9.8.08 - 21. Hadsel Marathon Stokmarknes (Norwegen)

Einsamkeit im hohen Norden

von Ralf Klink

Es beginnt meist mit einem Missverständnis, wenn von einer Reise auf die bekannteste norwegische Inselgruppe die Rede ist. „Ich fahre auf die Lofoten“, heißt es in diesem Fall dann nämlich. Doch was sich im Deutschen als eindeutiger Plural zu „die Lofote“ darstellt, sieht für Norweger ganz anders aus. Irgendwie passend zum Bild der Einsamkeit, die man im hohen Norden ja angeblich findet und empfindet, ist „Lofoten“ dort nämlich definitiv Einzahl.

Wie in allen skandinavischen Sprachen üblich wird der bestimmte Artikel „en“ (bzw. bei weiblichen und sächlichen Wörtern „a“ und „et“) nur an das Wort angehängt. Der eigentliche Name ist also nur „Lofot“ – nicht mehr. So heißt es dann auch „das Lofot-Museum“, „die Lofot-Gallerie“, „die Lofot-Halle“ und „das Lofot-Aquarium“ oder eben in richtigem Norwegisch „Lofotmuseet“, „Lofotgalleriet“, „Lofothallen“ und „Lofotakvariet“ auf den Hinweisschildern am Straßenrand.

Wer nun aus dem Altnordischen noch „Lo“ als „Luchs“ und „fot“ als „Fuß“ übersetzen kann, dem wird klar, dass „Lofoten“ nichts anderes als „der Luchsfuß“ bedeutet. Und das war einmal der – aufgrund ihrer Form ziemlich passende – Name der Insel Vestvågøy, der sich irgendwann dann auf das Archipel übertragen hat.

Womit man dann auch schon beim zweiten Missverständnis wäre. Denn die Lofoten – bleiben wir der Einfachheit wegen bei der deutschen Art zur Verwendung des Namens – sind keineswegs alle jener Inseln, die sich da dichtgedrängt und in einem weiten, fast an ein Dreieck erinnernden Bogen vor der Küste Nordnorwegens erstrecken.

Der nördliche Teil dieser Gruppe wird nämlich „Vesterålen“ genannt. Wo allerdings die einen aufhören und die anderen anfangen, ist irgendwie nicht so ganz klar. Denn wirklich abgrenzen kann man die Inseln weder geographisch noch verwaltungstechnisch voneinander. Widerspruchsfrei schon gar nicht.

Da wird zum Beispiel die größte Insel – nicht nur des Archipels sondern ganz Norwegens –Hinnøya oft mit ihrem südlichen Teil den Lofoten und mit ihrem nördlichen Teil den Vesterålen zugeordnet. Die Grenzziehung scheint dadurch alleine schon ziemlich willkürlich. Und nicht jeder zieht sie dann auch wirklich gleich. Unterschiedlichste Zahlen über Größe, Einwohner usw. stehen also im Raum.

Start und Ziel am Hafen Blick auf Lofotenberge bei Kilometer 33

Zusätzlich verkompliziert wird die Geschichte, weil Hinnøya, das als östlichste Spitze des Dreiecks die Verbindung zum Festland herstellt, auch noch zwischen zwei norwegischen Provinzen – auf norwegisch Fylke genannt – aufgeteilt ist. Troms und dem entgegen des Namens südlich davon gelegenen Nordland. Andere – auch die nördlichsten – Inseln der Vesterålen-Gruppe zählen dagegen komplett zu Nordland. Das ist also irgendwie auch kein richtiger Anhaltspunkt.

Und wenn es dann auch noch – wie im Falle von Hadsel – Kommunen gibt, deren Fläche sich sowohl über Gebiete erstreckt, die meist eindeutig als – eigentliche – Lofoten betrachtet werden, als auch Inseln umfasst, die man überall als zu den Vesterålen gehörend bezeichnet, erscheint diese Trennung endgültig recht unsinnig.

Die manchmal recht seltsamen Zuschnitte sind durchaus erklärbar, denn die Festlegung der Gemeindegrenzen erfolgte noch zu einer Zeit, als die Verkehrswege eher über das Meer als über Land führten. Der auf der anderen Seite des Meeresarms – wegen der hier zu beobachtenden Gezeitenströme in der Regel „Straumen“ genannt – liegende Ort war eben um etliches näher als der auf der anderen Seite der eigenen Insel. Viele Straßen, mit denen die Inseldörfer untereinander und mit dem Festland verbunden sind, wurden erst in den letzten Jahrzehnten gebaut. Ein wenig verwirrend ist die Situation aber natürlich trotzdem.

Nun ist eine norwegische „Kommune“ nicht unbedingt das, was man hierzulande unter einer Gemeinde versteht. In ihren Ausmaßen entspricht sie eher deutschen Landkreisen. Manche reichen flächenmäßig sogar an kleinere Bundesländer heran. Was allerdings die Einwohnerzahl betrifft, kommen viele kaum aus dem Bereich heraus, der sie in Deutschland zu einem sicheren Übernahmekandidaten machen würde. Die eine oder andere muss sich nämlich schon Mühe geben, überhaupt vierstellig zu werden.

Das Dörfchen Hadsel, das der ganzen Gemeinde seinen Namen gegeben hat, wird bei Kilometer 36 passiert Die Hadsel-Kirche bei Kilometer 37

Insgesamt – bei weitester Grenzziehung – gerade einmal rund 80.000 Menschen verteilen sich auf die – je nach Zählweise, da es auch welche gibt, die sowohl auf dem Festland als auch auf den Inseln liegen – elf bis fünfzehn Gemeinden der beiden Inselgruppen. In einem Gebiet, das sich über mehr als zweihundert Kilometer in Nord-Süd-Richtung und einhundert in Ost-West-Richtung erstreckt.

Die sprichwörtliche Einsamkeit im hohen Norden lässt sich so irgendwie auch an Zahlen festmachen. Und dabei übertreffen die Lofoten und Vesterålen in ihrer Bevölkerungsdichte die beiden Provinzen, zu denen sie gehören, um das Vierfache. Ja sie liegen damit sogar noch etwas über dem Landesdurchschnitt Norwegens, wo nicht einmal fünf Millionen Menschen – kaum mehr als in Berlin – eine Fläche, die größer als Deutschland ist, bewohnen.

Die Gemeinde Hadsel, von der nun wieder die Rede sein soll, trägt dazu ungefähr ein Zehntel bei. Und ist damit eigentlich ziemlich typisch, bildet irgendwie – im durchaus positiven Sinne – einen soliden Durchschnitt. Auch sonst liegt man ja recht genau in der Mitte. Man wirbt sogar damit, sich im Zentrum der Lofoten und Vesterålen zu befinden.

Gleich über vier verschiedene Inseln erstreckt sich die Kommune, vier Ringe bilden dann auch das Wappen Hadsels. Die Südspitze der Vesterålen-Insel Langøya gehört genauso dazu wie ein Zipfel von Hinnøya. Mit der Nordostecke von Austvågøya – wem jetzt das viele „øy“ aufgefallen ist, sei gesagt, dass es auch nichts anderes als „Insel“ heißt – dehnt man sich auf ein eindeutig zu den Lofoten gerechnetes Eiland aus.

Und als einzige Insel vollständig im Gemeindegebiet ist mitten drin Hadseløya platziert, das im Gegensatz zu den meisten anderen von tiefeinschneidenden Fjorden regelrecht zerfetzten übrigen Eilanden des Archipels durch eine ziemlich ovale Form fast ohne Buchten auffällt. Auch ist es recht ungewöhnlich, dass eine Straße komplett herum führt.

Und diese Straße ist ziemlich genau 42 Kilometer lang. Bei wem es jetzt „klick“ gemacht hat, dem sei gesagt, dass man diese Idee in Nordnorwegen schon vor zwanzig Jahren hatte. Volle zwei Dekaden hat der Hadsel Marathon inzwischen schon auf dem Buckel.

In Stokmarknes befinden sich Start und Ziel des Hadsel Marathon Anmeldung am Marktplatz von Stokmarknes

Und das in einer Region, in der man aus den nächsten beiden mit jeweils etwa zwanzigtausend Einwohnern halbwegs als Städte zu bezeichnenden Siedlungen Harstad und Narvik mehr als ein- bzw. zweihundert Kilometer Anreise zurücklegen muss. Aus den mit knapp unter bzw. knapp über fünfzigtausend Menschen für norwegische Verhältnisse schon wirklich etwas größeren Provinzhauptstädten Bodø und Tromsø müssten Startwillige gar vier- bis fünfhundert Kilometer Fahrt auf sich nehmen.

Womit man nun allerdings schon rund die Hälfte aller Einwohner der beiden Fylke erwähnt hat. Denn auf den rund tausend Kilometern, die sich Nordland und Troms den schmalen Küstenstreifen, den Norwegen von der skandinavischen Halbinsel im Norden einnimmt, entlang ziehen, leben gerade einmal vierhunderttausend Menschen. Und der Blick über Gebirge und Grenze hinweg nach Schweden bringt gar nichts. Dort gibt es noch mehr Weite und noch weniger Bewohner. Die durchaus spürbare Einsamkeit und Leere im hohen Norden.

Vor allem aber nicht unbedingt ein Einzugsgebiet, in dem eine sportliche Großveranstaltung aufgezogen werden kann. In Stokmarknes, dem Hauptort der Hadsel-Kommune, versucht man es trotzdem seit zwei Jahrzehnten. Mit einem Erfolg, der wohl wirklich nur unter Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse das Weitermachen zulässt.

Denn wo wäre in Deutschland wohl die Grenze, bei der man darüber nachdenken würde, ob es sich überhaupt lohnt, eine große Marathonrunde abzustecken. Bei hundert Teilnehmern? Bei fünfzig? Vielleicht sogar bei nur dreißig? Nun, in den letzten Jahren lagen die Zahlen beim Hadsel Marathon stets zwischen zehn und zwanzig. Und meist auch noch näher bei zehn. Die als Buchtitel bekannte Einsamkeit des Langstreckenläufers kann man als Marathoni hier fast in ihrer reinsten Form empfinden.

Nun sind die Teilnehmerzahlen bei norwegischen Laufveranstaltungen sowieso nicht unbedingt hoch. Doch je weiter man sich von dem etwas dichter bevölkerten Südosten nach Norden oder Westen bewegt umso kleiner werden die ohnehin schon kleinen Felder.

Der Großteil des Feldes kurz vor dem Start mit der Hafenbrücke im Hintergrund Kurz nach dem Start am ... ... Hurtigruten-Hus vorbei

Ein ganzes Sammelsurium von Strecken sorgt dafür, dass sich der Aufwand insgesamt wenigstens ein bisschen lohnt. Kinderläufe, ein 2,1 Kilometer langer Mini- und ein Halbmarathon, ein Kinder- und ein Teamlauf. Und dazu noch die nach einem der engsten norwegischen Fjorde überhaupt, zu dem auch von Stokmarknes Ausflugschiffe aufbrechen, benannte Trollfjordmila – die Trolfjordmeile.

Um dem nächsten sich anbahnenden Missverständnis vorzubeugen gleich die Erklärung, dass es bei dem mit immerhin 43 Teilnehmern besetzten eigentlichen Hauptrennen der Veranstaltung keineswegs nur über 1609 Meter geht. Die Trollfjordmila ist ein lupenreiner Zehner.

In der ihnen eigenen Zurückhaltung bezeichnen Skandinavier nämlich üblicherweise volle zehn Kilometer einfach als Meile. Eine Distanzangabe von dreißig oder vierzig Meilen zwischen zwei Städten, wie sie Norwegern – oder auch Schweden – durchaus locker über die Lippen geht, kann also angesichts kurviger Straßen und einer Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h in der Regel fast eine Tagesreise bedeuten. Kaum etwas könnte die Einsamkeit im hohen Norden besser verdeutlichen.

Etwa fünfzehn Meilen sind es vom nächsten größeren Flughafen in Evenes, der jeden Tag von mehreren innernorwegischen Verbindungen angesteuert wird, bis nach Stokmarknes. Und auf der Fahrt vom noch auf dem Festland gelegenen Landeplatz zum Startort passiert man gleich mehrere jener Bauwerke, mit denen die Inseln inzwischen miteinander verbunden sind.

Hohe Bogenbrücken führen dazu, dass man nun auch ohne die im Land noch immer recht üblichen Fährüberfahrten fast jede Ecke der Lofoten und Vesterålen mit dem Auto erreichen kann und dennoch der Schiffsverkehr nicht allzu sehr behindert wird.

An den schmalsten Stellen sind über die Meeresarme, von denen die einzelnen Inseln getrennt sind, eigentlich nie mehr als ein Kilometer zu überbrücken. Doch bis man endlich auf Hadseløya angekommen ist, hat man vier dieser Brücken und genauso viele Inseln unter den Reifen gehabt.

Direkt hinter der letzten Brücke zeigt ein Wegweiser ins „Sentrum“ des Hauptortes der Hadselgemeinde. Wobei auch diese Bezeichnung nur aus der Menschenleere des norwegischen Nordens zu erklären ist. Denn außer einer einzigen Straße mit ein paar Geschäften gibt es da wenig Zentrales zu entdecken. Und wenn man nicht aufpasst und rechtzeitig stoppt, ist man auch schon auf der anderen Seite wieder hinausgerollt.

Immerhin ist die in weiten Teilen des Landes übliche Streubebauung hier im Ortskern doch etwas verdichtet. Seltsamerweise scheint es den Norwegern mit der bei ihnen ohnehin schon vorhandenen Einsamkeit noch immer nicht genug zu sein, so weit wie sie ihre Häuser voneinander entfernt errichten. Kann zuviel Nähe vielleicht tatsächlich zum Problem werden? Manchmal scheint es so.

Verpflegung bei km 5 Am Streckenrand bei km 6 Nie allein: die Streckenposten

Auf dem kleinen Marktplatz – Torget nennen das die Skandinavier – ist unter freiem Himmel das Marathonzentrum aufgebaut. Wobei zumindest die Startnummern in einem Pavillon ausgegeben werden, der oberhalb der Freifläche ein bisschen Schutz vor dem nicht immer beständigen Wetter geben könnte.

Dreihundert norwegische Kronen sind als Tauschobjekt für eine Marathon-Startnummer mitzubringen. Auf Nachmeldegebühren verzichtet man fast schon selbstverständlich. Schließlich ist man ja über jeden zusätzlichen Teilnehmer froh. Etwa 35 Euro Startgeld sind das umgerechnet, was für hiesige Verhältnisse nun wirklich nicht unbedingt viel ist.

Denn Norge zählt ja bekanntermaßen nicht gerade zu den Ländern mit niedrigen Lebenshaltungskosten. Angesichts der riesigen Entfernungen, die hier Waren zurückzulegen haben, bis sie beim Verbraucher angekommen sind, ist das allerdings zumindest teilweise sogar verständlich. Einsamkeit und Leere haben eben manchmal auch Auswirkungen auf den Geldbeutel.

Mit elf Uhr für den Marathon und 12.30 für alle anderen Rennen sind die Startzeiten so gewählt, dass zumindest aus dem Umland – eine Bezeichnung, die man hier allerdings deutlich weiter ziehen muss als im dicht bevölkerten Mitteleuropa – An- und Abreise am Renntag möglich sind.

Allzu große Hitze zur Mittagszeit muss man dennoch nicht unbedingt fürchten. Auch wenn es auf den Lofoten und Versterålen durchaus gelegentlich Tage gibt, an denen sich das Quecksilber der Dreißig-Grad-Marke nähert, sind die üblichen Hochsommer-Temperaturen meist nur halb so hoch. Und auch das ist eigentlich verwunderlich genug, wenn man sich die geografische Position der Inseln einmal genauer betrachtet.

Rund drei Viertel des Weges zwischen Äquator und Nordpol sind nämlich schon zurückgelegt, bis man das Archipel erreicht hat. Auf gleicher Höhe liegen der ewig gefrorene Boden im Norden von Alaska und die Gletscher Grönlands. Und auf der Südhalbkugel beginnt in diesen Breiten schon der antarktische Kontinent.

Laufstrecke bei Kilometer 6 Aussicht bei Kilometer 7

Statt auf grünen Wiesen grasenden Kühen gehörten hier eigentlich nur alleine durch schneebedeckte Landschaft streifende Eisbären her. Ohne den Golfstrom, der mit seinem warmen Wasser der gesamten norwegischen Küste ein Klima verschafft, das eigentlich überhaupt nicht zu ihrer Lage auf dem Globus passt, sähe es sicher ganz anders aus.

Es sind ganze 13 Teilnehmer, darunter eine einzige Frau, die sich an der genau zwischen Hafen und Marktplatz markierten Startlinie einfinden. Gedränge um die besten Ausgangspositionen gibt es angesichts solcher Zahlen natürlich keines. Dazu müsste man schließlich auch seitlich schieben. Denn selbst in der ersten Startreihe wären ja noch einige Plätze frei.

So hat sich das Feld auch schon völlig entzerrt, als es nach wenigen hundert Metern am Hurtigruten-Hus vorbei geht. Das jener berühmten Schifffahrtslinie gewidmete Museum, der – die Hadseler mögen es verzeihen – größten Sehenswürdigkeit der ansonsten recht unspektakulären Gemeinde. Die Bezeichnung „Hurtigruten“ bedeutet übersetzt tatsächlich das, was Ältere aus dem bei uns inzwischen doch recht ungebräuchlichen Adjektiv „hurtig“ herauslesen.

Als sie vor über hundert Jahren ins Leben gerufen und aus gelegentlich den eintreffenden Postbooten ein geregelter Betrieb nach genauem Fahrplan wurde, war es nämlich die mit Abstand schnellste Verbindung in den weit abgelegenen, über Land kaum zu erreichenden hohen Norden. Genaue Gezeiten- und Strömungstabellen erlaubten es, unter nahezu allen Wetterbedingungen ein- und auszulaufen. Die Pünktlichkeit der Hurtigrute war bald legendär.

Und lange Zeit blieben die schwarz-rot-weißen Schiffe die Lebensader der Orte und Städte zwischen Bergen und Kirkenes. Nicht nur Post und Fracht auch Passagiere transportierten sie auf der „Reichsstraße 1“, wie der wichtigste Verkehrsweg des weiten Landes schnell genannt wurde.

Heutzutage hat die Linie aufgrund verbesserter Straßen und häufiger Flugverbindungen zwar an wirtschaftlicher Bedeutung verloren. Doch dafür haben die Touristen die Schiffe mit so schönen Namen wie „Mitternachtssonne“ oder „Polarlicht“ entdeckt, die 34 dank Golfstrom das ganze Jahr über eisfreie Häfen in elf Tagen anlaufen. Einen besseren Eindruck von der zerfurchten norwegischen Küste kann man kaum gewinnen. Mit „schönster Seereise der Welt“ wird diese Tour oft bezeichnet. Aber es ist dennoch keine reine Kreuzfahrt. Noch immer ist die Hurtigrute ein ganz normales Transportmittel für die Nordnorweger.

Warum ist das Hurtigruten-Museum nun gerade in Stokmarknes? Nun natürlich läuft auch hier jeden Tag ein Schiff der Linie ein. Doch vor allem war es eine Reederei aus dem Ort, die 1893 den ersten durchgängigen Betrieb aufnahm. Und der Name jenes Schiffes war nicht ganz zufällig „Versterålen“.

Aussicht bei Kilometer 9 vor dem Örtchen Dragnes In Rørvik bei Kilometer 11

Die kurze Steigung hinaus aus dem Ort zeigt schon einmal, was auch den Rest der Strecke prägen wird. Meist leicht wellig verläuft die Straße nämlich auf dem schmalen Streifen der „Strandflate“ um das in der Mitte der Insel immerhin deutlich über sechshundert Meter aufragende Bergmassiv herum. Diese Küstenebene ist zwar in Wahrheit natürlich nicht völlig flach, aber die Höhenunterschiede halten sich trotz häufigem Auf und Ab in wirklich überschaubaren Grenzen. Es sind nicht einmal richtige Hügel.

Schon als das kleine gelbe Dreieck mit der „2“ – jeder Kilometer ist mit Schild und Bodenmarkierung eindeutig gekennzeichnet – am Straßenrand auftaucht, lässt sich von dichter Bebauung nicht mehr viel entdecken. Nur noch vereinzelt stehen Häuser in der Landschaft. Und das Minifeld ist schon so weit auseinander gezogen, dass man sich wirklich glücklich schätzen darf, wenn man eine Begleitung hat. Die meisten laufen allerdings bereits ziemlich alleine. Willkommen zurück in der Einsamkeit.

Wann immer es das Buschwerk – „Wald“ wäre für diesen hauptsächlich aus niedrigen Birken bestehenden Bewuchs deutlich zu hoch gegriffen – erlaubt, wandert der Blick über das Meer hinweg zur nördlichen Nachbarinsel Langøya, deren Berge auf der rechten Seite das Panorama bestimmen.

Eigentlich hat man den Eindruck, da gleich mehrere verschiedene Inseln vor sich zu haben, denn die tief ins Land hinein schneidenden Fjorde lassen keinen richtigen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Teilen erkennen. Die Versterålen gelten im allgemeinen als weniger schroff und spektakulär. Und tatsächlich findet man bei ihren südlichen Nachbarn noch viel bizarrere Formen. Dennoch wirkt da etliches schon imposant genug.

Blick auf Lamlitind bei km 12 Blick auf Lamlitind bei km 13

Vom an der Nordseite von Hadseløya gelegenen Stokmarknes läuft man zuerst einmal nach Westen. Die Insel wird also gegen den Uhrzeigersinn umrundet. Zu verfehlen ist der Weg nicht, Richtungsmarkierungen sind völlig unnötig. Solange man auf dem manchmal schon ziemlich rauen und brüchigen Asphalt bleibt, ist alles in Ordnung. Denn außer einer Staubpiste und einigen Einfahrten wird es auf der ersten Hälfte keinen einzigen Abzweig geben. Auch die nicht gerade mit vielen Linien versehene Straßenkarten, auf der übrigens auch jede nur halbwegs befestigte Schotterstrecke verzeichnet ist, belegen gut die Einsamkeit, die man im hohen Norden vorfindet.

Schmal ist das Sträßchen, das sich da zwischen Küste und Berg durch die Wiesen windet. So schmal, dass zwei Autos mit Mühe aneinander vorbei kommen. Gesperrt ist sie natürlich auch nicht. Schließlich gibt es nur diese eine. Und wegen einem guten Dutzend Marathonis kann man nicht die halbe Insel lahm legen.

Doch klingt das alles für den einsamen Läufer, der da mutterseelenallein am Straßenrand entlang trabt, viel gefährlicher als es in Wahrheit ist. Denn mehr als ein „Bil“ – interessanterweise haben die Norweger im Gegensatz zu den Deutschen das ursprüngliche Wort „Automobil“ genau am anderen Ende gekürzt – alle ein bis zwei Kilometer kommt nicht vorbei. Und gerast wird hier sowieso nicht, denn wenn schon nicht mit Läufern, dann zumindest mit Fußgängern oder Radfahrern muss man auf solchen Seitensträßchen immer rechnen.

Radfahrer sind dann auch fast die einzigen, die ab und zu ein paar anfeuernde Worte verteilen. Oft schwer bepackt rollt mindestens ein Dutzend an der nicht größeren Läuferschar vorbei. Zum Radfahren bieten sich die mit nicht gerade übermäßigen Steigungen versehenen und dennoch mit beeindruckenden Landschaften aufwartenden Straßen der Inseln eigentlich auch geradezu an.

Die Zahl der sonstigen Zuschauer lässt sich ansonsten auch an beiden Händen abzählen. Mal sind es ein paar Kinder, die mit ihrem Spiel für einen Moment aufhören, wenn wieder ein Läufer vorbei kommt. Mal ist es ein Bauer, der seine Arbeit für einen kurzen Applaus unterbricht. Oder zwei Frauen, deren Gespräch von dem Minifeld des Marathons nur selten gestört wird. Wer jubelnde Massen am Straßenrand sucht, ist beim Hadsel Marathon verkehrt. Auch in dieser Hinsicht ist es ein Lauf durch die und mit der Einsamkeit.

An der Küste bei Kilometer 13 / Blick hinüber nach Langøya Blick nach Austvågøy auf Lofotenberge bei Kilometer 15

Aber noch ein paar andere Leute stehen an der Strecke. Denn alle fünf, am Schluss sogar alle drei Kilometer sind Verpflegungsstellen aufgebaut. Eigentlich also fast für jeden Teilnehmer eine. „Vann, Saft“ schallt es den Ankommenden entgegen. Wasser und jenes mit Fruchtsirup angerührte, typisch nordische Getränk hat man im Angebot. Später gibt es auch Cola und sogar ein wenig Obst. Allerdings reicht da ein einziges Bündel Bananen für das gesamte Feld.

Meist sind die Posten mit zwei Personen besetzt. Zum einen für den Fall, dass wider Erwarten gleich eine ganze Gruppe den Versorgungstisch stürmt. Zum anderen wohl auch, damit sich zumindest die Helfer beim Warten auf den nächsten Läufer nicht ganz so einsam fühlen. So manchen sieht man dabei gleich mehrfach, denn wenn das Dutzend Marathonis vorbei ist, bleibt ja gerade am Anfang genug Zeit, die Sachen zusammen zu packen und zu einem anderen Verpflegungspunkt durchzustarten. Dennoch sind aber beim Marathon mehr Freiwillige an, als Teilnehmer auf der Strecke.

Die zweite Versorgung ist in Dragnes aufgebaut. Obwohl zwischendurch bereits mehrere mit Namen versehene, zumindest auf der Karte nach Siedlung aussehende Orte passiert worden sind, hat man bei dieser Häuseransammlung zum ersten Mal wieder ein bisschen das Gefühl ein Dorf zu durchlaufen. Dazwischen lagen eigentlich nur ein paar einzelne Gehöfte abseits der Straße.

Zu bemerken, wo nun genau der Übergang nach Rørvik ist, bleibt wohl wirklich den wenigen Einheimischen vorbehalten. Auf jeden Fall hat man nun die Nordwestecke von Hadseløya erreicht und langsam ändert sich der Ausblick, der sich den Marathonis bietet. Die Berge von Langøya verlieren sich auf der rechten Seite immer mehr ins offene Nordmeer.

Und links und manchmal auch direkt vor den Läufern erhebt sich die schroffe Wand des Lamlitinden, des mit 656 Metern höchsten Berges der Insel. Während auf der Ostseite bei Stokmarknes noch eher an Mittelgebirge erinnernde grasige Kuppen das Bild bestimmen, sind auf der Westseite nackte, steile Felsen vorherrschend, die zwar nicht unbedingt durch ihre Höhe, aber doch zumindest durch ihre Form durchaus alpin wirken.

Teilweise läuft man auch direkt an der steinigen Küste entlang. Wobei die auf dem schmalen Grasstreifen zwischen Straße und Meer stehenden Kühe dem ganzen ein ziemlich ungewöhnliches Gepräge geben. Aber landwirtschaftlich nutzbarer Boden ist eher selten und man nutzt ihn eben, wo man ihn findet.

Blick nach Austvågøy auf Lofotenberge bei Kilometer 15 Strecke bei Kilometer 16

Die einzige Frau im Wettkampf, Britt Heljesen, ist hier schon ausgestiegen. Von nun an ist es ein reines Männerrennen. Es bleibt allerdings bei diesem einem DNF. Zwölf von dreizehn Gestarteten kommen ins Ziel. Eine eigentlich normale Aussteigerquote für einen Marathon.

Aus dem anfänglichen Sonnenschein ist inzwischen ein recht grauer, bedeckter Himmel geworden. Nicht gerade beständig ist die Witterung hier. Sie ist eher ziemlich sprunghaft. Was eben noch strahlendes Licht war, kann sich urplötzlich enorm verdüstern. Verlassen sollte man sich auf sie jedenfalls nicht unbedingt. Nicht alles, was sie kurzzeitig verspricht, hält sie wenig später noch ein.

Dazu sind die Verhältnisse regional so völlig unterschiedlich, dass man auf Prognosen eigentlich gar nichts geben kann. Während sich an einem Ort der Scheibenwischer mit allem, was sein Elektromotor hergibt, abmühen muss, um das Blickfeld wieder irgendwie halbwegs von der Feuchtigkeit zu befreien, kann jenseits der vom Wasser gebildeten Grenze über der Nachbarinsel längst wieder blauer Himmel zu erkennen sein. Dabei war deren Welt vor Kurzem doch auch noch grau in grau. Aber die Wolken sind herüber gewandert und von drüben leuchtet so manche Bergspitze fast schon höhnisch in der Sonne.

Auch dafür liefert natürlich der Golfstrom die Begründung. Denn mit ihm ziehen die meisten Wolken aus dem Westen und Südwesten heran. Und die Inseln sind das erste, was sich ihnen nach einer langen Reise über das Meer entgegenstellt. Doch massiv genug, sie zum völligen Abregnen zu bringen, ist das Archipel dann auch wieder nicht. Meist ziehen die Wolken relativ schnell zum Festland weiter, um ihre feuchte Fracht dort abzuladen. Denn obwohl es manchmal tagelang recht trüb ist, sind die Lofoten und Versterålen eigentlich ziemlich niederschlagsarm.

Strecke bei Kilometer 18 Blick nach Austvågøy auf Lofotenberge bei Kilometer 22

Auch diesmal trübt es sich zwar ein, aber außer ein paar Tröpfchen Nieselregen bleibt es trocken. Eigentlich angesichts der bei etwa fünfzehn Grad liegenden Temperaturen und nur leichtem Wind fast schon ideales Laufwetter.

Ein gutes Drittel der Distanz ist bewältigt, als das Panorama sich wieder einmal verändert. Denn vor der längst extrem weit über die Strecke verstreuten Läuferschar tauchen nach etwa fünfzehn Kilometern Austvågøys wild gezackte Berge auf. Bis knapp an die Tausend-Meter-Marke steigt das beeindruckende Massiv anscheinend direkt aus dem Meer auf. Lange Zeit werden sie nun immer wieder die Blicke der Marathonis auf sich ziehen.

Auch dort drüben ist Hadsel, auch diese Gipfel gehören zum Gemeindegebiet. Doch was nicht einmal ein Dutzend Kilometer Luftlinie entfernt ist, könnte eine zehnmal solange Autofahrt, die sogar in die Nachbarprovinz Troms führen würde, bedeuten. Es gibt allerdings eine Fähre, die das ersparen kann.

Wenig später taucht sogar ein kleiner Sandstrand auf. Doch natürlich ist hier kaum Badebetrieb. Trotz Golfstrom erreichen die Wassertemperaturen selten mehr als fünfzehn Grad. Einzig und allein in einigen flachen Buchten kann es bei viel Sonne auch einmal noch etwas wärmer werden. Nur wenige trauen sich unter diesen Bedingungen tatsächlich ins Wasser.

„Gårdstun“ – „Bauernhof“ – steht auf dem Warnschild. Als ob die Läufer das nicht selbst merken würden. Man konnte den Hof über das offene Wiesenland ja schließlich lange genug anvisieren. Doch der Hinweis richtet sich wohl auch eher an Autofahrer. Ein plötzlich von der Seite auftauchender Traktor wäre für sie jedenfalls recht unangenehm.

Macht menschenleere Einsamkeit das Alleinsein erträglicher? Manchmal scheint es fast so. Denn obwohl inzwischen die Hälfte der Distanz bewältigt ist und für die meisten längst weder nach vorne noch nach hinten irgendein Sichtkontakt zur Konkurrenz besteht, gehen die Kilometer erstaunlich schnell vorbei.

Doch es liegt wohl eher an der noch immer abwechslungsreichen Strecke, dass nie wirkliche Motivations- und Lustlosigkeit aufkommt. Es ist anscheinend genau das richtige Maß an Einsehbarkeit, das der Kurs bietet. Keine endlos langen Geraden auf denen man schon das nächste Kilometerschild anpeilen kann, wenn man das letzte gerade eben erst passiert hat. Oder noch besser: Schon vorher.

Aussicht bei Kilometer 22 Blick nach Austvågøy auf Lofotenberge bei Kilometer 23

Aber halt auch nicht unzählige Richtungswechsel, die völlig den Überblick verlieren lassen. Die eben schon einige hundert Meter vorher sichtbaren Bauernhäuser liefern da willkommene Zwischenziele. Die nächste Kurve, der nächste Hügel, die nächste Hecke genauso. Drei, vier solche Fixpunkte und schon leuchtet das nächste gelbe Dreieck am Straßenrand. Nein, man kann sich zwischen vielen Menschen bei einer Großveranstaltung wesentlich verlorener vorkommen.

Verpflegungspunkt Nummer fünf findet sich in einer dichter gewordenen Häuseransammlung. Es sind die äußeren Bereiche von Melbu, der zweiten größeren Siedlung auf der Insel, dem Fährhafen hinüber nach Austvågøya. Und bei Kilometer sechsundzwanzig wartet eine regelrechte Überraschung auf die Läufer – ein Gehweg. Sogar ein Seitensträßchen zweigt wenig später ab. Doch natürlich ist das eine Sackgasse. Es gilt einfach weiter geradeaus zu laufen.

In der wenig später erreichten Ortsmitte gibt es dann jedoch tatsächlich einen kleinen Moment Verwirrung. Denn da ist auf einmal eine richtige Einmündung. Die Hauptstraße, die Melbu auf dem kürzerem Weg mit dem Hauptort der Gemeinde verbindet, ist erreicht. Es gäbe zwei Möglichkeiten weiter zu laufen. Doch das rechts erkennbare Hafengelände und der nach links zeigende Wegweiser „Stokmarknes“ macht alles klar.

Bis die „27“ auftaucht, hat man den aus kaum mehr als aus dieser Kreuzung bestehenden Dorfkern schon wieder verlassen, auch wenn die Strecke noch ein Stück auf dem Bürgersteig bzw. auf einem Radweg etwas abseits der Straße verläuft.

Die Bergkette auf der anderen Seite des Hadselfjord genannten Meeresarms ist jetzt zum Greifen nahe. Der Weg zum gegenüberliegenden Fähranleger Fiskebøl wäre von hier aus deutlich näher als der nach Stokmarnes. Es liegen halt nur ein paar Kilometer Wasser dazwischen.

Blick nach Austvågøy auf Lofotenberge am Ortstausgang von Melbu bei Kilometer 27 Blick auf Lofotenberge bei Kilometer 33

Und die „28“ steht schon wieder mitten zwischen Birkengebüsch, wenn auch nun an einer wesentlich breiteren, von einem Mittelstreifen deutlich in zwei Fahrspuren geteilten Straße. Auch Melbu ist nur für nordische Verhältnisse etwas größeres. Die Einsamkeit der Landstraße hat die Läufer ziemlich schnell zurück.

Am zweiten Punkt, an dem kurzzeitig Orientierungsprobleme möglich wären, als nämlich der Radweg an einer Querstraße endet und man dieser nach links ins Inselinnere folgen oder rechts wieder auf die Hauptstraße einschwenken kann, hat man dann zumindest in diesem Fall einmal die richtige Wahl getroffen. Einen Streckenposten war nämlich auch dort nicht platziert. Aber eigentlich war das eine jener Entscheidungen, die nicht allzu schwer fallen. Da gibt es sicher wesentlich komplizierteres.

Der Verkehr hat nun deutlich zugenommen. Doch auch nur für die Verhältnisse der irgendwie wohl schon einmal erwähnten Einsamkeit des norwegischen Nordens. Die Quote ist nämlich auf etwa ein Dutzend Autos pro Kilometer nach oben geschnellt. Wohlgemerkt in beiden Fahrtrichtungen zusammen und an einem Samstagnachmittag.

Es waren noch vor nicht allzu langer Zeit deutlich mehr, als hier eine der Hauptrouten zu den Lofoten durchging. Doch spätestens mit der Fertigstellung der „Lofast“ genannten Verbindung, mit der die letzte Lücke geschlossen wurde und alle Hauptinseln nun ohne Fährüberfahrten durch eine Kette von Brücken und Tunnels mit dem Festland verbunden sind, nehmen die Touristen zu den Lofoten eine andere, deutlich kürzere Strecke.

Stokmarknes und Melbu werden so zwar vom Durchgangsverkehr – insbesondere auch von Lastwagen –  entlastet. Andererseits ist die Fährverbindung in den südlichen Gemeindeteil kaum noch ausgelastet und steht vielleicht wie schon einige andere irgendwann auf dem Prüfstand. Den Marathonis kann es allerdings nur recht sein, dass nun deutlich weniger Autos über ihre Laufstrecke rollen.

Abzweig bei Kilometer 33 Tierische Zuschauer bei Kilometer 35

Eigentlich wäre es angesichts dieses Kurses ein Leichtes zumindest Teile der Distanz im Auto zurück zu legen. Eine Kontrolle lässt sich nicht bemerken und scheint zwischen den Verpflegungsstellen auch kaum möglich. Doch es würde so gar nicht zur Mentalität der Skandinavier passen, für die Ehrlichkeit und Offenheit eben nicht nur leere Worte sind.

Schließlich ist die Kriminalitätsrate extrem gering. In Norwegen finden wohl viel mehr Straftaten in Krimis als in der Realität statt. „Lass ihn in der Tür einfach stecken“, heißt es dann durchaus mal auf die Frage, wann und wie man den Schlüssel für die angemietete Hütte zurückgeben soll. Anderswo wird man davor gewarnt, auch ja keine Wertsachen im Auto zurück zu lassen. In Norwegen stehen bis unters Dach vollgepackte Fahrzeuge tagelang mutterseelenallein auf irgendwelchen Wanderparkplätzen.

Das Vertrauen, das man in andere setzt, wird selten wirklich schwer enttäuscht. Was vermutlich daran liegt, dass Norwegen als Nation armer Bauern und Fischer entstanden ist, die der widerspenstigen Natur alles in zähem Kampf abtrotzen mussten. Nur ehrliches Bemühen wird hier anerkannt. Blender haben einen schlechten Stand. Wer mit irgendwelchen undurchschaubaren Spielchen versucht, etwas zu seinem Vorteil zu erreichen, bewirkt am Ende oft das genaue Gegenteil.

So langsam nähert man sich dem Punkt, an dem man mit den eineinhalb Stunden später gestarteten Halbmarathonläufern zusammen treffen müsste. Die laufen dem Marathonfeld nach einer Einführungsrunde in Stokmarknes nämlich entgegen. Doch wer da auf neue Begleitung und ein Ende der Einsamkeit gehofft hat, sieht sich furchtbar getäuscht.

Die Zahl der Halbdistanzler, die sich auf die Strecke begeben haben, ist nämlich kaum größer als die der Marathonis. Gerade einmal sechszehn Namen umfasst die Ergebnisliste. Und mit einem Hauptfeld im Bereich von zwei Stunden wie in Deutschland muss man schon gar nicht rechnen. Da kommen nur noch ein paar Nachzügler ins Ziel.

Jan-Inge Dahl beendet das Rennen nach 1:15:49 als Erster. Bei den Frauen ist die für den Verein TUIL aus Tromsø startende Deutsche Manuela Krämer in 1:25:32 erfolgreich. Übrigens ist die Altersklassenverteilung in Norwegen kaum eine andere als in Mitteleuropa. Der Sieger läuft bereits in der M45, die Siegerin in der W40. Oder wie man es in Norwegen nennt: „Menn 45-49“ und „Kvinner 40-44“.

Dort wo die Halbmarathonstrecke auf den Weg der Marathonis trifft – Kilometer 33 ist gerade passiert – zweigt der Kurs von der Hauptstraße ab. Es gibt sie also doch die Parallelstrecke auf Seitenwegen. Für die Halben bringt das keinen Wendepunkt sondern eine Wendeschleife. Und für die Marathonis noch einmal ein paar kleine Steigungen, die ihnen auf der Küstenstraße erspart geblieben wären. Allerdings eben auch praktisch keinen Verkehr, Ruhe und Einsamkeit.

Brücke nach Hadseløya, Ausblick bei km 40

Es ist im hohen Norden eher ungewöhnlich, dass es gleich zwei Alternativen gibt, die in so kurzem Abstand die gleiche Richtung verfolgen sollen. Normalerweise führt eine Straße irgendwo hin und endet dort. Schon eine komplette Inselrunde wie auf Hadseløya ist wirklich etwas ungewöhnliches. So gibt es dann auch genau einen einzigen Weg, der die Nordlandtouristen vollständig in Norwegen zum Nordkap führt. Jede andere Möglichkeit, an den nur angeblich nördlichsten Punkt Europas zu gelangen, führt entweder über Schweden oder Finnland. Einsamkeit und Leere machen ein dichtes Netz von Verbindungen nämlich schon zum absoluten Luxus.

Und unzählige gut ausgebaute Wander- und Forstwege, wie sie aus Mitteleuropa bekannt sind, kann man in diesen menschenarmen Regionen schon gar nicht finden. Wenn man wandert, dann auf kaum ausgetretenen Spuren über Stock und Stein, durch Hecken und Moore, die in Deutschland nicht einmal Trampelpfadstatus bekämen. Maximal mit ein paar Steinmännchen oder Farbklecksen auf den Felsen, oft aber eben auch gar nicht markiert. „Durch die Topographie vorgegeben“, nennen das dann Reiseführer, in denen solche Touren beschrieben sind.

Für eine Laufveranstaltung ist so etwas eher ungeeignet. Es sei denn man richtet Orientierungsläufe aus. Und wohl gerade wegen jener Verhältnisse sind die Skandinavier in dieser Disziplin zumindest in der Breite so dominierend. Für den Marathon auf Hadseløya ist die Ringstraße aber vermutlich wirklich die beste Wahl. Und eine recht vernünftige Möglichkeit, mit vertretbarem Aufwand überhaupt ein Rennen über die allseits bekannten 42,195 Kilometer auszurichten.

Übrigens steht an dieser Stelle tatsächlich ein Streckenposten, um die aus beiden Richtungen kommenden Läufer richtig einzuweisen. Doch die zur Sicherheit am linken Fahrbahnrand laufenden Halbmarathonis müssen ja hier auch die Straße queren. Es könnte also tatsächlich sein, dass man ein bisschen den Verkehr regeln muss. Außerdem ist ja auch gleich nebenan, dort wo die Nebenstraße anfängt, eine Verpflegungsstelle. Der Ordner muss sich also keineswegs allzu einsam fühlen.

Durch die Bauernhöfe von Lekang, bunte Häuser auf grünen Wiesen mit dem allgegenwärtigen Wimpel in den Landesfarben, führen die nächsten Kilometer hinüber zur achteckigen Hadsel-Kirche. Das alte Kirchdorf, das der ganzen Gemeinde den Namen gegeben hat, musste seine zentrale Bedeutung allerdings schon vor ewigen Zeiten an die Handelsplätze Stokmarknes und Melbu abgeben.

Auch in diesen beiden Orten bestimmte Jahrhunderte lang der Stockfisch das Leben und die Geschäfte. Jene nordische Spezialität, die seit dem Mittelalter und den Zeiten der Hanse in ganz Europa gehandelt wurde. Dank des Fischreichtums der norwegischen Gewässer konnte man den Bedarf nahezu des ganzen Kontinents nach haltbarem Fisch decken. Andererseits hing aber auch das Wohl und Wehe der ganzen Region vom Kabeljau ab. Stockfisch war der Hauptexportartikel Norwegens.

Am Straßenrand dem Ziel entgegen Marathonläufer auf vorletztem Kilometer Marathonläufer einen Kilometer vor dem Ziel Halbmarathonläuferinnen kurz vor dem Ziel

Noch heute im Zeitalter des Tiefkühlfischs sieht man die Gestelle, auf denen der Fang getrocknet wird, überall. Noch heute werden jeweils zwei jener Dorsche am Schwanz zusammen gebunden, über diese Holzgerüste gehängt und acht bis zehn Wochen lang Wind und Wetter ausgesetzt. Die Fische verlieren so den größten Teil ihrer Flüssigkeit und werden nahezu ewig haltbar. Und vor allem die Italiener nehmen den Norwegern ihren „stoccafisso“ noch heute in großen Mengen ab.

Gut fünf Kilometer sind es bis zum Ziel, als man kurz nach dem Passieren der Kirche erneut die Hauptstraße erreicht. Den Rest der Distanz wird man wieder ihr folgen. Ein Stück weiter ist dann auch der Wendepunkt für die Zehner auf der Straße markiert. Die sind allerdings längst im Ziel, als die Marathonis hier vorbei kommen.

Angesichts der nicht wirklich großen Teilnehmerzahl sind die erzielten Zeiten an der Spitze gar nicht so schlecht. Edgar Johansen ist nach 35:05 als Erster zurück. Nur achtzehn Sekunden später läuft Bjørn Vonheim ins Ziel am Hafen von Stokmarknes. Auch Ingulf Nordal kann mit 35:53 die sechsunddreißig Minuten noch unterbieten. Nebenbei bemerkt: Der Sieger läuft in der M50, der Zweite in der M45.

Weit weniger spannend ist es im Løp der Kvinner, wo Rose Hemmingsen in 43:02 die Schnellste ist. Die Jugendliche Anniken Liland Frederiksen läuft nach 44:31 auf Rang zwei schon mit deutlichem Rückstand ein. Und die Dritte Lisbeth Jørgensen hat bei einer Endzeit von 49:17 schon über eine halbe Minute pro Kilometer auf die Siegerin verloren.

„Velkomen til Stokmarknes“ – „Willkommen in Stokmarknes“ – verkündet das Schild gut zwei Kilometer vor dem Ziel. Es gilt natürlich nicht nur für die Marathonis, doch sie nehmen es bestimmt gerne zur Kenntnis, dass die Einsamkeit der Landstraße bald beendet ist. An der letzten Verpflegungsstelle beginnt dann auch wieder ein Gehweg. Die Zivilisation hat die Läufer endgültig zurück.

Ketil Eliassen ist als Erster wieder in Stokmarknes. Seine Zeit von 2:44:15 würde auch bei zehn-, zwanzig oder dreißigmal größeren deutschen Läufen eigentlich immer zu einem Treppchenplatz reichen. Zumal der Abstand zum Zweiten John Pedersen, der nach 2:52:56 einläuft, zeigt, dass auch dem Sieger die Einsamkeit nicht erspart blieb.

Aussichten bei ... ... km 40 Zieleinlauf mit Hafenbrücke im Hintergrund

Während Eliassen tatsächlich ein Läufer der Hauptklasse ist, die in Norwegen allerdings erst bei Vierunddreißigjährigen endet, ist sein erster Verfolger schon ein M50er. Und der Dritte Ross Wakelin, den die Zeitnehmer am Hafen mit 2:58:18 – drei Läufer unter drei Stunden ergeben eine sensationelle Quote von fünfundzwanzig Prozent – notieren, startet ebenfalls in einer höheren Alterskategorie. Der Neuseeländer, den es beruflich ins norwegische Narvik verschlagen hat, darf sich die mit dem Logo des Hadsel-Marathons geschmückte Glasvase für den Sieger der M45 ins Regal stellen.

Und nicht nur die Sieger, auch die Platzierten werden mit größenmäßig abgestuften Vasen sowie einem mit dem gleichen Logo verzierten Kaffeebecher bedacht. Müßig zu erwähnen, dass angesichts der schmalen Besetzung eigentlich jeder Starter einen Preis mit nach Hause nimmt. Eine Medaille haben alle schon im Ziel um den Hals gehängt bekommen. Wie bei dem durchaus hohen Nationalstolz der Norweger kaum anders zu erwarten mit einem Band in den Landesfarben.

Doch nicht nur das ist am Hadsel Marathon typisch norwegisch. Der Lauf bietet neben der freundlichen, soliden und ziemlich unaufgeregten Organisation, die mit neumodischen Events so rein gar nichts zu tun hat, eben auch unterwegs eigentlich typisch norwegische Landschaften. Ein bunter Querschnitt, der die Strecke trotz aller Einsamkeit eigentlich nie langweilig werden lässt. Ganz im Gegenteil ein wirklich schöner, wenn auch nicht mit absoluten Sensationen aufwartender Landschaftslauf.

In Hadsel dürfte es auch weiterhin bei der Einsamkeit des Langstreckenläufers bleiben. Dieser Hadsel Marathon wird nie eine Massenveranstaltung werden. Doch vielleicht kann ja auch der eine oder andere deutsche Nordland- oder Lofotenurlauber dafür sorgen, dass sie für Halb- und Vollmarathonis oder eben auch für die Trollfjordmila-Läufer ein klein wenig geringer wird. Dass nur etwa hundert Kilometer entfernt in Leknes auf der Lofoten-Insel Vestvågøy noch ein weiterer Marathon mit ähnlich breitem Streckenangebot stattfindet, macht die Sache eigentlich nur noch interessanter.

Die Einsamkeit wird bleiben. Die beeindruckende Natur ebenfalls. Und die Touristen werden weiter kommen, um beides zu erleben. Vielleicht kommen ja auch ein paar Läufer. Auf eine Inselgruppe, bei der selbst die Einzahl im Namen schon ein bisschen was von der Einsamkeit im hohe Norden in sich trägt.

Bericht und Fotos von Ralf Klink

Infos und Ergebnisse unter http://www.hadselmaraton.no

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