6.6.15 - 22. Geiranger Halbmarathon (Norwegen)

Fra Fjord till Fjell

von Axel Künkeler

Der Geiranger Halbmarathon gehört zu den ältesten Bergläufen in Norwegen. Am ersten Juni-Wochenende fand der Lauf vom Fjord zum Berg (Fra Fjord till Fjell), von Geiranger zum 1.476 Meter hohen Dalsnibba bereits zum 22. Mal statt. Sowohl bei den Männern als auch den Frauen gab es deutliche Siege durch Tesfayohannes Mesfun Fisehatsion sowie Audhild Hestad.

Der Geiranger Fjord zählt seit 2005 zum UNESCO Welterbe Fra Fjord till Fjell - vom Geiranger Fjord zum Berg Dalsnibba
Nichts für reine Asphalt-Cowboys:
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Der aus Eritrea stammende Läufer, der seit drei Jahren im Norden Norwegens in Bodö lebt, benötigte für die anspruchsvolle Strecke nur 1:31:36 Stunden. Fisehatsion ist kein Berglauf-Spezialist, läuft vor allem flache Marathon- und Halbmarathon-Distanzen. Seine persönliche Bestzeit hat der M40er bereits 2008 beim Hamburg-Marathon mit einer 2:12:17 h aufgestellt. Erst mit deutlichem Abstand auf den Gesamtsieger folgten Ondrej Fejfar (M23-34) in 1:37:05 Stunden und relativ knapp dahinter der noch jüngere Havard Austevoll (M19-22/1:38:23) aus Stavanger.

Die Laufstrecke führte auf das Plateau des 1.500 Meter hohen Dalsnibba Der Sonne entgegen

Bei den Frauen siegte Audhild Hestad (W23-34) ebenso überlegen in 1:52:26 h mit gut zehn Minuten vor der Zweiten ihrer Altersklasse, Elisabeth Vik (2:02:32h) und der W40-Siegerin Tonje Brande (2:02:39h) als Gesamt-Dritter. Hestad konnte damit bei ihrer insgesamt vierten Teilnahme am Geiranger Halbmarathon zum zweiten Mal gewinnen und ihren Vorjahressieg bestätigen. "Das Rennen war wieder sehr hart, ist aber einfach schön", freute sie sich über den erneuten Erfolg. Im Sommer 2015 will Hestad sich weiter auf die Bergläufe fokussieren, obwohl auch sie eher flache Halbmarathon-Distanzen bevorzugt. Ihre Bestzeit steht bei 1:21 Stunden und den Marathon hat sie bereits unter drei Stunden gefinisht (2:56h/Oslo 2012).

Geiranger, die malerische 220-Seelen-Gemeinde am Fjord ist Startort des Halbmarathons Manche Welt-Firma wurde in einer Garage gegründet - hier ist das Meldebüro

Insgesamt verzeichnet die Ergebnisliste exakt 200 Finisher und bewegt sich damit auf dem Level der letzten Jahre seit 2008. In den Jahren zuvor waren es meist unter 100 Finisher, erst eine verstärkte Promotion in Norwegen brachte deutlich mehr Teilnehmer. Mehr Werbung in Deutschland könnte vielleicht auch ein Ansatz sein, deutsche Laufkundschaft an den Fjord zu bringen, denn hierzulande scheint der Geiranger Halbmarathon ein wahrer Geheim-Tipp zu sein. Denn außer dem LaufReporter war nur noch ein weiterer Deutscher am Start: Alfred Busse aus Oldesloe finishte in der M60 mit einer Zeit von 3:02:46h.

Dazu kommen nur noch eine Handvoll weiterer Ausländer, darunter die beiden Österreicher Robert und Katharina Rossi (beide SK Rückenwind Tirol). Während Robert Rossi in 2:03:53 h als Zweiter seiner Altersklasse M55 ins Ziel kam, gewann Katharina Rossi in 2:19:00 h ganz souverän die W50. Das Motto ‚Fra Fjord till fjell' gilt in der 220-Seelen-Gemeinde Geiranger jedoch nicht nur für Läuferinnen und Läufer. Auch Rollerski- und (Renn)Rad-Fahrer sowie Walker und Walkerinnen machten sich auf die Halbmarathon-Distanz.

Schon nach 100 Metern hatte man das Ziel im Plakat-Blick, den fast 1500 Meter hohen Dalsnibba Vom Start weg lief Tesfayohannes Fisehatsion dem Feld davon

Für alle Disziplinen wurden zudem noch kürzere Fünf-Kilometer-Strecken angeboten, so dass die Gesamt-Teilnehmerzahl mit 700 die Einwohnergröße von Geiranger gleich um das Drei-fache überstieg. Insofern ist es schon eine erstaunliche organisatorische Leistung, die Knut Alrid Marak mit dem Team des Geiranger und des Eidsdaler Sportvereins seit vielen Jahren erbringt. Dabei konzentriert man sich auf das Wesentliche einer Laufveranstaltung: eine gute Organisation, kurze Wege, das Anmeldebüro bescheiden in einer Garage direkt neben dem Start, Gepäcktransfer und Rücktransport sowie Läuferverpflegung alle drei Kilometer. In der ersten Rennhälfte mit Wasser und ISO, später dann zusätzlich mit Cola, Bananen und Keksen. Bei den kühlen Temperaturen hätte man sich nur warme Getränke statt des kalten Wassers in der zweiten Hälfte gewünscht. Den warmen Tee gab es dann aber zumindest bei der Ziel-Verpflegung. Und auf den bei uns bekannten Schnickschnack von Pasta-Party und des x-ten Finisher-Shirt wird hier gleich ganz verzichtet. Gut so!

Langsame Läufer und Walker waren gemeinsam unterwegs Alle 3km sorgten fleißige Helfer für die Läufer-Verpflegung Bei Regen, Wind und Kälte war die richtige Schutz-Kleidung gefragt

Trotz des bislang sehr nassen norwegischen Frühsommers waren die äußeren Bedingungen für die 700 Sportler ebenso ganz passabel. Zum Start in unmittelbarer Nähe der Kai-Anlagen in Geiranger war es kühl, aber trocken. Doch im Rennverlauf verschlechterten sich zeitweise die Bedingungen. Am Berg machten Regen, Kälte und Wind den Läufern zu schaffen. Erst auf der Gipfelstraße zum Dalsnibba riss die Wolkendecke auf und reichlich Sonne begleitete die Läufer auf den letzten Kilometern. 21 Kilometer, 1.476 Höhenmeter (die teils großzügig auf 1.500 aufgerundet werden) sowie 35 Serpentinen mit 180-Grad-Kehren sind bis ins Ziel auf dem Plateau des Dalsnibba zurück zu legen. Im Schnitt also rund sieben Prozent Steigung, wobei die Anstiege in der Spitze bis zu zwölf Prozent betragen.

Am Knuten, der historischen Straßenkreuzung von 1888, ging es für Läufer und Wanderer 300m vom Asphalt runter Bei KM 16 ging es links auf die Gipfel-Straße zum Dalsnibba - ohne Autoverkehr

Gelaufen wird auf der National-Straße 63, die nicht eigens für den Verkehr gesperrt wird. Vor allem auf den ersten fünf Kilometern bis zu einigen beliebten Aussichtspunkten der Touristen aus aller Welt teilt man sich die Straße mit Wohnmobilen, Bussen und PKW. Da das Läuferfeld jedoch in zeitlich getrennten Starts sich schnell auseinander zieht, gibt es keinerlei Probleme. Und ab KM 16 zweigt die Laufstrecke am Lake Djupvatnet sowieso auf die an diesem Tag gesperrte Mautstraße zum Gipfel ab. Auf den letzten fünf Kilometern gehört die Strecke also allein den Sportlern.

Spätestens jetzt merkt man als Nicht-Skandinavier wie lange der norwegische Winter dauert. Viele Straßen in der Region sind erst ab Anfang Juni überhaupt befahrbar. Und heuer hat es noch in der Vorwoche geschneit; erst am Vortag des Rennens wurde die Pass-Straße zum Dalsnibba geräumt. Kurzfristig schien es so als würde aus dem Halbmarathon ein 16km-Lauf. Doch am Vorabend konnten die Organisatoren Entwarnung geben: es bleibt bei dem Ziel auf dem Dalsnibba.

Rollerski waren angesichts der Schneemassen wohl das beste Sportgerät Huch, da kommen ja schon die schnellen Rennradfahrer

Damit blieb den Sportlern auch der schönste Teil der Strecke: rechts und links der Straße türmten sich die Schneemauern teilweise bis zu vier, fünf Meter hoch! Dazu kam die Sonne, blauer Himmel. Aus dem anspruchsvollen, kräftezehrenden Lauf fra Fjord till Fjell wurde nun für viele ein wahrer Genusslauf. Und spätestens im Ziel auf dem Gipfel-Plateau des Dalsnibba wurden die Sportler und Sportlerinnen mit einem traumhaften Ausblick auf die umliegenden Berge und hinunter zum Start am Geiranger Fjord belohnt.

Zweiter mit deutlichem Abstand wurde Ondrej Fejfar Havard Austevoll, der Dritte bei den Männern im Schluss-Anstieg Elisabeth Vik kommt als zweite Frau ins Ziel Knapp dahinter wird Tonje Brande dritte Frau

Die Reise von Deutschland zum Geiranger Halbmarathon lohnt also auf jeden Fall. Vor allem, wenn man die Laufreise um ein paar Tage verlängern kann, um sich das Fjordland genauer anzusehen. Seit 2005 gehört die Region Geiranger Fjord zum UNESCO Welterbe, gilt der Fjord als einer der schönsten, reizvollsten in ganz Norwegen. Abseits des Massentourismus der großen Kreuzfahrtschiffe, die täglich in Geiranger anlegen und zusammen mit den Bus-Reiseveranstaltern das Dörfchen überfluten, kann man durchaus interessante und sportive Tage verbringen.

Camilla Savland gewinnt die W35 Katharina Rossi, SK Rückenwind Tirol, gewann die W50 Astrid Kalvatn lief bei ihrem ersten Berglauf mit konstantem Tempo auf Rang zwei der W55

In Geiranger selbst lohnt ein Besuch der kleinen Dorfkirche sowie ein Spaziergang über die 318 Stufen des ‚Waterfall Walk' zum Norsk Fjordsenter, das anschaulich die Entstehung der Fjordlandschaft wie auch das Leben der Landbevölkerung über die Jahrhunderte hinweg darstellt. Dabei erfährt man auch die amüsante Geschichte, warum der Steuerbeamte oft die Steuer beim Bauern des Skagefla-Hofs, 250 Meter über dem Fjord gelegen, nicht eintreiben konnte. Weil dieser nämlich flugs die Leiter zum schwer zugänglichen Berghof einzog, wenn der Beamte fra Fjord till Fjell kletterte!

Die Tschechin Margarita Kulikova nutzte ihren Sommer-Job in Geiranger für ihren ersten Berglauf Der Tiroler Robert Rossi, Zweiter der M55, war einer von ganz wenigen Ausländern am Start Audhild Hestad freut sich über ihren überlegenen Sieg

Heute sind die meisten dieser Höfe nicht mehr bewirtschaftet, weil die Bedingungen extrem schwer sind. Als Wanderer kommt man trotzdem noch hin, denn Wandern ist neben Angeln, Kajakfahren oder (Renn)Radfahren eine der beliebten Urlaubsaktivitäten in Norwegen. Dabei sind die Wanderwege meist sportlich sehr anspruchsvoll: schon die Kategorie blau (Leicht!) setzt eine gute Kondition und Gehen auf profiliertem Untergrund voraus. Wald-Autobahnen, breite, flache Wege gibt es so gut wie gar nicht.

Siegerehrung der Frauen mit der 1. Audhild Hestad (r) und der 2. Elisabeth Vik Siegerehrung der schnellsten 3 Männer

Wer also sportlich unterwegs sein will, der ist im norwegischen Fjordland genau richtig. Hier geht es gleich richtig hoch, mit zehn, zwanzig Prozent über meist steinige, teils rutschige und naturbelassene Wege. Was beim Wandern also richtig Laune macht, wenn man es sportlich sieht, ist für den Berglauf in Norwegen jedoch durchaus ein Problem. Der Berglaufsport hat in Norwegen noch eine recht junge Tradition seit vielleicht 15, 20 Jahren. Der Geiranger Halbmarathon ist da wie gesagt eine der ältesten Veranstaltungen.

Kurz vorm Gipfel-Plateau Auf der Gipfel-Straße kam auch die Sonne zum Vorschein
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Doch auch der wird eben auf der Straße gelaufen, nicht wie in Deutschland und den Alpen-Ländern meist im Gelände. Auch Knut Alrid Marak stellt sich die Frage, ob es nicht besser sei, im Gelände zu laufen um eventuell mehr Läufer (aus Deutschland) anzusprechen.

Sehr gerne würden die Norweger auch mal Berglauf-Welt- oder Europa-Meisterschaften austragen. Aber im freien Gelände wird es gleich extrem anspruchsvoll. Der Schwierigkeitsgrad der Anstiege und des Streckenprofils dürfte wohl die Erwartungshaltung der meisten Läufer wie auch die Kriterien für offizielle Meisterschaften überschreiten.

Doch es muss ja nicht gleich eine EM oder WM sein. Natürlich ist es schöner, in der freien Natur zu laufen und nicht unbedingt auf der Straße den Berg hoch. Dass aber auch ein Berg-Lauf auf Asphalt sehr reizvoll und zudem anspruchsvoll sein kann, das stellt der Geiranger Halbmarathon eindrucksvoll unter Beweis!

Bericht und Fotos von Axel Künkeler

Informationen und Ergebnisse www.frafjordtilfjell.com

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