dem Castillo de San José nicht viel anders als dem Castillo de Santa Bárbara, das zu jener Zeit vom strategisch günstig gelegenen Vulkankegel Guanapay die damalige, in der Inselmitte gelegene Hauptstadt Teguise beschützen sollte, aber ebenfalls von Seeräubern erobert und zerstört wurde. Arrecife war zu jener Zeit noch ein kleines Fischerdorf mit wenigen Dutzend Einwohnern.

Erst als die Bedeutung des Hafens immer größer wurde, wuchsen die Einwohnerzahlen. Und Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurde es dann zur neuen Inselhauptstadt erklärt. Inzwischen lebt in dieser flächenmäßig kleinsten der sieben Gemeinden Lanzarotes - das Stadtgebiet nimmt nicht einmal fünf Prozent des vorhandenen Terrains ein - immerhin fast die Hälfte der gesamten Bevölkerung.

Die alte Kapitale Teguise fiel dagegen in einen Dornröschenschlaf. Und fast muss man der Geschichte dafür dankbar sein. Denn bei einem Bummel durch die verträumten und verwinkelten Gassen des historischen Ortskernes fühlt man sich gelegentlich weit in der Zeit zurück versetzt. Das kleine Städtchen bildet - absehen vom Sonntag, an dem der viele Besucher anziehende Markt stattfindet - jedenfalls meist einen ziemlich ruhigen Gegenpol zu den Touristenzentren an der Küste.

Wie der Name fast schon vermuten lässt, gehört eines von ihnen, nämlich Costa Teguise jedoch ebenfalls zur Gemeinde, die als kompletter Kontrast zu Arrecife rund ein Viertel der gesamten Insel einnimmt. Und längst hat man dort nicht nur bezüglich des bebauten Areals den immerhin fast fünfzehn Kilometer entfernten alten Hauptort überholt. Selbst ohne das Mitrechnen der das ganze Jahr über vorhandenen Touristen sind auch die Einwohnerzahlen deutlich höher als im nur ungefähr fünfzehnhundert Menschen zählenden Teguise.

Nicht nur über den "Puente de las bolas" - die mit einem Zugmechanismus ausgestattete "Kugelbrücke" - kann man den Castillo heutzutage erreichen. Direkt nebenan führt ein Straßendamm ebenfalls hinüber. Er setzt sich zu einer Mole fort, mit der ein weiteres Hafenbecken für kleinere Boote und Yachten geschützt wird. Hinter der Zufahrt dreht die Laufstrecke einige Meter weiter vom Meer weg, denn die Uferpromenade weitet sich zum "Parque Municipal".

Die letzten beiden Kilometer bis zur Wende führen über die von Fußgängern und Radfahrern bevölkerten Promenade von Puerto del Carmen

Die mit "städtischer Park" zu übersetzende Bezeichnung täuscht allerdings ein wenig. Denn es handelt sich trotz des Namens nicht etwa um eine größere Grünfläche. Abgesehen von einigen Beeten mit den allgegenwärtigen Palmen und Kakteen ist der Bereich zwischen Wasser und Straße hauptsächlich gepflastert. Mit seinen vielen Sitzbänken und sogar einem Kinderspielplatz übernimmt er jedoch tatsächlich die Rolle eines zentralen Treffpunktes.

Ungefähr in der Mitte der Anlage bildet ein schön restaurierter, hölzerner Musikpavillon das auffälligste Einzelelement. Während seine obere Plattform noch immer für ihre ursprüngliche Aufgabe zur Verfügung stünde, ist im Untergeschoss inzwischen die lokale Touristeninformation eingezogen. Am "Centro Asociado UNED Lanzarote", dem örtlichen Sitz der spanischen Fernuniversität UNED, das als einziges Gebäude auf der Wasserseite der Promenade steht, endet der Parque Municipal und die Strecke schlägt einen Haken nach rechts.

Nur kurz ist allerdings der Richtungswechsel, denn nach nur ungefähr hundert Metern dreht der Marathonkurs bereits wieder parallel zu Küstenlinie nach Westen ein. Erneut nimmt eine Parkanlage, die diesmal den Namen "Parque Islas Canarias" bekommen hat und aufgrund ihrer Rasenflächen zumindest ein bisschen grüner daher kommt, den Bereich zwischen Straße und Meer ein. Doch nimmt man im Vorbeilaufen davon eher wenig Notiz.

Längst dominiert nämlich das "Gran Hotel Arrecife" am Ende der Freifläche das Bild. Die mit fünf Sternen ausgestattete Herberge fällt schon alleine wegen ihrer siebzehn Stockwerke auf, die den Bau zum mit Abstand höchsten Gebäude Lanzarotes machen. Zwar ragen auch auf der gegenüber liegenden Straßenseite die Häuser ein wenig höher als die sonst inselüblichen zwei Obergeschosse auf. Doch ist bei fünf oder sechs Etagen in der Regel Schluss.

Die rundherum verglaste Front und die freistehende Lage direkt am Meer sorgen endgültig dafür, das Gran Hotel zu einer unverkennbaren Landmarke zu machen, durch die sich Arrecife von höher gelegenen Aussichtspunkten sogar aus größerer Entfernung eindeutig von allen anderen Siedlungen auf der Insel unterscheiden lässt.

Hinter der Luxusherberge führt die Marathonstecke an der direkt anschließenden "Playa del Reducto", dem Stadtstrand von Arrecife entlang, der sich halbkreisförmig um eine kleine Bucht legt. Doch trotz dieser Bademöglichkeit und der Tatsache, dass es neben dem Gran Hotel natürlich noch einige weitere Unterkünfte gibt, bekommt die Inselhauptstadt vom Tourismus recht wenig ab und bleibt weitgehend den Einheimischen vorbehalten.

Die Uferstraße gehört, obwohl zweispurig und damit wohl durchaus nicht ganz unbedeutend für den innerstädtischen Verkehr schon seit dem vier Kilometer zurück liegenden ersten Abbiegen am Ortsschild den Marathonis ganz alleine. Selbst auf dem Rückweg, wenn das ohnehin ziemlich überschaubare Feld mit riesigen Lücken vorbei kommt, wird der Kurs durch Arrecife mit vielen Helfern autofrei gehalten. Dieser Aufwand zeigt anschaulich, welch große Bedeutung der eigentlich doch recht kleine Marathon für die Insel hat.

Erst kurz vor Ende des Strandes wechselt die Laufstrecke von der geradeaus führenden Straße wieder hinüber auf einen sich weiter um die Bucht legendenden Fuß- und Radweg, den man bis zum Wendepunkt nun praktisch nicht mehr verlassen wird. Denn über viele Kilometer verbindet diese Promenade immer entlang der Küste Arrecife mit dem Touristenzentrum Puerto del Carmen. Abgesehen vom notgedrungen etwas im Land geführten Abschnitt um das Industriegelände im Osten der Stadt, verläuft der Lanzarote Marathon mehr oder weniger immer an der Wasserkante.

Zwischen Hotelanlagen, palmenbestandenen Freiflächen und Kunstwerken geht es durch den größten Urlaubsort der Insel

Durch die Bäume einer weiteren, diesmal wirklich ziemlich grünen Parkanlage lässt sich ein großes ockerfarbenes Gebäude erahnen, das an einen historischen Palast erinnert. Doch handelt es sich um einen Neubau, in den erst vor Kurzen der "Cabildo Insular de Lanzarote" - der Inselrat - eingezogen ist.

Unterhalb der "Comunidad autónoma de Canarias", die vom Status her ungefähr vergleichbar mit den deutschen Bundesländern ist, existiert als Besonderheit auf jeder der sieben großen Kanaren nämlich ein eigenes Inselparlament. Dass die Region wie im Rest des Landes üblich zudem auch noch in zwei Provinzen - Santa Cruz mit La Palma, La Gomera, El Hierro und Teneriffa sowie Las Palmas mit Gran Canaria, Fuerteventura und Lanzarote - mit eigener "Diputación Provincial" aufgeteilt ist, macht politische Entscheidungen nicht unbedingt einfacher.

Zwar sind die "Canarios" im Moment nicht so erpicht auf das Erlangen der staatlichen Unabhängigkeit wie die Basken oder Katalanen. Doch nicht immer fühlt man sich auf den Inseln von der Regierung im fernen Madrid wirklich gut vertreten. Und so stellt sowohl im kanarischen Parlament als auch im Cabildo von Lanzarote die für mehr Autonomie eintretende Regionalpartei "Coalición Canaria" die meisten Abgeordneten.

Wenig später hat die Laufstrecke dann auch schon den bebauten Stadtbereich verlassen und gibt wieder Blicke auf die wenige Kilometer entfernt im Landesinneren empor ragenden, immerhin vier- bis fünfhundert Meter hohe Vulkankegel frei. Über den Ozean lässt sich in der Ferne die Nachbarinsel Fuerteventura erahnen. Doch vor allem hat man den Gebirgszug Los Ajaches im Südwesten Lanzarotes direkt Blick. Schließlich läuft man direkt auf ihn zu.

Mit mehr als sechshundert Metern im höchsten Punkt ist die Berggruppe nur unwesentlich niedriger als das Famara-Massiv im Norden. Doch im Gegensatz zu diesem ist es längst nicht so stark durch Straßen erschlossen. Nur eine einzige führt durch das Hochtal von Femés. Der Rest des Los Ajaches und auch der von ihnen umschlossene Küstenbereich ist dagegen nur zu Fuß zu erreichen.

Allerdings ist auch die Fahrt auf der einzigen Straße durchaus lohnenswert. Auf der einen Seite steigt sie links und rechts gesäumt von Bergen nur moderat an. Am anderen Ende bricht das Tal am namensgebenden, idyllischen Örtchen mehr als dreihundert Meter steil hinunter zur Rubicón-Ebene, die den äußersten Südwesten der Insel einnimmt, ab. Der Aussichtspunkt "Mirador de Femés" direkt neben der kleinen Kirche gehört nicht nur zu den spektakulärsten auf ganz Lanzarote sondern ist zudem auch keineswegs überlaufen.

Immer auf der Strandpromenade sind die Marathonis inzwischen auf das Territorium der nächsten Gemeinde hinüber gewechselt. Wie bei Teguise liegt in San Bartolomé der namensgebende Hauptort ebenfalls einige Kilometer von der Küste entfernt im Landesinneren. Und genauso ist wie Costa Teguise auch in diesem Fall der Ableger Playa Honda durch den zunehmenden Tourismus bezüglich der Einwohnerzahlen längst vorbei gezogen.

Wesentlich weiter als in Costa Teguise sind die Strände von Puerto del Carmen

Im Gegensatz zu den drei großräumig durchgeplanten Zentren ist Playa Honda allerdings eher natürlich gewachsen. Es gibt keine riesigen Anlagen mit drei- vier oder fünfhundert Zimmern, keine touristische Monokultur. Architektonische Individualität dominiert über Gleichförmigkeit. Wohnhäuser von Einheimischen wechseln sich mit Ferienwohnungen und eher kleinen Pensionen ab. Und entlang der Küste reihen sich Bars, Cafés und Restaurants aneinander, die keineswegs nur von Urlaubern frequentiert werden.

So ist Playa Honda trotz seines Wachstums dann auch weitaus ursprünglicher und - sieht man einmal vom gelegentlichen Lärm bei Starts und Landungen auf dem nahen Flughafen ab - ruhiger geblieben als andere Ferienziele auf der Insel. Und der Lebensrhythmus scheint sich nicht ausschließlich an den Bedürfnissen der All-Inklusive-Touristen zu orientieren.

Noch etwas anderes findet man auf dem Territorium der Gemeinde. Etwas, was man in einem so trockenen und kargen Umfeld wie Lanzarote eigentlich nicht erwarten würde, nämlich Weinbau Doch mit "La Geria" findet man das vielleicht bekannteste Anbaugebiet ausgerechnet in der Nähe der erst vor wenigen Jahrhunderten aktiven Feuerberge westlich von San Bartolomé.

Die Canarios haben allerdings aus der Not eine Tugend gemacht und eine ganz besondere Technik entwickelt, um den nach den Ausbrüchen mit einer dicken Schicht Vulkanasche bedeckten Böden wieder landwirtschaftliche Erträge abzutrotzen. Um zumindest mit den Wurzeln wieder an fruchtbarere Schichten zu gelangen, gräbt man nämlich tiefe Löcher und setzt die Pflanzen jeweils einzeln ein.

Das anschließend wieder nachrutschende feine Lavagranulat aus etwa erbsen- bis nussgroßen Steinchen - "Lapilli" genannt - hat den Vorteil, zum einen die geringen Niederschläge schnell nach unten durch zu leiten und nächtlichen Tau sogar regelrecht einzufangen, andererseits aber kaum Verdunstung zuzulassen, so dass die kaum vorhandene Feuchtigkeit zumindest nahezu optimal genutzt werden kann. So lugen dann immer wieder vereinzelte grüne Flecken aus einem schwarzen oder rostroten Gelände.

Riesige Lavafelder dominieren den Nordwesten Lanzarotes … … dennoch hat man Möglichkeiten gefunden auf diesem kargen Boden Wein anzubauen

Dazu werden die Reben noch mit Steinmauern vor dem manchmal recht heftigen Wind geschützt. Neben der Variante mit durchgehenden, langen und hintereinander liegenden Reihen wird mindestens genauso häufig um jeden einzelnen Stock in einem Dreiviertelkreis ein eigener Wall angelegt, was der Landschaft gerade bei großflächiger Anwendung ein noch viel bizarreres Aussehen als ohnehin schon verleiht. Mit den Weinbergen, die man sonst gewohnt ist, hat das Ganze jedenfalls praktisch nichts mehr gemein.

Am Ortseingang von Playa Honda verlässt die Laufstrecke noch einmal die Strandpromenade und dreht in ein Wohngebiet mit einigen durchaus ansehnlichen Villen ab. Der Uferweg ist in diesem Abschnitt nämlich ziemlich schmal und führt vor allen Dingen auch über einige Stufen. Das Umgehen der Treppen wird allerdings mit gleich zwei eher unangenehmen Wellen erkauft, so dass man eigentlich nur vom Regen in die Traufe kommt.

Nach etwa fünfhundert Metern endet der kurze Abstecher wieder am Meer. Und von diesem Punkt an befindet sich der Lanzarote Marathon auf einer Strecke, der noch ein zweites Mal im Jahr genutzt wird, um zweiundvierzig Kilometer zurück zu legen. Dann allerdings handelt es sich nur um die Abschlussdisziplin eines Dreikampfes, dem schon Schwimmen und Radfahren voran gegangen sind.

Und während der Marathon nur ein Nischendasein in einem von Veranstaltungen fast schon platzenden internationalen Laufkalender führt, hat der Ironman von Lanzarote einen ziemlichen Bekanntheitsgrad. Mit zuletzt rund fünfzehnhundert Startern sticht das jeweils im Mai in Puerto del Carmen ausgetragene Rennen zudem auch beim Teilnehmerzuspruch sein Gegenstück für die Nur-Läufer im Dezember eindeutig aus. Dabei hat die Strecke den Ruf die vielleicht schwerste weltweit zu sein.

Das liegt jedoch weniger an der recht flachen Laufrunde über die mehrfach zu absolvierende Promenade von Puerto del Carmen und Playa Honda als am Radkurs, der praktisch kaum eine der Steigungen auslässt, die Lanzarote zu bieten hat. Mehr als zweieinhalbtausend Höhenmeter kommen so zu den hundertachtzig zu absolvierenden Kilometern noch dazu. Übrigens hieß der Sieger der diesjährigen Auflage Victor Del Corral Morales - genau der gleiche Athlet der beim Lanzarote Marathon auf der Halbdistanz ganz oben auf dem Treppchen steht.

Doch auch abseits der Ironman-Wochen hat Triathlon einen ziemlich hohen Stellenwert auf Lanzarote. Ein großer Teil der Radler, denen man bei der Fahrt über die Insel unterwegs begegnet, sind jedenfalls schon aufgrund von Lenker und Sitzposition als Triathleten erkennbar. Ein wenig kann man sich bei der Fahrt durch die Lavafelder des Timanfaya-Nationalpark oder des Malpaís de la Corona im Norden schließlich auch wie auf der eine ähnliche Entstehungsgeschichte besitzenden Triathlon-Insel Hawaii fühlen.

Hoch über Teguise bewacht der Castillo de Santa Bárbara die alte Hauptstadt von einem Vulkankrater aus Überall auf der Insel begegnet man auffälligen und farbenfrohen Schornsteinen mit einer Zwiebelhaube

Neben den unterschiedlichen Fitness-Geräten, die nicht nur in Playa Honda sondern auch anderswo auf der Insel entlang der Uferpromenaden aufgestellt sind, fallen immer wieder einmal jene für die Insel so typischen, individuell gestalteten Schornsteine ins Auge. Mit einer meist zwiebelförmigen Haube erinnern sie manchmal eher an orientalische Minarette oder barocke Kirchtürme als an Rauchabzüge. Im gleichen Grün, Blau oder Braun wie Türen und Fenster gehalten verpassen sie den Häusern zudem einen weiteren Farbtupfer.

Nach zwei - auch aufgrund vieler Kurven, mit denen man immer wieder kleinen Buchten umlaufen muss - ziemlich abwechslungsreichen Kilometern, ist der Übergang zu einem weit weniger idyllischen Abschnitt ziemlich abrupt. Ohne große Vorwarnung stößt die Promenade nämlich auf den Flughafenzaun, der nun für den nächsten Abschnitt des Rennens ständiger Begleiter der Marathonis sein wird.

Direkt zwischen Puerto del Carmen und Playa Honda zwängt sich der Aeropuerto de Lanzarote an die Küste. Doch scheint er für die Touristen aus den benachbarten Siedlungen eher eine Attraktion als ein Störfaktor zu sein. Denn auch ohne Läufer ist der Weg auf dem schmalen Streifen zwischen Meer und Rollfeld stets gut von Spaziergänger und Radfahrern belebt.

Wirklich schön ist das Umfeld zwar nicht unbedingt, aber dennoch irgendwie weit weniger trist als das Industriegebiet zwischen Costa Teguise und Arrecife. Und wenn man den Zaun und den dahinter liegenden Flughafen auf Dauer gar zu langweilig findet, muss man nur den Blick ein wenig drehen, um auf der andren Seite des Weges einen schmalen Strand zu entdecken, der sich ebenfalls über die gesamte Länge dieses Abschnittes hinzieht.

Unweit der Stelle, an der die ankommenden Flugzeuge auf der Landebahn aufsetzen, beginnen bereits wieder die ersten Häuser von Puerto del Carmen. Und damit hat man nun bereits die vierte der sieben Gemeinden der Insel erreicht. Nach Teguise, Arrecife und San Bartolomé ist nun Tías Gastgeber für die Marathonis. Wer ein wenig Spanisch beherrscht wird sich über den Ortsnamen wundern, bedeutet er doch übersetzt "die Tanten". Und angeblich soll er tatsächlich nach den Tanten eines früheren Gouverneurs benannt sein.

Obwohl man wirklich nur einen ganz kleinen Teil der Küstenlinie abläuft, werden durch den Zuschnitt der einzelnen Gemarkungen also nur das die Südwesten Lanzarote einnehmende Yaiza, das sich anschließende Tinajo, dessen Gebiet zu großen Teilen zum Nationalpark gehört sowie Haría ganz im Norden der Insel vom Lanzarote Marathon nicht berührt. Das seine Strecke so ziemlich gleichmäßig verteilende Rennen trägt seine Bezeichnung also wohl durchaus zu recht.

In Puerto del Carmen bietet sich abgesehen von der - vielleicht auch aufgrund der späteren Uhrzeit - etwas belebteren Promenade, die den Läufern auch zu spürbar mehr spontaner Anfeuerung durch die vermutlich meist doch eher zufälligen Zuschauer verhilft, ein ähnliches Bild wie Costa Teguise. Großräumige Ferienanlagen bestimmen eindeutig das Bild und ziehen sich kilometerweit die Küste entlang. Nur die Strände sind ein wenig breiter und länger.

Doch ist Puerto del Carmen eben auch sonst in seiner Ausdehnung noch wesentlich größer als sein Gegenstück am anderen Ende der Marathonstrecke. Trotz der vollen zwei Kilometer, die bis zum Wendepunkt - die genau dort aufgestellte Markierung mit der "21" zeigt auch dem letzten Zweifler, dass man es diesbezüglich vermutlich nicht ganz so genau nimmt - noch zu absolvieren sind, hat man damit kaum ein Viertel der Uferlinie der urbanización durchlaufen.

Auch Playa Blanca, der dritte Schwerpunkt des Tourismus auf der Insel an der Südwestspitze hat kaum geringere Ausmaße. Wenn man den weit in die Landschaft hinaus greifenden, sich ständig wiederholenden, eintönigen Siedlungsbrei dieser Ferienzentren sieht, kann man sich gelegentlich schon die Frage stellen, ob es nicht vielleicht doch besser gewesen wäre, ein wenig dichter und dafür etwas mehr nach oben zu bauen.

Auch Puerto del Carmen ist Anfang Dezember keineswegs überfüllt und bis aufs letzte Zimmer ausgebucht

Der Wendepunkt sorgt gerade auf dem Abschnitt durch Puerto del Carmen für reichlich Leben auf der Strecke. Doch spätestens am Flughafenzaun, wenn man die Strecke weit einsehen kann, beginnt der nun nur noch wenig Neues bringende Rückweg. Zudem werden nach rund fünfundzwanzig absolvierten Kilometern bei vielen der mehrheitlich ja aus Mittel- und Nordeuropa angereisten Sportler gerade angesichts der ungewohnten Temperaturen langsam auch die Beine schwer.

Da kann ein wenig Gesellschaft und Unterhaltung nicht schaden. Und tatsächlich sieht man hinter der Spitze, an der um die Platzierungen gekämpft wird, trotz der geringen Teilnehmerzahlen beinahe mehr kleine Grüppchen als Einzelläufer auf der Strecke. Manche unter ihnen bestehen von Anfang an und sind abgesprochen, andere finden sich eher zufällig zusammen. Doch bei einem aus einem Dutzend Nationen bunt zusammen gesetzten Feld ist es mit der Kontaktaufnahme gar nicht so einfach.

Einige versuchen es gleich auf Englisch, das nicht nur bei Briten sondern in der Regel auch Skandinavier und Niederländer problemlos weiter hilft. Für den Fall, dass es ein Einheimischer mit Spanisch versuchen sollte, kann man sich den Satz "Soy alemán, habla sólo un poco español" bereit legen, mit dem man ihm zu verstehen gibt, dass man ihn eigentlich nicht versteht und noch viel weniger Antworten kann. Das "poco" - also "ein wenig" - lässt sich sogar noch zum "poquito" steigern. Etwas, was im Deutschen überhaupt nicht möglich ist.

Bei José Angel Vazquez Romero wirkt die Methode jedenfalls sofort, denn er wechselt hinüber ins Deutsche. Doch beherrscht er dieses eben auch wirklich ausgezeichnet. Er sei im Tourismus tätig, berichtet er auf die Nachfrage nach dem Grund für seine extrem guten Kenntnisse. Und außerdem habe er viele Freunde in Deutschland, die er regelmäßig besuche und mit denen er außerdem - das Gespräch wird wirklich interessant - das Handbike-Rennen "Vuelta Playa Blanca" organisiere. Es fallen die nicht ganz unbekannten Namen Stefan Lange und Errol Marklein.

Ursprünglich stamme er vom spanischen Festland, erzählt José Angel im Laufe des Gesprächs, aus dem lange Jahre für seinen erfolgreichen Handballverein bekannten Ciudad Real. Doch seit nun bereits sechzehn Jahren lebe er auf Lanzarote. Eine Entscheidung, die er gerade in diesen Tagen, in denen auch in großen Teilen der iberischen Halbinsel der Winter mit Schneefall und Minustemperaturen Einzug gehalten hat, alles andere als bedauere.

Er laufe seinen ersten Marathon und habe eigentlich nur das Ziel im Zeitlimit durchzukommen. Doch dann deutet er auf einen anderen Läufer mit grünem Trikot einige Meter voraus und rückt ein wenig verschmitzt noch mit einer anderen Vorgabe heraus. Das da vorne sei ein Kollege, mit dem er sich schon bei einigen Halbmarathons gemessen hätte. Und in der Regel sei der Jüngere - sein Name ist Javier Moreno Rueda - dabei schneller gewesen.

Nun habe man sich im Vorfeld auf maximal eine halbe Stunde Differenz als noch akzeptablen Wert geeinigt. Ein Nebensatz des dabei schmunzelnden José Angel lässt kurz aufhorchen. Wenn Javier noch schneller sei, werde er ihm nämlich einfach kündigen. Und tatsächlich zeigt die spätere Nachforschung, dass José Angel Vazquez Romero nicht nur im Tourismus tätig sondern zudem auch der Direktor eines großen Hotels in Playa Blanca ist.

Viele Polizisten und Ordner sichern die Strecke auch dort vorbildlich, wo sie auf öffentlichen Straßen verläuft

Der bescheidene und fröhliche Chef erreicht übrigens beide Ziele, auch wenn er auf dem letzten Viertel der Distanz ziemlich kämpfen muss. Denn in 4:56:35 wird er am Ende gerade einmal dreieinhalb Minuten vor dem Zeitlimit die Linie überqueren. Hinter ihm tauchen nur noch sechs Einträge in der Ergebnisliste auf. Doch hat er damit seinen ersten Marathon geschafft und auch Mitarbeiter Javier Moreno Rueda hat schließlich einige Mühe. Denn er benötigt mit 4:40:33 statt dreißig nur sechzehn Minuten weniger als sein Chef.

Doch der Schlussabschnitt macht es den Läufern ja auch nicht unbedingt einfach. Während sich der Weg von Puerto del Carmen bis Arrecife abgesehen von dem Schlenker durch das Wohngebiet weitgehend flach präsentierte, kommen ausgerechnet hinter der Hauptstadt im Bereich von Kilometer fünfunddreißig noch einige unangenehme Hügel. Spätestens am Castillo San José werde er ohnehin gehen müssen, war sich José Angel schon in Playa Honda sicher. Doch auch fast alle anderen haben einige Mühe mit diesem Anstieg.

Auch Mary Jennings wandert ihn größtenteils hinauf. Zwar beginnt sie die Konversation auf Englisch, doch muss sie damit nicht automatisch Britin sein. Mit einer solchen Vermutung kann man insbesondere dann ganz schön ins Fettnäpfchen treten, wenn man eine stolze Irin zurück ins Königreich versetzt. Und tatsächlich kommt auf die zur Sicherheit gestellte Frage zurück, dass sie "Irish" sei.

Noch nie wäre sie bei einem so warmen Marathon gelaufen, behauptet sie, während es am Wrack des als "Temple Hall" gebauten und unter dem Namen "Telamon" 1981 vor Lanzarote auf Grund gelaufenen Schiffes vorbei geht, das in einer Bucht zwischen Hafen und Industriegelände nun bereits seit drei Jahrzehnten vor sich hin rostet. Angesichts von kaum mehr als zwanzig Grad muss man wohl schon einmal einen irischen Sommer erlebt haben, um diese Aussage nachvollziehen zu können.

Im Begegnungsverkehr in der Nähe des Wendepunktes gibt es genug Gelegenheiten für einen Gruß

Der Wind hat inzwischen ein wenig aufgefrischt und bläst den Marathonis dabei hauptsächlich ins Gesicht. Doch bremst er damit eben nicht nur den sowieso kaum noch vorhandenen Vorwärtsdrang sondern - und darüber ist man sich im Gespräch schnell einig - sorgt eben außerdem auch für eine gewisse, in diesem Moment auch ziemlich willkommene Kühlung. Sonst hätte die am Ende 4:36:52 laufende Irin hinterher vielleicht sogar von ihrer ersten Marathon-Hitzeschlacht berichten können.

Die fünfhundert Euro Siegprämie, die man für den Marathon ausgelobt hat, sind zu diesem Zeitpunkt natürlich bereits lange vergeben und ihre Gewinner auch schon vom Duschen zurück. Denn in 2:43:23 und 3:00:54 werden die beiden ersten Plätze vergeben. Nicht ohne Grund taucht dabei zweimal der gleiche Nachname auf. Stephen und Bella Bayliss sind schließlich miteinander verheiratet.

Die beiden Langstreckentriathleten sind keineswegs zum ersten Mal auf der Vulkaninsel. Erst im Mai waren sie beim Ironman jeweils auf dem zweiten Platz gelandet. Bella konnte das Rennen in den Jahren 2008 und 2009 sogar schon gewinnen. Nun können sie auch jeweils den Marathonsieg in ihre Erfolgsliste aufnehmen.

Weniger als eine Minute hinter dem Briten wird Marco Diehl in 2:44:15 Zweiter. Der Vielstarter aus der hessischen Wetterau versucht zwar seinen Titel aus dem Vorjahr zu verteidigen und liegt bei der Wende auch noch mit dem späteren Sieger gleichauf, muss ihn bald darauf dann aber doch ziehen lassen. Immerhin kann er sich ein wenig mit dem Erfolg in der - in Spanien, wo die Klassenwertung ab fünfunddreißig Jahren beginnt, unter" VtBM" firmierenden - Altersklasse M40 freuen.

Auf Platz drei arbeitet sich noch der lange auf Rang vier befindliche Tomi Halme aus Finnland nach vorne. Mit 2:46:14 ist auch sein Rückstand nicht allzu groß. Doch nicht nur in der Spitze sind die Finnen gut vertreten. Obwohl sie von allen Europäern eindeutig die weiteste Anreise haben, stellen sie ein volles Fünftel des Marathonfeldes und nach den Spaniern das zweitstärkste Kontingent.

Javier Moreno Rueda hält sich an die Vorgabe, nicht über eine halbe Stunde schneller als ... … sein audgezeichnet Deutsch sprechender Chef José Angel Vazquez Romero zu laufen Mary Jennings aus Irland ist nach eigenem Bekunden nie zuvor einen so warmen Marathon gelaufen

Auch bei den Frauen ist das Siegertreppchen bezüglich der Nationalitäten genauso bunt gemischt. Doch sind die Abstände hinter der überlegenen Siegerin Bayliss wirklich beträchtlich. Erst sechsundzwanzig Minuten später, nämlich nach 3:26:49 kommt mit der bereits der "VtDF" - oder ins hiesige Schema übertragen "W50" - angehörenden Niederländerin Susan Hagevoort die Zweite ins Ziel. Die Deutsche Yvonne Schäfer auf Rang drei ist mit 3:34:55 ihrerseits dann wieder ein ganzes Stück weiter zurück.

Immerhin achtundzwanzig Läuferinnen kommen ins Ziel und bringen so die Frauenquote knapp unter die Zwanzig-Prozent-Marke, von der man in Spanien ansonsten meist weit entfernt ist. Das hat natürlich damit zu tun, dass der Marathon von Lanzarote von Ausländern dominiert wird, die auf einer der "Inseln des ewigen Frühlings" fern der kalten Heimat ein paar Resturlaubstage los werden wollen.

Und für diesen Zweck ist die Veranstaltung auch durchaus geeignet. Der Ausflug in die Sonne lässt sich so noch einmal mit einem Rennen verbinden, bei dem man ja nicht unbedingt alles aus sich heraus holen muss. Aufgrund der reichlich vorhandenen und nur zum Teil belegten Bettenkapazität steigen auch die Preise für den Trip nicht ins unermessliche.

Während beim zweiten Durchlauf von Playa Honda das letzte Drittel der Distanz beginnt … … sind es vom seit drei Jahrzehnten vor sich hin rostenden Wrack der Temple Hall nur noch sieben Kilometer ... … bis man das Ziel in Costa Teguise wieder erreicht hat

Je nach Interesse lassen sich praktisch sämtliche Kombinationen zwischen einem reinen Erholungsurlaub im Liegestuhl am Strand und einem Aktivurlaub mit langen Wanderungen zusammenstellen. Gerade aufgrund ihrer geologischen Entstehungsgeschichte bietet die Insel nämlich eine erstaunliche landschaftliche Vielfalt auf kleinem Raum, die für den Besucher weit mehr bieten kann, als bloß einmal mit dem Kamel durch Lavasand zu reiten.

Der Lanzarote Marathon hat auch aus diesem Grund bezüglich seiner Teilnerzahlen sicherlich noch deutliches Steigerungspotential. Allerdings müsste man um aus der Rolle des Dezember-Geheimtipps heraus zu kommen, vielleicht doch einmal etwas für den eigenen Bekanntheitsgrad tun.

Bericht und Fotos von Ralf Klink

Infos und Ergebnisse www.lanzaroteinternationalmarathon.com

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