12.6.11 - 19. Geiranger Halbmarathon (Norwegen)

Den weltschönsten Fjord laufend besichtigen

Nichts für Warmduscher: Halbmarathon mit 1500 Höhenmetern

von Michael Schardt

In Norwegen ist in den letzten Jahren das Berglauffieber ausgebrochen. Gab es 2002 nur fünf solcher Läufe, die ausschließlich bergan führten, so sind es 2011 sage und schreibe 140, Tendenz steigend. Geeignet ist das Landschaftsprofil dieses zerklüfteten, bergigen Teils von Skandinavien dafür wie kein zweites. Den Geiranger Halbmarathon gab es schon, also das Laufen in Norwegen noch in den Kinderschuhen steckte. Er wurde 1993 zunächst als Wanderstrecke begründet, damals mit nur wenigen Dutzend Teilnehmern. Ein Jahr später dann kamen die Läufer hinzu und 2000 die Radfahrer.

Norwegens Berglaufpapst

Der Geiranger Fjord wurde als einer von zweien von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt und ist so etwas wie ein Sinnbild für die Schönheit Norwegens geworden. Welcher Landstrich würde sich wohl besser eignen, um die Bergläufer aus nah und fern anzulocken, als eben Geiranger. Geiranger, das ist ein schöner, aber auch schwerer Lauf, nichts für untrainierte Flachländler und auch nichts für Weicheier. Aber für Berglaufenthusiasten ist es fast ein Muss. Irgendwann, so möchte man sagen, kommt jeder Bergläufer einmal nach Geiranger, und dann steht ihm etwas Außergewöhnliches bevor, keine Frage.

So schön ist Geiranger bei Sonnenschein. Der für viele Besucher und Einheimische weltschönste Fjord ist Unesco-Kulturerbe

Das Berglauf sich fast schon zu einem Nationalsport entwickelt hat, das ist in erster Linie das Verdienst eines Mannes: Christian Prestegård. Prestegård ist in der europäischen Berglaufszene kein Unbekannter, im Gegenteil. Er nahm in der Vergangenheit an sehr vielen Bergläufen in Skandinavien und auf dem Kontinent mit großem Erfolg teil, arbeitet zudem für den Europäischen Leichtathletikverband und hat in Norwegen in den letzten zehn Jahren viele Bergläufe begründet. Auch in Geiranger hilft er mit und sorgt in erster Linie für Sponsoren. In seiner Altersklasse (M55) konnte er obendrein den diesjährigen Geiranger Halbmarathon in 2:07 gewinnen, er lief eine halbe Stunde vor dem gleichaltrigen LaufReporter ins Ziel.

Schon einmal, 2006, berichtete LaufReport ausführlich über das Rennen in Geiranger. Vieles von dem, was Ralf Klink seinerzeit darüber schrieb (siehe HIER), gilt auch heute noch uneingeschränkt, insbesondere die topographischen, geographischen und regionalen Aspekte. Das braucht hier nicht wiederholt zu werden, aber einiges hat sich auch geändert, hat sich weiterentwickelt.

Nichts bleibt wie es war

Dazu gehört insbesondere die Steigerung der Teilnehmerzahlen bei Läufen in Norwegen. Zwar gehört Norwegen nach wie vor zu den wenigen europäischen Ländern, die der weltweite Laufboom nicht in dem Maße erreicht hat wie andernorts, doch hat sich die Situation gegenüber 2006 verbessert. Das gilt nicht nur für die Bergläufe. Auch die Marathons, etwa in Oslo, ziehen mehr Läufer an und werden intensiver beworben als seinerzeit. So konnte Geiranger gleichfalls seine Teilnehmerzahlen von 2006 mehr als verdoppeln, auch wenn das angegliederte Radrennen immer noch mehr Starter aufweist als der Halbmarathon und der Jedermannsberglauf über fünf Kilometer. Insgesamt finishten etwas mehr als 700 Aktive das Rennen vom Fjord zum Gipfel, rund ein Drittel davon waren Läufer.

Schöne Momente waren am Laufwochenende zwar auch einzufangen, aber eher selten ...
... denn verregnet und wolkenverhangen gebärdete sich das Wetter an Pfingsten
Das Plakat des Lauf- und Radrennens hing mehrfach aus im 300-Seelendorf Geiranger

Geändert hat sich zwar nicht der Streckenverlauf hinauf zum Dalsnibba-Gipfel, aber teils die Streckenbeschaffenheit. Der obere Teil über knapp fünf Kilometer ist keine Schotterpiste mehr, sondern wurde teils asphaltiert oder so gut präpariert, dass ein Laufen ohne Schwierigkeiten möglich ist. Die Bedingungen haben sich vom Laufuntergrund her also verbessert.

Und noch etwas hat sich verändert. Die vom Skilanglauf her bekannten Startnummernleibchen, die über das Vereinstrikot gezogen wurden, gibt es in Geiranger nicht mehr. Heutzutage kommt eine ganz normale Startnummer zum Einsatz sowie Nummernband oder Sicherheitsnadeln. Radfahrer haben ihre Nummern ans Lenkrad zu befestigen. Für die Zeitmessung kommt ein Transponder zum Einsatz, der mit Klettverschlussband um den Knöcheln eines Laufbeins zu legen ist.

Internationalisierung?

Am Start in Geiranger sind vorwiegend Norweger, die in der Region wohnen. Eine Internationalisierung streben die Veranstalter zwar an, diese steckt heute aber noch in den Kinderschuhen. Einige Schweden (13), die teils aber in Norwegen wohnen, sind zwar unter den Startern zu finden, aber selbst Finnen oder Dänen sind handverlesen. Vom Kontinent sind kaum Starter (5) an den Fjord gekommen, aus Deutschland, von den beiden LaufReportern einmal abgesehen, offenbar nur einer: Fred Reichhold von Lokomotive Potsdam. Der aber war sehr gut unterwegs und belegte in der Altersgruppe M45 unter 17 Läufern in 2:04 einen guten 2. Platz. Genau lassen sich die ausländischen Läufer aber nicht ermitteln, da das Teilnehmertableau nur die Vereine nennt, sofern man für einen solchen startet, nicht aber die Nationalität. Insgesamt dieses Jahr der Anteil ausländischer Läufer am Halbmarathon bei ungefähr 12 Prozent.

Tagtäglich frequentieren mehrere Kreuzfahrtriesen den berühmten Fjord Holz ist das bevorzugte Baumaterial in Norwegen - auch für Kirchen Souvenirgeschäfte gibt es viele am Ort. Aber auch diese Kunstgalerie, eine komplett "Trollfreie Zone", wie das Schild verrät

Erklären lässt sich die geringe Präsenz internationaler Starter am ehesten wohl dadurch, dass Geiranger nicht so leicht zu erreichen ist und Norwegen das höchste europäische Preisniveau hat. Aus Deutschland bietet sich im Grunde nur der Flug nach Oslo an und die Fortsetzung mit dem Bus über 430 Kilometer in Richtung Norden, oder der Flug nach Ålesund beispielsweise ab Bremen oder Hamburg mit der Busweiterfahrt ins 114 km entferne Geiranger. Hierbei ist mehrmaliges Umsteigen nötig und auch ein Übersetzen mit der Fähre. Kurzum: mit 10 bis 12 Stunden An- und Abreise ist zu rechnen.

Für Überlegungen, eine europäische Berglaufserie ins Leben zu rufen, so wie es in der Ultralaufszene bereits geschehen ist, würde man in Geiranger sicher offen sein. Und Geiranger böte sich als anspruchsvoller Kurs auch bestens an. Durch eine Einbindung in eine wie auch immer zu konzipierende Serie, wäre Geiranger ein weiterer Aufschwung garantiert, vor allem wäre dann wohl auch zu erwarten, dass mehr ausländische Teilnehmer den Weg nach Geiranger finden würden.

Urlaub und Reisen

Am sinnvollsten ist eine Teilnahme am Geirangerlauf in Verbindung mit einigen Urlaubstagen in einem der schönsten Landstriche Norwegens. Gelegenheiten zum Angeln, Wandern, Paddeln, Segeln, Wildwasserfahren oder einfach Sightseeing bieten sich allerorten. Wer sich ein Spitzenbergläufer oder -läuferin schimpft, der kann sich auch wegen der für deutsche Verhältnisse üppigen Preisgelder auf nach Geiranger machen. Denn die drei Erstplazierten erhalten je zwischen 500 und 1000 Euro Siegprämie, und beim Knacken des Streckenrekords noch einmal knapp 1500 Euro.

Wasserfälle aller Art sind alltägliches Erscheinungsbild in diesen Gefilden

Doch sollte man dieses Vorhaben erst einmal mit dem eigenen Leistungsstand überprüfen. Die Streckenrekorde liegen bei den Männern bei 1:28 und bei den Frauen bei 1:39. Die wurden 2011 nicht im Entferntesten erreicht. Auch zwei in Norwegen lebende Kenianer, denen man das vielleicht zugetraut hätte und die auch gemeldet hatten, scheiterten in gewisser Weise an der Marke, denn sie glänzten am Ende nur durch Abwesenheit. Einer von ihnen hatte noch 2010 gewonnen.

Streckenrekord nur im Radfahren

Anders sah das dieses Jahr dann bei den Radfahrern aus. Da konnte Borghild Løvset einmal 5000 norwegische Kronen für den Sieg einstreichen und zum zweiten 10.000 Kronen für den Streckenrekord. Die Athletin ist ihres Zeichens Europameisterin im Wintertriathlon, der aus sechs Kilometern Laufen, zehn Kilometern Radfahren und acht Kilometern Skilanglauf besteht, alle drei Disziplinen müssen auf Schnee bewältigt werden. Da nützte es der zweiten und Rekordhalterin Hanne Trønnes rein gar nichts, dass auch sie ihren alten Rekord verbesserte. Løvset war in 1:18:37 diesmal nicht zu schlagen gewesen und sah auch noch recht gut aus, als sie etwa bei km 17 am LaufReporter locker vorbeifuhr.

Da kann man sich natürlich fragen, wie beides zusammenpasst, das Radfahren und das Laufen in einem Rennen. Und man darf antworten: Beim Berglauf in jedem Fall ganz prima, zumindest wenn es so organisiert ist wie in Geiranger. Denn hier ist durchaus das Bestreben gegeben, dass Sportler verschiedener Disziplinen während des Wettkampfs auf Tuchfühlung gehen können. Neben dem Radfahren und Laufen ist als drittes noch das Walken in Angebot.

Der alte "Schneefresser Peter" ziert den Eingang des örtlichen Fjordmuseums
Zwei der Verantwortlichen Organisatoren des Geiranger Halbmarathon: der junge Knut Arild Maråk ...
... und Laufmitbegründer Terje Drege Rüsten

Und die zeitliche Abfolge sieht so aus:

Vielfalt der Disziplinen

Als erstes werden die Walker auf die Strecke geschickt, von denen sich zumindest am Anfang die meisten joggend den Berg hinauf begeben. Andere sind in schwere Wandermonturen eingehüllt und mit vollgestopften Rucksäcken bepackt. Kurz später erfolgt der Start des fünf Kilometerlaufs. Die flotten Jungs und Mädels holen dann zahlreiche Walker noch ein. Es kommt zum ersten Aufeinandertreffen. Später werden die Halbmarathonläufer auf die Strecke geschickt, die dann auf die Jedermannsläufer treffen, wenn diese nach ihrem Zieleinlauf wieder zurück zum Start joggen, da es keinen Bustransfer für sie gibt. Aber bergab laufen geht ja auch einfacher.

Die Halbmarathonis überholen im Laufe des Rennens, je nach Geschwindigkeit, dann die meisten Walker, werden aber ihrerseits von den schnellen Radfahrern überholt, die 75 Minuten nach ihnen gestartet sind. Oben am Berg sind aber einige der Radfahrer so ausgepumpt, dass sie sich kaum schneller als die langsameren Läufer bewegen und es für einige hundert Meter zu merkwürdiger Paarbildung kommen kann, wobei ein kleiner Schnack durchaus nicht ausgeschlossen sein muss. Insgesamt hat diese Art der disziplinübergreifenden Rennorganisation etwas Nettes und Abwechslungsreiches.

Wetterkapriolen

Pech hatte der Veranstalter dieses Jahr allerdings mit dem Wetter. Vor, teils während und auch nach dem Rennen herrschte Dauerregen vor. Und wenn es nicht regnete, so sorgte die neblig-feuchte Luft dafür, dass alles klamm und durchnässt war. Regen und Nebel gab es auch an den Tagen vor dem Lauf, mit Ausnahme des Samstags, wo beste äußere Bedingungen herrschten für einen kleinen Probelauf oder einen genussreichen Urlaubstag. Die Landsleute und die Organisatoren schienen die äußeren Umstände aber nicht wirklich zu stören, da man als Einheimischer mit Regen und Nebel bestens umgehen kann.

Als erste gingen um 10 Uhr die Walker auf die Strecke, aber mit anderer Regelauslegung als hierzulande. Die meisten joggten den Berg hinauf, 5km oder HM Danach kamen die echten Kurzstreckenläufer (5km) dran, meist Kinder und Schüler, in voller Konzentration. Was in Norwegen normal ist, Kinder am Berglauf teilnehmen zu lassen, würde in Deutschland sicher die Bedenkenträger auf den Plan rufen
Start zum Hauptlauf. Das Team im roten Auto drehte ein Video, das in Kürze ins Netz gestellt wird

Bestens organisiert

Die gesamte Organisation war perfekt. Das begann bereits bei der Startnummernausgabe am Vortag am nordischen Museum in Geiranger, was gleich zu einem kostenfreien Besuch einlud. Auch die Abwicklung der Rennen wurde stringent und unaufgeregt durchgeführt. Alle zwei bis drei Kilometer gab es gut ausgestattete Versorgungsstände mit Bananen und Brot, Wasser, isotonischen Getränken und Cola, und auch im Zielbereich gab es keinen Grund zu klagen.

Vor dem Rennen konnten die Läufer ihre Kleiderbeutel in den Bussen deponieren, die dann vorab auf den Berg geschickt wurden. Oben lagen dann bereits bei Ankunft der Läufer die Beutel wohlsortiert aus. Man konnte sich sehr schnell umziehen und wurde mit den nämlichen Bussen wieder ins Tal zur Dusche gebracht. Eine solche Fahrt dauert gut eine Stunde. Die meisten Fahrradfahrer indes ließen es sich nicht nehmen, die Strecke mit dem Gefährt wieder hinabzusausen, mit dem sie hinaufgestiegen waren. Sie waren viel schneller wieder unten als die Busse.

HM-Läufer 600 m nach dem Start (Foto: Arild Gjørvad)
Der Gewinner des Halbmarathon, Hans Martin Gjedrem (134), der zweite André Hammerø Løseth (143), und der dritte Eirik Norstrøm (191) (Foto: Knut Arild Maråk)

Die Siegerehrung fand dann für alle Disziplinen um 17 Uhr direkt beim Schiffsanleger statt, wo ein rechter Menschenauflauf herrschte. Im Gegensatz zu mancher deutschen Veranstaltung blieben alle Anwesenden bis zum Schluss, obwohl die Zeremonie unter freiem Himmel stattfand, es die ganze Zeit regnete und es eine gute Stunde dauerte, bis alle Altersklassen geehrt waren. Ungewöhnlich war auch, dass zu Beginn ein Kunstwerk präsentiert wurde, das von der Kommune an einen der Mitorganisatoren, Rune Maråk, für seine ehrenamtliche Arbeit im Sportsektor verliehen wurde.

Zufällige Gründung

Einiges zur Entstehung und zur Entwicklung des Geiranger-Halbmarathons erzählte einer der Mitbegründer, Terje Drege Rüsten. Am Anfang habe ein Journalist im entfernten Ålesund gefragt, warum es im berühmten Geiranger kein Sportereignis dieser Art gebe? Dann hätten sich einige Leute aus verschiedenen Sportklubs und anderen Bereichen zusammengesetzt und eine Wanderveranstaltung vom Fjord zum Dalsnibbagipfel aus der Taufe gehoben. Das war 1993. Ein Jahr darauf wurde dann auch ein Berglauf hinzugenommen. Und noch einige Jahre später wurde dann die Idee zur Wirklichkeit, auch ein Radrennen ins Programm zu nehmen. Das wurde ein durchschlagender Erfolg, denn mit dem Rad sind etwa doppelt so viele Sportler unterwegs, als gehend oder laufend.

Die Siegerin des Halbmarathon, Line Lystad (Foto: Arild Gjørvad)
Norunn Stavø, dritte Frau im HM (Foto: Nora Lade Gjørvad)
Der Frauenanteil beim Hauptlauf lag bei 20 Prozent. Viele waren mit bester Laune auf der Strecke unterwegs

Inzwischen hat sich der Wettbewerb zu einer Großveranstaltung ausgeweitet, zumindest wenn man die Teilnehmer- und Helferzahl in Beziehung zur Einwohnerzahl setzt. 230 Menschen wohnen in Geiranger, wie Mitorganisator Knut Arild Maråk mitteilt. Zwar würden viele Einheimische beim Lauf mithelfen, aber das reiche schon längst nicht mehr aus. Deshalb gebe es eine Zusammenarbeit des Geiranger Sportvereins mit dem des Nachbardorfes Eidsdal, das immerhin 25 Kilometer entfernt liegt. Insgesamt hätten sich 147 Personen in diesem Jahr als Helfer betätigt, meint der sympathisch-zurückhaltende 32jährige, der aus Geiranger stammt, heute aber im entfernten Trondheim lebt. Er, der als Forscher in der Verfahrenstechnik arbeitet, war den Lauf früher auch mitgelaufen, ist aber seit dem Jahr 2000 als Mitorganisator für die Öffentlichkeitsarbeit, die Homepage und für die Fotodokumentation zuständig. Einige seiner Fotos hat er uns freundlicherweise für diesen Bericht zur Verfügung gestellt. Die Geiranger Homepage wird außer in Norwegisch noch in Englisch und Deutsch geführt.

Die Besten

Im Hauptlauf kamen von 207 angemeldeten Läufern 171 ins Ziel, davon 32 Frauen. Die Fehlquote betrug 17,4 Prozent, die fast ausschließlich auf das Konto des starken Geschlechts geht, größtenteils sogar auf die männliche Hauptklasse, die sich nach internationaler Regelung vom 23. bis zum 39. Lebensjahr erstreckt.

Neben dieser Hauptklasse gibt es noch eine Jugend- und eine Juniorenklasse von 17 bis 18 bzw. 19 bis 22 Jahre. Ab dem vierzigsten Lebensjahr geht es in Fünfjahresschritten weiter.

 

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Bei den Frauen ist die Siegerin Line Lystad selbst für den Veranstalter ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Die W40erin, die für einen ortsnahen Sportverein startet, war die einzige Läuferin, die unter zwei Stunden blieb. Sie siegte in 1:56:24 mit fast sieben Minuten Vorsprung vor der dunkelhäutigen Juniorin Abeba Hailemariam (2:03:08) und Norunn Stavø (W50, 2:05:30).

Enge Kurven und dichter Nebel kennzeichneten den diesjährigen Hauptlauf
Läufer erst unter-, dann überführt

Das erste Teilstück war Hailemariam sehr schnell angegangen. Sie hatte sich nach sechs Kilometern einen kleinen Vorsprung vor der späteren Siegerin erlaufen, die wesentlich vorsichtiger das Rennen angegangen war und ihrerseits noch in Sichtweite der späteren dritten lag. Im Mittelstück setzte sich dann Lystad an die Spitze, um im letzten Drittel noch weitere Minuten gutzumachen. Hailemariam konnte zwar ihren zweiten Platz bis zum Gipfel verteidigen, aber auf den letzten vier Kilometern war die spätere Gesamtdritte schneller als sie.

Die Siegerzeit von 1:56 ist sicher aller Ehren wert, liegt aber volle siebzehn Minuten vom Streckenrekord entfernt. Die älteste Teilnehmerin des Rennens, Anne Berit Solbakken, entstammt der Gruppe W60 und finishte in 3:30:12.

Biathlet schnellster Läufer

Bei den Männern kam es nach den beiden Absagen der Kenianer zum erwarteten Sieg von Hans Martin Gjedrem in sehr guten 1:36:27. Gjedrem ist von Hause aus Biathlet, Mitglied der Nationalmannschaft und auch norwegischer Meister in dieser Disziplin 2010. Sein größter Erfolg war der 3. Platz beim Weltcup im finnischen Lahti. Für die Weltspitze reicht es indes nicht ganz, da er zwar ein guter Skilangläufer ist, aber nicht so gut schießt.

Impressionen vom Geiranger Berglauf mit 1500 Höhenmetern auf 21 Kilometern

Für norwegische Straßen- oder Bergläufe ist es keine Seltenheit, dass gute Skisportler auf den Siegertreppchen stehen. Das ist nach wie vor die Sportart Nummer eins im Land der Fjorde.

Die Zeit von Gjedrem gehört zu den besten, die je in Geiranger erzielt wurden, sie liegt aber fast acht Minuten hinter dem eigenen Streckenrekord. Die Entscheidung um den Sieg war bei den Männern wesentlich knapper als bei den Frauen. "Nur" 1:04 Minuten hinter Gjedrem kam André Hammerø Løseth aus Kristiansand ins Ziel. Bei der ersten Zwischenzeit nach knapp sechs Kilometern hatten beide noch gleichauf gelegen, und auch bei der zweiten Zwischenzeit fünf Kilometer vor dem Ziel war der Abstand noch sehr gering. Auf dem letzten und schwersten Teilstück konnte sich Gjedrem dann entscheidend durchsetzen. Dritter wurde mit viereinhalb Minuten Rückstand Eirik Norstrøm in 1:41:05

Flachlandtiroler am Berg

Geiranger war für mich und meinen Fotograf Friedhelm Schmidt der erste echte Berglauf. Mit Bergen wird unsereins im topfflachen Norddeutschland praktisch nie konfrontiert. Entsprechende Trainingsmöglichkeiten gibt es vor unserer Haustür nicht. Und wenn wir dann doch ab und an einmal an einem profilierten Lauf teilnehmen, dann handelt es sich um Mittelgebirgsniveau, wo es bestenfalls 25 bis 30 Minuten hinauf-, und dann wieder hinab geht. So etwa bei Läufen im Teutoburger Wald oder im Harz.

Erschöpft im Ziel ...
... oder jubelnd auf dem Dalsnibba-Gipfel (Foto: Nora Lade Gjørvad)

Wer nun wie wir in Geiranger ohne Berglauferfahrung startet, der wird den Lauf als überaus schwer einstufen und vermutlich nicht durchgängig laufen können, vor allem nicht auf dem letzten Teilstück. Da hilft es auch nichts, wenn man gut ausdauertrainiert ist und flache Marathons locker wegsteckt. Am Berg kann die Muskulatur streiken oder auch die Puste ausgehen. Immerhin dachte keiner der beiden LaufReporter ans Aufgeben, aber die Tatsache, eine Stunde länger für einen Halbmarathon gebraucht zu haben als üblich, das sagt vieles.

Rückläufige Kilometerangaben

Die Strecke in Geiranger bietet bei km fünf und fünfzehn zwei kleine Erholungspassagen, bei denen es ca. 800 Meter flach zugeht. Ab dem "Basislager" bei km 17, wo eine Holzschranke den üblichen Autoverkehr abhält und wo die meisten Zuschauer stehen, erhöht sich die durchschnittliche Steigung von sieben auf etwa zehn Prozent. Das ist dann für alle Läufer die Stunde der Wahrheit.

Für Könner des Berglaufs sei gesagt, dass die Strecke vom Untergrund keine wirklichen Schweine-Igeleien bietet. Die kompletten 21 Kilometer sind ganz prima zu laufen und in diesem Sinne sogar als "schnell" zu bezeichnen. Geröll, Wurzelwerk, Schotter bleiben den Geirangerianern ebenso erspart wie bergsteigerische "Kletteraktionen".

Die drei schnellsten Frauen. Line Lystad (m), Abeba Hailemariam (l) und Norunn Stavø mit dem Siegerscheck. 5000 Kronen entspricht etwa 800 Euro (Foto: Knut Arild Maråk) Vor der Siegerehrung wurde ein großformatiges Gemälde
präsentiert, das einem der Mitorganisatoren an der Geiranger Veranstaltung, Rune Maråk, für seine ehrenamtliche Arbeit im Sportsektor von der örtlichen Kommune verliehen wurde

Zudem wird die Motivation im Laufe des Rennens immer mehr gesteigert durch eine in Deutschland weitgehend unbekannte Anordnung der Kilometerschilder. Angezeigt werden nämlich nicht die schon gelaufenen Kilometer, sondern die noch zu laufenden. So ist das erste Schild, was die Läufer zu sehen bekommen und was den Count down einleitet, eine "20". Beim Basislager ist die Zahl dann schon auf "4" geschrumpft, und der Rest (eigentlich) nur noch eine Kleinigkeit.

Warum die erste Zahl nicht eine 21 ist, liegt einfach daran, dass die Strecke nur 20,6 km lang ist, es sich also nicht um einen echten Halbmarathon handelt. Das fordert von Läufern, die mit Kilometerschnitten und Zwischenzeiten arbeiten, aber ohne Satellitenuhr unterwegs sind, ein Umdenken.

Oben auf

Egal nun, ob man "Spezialwerkzeug" mit sich führt, oder sich auf sein Bauchgefühl verlässt: irgendwann sind alle im Ziel. Die schnellen Radfahrer nach gut einer Stunde, die langsameren Läufer und Walker nach viereinhalb oder fünf Stunden. Dann kehrt bei den einen eine innere Ruhe und Zufriedenheit ein, bei den anderen eine ausgelassene Fröhlichkeit, gleich ob Debütant oder alter Hase.

Warm eingepackt. Die vielen Helfer leisteten tolle Arbeit bei widrigen Bedingungen (Foto Arild Gjørvad) Veteran Karstein Sørland, Jahrgang 1929, hat an allen Geiranger Halbmarathons seit 1994 teilgenommen. Dieses Jahr in der Zeit von 4:13:27 (Foto: Arild Gjørvad)
Trotz starken Regens: Bei der Siegerehrung blieb jeder bis zum Schluß

Der älteste Teilnehmer, der bisher alle Geiranger Läufe mitgemacht hat, ist der 82jährige Karstein Sørland. Seine Treue zur Veranstaltung ist wohl das beste Argument zum Start in Geiranger, wenn es eines solchen noch bedürfte.

Kurzum: Einmal hinfahren, um zu laufen, das ist jedem zu empfehlen, denn schöner kann Berglaufen kaum sein - zumindest, wenn man vorher tüchtig geübt hat - als eben am schönsten Fjord der Welt in Geiranger.

Bericht Michael Schardt - Fotos Friedhelm Schmidt, Oldenburg
Weitere Fotos: Nora Lade Gjørvad, Arild Gjørvad & Knut Arild Maråk

Ergebnisse www.frafjordtilfjell.com

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