5.3. - 6.3.2010 - Trans Gran Canaria

123 Kilometer / 4800 Höhenmeter

von Matthias Heibel

Donnerstag 4. März: Startnummernausgabe, Abgabe des Beutels für KM 84 und Briefing im Auditorium in Las Palmas.

Freitag 5. März: Nervös und angespannt versuchen mein Laufkollege Robert und ich die Zeit bis zum Start um 0.00 Uhr am Strand von Playa del Ingles mit ausruhen, schlafen und checken der Ausrüstung zu überbrücken.

0.00 Uhr: Start am Strand von Playa del Ingles. Viele begeisterte Zuschauer begleiten die ca. 300 Läufer in die Nacht. Die ersten 4 Kilometer geht es am Strand entlang, der fest und gut zu laufen ist bis nach Maspalomas. Der Läuferwurm zieht sich hier schon auseinander, ein tolles Bild mit den tanzenden Stirnlampen.

Maspalomas ist erreicht. Nach einem kurzen Stück entlang der Promenade, die erste große Überraschung. Das Flussbett, das bei dem Lauf noch immer trocken war, steht voll mit Wasser. Knietief laufen wir im Wasser auf seifigem, steinigem Untergrund. Dort stürzen auch schon die ersten Läufer. Nach ca. 3Kilometern geht es weiter mit nassen Strümpfen und Schuhen in ein sumpfartiges Bachbett. Ich bin gespannt, wann die ersten Blasen kommen. Das Bachbett ist mit Schilf zugewachsen, der Untergrund immer wieder glitschig und mit Wasser gefüllt. Da schlägt mir ein Schilfwedel von einem Läufer vor mir die Stirnlampe vom Kopf, nach kurzer Suche mit Hilfe der Stirnlampe meines Laufkollegen Robert ist die Lampe gefunden und wieder auf meinem Kopf. Es kann weiter gehen.

Danach schlängeln wir uns auf ganz guten Wegen die Berge hoch bis zur ersten Verpflegungsstelle bei KM20. Da es eine einfache Verpflegungsstelle ist, gibt es dort nur Wasser. Also Trinkrucksack auffüllen und weiter. Die nächsten 12 Kilometer haben es in sich, es erwarten uns 1000HM in steilem unwegsamem Gelände. Bis zur ersten Vollverpflegungsstelle bei KM34 in Tunte brauchen wir für 14 Kilometer unglaubliche 3 Std.10 Min. Jetzt gilt es den Trinkrucksack voll zu füllen (ca. 3 Liter) und viel zu Essen, da die nächste Verpflegungsstelle ca. 30 Kilometer entfernt ist.

Nach einem kurzen steilen Stück auf einer Straße geht es rechts ab wieder in unwegsames Gelände. Was wir jetzt noch zu erwarten hatten, konnten wir uns im Entferntesten nicht vorstellen. Wege, die so steil und durch den unterschiedlichen Belag schwer zu Laufen sind - der wechselt zwischen Erde, Steinfels und Geröll -, dass wir nur langsam vorwärts kommen. Selbst bei Bergabpassagen ist es kaum möglich mehr als 5 Kilometer die Stunde zurückzulegen, da wir uns teilweise rechts und links an Felsen oder Bäumen festhalten müssen, um einigermaßen sicher runter zu kommen.

Da ist es auch schon passiert und ich stoße an einen großen Stein und verdrehe mir dabei das Knie. Erst ca. 45 Kilometer hinter mir und jetzt das. Ich denke mir, ruhig bleiben und sehen wie es mit dem Knie geht.

Endlich geht die Sonne auf und wir sehen ein atemberaubendes Panorama mit Palmen, Seen und Bergen, ähnlich einem Canyon. Ein spanischer Läufer macht noch ein Foto von uns. Die Hilfsbereitschaft und der Zusammenhalt der Läufer beim TransGranCanaria ist unglaublich groß. Kein Läufer geht vorbei ohne zu fragen, wie es geht, ob alles Okay ist, oder ob man Hilfe benötigt. Es wird mit Händen und Füssen kommuniziert und Essen und Getränke mitten im Gelände getauscht. Ein eindrucksvolles und unbeschreibliches Erlebnis für uns.

Bei KM50 sehen wir von oben einen Stausee, dort müssen wir hin. Unten am Stausee angekommen erwartet uns die nächste Überraschung. Wir müssen über ein Abflussrohr balancieren, das ca. 50cm breit und 80m lang ist. Nach einem kurzen Steilstück auf einer Straße hoch, plötzlich Leben mitten in dieser unwirklichen Landschaft. Da stehen einige Häuser, sogar ein kleines Cafe gibt es dort. Jetzt hinsetzen und den Ausblick genießen. Aber weiter geht’s. Endlich wieder ein Stück, das wir rennen können. Bergab auf einer gut ausgebauten Straße geht es ca. 3 Kilometer flott voran. Das war´s dann auch schon, denn dann geht es wieder in unwegsames Gelände.

Dort trennen sich auch die Wege von Robert und mir, da mein Knie mittlerweile dick ist und ich nicht mehr so schnell die Berge hochkomme. Bei KM60 die nächste Verpflegungsstelle mit Wasser. Dort sehe ich auch kurz noch mal Robert. Er läuft an der Verpflegungsstelle gerade weg, ich komme an. Ich hoffe, dass wir uns im Ziel gesund und wohlbehalten wieder sehen, da es doch einige gefährliche Passagen mit Sturzgefahr gibt.

Jetzt kommt der härteste Teil des Rennens, der Aufstieg zum Roque Nublo. Kaum ein Stück, das „normal“ gelaufen werden kann. Ich kämpfe mich über große Steine hoch. Teilweise komme ich nur mit Hilfe meiner Hände hoch. Das erinnert mehr an klettern als an laufen, geschweige denn rennen. Hier denke ich erstmals daran das Rennen bei KM84 zu beenden. Mein Knie schmerzt, Blasen auf der Fußsohle habe ich auch. Die Aufstiege kosten mich soviel Kraft, dass ich alle 100 Meter stehenbleibe, mich an einen Felsen lehne und nach Luft ringe. Bei KM70 denke ich, meine Sinne täuschen mich. Oben sitzt Robert auf einem Steinblock, kreidebleich, völlig ausgepumpt und fertig und sagt mir, er höre bei KM84 auf. Bei diesem harten Rennen möchte ich ihn nicht zum Weitermachen überreden, das muss jeder mit sich selbst ausmachen.

Gemeinsam gehen wir weiter zum Roque Nublo hoch, durch Gestrüpp, mit Kletterpassagen, einmal ging es nur mit Hilfe eines Seiles weiter. Robert erholt sich langsam wieder. Von Aufgeben keine Rede mehr. Dafür geht es mir immer schlechter und ich beschließe endgültig bei KM84 aufzugeben, da ich nicht weiß, wie mein Knie die Strapazen noch durchstehen soll, mental bin ich auch ausgelaugt. Robert ist wieder guter Dinge. Ich sage ihm, er soll es durchziehen, für mich wäre es bei KM84 vorbei.

Angekommen bei KM84 fragen mich 2 freundliche Helferinnen, ob alles Okay sei. Ich antworte; „Ja alles Okay! - Und dann bekomme ich meine Tasche. Erst einmal hinsetzen und Cola trinken. Ich versuche jetzt alle Kräfte zu sammeln und alle Gedanken an ein Aufgeben zu verdrängen. Kopf ausschalten, einfach aufstehen und weiterlaufen. Ehe ich mich versehe bin ich wieder auf dem Weg in die Berge. Das Cola hilft und es geht mir besser. Jetzt kann man sogar einigermaßen normal auf ganz guten Wegen laufen.

Flott geht es voran, Nebel zieht auf und es wird kalt. Nach ca. einer Stunde geht es wieder in dichten Wald und etliche Trails rauf und runter. Jetzt muss ich auch kurz halten und meine Stirnlampe wieder aufsetzen. Ganz alleine mit Stirnlampe versuche ich mich auf dem Trail zu halten, der mit Knicklichtern und Flatterband markiert ist, was aber bei der Müdigkeit und Dunkelheit oftmals zu kleinen Umwegen führt. Ca. 4-5 Stunden laufe ich alleine auf diesem Trail-Abschnitt bis ich endlich den Ort Teror vor mir sehe.

Durch Teror durchlaufen und bei KM101 zur nächsten und vorletzten Verpflegungsstelle. Nach kurzem Aufenthalt bei den sehr netten und hilfsbereiten Helfern mache ich mich auf die letzten 20 Kilometer. Nach ca. einem Kilometer wieder in unwegsames Gelände. Dort laufen vier Spanier mit Trekkingstöcken auf mich auf. Die Stöcke machen gerade bei den schweren, unwegsamen Bergabpassagen Sinn, da die Muskulatur dadurch doch entlastet wird. Ich habe mich vor dem Rennen gegen Stöcke entschieden.

Nach zwei weiteren Stunden in unwegsamem Gelände mit meinen spanischen Freunden geht es bergab in ein trockenes Flussbett. Jetzt kommt ein weiterer sehr harter Abschnitt. Und das so nah vorm Ziel. Schluss mit normalem Laufen. Die Steine im Flussbett malträtieren die Fußsohlen. Blasen machen sich bemerkbar und mein Knie meldet sich durch das schwierige Laufen auf den Steinen wieder. Stolpernd erreiche ich endlich nach zwei weiteren Stunden mit den Spaniern das Ende dieses Flussbettes. Nach 2-3 weiteren steilen Anstiegen dann die letzte Verpflegungsstelle. Zwei sehr um uns bemühte Helfer erwarten uns. Ich genieße Cola und Wasser bevor uns die Beiden wieder auf den Weg schicken.

Jetzt nur noch 5-6 Kilometer runter auf guten Wegen. Unten sehe ich schon Las Palmas. Jetzt erst bin ich mir sicher das Ziel zu erreichen. Bald ist auch das letzte Stück geschafft und ich biege auf die Zielgerade ein, wo mich meine völlig übermüdete Manuela und Robert, der es auch geschafft hat, erwarten. Nach all den Strapazen und Zweifeln während des Rennens bin ich überglücklich es doch noch geschafft zu haben. 45 Prozent der Teilnehmer haben es nicht geschafft und mussten aufgeben.

Wer sich für das außergewöhnliche und beeindruckende Rennen interessiert findet alle Informationen unter www.transgrancanaria.net

Bericht Matthias Heibel - Inhaber der Sportfotoagentur

 
Bilder Matthias Heibel und Robert Toth

Ergebnisse und Infos unter www.transgrancanaria.net

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